Verlag OntoPrax Berlin

Europäische Muskel- und Ränkespiele

Gefangen zwischen Megalomanie und Unverfrorenheit

Übersicht

1. Regiert Dummheit die Welt?
2. Der überforderte Außenminister: Johann Wadephul
3. Alexander Stubbs „Saunadiplomatie“
4. Luboš Blahas Abrechnung mit der EU-Russlandpolitik

Anmerkungen

 

„We believe that Europe can awaken from its long slumber and rekindle the flame that was lit here millennia ago“ (Wir glauben, dass Europa aus seinem langen Schlaf erwachen und die Flamme neu entfachen kann, die hier vor Jahrtausenden entzündet wurde). (Marco Rubio, 7. Oktober 2026)1

„Was nützt mir meine Weisheit, wenn die Dummheit regiert.“ (Jiddisches Sprichwort)

 

1. Regiert Dummheit die Welt?

„Die Torheit selbst argumentiert in ihrer Lobrede, dass ohne sie kein Mensch das Leben ertragen und das Zusammensein mit anderen gelingen könnte, da erst die Einbildung und der Schmeichelgeist das gesellschaftliche Miteinander geschmeidig machen“, schrieb Erasmus von Rotterdam in seinem 1511 erschienenen Werk „Das Lob der Torheit“.

Die Torheit, ohne die wir laut Erasmus unser Leben nicht ertragen könnten, sei laut Immanuel Kant jene „Dummheit“, der es an Urteilskraft mangelt. „Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen“, schrieb Kant 270 Jahre später 1781 in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ (A 133/B 172).

Kant unterschied bekanntlich in seiner Erkenntnistheorie zwischen dem Verstand (dem Vermögen der Regeln) und der Urteilskraft (dem Vermögen zu entscheiden, ob etwas unter eine Regel gehört oder nicht). Der Verstand lässt sich laut Kant schulen und durch Lernen entwickeln, wohingegen die Urteilskraft ein „natürliches Talent“ sei, das man nicht einfach erlernen kann.

Folgt man dieser Kantischen Unterscheidung, so könnte man behaupten, dass ein Mensch zwar hochgebildet sein, ihm aber dennoch die Urteilskraft fehlen kann. Er sei darum ein Dummkopf! Bezogen auf die politische Gegenwart, sind viele solchen Dummköpfe unterwegs, denen es am „natürlichen Talent“ und folgerichtig an der Urteilskraft mangelt.

Wenn es um Krieg und Frieden geht, wird ein „solches Gebrechen“ der politischen Entscheider zum Handicap der europäischen Sicherheit und zur Gefahr für den Frieden.

Vor kurzem äußerte sich der bekannte britische Investor und Kreml-Kritiker, Bill Browder (geb. 1964), im FOCUS online-Interview dahingehend, dass Putin einen direkten konventionellen Krieg gegen die Nato „in drei Tagen verlieren“ würde. Browder begründete dies mit der massiven konventionellen Überlegenheit des westlichen Verteidigungsbündnisses.

Woher er das so genau weiß, bleibt sein Geheimnis. Offenbar muss man ein erfolgreicher Börsenspekulant sein, um ein großer Militärexperte zu werden, gründete Browder doch bereits 1996 in Moskau die Investmentfirma Hermitage Capital Management und stieg mit dem zugehörigen Hermitage Fund zum größten ausländischen Portfolioinvestor im russischen Aktienmarkt auf.

2005 wurde er von den russischen Behörden des Landes verwiesen und als Sicherheitsrisiko eingestuft. Bis heute hegt er Groll auf Russland, sonst ist es nicht zu erklären, warum er so viel Unfug redet. Andere sind wenigstens von Amts wegen dazu befugt, Nabelschau zu betreiben und husarenhafte Sprüche zu klopfen. So berichteten zahlreiche Medien (Bloomberg, The Straits Times u. a.) am 6. Oktober 2026 über einen bereits am 28. September stattgefundenen Auftritt des Oberbefehlshabers der Nato-Streitkräfte in Europa, US-General Alexus Grynkewich (geb. 1971), vor dem Sicherheits- und Verteidigungsausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel unter dem Vorsitz der von uns allen so hochgeschätzten Marie-Agnes Strack-Zimmermann.

Seit diesem Auftritt ist die sog. „Theory of Victory“ (ein Strategiedokument der Nato) im Umlauf. Die Ausarbeitung dieser Strategie für den Fall eines Angriffs auf die Nato-Ostflanke wird von US-General Alexus Grynkewich (Supreme Allied Commander Europe) geleitet.

Grynkewich arbeitet an einer „Strategie für einen schnellen Sieg gegen einen russischen Angriff auf die Ostflanke, wobei der Schwerpunkt auf der Integration neuer Verteidigungstechnologien wie Drohnen und KI liegt“, berichtet die englischsprechende Singapurer Tageszeitung The Straits Times am 6. Oktober in ihrer Veröffentlichung „NATO drafts plan to defeat Russian attack with drones and AI“ (Die Nato entwirft einen Plan zur Abwehr eines russischen Angriffs mit Drohnen und KI).

Warum Russland eigentlich die Nato angreifen soll, wird, wie immer, nicht erklärt, aber, wie selbstverständlich, vorausgesetzt. Das sog. „Siegeskonzept“ (Theory of Victory) wird am 12. Oktober in Polen von Grynkewich, vorgestellt. Sein Sprecher, Oberst Martin O’Donnell, lehnte es ab, Einzelheiten des Plans publik zu machen, betonte aber, dass das Bündnis „rein defensiv“ sei.

Wie „defensiv“ es ist, hat unsereiner in den vergangenen dreißig Jahren zu genügend erleben dürfen. Mit ihren zahlreichen sog. „humanitären Interventionen“ und Invasionen hat die Nato unter Führung des US-Hegemonen hunderttausende Menschen (aus „defensiven“ Gründen, versteht sich) getötet.

„Die Siegestheorie des Obersten Alliierten Befehlshabers in Europa ist einfach: den Vorteil der Nato zu erhalten“ (The Supreme Allied Commander Europe’s theory of victory is simple: maintain NATO’s advantage), sagte O’Donnell. Wie dieses „Advantage“ aussehen soll, bleibt indes im Dunkeln.

Die öffentlichkeitswirksam angekündigte „Theory of Victory“ sieht laut Medienberichten vor, einen potenziellen russischen Einmarsch an der „Ostflanke“ (horribile dictu) mithilfe von Bodentruppen, kostengünstigen Drohnen und KI-gestützter Zielerfassung zu stoppen und einen „schnellen und entscheidenden Sieg“ zu erzielen. Diese hochtrabende „Theorie“ ist nichts weiter als Selbstpublicity bzw. eine Volksverdummungsaktion, die auf Unwissenheit des Publikums setzt und verantwortungslos einen unblutigen und schmerzlosen Krieg nach Hollywood-Art suggeriert. Derartige hochspurige Ankündigungen sind nicht neu.

Im Sommer 2025 hat ein anderer US-General Christopher Donahue, auf einer Konferenz in Wiesbaden erklärt, dass die Nato im Falle eines russischen Angriffs in der Lage wäre, Kaliningrad in einer „beispiellosen Zeitspanne“ zu zerstören bzw. einzunehmen.

Nur sprach dieser Maulheld nicht von der „Theory of Victory“, sondern von einem neuen Plan für die „Eastern Flank Deterrence Line“ (die Ostflanken-Abschreckungslinie). Die US-Generäle fallen in der letzten Zeit, wie man sieht, mit flotten Sprüchen und nichtssagenden Plänen und Theorien auf, hinter denen sich nichts weiter als die wutschäumende Ohnmacht verbirgt, im Ukrainekonflikt auf verlorenem Posten zu stehen.

Wozu sie tatsächlich auf den Schlachtfeldern fähig sind, haben sie zuletzt auf ruhmloser Weise im Irankrieg gezeigt, vom seit Jahren tobenden Krieg in der Ukraine ganz zu schweigen.

Diese Maulhelden und Scharfmacher in Uniform haben noch nie irgendeinen Krieg gewonnen und schüren nur dummer- und unnötigerweise mit ihren hochtrabenden Ankündigungen die Ängste vor der russischen Gefahr.

Wissen sie nicht, worauf sie sich da einlassen? Bei seinem Auftritt auf dem Waldai-Forum hat Putin am 1. Oktober 2026 klipp und klar gesagt, dass im Falle eines Angriffs auf Kaliningrad oder ein anderes russisches Territorium der Einsatz aller Waffentypen in Betracht gezogen würde, und bezeichnete ein solches Szenario als unausweichlich.

Ob diese „Hollywood-Stars“ in Generalsuniformen, Grynkewich und Donahue, Putins Warnung ernstnehmen, darf bezweifelt werden. Aus maßloser Selbstüberschätzung und Hochmut sehen sie den Wald vor lauter Bäumen nicht. Darum ignorieren sie auch „die normative Kraft des Faktischen“ (Georg Jellinek), was nichts anderes als eine andere Variante des Mangels an Urteilskraft ist. Und „einem solchen Gebrechen“ ist, wie wir seit Immanuel Kant wissen, „gar nicht abzuhelfen“.

2. Der überforderte Außenminister: Johann Wadephul

Bei seinem geheim gehaltenen Ukrainebesuch am Tag der Einheit hat Friedrich Merz dem Kiewer Regime, das er unzulässiger Weise mit dem ukrainischen Volk gleichsetzt, erneut ein Milliarden-Hilfspaket zugesichert. Im ntv-Talk „Pinar Atalay“ am 5. Oktober 2026 darauf angesprochen, verteidigte der Außenminister Johann Wadephul die finanzielle und militärische Unterstützung der Ukraine.

Wörtlich sagte er: Deutschland sollte „immer an der Seite von überfallenen, von angegriffenen Menschen stehen“. Es ist sehr lobenswert, wenn ein deutscher Außenminister an der Seite „aller“ Überfallenen und Angegriffen dieser Welt stehen will. Wie glaubwürdig ist aber diese Äußerung des Bundesministers des Auswärtigen? Denn Wollen und Tun klaffen bei dieser Bundesregierung unter Merz/Wadephul weit auseinander.

Als Israel den Iran im Juni 2025 überfallen und angegriffen hat, sagte Merz am 17. Juni 2025 am Rande des G7-Gipfels in Kanada im ZDF-Interview über den israelischen Überfall: „Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle“.

Und wo war der Verteidiger „aller“ Geschundenen, Angegriffenen und Überfallenen dieser Welt, Johann Wadephul? Während Merz am 17. Juni 2025 über Israels „Drecksarbeit“ begeistert war, befand sich Wadephul am gleichen Tag im Nahen Osten, reiste durch die Region (u. a. nach Saudi-Arabien, Katar und Oman), um seine Besorgnis vor einem Flächenbrand zur Sprache zu bringen.

Wohl gemerkt: unser Minister war besorgt, mehr aber auch nicht. Von Israels Angriffskrieg gegen den Iran war ebenso wenig die Rede, wie „von überfallenen und angegriffenen Menschen“ im Iran, von der Anprangerung Israels als Aggressor oder gar von einer militärischen und finanziellen Unterstützung des iranischen Volkes ganz zu schweigen.

Das gleiche Bild sehen wir ein Jahr später. Hat Wadephul etwa den brutalen US-amerikanischen Angriff auf den Iran am 28. Februar 2026, an dem gleich zu Beginn der Aggression 168 Mädchen umgebracht wurden, verurteilt und dem iranischen Volk zugesichert, „immer an der Seite von überfallenen, von angegriffenen Menschen (zu) stehen“?

Gott bewahre! Ganz im Gegenteil: Wadephul verurteilte am 28. Februar 2026 nicht etwa die amerikanisch-israelische Aggression, sondern „das iranische Regime“ nach den amerikanisch-israelischen Luftangriffen als „ruchlos“ und stufte es als akute Bedrohung für Europa und Israel ein. Teherans Reaktion auf die Angriffe der USA und Israels verurteilte Wadephul „auf das Schärfste“.

„Vor allen Dingen zeigt es natürlich, wessen Natur dieses iranische Regime ist. Es nimmt keine Rücksicht darauf, wer gerade angreift, sondern es greift auch andere an“, empörte sich der Nichtdiplomat Wadephul2.

An Unverfrorenheit mangelt es jedenfalls unserem verehrten Bundesaußenminister ganz und gar nicht. Oder ist es vielleicht „nur“ Mangel an Urteilskraft? Das angegriffene Land wurde von Wadephul kurzerhand zum Angreifer erklärt und anschließend beschimpft, verurteilt, verdammt. Dieser Außenminister ist nicht nur mit seinem Amt überfordert; er verwechselt zudem auch die Außenpolitik mit der Jurisprudenz.

Herr Dr. Wadephul ist nämlich Jurist und handelt auch nach dem deutschen Opportunitätsprinzip, wonach eine Behörde nach „pflichtgemäßem Ermessen“ entscheiden kann, ob und wie sie wegen einer Tat oder eines Verstoßes einschreitet.

Und so entscheidet auch unser Nichtdiplomat nach Gutdünken, pardon: nach „pflichtgemäßem Ermessen“, ob Krieg ein Angriffskrieg oder gerechter Krieg, völkerrechtswidrig oder völkerrechtskonform, eine Aggression oder eine Wohltätigkeitsveranstaltung sei. Völkerrecht wird hier der Beliebigkeit unterworfen und Krieg als friedliche Initiative verklärt, nach Orwells Dictum: „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei und Unwissenheit ist Stärke“.

Als Nichtdiplomat und Jurist ist Wadephul Opportunist, der gemäß seinen ideologischen und weltanschaulichen Präferenzen darüber entscheidet, wer Angreifer und wer Angegriffener ist, was Krieg und was Frieden ist.

Schlimmer noch: In dem oben erwähnten ntv-Talk „Pinar Atalay“ macht Wadephul die ungeheuerlichen Anschuldigungen an die Adresse Russlands: „Die Russen entführen Kinder nach Russland, nehmen sie ihren rechtmäßigen Eltern einfach weg – was ist das schon für eine schreckliche Tat? Vergewaltigen, morden, foltern, töten. All das geschieht in den von Russland besetzten Gebieten.“

Diese ungeheuerlichen Vorwürfe entnimmt dieser mit seinem Amt überforderte Nichtdiplomat ungeprüft, kritik-, scham- und skrupellos zu 100% der antirussischen Kriegspropaganda, die selbst in der Ukraine längst widerlegt wurde.

Lyudmyla Denisova, die ehem. Beauftragte des ukrainischen Parlaments für Menschenrechte (Ombudsfrau), wurde bereits am 31. Mai 2022 vom ukrainischen Parlament entlassen, weil sie unbegründete und übermäßig detaillierte Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs seitens der russischen Armee veröffentlicht hat.

Denisova veröffentlichte in sozialen Medien extrem gewalttätige und detaillierte Berichte über sexuellen Missbrauch, auch an Minderjährigen, die nicht durch strafrechtliche Ermittlungsakten gestützt wurden. Die damalige Generalstaatsanwältin der Ukraine, Iryna Venediktova, bestätigte, dass die Ombudsstelle den Ermittlern in einer Reihe von aufsehenerregenden Fällen keine offiziellen Beweise vorgelegt hat.

Die Investigativjournalisten (insbesondere von der Ukrainska Pravda) deckten auf, dass Denisova viele der schockierenden Geschichten von ihrer Tochter, der Psychologin Oleksandra Kvitko, erhielt, die eine mit Unterstützung von UNICEF eingerichtete Hotline betrieb. Die Anzahl der Anrufe und die Schwere der über diese Hotline gemeldeten Fälle wichen erheblich von den offiziellen Statistiken der Strafverfolgungsbehörden ab.

In späteren Interviews behauptete die ehemalige Ombudsfrau, sie habe im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit eine scharfe Rhetorik verwendet, um die internationale Gemeinschaft zu mehr aktiverer Hilfe und Waffenlieferungen an die Ukraine zu bewegen.

Und was die Kinderentführung angeht, so ist das Thema äußerts umstritten und wird propagandistisch weidlich ausgeschlachtet. Im Nachfolgeden wird allein die russische Position präsentiert, da die ukrainische hinlänglich bekannt ist: Russische Behörden und diplomatische Vertretungen bezeichnen Behauptungen über „Entführungen“ oder „Völkermord“ als eine Informationskampagne aus Lügen und Fälschungen seitens Kiews und der westlichen Länder.

Moskau stellt offiziell klar, dass es keine Zivilisten entführt, sondern sie, darunter auch Kinder, aus Gebieten aktiver Kämpfe und regelmäßigen Beschusses evakuiert, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Die russische Seite betont, keine Daten zu verheimlichen. Laut der russischen Kinderbeauftragten, Maria Lwova-Belowa, hat Russland seit Beginn des Konflikts 744.000 Kinder (zumeist als Teil von Familien oder in organisierten Gruppen aus Kinderheimen im Donbas) aufgenommen. Davon haben etwa 46.000 russische Pässe erhalten.

Russland behauptet ferner, dass sie die Rückführung von Kindern zu ihren Verwandten erleichtern würden, sofern diese die offiziellen Anträge stellen und ihre elterlichen Rechte bestätigen. Russische Medien führen die Diskrepanz zwischen ukrainischen und internationalen Zahlen als Beweis für die Falschheit der Anschuldigungen an.

Vor dem Hintergrund des Gesagten sind Wadephuls Anschuldigungen und Behauptungen eine Entgleisung sondergleichen und eines deutschen Außenministers unwürdig.

3. Alexander Stubbs „Saunadiplomatie“

Und natürlich darf bei europäischen Muskel- und Ränkespielen der größte Maulheld der europäischen Außenpolitik der finnische Präsident Alexander Stubb nicht fehlen. Am 6. Oktober 2026 erklärte Stubb in einem Interview mit der Washington Post in Bezug auf die internationale Lage und die Beziehungen zu Russland: „Ich denke, wir müssen uns mehr wie die Finnen verhalten. Besonnenheit bewahren, und wenn man eine mögliche Eskalation befürchtet, sollte man zuerst in die Sauna gehen, dann in ein Eisbad springen und überlegen, wie es weitergeht.“

Mit seiner „Saunadiplomatie“ appelliert Stubb an europäische Politiker und Journalisten, nicht in Panik zu geraten, Ruhe zu bewahren und sich von Putin nicht einschüchtern zu lassen. Journalisten, die etwa alarmierende Fragen zu US-Truppenbewegungen in Europa stellten, riet er bereits, in die Sauna zu gehen, und schlug vor, Donald Trump solle in der Sauna über Grönland diskutieren, um seinen geopolitischen Eifer zu dämpfen.

Die „Saunadiplomatie“ ist freilich keine Erfindung von Stubb, sondern sozusagen ein Markenzeichen der finnischen Außenpolitik. Besonders berühmt dafür war der langjährige finnische Präsident, Urho Kekkonen (1956-1982) zu Zeiten des „Kalten Krieges“. Er nutzte seine private Sauna in Tamminiemi, um sowjetische Staatschefs zum Schwitzen zu bringen und in entspannter Atmosphäre Zugeständnisse zu erwirken, die am formellen Verhandlungstisch unmöglich gewesen wären.

Der finnische EU-Kommissar, Olli Rehn, hat diese Tradition fortgesetzt und „die Sauna als Ort für Hintergrundgespräche mit Journalisten für sich entdeckt“, berichtete SZ-Journalistin, Cerstin Gammelin, aus Brüssel am 21. März 2012 in ihrem Artikel „Altherrenschwitze“.

„Zwar knüpft er damit an die europäische Tradition politischer Sauna-Freundschaften an, hat aber ein Problem: Frauen müssen draußen bleiben. Die warten nun auf Interview-Angebote ohne Körpereinsatz“, spottete sie anschließend.

Heutzutage müssen nicht nur Frauen draußen bleiben. Auch mit Putin will Stubb nicht in die Sauna gehen. Wiederholt betont er, dass jetzt „nicht die Zeit für einen sinnvollen politischen Dialog mit Russland“ sei, obwohl er in einem Interview im September 2026 anmerkte: „Irgendwann müssen wir die Kommunikationskanäle öffnen, denn ein Dialog ist nicht möglich, wenn man den Stumm-Knopf drückt.“

Stubb will also Putin irgendwann doch in der Sauna empfangen und Diplomatie mit „Körpereinsatz“ betreiben. Nur jetzt ist die Zeit für ihn noch nicht reif.

Nun ja, die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Sitten. „Ende der 1960er-Jahre ließ die damalige Regierung der DDR an der Küste der Ostsee das Strandhotel Fischland errichten, wo in den folgenden Jahren bis zum Fall der Mauer internationale Staatsgäste mit Kommunisten schwitzen durften. Auch die legendäre Freundschaft zwischen dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt und KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew entstand praktisch in Badehosen. Es war im September 1971, als Brandt und Breschnew über die >Neue Ostpolitik< und <Neue Westpolitik< parlierten, und das mehr als 16 Stunden lang. Dass die beiden überhaupt ein Vertrauensverhältnis aufbauen konnten, sei vor allem dem gemeinsamen Bad im Schwarzen Meer zu verdanken, erzählt Egon Bahr. Beim Schwimmen im warmen Wasser vor Jalta sei der Abbau von Feindbildern vorangeschritten“, erzählt Gammelin in ihrem o. g. Artikel.

Einst war auch ein russischer Präsident in der Sauna ein gern gesehener Gast. Wenn es opportun erscheint, trifft man sich selbst mit dem Teufel in der Sauna. Ein berühmtes Treffen zwischen Helmut Kohl und Boris Jelzin fand im Juli 1993 am Baikalsee in Russland statt, an dem auch der damalige Bundesfinanzminister Theo Waigel teilnahm.

Später trafen sich die beiden auch bei anderen Gelegenheiten, etwa im hessischen Taunus. Im Mittelpunkt der Gespräche stand der geordnete Abzug der sowjetischen bzw. russischen Truppen aus dem früheren Gebiet der DDR sowie die Gestaltung der deutsch-russischen Beziehungen. Man beschwor die ewige deutsch-russische Freundschaft. Und heute? Man stellt sich nur vor: Merz und Wadephul treffen sich mit Putin in der Sauna. Unvorstellbar!?

Die Quintessenz der Geschichte? Die Sauna soll Europa vom Krieg mit Russland retten, sobald Putin zum Sauna-Freund von Stubb, Merz, Wadephul und Co. wird.

4. Luboš Blahas Abrechnung mit der EU-Russlandpolitik

Am 8. Oktober 2026 übte Luboš Blaha (Vertreter der regierenden slowakischen Partei Smer) im Europäischen Parlament scharfe Kritik an der EU-Führung und insbesondere an der Hohen Vertreterin für Außen- und Sicherheitspolitik, Kaja Kallas.

Er warf der Brüsseler Zentrale aggressive Rhetorik, das Anheizen von Konflikten und fanatische Russophobie vor. Seiner Ansicht nach führe die EU-Führung den Kontinent in eine nukleare Katastrophe, anstatt Europas interne sozioökonomische Probleme anzugehen. In seiner Rede verglich der Parlamentarier offen die aktuellen politischen Methoden und Vorgehensweisen der EU-Führung mit dem Vorgehen der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts.

Seine Reden lösen in Brüssel oft Kontroversen aus, da Blaha regelmäßig Sanktionen und Militärhilfe für die Ukraine kritisiert. Wörtlich sagte der Slowake in seiner Rede vom 8. Oktober 2026:

„Wir müssen hier endlich die Wahrheit sagen. Die Europäische Union belehrt die Welt über Demokratie, aber unterdrückt zu Hause jegliche Abweichung und alternative Meinungen. Sie kritisieren die Wahlen in Russland, aber schweigen dazu, dass in der Ukraine unter Selenskyj überhaupt keine Wahlen stattfinden und Oppositionspolitiker verfolgt werden.“

(Direkt an Kaja Kallas gerichtet):

„Ich frage Sie, Frau Kallas: Wann genau planen Sie eigentlich, eine >Euro-Gestapo< einzurichten, um jeden ins Gefängnis zu stecken, der für den Frieden eintritt und eine andere Meinung hat?

Die Führung in Brüssel treibt uns mit ihrer aggressiven Rhetorik, ihrer manischen Russophobie und den ständigen Waffenlieferungen immer weiter in Richtung einer nuklearen Katastrophe, anstatt die wirklichen sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Menschen in Europa zu lösen. Diese Politik der Intoleranz erinnert an die dunkelsten totalitären Regime der Vergangenheit.“

Wie bei seinen Auftritten üblich, löste die Wortwahl („Euro-Gestapo“, „Faschismus“-Vorwürfe) heftige Proteste und Gegenreden unter den Abgeordneten im Saal aus, während er in seinen eigenen Social-Media-Kanälen dafür gefeiert wurde. The Irish Sun kommentierte Blahas Rede am 8. Oktober mit den Worten: „Blaha äußerte sich während einer Debatte im Europäischen Parlament als Reaktion auf die EU-Außenbeauftragte, Kaja Kallas, die die jüngsten Parlamentswahlen in Russland als undemokratisch bezeichnet hat.“

„Ihr kritisiert die Russen für ihre Wahlen, aber es stört euch nicht, dass Selenskyj seit drei Jahren ohne Wahlen, ohne Mandat regiert“, sagte er. „Ihr seid Heuchler!“ Blaha verwies zudem auch auf die Annullierung der rumänischen Präsidentschaftswahl von 2024 und behauptete, die Wahl sei annulliert worden, weil „der falsche Kandidat gewonnen hat“.

Das rumänische Verfassungsgericht hob das Ergebnis aufgrund angeblicher Unregelmäßigkeiten und Vorwürfe russischer Einmischung auf, nachdem der EU- und Nato-skeptische Calin Georgescu den ersten Wahlgang gewonnen hat. Der proeuropäische Kandidat, Nicusor Dan, gewann anschließend die Wiederholungswahl im Mai 2025.

Demokratie wird heute in der EU kleingeschrieben3 und die Friedenspolitik noch kleiner. Grynkewich, Donahue, Stubb, Merz, Wadephul, Kaja Kallas, von der Leyen und Co. sei Dank!

Anmerkungen

1. Rede des US-Außenministers Marco Rubio auf dem Pnyxhügel der Akropolis, 7. Oktober 2026.
2. Vgl. Silnizki, M., Der Nichtdiplomat Wadephul. Wadephul trifft Lawrow, 28. September 2026, www.ontopraxiologie.de.
3. Silnizki, M., Demokratie als Kampfbegriff. Geschichte und Gegenwart, 22. September 2026, www.ontopraxiologie.de.

Nach oben scrollen