Verlag OntoPrax Berlin

Vom Entstehen und Vergehen der US-Hegemonie

Trumps Amerika im Abwärtsstrudel

Übersicht

1. Das Ende der „Ära der Unipolarität“
2. „Amerika ist die Unipolarität in den Kopf gestiegen“
3. Vom „Naturrecht“ der Geopolitik

Anmerkungen

 

„Americanism, not globalism, will be our credo.“
(Donald Trump, 2016)1

 

1. Das Ende der „Ära der Unipolarität“

Aus der Mitte des US-Establishments werden neuerdings Stimmen lauter, die die „Ära der US-Unipolarität“ (era of U.S. unipolarity), die die US-Hegemonie begründete und in der „die beispiellose amerikanische Militärmacht die Globalisierung, den wachsenden Wohlstand und die relative Stabilität untermauerte“, dem Ende entgegensehen.

„Diese Ära ist nun vorbei“ (that age has now come to an end), stellt Robert A. Pape (Prof. f. Politikwissenschaft an der Uni. Chicago) unmissverständlich fest. In seiner am 24. Juli 2026 in Foreign Affairs veröffentlichten Studie „Iran and the New Rules of Global Power“ spricht er bereits im Untertitel offen von „Entstehung und Niedergang der amerikanischen Dominanz“ (The Making and Unmaking of American Dominance).

Mit Nachdruck betont Pape eine durch den Irankrieg ausgelöste „Gezeitenwende“ (turning of the wheel) in der Weltpolitik. Während der Golfkrieg 1991 die amerikanische Dominanz demonstrierte, offenbaren die heutigen Auseinandersetzungen um die Straße von Hormus die Grenzen der US-Hegemonie.

„Eine neue Ära bricht an, in der die Grundannahmen, die nach dem Ende des Kalten Krieges entstanden sind, völlig auf den Kopf gestellt werden“ (A new era beckons, one in which the assumptions of the post–Cold War period are turned on their heads). Die USA seien nicht mehr in der Lage, andere ihren Willen durch Gewaltanwendung zu unterwerfen. Schlimmer noch: Statt „Stabilität und Berechenbarkeit“ (stability and predictability) zu garantieren, sei „die amerikanische Macht zu einer Quelle der Instabilität geworden“ (American power has become a source of volatility).

Das ist wahrlich ein erstaunliches Eingeständnis eines Repräsentanten des US-Establishments, das in Trumps Ära mit ihren neoimperialistischen und neokolonialen Allüren immer noch von der „Größe“ und „Unverzichtbarkeit“ der amerikanischen Nation ausgeht und das Rad der Geschichte zurückdrehen will.

Dass die Foreign Affairs, die das Sprachrohr des außenpolitischen US-Establishments ist, diese Studie veröffentlichen ließ, deutet auf eine wachsende Bereitschaft des US-Establishments hin, den Wandel der Zeit adäquat wahrzunehmen und die stattfindenden Machtverschiebungen im globalen Raum zumindest zur Kenntnis zu nehmen.

„Die kommende Ära wird von häufigeren Krisen, höheren Kosten für den Schutz des Welthandels und einem verschärften Wettbewerb um die strategischen Engpässe der Welt geprägt sein“, prophezeit Pape und fügt hinzu: „Die Machtspielregeln, die nach dem Ende des Kalten Krieges entstanden sind, sind überholt und eine gefährlichere internationale Ordnung steht bevor“ (The rules of power that governed the post–Cold War era have withered away, and a more dangerous international order awaits).

Vor dem Hintergrund der zahlreichen Krisen und Kriegen der vergangenen Jahrzehnte ist es gar nicht schwer, noch mehr Konfrontation und Aggression vorauszusagen. Viel schwerer war es solche Prophezeiungen nach dem Ende des „Kalten Krieges“ zu machen, als man an das „Ende der Geschichte“ und den „ewigen Frieden“ glaubte.

Bereits 1990 warnte John J. Mearsheimer in seiner immer noch lesenswerten Studie „Why We Will Soon Miss The Cold War“ davor, „dass wir eines Tages aufwachen und den Verlust der Ordnung beklagen könnten, die der Kalte Krieg der Anarchie der internationalen Beziehungen verliehen hat. Denn ungezähmte Anarchie war das, was Europa in den 45 Jahren dieses Jahrhunderts vor dem Kalten Krieg kannte.“2

Woran liegt es aber, dass die USA von einer „Weltmacht ohne Gegner“ (Rudolf/Wilzewski) zu Beginn der „Ära der Unipolarität“ heute zu einer Weltmacht geworden sind, der selbst eine Mittelmacht wie der Iran Paroli bieten und die Grenzen ihrer „Allmacht“ aufzeigen kann? Wie konnte die US-Hegemonie nach dreißig Jahren Unipolarität so einen dramatischen Machtverlust erleiden?

1998 konnte die US-Außenministerin Madeleine Albright die USA noch stolz als die „unverzichtbare Nation“ (indispensable nation) bezeichnen und brachte damit eine weit verbreitete Überzeugung zum Ausdruck, dass die internationale Stabilität letztlich von der US-Vormachtstellung abhänge.

Die Welt wurde nach 1991 zwar nicht friedlicher, wohl aber berechenbar (The world did not become peaceful after 1991. It became predictable), beteuerte Pape und meinte anschließend: „Ironischerweise führte gerade der Erfolg der nach dem Ende des Kalten Krieges entstandenen (Welt)Ordnung zu deren Zerfall“ (Ironically, the very success of the post–Cold War order led to that order’s unraveling).

Warum der anfängliche „Erfolg“ am Ende zum Misserfolg wurde, erklärt Pape mit dem Ende der einst unangefochtenen militärischen Vormachtstellung der US-Hegemonie. Und dieser Verlust der militärischen Dominanz führt er auf die „technologische Revolution in der Kriegsführung zurück, die einerseits „ein Produkt des wirtschaftlichen Wandels der Zeit nach dem Kalten Krieg“ sei und die er andererseits „auf vorangegangene wirtschaftliche Veränderungen“ zurückführt.

Denn die Globalisierung der Weltwirtschaft hat dazu geführt, dass die Instrumente der Präzisionskriegsführung nicht länger allein dem Monopol der Großmächte vorbehalten sind, schreibt Pape und schließt seine Ausführungen mit der Feststellung ab: „In der modernen Geschichte wandelten die stärkeren Staaten ihren wirtschaftlichen Reichtum zumeist in militärische Überlegenheit und diese wiederum in politischen Einfluss um“ (For most of modern history, stronger states converted economic wealth into military superiority and military superiority into political influence).

Dieses Junktim von ökonomischem Wandel und militärischer Revolution, wirtschaftlichem Reichtum und militärischer Überlegenheit ist zu sehr amerikanisch gedacht, wird von der Geschichte aber nicht unbedingt bestätigt und ist letztlich irreführend.

Wie der Aufstieg des Irans zu einer relevanten Militärmacht zeigt, verlief seine militärtechnologische Entwicklung ungeachtet zahlreicher Sanktionen und einer fehlenden Prosperität des Landes durch und durch erfolgreich.

Hinzu kommt eine bedeutende Rolle der Geographie für Irans militärische Stärke, die sich gerade an der laufenden militärischen Konfrontation zwischen dem Iran und den USA zeigt.3

Und bereits 1981 machte einer der ausgezeichneten deutschen Russlandkenner und Geopolitiker, Lothar Ruehl (1927-2025), auf ein erstaunliches Phänomen der russischen Militärgeschichte aufmerksam: „Es ist ein fast unglaublicher Vorgang in der Geschichte, dass ein Land (wie Russland) in einem Zustand wirtschaftlicher Schwäche und technischer Rückständigkeit in wenigen Jahren das Beispiel eines reichen …, technisch und industriell … überlegenen, dazu vom Kriege verschonten und ungleich mächtigeren Landes in einem zentralen Entwicklungsbereich wie dem einer … modernen Rüstungstechnologie wiederholt.“4

Und wenn man an Nordkorea denkt, das die Atomwaffen und moderne Raketentechnologie trotz der ökonomischen Rückständigkeit entwickelt hat, dann wird Pipes Junktim endgültig ad absurdum geführt.

Die Gründe für den Niedergang der unipolaren Weltordnung unter Führung des US-Hegemonen sind andere, als Pape vermutet.

2. „Amerika ist die Unipolarität in den Kopf gestiegen“

Mit seinem Junktim kann Pape letztlich nicht erklären, warum es dazu gekommen ist, dass „the post–Cold War era“ bzw. „era of U.S. unipolarity“ zu Ende ist. Die Gründe liegen zum einem in der gescheiterten US-Chinapolitik und zum anderen in der verfehlten Geostrategie gegenüber den beiden geopolitischen Rivalen Russland und China, vom militärtechnologischen Aufstieg Russlands zur führenden Militärmacht ganz zu schweigen.

Die US-China-Einbindungsstrategie – die sog. „comprehensive engagement strategy“ -, die in den 1990er-Jahren an die Stelle der „enlargement“-Strategie getreten ist,5 ist gescheitert. Im Glauben, China werde sich in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren zu einer wirtschaftlichen und militärischen Großmacht entwickeln, versuchte die Clinton-Administration diese Entwicklung zu kanalisieren und zum beiderseitigen Nutzen in die globalen, von den USA dominierten Ordnungsrahmen einzubinden.

Das Problem war allerdings, dass beide Kontrahenten von völlig unterschiedlichen strategischen Interessen und kulturellen Selbstverständnissen ausgingen.6 Seit Trumps erster Amtszeit schlug diese nach dem Ende des „Kalten Krieges“ vor allem von den US-Demokraten vorangetriebene Kooperation in Konfrontation um.

Bereits lange vor Trump ist aber klar geworden, dass die angestrebte Kooperation letztlich – auf Sand gebaut – ergebnislos bleiben wird und China (genauso wie Russland) sich nicht in die westlichen Strukturen „integrieren“ lässt.

An dieser Desintegration Russlands und Chinas zeigt sich aber die ganze Misere der US-China- und Russlandpolitik. Die daran anschließende, auf Konfrontation angelegte US-Außenpolitik gegen die beiden geopolitischen Rivalen weist darauf hin, wie sehr es sowohl den US-Demokraten als auch den US-Republikanern am strategischen Denken des „Kalten Krieges“ mangelt und wie wenig sie bis dato verstanden haben, was sie mit ihren Außenpolitiken geopolitisch angerichtet haben.

Statt eines der geopolitischen Rivalen für sich zu gewinnen, haben zunächst die US-Demokraten Russland und dann die US-Republikaner China gegen sich in Stellung gebracht und so die beiden geopolitischen Rivalen zueinander getrieben. Die Folge war eine immer enger werdende geostrategische Zusammenarbeit zwischen China und Russland, die heute zu einer regelrechten informellen Allianz ausgewachsen ist.

Folgt man dem Urteil eines einflussreichen russischen Außenpolitikers, Senator Aleksej Puškov (geb. 1954), so erlitt die US-Außenpolitik in den vergangenen Jahrzehnten „eine fatale (geo)strategische Fehlkalkulation “ (огромный стратегический просчёт США), indem sich die USA gleichzeitig gegen Russland und China in Stellung brachten.

Diese Fehlkalkulation gehe laut Puškov aus einer „Doktrin über die amerikanische Hegemonie und der Logik der amerikanischen Außenpolitik“ (из доктрины американской гегемонии и из всей логики американской политики)7 hervor. Es gab Zeiten, in denen das Projekt „Chimerica“ populär war und seine Befürworter eine Symbiose in den Beziehungen zwischen China und den USA für möglich gehalten haben. „Chimerika“ erwies sich jedoch als Chimäre.

In Washington – kritisiert Puškov diese US-Geostrategie – habe man zwei geostrategische Grundsätze des „Kalten Krieges“ vergessen. Der erste stammt von Henry Kissinger und lautet: „Washington muss immer viel bessere Beziehungen mit Moskau und Peking als Moskau und Peking untereinander haben“.

Der zweite Grundsatz stammt von einem rumänisch-US-amerikanischen Militärstrategen und Ex-Berater von Ronald Reagan, Edward Luttwak (geb. 1942): „Die USA können sich eine Konfrontation mit Moskau leisten, falls sie nicht im Konflikt mit China stehen. Die USA können sich auch eine Konfrontation mit China leisten, falls sie nicht im Konflikt mit Moskau stehen. Eine gleichzeitige Konfrontation mit China und Moskau können die USA sich aber nicht leisten.“

Genau dieser „Kampf an zwei Fronten“ (борьба на два фронта) führen die US-Amerikaner heute. „Ich würde dies“- beteuert Puškov allen Ernstes – „eine geopolitische Demenz“ nennen, weil „die USA jeden Realitätssinn verloren haben und nicht in der Lage sind, die Grenzen ihrer Macht richtig einzuschätzen. Amerika ist die Unipolarität in den Kopf gestiegen.“

Dieser Analyse des russischen Außenpolitikers kann man in der Tat nur schwer etwas entgegensetzen. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts verfuhr die US-Außenpolitik nach dem Motto: „Expansion is everything. … I would annex the planets if I coud“ (Cecil Rhodos).8

Das Hauptziel war zum einen die Ausdehnung der geopolitischen Machtprojektion in Eurasien und zum anderen eine sicherheitspolitische Neutralisierung Russlands auf dem europäischen Kontinent. Zutreffend brachte Stephen Wertheim in seiner ebenso umfangreichen wie anspruchsvollen Studie „Iraq and the Pathologies of Primacy“ (Foreign Affairs, 17. März 2023)9 diese geostrategische Zielsetzung der US-Außenpolitik oder – wie er es nennt – die „vision of American hegemony“ auf den Punkt, indem er feststellte: Die USA strebten danach, „das Machtgleichgewicht durch die amerikanische Übermacht zu substituieren“ (replace balances of power with an American preponderance of power).

Diese geostrategische Idee fixe ist zum Verhängnis der US-Hegemonie geworden. Und wie der Irankrieg zeigt, hat die US-Hegemonie mit oder ohne Trump die besten Zeiten hinter sich.

3. Vom „Naturrecht“ der Geopolitik


Nirgendwo sonst prallen die Interessen der Großmächte so stark auf- und gegeneinander wie in der Geo- und Sicherheitspolitik. Vor allem in Europa geht man immer noch von der unbegründeten Annahme aus, dass China sich allein und primär an denjenigen Interessen orientiert sind, die laut Lars Henrich Röller (Ex-Wirtschaftsberater von Angela Merkel) „sehr eng auf wirtschaftlicher Stärke aufbauen.“10 Das ist ein großes Missverständnis und ein gefährliches Vorurteil.

Geopolitisches Denken und Handeln der EU-Europäer sind überwiegend ökonomisch determiniert und axiologisch fixiert. Verständlich, wenn man bedenkt, dass sie ihre Subjekthaftigkeit geo- und sicherheitspolitisch längst auf den US-Hegemon übertragen haben.

Wirtschaft ist zwar alles. Ohne eine eigenständige Geo- und Sicherheitspolitik ist aber alles nichts. Und so meinte Röller gönnerhaft: „Natürlich hat China auch große geostrategische Interessen, denen man entschieden entgegentreten muss. Aber man muss auch mit China zusammenarbeiten. … Wir müssen alles versuchen, damit China uns hilft, Putin von einer weiteren Eskalation abzuhalten. Wir sollten China isolieren.“

Seit 2022 hat sich an dieser verfehlten Denkweise nichts geändert. Viereinhalb Jahre nach dem Krieg in der Ukraine hat der US-Senat gerade am 7. August 2026 neue Sanktionen gegen Russland beschlossen. Die Senatoren votierten mit einer deutlichen Mehrheit von 86 zu 11 Stimmen für das Gesetz, das noch das Repräsentantenhaus passieren muss. Neben direkten Sanktionen gegen russische Politiker und Firmen soll es die russischen Öl- und Gas-Exporte stärker eindämmen.

Das Gesetz berechtigt Trump u. a. die fünf größten Käufer russischer Energieträger mit Sanktionen zu belegen, womit es vor allem China und Indien trifft, die die größten Bezieher von russischem Erdöl sind.

Die Konsequenz dieses irrwitzigen Gesetzes wird eine massive Depravierung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der USA zu Indien und China sowie ein weiterer Bedeutungsverlust des US-Dollars als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel zufolge haben. „Quos Deus vult perdere, prius dementat“ (Wen Gott vernichten will, den macht er zunächst wahnsinnig).

Sind die USA aber überhaupt in der Lage, einen Sanktionskrieg gegen China zu führen? Wohl kaum! Die neuen Sanktionen werden wirkungslos bleiben. Wenn es um die geo- und sicherheitspolitischen Interessen geht, kann eine ökonomische Pression weder die russische noch die chinesische Führung sonderlich beeindrucken. Geo- und Sicherheitspolitik priorisiert immer Geoökonomie.

Der ganze Sanktionsirrsinn deutet vielmehr auf einen fortschreitenden und unaufhaltsamen geopolitischen Bedeutungsverlust der transatlantischen Welt, die jahrhundertelang die Welt beherrschte und jetzt sehen muss, wie ihr die Felle davon schwimmen und wie andere aufsteigende Groß- und Mittelmächte dieser Welt ihr die Weltmachtstellung streitig machen.

Die Weltgeschichte ist kein geradliniger Prozess. Sie erleidet Rückschläge, verläuft wellen- oder rückartig und deren Verlauf ist weder voraussehbar noch vorausbestimmbar. Wer hätte denn zurzeit des Untergangs der Sowjetunion gedacht, dass die bald darauf entstandene unipolare Weltordnung bereits dreißig Jahre danach zu Ende gehen und die Welt sich genau in umgekehrte Richtung bewegen würde?

Die Geschichte ist ein ständiger Wettstreit der zwei sich gegenseitig bekämpfenden und verfeindeten Grundprinzipien der Veränderung und Bewahrung, Fortschritt und Tradition, Umwälzung und Beharrung, Revision des Bestehenden und Status-quo-Verteidigung.

Lässt man das vergangene Jahrhundert Revue passieren, so können wir mindestens zweimal den Zusammenprall dieser beiden Grundprinzipien diagnostizieren. In beiden Fällen war ein Krieg (der Erste und der Zweite Weltkrieg) der Auslöser dieses Prozesses. Es sieht so aus, als würden wir mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine einen neuen, dritten Versuch der vergangenen hundertzehn Jahre erleben: Eine erneute Revision der bestehenden Weltordnung, die zu einer Machtumverteilung vom Westen zum Nichtwesten, vom Atlantik zum Pazifik führt.

Bereits Anfang 2023 merkte Wang Wen (Meinungsmacher der chinesischen Regierungszeitung „Global Times“) in seinem Artikel „Beyond China, as more nations reject the US-led order, 2022 will go down as the year of ‘de-Westernisation’“ (Jenseits von China: Da immer mehr Nationen die von den USA angeführte Ordnung ablehnen, wird 2022 als das Jahr der >Entwestlichung< eingehen) am 3. Januar 2023 an: „Die globale Signifikanz des Jahres 2022 wird stark unterschätzt. Seine welthistorische Bedeutung geht über das Jahr 2001 – das Jahr der Anschläge vom 11. September – und 2008 – das Jahr der globalen Finanzkrise –weit hinaus. Man sollte 2022 vielmehr mit 1991 vergleichen, als der Kalte Krieg zu Ende ging, und das Schlüsselwort dafür sei „de-Westernisation“.

Wenn man sich wie der finnische Präsident, Alexander Stubb, beklagt, dass unter Bedingungen der multipolaren Weltordnung „kleine und mittelgroße Länder“ wie Finnland unter die Räder kommen11, dann ist es vielleicht nur der Erkenntnis geschuldet, dass sein Land, indem es sich ohne Not der Nato-Allianz angeschlossen hat, heute womöglich auf der falschen Seite der Geschichte steht.

Und ist es nicht einfach ein natürlicher Lauf der Dinge, wenn ein Machtzentrum von einem anderen abgelöst wird, wodurch weder die Welt noch die UN-Völkerrechtsordnung untergeht?

Liegt es nicht in der Natur der Sache mit Spinoza zu sagen: „Es ist das Recht der Fische zu schwimmen, und das der größeren Fische, die kleineren zu fressen.“12 Wörtlich sagte Spinoza in seinem Theologisch-politischen Traktat von 1670 (Kap. 16):

„Unter Recht und Gesetz der Natur verstehe ich nichts anderes als die Regeln der Natur …, gemäß denen wir jedes naturgemäß bestimmt sehen, auf eine gewisse Weise zu existieren und zu wirken. Die Fische zum Beispiel sind von Natur bestimmt zu schwimmen, die großen die kleineren zu fressen, und darum bemächtigen sich die Fische mit dem höchsten natürlichen Recht des Wassers und fressen die großen die kleineren … Denn es ist gewiss, dass die Natur an sich betrachtet das höchste Recht zu allem hat, was sie vermag, das heißt, dass sich das Recht der Natur so weit erstreckt, wie sich ihre Macht erstreckt.“13

Naturrecht erstreckt sich so weit, „wie sich ihre Macht erstreckt“. Spinozas Verständnis von Naturrecht kann getrost auf die Geopolitik unserer Zeit übertragen werden und analog vom „Naturrecht“ der Geopolitik sprechen, das da lautet: Im globalen Raum existiert weder ein geopolitisches Niemandsland noch ein geostrategisches Vakuum. Die Geopolitik duldet kein Vakuum. Das „Naturrecht“ der Geopolitik „erstreckt so weit, wie sich ihre Macht erstreckt“.

Es beruht auf der „normativen Kraft des Faktischen“ (Georg Jellinek) und nicht auf den völkerrechtlichen Normen der UN-Charta. „Die Geopolitik erhebt das Faktische zum Normativen und erzeugt dadurch die Vorstellung, dass das Faktische normativer Art ist, wobei es hier nicht um eine Gegenüberstellung von Faktizität und Normativität, sondern um eine andere, geopolitische Quelle der Normativität geht. Diese Quelle der geopolitischen Normativität besagt: Wer sich gegen den Aufmarsch des geopolitischen Rivalen nicht zu behaupten vermag, verliert nicht nur seine Autorität, sondern auch seine geopolitische Existenz, was wir gerade im Falle der Ukraine beobachten dürfen.“14

Nun hat Macht die Tendenz absolut zu werden. „Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut“ („Power tends to corrupt and absolute power corrupts absolutely), wie der britische Historiker, Lord Acton (1834-1902), 1887 feststellte.

Bei einer fehlenden Gegenmacht entsteht eine entgrenzte „absolute Macht“. Sie herrschte im Zeitalter der unipolaren Weltordnung dreißig Jahre lang und ist an sich selbst gescheitert, noch bevor der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist. Der Ukrainekrieg hat die sich abzeichnende Entwicklung nur offengelegt und beschleunigt, aber nicht ausgelöst.

Nur diejenigen, die auf der falschen Seite der Geschichte stehen und immer noch der unipolaren, „regelbasierten Ordnung“ nachtrauern, die nie „liberal“, wohl aber immer und nur hegemonial war, beklagen die weltpolitischen Umwälzungen der Gegenwart, die vor unseren Augen geschehen und wahrlich vom welthistorischen Maßstab sind.

Wie auch immer man die im Entstehen begriffene neue Weltordnung nennen, bezeichnen und/oder definieren wird, sie wird antihegemonial sein.

Anmerkungen

!. Zitiert nach Seib, G. F., „Can Republicans Find Consensus on Foreign Policy? Foreign Affairs, 9.01.2024.
2. John J. Mearsheimer, Why We Will Soon Miss The Cold War, The Atlantic Monthly, August 1990
Volume 266, No. 2, 35-50.
3. Vgl. Silnizki, M., Geographie als Schicksal. Gefangen zwischen Weltunordnung und Postunipolarität, 21. April 2026,
www.ontopraxiologie.de.
4. Ruehl, L., Russlands Weg zur Weltmacht. Düsseldorf/Wien 1981, 414 f.
5. Näheres dazu Kay Möller, Hegemoniale Herausforderung und wirtschaftliche Zusammenarbeit: Die USA und
China, in: Rudolf, P./Wilzewski, J. (Hrsg.), Weltmacht ohne Gegner. Amerikanische Außenpolitik zu Beginn
des 21. Jahrhunderts. Baden-Baden 2000, 65-86 (65).
6. Vgl. Silnizki, M., Anti-Moderne. US-Welthegemonie auf Abwegen. Berlin 2021, 65 ff.
7. Zitiert nach Silnizki, M., Russlands geopolitisches Weltbild. Aleksej Puškovs Analyse der US-Außenpolitik.
31. Mai 2023, www.ontopraxiologie.de.
8. Zitiert nach Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München Zürich 1967, 218.
9. Vgl. Silnizki, M., „Globale Dominanz als Selbstzweck“? Zur Frage nach den „Pathologies of Primacy“ in
der US-Außenpolitik. 29. März 2023, www.ontopraxiologie.de.
10. Röller, L.-H., „Es entsteht eine neue Weltordnung“, in: Handelsblatt, 30. März 2022, S. 14 f. (14).
11. Stubb, A., The West’s Last Chance, Foreign Affairs, 2. Dezember 2025.
12. Zitiert nach Kaufmann, A., Es ist das Recht der Fische zu schwimmen, und das der größeren Fische, die
kleineren zu fressen, in: Volkmar Schöneburg (Hrsg.), Philosophie des Rechts und das Recht der Philosophie.
FS f. Hermann Klenner. Berlin/Bern/New York/Paris/Wien 1993, 7-13 (7 f.).
13. Zitiert nach Kaufmann (wie Anm. 12), 7 f.
14. Silnizki, M., Außenpolitisches Denken in Russland. Im Strudel von Geopolitik und Identitätsdiskurs.
Berlin 2018, 98 ff.

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