Verlag OntoPrax Berlin

Geopolitischer Autismus

Zwischen Selbstgerechtigkeit und Bildungslosigkeit

Übersicht

  1. Der Vertreter des „Volkes“
  2. Russlandbild als Zerrbild

Anmerkungen

„Man hält sie, wenn sie schweigen, für Gelehrte.
Nur ist das Schweigen gar nicht ihre Art …“
(Erich Kästner, Lob der Volksvertreter)

  1. Der Vertreter des „Volkes“

Seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine befindet sich die Welt in Umbruch. Zahlreiche Krisen, Kriege und Spannungen flammen immer wieder auf. Allein das EU-Establishment glaubt (noch) sich auf der „Insel der Glückseligen“ zu befinden – in einer trügerischen Sicherheit, von all den Kalamitäten und Umwälzungen der Welt verschont zu bleiben. Es weigert sich beharrlich zu akzeptieren, wie sehr sich die Welt zu Ungunsten des Westens verändert hat, wie tief der Wandel ist und wie weit schon der Erosionsprozess der seit dem Ende des „Kalten Krieges“ von der einzig verbliebenen US-Supermacht geschaffenen sogenannten „unipolaren Weltordnung“ fortgeschritten ist.

Nach dem Motto: „Was nicht sein darf, kann nicht sein“ leben die Eurokraten immer noch in der alten Zeit mit deren alten Denkstrukturen und Denkmodellen, die – im alten Trott verbleibend – nicht vergehen wollen, weil sie nicht vergehen dürfen und folglich „zeitlos“ bleiben sollen, ohne die angebrochene neue Zeit sehen zu können.

Und so glauben sie im Besitz einer „zeitlosen“ Zeit zu sein, von der der Dichter des 17. Jahrhunderts, Paul Flemming (1609-1640), einst in seinem unnachahmlichen Gedicht „Gedanken über die Zeit“ träumend reimte:

„Ihr lebet in der Zeit und kennt doch keine Zeit;
so wisst, ihr Menschen, nicht von und in was ihr seid. …
Die Zeit ist, was ihr seid, und ihr seid, was die Zeit,
nur dass ihr weniger noch, als was die Zeit ist, seid.
Ach dass doch jene Zeit, die ohne Zeit ist, käme
und uns aus dieser Zeit in ihre Zeiten nähme …“

Diese „zeitlose Zeit“ soll in der EU offenbar angekommen sein, um für immer zu bleiben. Endlich haben die Eurokraten heute – so glauben sie – den Traum verwirklicht, den Paul Flemming vor vierhundert Jahren geträumt hat, – freilich nicht in der Realität, sondern in der weltentrückten Virtualität. Und in dieser virtuellen „Realität“ tobt eine „zeitlose“ Kriegspropaganda, deren Ursprung und Quellen weit in die Zeit des „Kalten Krieges“ und darüber hinaus zurückreichen.

In Zeiten der allerseits und allerorts tobenden Kriegspropaganda, die sich besonders durch eine schwindelerregende, aberwitzige Informationsvergewaltigung und verzerrende Berichtserstattung auszeichnet, verbleiben wir stets in den Niederungen einer medial verzerrten Realität.

Nervös wühlen wir im zeitlosen medialen Abfall der uns aufgetragenen und aufgezwungenen Scheinwirklichkeit, bilden uns ein, das Andere, uns Fremde, wie das Eigene, zu kennen, ohne diese scheinbare „Kenntnis“ des Anderen zu hinterfragen. Das Unvermögen und/oder der Unwille, das Andersartige auch andersartig zu begreifen und als solches zu akzeptieren, gleicht einem geopolitischen Autismus, wogegen kein Kraut gewachsen ist.

Einen solchen geopolitischen Autismus habe ich gerade bei einem Briefwechsel erleben dürfen. Als ich am 8. November 2023, um 7.32 Uhr einem EU-Abgeordneten mit Verweis auf sein Radiointerview zwei Studien1 habe zukommen lassen, erhielt ich fünfundvierzig Minuten später die folgende Antwort (ich zitiere wörtlich):

„Ach wissen Sie, ich kenne Sie nicht und Ihre Motivation nicht. Ich bin gänzlich anderer Auffassung. Ich weiß nur, dass die Ukraine seit 2014 von einem Kriegsverbrecher mit Krieg überzogen wird, seit dem 24. Februar 2022 mit einem vollumfänglichen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Es ist dies der zweite faschistische Überfall auf das Land seit dem deutschen Überfall 1941. Die meisten unserer Verbrechen damals fanden auf dem Gebiet der Ukraine statt. Deswegen ist es speziell unsere deutsche Verantwortung, diesem Volk in seinem Freiheitswillen mit allem beizustehen was geht. Dieses Volk lässt sich nie wieder in den Gulag zurückzwingen. Putin kämpft gegen unsere Art zu leben. Deswegen ist es auch in unserem Interesse, dass dieses fürchterliche Regime den Krieg verliert. Slava Ukraini!“

In dieser aufgeregten Reaktion erleben wir all das, was wir in den vergangenen zwanzig Monaten seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine in den Mainstream-Medien an Vorurteilen, Klischees, Halbbildung bis Unbildung und immer wieder Kriegspropaganda erfahren haben.

Und so erfahren wir auch in der Antwort unseres EU-Abgeordneten die gleiche unreflektierte Verquickung von Vergangenheit und Gegenwart, Unbildung und Halbbildung, Unwissen und Halbwissen, ohne dass er bereit wäre, auf irgendwelche Argumente, Begründungen, Bedenken und/oder Beweise auch nur im Ansatz eingehen zu wollen.

Eine solche Geisteshaltung gleicht einer autistischen Selbstbezogenheit und eskapistischen Realitätsverweigerung. Sie zeigt, wie hemmungslos und unreflektiert manche Vertreter des „Volkes“ ihre Unbildung und außenpolitische Inkompetenz zur Schau stellen, solange die aufgeheizte und gezielt das Ressentiment gegen Russland und Putin sowie die Russenangst schürende Kriegspropaganda in den Medien ihnen das ermöglicht, zumal die geängstigte, indoktrinierte und zugleich hassgeimpfte Bevölkerung dem empfänglich bleibt.

Als Antwort darauf sendete ich dem aufgeregten EU-Parlamentarier umgehend eine weitere Studie,2 worauf er vier Minuten später mit der folgenden Zeile reagierte:

„Vielleicht >outen< Sie mal Ihren Hintergrund und Ihre Motivation. Meine Funktion kennen Sie. Ist Putin für Sie etwa kein Kriegsverbrecher?“

Als ich daraufhin auf meine Website: www.ontopraxiologie.de verwies und anbot, alle Fragen, falls gewünscht, beantworten zu wollen, habe ich von unserem Vertreter des „Volkes“ nichts mehr gehört. Dieser kurze Briefwechsel wäre nicht erwähnenswert und keiner Rede wert, wäre die Angelegenheit nicht zu ernst und ginge es nicht um das erschrocken machende Bildungsniveau und den niedrigen Kenntnisstand unseres EU-Parlamentariers sowie um seine außenpolitische Inkompetenz.

Seitdem Erich Kästner vor beinahe hundert Jahre sein sarkastisches Gedicht „Lob der Volksvertreter“ (1928) verfasste, ist dieser Lobgesang auf unsere Volksvertreter nichts an seiner Aktualität verloren:

„Sie fürchten Spott, sonst nichts auf dieser Welt!
Und wenn sie etwas tun, dann sind es Fehler.
Es ist zum Glück, nicht alles Hund, was bellt.
Sie fürchten nur die Wahl und nicht die Wähler.“

Und so konnte die deutsche Bundesaußenministerin Annalena Baerbock getreu Kästners Reim vor gut einem Jahr Anfang September 2022 furchtlos und selbstsicher verkünden: „Wenn ich dieses Versprechen an die Ukrainer gebe: >Wir stehen so lange an eurer Seite, wie Ihr uns braucht<, dann möchte ich auch liefern, egal, was meine deutschen Wähler denken.“ Denn Sie fürchtet „nur die Wahl und nicht die Wähler.“

Außenpolitik ist heute zum Eldorado von ahnungslosen Amateuren, fanatisierten Draufgängern, furchtlosen Ideologen, verantwortungslosen Hasardeuren und hasserfüllten Revanchisten geworden. Ohne verallgemeinern zu wollen, spiegelt die Äußerung des EU-Abgeordneten, die keine Ausnahme ist, durchaus repräsentativ die vorherrschende Stimmung in den Mainstream-Medien wider. Seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine am 24. Februar 2022 ist es zum guten Ton geworden, Putin als einen „Kriegsverbrecher“ und „Faschisten“ zu denunzieren, das heutige Russland entweder mit „Nazi-Deutschland“ oder mit der „Sowjetunion“ gleichzusetzen, welches „den Gulag“ in der Ukraine „wiedererrichten“ wolle.

„Der Faschismus-Begriff ist dabei längst zu einem vom zeitgeschichtlichen Zusammenhang losgelösten Schimpf- und Fluchwort verkommen, das bei jeder sich bietenden Gelegenheit mantraartig angewandt und gegen einen x-beliebigen politischen und/oder geopolitischen Gegner denunziatorisch missbraucht wird.

Die faschistische Ideologie, wie sie um die Jahrhundertwende entstand und in den zwanziger und dreißiger Jahren fortentwickelt wurde, ist „das Produkt der Verschmelzung des organischen Nationalismus mit der antimaterialistischen Revision des Marxismus, sie drückt einen revolutionären Willen aus, der sich auf die Ablehnung des Individualismus liberaler wie marxistischer Prägung gründet, und sie verkündet die Prinzipien einer neuen, eigenständigen politischen Kultur. Kollektivistisch, antiindividualistisch und antirationalistisch, lehnte sie anfangs das Erbe der Aufklärung und der Französischen Revolution ab, um dann, in einer zweiten Phase, eine totale Veränderung auf geistigem, moralischem und politischem Gebiet anzustreben, die allein den Fortbestand der menschlichen Gemeinschaft gewährleisten konnte, in die alle Schichten und Klassen der Gesellschaft vollkommen integriert wären.“ Kurzum: „Der Faschismus behauptete, die verheerendsten Auswirkungen der Modernisierung auf dem europäischen Kontinent beseitigen zu können.“3

Wer daher darauf beharrt, das Russland der Gegenwart mit „Faschismus“ gleichzusetzen, hat entweder keine Ahnung von dessen geistes- und verfassungsgeschichtlichen Wurzeln oder missbraucht das Schlagwort sinnentleert als geopolitscher Kampfbegriff zwecks Denunzierung, Diffamierung und Delegitimierung des geopolitischen Rivalen. Ziele des russischen Ukrainefeldzuges sind rein geo- und sicherheitspolitischer Natur und haben mit der Ideologie des Faschismus nichts im Geringsten etwas zu tun.

Als wäre das nicht genug, wünscht sich der EU-Abgeordnete, dass das „fürchterliche Regime“ den Krieg verliert, und zeigt dabei, nebenbei gesagt, wie wenig er über das tatsächliche Geschehen an der ukrainischen Front informiert ist.

Dass Putin angeblich „gegen unsere Art zu leben (kämpft)“, gehört darüber hinaus zu den üblichen Denkstereotypen, die von der Kriegspropaganda gepflegt wird, und darf getrost in den Bereich der Legendenbildung verwiesen werden. Die Behauptung, dass der Ukrainekrieg „der zweite faschistische Überfall auf das Land seit dem deutschen Überfall 1941“ sein sollte und dass „diesem Volk in seinem Freiheitswillen“ beizustehen sei, zeigt, wie wenig der Vertreter des „Volkes“ die Geschichte der Ukraine kennt und begreift, welcher Krieg auf ukrainischem Boden geführt wird.

Als ein souveräner Staat existiert die Ukraine erst seit dem Jahr 1991, sodass der EU-Abgeordnete sich genau um 50 Jahre verrechnete. Und was er mit „diesem Volk“ meint, zeigt, dass er von dem, was in der Ukraine vor sich geht, keine Ahnung hat.

Der Krieg in der Ukraine ist in seiner Komplexität ein zwischenstaatlicher Krieg, ein innerslawischer Bürgerkrieg und ein geopolitischer Kampf zwischen Russland und den NATO-Staaten um die Sicherheits- und Friedensordnung in Europa.

Der Ukrainekrieg ist u. a. (was im Westen verkannt und/oder ignoriert wird) ein Bürgerkrieg zwischen zwei ostslawischen Brüdervölkern. Hier kämpfen Russen gegen Russen, Ukrainer gegen Ukrainer. Und selbst die Sprache des Krieges ist ein und dieselbe. Hier findet mit anderen Worten ein Brüdermord aus ideologischen und geopolitischen Gründen statt.4

Die Ukraine war seit eh und je ein Zankapfel zwischen Russland und Europa, weil in ihr (vor allem in Ostgalizien) schon immer ethnisch gefärbte Narrative, nationale Identitäten und Bewegungen unterschiedlicher Art vorherrschten, die sich oft feindselig gegenüberstanden. „Bis zum Ersten Weltkrieg konkurrierten eine ukrainophile, eine russophile, eine polonophile und eine auf das Habsburgerreich begrenzte ruthenische Richtung um dieselbe Bevölkerung.“5

Die Ukraine war immer schon ein Territorium, auf dem viele Völker lebten und keine monoethnische Gesellschaft existierte. Und selbst nach der Staatsgründung 1991 ist sie kein Nationalstaat geworden, sondern blieb ein Vielvölkerstaat. Zurzeit des Nazi-Überfalls auf die Sowjetunion (und nicht auf die Ukraine) lebten auf dem Territorium der heutigen Ukraine u. a. Millionen Juden.

1,5 Millionen von ihnen wurden nicht nur von der deutschen Besatzungsmacht, sondern auch und insbesondere von den zahlreichen ukrainischen Nazi-Kollaborateuren bestialisch ermordet. Die deutschen Besatzungstruppen haben vor allem ihnen die „Drecksarbeit“ überlassen. Von welchem „Volk“ redet unser EU-Abgeordnete dann überhaupt?

Dass er dabei im Vorbeigehen das Gedenken an die 27 Millionen Sowjetbürger, die dem Nazi-Vernichtungskrieg zum Opfer gefallen sind, verunglimpft, indem er über den „zweiten faschistischen Überfall auf das Land seit dem deutschen Überfall 1941“ schwadroniert, ist er sich mangels der historischen Kenntnisse und offenbar angesichts seiner revanchistischen Rachegelüste nicht einmal bewusst.

Im Übrigen leben in der Ukraine heute noch schätzungsweise dreißig Prozent der sog. „ethnischen Russen“, sodass vom absurden Vorwurf eines „faschistischen Überfalls“ gar keine Rede sein kann.6

Bedenkt man, dass solche Volksvertreter über die EU-Außenpolitik und damit über Krieg und Frieden in Europa mitentscheiden oder zumindest Meinungen und Stimmungen in der europäischen Öffentlichkeit mitbeeinflussen, so wird unsereinem Angst und Bang.

Bei einer solchen Geschichtsklitterung und Geschichtsvergessenheit denkt man gleich an Bismarck, der einst nachdenklich anmerkte: „Wenn man bedenkt, wie über eine politische Periode, welche selbst nur drei Jahre zurückliegt, mit Erfolg gelogen wird, so ist es schwer, alles das zu glauben, was einem die Geschichte aus alten Zeiten überliefert hat.“7

Lässt man sich von einem durch die Kriegspropaganda geprägten Russlandbild8 leiten, statt sich mit einem außen- und geopolitischen Gesamtbild auseinanderzusetzen, dann tritt an Stelle der Realität eine zeitlose Virtualität, die mit dem Russland der Gegenwart wenig bis gar nichts zu tun hat.

    2. Russlandbild als Zerrbild

Jede geopolitische Konfrontation schafft sich selbst ihr geo- und sicherheitspolitisches Selbst- und Fremdbild, welches in der breiten Öffentlichkeit medial verbreitet und stets reproduziert wird, bis es in der öffentlichen Meinung festverankert wird – so fest, dass kein anderes Bild mehr vorgestellt werden kann. Und genau ein solches Russlandbild, das kein anderes sein kann, weil es kein anderes sein darf, haben auch unsere Volksvertreter.

Bilder und Bildnisse bestimmen meistens unser Bewusstsein und beeinflussen unsere Urteile und Vorurteile über wen auch immer. Es ist „die Macht der Bilder“, die uns oft voll im Griff hat.

Bilder sind – um mit Wilhelm Weischedel zu sprechen – „Mächte, die über den Menschen hereinbrechen, so sehr, dass sie es vermögen, ihn in blutige Kämpfe zu verstricken. Oft hat es den Anschein, als sei es gar nicht der Mensch ihrer mächtig, sondern als seien sie die Herren des Menschen, als handle es sich in den weltanschaulichen, religiösen und politischen Auseinandersetzungen nicht so sehr um einen Kampf der Menschen untereinander, als vielmehr um einen Streit der Bilder im Menschen und um den Menschen. So kann man am Ende von einer Dämonie der Bilder sprechen. Denn das Dämonische ist das unfassbar Mächtige … Es ist, als stünde der Mensch ständig unter dem Ansturm von Mächten, die sich ins Bild tarnen.“9

Diese sich ins Bild tarnenden Mächte sind so dominant, dass sie unseren Verstand betäuben und unsere Urteilskraft verstören – so sehr, dass wir ihnen ohne Wenn und Aber ausgeliefert sind. Alles andere wird verdrängt, relativiert und für irrelevant erklärt. So auch im Falle des Ukrainekonflikts. Was zählt, sind hier nicht etwa und nicht einmal in erster Linie die Kenntnisse über die Vorgeschichte und die Hintergründe des Ukrainekonflikts, die selbstgerecht und ignorant ausgeblendet werden, sondern allein das Russlandbild als Zerrbild, das die vorangegangenen außen-, geo- und sicherheitspolitischen Entwicklungen und die Mitschuld des Westens verschleiert bzw. vergessen lässt.

Weil dann aber die Sachkenntnisse aus Unwissenheit und/oder Ignoranz fehlen, bleibt ihnen nichts anderes übrig als eine theatrale Empörung und Hetztiraden gegen den ewigen geopolitischen Rivalen. Die Empörung ersetzt dann die Außenpolitik und an deren Stelle tritt Obsession. Da ist ein Russlandbild als Feindbild sehr willkommen, da es innenpolitisch opportun erscheint, geopolitisch geboten ist und zuallerletzt zum innerwestlichen Zusammenhalt gegen einen (gefährlichen) Außenfeind beiträgt.

„Im Westen nichts Neues“ lautet der Filmtitel eines Kriegsdramas. Mit einer solchen Überschrift können wir getrost auch die aktuellen, bis aufs Äußerte angespannten Beziehungen zwischen Russland und Europa versehen, die im Grunde nichts anderes als eine jahrhundertealte vorurteilsvolle Geschichte widerspiegeln.

„Perverses Abendland – barbarisches Russland“ betitelte Gabriele Scheidegger einst ihr Werk, in dem sie über die „Begegnungen des 16. und 17. Jahrhunderts im Schatten kultureller Missverständnisse“ schreibt: „Wenn Russen und Westeuropäer im 16. und 17. Jahrhundert zueinander in Kontakt kamen, herrschte selten eitel Freude. Meistens schieden sie naserümpfend oder gar ekelerfüllt voneinander und beide Seiten sahen sich in ihren Vorurteilen voll bestätigt.“10

Und Dostojewski schreibt ernüchternd, aus seiner Europareise zurückgekehrt: „In Europa sind wir bloß Landstreicher.“11 Schön wäre es, wenn es nur um Russen als „Landstreicher“ ging.

In einem vertraulichen Schreiben an Heinrich von Haymerle (1828-1881) schreibt Legationsrat Freiherr Constantin von Trauttenberg (1841-1914) am 9. April 1880: Das „trügerische Bild von Russland besteht darin, nicht sehen (zu) können oder (zu) wollen“, dass die russische Zivilisation nach Westen zu expandieren gewillt sei, um „das Erbe des verfaulten Europas anzutreten.“12 Expansionismus sei die „wahre“ Natur des imperialen (nach heutigem Jargon: imperialistischen) Russlands.

Und über die künftigen Beziehungen zwischen Russland und Europa sinniert Trauttenberg: „Niemand wünsche einen Krieg … und trotzdem … scheint mir jede Rechnung auf die Zukunft unsichtbar und schwankend. … Das allgemeine Unbehagen im Innern, die Furcht vor Explosionen desselben, gepaart mit der Scheu, dem Lande die Berechtigung zuzugestehen, sich ernstlich mit seinen Angelegenheiten zu beschäftigen, – die chauvinistische Stimmung der unverantwortlichen Leiter und Macher der öffentlichen Meinung sowie der höheren Armeekreise, – Eitelkeit, Ehrgeiz, falsche Sentimentalität und vor allem jener Grundfehler des slavischen Charakters , der Mangel an Kohärenz des Denkens – sind Faktoren , die zwar nicht greifbar, aber deshalb nicht weniger von ausschlaggebender Bedeutung sein können“ (ebd., 190).

Diese gut 140 Jahre zurückliegende Analyse eines Diplomaten der österreichisch-ungarischen Monarchie über die >expansionssüchtige Natur< Russlands, seine geistige und politische Verfasstheit sowie die herrschenden Missstände im Machtzentrum des Russischen Reiches der 1870er-/Anfang der 1880er-Jahre klingen heute in unseren Ohren sehr vertraut und unterscheiden sich mitnichten vom heutigen „wahren“ Russlandbild in den westlichen Mainstream-Medien. Nichts hat sich seitdem im Wesentlichen in der europäischen bzw. westlichen Wahrnehmung Russlands geändert.

Und da braucht man nicht einmal die hasserfüllte Rhetorik des „Dritten Reiches“ in Erinnerung zu rufen, die sich über die Vernichtung der slawischen bzw. „jüdisch-bolschewistischen Untermenschen“ ausließ.

Bereits im Zeitalter des Sozialdarwinismus kannten die Phantasmagorien über die Russen und ihre rassenbiologischen Eigenschaften keine Grenzen. So schreibt der deutsch-baltische Kulturhistoriker Viktor Hehn (1813-1890) über die „russische Volksseele“ in den erst nach seinem Ableben 1892 erschienenen „Tagebuchblättern aus den Jahren 1857-1875“: „Der Russe besitzt eine große Gelenkigkeit der Glieder, aber diese gleicht mehr den Windungen allzu locker zusammengenähter Puppenteile, als dem freien, stählernen, maßvollen Fluss aller Bewegungen, den wir bei edel organisierten Völkern bewundern. Das russische Auge hat etwas Gläsernes und Oberflächliches, und hieran kann ein aufmerksamer Beobachter auch die jungen Schönheiten der höheren und höchsten Stände sogleich erkennen: da bricht kein Strahl aus den Jungesten der Seele, da spricht kein bewölkter Blick von schwärmerischem Entzücken … Alles, was Russland eigentümlich zu sein scheint, ist … entlehnt und von den Nachbarn aufgenommen. … erfunden hat Russland nichts. … Mit dem Mangel an produktiver Originalität hängt ein anderer Charakterzug, der Mangel an Idealität, im russischen Naturell zusammen. … Der Verführung durch Phantasie ist der Russe am wenigsten ausgesetzt.“13

Als Herausgeber des Werkes war Theodor Schieder von Hehns Ausführungen begeistert. Im Vorwort zu seinem Werk schreibt er euphorisch: „Wenn wir nun diese rasch hingeworfenen, stets unter dem Eindrucke des Augenblicks niedergeschriebenen Notizen, Betrachtungen und Anekdoten in Buchform unter dem von Hehn selbst gewählten Titel: >De moribus Ruthenorum< herauszugeben uns entschlossen haben, so geschieht es auf Grund der Erwägung, dass hier ein Kenner ersten Ranges sein Urteil über das russische Volkstum niedergelegt hat.“14

Und so spricht auch Richard Pohle in seinem Artikel „Russlands Ländergier“ in völligem Einvernehmen mit dem „Kenner ersten Ranges“ inmitten des „Ersten Weltkrieges“ 1916 von der Expansionspolitik des „halbasiatischen Raubstaates, der in Jahrhunderten, um sich fressend und zerstörend, Schritt für Schritt in Europa vordringt. Und wie die Schleier der Vergangenheit gelüftet werden, so fällt auch vor unseren Augen der Zukunft der Vorhang herab. In ihrer ganzen riesenhaften Größe steht sie da, die russische Gefahr.“15

Welche Lehre zieht nun unser zweiter „Kenner ersten Ranges“ aus der so verstandenen „russischen Gefahr“? Die Antwort lautet kurz und knapp: Russland müsse zerstückelt werden! „Polen, Finnland, Transkaukasien dürfen nicht mehr Ausfalltore Russlands sein. Erst wenn der Bär in seinem alten Lager, in der sarmatischen Tiefebene liegen wird, dann wird die russische Gefahr für Europa geschwunden sein“ (ebd., 38).

In die Sprache des „Kalten Krieges“ übersetzt, würde man Pohles „Lehre“ die „Roll-Back“-Politik nennen. Und heute? Heute werden die Russen nicht mehr rassenbiologisch abgewertet. Ist die Rassenideologie etwa nicht mehr en vogue? Keineswegs! Die ehem. „slawischen Untermenschen“ werden heute auf wundersamer Weise zu den „Ariern“ der Gegenwart aufgewertet und als „Faschisten“ denunziert bzw. „Putinismus“ mit „Faschismus“ gleichgesetzt.

Deswegen spricht unser „verehrter“ EU-Abgeordneter vom „zweite(n) faschistisch(en) Überfall auf das Land seit dem deutschen Überfall 1941“. Seine Halbbildung und Selbstgerechtigkeit ist keine Ausnahme, sondern eher die Regel unter den Eurokraten sowie dem EU-europäischen und US-amerikanischen Machtestablishment.

Denn würde man die völkerrechtswidrigen Interventions- und Angriffskriege der USA und ihrer Nato-Verbündeten in den vergangenen Jahrzehnten von 1999 bis 2021 mit dem gleichen Maß messen, so müssten wir die „westlichen Demokratien“ allesamt ebenfalls als „faschistische Regime“ denunzieren.

Solange wir in Russland nur einen Außenfeind sehen, stets anpöbeln, anprangern und verunglimpfen, statt auch die eigene Mitschuld am Ukrainekrieg anzuerkennen, werden wir weitere europäische Krisen und Kriegsschauplätze erleben, was mit Sicherheit nicht im Sinne der Eurokraten ist. Wer aber Hass sät, wird früher oder später auch einen Krieg ernten.

Ohne die Überwindung des selbstverschuldeten geopolitischen Autismus, gibt es mittel- bis langfristig keine Zukunft für die Europäische Union. Und wenn sich die EU nicht beeilt, kann ihr Schicksal noch schneller besiegelt werden, als man denkt. Die jüngste Erfahrung lehrt uns freilich, dass die EU-Autisten lieber dem Rat von Karl Kraus folgen würden:

„Was jetzt die größte Rolle spielt,
das spielt jetzt keine Rolle!“16

Anmerkungen

1. Silnizki, M., Zur Frage der europäischen Glaubwürdigkeit. Von der Umarmung der US-Geopolitik erdrückt.
28. Dezember 2022, www.ontopraxiologie.de; des., Wer ist schuld an der Fortsetzung des Krieges? Über die
Friedensverhandlungen im März/April 2022. 29. August 2023, www.ontopraxiologie.de.
2. Silnizki, M., „Die russische Gefahr“. Im Schatten des Ukrainekrieges. 20. April 2022,
www.ontopraxiologie.de.
3. Sternhell, Z./Sznajder, M./Ascheri, M., Die Entstehung der faschistischen Ideologie. Von Sorel zu Mussolini.
Hamburg 1999, 17. Näheres dazu Silnizki, M., Russlandbild in Vergangenheit und Gegenwart. Vom
biologischen zum geopolitischen Rassismus? 5. Oktober 2022.
4. Näheres dazu Silnizki, M., Im Kriegsjahr 2022. Entstehungsjahr eines nachhegemonialen Zeitalters? 3. Mai
2022, www.ontopraxiologie.de.
5. Mick, Christoph, Die „Ukrainermacher“ und ihre Konkurrenten. Strategien der nationalen Vereinnahmung
des Landes in Ostgalizien, in: Comparativ 15 (2005), H. 2, 60-76 (60 f.).
6. Näheres dazu Silnizki, M., Ist die Ukraine noch zu retten? Zwischen Bürgerkrieg, Kulturkampf und
Geopolitik. 21. Juni 2022, www.ontopraxiologie.de.
7. Zitiert nach Matthias, L. L., Die Kehrseite der USA. Rowohlt 1964, 81.
8. Vgl. Silnizki, M., Russlandbild in Vergangenheit und Gegenwart. Vom biologischen zum geopolitischen
Rassismus? 5. Oktober 2022.
9. Weischedel, W., Wirklichkeit und Wirklichkeiten. Aufsätze und Vorträge. Berlin 1960, 163 f.
10. Scheidegger, G., Perverses Abendland – barbarisches Russland. Begegnungen des 16. und 17. Jahrhunderts
im Schatten kultureller Missverständnisse. Zürich 1993, 9.
11. Dostojewski, F. M., Politische Schriften. München 1923, 201 f.
12. Zitiert nach Wittram, R., Die russisch-nationalen Tendenzen der achtziger Jahre, in: ders., Das Nationale als
europäisches Problem. Beiträge zur Geschichte des Nationalitätsprinzips vornehmlich im 19. Jahrhundert.
Göttingen 1954, 183-213 (188).
13. Hehn, V., De moribus Ruthenorum. Zur Charakteristik der russischen Volksseele. Tagebuchblätter aus den
Jahren 1857-1875. Hrsg. v. Theodor Schiemann. Berlin 1892, 6 ff.
14. Schiemann, Th., Vorwort, in: Hehn (wie Anm. 13), 12.
15. Pohle, R., Russlands Ländergier, in: Rohrbach, P. (Hrsg.), Die russische Gefahr. Beiträge und Urkunden zur
Zeitgeschichte. Stuttgart 1916, 14.
16. Kraus, K., Worte in Versen. München 1959, 169.

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