Verlag OntoPrax Berlin

Über Diener der Macht und Macht der Diener

Gesichter und Gestalter der Außenpolitik

Übersicht

1. Ein Modezar, ein Machtpolitiker und ein Machtinszenator
2. Lawrow als Realpolitiker
3. Putin ist nicht Chruschtschow
4. Merz und die Kriegspropaganda

Anmerkungen

„Außenpolitik ist die Kunst, einem anderen so lange auf
den Zehen zu stehen, bis dieser sich entschuldigt.“

(Charles Maurice de Talleyrand)

 

1. Ein Modezar, ein Machtpolitiker und ein Machtinszenator

Als der russische Graf Oleg Loiewski in Paris geboren und als renommierter US-amerikanischer Designer in New York gestorben, war der Sohn russischer Adliger, Oleg Cassini (1913-2006), von 1961 bis 1963 exklusiver Chefdesigner und Stilberater von Jacqueline Kennedy. In dieser Funktion schuf er ihren legendären Look, ging im Weißen Haus ein und aus, entwarf über 300 Kleider für die First Lady und unterhielt sich häufig mit John F. Kennedy.

In seinen Memoiren „In My Own Fashion“ (1987) und seinem Werk „A Thousand Days of Magic: Dressing Jacqueline Kennedy for the White House“ (1995) berichtete Cassini ausführlich über seine persönlichen Gespräche mit Kennedy.

In einem Gespräch über Machiavellis „Der Fürst“ betonte Cassini, dass ein erfolgreicher Politiker sich den Umständen meisterhaft anpassen und gleichzeitig den Anschein unerschütterlicher Prinzipien wahren müsse. Der ideale Anführer müsse, so Machiavelli, die Eigenschaften eines Löwen (Stärke und Entschlossenheit) und eines Fuchses (List und Wendigkeit) vereinen.

Kennedys Reaktion auf Cassinis Verweise auf Machiavelli war dabei stets von einer Mischung aus Amüsement und Skepsis geprägt.

Als Cassini Machiavellis Konzept der „Anpassungsfähigkeit“ (Versatilità) – die Fähigkeit eines Staatsmannes, sich wie ein Chamäleon den Umständen anzupassen, thematisierte, fand dies bei JFK zwar Anklang. Kennedy betrachtete aber die Thesen wie die Notwendigkeit, gefürchtet zu werden, eher als historisches Kuriosum oder überspitzte Provokation.

Er akzeptierte zwar Cassinis Argument, dass ein moderner „Prince“ (Staatsmann) seine Flexibilität durch seinen Stil und seine mediale Präsenz ausdrücken muss und erlaubte Cassini, diesen „machiavellistischen“ Ansatz auf die Garderobe von Jacqueline Kennedy zu übertragen, um eine Aura von Souveränität und zeitloser Macht zu schaffen.

Im Gegensatz zum Modezaren, Cassini, wusste Kennedy aber ganz genau zwischen Machtfassade („Garderobe“) und Machtrealität im politischen Handeln zu unterscheiden. Und vor allem musste keiner ihm erklären, was Machtpolitik ist.

Überliefert ist Kennedys Draufgängertum in der Kubakrise 1962 und die Atmosphäre der innersten Entscheidungszirkel des Krisenmanagements, in welcher die Kennedy-Brüder ihre Absichten gegenüber Chruschtschow artikulierten: „Sie planten, >to cut his balls off<, ihm >die Hoden abzuschneiden<, ihn folglich zu >kastrieren<.“1

Kein Geringerer als der damalige Verteidigungsminister, Robert S. McNamara, hob noch Jahre später immer wieder hervor, „wie knapp man an der Katastrophe vorbeigeschlittert sei.“ Die treibende Kraft in diesem machtpolitischen Pokerspiel war John F. Kennedy selber.

Ihm gelang es „Chruschtschow öffentlich zu demütigen: Sein Widersacher spielte das amerikanische >Chicken-Spiel< nicht mit und gab nach; diese >Blamage< trug später entscheidend zu seinem Machtverlust bei … Dass es Kennedy um die Desavouierung seines Gegenspieles ging, während er gleichzeitig hinter dem Rücken seiner Berater selbst mit Chruschtschow Kompromisse aushandelte, hat Hersch in The Dark Side of Camelot minutiös rekonstruiert. Am Ende … steht der >kastrierte< Chruschtschow als Beispiel skrupulöser politischer Vernunft da und der >siegreiche< Kennedy als rücksichtsloser Risikospieler.“2

Im Vergleich zum Machtmenschen Kennedy spielt der russische Ex-Präsident, Dmitrij Medwedew, einen Machtpolitiker nur vor, hinter dem keine reale Macht steht, auch wenn er nominal ein hohes Staatsamt bekleidet.

Nie um ein Wort verlegen, aber in seiner Wirkung folgenlos inszeniert sich Medwedew immer und immer wieder als Scharfmacher und Draufgänger in seinen Stellungnahmen zu aktuellen politischen Tagesthemen. So auch jetzt!

Am 4. Juni 2026 schreibt er, wie immer, sarkastisch und boshaft zugleich: „An der Westfront ist nichts Neues: Die USA bereiten neue Sanktionen gegen Russland und Waffenlieferungen nach Kiew vor, wohingegen die Gay-Europäer mit seinen immer mager werdenden Brüsten weiterhin den militärischen Appetit der jungen ukrainischen Nazis stillen. Ein polnischer Politiker merkte kürzlich über die seltsame Beziehung zwischen den EU-Ländern und Banderas >Ukraine< an: Es sei das erste Mal in der Geschichte der internationalen Finanzen, dass Staaten, die helfen wollen, anstatt einen Kredit zu vergeben, selbst Geld leihen und es bedingungslos und ohne Rückzahlungspflicht übergeben und die Last der Rückzahlung auch selbst übernehmen.

Genau das machen sie, aber eben nicht aus Liebe zu den >freiheitsliebenden Ukrainern< (вільним українцям). Es gibt dafür nur einen einzigen Grund: den tiefsitzenden Hass der westlichen Eliten auf Russland. Warum ist das so? Weil Hass gelegentlich irrational ist.

Wie Alexander III. einst sagte: >Russland hat keine Freunde, weil unsere Größe gefürchtet wird<. Es gibt aber auch ganz pragmatische Gründe für diesen Hass – den Wunsch, Russland zu zerschlagen und Zugang zu unserem Reichtum zu erhalten. Da dies aber ohne den nuklearen Zusammenbruch der Zivilisation unmöglich ist, knirschen die westlichen, zumeist europäischen Bastarde ständig mit den Zähnen.

Wir müssen uns deshalb ohne Hysterie und Selbstgeißelung darüber im Klaren sein, dass wir westlichen Eliten niemals vertrauen dürfen. Sie sollten nicht bewundert, sondern zutiefst verachtet werden. Denn die westlichen Eliten sind erbärmlich und neidisch, schwach und hinterhältig, hässlich und eifersüchtig. Und daran müssen wir uns orientieren und zur Grundlage eines neuen Verhaltenskodex in den Beziehungen zu >westlichen Partnern< machen.“ Soweit Medwedew.

Bei näherem Hinsehen sind stets die zur Schau gestellten Wutausbrüche Medwedews nichts weiter als das Pfeifen im Walde – ein folgenloses Lamentieren und empörtes Gestikulieren, hinter dem sich kein tatkräftiges und machtvolles Handeln eines John F. Kennedy verbirgt. Vermutlich hat Medwedew Machiavellis Rat nur zum Teil gefolgt und spielt nur einen Löwen, ohne gleichzeitig ein Fuchs sein zu wollen.

„Gut gebrüllt, Löwe“, möchte unsereiner ihm zurufen. Allein: Das reicht nicht aus, um die EU-Europäer damit zu beeindrucken und/oder unter Druck zu setzen.

 
2. Lawrow als Realpolitiker

 
Ganz anderes sieht es beim alten Fuchs, dem russischen Außenminister Sergej Lawrow aus. Er setzt sich nicht in Szene als Scharfmacher und Draufgänger, er inszeniert sich nicht als Löwe, er ist kein Rollenspieler, sondern ein Machtspieler.

Neulich gab er am 5. Juni ein Interview der Zeitung „Iswestija“ in St. Petersburg. Darin hat Lawrow sich als Realpolitiker präsentiert. Gefragt danach, ob „die gefährlichste Phase“ bei der „tektonischen Verschiebungen der globalen Weltordnung“ bereits hinter uns liegt, sagte Lawrow: „Wissen Sie, das ist eine Frage für Astrologen und Politikwissenschaftler. Wir, die wir in der praktischen Diplomatie und Außenpolitik tätig sind, ziehen es schließlich vor, keine Vorhersagen zu treffen, sondern uns täglich auf die Lösung der aktuellen Probleme zu konzentrieren, denn aus diesen >Bausteinen< wird die Zukunft gemacht.“

Und wie sehen für Lawrow diese „Bausteine“ der Zukunft aus? Die Welt werde „multipolar und polyzentrisch“ sein. Sie werde sich laut Lawrow nach den Mustern entwickeln, die sich „im Rahmen von Strukturen abzeichnen, in denen Russland und China aktiv vertreten sind: BRICS und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO).“

„Die Versuche, diesen Prozess zumindest zu verlangsamen, dauern an. … Das Vorgehen des Westens zwingt uns dazu, aktiv nach Formen der Beziehungen zu unseren Partnern zu suchen, die in Bezug auf finanzielle Vereinbarungen, wirtschaftliche Prinzipien, Logistik und Handelswege nicht vom Westen abhängig sind.“

Vom Interviewer darauf aufmerksam gemacht, dass „Washington sich nach wie vor als Hegemonialmacht positioniert, die entscheidet, wo es einen Krieg gibt und wo Frieden herrscht“, geht Lawrow mit Trumps Iran- und Russlandpolitik hart ins Gericht.

Trump erklärte einst, er werde „den Iran als Zivilisation zerstören. Dies ist ein durchaus ambitioniertes Ziel; niemand zweifelt jedoch daran, dass es unerreichbar ist. Nun fordern die Amerikaner, dass der Iran sein Atomwaffenprogramm aufgibt und die Straße von Hormus öffnet. Vor dem unprovozierten Angriff der USA und Israels am 28. Februar war die Straße von Hormus frei und für alle zugänglich. Keiner hatte damit Probleme.“

Und was die US-Russlandpolitik angeht, so jährt sich am 15. August dieses Jahres der Alaska-Gipfel, bei dem die russische Führung nach eingehender Prüfung die amerikanischen Vorschläge zur Ukraine akzeptierte. „Seitdem sind keine Fortschritte erkennbar, kein Bestreben, die Ukraine zur Annahme dieser Vorschläge zu bewegen. Sämtliche von Biden verhängten Sanktionen werden unverändert verlängert. Und nun hat die Trump-Administration zusätzliche Sanktionen gegen Lukoil, Rosneft und viele weitere Unternehmen verhängt.

Das Pentagon unterstützt offen nicht nur europäische Waffenkäufe für die Ukraine, sondern auch gemeinsame Programme mit ukrainischen Partnern zur Entwicklung verschiedener Waffentypen. Der Haushalt des US-Verteidigungsministeriums sieht eine militärische Unterstützung für die Ukraine bis 2029 vor. Dies ist kein >Erbe Bidens< mehr, sondern eine Entscheidung der aktuellen Administration“, sagte Lawrow verärgert.

Und Europa? Trump erklärte, die Ukraine werde der Nato nicht beitreten, wohingegen der Nato-Generalsekretär, Mark Rutte, am 4. Juni in Kiew das Gegenteil verkündete. „Europa will beweisen, dass es die Fäden in der Hand hält und seine Unterstützung für das Nazi-Regime nicht aufgibt“, entrüstet sich Lawrow in seinem Interview und fährt fort: „Diesem Regime verspricht Europa nach Kriegsende Sicherheitsgarantien. Ein Regime, das die russische Sprache und die kanonische ukrainisch-orthodoxe Kirche entgegen aller internationalen Normen, darunter der UN-Charta, zahlreicher Konventionen und der ukrainischen Verfassung verboten hat. Sie erlassen Gesetze, die gegen ihre eigene Verfassung verstoßen und kein europäischer Politiker hat es bisher angeprangert.“

Lawrow wusste ganz genau, wovon er redet. Bereits im Vorfeld des Kriegsausbruchs in der Ukraine hielt er in den Räumen des russischen Außenministeriums am 14. Januar 2022 eine Neujahrrede, in der er eine harsche Kritik gegen den „Westen“ äußerte.

Der „Westen“ betreibe laut Lawrow seit Jahren „eine Re-Ideologisierung der internationalen Beziehungen“ (реидеологизация международной жизни), und zwar nicht auf der Grundlage der Systemkonfrontation wie zu Zeiten des „Kalten Krieges“, sondern auf einer axiologisch geleiteten Eindämmung der vitalen geo- und sicherheitspolitischen Interessen Russlands und Chinas.

„Die Politik der USA und der Nato ist offen darauf ausgerichtet, China und die Russische Föderation einzudämmen. Die Versuche, die Ukraine in die Nato einzubeziehen, dauern an. Kürzlich sprach sich die Nato- und US-Führung dafür aus, auch die skandinavischen Länder in die Nato-Struktur zu integrieren. Die Versuche, diese Struktur, die nach dem Kalten Krieg und dem Zerfall des Warschauer Pakts ihre Daseinsberechtigung verloren hat, künstlich … zu erweitern, dauern an.“

Und nun ist „unsere Geduld am Ende“, empörte sich Lawrow und zeigte damit, wie verärgert doch die russische Führung war und dass sie nicht mehr gewillt war, diese Hinhaltetaktik zu tolerieren. Die Folgen dieser Ungeduld sind bekannt. Nach gut vier Jahren Krieg in der Ukraine ist die Konfrontation zwischen Russland und dem „Westen“ allerdings nicht geringer geworden und dauert unvermindert fort.

Lawrows Feststellung, dass Bidens Krieg nunmehr zu Trumps Krieg geworden ist, was Trump stets vehement bestreitet, lässt nichts Gutes erwarten und zeigt, dass die russische Führung genau weiß, welches Doppelspiel die Trump-Administration betreibt.

Neulich bestätigte kein geringerer als der US-Außenminister, Marco Rubio, Lawrows Äußerung, als dieser am 5. Juni vor dem Senatsausschuss des Kongresses klipp und klar verkündete: „We are not impartial mediators in that war. We don’t provide weapons to Russia.We only provide weapons to Ukraine. We don’t impose sanctions on Ukraine. We only impose sanctions on Russia. So we have clearly taken a side. We continue to sell weapons to Ukraine …“ (Wir sind in diesem Krieg keine unparteiischen Vermittler. Wir liefern keine Waffen an Russland, sondern nur an die Ukraine. Wir verhängen keine Sanktionen gegen die Ukraine, sondern nur gegen Russland. Wir haben also eindeutig Partei ergriffen. Wir verkaufen übrigens weiterhin Waffen an die Ukraine …).

Der Krieg in der Ukraine geht, wie man sieht, mit einer unverhohlen tatkräftigen Unterstützung der Trump-Administration unvermindert weiter. Und die sog. „Friedensverhandlungen“ erweisen sich immer mehr als eine US-Machtinszenierung, hinter der sich eine Eindämmungspolitik à la Trump verbirgt.

Der sog. „Geist von Anchorage“ war immer schon eine Totgeburt und allein ein Wunschdenken der Russen. Wer mit dem Teufel Geschäfte macht, muss teuflisch aufpassen, nicht reingelegt zu werden. Der alte Fuchs und Realpolitiker Lawrow hat das verstanden. Versteht Putin das auch, der bis heute weiter zu lavieren scheint?

 
3. Putin ist nicht Chruschtschow

 
Bei einem Treffen mit den Leitern internationaler Nachrichtenagenturen im Rahmen des Internationalen Wirtschaftsforums St. Petersburg (SPIEF) antwortete Putin am 4. Juni 2026 auf die Frage eines französischen Journalisten, der auf Schwierigkeiten in der russischen Wirtschaft hingewiesen hat, mit einem Zitat von Mark Twain: „Was die Wirtschaft betrifft, so sind, wie Mark Twain sagte, die Gerüchte über meinen Tod übertrieben. Und so ist es auch jetzt. Was also haben sie vorhergesagt? Eine Niederlage auf dem Schlachtfeld. Der ehemalige US-Präsident sagte, die russische Wirtschaft liege in Trümmern.“

„Man darf Wunschdenken mit der Realität nicht verwechseln“, fügte Putin gleich hinzu und man konnte sich erneut des Eindrucks nicht erwehren, wie defensiv und selbstrechtfertigend er doch argumentiert. Und man fragt sich bei Putins Auftreten immer wieder: Präsentiert sich hier einer, der die Ruhe in Person und seiner Sache sicher ist, oder ist das nichts weiter als eine Masche und routinierte Selbstinszenierung?

Vor dem Hintergrund der spektakulären Drohnenangriffe aus der Ukraine ist die Stimmung in Russland ziemlich gereizt und die Bevölkerung erwartet von ihrer politischen Führung eine entschiedene und ebenfalls spektakuläre Reaktion darauf. Und die Drohnenangriffe häufen sich wie z. B. in der Nacht zum 6. Juni. An dieser Nacht führten Drohnen aus der Ukraine (und nicht die ukrainischen Drohnen, wie stets irreführend berichtet wird) einen großangelegten Angriff auf mehrere Ziele in St. Petersburg, der Region Leningrad und anderen russischen Regionen durch.

Der Drohnenangriff erfolgte nur wenige Stunden nach Putins Rede auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg, in der er die Notwendigkeit betonte, das Luftverteidigungssystem des Landes weiter zu stärken.

Wohl gemerkt: Putin spricht die ganze Zeit immer und immer wieder von der Notwendigkeit der Stärkung des Luftverteidigungssystems – eine Defensivmaßnahme, die eine psychologische und mediale Kriegsführung vermissen lässt.

„Wir sind besorgt über die Versuche, eine Reaktion Russlands zu provozieren, eine ähnliche Reaktion hervorzurufen. Die ukrainischen Bürger müssen das verstehen“, zitierte RT den Staatschef, der stets solche Angriffe als ein „Terrorakt“ charakterisiert, zugleich aber im Ungefähren bleibt.

Es ist auffallend, dass Putin und seine Mannschaft der psychologischen Kriegsführung und der tobenden Kriegspropaganda im „Westen“ viel zu wenig Bedeutung beimisst. Die Unterschätzung der Kriegspropaganda ist aber nicht unproblematisch, suggerieren die europäischen Mainstream-Medien doch neuerdings eine vermeintliche Schwäche Russlands und erwecken den Eindruck einer Kriegswende zu Gunsten der Ukraine.

Nichtsdestotrotz darf man sich von diesem medialen Spektakel weder blenden noch täuschen lassen. Russland hat die strategische Initiative auf seiner Seite und befindet sich nach wie vor und ohne Wenn und Aber auf dem Vormarsch.

Russland ist weder ein „Papiertiger“, wie Trump es im September 2025 beteuerte, noch Putin ist Chruschtschow, der in der Kubakrise, wie gesehen, zurückschreckte.

Ein russischer Politikwissenschaftler, Aleksej Fenenko, hat vor zwei Jahren in einem Interview am 13. Mai 2024 die kühne These vertreten, dass „die USA aus der Kubakrise den Schluss gezogen haben, dass die Sowjetunion in einem kritischen Moment zurückschrecken wird. Das ebnete den Amerikanern den Weg, in Vietnam und anderen Teilen der Welt in den Krieg zu ziehen.“

Man sollte darauf lieber nicht wetten, dass Russland unter Putin ebenfalls wie zurzeit der Kubakrise „in einem kritischen Moment“ zurückschrecken werde und die USA mit ihren Nato-Bündnisgenossen endlos eskalieren und sich jede denkbare und undenkbare Provokation leisten könnten.

Die gängige Meinung, die russische Führung würde sich gar nicht trauen, den letzten und entscheidenden Schritt zu tun, um alle zur Verfügung stehenden Mittel, einschließlich Nuklearwaffen, einzusetzen, sollte man sich lieber nicht zu eigen machen und sich nicht in trügerischer Sicherheit wiegen. Putin hat bereits mehrmals bewiesen, dass er seinen Worten Taten folgen lässt.

Es ist darum manchen Hasardeuren in Europa und den USA abzuraten, wie zurzeit der Kubakrise „Chicken Game“ zu spielen.

Putin verfolgt zudem auch eine ganz andere Geopolitik als Chruschtschow und seine Nachfolger. Er ist zur traditionellen, bis auf Stalin mitgetragenen Kontinentalmachtstrategie zurückgekehrt3. Russland hat gerade unter Putin der sowjetischen, seit Chruschtschow eingeleiteten Weltmachtstrategie abgeschworen und sie endgültig aufgegeben.

Der Ukrainekonflikt reiht sich in diese Kontinentalmachtstrategie ein, die sich vor allem vehement gegen eine weitere Nato-Expansionspolitik wehrt, vor der solche ausgewiesenen Russlandkenner wie George F. Kennan bereits in den 1990er-Jahren eindringlich gewarnt haben. Die Ukraine wäre als Nato-Mitglied für Russland eine geostrategische Katastrophe, da es eine „strategische Tiefe“ – „den Puffer zwischen dem russischen Kernland und mächtigen europäischen Gegnern“ – verloren hätte, worauf die US-Denkfabrik Carnegie Endowment vor Jahren schon hingewiesen hat.4

Russland fühlt sich darum – zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt – geo- und sicherheitspolitisch existenziell bedroht und wird, falls nötig, bis zum bitteren Ende kämpfen. Das macht den wesentlichen Unterschied zur Kubakrise. Im Gegensatz zur Sowjetunion unter Chruschtschow ist Russland unter Putin zu allem entschlossen.

Wer glaubt, die russische Führung mit irgendwelchen Drohgebärden und/oder Provokationen einschüchtern zu können, ist auf dem Holzweg. Er riskiert dabei die Unvermeidbarkeit des Unmöglichen hautnah zu erleben

Als Putin am 18. Oktober 2018 am jährlichen internationalen Waldai-Forum in Sotschi teilnahm und über die Fragen der nuklearen Abschreckung diskutierte, reagierte er auf eine Frage des Moderators unter Gelächtern und großem Applaus des Publikums mit folgender Replik: „Der Kern der russischen Atomdoktrin besteht darin, dass der Angreifer wissen muss, dass die Vergeltung unvermeidlich ist und dass er vernichtet wird … Wir werden dabei als Märtyrer in den Himmel kommen, sie werden hingegen einfach verrecken, weil sie nicht einmal Zeit haben werden, Buße zu tun.“

Kurzum: Falls die EU-Politmatadoren lebensmüde geworden sind, sollten sie ruhig weiter drohen, provozieren und eskalieren. Vielleicht haben sie dann mehr Glück und kommen zusammen mit Putin ebenfalls „als Märtyrer in den Himmel“.

 
4. Merz und die Kriegspropaganda

 
Die Unterschätzung der Kriegspropaganda ist, wie gesagt, nicht unproblematisch. Bereits der „Diktator im Ersten Weltkrieg“5, Erich Ludendorff (1865-1937), maß der Kriegspropaganda große Bedeutung zu. Mit Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg bildete er die Dritte Oberste Heeresleitung (OHL). Ludendorff sah die Kriegspropaganda als Massenpsychologie an, um den Durchhaltewillen der Bevölkerung („Heimatfront“) für Kriegsanleihen und Entbehrungen zu sichern.

Im Gegensatz zur deutschen war allerdings die britisch-amerikanische Kriegspropaganda viel unverhohlener, brutaler und damit in ihrer Wirkung „auf die eigene Bevölkerung wie auf die neutralen Staaten sehr viel erfolgreicher als die fast harmlos und bieder erscheinende deutsche Propaganda, die bis zum Kriegsende 1918 auf Gräuelmotive verzichtete.

Den Alliierten bot beispielsweise der deutsche Einmarsch in das neutrale Belgien mit der Ermordung von über 6.500 Zivilisten und der willkürlichen Zerstörung von Dörfern und Städten genügend Anlass, „das Bild des deutschen Soldaten als mordenden Barbaren oder vergewaltigende Bestie zu zeichnen.“

Der „hässliche Deutsche“, der „Hunne“ sowie die „Vergewaltigung der Nachbarstaaten“ tauchten als Plakatmotiv im Verlauf des Krieges immer wieder auf. Preußischer Militarismus und kaiserlicher Großmachtwahn hießen die Übel, von denen die Welt befreit werden musste. Die Deutschen, das waren vor allem die „Barbaren“. Geschichten deutscher Gräueltaten an der Zivilbevölkerung wurden von den Propagandisten ausführlich beschrieben und verbreitet.

Furchteinflößende Visionen von einer deutschen Herrschaft in Europa sollten den Kriegswillen gegen Deutschland stärken. Dafür fanden die Künstler drastische Bilder: Deutsche Soldaten hinterließen in Frankreich und Belgien als „Mordbrenner“ zerstörte Kirchen, stießen den Gekreuzigten in den Schmutz und zogen als „King Kong“ plündernd und frauenschändend durch die Lande.6

Nicht anders sieht es auch heute in der Ukrainekrieg aus. Wer das Kriegsgeschehen der vergangenen vier Jahre Revue passieren lässt, merkt schnell, dass die Kriegsberichtserstattung in Europa mehr Verwirrung als Aufklärung schafft und oft wortreich nichts über das tatsächliche Geschehen am Ort des Geschehens sagt, umso mehr aber eine gezielte antirussische Kriegspropaganda betrieben wird.

Sie geschieht sowohl durch bewusst gestreute Desinformationen der Kriegsberichterstatter als auch durch Vorenthalten und Unterschlagen von Informationen. Auch die „Gräueltaten“ der Russen dürfen ebenso wenig fehlen, wie der „heldenhafte“ Kampf der Ukraine für „unsere“ Demokratie, „unsere“ Freiheit und natürlich „unsere“ Menschenrechte gegen die russischen „Barbaren“.

Mit Verweis auf den französischen Historiker, Astolphe de Custine (1790-1857), der in seinem Werk „Russland im Jahre 1839“ gesagt haben soll: „Russland ‌ist in unseren Tagen für den ​Beobachter das merkwürdigste Land, ‌weil man in ihm die tiefste Barbarei neben der ‌höchsten ​Civilisation findet“, beteuerte unser verehrter Bundeskanzler, Friedrich Merz, am 18. Februar 2026: „Wir erleben im Augenblick dieses Land in einem Zustand der tiefsten Barbarei. Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern, und damit müssen wir uns abfinden.“

Indem er de Custine zitiert, suggeriert Merz dem gemeinen Volk, gebildet und kultiviert zu sein; er merkt nur nicht, wie deplatziert seine Äußerung ist. Wer auch immer dem „Bildungsbürger“ Merz das Zitat empfohlen hat, hat ihm einen Bärendienst erwiesen.

Versteht ein Gelehrter des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem griechischen Wort „βάρβαρος“ (bárbaros) einen „Fremden“ bzw. jemand, der „nicht Griechisch spricht“ und unter „Barbarei“ folgerichtig Unkultiviertheit, so versteht man heute darunter eine ungezügelte Rohheit, Grausamkeit, Unmenschlichkeit und die fehlende Zivilisation und Kultur.

Merz legt de Custines Äußerung über „die tiefste Barbarei“ ein rassenbiologisches Begriffsverständnis des 20. Jahrhunderts zugrunde, das ein Gelehrter der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unmöglich haben konnte, missbraucht das Zitat denunziatorisch zwecks Diffamierung und Verunglimpfung einer ihm fremden und unbekannten Kultur und bedient damit nur – bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt – die in Teilen der deutschen Gesellschaft vorherrschenden rassenbiologischen Ressentiments über die „slawischen Untermenschen“.

Damit benutzt er „den“ Russen als Hassprojektion, um eine beschleunigte Militarisierung der deutschen Außenpolitik wie auch seine hassgetriebene Russlandpolitik zu rechtfertigen. Was für eine „wunderbare“, „zukunftsträchtige“ Entwicklung vollzieht Deutschland unter unserem verehrten Bundeskanzler Merz! Was hätte sein Amtsvorgänger und Historiker, Dr. Helmut Kohl, dazu gesagt?

Wie dem auch sei, der Erste Weltkrieg markiert, wie gesehen, den Beginn dieser „wunderbaren“ Entwicklung. Nationalchauvinismus, Rassenhass und die Entmenschlichung des Feindes in bislang unerhörtem Ausmaß wären undenkbar ohne jene Kriegspropaganda, „die zu den herabwürdigenden, geradezu schmutzigen Gefühlen des grausamen Hasses, der Rachesucht, der restlosen Vernichtung des Gegners“7 geführt hat.

Heute beobachten wir seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine die Rückkehr der Feinbilder auf die Bühne der nie enden wollenden Konfrontation zwischen Russland einerseits sowie Deutschland und Europa andererseits, die auf ein dreifaches Spannungsverhältnis zurückzuführen ist.

Es ist ein Spannungsverhältnis zwischen der durch die Kriegspropaganda hervorgerufene Mentalität der „Entmenschlichung“, der ideologisch verbrämten Selbst- und Fremdbilder und der geopolitisch veränderten Kräfteverhältnisse zu Lasten des „Westens“. Das verleitet die einen wie Merz dazu, Russland mit „Barbarei“ gleichzusetzen, und die anderen es als „Faschismus“ zu denunzieren.8

Diese gefährliche Tendenz der Entmenschlichung des geopolitischen Rivalen kann nicht nur zur „Abkehr von realistischer Politik“9 führen, sondern auch eine unkontrollierte Eskalation mit verheerenden Folgen für alle Seiten hervorrufen.

Russland unter Putin sei ein „faschistoides Regime“, vor dem man weder Angst noch Respekt, aber viel „Verachtung“ und „Abscheu“ empfinden müsse. Denn „das Grundproblem mit Russland“ sei – behauptet eine pseudowissenschaftliche Studie – „die Natur des Regimes, welches sich in einen faschistoiden Größenwahn hineingesteigert hat und offenbar unbeirrt an der Umsetzung seiner imperialen Pläne arbeitet: der Revision des Endes des Kalten Krieges zu russischen Bedingungen.“10

Diese völlig abstruse, ja hasserfüllte These hält keiner Kritik stand. Der Faschismus-Begriff ist längst zu einem vom zeitgeschichtlichen Zusammenhang losgelösten Schimpfwort verkommen, das bei jeder Gelegenheit mantraartig allerseits und allerorts angewandt und gegen jeden x-beliebigen politischen und/oder geopolitischen Gegner denunziatorisch missbraucht wird.11

Wer darauf beharrt, den sog. „Putinismus“ mit „Faschismus“ gleichzusetzen, will verleumden und denunzieren, schürt nur noch die hasserfüllten Ressentiments und hat entweder keine Ahnung von dessen geistes-, zeit- und verfassungsgeschichtlichen Wurzeln oder missbraucht das Schlagwort >Faschismus< sinnentleert als Instrument der Kriegspropaganda zwecks Entmenschlichung des geopolitischen Rivalen.

Wer auf die Entmenschlichung des Gegners setzt, will dessen Vernichtung, provoziert eine nie enden wollende Eskalation und riskiert im Nuklearzeitalter das biblische Armageddon – die endzeitliche Entscheidungsschlacht. Ob die Kriegspropagandisten das begreifen? Wissen Sie überhaupt, worauf sie sich da einlassen und wo das enden kann?

Heute sehen wir mit bloßem Auge, wie der zur Gründungszeit der Bundesrepublik zunächst noch latent vorhandene und unterdrückte, im „Kalten Krieg“ sodann demokratisch verklärte Russenhass nunmehr in Zeiten des Ukrainekrieges auf die Oberfläche der Geschichte ungeniert hochkommt und sich zu voller Blüte entfaltet.

Es bestätigt sich von Neuem die längst vergessen geglaubte Erkenntnis, dass die eigenen Verbrechen, Gräueltaten und Aggressionen mit dem Hinweis auf die Verbrechen und Aggressivität der „Anderen“ verdrängt, relativiert, verharmlost und abgetan werden.

Anmerkungen

1. Zitiert nach Krippendorff, E., Kritik der Außenpolitik. Frankfurt 2000, 97.
2. Krippendorff (wie Anm. 1), 98.
3. Vgl. Silnizki, M., Putins Kontinentalmachtstrategie. Zur Ukrainepolitik als Anti-Russlandpolitik.
25. Juli 2022, www.ontopraxiologie.de.
4. Rumer, E./Weiss, A. S., Ukraine: Putin`s Unfinished Business. Carnegieendowment.org 12.11.2021.
5. Nebelin, M., Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler 2010.
6. Siehe LeMO. Lebendiges Museum Online. Erster Weltkrieg. Kriegspropaganda. 1914.
7. Mosse, G. L., Der Erste Weltkrieg und die Brutalisierung der Politik, in: Funke, M., u. a. (Hrsg.) Demokratie
und Diktatur. Düsseldorf 1987, 127-139.
8. Vgl. Silnizki, M., Russlandbild in Vergangenheit und Gegenwart. Vom biologischen zum geopolitischen
Rassismus? 5. Oktober 2022, www.ontopraxiologie.de.
9. Vgl. Bracher, K. D., Der historische Ort des Zweiten Weltkrieges, in: 1939, An der Schwelle zum Weltkrieg,
hrsg. v. Klaus Hildebrand u. a. Berlin/New York 1990, 347-374 (354).
10. ISPK: „Die militärische Lage in der Ukraine seit Beginn des russischen Überfalls und die Aussichten für eine
Beendigung des Krieges“. 12. Juni 2022, S.17.
11. Näheres dazu Silnizki (wie Anm. 8).

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