Verlag OntoPrax Berlin

Pax Americana versus Großeurasien

Der Kampf um die Weltherrschaft

Übersicht
1. „Die neue unangenehme Realität“
2. Der Irankrieg und die imperiale Überdehnung
Die gescheiterten „Imperative imperialer Geostrategie“

Anmerkungen

„Есть десятилетия, когда ничего не происходит, и недели,
за которые происходят десятилетия“
(Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts passiert, und Wochen,
in denen Jahrzehnte passieren.)

(Vladimir Lenin?)

 

1. „Die neue unangenehme Realität“

Am 18. Mai 2026 forderte der litauische Außenminister, Kęstutis Budrys, in einem Interview mit der Neue Zürcher Zeitung (NZZ) die Nato auf, die russischen Streitkräfte in Kaliningrad anzugreifen, und behauptete, dass die Nato notfalls in der Lage sei, die russische Luftverteidigung und Raketenbasen in Kaliningrad dem Erdboden gleichzumachen.

In einer am 29. Mai stattgefundenen Pressekonferenz in Kasachstan wurde Putin darauf angesprochen und gebeten, zu der Äußerung des litauischen Außenministers Stellung zu nehmen. Putins Reaktion erfolgte prompt und schroff: „У Российской Федерации есть все средства сравнять с землей всех, кто попытается это сделать“ (Die Russische Föderation verfügt über alle Mittel, um alle, die dies versuchen, dem Erdboden gleichzumachen).

In Russland lösen solche und ähnliche Entgleisungen der EU-Politprominenz im besten Falle nur ein müdes Lächeln und im schlimmsten Falle ein Befremden aus. „Die Welt ist verrückt geworden“, ist eine Floskel, die in solchen Fällen immer wieder zu hören ist. Wir leben in gefährlichen Zeiten und manchmal weiß man nicht so genau, ob wir uns bereits im Kriegszustand befinden oder noch in Friedenszeiten leben.

Und manche Zeitgenossen glauben, dass eigentlich beides gleichzeitig stattfindet. „Мир во время войны“ (Frieden in Zeiten des Krieges)! Unter diesem Titel veröffentlichte Dmitrij Trenin (RIAC-Präsident u. ehem. Direktor des Carnegie Moscow Center) in Russian International Affairs Council (RIAC) am 26. Mai 2026 seinen kleinen Artikel.

„Das Dilemma >Krieg oder Frieden< ist unter den gegenwärtigen Umständen irreführend“ (Дилемма — война или мир — в нынешних условиях ложная), stellte Trenin gleich im ersten Satz seiner Ausführungen fest und vertrat die These, dass die Konfrontation mit dem „Westen“ weitergehen werde, selbst wenn der Ukrainekrieg als „bewaffnete Auseinandersetzung“ zu Ende gehe. Worauf Trenin hinaus will, wird erst am Ende seiner Ausführungen deutlich:

„Seit dem Ende des Großen Vaterländischen Krieges sind drei Generationen von Russen in einer Atmosphäre äußerer Sicherheit aufgewachsen: zunächst unter Bedingungen strategischer Stabilität, basierend auf der gegenseitigen nuklearen Abschreckung, dann unter Bedingungen von Partnerschaft und Kooperation in einer Welt, in der der >große Krieg< als Anachronismus gilt. Nun befinden wir uns an einem Punkt, an dem das Sicherheitsparadigma (парадигма безопасности) selbst überholt ist. Krieg unter Bedingungen des Friedens oder Frieden unter Bedingungen des Krieges (Война в условиях мира или мир в условиях войны) – das ist die neue unangenehme Realität.“

Das „Sicherheitsparadigma“ der Nachkriegszeit gäbe es nicht mehr und die Welt, in der wir seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine leben, ist inzwischen ein gefährlicher Ort geworden, an dem die Grenzen

zwischen Krieg und Frieden verwischt werden und die beiden mittlerweile ununterscheidbar geworden sind1.

Folgt man dieser Diagnose der gegenwärtigen Weltlage, dann leben wir tatsächlich in einer „neuen, unangenehmen Realität“, die es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges so nicht gegeben hat, weil man zu Zeiten des „Kalten Krieges“ eindeutig zwischen Freund und Feind unterscheiden sowie Krieg und Frieden voneinander abgrenzen konnte.

Seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine gilt diese Eindeutigkeit nicht mehr. Die transatlantischen Machteliten führen einen unerklärten Krieg gegen Russland auf ukrainischem Boden, tun aber so, als wären sie daran gar nicht beteiligt. Zwar gab Marco Rubio bereits am 5. März 2025 in einem Fox-Interview freimutig zu, dass die USA einen „Proxykrieg“ gegen Russland führen.

Dieses Eingeständnis hat aber vor dem Hintergrund der inzwischen drastisch zugenommenen Drohnen- und Raketenangriffe tief in den russischen Raum, die von den Nato-Ländern produziert, an die Ukraine geliefert und von den Nato-Spezialisten gesteuert, gelenkt und bedient werden, nicht viel zu bedeuten.

Man kann längst nicht mehr allein vom „Proxykrieg“, sondern auch von einer direkten Involvierung der Nato-Allianz in das Kriegsgeschehen auf ukrainischem Boden sprechen.

Die EU-Europäer tun aber so, als hätten sie damit nichts zu tun. Sie führen mittelbar und unmittelbar einen Krieg gegen Russland, geben das jedoch nicht zu und verstecken sich hinter juristischen Floskeln. Das ist im Unterschied zu Zeiten des „Kalten Krieges“ in der Tat etwas ganz Neues. Im Gegensatz zu Zeiten des „Gleichgewichts des Schreckens“ entsteht dadurch eine völlig neue sicherheitspolitische Konstellation.

Die Logik der Konfrontation zwischen Russland und dem „Westen“ hat sich heute dahingehend geändert, dass an Stelle der postulierten „Symmetrie der existentiellen Interessen“ (McNamara) der beiden miteinander rivalisierenden Supermächte USA und UdSSR, die im „Kalten Krieg“ eine politisch-strategische „Überlebensgemeinschaft“ begründete2, eine Delegitimierung der russischen vitalen Sicherheitsinteressen getreten ist, die jeden sicherheitspolitischen Kompromiss seitens der Transatlantiker außer Kraft setzt.

Diese Entwicklung geht Hand in Hand mit einer veränderten Perzeption der nuklearen Bedrohung, worauf Trenin selbst in einem ganz anderen Zusammenhang hingewiesen hat3. Der „lange Frieden“ (John Lewis Gaddis) des „Kalten Krieges“ beruhte „auf der Hypothese des Weltuntergangs und dem Minimalkonsens, diesen zu vermeiden“, schrieb der Historiker, Michael Stürmer, 20144.

Diese Weltuntergangshypothese führte dazu, dass alles unternommen wurde, um den großen Krieg zwischen den zwei Supermächten zu vermeiden. Und genau dieses Weltuntergangsszenario macht heute keinem mehr Angst. Auf ukrainischem Boden findet inzwischen eine militärische Konfrontation in „Friedenszeiten“ ohnegleichen statt und der sog. „Westen“ testet hemmungslos und ohne Rücksicht auf die Gefahren einer nuklearen Eskalation, wie weit er gehen kann, als würde die Weltuntergangshypothese nicht mehr existieren.

Zwar versucht Moskau, auf die Übereiferer in der Nato-Allianz wie den oben zitierten litauischen Außenminister, Kęstutis Budrys, mit subtilen Hinweisen auf sein Nuklearpotenzial deeskalierend einzuwirken, wird aber mit dieser defensiven Haltung nicht ernstgenommen, solange den Mahnungen und Appellen keine Taten folgen.

Und in diesem Teufelskreis dreht sich das ganze Eskalationskarussell und keine der verfeindeten Kriegsparteien denkt daran, einer anderen in irgendeiner Weise nachzugeben, bis, ja bis eine von ihnen obsiegt oder – wenn das nicht der Fall ist – die nukleare Weltuntergangshypothese entweder bestätigt oder widerlegt wird.

Das ist ein gefährlicher Schwebezustand, in dem wir uns heute befinden und Trenin dazu veranlasst, umständlich vom „Frieden in Zeiten des Krieges“ zu sprechen, was freilich auch kein neues Phänomen ist. 1925 nannte der liberale Politiker und italienische Premier, Francesco S. Nitti (1919/20), einen ähnlichen Schwebezustand nach dem Friedensvertrag von Versailles schlicht und ohne Umschweife „Kriegsfrieden“5. Dieser „Kriegsfrieden“ führte bekanntlich am Ende zum Zweiten Weltkrieg.

2. Der Irankrieg und die imperiale Überdehnung

„Schwerhörige gestikulieren, die Gefahr wächst, weil Moskau und der Westen nicht dieselbe Sprache sprechen“, konstatierte Stürmer 2014 in seinem eben erwähnten Artikel und fuhr fort: „Der Westen will Moskau die Lehre erteilen, dass der Verlust, kaufmännisch gedacht, den Gewinn übersteigt. Putin aber denkt imperial und erinnert den Westen daran, dass Russland nach dem Zusammensturz der Sowjetunion noch Ausgleich zusteht. Eskalation treibt Eskalation. Die Vernunftgebote des langen nuklearen Friedens scheinen aber vergessen. Die Welt ist ein gefährlicher und gefährdeter Ort.“

Wie gefährlich die Welt geworden ist, zeigen die sog. „Friedensverhandlungen“ mit dem Iran in den Jahren 2025 und 2026, die zu Überraschungsangriffen missbraucht und von einer exzessiven Gewaltanwendung der USA und Israels begleitet wurden.

In seiner jüngsten Veröffentlichung „Do US War Crimes Doom the World to Endless War and Chaos?“ (Verdammen die Kriegsverbrechen der USA die Welt zu endlosem Krieg und Chaos?) schreibt der bekannte US-amerikanische Investigativjournalist, Nicolas J. S. Davies, am 26. Mai 2026: Als Reaktion auf die US-amerikanische Praxis, die Verhandlungen als Deckmantel für  die Überraschungsangriffe zu nutzen, seien Irans kompromisslose Bedingungen für ein Friedensabkommen zu verstehen, zumal die Iraner als „gebrannte Kinder“ ganz genau wissen, dass ein vereinbarter Waffenstillstand von den USA und Israel jederzeit einseitig und problemlos ignoriert, verletzt und gebrochen werden kann.

Da ein wie auch immer geartetes Abkommen mit den USA und Israel das Papier nicht wert sein wird, auf dem es geschrieben steht, ist es schwer vorstellbar, dass es Iran tatsächlich vor künftigen Angriffen schützen könnte. Ohne einen radikaleren Kurswechsel der US-Außenpolitik würden die USA und Israel Iran weiterhin angreifen, ist Davies davon überzeugt.

Zutreffend stellt er sodann fest, dass die ganze Entwicklung eine direkte Folge eines „übertriebenen westlichen Triumphalismus nach dem Ende des Kalten Krieges“ (overblown Western triumphalism after the end of the Cold War) ist. Es entstand „eine neue Generation von US-Führungskräften, wie Madeleine Albright6 und  Dick Cheney7, die die UN-Charta  und  die Genfer Konventionen als Hindernisse für ihre Ambitionen“ ansahen und „die globale Macht der USA durch einen umfassenderen und uneingeschränkten Einsatz militärischer Gewalt missbrauchten“.

In der Überzeugung, dass „das neue militärische Ungleichgewicht“ (the new military imbalance)8 die einzig verbliebene Supermacht von der Einhaltung der 1945 ins Leben gerufenen UN-Charta befreite und deren höchstes Prinzip, die kollektive Friedenssicherung, de facto in eine unipolare „Friedensschaffung“ verwandelte, entfesselten die USA mit ihren Satelliten exzessive Kriegsorgien, an deren Ende statt einer Beherrschung der Welt eine im Niedergang begriffene Pax Americana steht.

Der Ukraine- und Irankrieg sind, so gesehen, nicht der Beginn, sondern der vorläufige Höhepunkt einer weltordnungspolitischen Entwicklung, deren Ursprung auf den Zusammenbruch der bipolaren Ordnung und den Untergang der Sowjetunion zurückgeht.

Und jetzt stehen die USA infolge ihrer imperialen Überdehnung (imperial overstretch) vor einem Scherbenhaufen ihrer gescheiterten Hegemonialpolitik der vergangenen fünfunddreißig Jahre, was Davies mit Bezug auf den Irankrieg zur Prognose verleitete: „Der Verlust dieses Krieges zwingt die USA endlich dazu, die neokonservativen Taktiken zu überdenken, die sie seit den 1990er-Jahren blindlings an die Stelle einer rationalen US-Außen- und Militärpolitik setzen, indem sie Sanktionen verhängen, drohen, bombardieren, töten, zerstören, besetzen, eskalieren, Länder in Gewalt und Chaos versinken lassen (wie in Afghanistan, Irak, Haiti, Somalia, Libyen, Syrien, Jemen, Ukraine, Palästina und Libanon) und zuallerletzt niemals eine Niederlage eingestehen und niemals den amerikanischen Exzeptionalismus oder die Überlegenheit in Frage stellen.“

Ins gleiche Horn stößt auch der US-Politikwissenschaftler und FP-Kolumnist, Stephen M. Walt, der seinen am 28. Mai 2026 in Foreign Policy erschienenen Artikel mit dem bezeichnenden Titel versehen hat: „Trump sollte einfach zugeben, dass er Mist gebaut hat – Der Iran-Krieg war offensichtlich ein Fehler. Warum sagst du es nicht?“ (Trump Should Just Admit He Screwed Up – The Iran war was obviously a mistake. Why not say so?)

Warum wohl? Dass die USA ihre Hegemonialpolitik wegen der gescheiterten Iranintervention ändern würden, ist indes nicht zu erwarten, zumal die US-Außenpolitik seit Trumps Regentschaft in einen postmodernen Imperialismus ausartete, um die US-Hegemonie mit brachialer Gewalt zu retten. Dass diese Rettungsaktion gelingen kann, ist mehr als fraglich.

Und was den Iran angeht, so hat der Krieg ihn „nicht etwa gebrochen, sondern auf unerwartete Weise transformiert. … Der Krieg hat einen neuen Iran hervorgebracht, der den Nahen Osten prägen und die Geopolitik auf Jahre hinaus beeinflussen wird“, schreiben Narges Bajoghli und Vali Nasr in einem am 3. Juni in Foreign Affairs erschienenen Beitrag „Iran’s New Grand Strategy“.

Die mit dem Irankrieg in Gang gesetzten geopolitischen und geoökonomischen Machtverschiebungen depravieren nicht nur die US-Vormachtstellung in Vorder- bzw. Südwestasien, sondern stellen die Pax Americana auch weltweit in Frage.

3. Die gescheiterten „Imperative imperialer Geostrategie“

Es mehren sich inzwischen Stimmen, die vom „Niedergang der Pax Americana“ sprechen. Zuletzt veröffentlichte Greg Simons (Prof. an der Daffodil International University, Dhaka, Bangladesch) am 28. Mai 2026 einen Gastbeitrag in Russia in Global Affairs mit dem Titel „Упадок Pax Americana: геополитическое отчаяние и тактика без стратегии?“ (Der Niedergang der Pax Americana: Geopolitische Verzweiflung und Taktik ohne Strategie?).

Darin vertrat der Autor die Auffassung, dass „die Pax Americana sich in einem Zustand relativen und unaufhaltsamen Niedergangs befindet“ und dass „Trump als Symptom des Niedergangs und nicht als Reaktion darauf“ zu begreifen sei. „Wenn ein Imperium in die Phase des Niedergangs vor seinem Zusammenbruch eintritt, ist eines der auffälligsten Anzeichen der Verfall seiner politischen und militärischen Führung“, begründet Simons seine „Symptom“-These.

Der relative Niedergang der Pax Americana gewinne seiner Meinung nach rasant an Dynamik und beschleunige sich infolge einer Reihe endloser und selbstzerstörerischer Kriege, die zunächst von Arroganz und Anmaßung und dann von einer „imperialen Verzweiflung“ angetrieben werden. Die Folge sei eine politische, wirtschaftliche und militärische Überdehnung des Imperiums.

Die USA können nur dann die Pax Americana aufrechterhalten, wenn sie „die absolute und totale Kontrolle über ihr System von Vasallen- und Klientelstaaten“ perpetuieren, zugleich aber das Entstehen unabhängiger Mächte oder Machtblöcke verhindern, die das Imperium herausfordern könnten“, schreibt Simons mit Verweis auf „Brzezinskis drei geostrategischen Imperativen“, ohne freilich darauf näher einzugehen.

In seinem aufsehenerregenden Werk „Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ (1997) formulierte Brzezinski in der Tat seine „drei großen Imperative imperialer Geostrategie“ in Anlehnung an Harold Mackinders berühmten „Heartland“-Syllogismus, den er zustimmend zitiert:

„Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland:
Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel.
Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.“9

Im Sinne dieses „Herzland“-Syllogismus stellte Brzezinski seine eigenen „drei großen Imperative“ auf, indem er Mackinders Conclusio: „Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt“ zur US-Geostrategie der Weltherrschaft umdeutete und „entsprechend dem Doppelinteresse Amerikas an einer kurzfristigen Bewahrung seiner einzigartigen globalen Machtposition und an deren langfristiger Umwandlung in eine zunehmend institutionalisierte weltweite Zusammenarbeit“ umformulierte:

Die Stärkung der Vasallenabhängigkeit von der US-Sicherheitspolitik;
Die Gewährleistung der Fügsamkeit der tributpflichtigen Staaten;
Die Bündnisverhinderung der „Barbarenvölker“10.

Lässt man die vergangenen drei Jahrzehnte Revue passieren, so kann man feststellen, dass Brzezinskis „drei große Imperativen“ nicht zu einem durschlagenden Erfolg bei der Bewahrung der seit dem Ende der Bipolarität entstandenen „einzigartigen globalen Machtposition“ Amerikas geführt haben. Die Erfahrung mit der „imperialen Geostrategie“ zeigt vielmehr, dass sie ausgerechnet in Großeurasien gescheitert ist11.

Zwar haben die USA ihre Vormachtstellung im „Westen“ ausgebaut und gestärkt. Sie büßten aber gleichzeitig im Nichtwesten bzw. dem sog. „Globalen Süden“ an Einfluss und Bedeutung ein. Was ist passiert? Vor dem Hintergrund des Ukrainekonflikts und des ausgebrochenen Sanktionskrieges zwischen Russland und dem „Westen“ haben die beiden geopolitischen Rivalen begonnen, um den Nichtwesten zu wetteifern und diesen in dem tobenden geopolitischen Machtkampf auf die jeweils eigene Seite zu ziehen.

Der Nichtwesten ließ sich nicht zweimal bitten und hat verstanden, dass er – wenn sich die beiden geopolitischen Kontrahenten streiten – davon nur profitieren kann. Im Bewusstsein der eigenen Machtstellung ist er zum geopolitischen Leben erweckt und dieses geopolitisches Erweckungserlebnis ist ihm nicht mehr wegzunehmen.

Der „Westen“ glaubte anfänglich, dass er den Nichtwesten in alter Kolonialherrenmanier wie selbstverständlich auf seine Seite ziehen würde. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass der Nichtwesten selbst zur großen Überraschung Russlands eher die russische als die westliche Position einnahm.12

Und so stellten die USA ebenfalls zur eigenen Überraschung fest, wie wenig sie den Nichtwesten beeinflussen oder einschüchtern können und wie sehr ihr Druck auf die nichtwestlichen Länder verpufft. Diese bittere Erfahrung zeigte den USA, dass sie die besten Zeiten bereits hinter sich haben. Was nun die US-amerikanische Beherrschung des sog. „Heartland“ angeht, so rückt sie auch vor diesem Hintergrund immer mehr in weite Ferne.

Getreu Mackinders Conclusio (im Umkehrschluss) bedeutet diese Entwicklung nur eins: Wer über die Weltinsel nicht herrscht, beherrscht nicht die Welt. Und so stellt Simons folgerichtig der im Niedergang begriffenen Pax Americana das sog. „Großeurasien-Projekt“ gegenüber, das sich um die „drei Säulen“: „China im Indopazifik, Iran in Westasien und Russland in Europa“ zentriert.

Dieses Dreigespann (China, Russland und Iran) hat tendenziell und potenziell mit vereinten Kräften alle Voraussetzungen zum mächtigsten geopolitischen Machtfaktor in der Welt bzw. zu einer beherrschenden Weltmachtstellung aufzusteigen.

Dass es dazu überhaupt gekommen ist, daran ist laut Simons´ Analyse allein die imperiale Überdehnung der US-Hegemonie schuld.

Die auf Brzezinskis „drei großen Imperative imperialer Geostrategie“ gegründete Pax Americana hat in der Ukraine- und im Irankrieg ihre Grenzen erfahren. Das US-Imperium strauchelt und nähert sich seinem Ende zu.

Die Klienten und Vasallen der Pax Americana mussten insbesondere im Nahen Osten schmerzlich erfahren, dass die Präsenz der amerikanischen Militärbasen auf ihrem Territorium keine Sicherheit, sondern vielmehr eine Unsicherheit garantiert. Das sollte auch der EU-Politprominenz eine Warnung sein, sich nicht zu sehr in trügerischer Sicherheit zu wiegen.

Anmerkungen

1. Vgl. Silnizki, M., Gedanken über Krieg und Frieden. Auf den Spuren der geopolitischen „Grammatik“, 1. Mai 2026,
www.ontopraxiologie.de.
2. Vgl. Ruehl, L., Machtpolitik und Friedensstrategie. Hamburg 1974, 255.
3. Siehe Silnizki, M., „Strategischer Parasitismus“ oder verantwortungslose Strategie? Zur Frage nach
Angstlosigkeit und Nuklearhysterie. 18. Oktober 2022, www.ontopraxiologie.de; des., Der Krieg des 21. Jahrhunderts. Zwischen nuklearer Abschreckung und digitaler Kriegsführung, 2. Juni 2026,
www.ontopraxiologie.de.
4. Stürmer, M., Vernunft des nuklearen Friedens scheint vergessen. Die Welt, 16.09.2014.
5. Nitti, Der Friede, Frankfurt 1925, 17; näheres dazu auch Silnizki (wie Anm. 1).
6. Vgl. Silnizki, M., The Washington Blob“ und der Ukrainekonflikt. Zwischen Euphorie und Ernüchterung,
19. September 2023, www.ontopraxiologie.de.
7. Näheres dazu Silnizki, M., „Von imperialer zu autoritärer Präsidentschaft“? Cheney, Trump und die
Eigengesetzlichkeit des politischen Handelns, 16. November 2025, www.ontopraxiologie.de.
8. Silnizki, M., Machtungleichgewicht als Ordnungsprinzip? Zur Sicherheitskonstellation von heute und
morgen, 11. Mai 2022, www.ontopraxiologie.de.
9. Brzezinski, Z., Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Mit einem Vorwort von Hans-
Dietrich Genscher. 2. Aufl. Frankfurt 1999, 63.
10. Vgl. Brzezinski (wie Anm. 9), 65 f.
11. Näheres dazu Silnizki, M., Brzezinskis „imperiale Geostrategie“ im Lichte der Gegenwart. Zum Scheitern der US-amerikanischen Russlandpolitik. 9. November 2022, www.ontopraxiologie.de.
12. Vgl. Silnizki, M., Außenpolitisches Denken in Russland vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges
Am Scheideweg zwischen dem Westen und dem Nichtwesten. 19. September 2022,
www.ontopraxiologie.de

Nach oben scrollen