Verlag OntoPrax Berlin

Der Krieg des 21. Jahrhunderts

Zwischen nuklearer Abschreckung und digitaler Kriegsführung

Übersicht

1. Der Atomkrieg ist tot, es lebe der Drohnenkrieg?
2. Der „digitale Krieg“
3. Eine Kriegsführungsrevolution
4. Die denkbaren Kriege der Zukunft

Anmerkungen

 

„In allen Konflikten muss man zwischen der Prüfung der Kräfte (trial of force) und
der Prüfung des Willens (test of will) unterscheiden. Diese Dualität fand in der
berühmten Formulierung >Nur derjenige ist besiegt, der zugibt, besiegt zu sein.“

                                                                                                          (Raymond Aron, 1968)1

 

1. Der Atomkrieg ist tot, es lebe der Drohnenkrieg?

„Atomkrieg oder Frieden – das ist die große Frage unserer Zeit. Deshalb ist es auch wichtiger zu begreifen, was sich in den Köpfen der >Kalten Krieger< in Washington abspielt“, schreibt Jürgen Bruhn 1983 und fragt inmitten der Nachrüstungsdebatte und der Furcht vor nuklearem Inferno: „Warum ist es in Europa zur akuten Atomkriegsgefahr, zur Nachrüstung gekommen?“2

Das ist lange her. Die Nachrüstungsdebatte ist längst Geschichte und die Furcht vor einem Atomkrieg ist weitgehend verflogen. Die EU-Europäer haben vor nuklearem Inferno keine Angst mehr. Sie reden sich ein, die „Vogelscheuche“ Putin werde sich nie trauen, einen Atomkrieg vom Zaun zu brechen. Die atomare Bedrohung sei überholt, gehöre dem 20. Jahrhundert an und sei keine „große Frage unserer Zeit“ mehr.

Was zurzeit des „Kalten Krieges“ undenkbar war, ist heute Realität. Die nukleare Abschreckung ist in Frage gestellt und massiv geschwächt. Im Proxykrieg gegen Russland in der Ukraine setzen die EU-Europäer folgerichtig umso mehr bedenken- und furchtlos auf Eskalation und Konfrontation, ohne anscheinend Angst zu haben, nuklear angegriffen zu werden, als wäre Russland eine Bananenrepublik und keine nukleare Supermacht.

Dass der „Kalte Krieg“ auch „kalt“ geblieben und es nicht zu einer nuklearen Apokalypse gekommen ist, verdankt die Generation des „Kalten Krieges“ der nuklearen Abschreckung. Heute ist sie nur noch ein Schatten seiner selbst und daran ist allein schuld laut einem der renommiertesten außenpolitischen Experten Russlands, Dmitrij Trenin, das „Verschwinden der Angst“.

Bereits kurz nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine wies Trenin am 23. September 2022 auf das „Verschwinden der Angst“ (страх исчез) und deren Folgen hin. „Ich habe den Eindruck“ – meinte er in einem Interview, „dass wir zumindest in Europa Menschen sehen, die mit geschlossenen Augen auf den Abgrund zusteuern. Und das ist in der Tat äußerst gefährlich. Darauf gibt es nur eine Antwort: Holen Sie die Angst zurück!“3

In seiner umfangreichen, am 1. Mai 2026 in Russia in Global Affairs erschienenen Studie „Облик и характер войн новой эпохи“ (Form und Charakter der Kriege in der neuen Epoche) beklagte er sich erneut darüber.

Der Eindruck täuscht nicht, wenn man feststellt, dass Trenin und die anderen russischen Warner vor einer nuklearen Apokalypse gegen eine Wand rennen. Unbekümmert finanziert die EU den Ukrainekrieg und liefert dem Kiewer Regime mit einem illegitimen Staatspräsidenten an der Spitze, dessen Amtszeit bereits vor zwei Jahren abgelaufen ist, beinahe alle Waffen, die sie zur Hand hat.

Man fragt sich verwundert, wie viel Russenhass man haben muss, um furchtlos auf den Abgrund zuzusteuern. Ist es aber vielleicht etwas ganz anderes als nur Furchtlosigkeit, sondern einfach eine Selbstüberschätzung des eigenen militärischen Potenzials und eine Fehleinschätzung der tatsächlichen Lage an der „Ostfront“?

Wenn man in der letzten Zeit die Überschriften der Zeitungsartikel liest, so erwecken sie den Eindruck, als würden die ukrainischen Truppen beinahe vor den Toren Moskaus stehen. „Kiews Truppen gewinnen im Krieg die Oberhand“, liest man einen solchen propagandistischen Wochenendartikel im Handelsblatt von 29./31. Mai 2026, S. 6 f.

Und den Hauptgrund dieses vermeintlichen ukrainischen Siegesfeldzugs sehen die Autoren in den neuen Militärtechnologien. „Ukraine hat einen Vorteil bei Drohnen“, frohlocken sie und sehen darin Allheilmittel gegen die russischen Invasoren.

„Der Einsatz von Millionen Drohnen auf beiden Seiten hat dazu geführt, dass entlang der Front eine 30 Kilometer breite >Kill Zone< entstanden ist, in der jeder Infanterievorstoß umgehend gestoppt wird. Die Front bewegt sich daher kaum“, beteuern die Handelsblätter antifaktisch.

Die Realität an der Front sieht allerdings anderes aus. Wie der russische Generalstabschef, Valery Gerasimov, bereits am 21. April 2026 erklärte, haben die russischen Streitkräfte zwischen dem 1. Januar und dem 21. April 2026 ca. 1.700 Quadratkilometer ukrainischen Territoriums erobert und die ukrainischen Truppen in Donbas weiter zurückgedrängt. Russen rücken in Richtung Slavjansk, Kramatorsk und Konstantinowka vor.

„Seit Beginn dieses Jahres sind mehr als 80 Siedlungen und über 1.700 Quadratkilometer Gebiet unter unsere Kontrolle gekommen“, berichtete Gerasimow. Russland kontrolliert nach Moskaus Angaben etwa 90 % des Donbass, rund 75 % der Regionen Saporischschja und Cherson sowie Teile der Regionen Charkow, Sumy, Mykolajiw und Dnipropetrowsk.4

Und es gibt keinen Grund an diesen Angaben zu zweifeln. In Anbetracht neuer Militärtechnologien glauben die EU-Europäer oder tun so, als würden sie daran fest glauben, dass die „Kiews Truppen im Krieg die Oberhand (gewinnen)“. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und deswegen blicken die EU-Matadoren hoffnungsvoll und furchtlos in die Zukunft, ohne Angst vor russischen Warnungen zu haben. Ob sie sich da nicht irren?

2. Der „digitale Krieg“

Die EU-Europäer haben dessen ungeachtet eine ganz andere Angst – die Angst davor, dass sie auf einen Krieg des 21. Jahrhunderts gar nicht vorbereitet sind. Und wenn schon die US-Amerikaner im Irankrieg gezeigt haben, dass sie auf einen solchen Krieg eher schlecht als recht vorbereitet waren5, was kann man da von Europa erwarten?

Wie der Ukraine- und Irankrieg zeigen, vollzieht sich vor unseren Augen ein Wandel von der Kriegsführung mit Kampfplattformen, die das 20. Jahrhundert prägte, hin zu einer Kriegsführung mit Softwarelösungen. Das neue Zeitalter der Informationssysteme hat dazu geführt, dass die Integration von Aufklärung, Zielerfassung, Zielzuweisung und Bekämpfungsfunktionen in Echtzeit auf dem Schlachtfeld entscheidend geworden ist.

Diese umwälzenden Veränderungen wurden von zwei russischen Militärexperten bereits vor einem halben Jahr theoretisch reflektiert und eingehend analysiert. Am 29. Oktober 2025 veröffentlichten der ehem. russische Generalstabschef, Juri Balujewski (2004-2008), und Direktor des Zentrums für Strategie- und Technologieanalyse, Ruslan Pukhov, in Russia in Global Affairs eine Analyse des Ukrainekrieges mit dem Titel „>Цифровая война< – новая реальность“ (Digitaler Krieg – eine neue Realität).

Die Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von einer „digitalen Kriegsrevolution“. Das auffälligste Phänomen ist dabei die sog. Drohnenrevolution, die die Formen der Kriegsführung grundlegend verändert hat. Alles spricht dafür, dass sich dieser Prozess weiter ausdehnen und vertiefen wird, da die Fähigkeit zur Eskalation des „Drohnenkriegs“ die Fähigkeit zur effektiven Abwehr dieser Waffensysteme übersteigt.

Das Entstehen einer breiten Zone totaler Zerstörung (20–30 km) von der Kontaktlinie entfernt, in der jeder Ausrüstungsteil und jeder einzelne Soldat durch FPV- Drohnen garantiert vernichtet werden kann, untergräbt das wichtigste taktische Prinzip: die Konzentration der Streitkräfte zum Angriff auf den Feind mit dem Ziel, die Front zu durchbrechen.

Stattdessen gilt die Zersplitterung der Streitkräfte; der Manöverkrieg mit Panzerdurchbrüchen weicht der Infiltration kleiner Gruppen (zwei oder drei Mann), um den Feind aus seinen Stellungen zu vertreiben. Die sog. Kontaktlinie ist in Wirklichkeit eine „Grauzone“ des Kampfes, in der die Gegner in unregelmäßigen Streifen positioniert sind. Belagerungen kleiner befestigter Städte dauern unter solchen Bedingungen monatelang. Das erklärt auch das langsame Vorgehen der russischen Streitkräfte.

Drohnenschwärme mit einer Reichweite von bis zu 100–300 km verwandeln das Operationsgebiet der gegnerischen Seiten in eine Zone ständiger Gefahr.

Die Miniaturisierung und Kostensenkung von Komponenten sowie die Entwicklung vernetzter Lösungen führen dazu, dass Kampfeinsätze von regelrechten Drohnenschwärmen unterschiedlichster Typen, Formen, Größen und Zwecke dominiert werden. Diese Drohnen werden immer kleiner und kostengünstiger, gleichzeitig aber immer größer in ihrer Reichweite und autonomer und vereinen Aufklärungs- und Angriffsfähigkeiten.

Das taktische Schlachtfeld und die rückwärtigen Gebiete (dutzende Kilometer von der Frontlinie entfernt) werden im Wesentlichen zu einer „Kill-Zone“. Ihre Bekämpfung wird daher die primäre Aufgabe sein. Bewaffnete Konflikte werden damit primär zu einem Kampf um die Lufthoheit durch Drohnen und die Streitkräfteorganisation muss sich folglich den Zielen und Vorgaben dieses Kampfes um die Luft- und Weltraumüberlegenheit anpassen.

Hinzu kommt eine der wichtigsten Folgen dieser Revolution: die Transparenz des Schlachtfelds, die beinahe zur vollständigen Auflösung des „Nebels des Krieges“ führt. Eine bedeutende Folge dieser „Transparenz“ ist die hohe Streuung und extrem geringe Dichte der Streitkräfte und ihrer Kampfformationen.

Die nahezu vollständige Transparenz des Operationsgebietes macht die Anwendung eines weiteren entscheidenden taktischen Prinzips – des Überraschungseffekts – fast unmöglich. Der berüchtigte „Nebel des Krieges“ hat sich praktisch aufgelöst. Unbemannte Luftfahrzeuge mit einer Reichweite von Hunderten Kilometern ermöglichen Angriffe auf Ziele tief hinter den feindlichen Linien, die zuvor nur mit Langstreckenraketen angegriffen werden konnten.

Infolge dieser Revolution hat die Rolle traditioneller Kampfsysteme deutlich an Bedeutung verloren oder sich grundlegend verändert. Ursprünglich für den Frontdurchbruch und den direkten Beschuss konzipiert, sind Panzer heute überholt und werden nun als selbstfahrende Artillerie eingesetzt.

Darüber hinaus sind sie selbst zu Zielen geworden, die aus großer Entfernung bekämpft werden können. Artillerie (insbesondere solche mit präzisionsgelenkter Munition) ist zwar weiterhin im Einsatz, aber hinsichtlich der Kosteneffizienz Drohnen deutlich unterlegen. Anstelle von Luftkämpfen konkurrieren Luftverteidigungssysteme mit ballistischen Raketen und Marschflugkörpern; Kriegsschiffe werden von unbemannten Booten (Marinedrohnen) angegriffen.

Die drastisch verbesserten Fähigkeiten zur Aufklärung, Zielerfassung, Zielzuweisung und präzisen Bekämpfung erhöhen die Verwundbarkeit von Truppen (von taktischen Einheiten bis hin zu operativen und taktischen Verbänden) sowie einzelner militärischer Ausrüstung erheblich. Dies macht es unmöglich, Streitkräfte und Ressourcen verdeckt in den Haupteinsatzgebieten zu verlegen und zu konzentrieren, wodurch sich die Philosophie des Truppeneinsatzes grundlegend verändert.

Die Informationsrevolution, die mit dem weitverbreiteten Einsatz des Starlink-Internets zusammen hängt, verändert ebenfalls Form und Charakter des Kampfes. Transparenz auf dem Schlachtfeld und die Zielzuweisung in Echtzeit machen ein direktes Feuer zugunsten eines indirekten Feuers überflüssig. Jahrhundertelang bildete direktes Feuer die Grundlage der Zerstörung und die Taktiken basierten im Wesentlichen darauf, dessen Effektivität zu gewährleisten. Heute ist es nicht mehr notwendig, den Feind direkt vor sich zu sehen.

Ziele können von jeder Entfernung erfasst und mit Präzisionswaffen (vorwiegend Drohnen) bekämpft werden, die außerhalb der Sichtlinie des Feindes eingesetzt werden. Die Überlebensfähigkeit und Kampfstabilität von ferngesteuerten, dezentralen indirekten Feuerwaffen und ihren Besatzungen sind jeder direkten Sichtwaffe weit überlegen. Dies führt zu einem grundlegenden Wandel in der Planung des gesamten Systems zur Bekämpfung des Feindes.

Drohnen haben somit einen wahrhaft revolutionären Einfluss auf die Militärwissenschaft. Einerseits beeinflussen sie einen Schlüsselfaktor wie die Konzentration von Streitkräften und Ressourcen, andererseits machen sie taktische Manöver zur Zerstörung von Zielen im Wesentlichen überflüssig. Diese grundlegenden Veränderungen in Taktik und Einsatzführung führen somit zu einer Überprüfung nicht nur der Kampfmodi, sondern auch der Truppenstruktur.

3. Eine Kriegsführungsrevolution

Der Ukrainekrieg markiert das Ende einer fast hundertjährigen Ära, in der die mechanisierte Kriegsführung, wie sie für Industriegesellschaften charakteristisch war, vorherrschte. In diesem Sinne wird der Ukrainekonflikt zu einem ersten umfassenden bewaffneten Konflikt des 21. Jahrhunderts und kennzeichnet die vollendete Revolution in der Militärgeschichte – den Übergang zur „digitalen Kriegsführung“. Alle bereits deutlich erkennbaren oder sich abzeichnenden Trends werden sich im kommenden Jahrzehnt voraussichtlich weiterentwickeln und die Militärlandschaft nachhaltig verändern.

Der Versuch, die Realitäten des Übergangs zur „digitalen“ und „Drohnenkriegsführung“ mit den Bedingungen der mechanisierten Kriegsführung in Einklang zu bringen, beispielsweise unter Beibehaltung der bisherigen Rolle von Panzern und Panzereinheiten, wird lediglich zu einer Verringerung der Effektivität der Streitkräfte, ihrer Unzulänglichkeit für die neuen Kampfbedingungen sowie zu unnötigen Kosten und Verlusten führen.

Heute erreicht die Beschaffung von FPV-Drohnen auf beiden Seiten monatlich Hunderttausende Einheiten und ist damit vergleichbar mit der Produktionsmenge von Artilleriegeschossen. FPV -Drohnen, die buchstäblich in Schwärmen gegen jegliches sichtbare Militärpersonal vorgehen, haben sich zur primären Waffe entwickelt, um nicht nur Ausrüstung, sondern auch Personal zu zerstören.

Laut russischen Statistiken wurden Drohnen bis Anfang 2025 für über 70 Prozent der Abschüsse von Kampftruppen verantwortlich sein. Ihre Einsatzreichweite wächst stetig und übersteigt bereits mehrere zehn Kilometer, wodurch sie sich für die Bekämpfung von Artillerie, die Unterbrechung von Kommunikationsverbindungen, die Zerstörung der zweiten feindlichen Ebene und die Isolierung von Kampfzonen eignen. Zukünftig ist mit einer Verlagerung hin zu Gruppen- und Schwarmlösungen zu rechnen.

Es gibt drei Schlüsselfaktoren im Drohnenkrieg bezüglich ihrer Auswirkung auf die Organisation und den Kampfeinsatz der Truppen: (1) die Notwendigkeit einer extremen Streuung der Streitkräfte und Ressourcen bei sehr geringer Kampfformationsdichte; (2) eine drastische Zunahme der Zerstörungstiefe. „Totale Vernichtungszonen“, die mittlerweile dutzende Kilometer umfassen, machen es unmöglich, Truppen selbst innerhalb der operativen Tiefe zu manövrieren und zu konzentrieren. (3) Der Drohnenkrieg erschwert die Truppenversorgung, die auf verwundbare Transportfahrzeuge angewiesen ist und relativ leicht angegriffen werden kann.

Diese drei Schlüsselfaktoren verlangsamen zwangsläufig den Vormarsch der Infanterie auf dem Schlachtfeld, was zur Veränderung des Kampfmitteleinsatzes führt. Je nach Situation werden Fußsoldaten, Motorräder und leichte Transportfahrzeuge ebenso wie gepanzerte Fahrzeuge und hochgeschützte Schützenpanzer mit hoher Feuerkraft eingesetzt.

Zwar sind auch schwere Schützenpanzer mit dem Gewicht von Kampfpanzern möglich; deren hohes Gewicht und die damit verbundenen Kosten sprechen aber für „Kompromissfahrzeuge“ mittleren Gewichts (30–40 Tonnen), wie z. B. den M2 Bradley, der sich im Ukrainekrieg als ideales Fahrzeug erwiesen hat.

Die Ausstattung solcher Fahrzeuge mit Drohnenabwehrfähigkeiten erhöht die Überlebenschance auf dem Schlachtfeld selbst in einem „Drohnenkrieg“. Die Armee der Zukunft wird daher nicht starr in verschiedene Teilstreitkräfte unterteilt sein, sondern eine maximal einheitliche, integrierte, multifunktionale Streitmacht darstellen, die in der Lage ist, unter allen modernen Kriegsbedingungen zu operieren.

Vier Schlüsselaspekte der taktischen Veränderungen bei der Anpassung der Truppentaktiken an die Erfordernisse der Drohnenkriegsführung werden dabei auf russischer Seite hervorgehoben:

(1) Der verstärkte Einsatz bodengestützter Robotersysteme, Loitering Munitions und schwerer FPV-Systeme zur „Robotisierung bestimmter Kampfprozesse“. Derzeit gibt es Bestrebungen, die Aufgaben von Angriffsoperationen und Feuerunterstützung vollständig auf Drohnen zu verlagern, um die Entdeckung von Angriffsgruppen zu verhindern.
(2) Der Übergang zu Aktionen durch eine große Anzahl von „verstreuten“ Gruppen minimaler Größe, bestehend aus nur 2 bis 4 Personen.
(3) Minimierung von Feuergefechten und Frontalangriffen auf Stellungen und generelle Reduzierung der Infanterieeinsätze gegen den Feind, wobei die Hauptrolle der Feuerunterstützung für Angriffsflugzeuge auf Drohnen verlagert wird.
(4) Ein umfangreicher Einsatz von langsamen und schleichenden Infiltrationstaktiken durch kleine Gruppen, einschließlich der Verwendung von Tarnkleidung (Mäntel, Umhänge usw.), um so tief wie möglich ins Hinterland vorzudringen und die Drohnenbediener, Mörserbesatzungen usw. aufzuspüren und zu neutralisieren.

Die Zeit der „großen Bataillone“ ist mit anderen Worten vorbei. Ein Land, das diese Anforderungen nicht erfüllen kann, ist dazu verdammt, militärisch ins Hintertreffen zu geraten. Der Übergang zur „digitalen Kriegsführung“ zeigt, resümieren die Autoren der Studie, dass in diesem Jahrhundert der Schlüsselfaktor für die Entwicklung militärischer Fähigkeiten die Verbesserung der Rechenleistung ist. Die Entwicklung und Produktion von Rechenleistung und nicht territoriale oder Ressourcenkontrolle werden maßgeblich den Krieg des 21. Jahrhunderts prägen.

Die Entwicklung von Rechenleistung und der (auch weltraumgestützten) Netzwerke für Steuerung, Aufklärung, Zielerfassung und Datenübertragung wird die Schaffung globaler, automatisierter Aufklärungs-, Angriffs- und Verteidigungssysteme von enormer Dichte und Effektivität ermöglichen.

Insbesondere die Fähigkeit zur Abwehr herkömmlicher nuklearer Raketenangriffe könnte sich qualitativ verbessern, wodurch Raketenabwehrsysteme ein neues Niveau erreichen. Dies birgt wiederum das Risiko einer Entwertung von Atomwaffen und damit die oben angesprochene Schwächung der nuklearen Abschreckung.

    4. Die denkbaren Kriege der Zukunft

„Die Kriege unserer Zeit spiegeln die Krise der amerikanisch zentrierten Weltordnung wider, die nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Ende von fünf Jahrhunderten westlicher Weltherrschaft entstanden ist“, schreibt Dmitrij Trenin in seiner oben genannten Studie „Form und Charakter der Kriege in der neuen Epoche“.

In Anbetracht dieser Krise ist es nur folgerichtig, wenn die Trump-Administration die Zeit zurückdrehen will und seit Beginn des Jahres 2026 fieberhaft versucht, die US-Hegemonie mit brachialer Gewalt aufrechtzuerhalten. Anders als bei der US-Hegemonie des „liberalen Internationalismus“ strebt Trump nicht an, eine ideologisch fundierte Weltordnung unter US-Führung zu etablieren, sondern ein „informal empire“ durch die Reanimierung des US-Imperialismus auf die Beine zu stellen6.

Anstelle der Ideologie des „liberalen Internationalismus“ tritt eine revitalisierte Expansionspolitik des US-Imperialismus des beginnenden 20. Jahrhunderts, dessen Credo man in einer prägnanten Formulierung eines der prominentesten Verfechter des britischen Imperialismus, Cecil Rhodes (1853-1902), wiederfindet: „Expansion is everything. … I would annex the planets if I could.“7

Im Gegensatz zu Trumps postmodernen Imperialismus und anders als während des „Kalten Krieges“ sind die geopolitischen Kontrahenten – Russland, China, Iran und Nordkorea – derzeit (noch) nicht geneigt, ein Militärbündnis zu bilden, um den USA koordiniert entgegenzutreten.

Moskau, Peking und Teheran sind bereit, nur ihre eigenen Interessen zu verfolgen und haben keinerlei Absicht, sich (zumindest direkt) in die Kriege anderer Länder einzumischen. Allein zwischen Russland und Belarus sowie Russland und Nordkorea gibt es Militärbündnisse. Zwischen Moskau und Peking besteht eine enge strategische Partnerschaft, wohingegen Indien eine dezidiert neutrale Haltung wahrt und es sich mit keinem verderben will. Da sind noch die Relikte der Vergangenheit spürbar, die auf die Bewegung der Blockfreien Staaten des „Kalten Krieges“ zurückgehen.

Das Irritierende an der derzeitigen weltpolitischen Lage ist, dass Krieg und Frieden, worauf Trenin hinweist, sozusagen gleichzeitig am selben Ort und zur selben Zeit stattfinden. Während man im „Kalten Krieg“ davon ausging, dass ein Angriff unter dem Deckmantel von Militärübungen erfolgen könnte, werden heute Kriege, wie die Luftkriege gegen den Iran 2025 und 2026 zeigen, unter dem Deckmantel von Friedensverhandlungen begonnen.

Die Dynamiken der geopolitischen und geoökonomischen Veränderungen deuten darauf hin, dass die Chancen auf den Weltfrieden eher abnehmen, wohingegen die eines globalen Krieges eher zunehmen. Die Gefahr eines direkten Zusammenstoßes zwischen Russland und Europa nimmt zu. Gleichzeitig verabschieden sich die Nato-Länder von der Illusion einer garantierten US-Militärunterstützung im Konfliktfall mit Russland.

Um eine militärische Konfrontation mit Russland zu vermeiden, schiebt die Trump-Administration die Verantwortung für Europas Sicherheit auf die europäischen Länder ab.

Statt zu deeskalieren, setzen die EU-Matadoren nichtsdestotrotz bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Eskalation. Zuletzt haben sich von der Leyen und Co. am 29. Mai 2026 theatral über den Drohnenabsturz unbekannter Herkunft in ein Gebäude in Rumänien empört und Russland beschuldigt, das EU-Land angegriffen zu haben, ohne freilich vorab eine Untersuchung unternommen zu haben.

Das hat den Krawall-Liebhaber, Ex-Präsidenten Dmitrij Medwedew, auf den Plan gerufen und zur entsprechenden Reaktion veranlasst. Medwedew riet nämlich den EU-Führung, „den Mund zu halten“ und fügte hinzu, dass sich die Bürger der EU-Länder auf ähnliche Vorfälle einstellen müssten.

„Sollen sie sich nur bereit machen: Das wird so weitergehen. Es herrscht Krieg! Und die Bürger der EU-Länder werden, genau wie die Bevölkerung der Kriegsparteien, nicht ruhig schlafen können. Besonders dort, wo Drohnenproduktionsstätten für Banderas Truppen stehen. Also haltet den Mund. Das ist erst der Anfang!“, schrieb Medwedew.

Die EU solle die Diskussion über dieses Thema einstellen, da die EU-Länder „direkt am Krieg mit Russland beteiligt“ seien und der Ukraine Drohnen, Ersatzteile und Geheimdienstinformationen, die die ukrainischen Streitkräfte täglich für Angriffe auf russische Gebiete einsetzen, liefern.

Medwedew betonte zugleich, dass auch die europäischen Staats- und Regierungschefs für den Terroranschlag in Starobilsk verantwortlich seien, wo 21 Teenager durch einen gezielten Angriff der ukrainischen Soldateska mit Drohnen getötet wurden.

Auch die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, warf der EU vor, den „Hype um die Drohne“ in Rumänien zu nutzen, um vom Angriff auf Starobilsk abzulenken. Wie man sieht, die verbale Eskalation zwischen Russland und Europa nimmt an Schärfe zu.

Russland kämpft zwar direkt gegen die Ukraine, der Krieg findet aber in Wirklichkeit zwischen Russland und der aus den 54 Ländern bestehenden Anti-Rissland-Koalition statt.

„Die Kriege unserer Zeit spiegeln die Krise der Weltordnung wider“, schreibt Trenin. „Das Entstehen oder die Wiederherstellung neuer Machtzentren auf globaler oder regionaler Ebene provoziert unweigerlich Versuche ehemaliger Hegemonialmächte, deren Aufstieg einzudämmen und ihre eigene Position zu stärken.

Die Kriegsgefahren, denen Russland ausgesetzt ist, sind vielfältig, doch ihr allgemeiner Charakter ist für die absehbare Zukunft klar. Sie stellen einen direkten oder indirekten Kampf gegen die Versuche westlicher Länder dar, Russland zu schwächen und, falls nötig, zu zerstören.“

Die größte Gefahr besteht mit anderen Worten in einem militärischen Konflikt zwischen Russland und der Nato-Allianz. Dieser könnte künftig in der Ukraine, im Baltikum oder in der Arktis ausbrechen. Erstmals seit dem Ende des Zweiten Krieges entwickelt sich Europa zur Hauptquelle militärischer Gefahren und konkreter Bedrohungen.

Sollte die Ukraine ein unabhängiger Staat bleiben, könnte Kiew einen solchen Krieg auslösen und aktiv daran teilnehmen. Auch die Gefahr einer Eskalation des langjährigen Konflikts in Transnistrien ist akut. Zu Russlands potenziellen Gegnern zählen laut Trenin Deutschland, Polen, Großbritannien, die baltischen und skandinavischen Länder, Finnland und möglicherweise Rumänien, wohingegen die USA sich voraussichtlich im Hintergrund halten, den EU-Europäern aber umfangreiche Hilfe und Unterstützung leisten werden.

Moskaus Gegner werden darüber hinaus versuchen, neue Fronten gegen Russland zu eröffnen und dabei Widersprüche und Spannungen mit seinen südlichen Nachbarn auszunutzen. In Asien besteht die Gefahr, dass Russland in den eskalierenden Konflikt zwischen China einerseits und den USA und ihren Verbündeten andererseits hineingezogen wird.

Im Falle eines Konflikts auf der koreanischen Halbinsel ist Moskau gegenüber Pjöngjang zur militärischen Unterstützung verpflichtet. Die Möglichkeit eines separaten direkten Zusammenstoßes zwischen Russland und Japan ist nicht ausgeschlossen, aber gering.

Die größte Gefahr für Russland und die gesamte Welt wäre jedoch ein militärischer Konflikt in Ostasien, an dem die USA, China, Japan und die beiden koreanischen Staaten beteiligt wären und in den auch Russland hineingezogen werden könnte. Viele würden jedoch versuchen, einen solchen katastrophalen Konflikt zu vermeiden.

Kurzum: Der Weltfrieden wird immer fragiler, der „lange Frieden“ (John Lewis Gaddis) in Europa ist akut gefährdet und wir sehen uns weltweit womöglich mit einer Epoche der neuen und langandauernden Kriege mit Friedenspausen dazwischen konfrontiert.

Ob all das eintritt, steht freilich in den Sternen. Es gibt nichts Undankbareres als Zukunftsprognosen. Denn sie sind nichts anderes als eine in die Zukunft projizierte Gegenwart. Und „Prognosen über die Zukunft könnte es nur geben, wenn es keine Zukunft mehr gäbe“8, sondern einzig und allein eine immerwährende Gegenwart.

Anmerkungen

1. Aron, R., Zur Entwicklung des strategischen Denkens (1945-1968), in: des., Zwischen Macht und Ideologie.
Politische Kräfte der Gegenwart. Wien 1972, 341-374 (354).
2. Bruhn, J., Schlachtfeld Europa oder Amerikas letztes Gefecht. Gewalt und Wirtschaftsimperialismus in der
US-Außenpolitik seit 1840. Bonn 1983, 7.
3. Zitiert nach Silnizki, M., „Strategischer Parasitismus“ oder verantwortungslose Strategie? Zur Frage nach
Angstlosigkeit und Nuklearhysterie. 18. Oktober 2022, www.ontopraxiologie.de.
4. Zitiert nach Silnizki, M., Der Kampf um die Ukraine. Gestern und heute. 5. Mai 2026, www.ontopraxiologie.de.
5. Näheres dazu Silnizki, M., Die aktuelle Situation im und um den Iran. Weder Krieg noch Frieden. 17. Mai 2026, www.ontopraxiologie.de.
6. Näheres dazu Silnizki, M., Trumps „Big Stick“-Diplomatie. Auf dem Wege zum postmodernen Imperialismus? 26. März 2026, www.ontopraxiologie.de.
7. Zitiert nach Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München Zürich 1967, 218.
8. Junker, D., Power und Mission. Was Amerika antreibt. Freiburg im Breisgau 2003, 174.

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