Die gescheiterten Friedensverhandlungen 2022
Übersicht
1. Selenskyjs Hybris heute und gestern
2. Sind Kriegstreiber unter uns?
3. Boris Johnson – der Drahtzieher
Anmerkung
„By refusing to advocate for negotiations, the West has done Ukraine a disservice“ (Indem der Westen sich
weigerte, sich für Verhandlungen einzusetzen, hat er der Ukraine einen Bärendienst erwiesen.)
(Ted Snider, 20. August 2026)
1. Selenskyjs Hybris heute und gestern
Am 25. Juni 2026 ordnete Selenskyj die sog. 40-tägige „Einflussoperation“ an, bei der Drohnen eingesetzt werden sollten, um Drohnenangriffe tief im russischen Hinterland durchzuführen. Ziel sei es laut Selenskyj Russland zu zwingen, „den Krieg zu beenden“ und die Verhandlungen aus der „Position der Stärke“ zu führen.
Die 40 Tage sind vorbei. Was haben sie gebracht? Ein ökonomisches Desaster für die Ukraine! Die ukrainischen Streitkräfte starteten massive Angriffe gegen russische zivile Ziele, Ölraffinerien und Logistikeinrichtungen. Kiews Ziel war es, der russischen Wirtschaft zu schaden und die russische Bevölkerung in Aufruhr zu versetzen. Es hat dabei die Büchse der Pandora geöffnet und den Geist (der Eskalation) aus der Flasche gelassen. Das Endergebnis für die Ukraine war jedoch genau das Gegenteil dessen, was sie sich erhofft hat.
Als Reaktion auf die Drohnenangriffe intensivierte Russland seinerseits die Kriegshandlungen gegen die Ukraine. Russlands Reaktion folgte auf dem Fuß und begann systematisch Militäreinrichtungen, Logistik, Unternehmen, Häfen usw. zu zerstören. Auf Eskalation folgte eine dramatische Gegeneskalation in einem bis dahin unbekannten Ausmaß. Russland hat seine Angriffe massiv ausgeweitet und Exporte aus ukrainischen Häfen sind praktisch blockiert.
„Das ist, als würde man mit den Brasilianern offensiv Fußball spielen“, sagte ein anonymer ukrainischer Beamter der Economist. „Wir haben drei Tore geschossen und gejubelt, und sie haben dreizehn geschossen.“
In ihrem am 18. August erschienenen Beitrag „Russian attacks are doing severe harm to Ukraine’s economy. Out of interceptors, Ukraine is no longer winning the aerial war“ (Die russischen Angriffe fügen der ukrainischen Wirtschaft schweren Schaden zu. Ohne Abfangjäger gewinnt die Ukraine den Luftkrieg nicht mehr) berichtet The Economist: In den vergangenen Wochen habe das russische Militär seine Raketenangriffe auf die Ukraine intensiviert und dabei u. a. Einrichtungen des ukrainischen Logistikunternehmens Nova Poshta sowie Lager der Supermarktkette Goodwine und Vertriebszentren der Silpo-Kette getroffen.
Laut Berichten sahen die Einwohner Kiews aufgrund der Raketenangriffe zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg leere Supermarktregale. Goodwine-Mitbegründer Dmitri Krymsky schätzte den Schaden für ukrainische Unternehmen durch die russischen Angriffe der vergangenen drei Wochen auf eine halbe Milliarde Dollar.
Noch dramatischer sehen die Angriffe auf Frachtschiffe im Schwarzen Meer aus, die die Exporte aus ukrainischen Häfen faktisch blockiert haben.1 Im Juli feuerten russische Streitkräfte nach ukrainischen Schätzungen die Rekordzahl von 198 Marschflugkörpern und ballistischen Raketen auf die Ukraine ab.
Das ukrainische Investmentunternehmen Dragon Capital schätzt die durch die Hafenblockade entstehenden Verluste bis Ende des Jahres bereits auf 0,6 % des BIP. Die Schätzung ist freilich viel zu optimistisch.
Sollte die diesjährige Getreideernte ausfallen, so Alex Lissitsa (Präsident des Ukrainischen Agrarwirtschaftsclubs) gegenüber The Economist, müsse die Aussaat der Wintergetreide wahrscheinlich abgesagt werden. Er schätzte die Verluste in diesem Fall auf 10 bis 12 Milliarden US-Dollar, was 5 % des BIP entspricht. Darüber hinaus riskiert die Ukraine bei Lieferengpässen Marktanteile in Afrika und dem Nahen Osten zu verlieren.
Der Transport von Gütern, vorwiegend Getreide, über andere Routen gestaltet sich ausgesprochen schwierig. „Ein Schiff mit 100.000 Tonnen Ladung entspricht 5.000 Lastwagen, 5.000 Fahrern und 5.000 Grenzkontrollen“, betonte Dmitry Barinov (Präsident des Verbandes Ukrport).
Danylo Getmantsev (Vorsitzender des Finanzausschusses der Werchowna Rada) sprach in einem am 19. August 2026 veröffentlichten Interview mit RBC-Ukraine ebenfalls über die verheerenden wirtschaftlichen Folgen der russischen Angriffe. „Die Lage ist extrem schwierig. Ich habe während des gesamten Krieges noch nie Unternehmen in einer solchen Notlage erlebt“, sagte er.
Unter den am stärksten betroffenen Unternehmen hob Getmantsev Rozetka den größten Online-Händler und Marktplatz des Landes hervor, der seinen Angaben zufolge 70 Millionen Dollar Verlust erlitten hat. Er wies außerdem darauf hin, dass „Epizentrum“, eine Baumarktkette, ebenfalls erhebliche Einbußen hinnehmen musste. Laut Getmantsev verlor die Kette ihr „zentrales und modernstes Produktionswerk in Europa“.
„Der Rückgang des BIP im ersten Quartal, die Treibstoffknappheit seit April, logistische Schwierigkeiten, die Blockade des Seeverkehrs und darüber hinaus gezielte Angriffe auf die größten und effizientesten Privatunternehmen – all das ist jetzt schlimmer als Anfang 2022, als die Unternehmen noch über Ressourcen verfügten und nicht so stark geschädigt waren“, betonte er.
Getmantsev forderte die Regierung auf, den Zugang der Unternehmen zu staatlichen Kreditprogrammen sicherzustellen und die Finanzierung von Versicherungsprogrammen auszuweiten.
Das ukrainische Militär führte wiederum seine Drohnenangriffe gegen russische Ölraffinerien, Logistikzentren von Wildberries, Truppennachschublinien und militärisch-industrielle Anlagen durch. Die Angriffe auf Raffinerien hätten laut The Economist angeblich mehr als 30 % der russischen Ölraffineriekapazität lahmgelegt. Wildberries habe fast ein Drittel seiner Anlagen verloren, der Schaden werde auf zwei bis vier Milliarden Dollar geschätzt.
Anderen Berichten zufolge sind die Schäden viel niedriger, als The Economist mutmaßt. Laut Sergei Vakulenko (Senior Fellow am Carnegie Berlin Center for Russian and Eurasian Studies) ist der tatsächliche Schaden für die russische Wirtschaft geringer, als von den ukrainischen Behörden behauptet (der Generalstab der Streitkräfte der Ukraine gibt an, dass allein die russische Ölraffinerieindustrie durch Drohnenangriffe angeblich 13,5 Milliarden Dollar verloren hat) und dürfte sich wahrscheinlich nicht auf die russischen Staatseinnahmen auswirken.
Das Scheitern der 40-tägigen Luftangriffe, die laut dem neuen ukrainischen Verteidigungsminister, Generalmajor Jewhenij Chmara, darauf abzielte, den „Aggressor“ zum Kriegsende zu bewegen, besagt, dass eher die Ukraine als Russland aus Verzweiflung neue Verhandlungen fordern wird.
Und tatsächlich mehren sich die Stimmen in den Kiewer Regierungskreisen, die die Rückkehr der Ukraine an den Verhandlungstisch fordern. Die Ukraine sei bereit für Verhandlungen mit Russland über die Beilegung des Konflikts, sagte der Erste Stellvertretende Leiter der Präsidialverwaltung, Serhij Kyslytsja, gegenüber Ukrinform am 20. August 2026. Diese Bereitschaft kommt indes viel zu spät.
Putin hat zwar seinerseits wiederholt erklärt, Russland sei bereit, auf Grundlage der in Istanbul 2022 getroffenen Vereinbarungen mit der Ukraine zu verhandeln, worauf sich Selenskyj aber keineswegs einlassen wird. Die Parteien müssen zudem laut Putin die zwischen Moskau und Washington in Anchorage erzielten Vereinbarungen, die Situation entlang der Kontaktlinie sowie die zuvor von Russland festgelegten Bedingungen berücksichtigen.
Selenskyj und seiner Entourage wird vor dem Hintergrund der militärischen und ökonomischen Zwänge wohl nichts anderes übrigbleiben, als früher oder später auf Putins Forderungen einzugehen.
Anderenfalls läuft Selenskyj Gefahr den gleichen Fehler wie zu Kriegsbeginn zu wiederholen und erneut Opfer seiner Hybris zu werden, die die Ukraine bereits hunderttausende Menschenleben kostete. Mit seinem 40-tätigen Abenteuer hat er sich genauso verzockt, wie mit der Weigerung im Jahr 2022 einen bereits ausgehandelten Friedensvertrag zu unterzeichnen.
2. Sind Kriegstreiber unter uns?
Von Beginn des Krieges an hat Selenskyj auf das falsche Pferd gesetzt. Ob er eine Wahl hatte, anderes zu entscheiden, als er sich entschieden hat, ist eine Frage, die einer anderen Untersuchung bedürfe. In unserem Falle geht es allein und ausschließlich um die Frage, wer am Scheitern der Verhandlungen im März/April 2022 und an der anschließenden Fortsetzung des Krieges schuld ist.
Es war ein US-amerikanischer Investigativjournalist, Ted Snider (freier Mitarbeiter und Redakteur bei The American Conservative), der in seinem jüngsten, am 20. August 2026 in The American Conservative erschienenen Beitrag „It’s Time to Apologize to Ukrainians“ (Es ist Zeit, sich bei den Ukrainern zu entschuldigen) erneut bestätigte, was er schon vor drei Jahren beinahe auf den Tag genau enthüllte.
Am 16. August 2023 veröffentlichte Ted Snider ebenfalls in The American Conservative eine aufsehenerregende Studie „Why Peace Talks, But No Peace?“. Darin hat er die im März/April 2022 stattgefundenen Friedensgespräche zum Ukrainekonflikt detailliert und minutiös einer Analyse unterzogen und ist zum Ergebnis gekommen, das er bereits im Untertitel seiner Studie zusammenfasste: „The U.S. prevented earnest negotiations and prolonged the war in Ukraine“ (Die USA haben ernsthafte Verhandlungen verhindert und den Ukrainekrieg verlängert)2.
Nun hat er in seiner jüngsten Veröffentlichung seine drei Jahre alte Untersuchung nicht nur bekräftigt, sondern auch mit neuen Erkenntnissen und zusätzlichem Quellenmaterial untermauert.
„Tragischerweise könnte das Friedensangebot an die Ukraine diesmal schlechter ausfallen als der (ausgehandelte) Frieden, der in den ersten Kriegsmonaten möglich gewesen wäre“, schreibt Snider in seiner jüngsten Veröffentlichung und meint sodann: „Die Ukraine war im Frühjahr 2022 bereit, zu günstigen Bedingungen über Frieden zu verhandeln … Die USA und Großbritannien haben aber die Ukraine vom Weg der Verhandlungen abgebracht und weiter in den Krieg getrieben“ (But the U.S. and the UK pushed Ukraine off the path of negotiations and further down the path of war).
Snider sieht die Schuld für die Fortsetzung des Ukrainekrieges eindeutig bei der Biden-Administration und der britischen Regierung unter Boris Johnson. Minutiös stellte er zahlreiche Quellen zusammen, die seine Schuldthese bekräftigen.
Von Selenskyjs ehem. Pressesprecherin, Julija Mendel, über die ehem. berühmt-berüchtigte US- Staatssekretärin, Victoria Nuland, bis zum slowakischen Ministerpräsidenten, Robert Fico, erstrecken sich seine Zeugen.
Die Ukrainska Pravda enthüllte als erste, dass Boris Johnson nach Kiew eilte, um Selenskyj mitzuteilen, dass Putin, statt mit ihm zu verhandeln, „unter Druck gesetzt werden soll“ und dass – selbst wenn die Ukraine bereit wäre, Abkommen mit Russland zu schließen – „der Westen dazu nicht bereit“ wäre.
Snider zitiert dabei das Werk „The Russo-Ukrainian War: Follies of Empire“ (Der russisch-ukrainische Krieg: Torheiten des Imperiums) von einem renommierten britischen Russlandexperten Richard Sakwa. In seinem Werk berichtet Sakwa von einem Telefonat, in dem Johnson Selenskyj aufforderte, das Abkommen abzulehnen.
Laut Sakwa war dies auch „die Position der westlichen Staats- und Regierungschefs (Johnson, Biden, Scholz, Macron und der italienische Ministerpräsident Mario Draghi) in einem gemeinsamen Telefonat am 29. März 2022, dem Tag der Istanbuler Gespräche“.
Eine hochrangige Regierungsquelle sagte der Times, Großbritannien habe Selenskyj davor gewarnt, sich zu Zugeständnissen drängen zu lassen, und es sei die Position Großbritanniens, dass er nicht „zu eifrig … eine Einigung erzielen“ solle und dass „die Ukraine militärisch in der bestmöglichen Position sein müsse, bevor diese Gespräche stattfinden können“.
Türkische Regierungsvertreter, die die Gespräche ausrichteten, bestätigten ebenfalls, dass der Westen die Verhandlungen behindert habe. Der türkische Außenminister, Mevlüt Çavuşoğlu, erklärte: Die Gespräche seien auf dem besten Weg gewesen, den Krieg zu beenden, doch „es gibt innerhalb der Nato-Mitgliedstaaten Stimmen, die den Krieg fortsetzen und Russland schwächen wollen.“
Der stellvertretende Vorsitzende der türkischen Regierungspartei, Numan Kurtulmuş, berichtete: „Die sehen die Verlängerung des Krieges als ihr Interesse an … Es gibt Stimmen, die diesen Krieg fortsetzen wollen … Putin und Selenskyj wollten unterschreiben, aber jemand hat es verhindert.“
Am deutlichsten wurde der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, als er mit Bezug auf Putins Verweis auf Arakhamias Aussage bestätigte: „Um es ganz klar zu sagen: Putins Aussagen sind aufrichtig. Wir haben in diesen Gesprächen, die wir den Istanbul-Prozess nennen, alle aufrichtigen Schritte unternommen … Wir haben zusammengearbeitet, bevor der ehemalige britische Premierminister Boris Johnson seine Unterstützung für die Friedensbemühungen zurückzog.“
Und hier haben wir den Casus knacksus der ganzen Geschichte. Snider hat zwar mit seinem Bericht eine vorzügliche Arbeit geleistet, den eigentlichen Drahtzieher, Boris Johnson, und den wichtigsten Zeugen – den eben erwähnten Arakhamia – hat er aber nicht ausreichend gewürdigt, um an seiner zutreffenden Schuldthese nicht den geringsten Zweifel aufkommen zu lassen.
3. Boris Johnson – der Drahtzieher
Als Ende März/Anfang April 2022 ein unterschriftsreifer Friedensvertrag zwischen Russland und der Ukraine zur Beendigung der am 24. Februar 2022 ausgebrochenen Kriegshandlungen vorlag, da reiste der britische Premier, Boris Johnson, am 9. April 2022 unangekündigt nach Kiew, um den ausgehandelten Friedensvertrag mit tatkräftiger Unterstützung der Biden-Administration erfolgreich zu torpedieren.
Wie der Fraktionsvorsitzende der regierenden Partei „Sluha narodu“ („Diener des Volkes“) in der Werchowna Rada, David H. Arakhamia, in einem Interview mit dem Fernsehsender 1+1 am 24. November 2023 berichtete, hat Johnson Selenskyj bei seinem Besuch in Kiew am 9. April 2022 davon überzeugen können, das Friedensabkommen mit Russland aufzugeben und die Militäraktionen fortzusetzen.
Johnson habe laut Arakhamia der Ukraine geraten, nichts zu unterzeichnen und „einfach zu kämpfen“. Ferner sagte Arakhamia, dass „im April 2022 neben dem britischen Premierminister Boris Johnson auch die Leiter des Außenministeriums und des Pentagons sowie weitere >Berater< in die Hauptstadt der Ukraine geflogen seien, die vom Abschluss dieses Abkommens abgeraten hätten.“3
Offenbar glaubte Johnson oder hat zumindest so getan, als würde er es glauben, dass es ein leichtes Spiel sein würde, mit Russland fertig zu werden. Er hat Selenskyjs Willfährigkeit, Ahnungslosigkeit und Inkompetenz gnadenlos ausgenutzt und die Ukraine ins militärische Abenteuer gestürzt.
Heute will er davon nichts mehr wissen und wäscht seine Hände in Unschuld. Heute beschuldigt er lieber Putin allein für die Fortsetzung des Krieges verantwortlich zu sein. Ein Zeitgenosse übelster Sorte!
Die Angelsachsen wollten statt eines Friedensvertrags die Fortsetzung des Krieges. Das ist ein historisches Faktum. Sie witterten Morgenluft, um Russland „eine Lektion zu erteilen“, um Putin eine „strategische Niederlage“ zuzufügen, um den ewigen geopolitischen Rivalen ein für alle Mal ökonomisch, militärisch und diplomatisch auszuschalten.
Ein Dollar würde bald 200 Rubel wert sein, jubelte Joe Biden kurz nach dem Kriegsausbruch. Johnson, Biden und Co. haben sich maßlos überschätzt. Die Ostslawen zahlen aber dafür bis heute einen hohen Blutzoll.
Spätestens nach Johnsons Besuch nahm dieser an sich regionale Konflikt zwischen den zwei ostslawischen Brüdervölkern eine verhängnisvolle geopolitische Dimension an, der zur indirekten militärischen Konfrontation, ja zum „Proxykrieg“ (Marco Rubio) zwischen Russland und den Nato-Staaten unter Federführung der USA geführt hat. Und heute besteht gar Gefahr, dass dieser Konflikt in eine direkte Konfrontation zwischen Russland und den Nato-Staaten ausartet.
Die Angelsachen (allen voran die Briten) tragen heute ihren letzten (aussichtslosen) Kampf gegen Russland aus, den sie, was immer deutlicher wird, unmöglich gewinnen, aber mit Pauken und Trompeten verlieren können.
Der Ex-Premier, Boris Johnson (2019-2022), ist genauso, wie sein von ihm so hochverehrten Amtsvorgänger, Winston Churchill, gescheitert. Mit dem einem wird für immer der Untergang des British Empire nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verbunden, an dem anderen wird das Blut von hunderttausenden getöteten Ukrainern kleben, die er in verantwortungslosester Weise in den Krieg geschickt hat, der vermeidbar gewesen wäre, hätte er weniger von der „strategischen Niederlage“ des ewigen Rivalen Russland geträumt und mehr daran gedacht, das Kriegsbeil zu begraben, statt dem immer noch nicht bewältigten Verlust des eigenen Imperiums nachzutrauern und Russland dafür verantwortlich zu machen.
Für diese unbewältigten imperialen Phantomschmerzen der britischen Oberschicht muss die Ukraine heute bluten und „bis zum letzten Ukrainer“ kämpfen, wie Johnson es 2022 gefordert hat. Diese militante Logik hat er bis heute beibehalten. Aber wozu? Damit die Ukraine in das „westliche Paradies“ aufgenommen wird? Damit sie ein Teil der „heiligen Familie“, genannt die „westliche Wertegemeinschaft“, wird?
Der selbsternannte britische „Feldherr“ Johnson verführte den willfährigen und verantwortungslosen Clown und Selbstdarsteller, Selenskyj, zur Fortsetzung des Krieges, indem er u. a. auch die Nato-Mitgliedschaft als Entlohnung für seine blutigen Dienste in Aussicht stellte.
„It’s time to let Ukraine join Nato“ (Es ist Zeit, die Ukraine der Nato beitreten zu lassen), forderte Johnson immer und immer wieder – zuletzt in seinem gleichnamigen Beitrag in Spectator am 21. September 2024. Bei dieser Forderung bleibt er bis heute.
Nachdem er die ganze Hasstirade gegen Putin und Russland ausgeschüttet hat, schreibt er im erwähnten Beitrag:
„Die Botschaft (an Putin) lautet: Das war`s. Es ist vorbei. Sie haben kein Imperium mehr (You don’t have an empire any more). Sie haben kein >nahes Ausland< (near abroad) und keinen >Einflussbereich< (sphere of influence). Sie haben nicht das Recht, den Ukrainern zu sagen, was sie zu tun haben, genauso wenig, wie wir Briten das Recht haben, unseren ehemaligen Kolonien zu sagen, was sie zu tun haben. Es ist an der Zeit, dass Putin versteht, dass Russland eine glückliche und glorreiche Zukunft haben kann, dass es sich aber wie Rom und Großbritannien in die Riege der postimperialen Mächte einreihen muss, und das ist auch gut so.“
Der „große“ Boris! Weil „wir“ kein Imperium sind, darf auch Putin kein Imperium haben, denken Johnson und seine Kriegskameraden. Putin muss wohl auf die Empfindsamkeiten der Briten Rücksicht nehmen. Oder etwa nicht? Bis heute kann sich Boris Johnson jedoch nicht damit abfinden, dass Russland ein Imperium und eine imperiale Macht geblieben ist und Putin sich „anmaßt“, sich wie ein „Imperator“ zu benehmen. Ein Imperium stünde eher Great Britain und dessen Häuptling Boris Johnson zu, dem nachgesagt wird: Er sei „einst angetreten, es seinem großen Vorbild Winston Churchill gleichzutun und britischen Heldenstatus zu erringen.“4
Johnson will nur nicht wahrhaben, dass es gerade Churchill war, der das British Empire verspielte und aus Great Britain Little Britain machte. Der britische Historiker John Charmley räumte 2005 mit dem Mythos auf, Churchill wäre der „letzte Bewahrer des Empire“ gewesen und schilderte „detailliert die Zeit des endgültigen Niedergangs Britanniens bis 1957“. Er zeigte, „wie unsentimental sich die Amerikaner auch im Krieg alles bezahlen ließen, wie sie Englands Empire Stück für Stück >in Zahlung<“ nahmen. Und Churchill merkte nicht einmal, wie das British Empire immer schwächer und abhängiger von den USA wurde.5
Nein, Boris Johnson ist und war nie ein Staatsmann, sondern ein politischer Hasardeur, der eine verantwortungslose Kriegspolitik betrieben und die Ukraine dazu ermuntert hat, den Krieg weiterzuführen, um die nie enden wollenden imperialen Phantomschmerzen der britischen Upperclass zu lindern.
Boris Johnson und seinen Nachfolgern wird es nie mehr gelingen, aus Little Britain Great Britain zu machen. Die glorreichen Zeiten des British Empire sind unwiderruflich vorbei. Albion wird das bleiben, was es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges geworden ist: ein Rädchen in einem geopolitischen Machtkarussell der Großmächte. Es muss nur aufpassen nicht unter die Räder zu kommen, um nicht selber genauso, wie die Ukraine, zerrieben zu werden.
Und wenn Snider seinen Beitrag mit den Worten abschließt: „It is time to apologize to Ukrainians for pushing them off the path of negotiations in the first months of the war“ (Es ist an der Zeit, sich bei den Ukrainern dafür zu entschuldigen, dass man sie in den ersten Kriegsmonaten von den Verhandlungen abgebracht hat), dann stellt sich die Frage: Wer ist dieser „man“, der sich entschuldigen muss?
Snider muss schon Ross und Reiter nennen und offen und direkt sagen, dass diejenigen, die an der Fortsetzung des Kriegs schuld sind, sich nicht einfach entschuldigen, sondern namentlich benannt und vor Gericht gestellt werden (müssen). Und diese Namen sind seit Sniders Enthüllungen bekannt: Johnson, Biden und Co.
Anmerkungen
1. Näheres dazu Silnizki, M., Russische Blockade des Schwarzen Meeres. Der Drohnenkrieg und die wirtschaftlichen Folgen. 6. August 2026, www.ontopraxiologie.de.
2. Vgl. Silnizki, M., Wer ist schuld an der Fortsetzung des Krieges? Über die Friedensverhandlungen im
März/April 2022, 29. August 2023, www.ontopraxiologie.de.
3. Vgl. Silnizki, M., Im strategischen Niemandsland. Zwischen unerwünschtem Frieden und erfolglosem
Krieg. 9. Dezember 2023, www.ontopraxiologie.de.
4. Jörg Schindlel, Jetzt ist vorbei – Ist es nicht? In: Der Spiegel 28/2022 (8.07.2022).
5. Charmley, J., Der Untergang des Britischen Empires. Roosevelt – Churchill und Amerikas Weg zur Weltmacht 2005.