Der Drohnenkrieg und die wirtschaftlichen Folgen
Übersicht
1. Der Krieg am Schwarzen Meer
2. Das ökonomische Desaster
Anmerkungen
1. Der Krieg am Schwarzen Meer
Die ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Häfen im Schwarzen und Asowschen Meer sowie auf Schiffe, die den internationalen Handel Russlands unterstützen, haben unerwartete Folgen für die Ukraine selbst.1
Als Reaktion auf diese Angriffe hat Russland seinerseits die Vergeltungsangriffe auf die Hafeninfrastruktur in den Regionen Odessa und Mykolajiw deutlich intensiviert. Die Angriffe richteten sich nicht nur gegen die Lagertanks der Häfen, die Treibstoff, Schmierstoffe und militärische Güter für die Ukraine lagern, sondern auch gegen die Getreidesilos für den Export ukrainischen Getreides.
Zudem wurden Seefrachtschiffe unter der Flagge von Drittstaaten, die in ukrainischen Häfen zum Entladen und Beladen anlegten, sowie Schiffe, die sich auf ukrainische Schwarzmeerhäfen zubewegten, von den russischen Streitkräften kontrolliert.
Das russische Verteidigungsministerium meldet mittlerweile regelmäßig massive Angriffe mit Präzisionswaffen und Drohnen auf ukrainische Infrastruktureinrichtungen und Schiffe, die „für die Lieferung und Lagerung von militärischer Fracht“ für die ukrainischen Streitkräfte genutzt werden.
Die Häfen des Großraums Odessa, die für 90 % der Seefrachtexporte verantwortlich waren, haben ihren Betrieb eingestellt und es bleibt ungewiss, wie die Ukraine künftig Agrar- und Metallprodukte exportieren wird.
Bereits am 22. Juli stellten Schiffe aufgrund verstärkter russischer Angriffe auf Hafenanlagen und Schiffe den Anlauf von Häfen im Großraum Odessa ein. Insgesamt griff Russland im vergangenen Monat 124-mal Häfen und Handelsschiffe an.
Bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats am 27. Juli wurde die Frage der Unterbrechung des Seehandels mit der Ukraine erörtert. Einem Bericht des UN-Sekretariats zufolge wurden allein im Juli mehr als sechs russische Angriffe auf zivile Schiffe in der Region Odessa registriert.
Es wurde außerdem festgestellt, dass die Ukraine im Juli zahlreiche Schiffe, darunter Öltanker, die russische und mit Russland verbundene maritime Logistik in der Region bereitstellten, angegriffen hat. Allein im Asowschen Meer haben die ukrainischen Streitkräfte in den letzten Wochen über 100 Schiffe attackiert.
Als Folge der harten militärischen Gegenschläge Russlands kam der internationale Seeverkehr aus ukrainischen Häfen nahezu vollständig zum Erliegen. Dies führte nicht nur zu Problemen für die Ukraine und zahlreiche Länder, die Lebensmittel von ihr beziehen, sondern hatte auch angesichts der Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf Schiffe, die russische Häfen anlaufen oder von dort abfahren, auch extrem negative Auswirkungen auf die Getreidepreise an den Weltmärkten.
Laut UN-Angaben sind die Weizenpreise seit Anfang Juli um 20 % gestiegen und haben damit den höchsten Stand seit März 2024 erreicht.
Steigende globale Energiepreise und Schifffahrtsprobleme im Schwarzen und Asowschen Meer haben bereits zu höheren Kosten für die internationale Seeschifffahrt geführt. Diese Kosten werden zusätzlich durch gestiegene Frachtversicherungskosten und die Weigerung von Reedereien, ihre Schiffe in das gefährliche Kriegsgebiet zu entsenden, beeinflusst.
Die Lage des ukrainischen Außenhandels hat sich deutlich verschlechtert. 90 % der ukrainischen Agrarexporte werden auf dem Seeweg transportiert. Die Unterbrechung des Schiffsverkehrs hindert exportierende Unternehmen daran, ihre Kaufverträge zu erfüllen. Dies bringt nicht nur den ukrainischen Agrarsektor an den Rand des Ruins, sondern entzieht dem Staatshaushalt auch entsprechende Steuer- und Zolleinnahmen.
2025 überstieg die gesamte Handelsbilanz der Ukraine 125 Milliarden US-Dollar. Die Importe beliefen sich auf rund 85 Milliarden US-Dollar, die Exporte auf über 40 Milliarden US-Dollar. Die Lebensmittelumsätze (22,5 Milliarden US-Dollar) machten im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte der ukrainischen Exporte aus (55,8 %).
Die Daten für Januar bis Juni 2026 zeigen, dass der ukrainische Handelsumsatz auf 70,3 Milliarden US-Dollar gestiegen ist, ein Plus von 20,6 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Von den ukrainischen Exporten im Wert von 21 Milliarden US-Dollar im ersten Halbjahr entfielen fast 60 % (12,5 Milliarden US-Dollar) auf Lebensmittel.
Sollte der Seeverkehr mit der Ukraine in den kommenden Wochen nicht wieder aufgenommen werden, würde dies der ukrainischen Wirtschaft, insbesondere den Getreideexporten, einen schweren Schlag versetzen. Einige Lieferungen könnten über Land durch benachbarte europäische Länder umgeleitet werden, andere wiederum in rumänischen Häfen umgeschlagen werden, die über Straßen erreichbar wären.
Der Einsatz immer teurerer Kraftstoffe für den Straßentransport sowie der Bedarf an zusätzlichen Be- und Entladevorgängen werden jedoch die Einnahmen der ukrainischen Exporteure und des Staates erheblich reduzieren.
Das ukrainische Außenministerium betont, dass die russischen Angriffe auf den ukrainischen Seeweg im Schwarzen Meer angeblich „keine Reaktion oder Vergeltung für irgendetwas“ seien. Kiew behauptet, Moskau greife seit 2022 systematisch ukrainische Häfen an. Sollte dies so weitergehen, werde es „zu einem drastischen Anstieg der Lebensmittelpreise kommen, der die ärmsten Bevölkerungsgruppen“ in Afrika, dem Nahen Osten und Lateinamerika hart treffen werde.
Diese Behauptung des ukrainischen Außenministeriums ist eine Schutzbehauptung. Im Wirtschaftsjahr 2025/26 exportierte die Ukraine laut agronews.ua mehr als 25 Millionen Tonnen Getreide (darunter 14,24 Millionen Tonnen Mais, 9,9 Millionen Tonnen Weizen und 1,38 Millionen Tonnen Gerste).
Knapp die Hälfte der Exporte (44,7 %) gingen in die EU, 38,8 % nach Asien und lediglich 16 % nach Afrika, wobei die Türkei, Italien und Spanien die Hauptabnehmer waren. Der ehem. Außenminister Dmytro Kuleba meinte entgegen der Beteuerung des Außenministeriums, dass die russischen Angriffe auf die Hafeninfrastruktur vielmehr zu einer Nahrungsmittelkrise in der Ukraine selbst führen werden.
Es ist unbestreitbar, dass Schifffahrtsstörungen im Schwarzen und Asowschen Meer rund 28 % der weltweiten Weizenversorgung gefährden (davon entfallen etwa 20 % auf Russland und nur 8 % auf die Ukraine). Russland hat jedoch die Möglichkeit, andere Häfen an der Ostsee oder am Kaspischen Meer zu nutzen. Auch die Nordostpassage oder Häfen im Fernen Osten könnten für Exporte nach Asien genutzt werden. Der Ukraine fehlen demgegenüber vergleichbare Möglichkeiten.
Eine mögliche Lösung der Situation wäre ein Ende der Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf russische Häfen und Schiffe im Asowschen Meer und im Schwarzen Meer. Dies würde es Kiew ermöglichen, auf ein Ende der andauernden russischen Militärangriffe auf ukrainische Häfen und Massengutfrachter, die dorthin unterwegs sind, zu bestehen, womit freilich kaum zu rechnen ist.
Wenn man bedenkt, dass der Großteil der Versorgungsgüter für die ukrainischen Streitkräfte auf dem Seeweg transportiert wird, wäre die Aufhebung der russischen Blockade des Schwarzen Meeres für die Ukraine überlebenswichtig.
Russland kann wiederum seine militärische Position im Donbass nicht nur durch die Fortsetzung der Seeblockade der Ukraine, sondern auch durch die Einführung einer Landblockade verbessern.
Wie lange die Seeroute in die Ukraine gesperrt bleiben wird, ist noch unklar. Kiew und seine westlichen Partner werden wahrscheinlich versuchen, sie so schnell wie möglich wieder freizubekommen und dabei einen internationalen Druck auf Moskau auszuüben bzw. zu organisieren.
Es sieht indes so aus, dass die Euphorie der europäischen Kriegspartei über einen „tollen“, ja tollkühnen Drohnenkrieg der Ukraine angesichts massiver russischer Vergeltungs- und Gegenangriffe, die zur Seeblockade geführt haben, etwas verfrüht war. Und nun steht die Ukraine vor einem ökonomischen Kollaps, der die militärische Niederlage des Kiewer Regimes nur noch beschleunigen wird.
2. Das ökonomische Desaster
Von den 46 Millionen Tonnen Gütern, die seit Anfang 2026 von ukrainischen Seehäfen umgeschlagen wurden, entfielen 42,2 Millionen Tonnen auf Odessa, Tschornomorsk und Juschni. Lediglich 3,8 Millionen Tonnen wurden über andere Donauhäfen zusammen abgefertigt. Agrarprodukte, Eisenerz und Eisenmetalle machten rund 90 % des Güterumschlags in ukrainischen Häfen aus.
Vor der Aussetzung der Schiffsanläufe erklärte Denys Marchuk (stellvertretender Vorsitzender des Gesamtukrainischen Agrarrats), dass Probleme bei den Seeexporten zu einem der größten Risiken für die Landwirte werden würden. „Wenn wir nicht in vollem Umfang exportieren können, wird das ein schwerer Schlag sein. Alternative Routen können die erforderlichen Exportmengen nicht gewährleisten“, warnte er. Ab 22. Juli 2026 ist, wie gesehen, dieses Szenario Realität.
Vor der Seeblockade lag der durchschnittliche monatliche Umschlag von Agrarprodukten bei rund 4,3 Millionen Tonnen. Oleh Khomenko (Geschäftsführer des Ukrainischen Agrarwirtschaftsclubs) schätzt die maximale Umschlagkapazität alternativer Routen auf 3,7 Millionen Tonnen pro Monat.
Aufgrund von Unsicherheiten beim Transit durch Polen, Einschränkungen im rumänischen Eisenbahnverkehr und zusätzlichen Kosten beträgt ihre Gesamtkapazität jedoch nur 2,5 Millionen Tonnen. Wegen des niedrigen Wasserstandes der Donau wird die Kapazität der Flusshäfen bis Oktober reduziert sein.
Im Wirtschaftsjahr 2026 muss die Ukraine 67 Millionen Tonnen Agrarprodukte exportieren . Bei einer anhaltenden Blockade würden 27,4 bis 32,4 Millionen Tonnen, also bis zu 48 % dieser Menge, auf dem Inlandsmarkt verbleiben. Dies würde den Druck auf die Einkaufspreise erhöhen, die teilweise bereits unter die Produktionskosten gefallen sind.
Die direkten Verluste für den ukrainischen Agrarsektor könnten sich in diesem Jahr auf 1,5 bis 3 Milliarden US-Dollar belaufen, erklärte der ukrainische Minister für Agrarpolitik und Ernährung, Taras Vysotsky, in einem Interview mit Reuters. Er merkte dabei an, dass die Reedereien angesichts russischer Angriffe auf die ukrainische Hafeninfrastruktur ihre Anläufe in den Seehäfen während der Hauptsaison der Ernte ausgesetzt haben.
Andriy Zablovsky (Vorsitzender des Unternehmerrats beim ukrainischen Ministerkabinett) erklärte, dass die gesamte Wirtschaft zusammenbrechen werde, wenn die Häfen einen Monat oder länger blockiert blieben.
Landwirte können immerhin Getreide über lange Zeiträume lagern, wenn ihnen entsprechende Lagerkapazitäten zur Verfügung stehen, wohingegen die Bergbau- und Metallindustrie deutlich weniger widerstandsfähig ist. Die Lagerung von Eisenerz erfordert große Flächen und ist relativ kostengünstig, während die Produktion für den Lagerbedarf das Betriebskapital schnell aufzehrt.
Die ersten Produktionsausfälle haben bereits begonnen. Aufgrund von Hafenblockade und Kapitalmangel hat die Ferrexpo-Gruppe die Produktion im Bergwerk und Aufbereitungswerk Poltawa (MPP) seit Anfang August für voraussichtlich 10 bis 20 Tage eingestellt. Auch die Produktion im Werk Juschni GOK der Metinvest-Gruppe wurde unterbrochen.
„Der Zugang zum Meer ist für das Überleben unserer Branche von entscheidender Bedeutung. Dies ist ein deutlich gravierenderes Problem als 2022/23, da die Preise damals günstiger waren und die Unternehmen die Krise überstehen konnten. Jetzt gibt es keine Alternative zu den Häfen von Odessa“, so Oleksandr Kalenkov (Präsident des Unternehmensverbands Ukrmetallurgprom).
Schon vor der Blockade exportierte die Ukraine einen Teil ihres Erzes per Bahn nach Polen, doch eine Umleitung aller Seetransporte dorthin ist unmöglich. Im ersten Halbjahr kaufte China fast 6 Millionen Tonnen der insgesamt 12 Millionen Tonnen des exportierten Eisenerzes. Ohne Tiefseehäfen wird die Ukraine nicht in der Lage sein, solche Mengen auf weit entfernte Märkte zu transportieren.
Die Schließung des Seewegs könnte die Stahlindustrie monatlich 150 bis 200 Millionen US-Dollar kosten. Diese Zahl berücksichtigt nicht die indirekten Folgen gestiegener Rohstofflieferkosten, höherer Betriebskosten aufgrund des Verlusts von Skaleneffekten und das Risiko der Stilllegung einzelner Produktionsanlagen. Es wird mit einem Produktionsrückgang von 35 % gerechnet.
Die ukrainische Nationalbank (NBU) schätzt die negativen Auswirkungen der russischen Angriffe auf Häfen angeblich auf nur 0,9 % des BIP im Jahr 2026, was völlig unglaubwürdig erscheint.
Der ukrainische Wirtschaftswissenschaftler, Oleg Nivievskyi, schreibt hingegen am 23. Juli 2026: „Wenn sich das Szenario von 2022 wiederholt, riskiert die Ukraine etwa 6 % des BIP zu verlieren.“2
Die Ukraine verhandelt mittlerweile mit Polen über eine Senkung der Transportkosten und mit Rumänien über den Ausbau der Route zum Hafen von Constanța. Weitere Optionen umfassen den Transport der Fracht nach Danzig und von dort über Rumänien nach Italien, die Kosten hierfür werden jedoch noch ermittelt.
All das sind freilich nur Ersatzhandlungen, die das Kollabieren der ukrainischen Wirtschaft womöglich verlangsamen, aber nicht verhindern werden.
Donau, Eisenbahnlinien und Straßen können die Auswirkungen abmildern, aber Tiefseehäfen nicht ersetzen. Für Landwirte bedeutet die instabile Schifffahrt sinkende Inlandspreise und fehlende Mittel für die Feldarbeit. Für Metallurgen führt sie zu unrentabler Logistik und Werksstillständen.
Summa summarum hat der vom Kiewer Regime unter Jubel seiner europäischen Kriegskameraden vom Zaun gebrochene Drohnenkrieg bis dato militärisch kaum etwas bewirkt, wohl aber zu einem wirtschaftlichen Desaster geführt, was die Kriegsniederlage der Ukraine nur noch beschleunigen wird.
Anmerkungen
1. Zum Nachfolgenden Котов, B., Блокада Черного моря приведет к росту цен на продовольствие в мире, Независимая, 30. Juli 2026.
2. Vgl. Telegram, Нів’євський|Економічна політика без прикрас росія знову заблокувала наші чорноморські порти Якщо повториться сценарій 2022го року, Україна ризикує втратити біля 6% ВВП.