Dmitrij Trenins Analyse der EU-Russlandpolitik
Übersicht
1.Eindämmung oder Zerschlagung?
2. Deutschland als die treibende Kraft der Konfrontation?
3. Europas Eskalation und Russlands Gegenmaßnahmen
Anmerkungen
„Ich bin der festen Überzeugung, dass Präsident Putin diesen Krieg schon nicht mehr gewinnen kann.“
(Ursula von der Leyen, 27. Juni 2022)
1. Eindämmung oder Zerschlagung?
In seinem am 4. August 2026 veröffentlichten kleinen Artikel „Европа и Украина: чем ответит Россия?“ (Europa und die Ukraine: Wie wird Russland antworten?) stellt Dmitrij Trenin (Präsident des Russischen Rates für Internationale Angelegenheiten und ehem. Direktor des Carnegie Moscow Center) die These auf, dass „das Ziel der gegenwärtigen Strategie des Westens nicht die Eindämmung Russlands, wie es im Kalten Krieg der Fall war, sondern dessen Zerschlagung ist“ (цель нынешней стратегии Запада — не сдерживание России, как это было в период холодной войны, а ее сокрушение).
Trenins These ist nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn man die Geschichte und die Gegenwart der russisch-europäischen Beziehungen Revue passieren lässt.
In Anbetracht des seit viereinhalb Jahren tobenden Krieges in der Ukraine überrascht es nicht; in der Tat werden immer wieder Stimmen in Europa laut, welche über die Zerschlagung Russlands phantasieren. Meistens sind das freilich Stimmen europäischer Politiker aus der zweiten und dritten Reihe, die offen und ungeniert, Russlands Zerschlagung fordern.
So schlug der ehem. Arbeiterführer und spätere polnische Präsident, Lech Wałęsa, kurz nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine im Juli 2022 vor, dass der Westen Russland „zerstückeln“ solle.
Wałęsa rief den Westen in einem Interview mit LCI dazu auf, nicht nur die Ukraine, sondern auch Russland zu „befreien“. Seiner Meinung nach werde die Welt nicht sicher sein, solange Russland unverändert bleibe.
Er schlug dabei entweder die „Zerstückelung“ Russlands, das er als „imperialistisch“ betrachtet, oder eine Änderung des politischen Systems vor, oder die „Rückführung der Bevölkerung auf weniger als 50 (von insgesamt ca. 150) Millionen Menschen“. Was Wałęsa mit den restlichen 100 Millionen Menschen vorhatte, hat er uns allerdings nicht verraten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Auch die Balten ließen sich nicht zweimal bitten und schlugen immer wieder vor in ihrer „russlandfreundlichen“ Art das russische Rumpfimperium weiter zu zerstückeln. So erklärte Aleksandrs Kiršteins (Mitglied des lettischen Parlaments) bereits 2018 (lange vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine), dass Russland zur Erreichung eines dauerhaften Friedens in Europa anhand seiner ethnischen Zusammensetzung in mehreren kleinen Teilen zersplittert werden müsse.
Nach dem Motto: „Divide et impera“ (Teile und herrsche) will er Russland nach ethnischen Grenzen aufteilen. Wie er die ethnisch gemischten Gebiete aufteilen will, verriet er uns nicht.
Auch der ehem. litauischer Außenminister, Linas Linkevičius (2012-2020), hat im Kontext der Diskussionen über die Zukunft des Baltikums wiederholt argumentiert, dass Russland in seiner gegenwärtigen imperialen Form eine ständige Bedrohung darstelle, und darum die mentale und territoriale „Entkolonialisierung“ Russlands als Lösung gefordert.
Warum auch nicht? Die Balten haben ja Erfahrung mit ihrer „mentalen Entkolonialisierung“ bzw. „Befreiung“ von der eigenen russischen Bevölkerung, indem sie ihnen kurzerhand deren Bürgerrechte entzogen haben. Diese Situation der russischsprachigen Bevölkerung in Lettland, Litauen und Estland wird von den Behörden dieser Länder offiziell als eine Maßnahme zur Stärkung der nationalen Sicherheit und der Sprache gerechtfertigt, wohingegen Russland und die Menschenrechtsorganisationen diese Maßnahmen als systematische Diskriminierung und Verletzung der Rechte nationaler Minderheiten einstufen.
Nach dem Zusammenbruch der UdSSR entstand in Lettland und Estland die Institution der sog. „Nicht-Staatsbürger“ (Hunderttausende Menschen wurden ihrer politischen Rechte beraubt). Das zum Thema „Menschen- und Bürgerrechte in der EU“! Es ist jedenfalls nicht überliefert, dass die Brüsseler EU-Zentrale unter deutscher Führung sich jemals darüber empört oder entsetzt zeigte.
Es überrascht deswegen nicht, dass die baltischen Staaten sich zum Sammelbecken aller möglichen russischen Oppositionellen, Separatisten und sonstigen „Liebhaber“ Putins geworden sind, in denen russische Separatisten und europäische Politiker über den Zerfall der Russischen Föderation diskutieren:
- Das sog. „Forum der Freien Völker Post-Russland“ (Форум свободных народов пост-России). Das Forum ist ein vom ukrainischen Restaurantbesitzer Oleg Magaletsky, im Exil lebenden russischen Separatisten sowie ausländischen Sympathisanten gegründet worden, das sich für den Zerfall Russlands einsetzt. Es wurde in Polen registriert. Das Forum verfolgt offen das Ziel, die Russische Föderation in Dutzende unabhängige Staaten zu zerschlagen. Die Veranstaltungen finden in Litauen, Lettland und Estland statt und werden von lokalen Eliten organisatorisch und medial unterstützt.
- Die sog. „Dekolonisierungskonferenzen“ (Конференции по деколонизации):
In Vilnius, Riga und Tallinn finden regelmäßig sog. „Expertenrunden“ statt (zum Beispiel im Rahmen des „Free Russia Forum“), in denen Redner aus den baltischen Staaten ihre „Solidarität“ mit der Idee zum Ausdruck bringen, dass die Dekolonisierung der Nationen innerhalb der Russischen Föderation der einzige Weg ist, die Nato-Ostgrenzen zu sichern.
Das Bestreben der EU-Europäer, Russland zu zerschlagen, zerstückeln oder wenigstens zu verkleinern, ist indes weder neu noch originell und, soweit ich überblicken kann, beinahe 200 Jahre alt. Einer der markantesten britischen Politiker des 19. Jahrhunderts, Viscount Palmerston (1784-1865), der dreimal Außenminister und zweimal Premierminister war, träumte bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts von der Verkleinerung Russlands, als er am 26. Mai 1854 verkündete:
„The best and most effectual security for the future Peace of Europe would be the severance from Russia of some of the frontier territories acquired by her in later Times, Georgia, Circassia. the Crimea, Bessarabia, Poland & Finland“ (Die beste und wirksamste Sicherung des zukünftigen Friedens in Europa wäre die Abtrennung einiger, von Russland in der letzten Zeit erworbenen Grenzgebiete: Georgien, Tscherkessen, die Krim, Bessarabien, Polen und Finnland).1
Wir schreiben das Jahr 1943! Der Zweite Weltkrieg tobt in Europa, Russland und die USA sind Alleierte im Kampf gegen Nazi-Deutschland. Der einflussreichste Kolumnist Amerikas der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Walter Lippmann, beteuert in seinem Werk „US Foreign Policy. Shield of the republic“ (1943), dass die US-amerikanische Russlandpolitik „einer Zerstückelung Russlands durchaus abgeneigt war, und zitiert dabei Lenin, der in seiner Rede vom Mai 1918 gesagt haben soll: „Zwischen Japan und Amerika wird ein unvermeidlicher Konflikt um die Oberherrschaft in Pazifik entstehen.“
„Lenins Voraussage“ war nach Lippmanns Überzeugung „richtig“. Die Entsendung der US-amerikanischen Truppen nach Wladiwostok 1918 bestünde hauptursächlich darin, die japanischen Streitkräfte in Wladiwostok zu überwachen. Nach dem Abzug der amerikanischen Truppen bestanden die USA auf den Abzug der japanischen Streitkräfte, was dem US-Staatssekretär Hughes an der Abrüstungskonferenz in Washington 1922 auch gelang. „Trotz des russischen Bolschewismus … handelten wir aus der Überzeugung heraus, dass die territoriale Integrität Russlands ein vitales Interesse der Vereinigten Staaten darstelle.“2
„Die geschichtliche Erfahrung zeigt also“ – resümiert Lippmann -, „dass die beiden Antipoden Russland und die Vereinigten Staaten in Bezug auf ihre politische Ideologie immer Antagonisten gewesen sind … Aber jeder der beiden Staaten hat sich der Zerstückelung des andern widersetzt, denn jeder hatte das Interesse an der Stärke des anderen. Sie haben es nie zu einem Konflikt kommen lassen, der sie zu Feinden gemacht hätte. Jeder betrachtete den anderen als potentiellen Freund im Rücken potentieller Feinde“ (ebd., 151).
Lippmanns Darstellung, dass sich die USA der Zerstückelung des (bolschewistischen) Russlands widersetzt haben, hat die sowjetische Historikerin, Asja E. Kunina (1920-2001), bereits acht Jahre später entschieden widersprochen.
In ihrem Werk „Das Scheitern der amerikanischen Pläne zur Eroberung der Weltherrschaft in den Jahren 1917—1920“ vertrat sie mit Berufung auf das Archiv von Edward Mandell House (Wilsons wichtigster außenpolitischer Berater,1858-1938) die Auffassung, dass Wilson persönlich ein „Programm zur Zerstücklung und Versklavung Russlands am 30. Oktober 1918“ (программа расчленения и порабощения России была 30 октября 1918 г.) genehmigt haben soll.3
Manche US-amerikanischen Geopolitiker träumen freilich bis heute von der Zerschlagung Russlands. So berichtete der deutsche Soziologe Hans Jürgen Krysmanski (1935-2016) in seinem Artikel „I Still Wanted To Be A Generalist“4 über Walter Russel Mead (damaliger Mitarbeiter des World Policy Institute), den er 1993 kennenlernte und der vorhatte, „den Russen Sibirien abzukaufen.“ Nach seiner Sibirien-Reise zurückgekehrt, stellte er im GQ-Magazin einen Plan vor, wonach „Sibirien in sieben neue US-Bundesstaaten“ aufgeteilt werden sollte. Die Idee ist dann schließlich irgendwann im Sande verlaufen.
All jenen, die immer noch von der Zerstückelung Russlands träumen, sei gesagt: Träumen Sie weiter, es ist nicht verboten! Sie sollten nur wissen, dass sie vergeblich „jenen süßen Traum träumen“ (Kant), der nie in Erfüllung gehen wird.
2. Deutschland als die treibende Kraft der Konfrontation?
„Zum ersten Mal seit 1945“, schreibt Trenin, seien „die europäischen Länder erneut zum militärischen Hauptgegner Russlands geworden. Die USA, die sich in die zweite Reihe zurückzogen, behalten ihre Führung innerhalb des Westblocks. Die EU und Großbritannien bereiten sich auf einen Krieg mit Russland vor, nicht nur und nicht so sehr >auf Geheiß der USA<, wie einst behauptet wurde, sondern vielmehr aus eigenem Antrieb.“
Diese in der Tat erstaunliche Entwicklung führt Trenin auf eine „Strategie der EU gegenüber Russland“, das als Außenfeind dazu auserkoren ist, einen „innereuropäischen Zusammenhalt“ zu gewährleisten, „eine geopolitische Selbstbehauptung“ zu stärken, die „ideologische Vereinheitlichung unter dem Motto >Alles für den Kampf gegen Russland< und die Stärkung der Machtposition der herrschenden Elite“ zu ermöglichen.
In diesem Kontext sieht Trenin „die Militarisierung der EU als Kompensation für die Deindustrialisierung und als Motor für Wirtschaftswachstum“ im Sinne des „Military Keynesianism“ und fügt gleich hinzu: „Als ein antirussisches Projekt ist die Ukraine ein gemeinsames Projekt der USA und der EU, vor allem aber Deutschlands.“
Ausgerechnet in Deutschland sieht Trenin die treibende Kraft der Konfrontation im Ukrainekonflikt. Der Grund dafür liege in einem Wandel der deutschen Russlandpolitik weg von der westdeutschen „Ostpolitik“ der 1970er-Jahre während des „Kalten Krieges“ hin zur gesamtdeutschen „Ostpolitik“, die in den osteuropäischen Ländern und nicht zuletzt in der Ukraine, nunmehr die wirtschaftliche und politische Einflusssphäre im Zweifel zu Lasten der russischen ökonomischen sowie geo- und sicherheitspolitischen Interessen anstrebte.
Von einer Entspannungspolitik zu einer auf Expansion ausgerichteten Machtpolitik – so könnte man diesen Wandel der deutschen „Ostpolitik“ nach den epochalen Umwälzungen jener Zeit charakterisieren.
Dass die deutsche „Ostpolitik“ und EU-europäische Ukrainepolitik miteinander verschmolzen sind und sich heute primär und in erster Linie als Anti-Russlandpolitik begreifen, ist nicht allein mit dem Ukrainekrieg zu erklären, sondern mit zwei Machtfaktoren, die seit mindestens zwei Jahren drastisch an Bedeutung gewonnen haben.
Zum einen haben wir eine Machtkonstellation in Europa, die dazu führt, dass die Ukrainepolitik als Anti-Russlandpolitik offensiv verfolgt und von drei deutschen Spitzenpolitikern maßgeblich dominiert und geprägt wird: Ursula von der Leyen (Präsidentin der Europäischen Kommission), Manfred Weber (Vorsitzender der größten EVP-Fraktion im EU-Parlament) und Friedrich Merz (Kanzler der stärksten Wirtschaftsmacht Europas).
Erst jetzt können wir mit Fug und Recht zumindest im Falle der Ukraine als „antirussisches Projekt“ behaupten, was Volker Kauder (Merkels Vertraute und ehem. CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender) im Jahr 2011 verkündete, jedoch der Zeit noch weit voraus war: „Jetzt wird in Europa Deutsch gesprochen.“
Zum anderen haben wir es seit zwei Jahren mit einer Bundesregierung unter Führung einer CDU-Mannschaft Merz/Wadephul zu tun, die man zurzeit des „Kalten Krieges“ „Stahlhelm-Fraktion“ bezeichnet hätte. Nur vor diesem Hintergrund wird die aggressive Anti-Russlandpolitik der amtierenden Bundesregierung nachvollziehbar.
Merz´ Vorbild ist nicht Helmut Kohl, sondern Alfred Dregger (einer der prominentesten Vertreter der sog. „Stahlhelm-Fraktion“, ehem. Wehrmachtoffizier und Vorsitzender der CDU-Bundestagfraktion in den Jahren 1982 bis 1991).
Dass Merz ein Bewunderer von Dregger war und ist, darüber lässt er keinen Zweifel. 20 Jahre nach dessen Ableben hielt er am 19. November 2022 an seinem Grab eine Rede, in der er ehrfurchtsvoll sagte: „Alfred Dregger ist für mich bis heute ein Vorbild in seiner Haltung, ein Gentlemen, der hart in der Sache argumentiert hat, dabei aber stets persönlich höflich und konziliant geblieben ist. Ich verdanke ihm sehr viele gute Gespräche und manche Anregung.“
Offenbar immer noch in den Zeiten des „Kalten Krieges“ des 20. Jahrhunderts stecken geblieben, hat Merz das geopolitische Ufer des 21. Jahrhunderts noch nicht erreicht. Sein Diktum ist das des 20. und nicht des 21. Jahrhunderts, in dem er noch nicht ganz angekommen zu sein scheint.
In den Schützengräben des „Kalten Krieges“ verschanzt, verwechselt er bis heute die Sowjetunion mit der Russländischen Föderation und Ideologie mit Geopolitik. Wie Dregger der 1970er- und 1980er-Jahre glaubt Merz heute noch an seinen von ihm noch nicht ausgefochtenen letzten und entscheidenden Kampf gegen Russland, das er immer noch mit der Sowjetunion identifiziert, austragen zu müssen. Und dabei ist ihm jede Provokation recht.
Demagogie ist zwar nicht sein Metier. Er ist ja kein Volksverführer (dafür fehlt ihm das Charisma), wohl aber ein gegen die Windmühlen kämpfender, glühender Anhänger einer aggressiven Anti-Russlandpolitik aus der „Position der Stärke“.
Kompromissbereitschaft? Fehl am Platz! Gemeinsam mit von der Leyen betreibt Merz eine Russlandpolitik, als würde es „den Tag danach“ nie mehr geben. Es gebe keine Kompromisse mit einem „Kriegsverbrecher“, so sein Diktum.
Bereits in seiner ersten Regierungserklärung sagte er am 24. Juni 2025:
„Putin zeigt bis heute täglich mit seinen Kriegsverbrechen in der Ukraine, dass ihm gemeinsame Regeln gleichgültig sind … Ein echter, ein dauerhafter Frieden setzt Friedensbereitschaft von allen Seiten voraus. Russland hat dagegen mit seinen neuen Angriffswellen auf die ukrainische Zivilbevölkerung auf barbarische Weise zu verstehen gegeben, dass es diese Friedensbereitschaft zurzeit nicht hat.“
Drei Monate später sagte Merz Anfang September 2025 in einem Interview für die Sat.1-Sendung „:newstime“: „Er ist ein Kriegsverbrecher. Er ist vielleicht der schwerste Kriegsverbrecher unserer Zeit, den wir zurzeit im großen Maßstab sehen. … Und wir müssen uns einfach darüber im Klaren sein, wie man mit Kriegsverbrechern umgeht. Da ist Nachgiebigkeit fehl am Platz.“ So viel Hass muss man erst haben!
Kompromissbereitschaft? Fehl am Platz! Nachgiebigkeit auch fehl am Platz! Was ist mit Gesprächsbereitschaft? Auch fehl am Platz! In einer TV-Sendung „Maischberger“ hat Merz am 1. Juli 2025 ein Interview gegeben, in dessen Verlauf Maischberger ihn mit Verweis auf Klaus von Dohnanyi, der eine Reise nach Moskau empfahl, um mit Putin zu reden, fragte, ob er sich diese Empfehlung zu eigen macht. Der angesprochene Kanzler reagierte darauf forsch mit der Bemerkung:
„Na ja, der letzte, der aus Europa in Russland in Juli des letzten Jahres dort war, war Viktor Orbán. Und als er zurückgekommen ist, hat Kiew unter massivsten Bombenangriffen gelitten, die es jemals gegeben hat, einschließend das Bombardement eines Kindergartens. Und wenn das die Antwort auf die Besucher in Moskau ist, dann werde ich solche Besuche auf absehbare Zeit nicht machen. Wenn es eine Chance gibt mit Putin vernünftig zu reden, wenn es darum geht einen Waffenstillstand herbeizuführen, dann hat es zwei Bedingungen: Erstens muss klar sein, dass es eine solche Richtung gibt und es geht nur mit den Ukrainern und nicht über die Köpfe der Ukrainer hinweg. Dann kann man darüber sprechen, aber dort sind wir noch längst nicht.“
Was für eine Hybris! Mit einem so arroganten Auftreten mag Merz – wenn überhaupt – in der Innenpolitik jemanden beeindrucken, außenpolitisch wirkt so eine Pose deplatziert. Mit so viel Hochmut und Übermut braucht er gar nicht nach Moskau zu fahren. Kein Mensch wird mit ihm reden wollen.
Die zur Schau gestellte Kompromisslosigkeit, Unnachgiebigkeit und Gesprächsverweigerung bleiben bis heute die Richtlinien der deutsch-europäischen Russlandpolitik. Eine solche destruktive Grundposition führt ins Nirgendwo, hat keine Zukunftsperspektive und ist früher oder später zum Scheitern verurteilt.
3. Europas Eskalation und Russlands Gegenmaßnahmen
Die deutsch-europäische Russlandstrategie ist nicht nur kompromisslos, unnachgiebig und gesprächsunfähig, sondern nach Trenins Meinung auch „eskalierend: von Drohnenangriffen über Marschflugkörperangriffe bis hin zu ballistischen Raketenangriffen auf russische Städte“. „Die europäischen Eliten, die ihre Angriffsstrategie über die Ukraine umsetzen, gehen leichtfertig davon aus, dass Russland es nicht wagen wird, gegen sie mit Vergeltungsangriffen zu reagieren.“
Das ist eine verantwortungslose, ja gefährliche Illusion. Die russische Armee führe seit Wochen systematische Angriffe durch, um die Ukraine von europäischen und anderen Nachschubwegen für ihre Waffenarsenale und andere strategisch wichtige Güter abzuschneiden. „Bislang konzentrierten sich diese Angriffe vor allem auf die ukrainischen Schwarzmeerhäfen. Es wäre naheliegend, dass sie auch die Landgrenzübergänge zwischen der Ukraine und den Nato-Staaten (Polen, Rumänien und anderen) ins Visier nehmen würden.“
Die ukrainischen Drohnen greifen regelmäßig das Gebiet um St. Petersburg an und nutzen dabei den Luftraum der baltischen Staaten. „Die Komplizenschaft der baltischen Führung bei Angriffen auf Russland setzt Estland, Lettland und Litauen möglichen russischen Vergeltungsangriffen aus.“
Russland hat die europäischen Länder, in denen sich Rüstungsbetriebe für die ukrainischen Streitkräfte befinden, offiziell und öffentlich davor gewarnt, dass diese Einrichtungen Ziel russischer Vergeltungsschläge werden könnten. Unter bestimmten Umständen ist es wahrscheinlich, dass solche Angriffe auch tatsächlich erfolgen werden.
Russland stuft das Festhalten und Beschlagnahmen von Handelsschiffen durch Europäer in russischen Häfen mittlerweile als Piraterie ein und ist jederzeit zu Vergeltungs- oder Präventivmaßnahmen gegen diese modernen europäischen Piraten bereit.
Russland ergreift bereits Maßnahmen zum Schutz von Handelsschiffen. Dazu gehören die Eskortierung durch Marineschiffe und der bewaffnete Schutz. In letzter Zeit hat das russische Militär als Reaktion auf Angriffe auf russische Schiffe auch Schiffe ins Visier genommen, die im Interesse der Ukraine operieren.
Immer wieder werden in Europa Drohungen laut, den Finnischen Meerbusen für Russland zu sperren und die Region Kaliningrad zu blockieren. „Eine solche Blockade ist ein Kriegsakt. Sollten diese Drohungen umgesetzt werden, wäre Russland zweifellos gezwungen, massive Angriffe gegen die Nato-Staaten zu starten, was letztlich zu einem direkten Krieg zwischen der Nato und Russland führen würde.“
Ein Krieg zwischen Russland und der Nato (und der Ukraine), indem ausschließlich konventionelle Waffen zum Einsatz kommen, sei nach Trenins Einschätzung für Russland ungünstig: Der Gegner, der zudem die US-Unterstützung und einiger anderer Länder genießt, sei „Russland in vielerlei Hinsicht überlegen.“ (Andere russische Militärexperten sind allerdings dezidiert ganz anderer Meinung.)
„Daher müssen wir den Europäern ein unmissverständliches – und nicht nur verbales – Signal senden, dass Russland unter Umständen zu Atomwaffen greifen könnte“, empfiehlt Trenin. Eine solche Stimmung wird in der veröffentlichten Meinung inzwischen dominant.
Es sei wichtig zu betonen, dass „das Signal“ von einem potentiellen Angreifer nur dann richtig verstanden und akzeptiert wird, „wenn wir uns in der Eskalationsleiter konsequent nach oben bewegen. Das Konzept dieser Eskalationsleiter und ihrer einzelnen Stufen muss selbstverständlich sorgfältig ausgearbeitet werden.“
Eine Analyse des andauernden, mehrjährigen Konflikts zwischen dem Westen und Russland zeigt, „dass die russische Führung stets große Zurückhaltung und Geduld bewiesen hat. Dennoch ließen die Aktionen der Vereinigten Staaten und ihrer europäischen Verbündeten im Februar 2014 und Februar 2022 Moskau keine andere Wahl. Diese Situation könnte sich in Zukunft wiederholen – womöglich in einer weitaus gefährlicheren Form“, warnt Trenin und meint anschließend:
„Gelingt es uns, den Ukrainekrieg zufriedenstellend zu beenden und einen größeren Krieg mit der Nato zu vermeiden, der höchstwahrscheinlich den Einsatz von Atomwaffen zur Folge gehabt hätte, wird die militärpolitische Lage zwischen Russland und den europäischen Ländern noch lange instabil bleiben. Sie wird sich deutlich von der relativ stabilen Pattsituation der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterscheiden.
Nach dem Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine wird höchstwahrscheinlich kein dauerhafter Frieden unmittelbar eintreten. Europa wird Russland weiterhin feindlich gesinnt sein. Und was von der Ukraine übrigbleibt, wird letztlich den europäischen Eliten als Instrument dienen, um Druck auf Russland auszuüben. Der Kampf um die Sicherheit des Landes an der Westgrenze wird sich voraussichtlich noch sehr lange hinziehen.“
Trenins Analyse der EU-Russlandpolitik lässt nur einen Schluss zu: Die Zeichen stehen weiterhin eher auf Eskalation als auf Deeskalation und uns bleibt nur zu hoffen, dass am Ende des Weges keine gegenseitige Vernichtung steht.
Anmerkungen
1. Zitiert nach Silnizki, M., Albion versus Russland. Im Spiegel der Geschichte und Gegenwart. 25. Juli 2026,
www.ontopraxiologie.de.
2. Zitiert nach Silnizki, M., „Potentieller Freund im Rücken potentieller Feinde“. Jahrhundert westliche
Russlandpolitik. 8. Dezember 2022, www.ontopraxiologie.de.
3. Кунина, А. Е., Провал американских планов завоевания мирового господства в 1917—1920 гг.
Москва 1954, 95.
4. Krysmanski, H. J., „I Still Wanted To Be A Generalist“. Ein Blick ins Innere des Council on Foreign
Relations, in: Wissenschaft & Frieden 4 (2004).