Verlag OntoPrax Berlin

Russland und Europa auf Kollisionskurs

Stimmen und Stimmungen

Übersicht

1. Putins flapsige Bemerkung und die Reaktion darauf
2. Medwedews Rundumschlag
3. Lawrows Empörung und innenpolitische Stimmung
4. Gefangen in einem unlösbaren Dilemma

Anmerkungen

„Европа играет на повышение в украинском конфликте, … но при этом понимает,
что такая игра может дорого стоить.“
(Europa setzt auf Eskalation im Ukrainekonflikt, … ist sich aber bewusst,
dass ihm ein solches Spiel teuer zu stehen kommen kann)
(Putin, 9. Mai 2026)

1. Putins flapsige Bemerkung und die Reaktion darauf

Am Spätabend des 9. Mai wandte sich Putin im Malachit-Salon des Großen Kremlpalastes an die Medien und stellte sich den Fragen der Journalisten. „Sie sagten kürzlich“, leitete ein Journalist die Frage an Putin ein, „dass die terroristische Bedrohung wachse und meinten dabei das Kiewer Regime. Wir sehen mittlerweile Angriffe in Städten weit entfernt von der Grenze, wie Jekaterinburg, Perm und die jüngsten Ereignisse in Tscheboksary. Ist der Westen zu weit gegangen? Schließlich gibt der Westen selbst zu, dass das Kiewer Regime ohne seine Unterstützung nicht länger als ein paar Tage überlebt hätte. Vielen Dank.“
Putins Antwort war aufschlussreich:
„Was ist der Westen? Es sind die sog. Globalisten, die uns durch die Ukrainer bekämpfen. Sie haben … natürlich eine gute Arbeit geleistet, indem sie diesen Konflikt provoziert haben. …
Sie haben uns alle getäuscht und geben das auch öffentlich zu. Bereits Anfang der 1990er-Jahre begannen sie uns hinsichtlich der Nato-Osterweiterung zu täuschen. >Die Nato wird keinen einzigen Schritt nach Osten machen<, wurde uns damals versichert …
Wir haben uns neulich mit Kollegen unterhalten und uns daran erinnert, wie sich alles entwickelt hat. Schließlich hatten wir 2022 in Istanbul eine Vereinbarung mit den Ukrainern getroffen und sie paraphiert. Dann rief mich ein Kollege, Herr Macron, an … und sagte, die Ukraine könne solche historischen Dokumente nicht mit einer Pistole an ihrer Schläfe (с пистолетом у виска) unterzeichnen. Das hat er wörtlich gesagt; wir haben eine Aufzeichnung des Gesprächs.
Ich fragte: >Was ist zu tun<? >Wir sollten unsere Truppen aus Kiew abziehen<. Nun, das taten wir auch. Dann tauchte eine weitere Person des Showbusiness auf, der damalige britische Premierminister (Boris Johnson). Und was sagte er? >Wir können es nicht unterzeichnen; diese Vereinbarung ist unfair<.
Wer entscheidet aber darüber, ob das fair ist oder nicht? Wenn der Leiter des ukrainischen Verhandlungsteams diese Dokumente paraphiert hat, was ist daran unfair? Wer entscheidet das? Nun gut, sie haben Hilfe versprochen und die Konfrontation mit Russland eskaliert, die bis heute andauert. Ich denke, die Sache nähert sich ihrem Ende (Я думаю, что дело идёт к завершению), aber es ist immer noch eine ernste Angelegenheit. …“.

Soweit Putins Antwort. Und was haben die deutschen und transatlantischen Mainstream-Medien aus dieser Antwort gemacht? Sie griffen einen einzigen Satz daraus auf: „Ich denke, die Sache nähert sich ihrem Ende (Я думаю, что дело идёт к завершению) und haben ihn, wie folgt, interpretiert: Putin sagte, der Krieg mit der Ukraine gehe „dem Ende entgegen“. Conclusio: „Putin Tired of War“ (Putin ist kriegsmüde). Will heißen: Putin ist mit seinem Latein am Ende!
„Putin hints he might end Russia’s war in Ukraine. But why now?“ (Putin deutet an, er könnte Russlands Krieg in der Ukraine beenden. Aber warum gerade jetzt?), überschreibt Nick Paton Walsh seinen CNN-Bericht am 11. Mai. Sein Kommentar:

„Putins neue diplomatische Rhetorik lässt sich leicht durch die Brille seiner im vergangenen Jahr gescheiterten, nur vorgetäuschten Friedensbemühungen betrachten. Doch die weit verbreitete Annahme, Putins Herrschaft könne nur mit einem nahezu vollständigen Sieg in der Ukraine bestehen, wurde durch die jüngste, in ganz Russland geäußerte Kritik an der Kriegsführung, der Dauer und den entsetzlichen menschlichen und wirtschaftlichen Kosten untergraben. In Moskauer Elitekreisen mehren sich die Stimmen, die befürchten, Putin könnte den Krieg politisch gar nicht überleben.“

Eine flapsige Bemerkung eines gut gelaunten, aber nach einem langen, ereignisreichen und kräftezehrenden Tag sichtlich ermüdeten Putin und was für ein Lärm auf dem Propaganda-Schlachtfeld! Viel Lärm um nichts (Much Ado About Nothing), möchte man sagen.
Völlig aus dem Zusammenhang gerissen, wird einer belanglosen Nebenbemerkung eine große Bedeutung beigemessen, hochaufgebauscht und getreu der ukrainischen Desinformation beteuert: Die Ukraine befinde sich auf dem Vormarsch, Russland auf dem Rückzug und Putin kämpfe politisch ums Überleben. Kriegspropaganda in Reinkultur! Was will man mehr?

2. Medwedews Rundumschlag

Wie sieht es aber tatsächlich mit der Stimmung in der russischen Führung und der russischen Gesellschaft aus? Das kann man an einigen Äußerungen der russischen Spitzenpolitiker ablesen. Kurz vor Feierlichkeiten zum 9. Mai holte Medwedew wieder einmal in gewohnter Manier zum Rundumschlag aus.

Die einzige Antwort auf das EU-Konzept „Frieden durch Stärke“ könne „Russlands Sicherheit durch Europas Urangst“ (безопасность России через животный страх Европы) sein, erklärte der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates und ehem. russische Präsident, Dmitrij Medwedew, in einem Schreiben an Russia Today (RT) am 6. Mai 2026.

Zugleich betonte er, dass weder „Bekundungen guter Absichten“ noch Überredungskünste oder einseitige Schritte zum Aufbau von Vertrauen und Wohlwollen Russlands Mittel sein sollten, um ein erneutes „Gemetzel“ in Europa zu verhindern. Nur wenn Deutschland und Europa sich über die schrecklichen Folgen eines „Barbarossa 2.0“ im Klaren sein würden, kann eine Katastrophe des 21. Jahrhunderts abgewendet werden.

Zur Erinnerung: Die Operation Barbarossa war der Deckname für die Direktive Nr. 21, die Adolf Hitler am 18. Dezember 1940 genehmigte und die einen Blitzkrieg sowie die Niederlage der UdSSR vor dem Einsetzen des Winters 1941 vorsah. Das Hauptziel war die Zerstörung der sowjetischen Armeen westlich des Dnepr und der Wolga, um eine angebliche Bedrohung für das „Dritte Reich“ abzuwenden.

Deutschland habe laut Medwedew nie eine „wirkliche Entnazifizierung“ durchlaufen.  Mit Berufung auf Material des russischen Auslandsgeheimdienstes beteuerte er, dass „die Westmächte beschlossen haben, die Nazi-Kriegsverbrecher zu rechtfertigen“, wodurch der Entnazifizierungsprozess faktisch zu einer „leeren Farce“ wurde.

Scharf attackierte Medwedew dabei die Osteuropäer. „Die Pygmäen“ in Osteuropa würden „nach der Pfeife“ der Westeuropäer tanzen, die jedwede „Wiederbelebung des Nationalsozialismus“ in Osteuropa leugnen. Er wies darauf hin, dass die Tschechische Republik Konew seinen Ehrenstatus aberkannt habe, wohingegen Hitler ihn behalten habe.

Die Entscheidung der Prager Behörden, dem sowjetischen Marschall Iwan Konew bis zum 9. Mai die Ehrenbürgerschaft zu entziehen, obwohl Adolf Hitler diesen Titel in der tschechischen Stadt Lanškroun noch innehat, wirft Zweifel an der Entnazifizierungspolitik der tschechischen Republik auf, meinte Medwedew und griff sodann frontal die EU an:

„Die niederträchtige und feige Heuchelei der Europäer weigert sich, mit den Dämonen der Nazi-Vergangenheit abzurechnen. Es stellt sich daher die Frage: Ist Westeuropa, nach dessen Pfeife die osteuropäischen Zwerge jetzt tanzen, seit 1945 wirklich entnazifiziert?“ (Мерзкое и трусливое лицемерие европейцев не хочет сводить счеты с демонами нацистского прошлого. Отсюда вопрос: а прошла ли после 1945 года Западная Европа, под чью дудку сейчас пляшут восточноевропейские пигмеи, настоящую денацификацию?).

Medwedew nannte die Entscheidung der Prager Behörden ein „weiteres russlandfeindliches Geschenk an die Geschichtsfälscher“ und erinnerte daran, dass das Prager Denkmal 2020 eingelagert wurde , um es später in ein Museum zu bringen.

Neben Tschechien, so fuhr er weiter fort, genieße Hitler auch in den polnischen Städten Stettin und Breslau Ehrenstatus. Die Behörden dieser Regionen bezeichneten die Situation wiederholt als „Spiegelbild jener Zeit“, und es gebe keine rechtlichen Mechanismen, um diesen Status aufzuheben.

„Beobachten Sie diesen Gedankentrick, der einem normalen Menschen Übelkeit bereitet: Die Erinnerung an einen sowjetischen Marschall ist kommunistische Propaganda und muss getilgt werden, wohingegen die Weigerung, die Verherrlichung der Nazis zu bekämpfen, einfach >im Namen der Geschichte< geschieht“, schreibt Medwedew empört.

Russland beabsichtigt nicht, „das ohrenbetäubende Schweigen und die widerliche Blindheit zu dulden, die das Wiederaufleben des Neonazismus in der Ukraine >ignoriert<“, empört er sich weiter und ist der Ansicht, dass Russophobie in Europa präsent sei und ihre Wurzeln darin liegen, dass ehemalige Nazi-Funktionäre und -Wissenschaftler in den USA, Europa und der Nato eine Karriere gemacht haben.

Bereits Ende April erklärte Medwedew, dass der Konflikt zwischen Russland und dem Westen „existenziell“ sei, und betonte, dass die Konfrontation zwischen Russland und Europa nicht „innerhalb einer Generation“ beendet sein werde. Selbst mit dem Amtsantritt neuer westlicher Politiker, mit denen man die Beziehungen neugestalten könne, bleibe das gegenseitige Misstrauen „enorm“.

Wie man sieht, ist von einer Kriegsmüdigkeit in der russischen Führung keine Spur. Medwedews Rundumschlag zeigt vielmehr, wie sehr die russische Führung über die Entwicklungen in Europa, dessen Remilitarisierung1 und aggressive antirussische Rhetorik verärgert und empört ist.

Unlängst erklärte der Vorsitzende des Nato-Militärausschusses, Admiral Giuseppe Cavo Dragone, in einem Interview mit RBC-Ukraine, dass die Nato Russland als „die größte Bedrohung“ betrachte. Was für eine Überraschung! Und die EU bezeichnete Moskau in ihrem „Weißbuch zur europäischen Verteidigung“ als „fundamentale Bedrohung“.

Im April erörterten Mark Rutte und Ursula von der Leyen die Stärkung der EU-Verteidigungsfähigkeit angesichts des drohenden US-Austritts aus dem Bündnis. Laut Wall Street Journal entwickelt Brüssel einen Plan für eine „europäische Nato“ und hat bereits mit der Ausarbeitung eines Notfallplans für den Fall eines US-Austritts begonnen.

Ebenfalls im April sprach Boris Pistorius von der Notwendigkeit, die Bundeswehr zur stärksten regulären Armee Europas zu machen, um „Bedrohungen aus Russland entgegenzuwirken“. Mit dem Ziel, „die Bundeswehr zur >konventionell stärksten Armee Europas< (zu) entwickeln … hat Verteidigungsminister Boris Pistorius die erste Militärstrategie der Geschichte der Bundeswehr vorgestellt. Hauptbedrohung ist Russland“, berichtete Der Spiegel am 22. April 2026.

Und der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer, stoßt ins gleiche Horn, wenn er schreibt: „Die Militärstrategie folgt dem Gedanken, dass Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas in einer komplexer und schärfer werdenden Bedrohungslage eine Führungsrolle in der Nato übernehmen muss und wird – auch militärisch. Sie ist Zeichen eines Paradigmenwechsels und untermauert unseren Gestaltungsanspruch“.

In diesem Kontext ist auch Pistorius´ jüngster Besuch in Kiew am 11. Mai zu sehen. „Im Grunde genommen, reiste Pistorius nach Kiew, um dort offen Terroranschläge gegen Russland zu planen“, entrüstete sich die italienische Online-Plattform L’antidiplomatico am 11. Mai in einem Beitrag, den sie unter der bezeichnenden Überschrift „La Germania pianifica attacchi terroristici contro la Russia“ (Deutschland plant Terroranschläge gegen Russland) veröffentlichte.

Alles in allem stehen die Zeichen auf Konfrontation und nicht auf Entspannung. Die EU-Europäer und allen voran die deutsche militärische und politische Führung scheinen die Lehren der leidvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts vergessen und aus der Geschichte nichts gelernt zu haben.

Es wundert darum kaum, wenn man scharfe Töne aus Moskau Richtung Deutschland im Vorfeld des 9. Mai, „Tags des Sieges“ über Nazideutschland, hörte und diesen Tag historisch mit der aktuellen Situation verknüpfte.

3. Lawrows Empörung und innenpolitische Stimmung

Medwedews scharfe Angriffe gegen Deutschland und Europa sind nicht neu. Neu ist allerdings, dass sich auch die anderen russischen Spitzenpolitiker in der letzten Zeit zunehmend einer ähnlichen Sprache bedienen. Der russische Außenminister, Sergej Lawrow (eigentlich die Ruhe in Person), ist in den vergangenen Wochen mit ungehaltener Sprache aufgefallen. Die Stimmung wird gereizter und aggressiver, was eher für eine Intensivierung des Krieges in der Ukraine als für ein baldiges Friedensabkommen spricht.

Am 7. Mai drohte Lawrow mit entschlossenem Handeln im Falle von Versuchen, die Feierlichkeiten zum 9. Mai zu destabilisieren, und merkte an, dass in mehreren europäischen Ländern Äußerungen gefallen seien, die seiner Ansicht nach gefährliche historische Parallelen und eine konfrontative Rhetorik gegenüber Russland offenbarten.

Zugleich betonte er, dass bestimmte westliche Politiker Wolodymyr Selenskyj als Instrument des Drucks und der Eskalation missbrauchen. „Ich möchte in aller Offenheit und Verantwortung sagen: Wenn die im Westen wiedererstarkenden Nazis das tun, was sie jetzt in der Ukraine tun, wird es keine Gnade für sie geben“ (Я хочу сказать со всей прямотой и со всей ответственностью: если то, что делают сейчас через Украину возрождающиеся на Западе нацисты, пощады им не будет), sagte der Chef des russischen Außenministeriums bei einer Blumenniederlegung an den Gedenktafeln im Gebäude des Außenministeriums.

„Der Westen, der Selenskyj zu einem direkten Werkzeug, zur Speerspitze der Aggression gemacht und gegen unser Land in Stellung gebracht hat, indem er dieses Nazi-Regime in Kiew bewaffnet und ihm die tödlichsten Waffen geliefert hat, versucht jeden Tag, uns immer mehr Probleme zu schaffen und sagt: >Kommt schon, schlagt härter gegen die Russische Föderation<. Er hat versucht und versucht es immer noch …, den heiligen Feiertag, den Tag des Sieges, zu ruinieren“, äußerte sich Lawrow ziemlich ungehalten und verärgert.

Zuvor wurde berichtet, dass Russland am Vorabend des 9. Mai einen der größten Drohnenangriffe erlebte. In der Nacht zum 8. Mai wehrten die russischen Luftverteidigungskräfte einen massiven ukrainischen Drohnenangriff auf russische Gebiete ab. Sechzehn Regionen des Landes wurden getroffen, wie das russische Verteidigungsministerium mitteilte.

Die immer schriller werdenden Äußerungen der russischen Führung sind dessen ungeachtet nicht nur mit den aggressiv auftretenden und die antirussischen Ressentiments schürenden EU-Spitzenpolitikern und Militärs zu erklären, sondern auch im Zusammenhang mit den eigenen innenpolitischen Entwicklungen zu sehen.

Seit dem Kriegsausbruch im Iran rumort es in der russischen Gesellschaft. Die selbst in den russischen Staatsmedien seit langem zu beobachtende latente und subtile Kritik am nicht offensiv und aggressiv genug geführten Krieg in der Ukraine seitens der Sowjetnostalgiker und des sog. „russischen patriotischen Lagers“ zeigt sich jetzt an den eingebrochenen Umfragewerten für Putin und die die Regierung unterstützende Partei „Einiges Russland“ (Единая Россия).

Laut einer Umfrage des Allrussischen Meinungsforschungsinstituts (WCIOM) vom 13. bis 19. April misstraut fast ein Viertel der Russen (24,1 %) Putin. Demnach liegt das Vertrauen in den Präsidenten bei 71 Prozent.

Im Vergleich zu den seit Jahren stabilen Werten von gut 80 Prozent, signalisieren die Zahlen einen ordentlichen Vertrauensverlust und wachsende Unzufriedenheit mit dem Führungsstil und der Kriegsführung des Präsidenten.

In Russland sieht man, wie brutal und gnadenlos Israel und die USA ihren Irankrieg führen, ohne dass die westlichen Massenmedien eine nennenswerte Kritik üben, und fragt sich: Soll das, was Putin tut, überhaupt noch ein Krieg heißen?

Die Unzufriedenheit innerhalb des sog. patriotischen und ultranationalistischen Lagers mit Putins Kriegsführung nahm seit 2024 und den Folgejahren bis heute (Mai 2026) ständig zu. Diese sog. „Turbo-Patrioten“ (und nicht nur sie) unterstützen zwar den Krieg, kritisieren aber vehement dessen Führung. Vor dem Hintergrund des Irankrieges nahm die Kritik noch mehr zu. Dieser Stimmung musste die Politik, wie Medwedews und Lawrows Äußerungen zeigen, Rechnung tragen.

Die Unzufriedenheit speist sich zuallererst aus dem Gefühl, dass die russische Führung den Krieg mit „angezogener Handbremse“ führt und/oder durch Inkompetenz den Sieg verspielen kann. Man beklagt mangelnde Aggressivität und fordert insbesondere die Zerstörung der gesamten kritischen Infrastruktur der Ukraine und Angriffe auf westliche Nachschublinien.

Beklagt wird auch ein fehlendes gesellschaftliches Interesse am Krieg während „unsere Jungs“ an der Front sterben.

Alles in allem versucht die russische Führung, wie gesehen, mit einer aggressiven Rhetorik dagegen zu steuern – freilich ohne nennenswerten Erfolg, solange den Worten keine Taten folgen. Und den Worten werden keine Taten folgen, solange der Kreml seine Defensivstrategie nicht aufgibt.2

Denn die russische Kriegsführung trägt von Anfang an einen defensiven Charakter und bis heute reagiert Putin auf alle möglichen Provokationen und Eskalationen überwiegend reaktiv, was in „Westen“ als „Schwäche“ ausgelegt wird.

Putin verfolgt dessen ungeachtet konsequent seine Defensivstrategie gegenüber der Nato, die keineswegs als „Schwäche“ missverstanden werden darf.

Ganz im Gegenteil: Dass Putin sich getraut hat, der Nato-Expansion in der Ukraine militärisch Einhalt zu gebieten, ist nicht nur mit den russischen vitalen Sicherheitsinteressen, sondern auch mit der erreichten militärtechnologischen Überlegenheit im Bereich der Hyperschallsysteme zu erklären, die die Nato-Allianz gar nicht besitzt.

Dass diese neue Militärtechnologie von außerordentlich strategischer Bedeutung ist und den Krieg revolutioniert, in der Ukraine aber nur sporadisch zum Einsatz kommt, wird von der Nato-Führung weder ernst- noch wahrgenommen und darum konsequent ignoriert.

Die zahlreichen westlichen Provokationen, die zur Überschreitung der sog. „roten Linien“ führen, zeigen diese Ignoranz, beweisen aber zugleich ihre Kurzsichtigkeit, blenden sie doch die Risiken aus, die sehr schnell in eine harsche russische Reaktion umschlagen können, falls Russland sich in seinen vitalen Sicherheitsinteressen real und nicht nur abstrakt bedroht fühlt.

Die in der letzten Zeit gehäuften ukrainischen Drohnenangriffe in der Tiefe des russischen Raumes könnte eine solche harte russische Reaktion provozieren und dazu führen, dass nicht nur die gesamte kritische Infrastruktur der Ukraine, sondern auch europäische Nachschublinien angegriffen werden.

Dann bekommen wir genau das, wovon Selenskyj schon die ganze Zeit träumt: die Ausweitung des Ukrainekonflikts auf Europa und eine direkte Involvierung der Nato-Länder in den Krieg. Man kann sich denken, was dann kommt.

Denn dann kommt genau das, was der römische Senator, Cato der Ältere (234-149), einst verkündete: „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ (Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss).

4. Gefangen in einem unlösbaren Dilemma

Die unzufriedene Stimmung versucht man im „Westen“ aufzugreifen und streut neuerdings gezielt Gerüchte über Verschwörung gegen Putin innerhalb des Kreml-Machtzirkels. Am Vorabend des 9. Mai 2026 berichteten mehrere einflussreiche westliche Medien über einen angeblichen Putschversuch gegen Putin.

So veröffentlichte die Financial Times (FT) am 4. Mai einen Artikel mit dem Titel „Vladimir Putin hunkers down for fear of assassination“ (Wladimir Putin versteckt sich aus Angst vor einem Attentat). Und der CNN-Korrespondent, Nick Paton Walsh, berichtete am 7. Mai über „einen Geheimdienstbericht“, dem zufolge „der verunsicherte Kreml angesichts von Attentaten und Putschängsten die Sicherheitsvorkehrungen um Putin verschärft“ (Unsettled Kremlin tightens security around Putin amid assassinations and coup fears, intel report says“).

Walsh beruft sich dabei auf Informationen eines anonymen „europäischen Geheimdienstes“, der behauptet, dass der Kreml die Sicherheitsmaßnahmen deutlich verstärkt hat. Dem Bericht zufolge ist es „Köchen, Leibwächtern und Fotografen, die mit dem Präsidenten zusammenarbeiten, untersagt, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Besucher des Kremlchefs müssen sich einer doppelten Sicherheitskontrolle unterziehen, und seine Mitarbeiter dürfen nur Mobiltelefone ohne Internetzugang verwenden.“

Der Bericht stellt fest, dass einige dieser Maßnahmen in den letzten Monaten nach dem Attentat auf einen hochrangigen General im Dezember eingeführt wurden, das zu Konflikten in den höchsten Kreisen der russischen Sicherheitskräfte führte.

Gemeint ist wahrscheinlich das Attentat auf Generalleutnant Fanil Sarwarow, der am 22. Dezember 2025 in Moskau durch eine unter dem Boden seines Wagens angebrachte Bombe getötet wurde. Drei Tage später fand im Kreml ein angespanntes Treffen statt, an dem der Generalstabschef, Walerij Gerassimow, der FSB-Direktor, Alexander Bortnikow und der Direktor der Nationalgarde, Wiktor Solotow, teilgenommen haben sollen.

Im Anschluss an das Treffen wurde laut der anonymen Quelle beschlossen, den FSB-Schutz nicht nur auf Waleri Gerassimow, sondern auch auf zehn weitere hochrangige Offiziere des russischen Verteidigungsministeriums auszuweiten.

Die Veröffentlichung enthüllt außerdem, dass der Kreml angeblich ernsthaft über die Bedrohung durch feindliche Drohnen besorgt ist. Freilich benötigt man bei solchen Erkenntnissen keine Geheimdienste. Tägliche Angriffe von Langstreckendrohnen auf russische Städte sind bereits zur neuen Realität geworden.

Und dann kommt der eigentliche Clou. Die anonyme Quelle hat den Chef des russischen Sicherheitsrates, Sergei Schoigu, zur „grauen Eminenz“ ernannt. Offenkündig dient der ganze Bericht dazu, ein Misstrauen innerhalb der russischen Führung zu schüren.

Die wohl bemerkenswerteste Schlussfolgerung betrifft nämlich Putins Vertrauten Sergei Schoigu. Der abgesetzte ehem. Verteidigungsminister, der derzeit als Sekretär des Sicherheitsrates fungiert, „ist mit dem Risiko eines Staatsstreichs verbunden, da er weiterhin erheblichen Einfluss im höheren Militärkommando ausübt“, heißt es in dem Bericht.

Militärputsch in Russland? Eine solche Story kann nur die Central Intelligence Agency (CIA) erfinden, die Russland offenbar mit Südamerika verwechselt, wo sie an zahlreichen Umstürzen während des „Kalten Krieges“ beteiligt war.

Die Verhaftung seines ehemaligen Stellvertreters im Verteidigungsministerium, Ruslan Tsalikov, wurde quasi als Bestätigung für die Putsch-Spekulation angeführt. Solche Spekulationen sollten man mit äußerster Vorsicht genießen. Denn gäbe es tatsächlich eine Verschwörung gegen Putin, hätte man sie nicht an die große Glocke gehängt und öffentlich bekanntgemacht.

Ein Putschversuch inmitten eines langwierigen, zermürbenden Krieges mit drohender Eskalation und einer ohnehin schon extrem angespannten weltpolitischen Lage könnte zudem eine Kette unkontrollierbarer Ereignisse auslösen, deren Folgen unvorhersehbar wären. Anstelle von „Friedenstauben“, die zu den weitreichendsten Zugeständnissen bereit wären, könnten auch „Falken“ an die Macht kommen, was in Anbetracht der oben geschilderten Stimmung viel wahrscheinlicher wäre, und der Charakter des Krieges würde sich in einer Weise verändern, die dem „Westen“ sicherlich nicht gefallen würde.

Derzeit profitiert der „Westen“ von der Berechenbarkeit und Vorhersehbarkeit des defensiven Charakters der russischen Kriegspolitik und der Zurückhaltung vor möglichen Vergeltungsmaßnahmen. Die gezielt gestreuten Gerüchte, die dazu dienen sollten, Sergei Schoigu zu diskreditieren, der ja längst alle seine Posten im russischen Verteidigungsministerium verloren hat, um damit Unruhe in der russischen Führung zu schüren, ist ein durchsichtiges Manöver und kann Putin nicht sonderlich beeindrucken.

Solche Informationslecks in den westlichen Medien zielen allein darauf ab, Misstrauen innerhalb der russischen Machtelite zu säen und obligatorische Überprüfungsprotokolle der russischen Geheimdienste auszulösen.

Die verstärkten Sicherheitsmaßnahmen des FSB sind angesichts der Terrorgefahr in Russland mehr als nachvollziehbar, nicht zuletzt in Anbetracht der Erfahrungen mit der Entführung des venezolanischen Präsidenten, Nicolás Maduro, und der Ermordung der gesamten iranischen militärischen, politischen und geistlichen Führung.

Vor dem Hintergrund der zitierten Stimmen und Stimmungen kann man resümierend sagen: Alles läuft auf eine weitere Eskalation des Konflikts mit unabsehbaren Folgen für Europa hinaus.

Die ganze Gerüchteküche wäre undenkbar, hätte Putin längst auf eine offensivere Kriegsführung umgestellt. Mit seiner defensiven Haltung befindet er sich in einem unlösbaren Dilemma: Gibt er seine Defensivstrategie gegenüber der Nato-Allianz preis, riskiert er eine Verschärfung der Eskalation, verbleibt er in der Defensive, provoziert er eine weitere Eskalationsspirale.

Dass die Ukraine ihrerseits alles tut, um eine direkte Involvierung der Nato-Allianz in die Kämpfe an der ukrainischen „Ostfront“ herbeizuführen, verstetigt diese russische Defensivhaltung umso mehr und erweckt wiederum dadurch den Eindruck einer militärischen Schwäche bzw. willentlichen Unentschlossenheit.

Dieser Eindruck ist gefährlich, verleitet er doch zu den Schlussfolgerungen, die die tatsächliche militärische Lage verkennen und zu verfehlten, weil totbringenden Entscheidungen führen können. Mit einem Einsatz des Hyperschallsystems „Oreschnik“ demonstrierte Putin überzeugend, dass er mehr als nur eine strategische Nuklearoption hat, was es ihm auch ermöglicht, seine Defensivstrategie jederzeit offensiver zu gestalten, um glaubwürdig zu bleiben.

Russland kann es sich mittlerweile in Anbetracht seiner erfolgreich getesteten neuen Waffensysteme leisten, tendenziell weiterhin defensiv zu agieren, zugleich aber mit Ansage jederzeit und an jedem Ort im Umkreis von 5000 km zurückzuschlagen – im Bewusstsein dessen, dass die Nato-Allianz dem nichts entgegenzusetzen hat.

Mit einer solchen „offensiven Defensive“3 könnte der Kreml tendenziell jede Eskalationsspirale außer Kraft setzen. Dass er bis jetzt das nicht getan hat, wird allerdings innen- wie außenpolitisch immer mehr zu Putins Problem, weil er nach innen mit wachsendem Unmut der breiten Bevölkerungsschichten konfrontiert wird, und nach außen seine betont zurückhaltende Abschreckungsstrategie immer unglaubwürdiger macht.

Am Ende des Tages wird Putin Farbe bekennen müssen. Viel Zeit bleibt ihm ja nicht mehr übrig, will er seine Glaubwürdigkeit nach innen wie nach außen nicht gänzlich verspielen. Es ist fünf vor zwölf.

Anmerkungen

1. Vgl. Silnizki, M., Remilitarisierung Europas. Ein Spiel mit dem Feuer. 17. April 2026, www.ontopraxiologie.de.
2. Silnizki, M., Moskaus neue Defensivstrategie. Zur Frage nach der „Salamitaktik“ im Ukrainekrieg. 12. Januar 2025,
www.ontopraxiologie.de.
3. Der Ausdruck stammt von Lothar Ruehl, Russlands Weg zur Weltmacht. Düsseldorf/Wien 1981, 417.

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