Verlag OntoPrax Berlin

Geopolitische Konkursverschleppung?

Trumps Amerika zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Übersicht

1. Im Wandel der Zeiten 
2. Das British Empire und Trumps Amerika
3. Kanonenbootdiplomatie
4. Machtspiel aller mit allen gegen alle

Anmerkungen

„No country, no matter how powerful, can impose all its preferences on the world without evoking
universal resistance and without overextending itself.“
(Kein Land, so mächtig es auch sein mag, kann der Welt seine Präferenzen aufzwingen, ohne
universellen Widerstand hervorzurufen und sich zu überfordern.)
(Henry Kissinger, 10. Oktober 2001)

1. Im Wandel der Zeiten 

Die alten „schönen Zeiten“! Man erinnert sich: Die Berliner Mauer fiel 1989, die Sowjetunion ging klang- und geräuschlos 1991 zugrunde und Georg Bush sen. rief die Neue Weltordnung 1990 aus. Danach kamen die „glücklichen“ 1990er-Jahre und das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhundert.

Die Amtsjahre der US-Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush jr. (1993 – 2009) waren „eine einzigartige Phase amerikanischer Hegemonialpolitik . . . Seit dem Römischen Reich hat kein Staat mehr solche umfassende und weitreichende Macht besessen. Washington wurde als das >neue Rom< und die USA als >Hypermacht< bezeichnet“.1 Die USA sind die „Weltmacht ohne Gegner“, frohlockten Peter Rudolf und Jürgen Wilzewski um die Jahrhundertwende2.

Das waren die Zeiten, als die USA sich als den unangefochtenen Architekten einer neuen Weltordnung sahen und der Rest der Welt dem nichts entgegensetzen konnte. Für die „Weltmacht ohne Gegner“ war der Nahe und Mittlere Osten die Region, in der diese Weltordnung errichtet werden musste. Und sie konzentrierte sich darauf, Russland aus Europa herauszuhalten und durch die Nato-Osterweiterungspolitik und die Errichtung der Militärbasen ums angeschlagene Land herum (Einkreisungspolitik) militärisch für immer und ewig zu zähmen.

Welt- und europapolitisch war nach dem Ende des „Gleichgewichts des Schreckens“ der Vormarsch der einzigen, übriggebliebenen Supermacht nicht mehr aufzuhalten. Gleichgewicht wurde durch Hegemonie, Gegenmacht durch Ohnmacht substituiert.

Der Aufstieg der USA zum unanfechtbaren Hegemonen hat freilich die Ära der Konfrontation des „Kalten Krieges“ nicht beseitigt, sondern in eine andere, abgeschwächte überführt. Von einer Machtbalance war im ausgebrochenen Zeitalter der Unipolarität keine Rede.

Ganz im Gegenteil: Die zum weltweiten Hegemonen aufgestiegene US-Supermacht hat die Chance genutzt, ihre globale Hegemonialmachtposition in jeder denkbaren und undenkbaren Hinsicht zu erweitern und auszubauen.

Das Ergebnis war eine entgrenzte und exzessive Machtausübung, die im darauffolgenden Vierteljahrhundert seit dem Ende des „Kalten Krieges“ zu weltpolitischen Verwerfungen führte, die ihrerseits Gegenmachtbildungen auslöste. Und heute? Fünfunddreißig Jahre nach dem Ende des Ost-West-Konflikts steht die US-Hegemonie vor dem Aus. Donald Trump sei Dank!?

2. Das British Empire und Trumps Amerika

Nun unterbreitet einer seiner treuesten Anhänger und Apologeten, A. Wess Mitchell, mit seiner am 21. April 2026 in Foreign Affairs veröffentlichten umfangreichen programmatischen Schrift „A Grand Strategy of Consolidation“ einen Vorschlag, wie man die angeschlagene US-Hegemonie retten bzw. „revitalisieren“ kann, wie im Untertitel geschrieben steht: „How Trump Can Revitalize American Power“.

Dazu muss man wissen, wer der „Retter“ der „American Power“ ist. A. Wess Mitchell (geb. 1977) war von 2017 bis 2019 stellvertretender Außenminister für europäische und eurasische Angelegenheiten in Trumps erster Amtszeit (2017-2021). Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt 2019 hat er zusammen mit Elbridge Colby eine den US-Republikanern nahestehende Denkfabrik „The Marathon Initiative“ für strategische Studien gegründet.

Hervorzuheben ist, dass Mitchell Germanistik und Europastudien an der Georgetown University School of Foreign Service studiert und seinen Doktortitel in Politikwissenschaft 2017 an der Freien Universität Berlin mit der Doktorarbeit „The Grand Strategy of the Habsburg Empire 1700-1866. A Study in Interstitial Time-Management“ (Doktorvater: Eberhard Sandschneider) erworben hat.

Die Dissertation behandelt die Überlebensstrategien der Habsburgermonarchie vor dem Hintergrund der Großmächterivalität zwischen 1700 – 1866 unter den Bedingungen mangelhafter Ressourcen und zahlreichen Bedrohungen, vor denen die Donaumonarchie stand. Die der Dissertation zugrunde gelegten theoretischen Überlegungen dienten Mitchell für die Herausarbeitung seines Konzepts der „Grand Strategy“ für die USA.

Mit seiner neuen Studie subsumiert er seine „Überlebensstrategien“ für Trumps Amerika unter dem Schlagwort „Konsolidierung“, worunter er in erster Linie eine Aktivierung der „nicht mobilisierten Kraftreserven“ (undermobilized reservoirs of strength) durch kluges Management verstanden wissen will.

Im Gegensatz zu seiner Doktorarbeit wählte er diesmal einen ganz anderen historischen Ansatz. Nicht mehr die Habsburgermonarchie, sondern das British Empire, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts angesichts einer zunehmenden Großmächtekonkurrenz seitens Deutschlands, Frankreichs und Russlands einen Strategiewechsel vollzog, steht im Mittelpunkt seiner strategischen Überlegungen.

Das British Empire stand laut Mitchell „vor einem Dilemma, das dem der USA heute im Wesentlichen ähnelte“, dessen „Weltreich (zwar) die stärkste Macht der Welt war“ (Its empire was the world’s strongest power), „seine strategische Lage sich aber (zunehmend) verschlechterte“ (But its strategic situation was deteriorating).

Das Deutsche Kaiserreich baute eine Hochseeflotte auf; Frankreich und Russland stellten das britische Weltreich in Afrika und Asien vor neue Herausforderungen und die aufkommenden außereuropäischen Großmächte, die USA und Japan, strebten nach der Vorherrschaft in ihren Regionen.

Kurzum: „Die britische Führung stand vor der Wahl: Sie konnte weiterhin versuchen, all diese Konkurrenten militärisch zu übertrumpfen oder etwas Neues zu wagen“ (British leaders had a choice: they could keep trying to outgun all these competitors or try something new).

Mit Verweis auf einen einflussreichen britischen Admiral, Baron John „Jacky“ Fisher (1841-1920), der eine Strategie zur Stärkung des Britisch Empire entwarf, plädiert Mitchell für einen Neuanfang und bezeichnet diesen als „Konsolidierungsstrategie“, die er dahin gehend definiert, „dass der Staat sich auf seine wichtigsten Interessen konzentriert und gleichzeitig seine nationalen Ressourcen ausbaut, um seine Macht im Laufe der Zeit zu vergrößern.“

Diese Konsolidierung ist „weder ein Rückzug (retrenchment) noch eine Akzeptanz des nationalen Niedergangs (acquiescence to national decline)“, betont Mitchell und fährt fort:

„Indem Großbritannien seine begrenzten militärischen Ressourcen auf den Hauptkriegsschauplatz konzentrierte, minderte es den Druck auf sein Kolonialreich an mehreren Fronten und verschaffte sich eine stärkere Ausgangsposition für die bevorstehende Konfrontation mit dem Deutschen Reich … Die USA befinden sich heute an einem ähnlichen Wendepunkt. …

Wie Großbritannien zu Fishers Zeiten, müssen auch die USA eine Konsolidierungsstrategie verfolgen. Die zweite Trump-Administration hat in diese Richtung bedeutende Schritte unternommen und ehrgeizige innenpolitische Reformen zur Stärkung der nationalen Macht gegenüber China eingeleitet. Der im Februar begonnene Krieg gegen den Iran könnte die Konsolidierung fördern, sofern er sich auf einen begrenzten Rahmen beschränkt; andernfalls könnte er die Strategie untergraben.

Washington muss sich künftig uneingeschränkt dem Konsolidierungsplan verschreiben; zukünftige Regierungen müssen diesen Kurs beibehalten, um den Erfolg der Strategie zu gewährleisten. Das bedeutet, sich nicht in große Kriege verwickeln zu lassen oder in alte politische Gewohnheiten zurückzufallen, die die strategische Zwickmühle der USA verschärfen.

Konzentrieren sich die Vereinigten Staaten auf die Konsolidierung, bietet sich ihnen eine historische Chance, ihre Position als Großmacht zurückzugewinnen und im anhaltenden Wettbewerb mit China, dem mächtigsten Gegner in der Geschichte der USA, die Oberhand zu behalten.“

Was Mitchel hier referiert, hat nicht so sehr mit dem „Dilemma“ des British Empire zu Beginn des 20. Jahrhunderts als vielmehr mit seinen eigenen geostrategischen Überlegungen zu tun, die er bereits vor fünf Jahren in einem Strategiepapier konzipiert und am 21. August 2021 in der National Interest in einer umfangreichen Studie „A Strategy for Avoiding Two-Front War“ (Eine Strategie zur Vermeidung eines Zweifrontenkrieges) veröffentlicht hat.3

Zwar sind die vergleichbaren Entwicklungen heute wie damals nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Gründe für den Niedergang der „American Power“ sind aber völlig andere als zurzeit des British Empire. Im Zeitalter des europäischen Imperialismus nahm die ökonomische, militärische und kolonialpolitische Großmächtekonkurrenz und -rivalität an Schärfe zu.

Der Erfinder des Begriffs Geopolitik, Rudolf Kjellén (1864-1922), hat diese zur Schwächung der britischen Weltherrschaft geführte Rivalität sehr bildhaft in seinem berühmten, 1914/16 in zahlreichen Auflagen erschienenen Werk „Die Großmächte der Gegenwart“, wie folgt, beschrieben.

„Diese >kleinenglische< Ära begann in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts ins Wanken zu geraten, wo draußen in der Welt der Grund zu einem neuen >Kontinentalsystem< in Zeiten des Schutzzolls gelegt wurde. Hinter diesen Mauern zeigten sich andere Raubtiere neben dem britischen, und sie wagten sich bald weiter auf den Markt hinaus; die Jäger wurden zahlreicher, aber die Jagdbeute schien sich nicht ebenso schnell zu vermehren wie der Hunger der Großen.“4

Kjellén beschreibt hier eine Expansionspolitik der kontinentaleuropäischen Kolonialmächte, die im Zeitalter des europäischen Imperialismus in direkter Konkurrenz mit dem britischen Weltreich standen und wie „Raubtiere neben dem britischen“ ihren „gerechten“ Anteil an der kolonialen „Jagtbeute“ beanspruchten, was unweigerlich das britische Kolonialreich herausforderte.

Dass die britische Kolonialpolitik zur Überdehnung und folgerichtig Schwächung des British Empire geführt hat, ist der eigentliche Grund, warum Mitchell den Vergleich mit dem gegenwärtigen Zustand der US-Hegemonie bemüht.

3. Kanonenbootdiplomatie

„Die amerikanische Macht ist überdehnt“ (American power is overextended), weil die Verpflichtungen des Landes seine finanziellen und militärischen Ressourcen übersteigen, stellt Mitchell in seiner Schrift „A Grand Strategy of Consolidation“ lapidar fest.

„Diese Überdehnung … resultierte aus Verschiebungen des internationalen Machtgleichgewichts (the international balance of power), aber auch aus früheren politischen Entscheidungen der USA.“

Chinas Aufstieg zur geoökonomischen Supermacht und Russlands militärische Wiedererstarkung haben zwar entgegen Mitchells Beteuerung die US-Hegemonie herausgefordert, das globale Machtgleichgewicht, das nach dem Untergang des Sowjetimperiums verlorengegangen ist5, aber noch lange nicht wiederhergestellt, wie die bewusst provozierende und zur Schau gestellte aggressive und dreiste Außenpolitik der Trump-Administration zeigt.

Trumps provozierende Aggressivität verrät aber gerade die Nervosität und Ratlosigkeit, mit denen Trumps Amerika auf die geoökonomischen Herausforderungen der Zeit reagiert. Man muss sich nur den spektakulären geoökonomischen Aufstieg Chinas auf der Zunge zergehen lassen, um sich die ganze dramatische Machtverschiebung vor Augen zu führen.

1991 betrug Chinas BIP inflationsbereinigt 2 Billionen US-Dollar. Im Jahr 2024 waren es 37 Billionen US-Dollar (ein Anstieg um 1.500 Prozent). China hat seinen wachsenden Reichtum für einen beispiellosen militärischen Aufrüstungsprozess genutzt. Zwischen 1991 und 2023 erhöhte es seine Verteidigungsausgaben von 23 Milliarden US-Dollar auf über 300 Milliarden US-Dollar (ein Anstieg um 1.300 Prozent). Allein im Jahr 2024 produzierte ein einziger chinesischer Schiffbauer mehr Schiffe, als die USA seit 1945 gebaut haben.

Weil das so ist, wie es ist, plädiert Mitchell für Diplomatie. Trump habe seiner Meinung nach wichtige Schritte unternommen, um die USA auf einen Konsolidierungskurs zu bringen. Gerade seine unorthodoxen Konzepte waren entscheidend, um „das US-System“ (the U.S. system) zu stärken, lobt er und meint anschließend: Washington müsse die Diplomatie in vollem Umfang nutzen, um die von Trump angestrebten „Entspannungspolitik“ mit Russland und China aufrechtzuerhalten oder sogar auszubauen. Entspannung (Détente) sei kein Zeichen der Schwäche, sondern das Gebot der Stunde, schreibt er.

Man reibt sich verwundert die Augen und fragt sich irritiert, von welcher „Entspannungspolitik“ hier überhaupt die Rede ist. Was Mitchell hier so lobend erwähnt, ist keine Entspannungspolitik à la Nixon, sondern vielmehr eine seit Beginn des Jahres 2026 praktizierte Kanonenbootpolitik6 bzw. „Big Stick“-Diplomatie des postmodernen Imperialismus7.

Es ist darum völlig abwegig, von Mitchell zu hören, dass Trump eine Entspannungspolitik wie Nixon betreibt. „Wie Nixon strebt auch Donald Trump eine Entspannungspolitik (détente) gegenüber seinen wichtigsten Rivalen an. Gegenüber Russland verfolgt seine Regierung eine Diplomatie mit dem Ziel, den Krieg in der Ukraine zu beenden, und übt gleichzeitig Druck auf Russland aus. … Gegenüber China setzt sie auf eine Kombination aus Druck und anhaltender Diplomatie, um die Handelsbeziehungen zugunsten der USA neu auszurichten“, behauptet Mitchell.

Statt Entspannungspolitik beobachten wir indes etwas ganz anderes: Zum einen findet ein Wiederaufleben der Kanonenbootdiplomatie gegenüber kleineren Mächten zur Durchsetzung eigener ökonomischer Interessen wie zur Blütezeit des Imperialismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg statt.

Und zum anderen verfolgt die Trump-Administration eine zweigleisige Politik gegenüber den mächtigsten geopolitischen Rivalen Russland und China.

„Washington sollte gegenüber Russland seinen derzeitigen zweigleisigen Kurs aus Diplomatie und Druck (dual track of diplomacy and pressure) fortsetzen“, wobei „Russlands Drängen auf eine neue, umfassende Sicherheitsregelung in Europa (a new, comprehensive security settlement in Europe) weiterhin zurückgewiesen werden sollte“, da dies Moskaus Energien lediglich nach Westen lenken würde“, empfiehl Mitchell.

Auch hier ist man erstaunt darüber, wie wenig ein solch prominenter Vordenker und Apologet der Trumpschen Außenpolitik die Gründe, die zum Kriegsausbruch in der Ukraine geführt haben, verstanden hat. Ohne eine gesamteuropäische Sicherheitsordnung ist die empfohlene „doppelgleisige“ Russlandpolitik zum Scheitern verurteilt.

Im Großen und Ganzen wiederholt Mitchell im Kern seine strategischen Überlegungen, die er bereits 2021 noch vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine in dem oben erwähnten Strategiepapier „A Strategy for Avoiding Two-Front War“ formuliert hat, angepasst an die aktuellen Entwicklungen.

Freilich verharmlost er zugleich die aggressive Außenpolitik der zweiten Trump-Administration und differenziert nicht zwischen Trumps Außenpolitik im Jahr 2025, in dem dieser sich stets als „Friedensstifter“ präsentierte und den Friedensnobelpreis anstrebte, und Trumps Außenpolitik des Jahres 2026, die in einer Kanonenbootdiplomatie ausartete.

Die von Mitchell entworfene „Konsolidierungsstrategie“ (consolidation strategy), die Trump derzeit empfohlen wird, entpuppt sich darum als eine Fata Morgana und hat mit der geopolitischen Realität wenig bis gar nichts zu tun.

4. Machtspiel aller mit allen gegen alle

Was wir im Jahr 2026 erleben, ist keine „Konsolidierungsstrategie“, sondern Trumps Revitalisierung des US-Imperialismus und Expansionismus des 20. Jahrhunderts. Die Ankündigung, „eine expandierende Nation“ (a growing nation) werden zu wollen, die auf territoriale Expansion („expands our territory“) ausgerichtet ist (Trumps Inaugurationsrede)8, versucht Trump 2026 konsequent umzusetzen und erleidet mit seinem Kolonialkrieg im Iran einen unerwartet herben Rückschlag, der für die geopolitische Machtdominanz der USA verheerende Folgen haben wird.

Der in einen Abwärtsstrudel geratenen US-Hegemonie versucht der 2026 zum Kolonialherr mutierte „Friedensstifter“, Donald John Trump, mit Aggressionen aller Art entgegenzuwirken und erlebt im Irankrieg sein Waterloo. Statt einer Konsolidierungsstrategie betreibt Trump eine aggressive und militante Außenpolitik, die, wie der Irankrieg zeigt, genau das Gegenteil dessen bewirkte, was er sich erhoffte.

Statt einer Zurückgewinnung der alten Stärke verliert die US-Hegemonie immer mehr am Boden und erleidet im Falle des Irankrieges eine geostrategische Niederlage, die Trump rhetorisch zu übertünchen versucht. Amerikas Hegemonie gerät immer tiefer in einen Abwärtsstrudel und Trump mit seiner Entourage will das nicht wahrhaben und macht dadurch alles nur noch schlimmer.

Die ganze Entwicklung ähnelt immer mehr einer geopolitischen Konkursverschleppung. Der Irankrieg zeigt zudem, dass Trumps Expansionspolitik ihre Grenze hat.

Mit Trumps ökonomischen Expansionismus und den daran geknüpften neoimperialistischen Allüren kommt allerdings die „Beweglichkeit der Machtverteilung zwischen den Staaten“ zurück, was Europa in Angst und Schrecken versetzt, geht doch diese Machtverteilung und -umverteilung zuallererst zu seinen Lasten.

Denn sollte das gegenwärtige europäische Staatensystem – die Europäische Union (EU) – wie bis in das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts „auf der Beweglichkeit der Machtverteilung zwischen den Staaten, auf der Begrenzung und der Revision von Engagements, auf einem Wechselspiel der nationalen Interessen und auf leicht veränderlichen Konstellationen zwischen ihnen“9 beruhen, dann wird unweigerlich ein Machtspiel aller mit allen gegen alle ideologiefrei betrieben werden.

Unter solchen Machtkonstellationen würde sich Trump zumindest in Europa wie ein Fisch im Wasser fühlen und getreu dem von Baruch de Spinoza formulierten Naturrecht handeln: „Die großen Fische fressen die kleinen“. Wörtlich schrieb Spinoza 1670 in seinem Theologisch-politischen Traktat (Kap. 16): „Denn es ist gewiss, dass die Natur, an sich betrachtet, ein uneingeschränktes Recht auf alles hat, was sie vermag, das heißt, dass das Recht der Natur so weit reicht wie ihre Macht. … So haben zum Beispiel die Fische von Natur aus das Wasser inne, und die großen fressen die kleinen nach dem höchsten Naturrecht.“

Und so hat auch unser Kolonialherr, Donald J. Trump, „ein uneingeschränktes Recht auf alles“, was er vermag und soweit seine Macht reicht. Im globalen Raum reicht freilich seine Macht nicht weit genug und nicht mehr aus, um seinen ökonomischen Expansionismus erfolgreich zu realisieren.

Nichtsdestotrotz versucht er ungeachtet seiner gescheiterten Iran-Intervention im Trüben zu fischen, um sich an der EU und den europäischen Nato-Verbündeten nicht zuletzt wegen ihrer Weigerung, ihm im Irankrieg militärisch beizustehen, zu rächen.

Böse Zungen behaupten nämlich, dass Trumps Blockade der Straße von Hormus sich nicht so sehr gegen den Iran als vielmehr gegen die EU-Europäer richtet, um sie ökonomisch zu schwächen und gefügig zu machen.

Auch die ewige Nato-Allianz wird allmählich zum Problem für Trumps Amerika, weil sie zum einen nur Kosten verursacht, ohne Profit abzuwerfen, zum zweiten die Handlungsfreiheit der auf Expansion ausgerichtete US-Weltpolitik einschränkt und schließlich zum dritten in einen europäischen Krieg gegen Russland hineinzuziehen droht, der die Existenz Amerikas gefährden kann.

Der Krieg mit Russland ist das Allerletzte, das sich Trump wünscht. Er schadet dem Geschäft und bedroht Amerikas Existenz. Trump ist ein Geschäftsmann, Draufgänger und aggressiver Unilateralist, aber eben kein Selbstmörder.

Aus der Perspektive dieser drei Störfaktoren gesehen, hat sich die Allianz, welche Amerika in Friedenszeiten einging und als Bollwerk gegen den Sowjetkommunismus konzipiert wurde, nicht nur überlebt, sondern steht neuerdings auch Trumps ideologiefreiem Machtspiel aller mit allen gegen alle im Wege. Die Nato-Allianz ist, so gesehen, anachronistisch, sicherheitspolitisch nutzlos und geoökonomisch störend.

Selbst ein tributpflichtiger Vasall wird irgendwann mehr zur Last als zum Nutzen und gefährdet dazu noch die Sicherheit Amerikas, sollten die Kriegsfalken diesseits und jenseits des Atlantiks ein waghalsiges militärisches Abenteuer gegen Russland provozieren. Trumps Amerika ist aggressiv und unverfroren, aber kein Amokläufer und will auf keinem Falle eine nukleare Konfrontation mit Russland riskieren.

Die Allianz diente den USA zu Zeiten des „Kalten Krieges“ als Ergänzung der eigenen Macht gegenüber einer (vermeintlichen) übermächtigen Bedrohung. Ungeachtet des tobenden Krieges in der Ukraine sieht Trump demgegenüber heute in Russland keine Bedrohung mehr und will mit Russland Geschäfte machen statt Krieg führen. Darin besteht ein grundlegend strategischer Dissens zwischen Trumps Amerika und Europa.

All das reicht jedoch nicht mehr aus, um einen fortschreitenden und nicht mehr aufzuhaltenden Konkurs Amerikas abzuwenden. The time is over!

Anmerkungen

1. Reinhard, W., Außenpolitik ohne Gegenpol: Amerikanische Weltpolitik der Ära Clinton/Bush als
Herausforderung für die Theorie, in: Hils, J., u. a. (Hrsg.), Assertive Multilateralism and Preventive
War. Baden-Baden 2012, 11; Paul, M., Kriegsgefahr in Pazifik? Die maritime Bedeutung der sino-
amerikanischen Rivalität. Baden-Baden 2017, 29.
2. Rudolf, P./Wilzewski, J., Weltmacht ohne Gegner: Amerikanische Außenpolitik zu Beginn des 21.Jahrhunderts. Baden-Baden 2000.
3. Näheres dazu Silnizki, M., Trumps „Grand Strategy“. Im Kriegsschatten der Großmächte. 25. Oktober
2025, www.ontopraxiologie.de.
4. Kjellén, R., Die Großmächte der Gegenwart. Leipzig u. Berlin 1915, 109.
5. Vgl. Silnizki, M., Machtungleichgewicht als Ordnungsprinzip? Zur Sicherheitskonstellation von heute und
morgen. 11. Mai 2022, www.ontopraxiologie.de.
6. Vgl. Silnizki, M., Machtspielfestival im Januar 2026. Trump versus Putin. 10. Januar 2026,
www.ontopraxiologie.de.
7. Silnizki, M., Trumps „Big Stick“-Diplomatie. Auf dem Wege zum postmodernen Imperialismus?
26. März 2026, www.ontopraxiologie.de.
8. Zitiert nach Silnizki, M., „Das neue imperiale Zeitalter“? Trumps Expansionismus und die Folgen.
19. Januar 2026, www.ontopraxiologie.de.
9. Ruehl, L., Machtpolitik und Friedensstrategie. Einführung General Steinhoff. Hamburg 1974, 100 f.

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