Im Lichte gegenseitiger Beschimpfungen und Vorhaltungen
Übersicht
1. Militärische Ränkespiele
2. Der Revanchismus-Vorwurf
3. Das „Massaker von Butscha“
Anmerkungen
„Die nukleare Abschreckung ist derzeit der einzige Faktor,
der die Welt vor einem globalen Krieg schützt.“
(Dmitrij Peskow, 24. Juni 2026)
1. Militärische Ränkespiele
Der Luftwaffen-Chef, Generalleutnant Holger Neumann (geb. 1968), hat in einem Interview mit dem britischen „Telegraph“ am 15. Juni 2026 eine Warnung an Putin ausgesprochen: Die deutsche Luftwaffe ist bereit, noch „heute Nacht“ zuzuschlagen.
Wörtlich sagte er: „>Heute Nacht kämpfen< bedeutet: Wenn mich jetzt jemand anruft und sagt, wir haben hier folgende Situation, müssen wir jetzt bereit sein – und wir sind bereit“. Sollte Russland das westliche Bündnis angreifen, würden die Streitkräfte mit verheerenden Luftschlägen antworten.
„Es muss klar sein, dass es keine Zonen unterschiedlicher Sicherheit gibt“. Die deutsche Luftwaffe sei deswegen bereit, jeden Zentimeter des Nato-Gebiets zu verteidigen, betonte Neumann und nannte konkrete Angriffsziele, die im Verteidigungsfall ins Visier geraten würden: die Exklave Kaliningrad, die von Nato-Mitgliedern umgeben ist, die Kola-Halbinsel mit ihren Atomwaffenlagern sowie das Schwarze Meer mit der russischen Flotte. Auch St. Petersburg mit seinen Marineeinrichtungen könnten ins Visier geraten.
Es ist nicht zum ersten Mal, dass ein Repräsentant aus der Generalität der Bundeswehr husarenhaft sich zur Schau stellt und mit seinen tollkühnen Äußerungen öffentlichkeitswirksam auf sich aufmerksam macht. Die Drohgebärden an die Adresse Russland werden im deutschen Offizierkorps allmählich zum guten Ton und dazu noch karrierefördernd.
Auch die anderen Generäle der Bundeswehr machen seit einiger Zeit mit ihren hochtrabenden Ankündigungen Schlagzeilen. Man hat offenbar den alten Feind aus den Zeiten des „Kalten Krieges“ wiederentdeckt. Warnungen vor der „russischen Gefahr“ sind heutzutage erneut en vogue, wird politisch begrüßt und steigert nebenbei den Beliebtheitsgrad bei der Bundesregierung unter Kanzler Merz. Schließlich geht es um die Verteidigung „unserer“ Freiheit, „unserer“ Demokratie und „unserer“ Lebensart gegen die russische „Barbarei“ (Friedrich Merz), als würde Russland einen Krieg gegen Deutschland und die EU und nicht gegen die Ukraine führen.
Es ist längst in Mode gekommen, Mutprobe unter Beweis zu stellen, indem die deutsche Generalität in Entfernung von tausend Kilometer Russland und seiner Führung gefahrlos droht und beteuert zu jeder Zeit in der Lage zu sein, einen imaginären russischen Angriff erfolgreich abzuwehren – wohl wissend, dass Russland gar nicht vorhat, die Nato-Allianz anzugreifen.
So verkündete Christoph Huber (Chef der Panzerbrigade 45 in Litauen) hochtrabend am 4. Mai 2026 in einem Interview: „Wir schrecken vor Angriffen ab. Bis hierhin und nicht weiter“ und er hob zugleich hervor: „Wir sind einsatzbereit, schlagkräftig und wir werden handeln.“
Und bereits vor eineinhalb Jahren meldete sich Carsten Breuer, der seit dem 17. März 2023 der 17. Generalinspekteur der Bundeswehr ist, am 4. Februar 2025 in einem Handelsblatt-Interview zu Wort, beklagte „Wladimir Putins Aggressionen“ und sah „im Osten eine klare Bedrohung“ der Nato-Staaten. Gleichzeitig verkündete er selbstsicher: „(Wir) setzen dieser (Bedrohung) etwas entgegen. Dazu müssen wir nicht Tausende Panzer Kette an Kette aufreihen wie im Kalten Krieg. Was wir brauchen, ist ein flexibler und kluger Verteidigungsplan. Und den haben wir.“
Offenbar ist der ranghöchste Soldat der Bundeswehr über die im Ukrainekrieg stattgefundene militärische Revolution schlecht informiert,1 sonst hätte er gewusst, dass es im Kriegsfall völlig sinn- und wirkungslos wäre, „tausende Panzer Kette an Kette auf(zu)reihen.“ Sie würden von den russischen Streitkräften schneller, als er denkt, vernichtet.
Wie dem auch sei, solche bravourösen An- und Bekundungen der deutschen Generalität zeigen, dass sie an der Führungsakademie der Bundeswehr nicht ausreichend die Militärgeschichte der deutschen Wehrmacht studiert hat, sonst wäre sie ihrer Sache nicht so sicher.
Diese Möchtegern-Feldherrn haben in ihrem Leben noch nie an einem Krieg unmittelbar teilgenommen, vom „Krieg des 21. Jahrhunderts“2 ganz zu schweigen, umso mehr machen sie sich Mut und der ahnungslosen Öffentlichkeit vor, der russischen Militärmaschinerie gewachsen zu sein.
Wollen diese „ehrenwerten Herren“ schon wieder in den Krieg gegen Russland ziehen? Überschätzen sie nicht schon wieder Deutschlands militärische und ökonomische Potenz? Und unterschätzen sie nicht erneut die geopolitischen und geoökonomischen Realitäten, denen sie samt der bundesdeutschen und EU-europäischen Bevölkerung nicht einmal mental gewachsen sind?
Die Generalität der Bundeswehr weiß entweder nicht, worauf sie sich da einlässt, oder ist friedensmüde geworden. Sie glaubt anscheinend tatsächlich einen Krieg gegen Russland mit vereinten Nato-Kräften führen und gewinnen zu können. Schließlich sei die Nato „das stärkste Bündnis der Menschheitsgeschichte“, wie Christoph Huber zu wissen glaubt. Und wer glaubt, wird selig!
Daran hat auch die deutsche Wehrmacht fest geglaubt, als sie siegesgewiss die Sowjetunion überfallen und sich einen erfolgreichen „Blitzkrieg“ versprochen hat. Aus einem „Blitzkrieg“ wurde bekanntlich ein jahrelanger Zermürbungskrieg mit verheerenden Folgen für Deutschland und Europa. Wir haben eine Generalität an der Spitze der Bundeswehr, die vermutlich unzureichende Kenntnisse über die deutsche Militärgeschichte besitzen.
Generalleutnant Holger Neumann muss an die Worte eines seiner Vorgänger in Amt und Würden Generalleutnant, Ferdinand Heim (1895-1971), erinnert werden. Zwei Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges machte Heim am 23. Mai 1945 in einem Vortrag vor kriegsgefangenen Offizieren eine bemerkenswerte Feststellung: „Konnte der Krieg überhaupt gewonnen werden, selbst wenn keine militärischen Fehler gemacht worden wären? Da stehe ich auf dem Standpunkt: nein. Er war spätestens vom Jahr 1941 ab genauso verloren wie der (Erste) Weltkrieg, weil die politische Zielsetzung in gar keinem Verhältnis stand zu den militärischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten Deutschlands. Was die besondere Kriegsführung Hitlers das deutsche Volk gekostet hat, sind nur Millionen Tote zu viel. Das ist das einzige – der Krieg war nicht zu gewinnen. Das ist ja das Eigenartige, eine Sache, über die ich mir immer Gedanken mache: Wie kommt es, dass ein Land wie Deutschland, das in der Mitte des Kontinents liegt, nicht geradezu eine Kunst der Politik entwickelt hat, … einen vernünftigen Frieden zu erhalten; dass wir beide Male so blödsinnig dumm gewesen sind, zu glauben, die Welt herausfordern zu können, … ohne zu sehen, dass man das in der Lage, in der wir in Deutschland sind, überhaupt gar nicht kann? Wo liegen da die Gründe? Ist es mangelndes politisches Verständnis, ist es mangelnde politische Erfahrung – ich bin ja kein Politiker, ich bin kein Historiker, ich weiß es nicht, ich sehe nur diese Frage.“3
„Wo liegen da die Gründe?“ Weiß die Generalität der Bundeswehr es heute besser als die Generäle der Wehrmacht? Im Gegensatz zur Wehrmacht kennen Neumann, Huber, Breuer und Co. nicht das Elend und die Grausamkeit des Krieges. Und es wäre besser für sie, wenn sie es auch nie kennenlernen würden und bereits vor und nicht erst nach dem verlorenen Krieg sich Gedanken darüber machen, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist und es allemal besser wäre, alles zu tun, um „einen vernünftigen Frieden zu erhalten“, statt Hass gegen und Angst vor Russland zu schüren und „mit verheerenden Luftschlägen“ zu drohen, falls Russland uns angreifen sollte.
Russland hat aber gar nicht vor, Deutschland oder ein anderes Nato-Land anzugreifen. Wie kommen Neumann und seine Kriegskameraden darauf, derartigen Unfug zu behaupten? Und sollte Russland dennoch im unwahrscheinlichsten Falle präventiv angreifen, wird Neumann womöglich keine Luftwaffe mehr haben, um „mit verheerenden Luftschlägen“ zu reagieren.
Solche husarenhaften Sprüche sind Effekthascherei und dienen allein dazu, die längst als vergangen geglaubten Feinbilder zu reaktivieren und Hassgefühle zu reanimieren. Zwar hat man heute in Deutschland nicht den imperialen Ehrgeiz des NS-Regimes und man singt nicht mehr wie die Hitler-Jugend: „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“. Was aber geblieben ist, ist ein Feindbild Russland.
Deutsche und europäische Machteliten folgen immer noch, selbst wenn das unreflektiert geschieht, instinktiv Carl Schmitts Begriff der Feindschaft. Schmitt hat „das Politische“ in dessen extremster Äußerung als die existenzielle Form des Überlebens einer staatlich organisierten Gemeinschaft definiert, die einen Außenfeind zur Voraussetzung hat. Das „Politische“ definiert sich mit anderen Worten durch den Begriff der Feindschaft.4
Und dieser Feindschafsbegriff ist heute das konstitutives und konstituierendes Prinzip, das Deutschland, die EU und die Nato geo- und sicherheitspolitisch eint und vereint. Würde ein um Russland zentrierter Begriff der Feindschaft fehlen, dann wäre damit der Nato-Allianz die Legitimationsgrundlage entzogen und sie hätte dadurch ihre Existenzberechtigung verloren.
2. Der Revanchismus-Vorwurf
Bereits in seiner ersten Regierungserklärung vom 14. Mai 2025 kündigte Merz an, die Bundeswehr zur „konventionell stärksten Armee Europas“ ausbauen zu wollen, was selbst bei manchen Bündnispartnern ungute Erinnerungen wachrief. Vor allem bei der russischen Führung schrillten die Alarmglocken; seitdem bezichtigt sie Deutschland immer wieder des Revanchismus.
Ein Monat nach Merz´ Regierungserklärung sagte Lawrow beim XI. Internationalen Wissenschafts- und Expertenforum „Primakow-Lesungen“ am 24. Juni 2025: „Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz … erklärte unmittelbar nach seinem Amtsantritt: Seine Priorität sei es, die deutsche Armee wieder zur >stärksten in Europa< zu machen. Solche Aussagen lassen vermuten, dass die herrschenden Kreise des modernen Deutschlands die dunklen Kapitel ihrer Geschichte vergessen haben und dringend zur Vernunft kommen müssen, bevor es zu spät ist.“
„Deutschlands Position ist äußerst beunruhigend“, fuhr Lawrow fort. „Seit geraumer Zeit stimmt es gemeinsam mit Italien und Japan gegen unsere jährliche Resolution der UN-Generalversammlung zur Unzulässigkeit der Verherrlichung des Nationalsozialismus . Darüber hinaus spielt es eine führende Rolle bei der Unterstützung des NS-Regimes in Kiew und versorgt es mit Geld und Waffen. Nun hat es einen Plan ausgeheckt, wonach es angeblich Waffen auf ukrainischem Boden herstellen will. Viele unabhängige Beobachter haben bereits Beweise vorgelegt, die nahelegen, dass dies nicht geschehen wird. Es handelt sich lediglich um einen Vorwand, um Waffen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern an die ukrainischen Streitkräfte zu liefern. Dabei wird argumentiert, es handle sich nicht um Unterstützung oder Waffenlieferungen, sondern um Hilfe beim Aufbau einer heimischen Produktion. Viele solcher Pläne werden derzeit entwickelt und umgesetzt.“
Ein Jahr später rechnet Lawrow auf einer Pressekonferenz im Anschluss an die Gespräche mit Belarus am 15. Juni 2026 erneut mit Merz ab und nennt ihn einen „Mann, der nichts von Geopolitik versteht“. „Merz ist für seine oberflächlichen Ideen bekannt“, betonte der russische Außenminister. Moskau betrachtet die Russlandpolitik der Bundesregierung unter Kanzler Merz als eine direkte Bedrohung und bezeichnet Deutschlands Vorgehen als „Rückfall in den Nationalsozialismus“ und „Revanchismus“, der mit den härtesten Mitteln bekämpft werden müsse.
Der Revanchismus-Vorwurf hängt mittlerweile wie ein Damoklesschwert über den russisch-deutschen Beziehungen. Auf der Bundeswehrtagung beteuerte Pistorius im November 2025 in seiner Rede mit Blick auf den Ukrainekrieg: „Es ist kein Alarmismus, um es deutlich zu sagen, wenn ich sage, unsere Art zu leben ist in Gefahr.“
Recht hat der Verteidigungsminister: „Es ist weder „Alarmismus“ noch „Revanchismus“, sondern viel schlimmer: eine Volksverdummung, die uns an die dunkelsten Zeiten des „Kalten Krieges“ erinnert.
Um sich die ganze Empörung der russischen Führung über die deutsche Außenpolitik unter Kanzler Merz vor Augen zu führen, darf ein kleiner Auszug aus einem von Dmitrij Medwedew verfassten und am 15. Mai 2026 veröffentlichten Artikel „Новая милитаризация Германии: возрождение духа или оголтелый реваншизм?“ (Die neue Militarisierung Deutschlands: Eine Wiederbelebung des Geistes oder ungezügelter Revanchismus?) nicht unerwähnt bleiben:
„Die irrsinnig rücksichtslose Militarisierung des Landes ist nicht das alleinige Ziel deutscher Politiker. Sie ist Teil eines komplexeren und tiefgreifenderen Prozesses, der Millionen von Menschen weltweit bedroht. Der aktuelle Kurs deutet auf teuflische Machenschaften hin. Er offenbart den Versuch, die dunkelsten revanchistischen Gefühle der deutschen Elite zu verwirklichen. Diese Träume reichen weit über den bloßen Wunsch nach mehr Einfluss in Europa hinaus …“
Der US-Politikwissenschaftler John Mearsheimer, bekannt für seine realistischen Einschätzungen und tiefgründigen Analysen, wies am 15. Juni 2026 auf eine gefährliche Dynamik in den Beziehungen zwischen Russland und Europa hin und verglich die nicht enden wollende Eskalationsspirale mit dem Aufstieg auf „einer dunklen Treppe zum Atomkrieg“.
Auf einem YouTube-Kanal erläuterte er seine Metapher: Westliche Politiker verstünden nicht genau, wo die Schwelle zum Einsatz von Atomwaffen liege. Dass diese Schwelle existiert, davon ist er, Mearsheimer, überzeugt. Je länger die EU-europäische Kriegspartei Russlands „rote Linien“ ignoriert, desto näher rückt die Menschheit dieser verhängnisvollen „dunklen Treppe zum Atomkrieg“.
Er betonte dabei, dass die Ukraine und ihre Verbündeten derzeit starke Anreize haben, die Situation weiter zu eskalieren, da sie verzweifelt versuchen, den Verlauf des Konflikts umzukehren, der unumkehrbar geworden ist. Und jede neue Eskalationsrunde verhärtet nur Moskaus Position, verringert seinen diplomatischen Handlungsspielraum und erhöht seine Bereitschaft zur harten Reaktion.
Kurzum: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Je mehr die Bundesregierung bei ihrer Unterstützung der Ukraine eskaliert, umso mehr wird sie mit dem russischen Vorwurf des deutschen Revanchismus konfrontiert und umso mehr besteht die Gefahr einer Eskalationsspirale mit dem Aufstieg auf „einer dunklen Treppe zum Atomkrieg“.
3. Das „Massaker von Butscha“
Auf der oben erwähnten Pressekonferenz erklärte Lawrow im Anschluss an die Gespräche mit Belarus am 15. Juni 2026: Die Äußerungen der deutschen Führung legten nahe, dass man „härter gegen sie vorgehen“ müsse. Es ging um die Äußerung des deutschen Außenministers Johann Wadephul, der das „Massaker von Butscha“ als ein Symbol des „russischen Terrors“ denunzierte. Lawrow bezeichnete daraufhin Wadephul als einen „guten Goebbels-Schüler“ und brachte dessen Äußerung direkt mit nationalsozialistischen Propagandamethoden in Verbindung.
Das „Massaker von Butscha“ selbst wird in offiziellen Berliner Erklärungen u. a. auch als Symbol für die Notwendigkeit militärischer Unterstützung für Kiew herangezogen. Butscha sei „zur Hölle auf Erden“ geworden, sagte Wadephul Ende März 2026 bei einem Gedenken in Butscha.
Der Ort stehe „für die Unmenschlichkeit und Brutalität, für die unsagbaren gezielten Verbrechen gegen Zivilisten, die fester Bestandteil der russischen Kriegsführung sind“, beteuerte Wadephul und fügte hinzu: „Wohin auch immer Putins Russland geht, dahin kommen Mord und Barbarei.“ Sicherheit sei weiterhin „nicht mit, sondern nur gegen Putins Russland möglich“.
Als am 28. Februar 2026 das Leben der 168 iranischen Kinder vom US-amerikanischen Bombardement ausgelöscht wurde, da konnte man vom deutschen Außenminister kein einziges Word des Bedauerns vernehmen, von einer klaren Verurteilung des US-amerikanischen Kriegsverbrechens ganz zu schweigen.
Es gehöre sich offenbar nicht, unsere „amerikanischen Freunde“ an den Prange zu stellen und ihnen vorzuhalten, dass dort, wohin Trumps Amerika geht, „Mord und Barbarei“ kommen.
Wie dem auch sei, die russische Führung bestreitet bis heute vehement, dass die russischen Streitkräfte ein solches „Massaker“ überhaupt verübt haben. Vielmehr bezichtigt Russland die Ukraine einer gezielten Inszenierung, um die geleistete Unterschrift unter dem zwischen Russland und der Ukraine im März 2022 in Istanbul ausgehandelten Friedensvertrag zu widerrufen.
Seit Jahren fordert Russland von der Ukraine vergeblich alle Opfernamen zu nennen, was die Ukraine bis heute kategorisch verweigert. Allein diese Weigerung deutet darauf hin, dass Lawrow nicht Unwahrheit sagt, wohingegen Wadephul und Co. sich die ukrainische Kriegspropaganda willfährig zu eigen machen.
Beim XII. Internationalen Wissenschafts- und Expertenforum „Primakow-Lesungen“ nahm Lawrow am 24. Juni 2026 erneut dezidiert Stellung zu diesem „Massaker von Butscha“: „Man sagt uns heute“, berichtete er, „wir sollten uns zunächst auf einen Waffenstillstand entlang der Kontaktlinie einigen und dann erst verhandeln. Nein, das haben wir bereits in Istanbul (2022) getan, als wir uns auf einen Friedensvertrag geeinigt, ihn paraphiert und als Geste des guten Willens das Feuer eingestellt und sogar Truppen aus Kiew abgezogen haben (der russische Präsident Wladimir Putin hat das mehrfach erwähnt).“
Und was passierte danach? Danach reiste der britische Premier, Boris Johnson, am 9. April 2022 unangekündigt nach Kiew, um den ausgehandelten Friedensvertrag mit tatkräftiger Unterstützung der Biden-Administration erfolgreich zu torpedieren.
Wie der Fraktionsvorsitzende der regierenden Partei „Sluha narodu“ („Diener des Volkes“) in der Werchowna Rada, David H. Arakhamia, in einem Interview mit dem Fernsehsender 1+1 am 24. November 2023 berichtete, hat Johnson Selenskyj bei seinem Besuch in Kiew am 9. April 2022 davon überzeugen können, das Friedensabkommen mit Russland aufzugeben und den Krieg fortzusetzen.
Johnson habe laut Arakhamia der Ukraine geraten, nichts zu unterzeichnen und „einfach zu kämpfen“. Ferner sagte Arakhamias, dass „im April 2022 neben dem britischen Premierminister Boris Johnson auch die Leiter des Außenministeriums und des Pentagons sowie weitere >Berater< in die Hauptstadt der Ukraine geflogen seien, die vom Abschluss dieses Abkommens abgeraten hätten.“
Kurzum: Statt eines Friedensvertrags haben wir ein inszeniertes „Massaker in Butscha“ erhalten. „Nach unserem Rückzug (aus Butscha)“, berichtete Lawrow weiter, „herrschte drei Tage lang Ruhe. Der Bürgermeister von Butscha rannte vor dem Fernseher herum und verkündete: „Das war’s, die Stadt ist befreit.“ Drei Tage später tauchte urplötzlich ein BBC-Team auf und filmte ordentlich aufgebahrte Leichen in sauberer Kleidung im Schlamm auf der Hauptstraße eben dieses Butscha. Dort verläuft eine breite Straße. Wieso konnte man sie (Leichen) drei Tage lang nicht >finden<? (Erst als ein BBC-Team nach Butscha kam, hat man sie gefunden.) Das ist blanker Wahnsinn und alle verstehen alles (Это безумие какое-то, все всё понимают).“
„Eine kürzlich im Westen veröffentlichte Studie schildert detailliert den Verlauf dieser Geschichte“, erzählt Lawrow weiter. „Die Briten spielten dabei eindeutig die Hauptrolle und entfachten gezielt eine Medienhysterie. Dies führte wiederum zur Verhängung weiterer Sanktionen und wurde von dem damaligen britischen Premier Boris Johnson als eines der Argumente genutzt, um Selenskyj die Unterzeichnung des Dokuments zu untersagen und ihn zur Fortsetzung des Krieges zu zwingen.
Wir haben eine offizielle Anfrage an den UN-Generalsekretär und den UN-Menschenrechtsrat gerichtet (auch die russische Generalstaatsanwaltschaft und das Ermittlungskomitee haben Anfragen gestellt), erhielten aber keine klare Antwort. Man teilte uns mit, keine Informationen über das Geschehene zu haben. Daraufhin bat ich den UN-Generalsekretär, António Guterres, sowohl in einem vertraulichen Gespräch als auch öffentlich im Sicherheitsrat, die Ukraine formell um eine Liste der Namen der Personen zu bitten, deren Leichen in einem BBC-Bericht im Fernsehen gezeigt wurden. Gut, sie haben die Informationen nicht, aber die Vereinten Nationen und das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte könnten eine solche Anfrage stellen. Wir versuchen seit drei Jahren vergeblich eine Antwort zu erhalten.
Zunächst hieß es, dies würde irgendwelche >Risiken< für Angehörige mit sich bringen. Welche Risiken, für welche Angehörigen? Nebenbei bemerkt: Bisher hat sich kein einziger Angehöriger gemeldet. Wenn Angehörige getötet oder brutal gefoltert werden, machen sie normalerweise Aufsehen und wenden sich an Menschenrechtsorganisationen. Hier herrscht jedoch ein absolutes Schweigen. Und wir werden das nicht auf sich beruhen lassen. Ich spreche dieses Thema immer wieder an. Im April dieses Jahres habe ich erneut ein offizielles Schreiben an den UN-Generalsekretär, António Guterres, geschickt. Wieder keine Antwort. Ich werde ihn daran erinnern.
Aber es ist nicht allein Antonio Guterres, der mich überrascht; er ist voreingenommen und hat immer wieder bewiesen, dass er das tut, was der Westen von ihm in der Konfrontation mit Russland erwartet. Was mich viel mehr beschäftigt, ist etwas ganz anderes: Jedes Mal seit dem Beginn der Speziellen Militäroperation (SVO), wenn ich nach New York zur UN-Generalversammlung komme und meine Pressekonferenz abhalte, ist die gesamte Gruppe der akkreditierten Korrespondenten anwesend, der Saal ist voll – bestimmt 80 Personen. Viele von ihnen kenne ich persönlich. Sie sind schon dabei seit meiner Zeit als Ständiger Vertreter Russlands bei den Vereinten Nationen. Und neben anderen Themen, die ich auf den Pressekonferenzen anspreche, erinnere ich sie an die Situation um Butscha. Ich sage ihnen, dass wir mit unseren offiziellen Anfragen >gegen eine Wand anrennen<. Kann ich vielleicht bei Ihnen einen journalistischen Stolz wecken, damit Sie sich dieser Sache annehmen? Es gibt schließlich journalistische Recherchen. Ich sage das jedes Jahr und niemand hat bis jetzt etwas unternommen, kein einziges Mal.
Wir sind natürlich verhandlungsbereit, aber wir lassen uns nicht betrügen. Manchmal sind wir naiv, und vielleicht lassen wir uns in unserer Naivität wieder täuschen, aber im Moment sind wir besonders wachsam“, sagte Lawrow am Ende seiner ausführlichen Stellungnahme.
Wie man sieht, sind die Briten mit ihrer Kunst der Täuschung und Tarnung Meister der Kriegspropaganda und darin nach wie vor unübertroffen. Es gibt darum keinen Grund, mehr der britischen Kriegspropaganda als dem russischen Außenminister Glauben zu schenken.
Wer aber „den“ Russen entmenschlicht und zur hasserfüllten Projektionsfläche macht, glaubt an alles, was man ihm als „Wahrheit“ verkauft. Wie der 1940 gedrehte Film „Der ewige Jude“ nach den Worten seines Regisseurs, Fritz Hippler (1909-2002), eine „Symphonie des Ekels und des Grauens“ verkörperte, so sollte das von der antirussischen Kriegspropaganda gemalte Bild einer vermeintlich nie enden wollenden russischen „Aggression“ die Unmenschlichkeit, Grausamkeit und die „verbrecherische Natur“ des „ewig aggressiven Russen“ darstellen.
Und genau diesen Sprachgebrauch verwendet auch Wadephul, wie gesehen, als er von der „Unmenschlichkeit und Brutalität“ spricht. Folgt man diesem Bild von der „verbrecherischen Natur“ des „ewig aggressiven Russen“, so kann „der“ Russe eben ex definitionem niemals seine „Aggressivität“ und „Brutalität“ stillen; denn „aggressiv“ ist, was immer er tut.
Wen wundert es dann, wenn Lawrow von Wadephul als einem „guten Goebbels-Schüler“ spricht? „In Deutschland“, schrieb einst ein deutscher Diplomat, Oskar Paul Trautmann (1877-1950), 1940 fehlt „die Lebensklugheit, … um entweder den >Schwindel< einigermaßen elegant mitzumachen oder, wenn die Idee etwas Gutes in sich barg, sich ihr nicht hemmend in den Weg zu stellen.“5
Diese sechsundachtzig Jahre alte Erkenntnis ist, wie man sieht, immer noch aktueller denn je. Die fehlende diplomatische Eleganz, geopolitische Inkompetenz und mangelnde außenpolitische Flexibilität zeigen sich an der ideologisch verbrämten und darum propagandaanfälligen Russlandpolitik der Bundesregierung unter Kanzler Merz.
Anmerkungen
1. Vgl. Silnizki, M., Die militärische Revolution. Der Ukrainekrieg aus Sicht eines russischen Militärexperten.
18. Februar 2025, www.ontopraxiologie.de.
2. Silnizki, M., Der Krieg des 21. Jahrhunderts. Zwischen nuklearer Abschreckung und digitaler Kriegsführung. 2. Juni 2026,
www.ontopraxiologie.de.
3. Zitiert nach Mazower, M., Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. München
2009, 14.
4. Näheres dazu Silnizki, M., Carl Schmitt und „der Begriff des Politischen“. Im Spiegel der geopolitischen
Gegenwart. 3. November 2024, www.ontopraxiologie.de.
5. Trautmann, O. P., Die Sängerbrücke. Gedanken zur russischen Außenpolitik von 1870-1914. Stuttgart 21941, 128.