Auf den Spuren eines Traumtänzers
Übersicht
1. Trump als „champion of peace“?
2. Trump als Caligulas Widergänger?
3. Trump als Kriegsherr
Anmerkungen
„In our nation’s 246-year history, there has never been an individual
who is a greater threat to our republic than Donald Trump.“
(In der 246-jährigen Geschichte unserer Nation gab es noch nie eine Person,
die eine größere Bedrohung für unsere Republik als Donald Trump war.)
(Dick Cheney, 2022)
1. Trump als „champion of peace“?
Trump ist im Schatten des Irankrieges hin und her gerissen zwischen dem militärisch versuchten, aber letztlich gescheiterten Regime Change und einem auf dem diplomatischen Wege undurchsetzbaren Friedensdiktat, das selbst bei einem erneuten Waffengang kaum realisierbar wäre. Das geradezu obsessive Verlangen danach, wieder zu einer unangefochtenen Hegemonialmacht zurückzukehren, um über die Welt erneut uneingeschränkt herrschen zu können, entspringt jener Hybris, in die sich Angst vor Scheitern und Verzweiflung über einen so nahe geglaubten, aber unerreichbaren Sieg mischt.
Trump zielt darauf ab, sich die Welt untertan zu machen, getreu dem biblischen Spruch: „Macht euch die Erde untertan“ (1. Mose 1,28) und kommt nicht umhin einzugestehen, dass dieser süße Traum bis auf weiteres unerreichbar und unerfüllbar bleibt. Er will Hegemonie allein mittels Gewalt erreichen und führt Kriege, um einen weltweiten „Frieden“ durchzusetzen, erzwungen von den Waffen der USA, womit er freilich nur Angst und Hass verbreitet.
Im Namen des Friedens führt er Kriege, um die seinen „Frieden“ erzwingende US-Hegemonie zur Schau zu stellen und vor allen Augen der Welt zu exerzieren, als würde er in Umdeutung des berühmten, aber unverstanden gebliebenen Satzes von Carl Schmitt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ sagen wollen: Hegemon ist, wer Kriege führt, um Frieden zu schaffen.
Ist Donald Trump deswegen ein Madman? Wohl kaum! Vielmehr ahmt er seinen Amtsvorgänger und Idol, Theodore (Teddy) Roosevelt (1901-1909), samt seinem imperialistischen Gehabe nach: „Every expansion of civilization makes for peace. In other words, every expansion of a great civilized power means a victory for law, order, and righteousness. …It is only the warlike power of a civilized people that can give peace to the world“ (Jede Ausbreitung der Zivilisation bringt Frieden. Anders ausgedrückt: Jede Expansion einer zivilisierten Großmacht bedeutet einen Sieg für Recht, Ordnung und Gerechtigkeit. … Nur die kriegerische Macht eines zivilisierten Volkes kann der Welt Frieden bringen).
Das Zitat stammt aus Roosevelts Essay „Expansion and Peace“, das am 21. Dezember 1899 in The Independent, einer wöchentlichen New Yorker Zeitschrift, veröffentlicht wurde. Darin vertrat der Gouverneur von New York, Theodore Roosevelt, die Ansicht, dass Frieden und Stärke Hand in Hand gehen müssten. Ein Land, das schädliche Kräfte nicht proaktiv bekämpfe und in Friedenszeiten nicht aktiv Stärke zeige, sei seiner Überzeugung nach gefährdet.
„Frieden ist ein hohes Gut“ (Peace is a great good), schreibt Roosevelt in seinem Essay und fährt fort: „Doppelt schädlich ist daher die Haltung derer, die ihn mit selbstsüchtigem und feigem Zurückweichen vor dem Kampf gegen das Böse gleichsetzen. Die weisesten und weitsichtigsten Verfechter des Friedens (The wisest and most far-seeing champions of peace) werden sich stets daran erinnern, dass er erstens, um gut zu sein, gerecht sein muss, denn ein ungerechter und feiger Frieden kann schlimmer sein als jeder Krieg; und zweitens, dass er oft nur um den Preis des Krieges erreicht werden kann.“
Roosevelt lehnte mit anderen Worten eine Geisteshaltung ab, die den Frieden um jeden Preis propagierte, und vertrat dezidiert die Auffassung, dass ein dauerhafter Frieden die Bereitschaft zum Einsatz von Gewalt erfordere und dass die Expansion einen Sieg der Gerechtigkeit bedeute. Wie sehr ähnelt doch Trump seinem Idol, „Teddy“, wie er Roosevelt bei seiner Inaugurationsrede am 20. Januar 2025 nannte1.
Mit seinem postmodernen Imperialismus erweist sich Trump, wie wir es spätestens seit dem Irankrieg wissen, als „der weiseste und weitsichtigste Champion des Friedens“ und als Kämpfer für einen „gerechten“ Frieden. Denn der „Frieden“ kann „oft nur um den Preis des Krieges erreicht werden“. Und was „gerecht“ ist, entscheidet allein die „eigene Moral“ von Donald Trump!
Im Zeitalter des Imperialismus und Expansionismus vertrat Roosevelt die Auffassung, dass die „kriegerische Macht“ „zivilisierter Nationen“ notwendig sei, um den „halbzivilisierten“ und „unzivilisierten“ Völkern einen „Frieden“ – seinen Frieden – aufzuzwingen. Expansion sei nicht nur für die „kriegerische Macht“ (warlike power), sondern auch für die ganze Welt von Vorteil, denkt offenbar auch Trump in Anlehnung an sein Idol.
Dass dieser Habitus der Ideologie des Herrenmenschentums gleichkommt, versteht sich von selbst. Und so kann auch Trump mit Roosevelt sagen: Nur der Hegemon kann als die „weise“ und „weitsichtigste“ „kriegerische Macht“ (warlike power) einen Frieden schaffen. Krieg führen heiße, folgt man dieser Ideologie des Herrenmenschentums, Frieden schaffen. Die Kehrseite dieses hegemonialen Gehabes kann man in einem Satz zusammenfassen: So wenig Zusammenarbeit, wie möglich, so viel Entscheidungs- und Handlungsfreiheit, wie nötig. Das nennt man entgrenzte Machtwillkür, was wir im Falle von Trump als „champion of peace“ auch beobachten dürfen.
2. Trump als Caligulas Widergänger?
„Oderint dum metuant“ (Sollen sie hassen, solange sie fürchten), sagte einst der römische Kaiser Caligula (12-41 n. Ch.), der nach vier Jahren seiner Regentschaft brutal ermordet wurde.
„Nach zwei Jahren auf dem Thron wandelte sich der junge Kaiser Caligula vom Hoffnungsträger zum Scheusal“, bringt Berthold Seewald in Erinnerung2. Eine derartige Verwandlung vom „Hoffnungsträger zum Scheusal“ schaffte Trump in unserer schnelllebigen Welt bereits nach einem Jahr.
„Mit Perversionen und Hinrichtungen provozierte er die Aristokratie, bis er im Januar 41 n. Chr. selbst zum Opfer wurde. … Die Liste seiner Untaten und Perversionen ist lang und reicht von Inzest, Vergewaltigungen, spontanen Morden und Hinrichtungen bis hin zu bizarren Projekten wie dem Bau schwimmender Paläste. Vor allem aber demütigte er die Senatoren mit immer neuen Provokationen, soll ihre Frauen zur Prostitution gezwungen haben und zeigte in blutigen Exzessen …, was er von ihnen hielt.“3
Getreu Caligulas Motto „Oderint dum metuant“ (Sollen sie hassen, solange sie fürchten) regiert auch unser „champion of peace“. Wird ihm womöglich auch das gleiche Schicksal widerfahren? Wer weiß!? Wie Trump war Caligula ein Genussmensch und schätzte den Reichtum. Er liebte Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe und gab viel Geld dafür aus. Seine Gemächer stattete er mit Kunstwerken aus, die im griechischen Raum geraubt wurden und plante zahlreiche Bauten.
Wegen der hohen Ausgaben erhöhte er die Steuern, was ihn nicht unbedingt beliebter machte. Es gab immer mehr Gewalt und viele Hinrichtungen und Verbannungen, insbesondere von reichen Senatoren. Nun lässt Caligula aus der Hölle, in der er wahrscheinlich bis heute verweilt, Trump grüßen, der seinerseits die Militärausgaben drastisch erhöht hat und eine exzessive Gewalt anwendet.
Nach nur sechs Monaten Herrschaft hatte Caligula einen Nervenzusammenbruch. Bei Trump dauerte es freilich ein ganzes Jahr, bis er die Nerven verlor.
Laut dem am 20. April 2026 veröffentlichten WSJ-Bericht „Trump shouted at advisers for several hours after Iran’s attack on the F-15E“ (Trump schrie seine Berater mehrere Stunden lang an, nachdem der Iran die F-15E angegriffen hatte) geriet Trump in Wut, als der Iran einen F-15E-Kampfjet abschoss. Er befürchtete, die Piloten könnten gefangen genommen werden, und forderte dringend, die Besatzungsmitglieder zu finden, um eine Wiederholung der Ereignisse von 1979 zu verhindern. Damit die Ungeduld des Präsidenten die Operation nicht gefährdete, informierten ihn seine Assistenten nur über die wichtigsten Punkte.
„Es schien, als sei Donald Trumps Risikofreude verschwunden und seine Ängste wuchsen“, berichtet Wall Street Journal (WSJ). „Sehen Sie, was Jimmy Carter passiert ist … Hubschrauber, Geiseln – diese Ereignisse haben ihn die Wahl gekostet“, schrie Trump. „Das ist eine Katastrophe.“
„Laut informierten Kreisen kämpft Trump, wie andere Präsidenten, die Kriege geführt haben, mit der Angst, Soldaten in eine gefährliche Zone zu schicken, wo einige von ihnen verletzt werden und andere gar nicht mehr nach Hause zurückkehren werden“, schreiben die WSJ-Autoren, Josh Dawsey und Annie Linskey.
Im Gegensatz zu Caligula, der als wahnsinnig beschrieben wird, ist Trump (noch) nicht verrückt geworden. Der wahnsinnig gewordene Caligula beförderte sogar sein Rennpferd zum Konsul! Es besaß einen Stall aus Marmor und bekam Hafer von goldenem Teller, berichten die Chronisten.
Nun ja, unser „champion of peace“ ist noch nicht so weit, um seine Lieblingstiere, falls er welche hat, zu Botschaftern zu ernennen. Er spielt zwar lieb und gerne einen Madman, ist es aber (noch) nicht.
Bekannt ist indes seine Vorliebe für Gold. Trump nutzt es als Symbol für Reichtum, Status und Einfluss in seinen Wohnräumen (beispielsweise im Trump Tower und in seinem persönlichen Hubschrauber). Er besitzt auch physische Goldbarren und -münzen und schätzt deren Farbe und Haptik. Trump hat sich auch durchaus positiv über eine Rückkehr zum Goldstandard geäußert, hört man. Ob er überhaupt versteht, dass er damit den US-Dollar als Weltleitwährung zerstören kann?
Trump ist, wie man sieht, nicht nur Roosevelts, sondern auch Caligulas Widergänger.
3. Trump als Kriegsherr
Wie geht es nun weiter mit dem berühmtesten Traumtänzer unserer Zeit, Donald John Trump? Ist er wirklich auf dem Wege verrückt zu werden, wie der Verfassungsrechtler, Robert Barnes (geb. 1974), behauptet? In einem Interview mit dem ehem. CIA-Analysten, Larry Johnson, behauptet Barnes am 19. April 2026, dass sich alle in Trumps Umfeld darüber bewusst seien, dass er völlig verrückt sei und weniger Vernunft als ein dreijähriges Kind habe.
Die Stabschefin des Weißen Hauses, Susie Wiles, habe ihre Methode, den Präsidenten vor negativen Nachrichten und Meinungen abzuschirmen, inzwischen in der Hoffnung geändert, dass etwas von der Realität zu ihm durchdringt. Aber alle in Trumps Umfeld seien zu feige, ihn zu konfrontieren und in Schach zu halten, weshalb der Präsident immer noch zu viel Macht habe.
Ferner behauptet Barnes, dass Trump die Bemühungen von Vizepräsident Vance bei der ersten Verhandlungsrunde in Islamabad persönlich sabotiert habe, indem er u. a. darauf bestand, dass er mit Bibi Netanjahu Absprache halte.
Barnes sagte weiter, Vance habe es aufgegeben, für das Präsidentenamt zu kandidieren, weil die Trump-Administration eine Katastrophe sei. Und der Außenminister Rubio wisse, dass ein langer Krieg gegen den Iran seinen Ambitionen auf die Präsidentschaft schaden würde, und wünsche sich nun ebenfalls, dass der Krieg beendet werde.
Laut Barnes erwogen hochrangige Militärs, einen Befehl Trumps zur Vernichtung des Irans zu verweigern. Er behauptete, die Streitkräfte müssten bedenken, dass Trump nicht genügend Begnadigungen für das gesamte Militärpersonal erlassen werde, das Kriegsverbrechen begehen würde, wenn es ihm gehorcht.
Lange Rede, kurzer Sinn: Barnes erweckt den Eindruck, als ob es in Trumps Mannschaft und selbst in seiner Familie drunter und drüber gehe und Trump nicht bei sich sei. Vor dem Hintergrund des als Blitzkrieg konzipierten und gescheiterten Angriffskrieg gegen den Iran nimmt es kein Wunder, wenn der Krieger Trump genervt, gestresst und gereizt ist. Es ist aber noch lange nicht ausgemacht, dass er deswegen gleich verrückt geworden ist.
Als eine „gottähnliche Gestalt“, wofür er sich offenbar seit dem missglückten Attentat auf ihn hält, kann Trump gar nicht fassen, dass er sich mit seinem Iran-Abenteuer einfach verzockt bzw. verkalkuliert hat und dass er einen „Krieg gegen Mullahs“ überhaupt verlieren kann.
Darum kann er sich auch nicht vorstellen, dass er als der „beste Dealmaker aller Zeiten“, wie seine Anhänger ihn nennen, womöglich von falschen Freunden und erklärten Feinden vorgeführt und in diese missliche Lage gebracht wurde.
Nein, Trump ist kein Madman, wohl aber ein unbeherrschter Psychopate, dessen Wutausbrüche gelegentlich außer Kontrolle geraten und in die Öffentlichkeit gelangen. Ob Trumps Wutausbrüche dabei „durch Demenz getriebenen“ sind, wie Barnes behauptet, sei dahingestellt.
All das macht Trump aber noch lange nicht zu einem Madman. Vielmehr geht es um etwas ganz anderes. Mit dem Krieg gegen den Iran stieß Trump an die Grenzen seiner imaginären, selbsteingebildeten Allmacht. Das psychopathologische Unvermögen, das zu begreifen, macht ihn außer Rand und Band. Trump ist weder ein „champion of peace“ noch ein Madman. Trump ist einfach ein Egomane an der Spitze der Macht und ein gewöhnlicher gewalttätiger und rücksichtsloser Schläger mit fehlender Empathie, der in einer eigenen Traumwelt lebt und sich neuerdings zu unüberlegten und halsbrecherischen Kriegshandlungen hinreißen lässt.
Wenn man das ganze makabre Spiel dieses selbsternannten „Friedensstifters“ seit Beginn des Jahres 2026 Revue passieren lässt, so ist es schwer, sich einer Georges Clemenceau zugeschriebenen Äußerung zu widersprechen: „Amerika ist das einzige Land, das direkt vom Stadium der Barbarei in das Stadium der Dekadenz übergegangen ist, ohne das Stadium der Zivilisation zu durchlaufen.“
Anmerkungen
1. Siehe dazu Silnizki, M., Trumps „Big Stick“-Diplomatie. Auf dem Wege zum postmodernen Imperialismus? 26. März 2026,
www.ontopraxiologie.de.
2. Seewald, B., „Einige stießen ihm sogar das Schwert durch die Schamteile“, Die Welt 18.11.2024.
3. Seewald (wie Anm. 2).