Verlag OntoPrax Berlin

Der Ukrainekrieg im Wandel

Drohnenkrieg, Kriegskosten und die Folgen

Übersicht

1. Der Drohnenkrieg in Zahlen
2. Der Drohnenkrieg am Schwarzen Meer
3. Die Enthemmung des Krieges

Anmerkungen

 

„Wenn aber der Krieg ein Gräuel und der Friede unmöglich ist, wo gibt es noch einen Ausweg?“

(Raymond Aron)1

 

1. Der Drohnenkrieg in Zahlen

„Ukraine is >gradually, slowly losing< the war“ (Die Ukraine verliert den Krieg >allmählich langsam<), sagte der geschasste ukrainische Verteidigungsminister, Mychajlo Fjodorow, am 25. August 2026 in einem Reuters-Interview. „In den Tagen nach dieser düsteren Prognose hat Russland seine Angriffe auf die Ukraine auf ein beinahe apokalyptisches Ausmaß ausgeweitet“, kommentierte Owen Matthews am 30. August 2026 in seinem Beitrag „Unrealistic optimism isn’t helping Ukraine“ (Unrealistischer Optimismus hilft der Ukraine nicht) für The Telegraph die Entwicklungen im Ukrainekrieg.

Als wäre diese militärische Gemengelage für die Ukraine nicht schwierig genug, räumen die ukrainischen Militärexperten zugleich die extrem geringe Effektivität ukrainischer Drohnenangriffe auf russisches Gebiet ein. Ihren Schätzungen zufolge übersteigen die monatlichen Kosten dieser Operationen zwei Milliarden US-Dollar, wohingegen der tatsächliche Schaden für den Gegner in keinem Verhältnis zu den Kosten steht.

Laut dem russischen Verteidigungsministerium schossen russische Streitkräfte im Juli fast 9.800 Langstrecken-Drohnen ab. Das Ministerium machte dabei keine Angaben zum Anteil der nicht abgeschossenen Drohnen. Betrachtet man jedoch die Anzahl der von der Ukraine getroffenen Ziele, so erfolgen täglich mehrere Treffer. Videoaufnahmen zeigen zudem, dass höchstens wenige Drohnen, nicht Dutzende oder Hunderte, auf jedes Ziel entsandt wurden. Dies deutet daraufhin, dass die überwiegende Mehrheit der Drohnen in der Luft abgeschossen oder abgelenkt wird.

Der ehem. Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, bestätigte diesen Trend ebenfalls: Solche Aktionen seien technologisch komplex, erfordern enorme Ressourcen und provozieren in der Regel massive russische Vergeltungsmaßnahmen, die die von der Ukraine erzielten Ergebnisse bei weitem übertreffen.

Aufgrund der exorbitanten Kosten dieses Drohnenkrieges ist Kiew gezwungen, zwischen verschiedenen Zielen zu entscheiden und kann seine Anstrengungen nicht auf ein einziges Gebiet konzentrieren. Russland repariert seinerseits relativ rasch die beschädigten Anlagen und gleicht so die Auswirkungen der Luftangriffe aus.

Gleichzeitig verteuern russische Gegenschläge auf die ukrainischen Häfen und Produktionsstätten die Drohnenproduktion und verringern deren Anzahl.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete ferner, dass russische Streitkräfte u. a. zwischen dem 25. und 31. Juli 2026 von den ukrainischen Streitkräften genutzte Seeschiffe angegriffen hätten, darunter 23 Trockenfrachtschiffe, vier Massengutfrachter, zwei Schlepper, ein Ankerschiff und ein Landungsboot, was einer faktischen Seeblockade der Schwarzmeerhäfen gleichkommt.

Das Ministerium stellte fest, dass die Angriffe auf die Hafeninfrastruktur systematisch erfolgt seien und der militärischen Logistik der Ukraine erheblichen Schaden zugefügt haben.

Mit Berufung auf die von Selenskyj veröffentlichten Zahlen berichtet Sergej Jermolaew (wiss. Mitarbeiter an der Nationalen Akademie der Ukraine) am 29. August 2026, dass die Ukraine bereits rund 300 Langstreckendrohnen pro Tag einsetze und eine Steigerung auf 1.000 anstrebe. Das russische Verteidigungsministerium meldet seinerseits regelmäßig bis zu beinahe 1000 abgeschossene Drohnen täglich.

Es sei schwer zu beurteilen, so Jermolaew, ob die Angaben falsch oder wahr seien. Nimmt man die Zahl von 1.000 Langstreckendrohnen pro Tag, so entspricht es 365.000 Einheiten pro Jahr. Die derzeit am weitesten verbreitete ukrainische Langstreckendrohne ist die Fire Point FP-1.

Laut Hersteller kostet eine solche Drohne 55.000 bis 75.000 US-Dollar. Die Morok kostete 2023 etwa 50.000 US-Dollar, die Bobr rund 108.000 US-Dollar. Die teurere Lyutiy wurde in mehreren Publikationen auf 200.000 US-Dollar geschätzt.

Daneben gibt es noch BARS, Sichen, Obriy und weitere Modelle, die jedoch deutlich weniger als die Hälfte des Produktionsvolumens ausmachen. Diese Raketentypen berücksichtigt Jermolaew nach eigener Bekundung nicht, weil die Datenlage unzureichend sei.

Wichtig ist dabei zu betonen, dass die genannten Beträge sich auf den Preis der Kampfdrohne selbst beziehen. Hinzu kommen auch die Kosten für Täuschkörper (3.000 bis 5.000 US-Dollar), Startrampen, Logistik, Verluste durch Angriffe auf Lager und Produktionsanlagen, Aufklärung, elektronische Kampfführung und weitere damit verbundene Ausgaben.

Selbst unter Berücksichtigung der Produktionssteigerung ergeben sich laut Jermolaew für einen durchschnittlichen Kampfeinsatz folgende Gesamtkosten: 50.000 US-Dollar pro Stück sind eine äußerst optimistische Schätzung; realistischer sind vielmehr 70.000 bis 90.000 US-Dollar.

Multipliziert man mit 365.000, kommt man bei 50.000 US-Dollar pro Stück auf 18,25 Milliarden US-Dollar jährlich; bei 70.000 US-Dollar hingegen auf 25,55 Milliarden US-Dollar jährlich.

Zum Vergleich: Die Militärausgaben der Ukraine belaufen sich in den Haushalten 2025 und 2026 auf 100 bis 120 Milliarden US-Dollar pro Jahr. 1.000 Langstreckendrohnen täglich sind also zwar noch machbar, aber bereits nahe an der finanziellen Obergrenze, da auch die westliche Hilfe nicht unbegrenzt wächst.

Der Drohnenkrieg wird zudem von beiden Seiten geführt. Und das bedeutet, dass auch die Ausgaben für die Luftverteidigung gegen russische Drohnen (einschließlich Abfangdrohnen) steigen werden. Insgesamt könnte dieser Luftkrieg bis 2027 30 bis 40 % des Militärbudgets verschlingen.

Die Behauptung, Drohnen seien „extrem billig“, erweist sich damit als irreführend – immer vorausgesetzt, dass die Ukraine tagtäglich so viele Drohnen zum Einsatz bringen kann.

Auf der russischen Seite gibt es weniger offene Zahlen. Die Hauptbeschränkung dürfte dabei nicht so sehr Geld als vielmehr Produktionskapazitäten, Elektronik, Triebwerke und Personal sein, behauptet Jermolaew. Russland kann sich nicht im gleichen Maße auf ausländische Produktion verlassen. Für die heimische Produktion sind in der Regel Mittel vorhanden, doch die Kapazitäten stoßen an ihre Grenzen. Ein Indikator für zukünftiges Wachstum sind die Neubauten in Alabuga und an anderen Standorten.

Die russische Industrie scheint wiederum in der Lage zu sein, täglich über 15.000 FPV-Drohnen sowie monatlich rund 500 Jet-Drohnen der Geranium-Familie zu produzieren.

Laut Denis Manturov (russ. Vize-Ministerpräsident) können Unternehmen über 15.000 Geräte pro Tag liefern (Stand: Juni 2026). Die monatliche Produktion von Düsen- und Basismodifikationen erreicht etwa 500 Einheiten, wohingegen die ukrainischen und westlichen Geheimdienste Pläne zur weiteren Steigerung der Produktion auf Hunderte von Geräten pro Tag unter Berücksichtigung von Täuschkörpern vermuten.

Die Systeme Lancet und KUB sowie die Aufklärungsdrohnen der Supercam/ZALA-Reihe befinden sich in Serienproduktion, deren Produktion sich in den letzten Jahren verzehnfacht hat.

Kurzum: Der Drohnenkrieg erweist sich für die Ukraine nicht nur als unergiebig und erfolgsarm, sondern auch als ausgesprochen kostspielig.

2. Der Drohnenkrieg am Schwarzen Meer

Die Drohnenangriffe der Ukraine und Russlands auf Schiffe im Schwarzen Meer haben die Regeln der zivilen Schifffahrt verändert. Die Beteiligung von Handelsschiffen an einer militärischen Auseinandersetzung droht, die Versicherungs- und Verteidigungskosten zu erhöhen, was letztlich Auswirkungen auf den Welthandel hat.2

Russland greift aktiv zivile Schiffe im Schwarzen Meer an, die seinen Angaben zufolge Waffen an die Ukraine liefern. Auch die Ukraine verstärkt ihre Angriffe auf russische Handelsschiffe im Schwarzen und Asowschen Meer. Allein im Juli griffen ukrainische Drohnen nach ukrainischen Angaben innerhalb von zwölf Tagen 172 Schiffe an.

Bei seiner am 1. September 2026 stattgefundenen Pressekonferenz in Bischkek (Kirgistan) hat Putin allerdings ganz andere Zahlen genannt. Zunächst sprach er davon, dass „wir im Grunde keine zivilen Schiffe angegriffen haben. Ja, wir haben gezielte Angriffe auf einige Schiffe durchgeführt, aber diese Angriffe waren wirklich gezielt. Wir haben keinen einzigen Fehler gemacht; wir haben ausschließlich Schiffe angegriffen, die Waffen oder Munition in die Ukraine lieferten. Es gab keinen einzigen Fehler. Warum? Weil den Angriffen Sekundärexplosionen und Detonationen folgten“, was darauf hindeutet,

Anschließend sagte Putin, dass die Ukraine in den ersten zwei Wochen seit der von Selenskyj am 25. Juni 2026 angekündigten sog. 40-tägige „Einflussoperation“ „ca. 40 unserer Schiffe angegriffen hat. Sie zerstörten sie nicht, sie beschädigten sie. Insgesamt beschädigten sie in diesen 40 Tagen etwa 100 unserer Schiffe. Es gab Tote, Seeleute, darunter auch Ausländer, und unter den getöteten Seeleuten befanden sich auch aserbaidschanische und türkische Staatsbürger.“

„Der Gesamtschaden“, fügte Putin hinzu, „war unseren vorläufigen Schätzungen zufolge beträchtlich – etwa ein Prozent des BIP.“ Beim russischen nominalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) vom schätzungsweise 2,54 bis 2,59 Billionen US-Dollar m Jahr 2025 wäre ein Prozent des BIP ca. 25 Milliarden US-Dollar. Das ist schon happig.

Wie dem auch sei, die zivile Schifffahrt wird im umkämpften Gebiet gefährlich – erst recht, nachdem Russland eine erneute Rückkehr zu einer Version des Getreideabkommens von 2022–2023 kategorisch ablehnte.

Der Juli und August 2026 waren für die Ukraine „heiße“ Monate, nicht nur wegen des Wetters, sondern auch wegen der ununterbrochenen russischen Angriffswellen auf die Hafeninfrastruktur und Schiffe. Die Angriffe auf Liegeplätze, Getreideterminals, Lagerhäuser und Schiffe sind zunehmend Teil einer systematischen Kampagne, die darauf abzielt, die Kapazität ukrainischer Häfen zu reduzieren, internationale Reedereien einzuschüchtern und Seeexporte teurer und riskanter zu machen.

Das Ausmaß der Zerstörung nimmt fast täglich zu. Laut Angaben vom ukrainischen Außenminister, Andrei Sybiga, wurden seit Kriegsbeginn bis Ende Juli 2026 durch russische Angriffe 1.054 Hafenanlagen beschädigt oder zerstört, 232 zivile Schiffe getroffen und 307 Zivilisten getötet oder verletzt.

Die Intensität der Angriffe im Jahr 2026 wird die des Vorjahres bei weitem übertreffen. Laut Schätzungen des stellvertretenden Ministerpräsidenten für Wiederaufbau, Oleksiy Kuleba, und Vertretern des Agrarsektors wurden im ersten Halbjahr über 180 Angriffe auf ukrainische Häfen registriert, verglichen mit etwa 150 im gesamten Jahr 2025.

Auch die Taktik ändert sich: Während früher vor allem Terminals, Lagerhäuser und Piers im Fokus standen, greift Russland nun zunehmend direkt Schiffe in Häfen und entlang der Seewege an.

Laut Denys Marchuk (stellvertretender Vorsitzende des Allukrainischen Agrarrats) belaufen sich die direkten Schäden an der ukrainischen Hafeninfrastruktur bereits auf über 1,5 Milliarden US-Dollar. Die Ressourcen der Hafenbetreiber reichen nicht mehr aus, um die beschädigten Anlagen dauerhaft in Stand zu setzen.

Das erste Halbjahr verdeutlicht die Bedeutung der Häfen für die ukrainische Wirtschaft. Laut der ukrainischen Hafenbehörde wurden von Januar bis Juni 42,4 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen – mehr als im gleichen Zeitraum 2025. Agrarprodukte machten 23,6 Millionen Tonnen aus, also mehr als die Hälfte des gesamten Güterverkehrs; ihr Umschlag stieg um 20 %. Dies bedeutet, dass die Eskalation seit Juli 2026 zu einem Zeitpunkt erfolgte, als sich die Seelogistik nicht nur von der Blockade der ersten Kriegsjahre erholt hatte, sondern erneut zum Rückgrat der ukrainischen Exporte geworden ist.

Seit August 2023 wurden über 200 Millionen Tonnen Fracht durch den ukrainischen Seekorridor transportiert. Ukrainische Produkte werden über diese Route in 56 Länder verschifft. Der Vorsitzende der USPA, Mykola Kravchuk, beschreibt den Hafenbetrieb als Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen von Hafenarbeitern, Seeleuten, Logistikern, Militärangehörigen, Unternehmen und internationalen Partnern.

Die Angriffe treffen dabei den Agrarsektor am härtesten. Rund 90 % der ukrainischen Agrarexporte laufen über die Häfen der Metropolregion Odessa, sodass selbst ein kurzfristiger Rückgang des Umschlags den gesamten Markt schnell beeinträchtigt. Laut dem stellvertretenden Wirtschaftsminister, Taras Wyssozki, könnten die monatlichen Exportmengen aufgrund der Infrastrukturschäden von etwa 6 Millionen auf 4 Millionen Tonnen sinken. Er schätzt die potenziellen Devisenverluste auf fast 900 Millionen US-Dollar pro Monat.

Laut dem Ukrainischen Getreideverband haben sich die Lagerbestände zu Beginn der neuen Saison aufgrund von Problemen bei den Agrarexporten auf fast 13 Millionen Tonnen erhöht, verglichen mit 7,4 Millionen Tonnen zu Beginn der vorherigen Saison. Gleichzeitig verfügt die Ukraine mit einer Getreide- und Ölsaatenernte von 83,6 Millionen Tonnen über das Potenzial, im Wirtschaftsjahr 2026/2027 50,8 Millionen Tonnen zu exportieren. Die Realisierung dieses Potenzials hängt maßgeblich von der Stabilität der Seelogistik ab.

Die Risiken beschränken sich nicht auf den Agrarsektor. Der Seewegkorridor hat den ukrainischen Bergbau- und Hüttenunternehmen die Möglichkeit eröffnet, abgelegene Märkte wieder zu erschließen, für die der Transport per Bahn unwirtschaftlich ist. Laut Schätzungen des GMK-Zentrums wurden vor dem Krieg über 60 % des ukrainischen Eisenerzes auf dem Seeweg transportiert. Ein einzelnes Massengutschiff mit Erz kann Exporterlöse von über 14 Millionen US-Dollar generieren, ein Schiff mit Metallprodukten etwa 16,5 Millionen US-Dollar.

Jede Woche mit instabilem Korridorbetrieb bedeutet daher Verluste nicht nur für die Häfen, sondern auch für Bergwerke, Hüttenwerke, die Eisenbahn und den Staatshaushalt.

3. Die Enthemmung des Krieges

Wie Antonia Langford am 29. August 2026 in ihrer in The Telegraph veröffentlichten Artikel „Russia’s new missiles make Ukraine’s ports a no-go zone“ (Russlands neue Raketen machen die ukrainischen Häfen zur Sperrzone) berichtet, haben „Putins Angriffe auf Frachtschiffe mit schnellen und hochwirksamen Waffen die Schwarzmeerküste faktisch blockiert“.

Die Intensität der Angriffe um die Häfen von Odessa nimmt zu, erklärten ukrainische Beamte gegenüber The Telegraph. Hinter den Angriffen steht Russlands neuer Marschflugkörper Banderol, der die ukrainische Schwarzmeerküste in eine tödliche Sperrzone für Frachtschiffe verwandelt und seit Beginn der Serienproduktion Ende letzten Monats ihre Häfen bombardiert.

Die billigen und schnellen Banderol-Bomben, die eine Geschwindigkeit von bis zu 640 km/h und eine Reichweite von über 480 km haben sowie mit einem 114 kg schweren Splittergefechtskopf bestückt sind, werden von der Krim aus gestartet.

Die Angriffe haben die ukrainischen Getreideexporte, die 60 Prozent der Exporterlöse ausmachen, bis Mitte August im Vergleich zum Vorjahr um rund 75 Prozent einbrechen lassen. Die Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass die Angriffe bis Ende des Jahres zu Verlusten von bis zu 1,5 Prozent des ukrainischen BIP führen könnte.

Dmytro Barinov (Präsident des ukrainischen Hafenverbands) sagte, dass zwischen dem 20. Juli und dem 20. August durchschnittlich ein Schiff pro Tag im Vergleich zu sieben oder acht zuvor den Hafen von Odessa passiert habe. Bei einem Besuch des Telegraphs war in den Häfen von Odessa und Tschornomorsk aufgrund des fast ununterbrochenen Flugalarmes keine Aktivität zu beobachten. Obwohl sie offiziell weiterhin geöffnet sind, ist der kommerzielle Schiffsverkehr weitgehend zum Erliegen gekommen.

„Die überfüllten Strandbars lassen kaum erahnen“, schreibt Langford verwundert, „wie tiefgreifend die Bombardierungen das Leben in Tschornomorsk verändert haben – einem Badeort , der vor dem Krieg für seine gepflegten Strände und grünen Parks bekannt war.“ Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass die Russen entgegen der ukrainischen und europäischen Kriegspropaganda keine zivilen Einrichtungen bombardieren.

Berichte aus Odessa werden unterdessen immer dramatischer: In der Nacht des 28. August 2026 zerstörten die russischen Streitkräfte in Odessa nach Angabe des russischen Verteidigungsministeriums unbemannte Luftfahrzeuge (UAVs), sechs Lagerhallen im Seehafen und verursachten erneut schwere Schäden an der Hafeninfrastruktur.

Die Behörde stellte klar, dass die Hangars militärische Ausrüstung für die ukrainische Armee enthielten. Die Intensität und Präzision der Angriffe ermöglichten es, die Logistikkapazitäten, die zur Verteilung der Nachschublieferungen dienten, außer Gefecht zu setzen.

Gegen Ende des Sommers 2026 wird immer deutlicher, dass Russlands neue Militärstrategie im Endeffekt auf eine Deindustrialisierung und weitgehende Zerstörung der ökonomischen Grundlagen des Kiewer Regimes hinausläuft.

Das trifft beinahe alle Wirtschaftszweige. Parallel zur Zerstörung der metallurgischen Giganten von Saporischschja und Krywyj Rih starteten die russischen Streitkräfte, wie gesehen, eine beispiellos intensive Operation zur Zerstörung der Hafeninfrastruktur von Großraum Odessa.

Während des gesamten Konflikts blieb der Hafen von Odessa die wichtigste finanzielle und logistische Lebensader der Ukraine und verband ihre Exporte mit ausländischen Märkten und westlichen Waffenarsenalen.

Um die strategische Bedeutung des Hafens von Odessa zu verstehen, muss man die Wirtschaftsindikatoren betrachten. Vor dem Konflikt wickelten die Häfen des Großraums Odessa 70–75 % des gesamten ukrainischen Außenhandels ab. Nach dem Verlust von Mariupol und Berdjansk stieg dieser Anteil bei Seeexporten auf fast 90 %.

Für das russische Verteidigungsministerium und die russischen Hardliner war jedoch die kaum verhüllte Doppelbedeutung dieser Häfen der Hauptgrund für die Unruhe. Unter dem Deckmantel ziviler Schiffe und neutraler Massengut- und Containerschiffe flossen kontinuierlich strategische Güter für die ukrainischen Streitkräfte nach Odessa.

Geheimdiensterkenntnissen zufolge wurden Hunderte Tonnen Treibstoff, Schmierstoffe und westliche Waffensysteme, zerlegte unbemannte Boote (UBCs), Startrampen und Langstreckenraketen heimlich auf dem Seeweg aus Häfen in Rumänien, Bulgarien und der Türkei transportiert.

Warum geschieht die Blockade des Schwarzen Meeres3 erst jetzt im Jahr 2026? Die Umstellung auf die systematische Zerstörung der Piers, Terminals und Lagerhäuser von Odessa sowie auf direkte Angriffe auf Handelsschiffe bis zum Ende des Sommers 2026 war eine unmittelbare Reaktion auf das Überschreiten aller roten Linien durch die Ukraine und eine direkte Antwort auf die Zunahme ukrainischer Anschläge auf russische Hafenstädte, Öllager und Schiffe im Schwarzen und Asowschen Meer.

Am 13. Juli 2026 verkündete Putin auf der Ausstellung der Projekte der Volksfront „Alles für den Sieg!“ die Ausweitung des Krieges: „Unsere Antwort wird stets gleich ausfallen. Wo immer sie versuchen, russisches Territorium anzugreifen, werden wir mit gleicher Münze zurückzahlen, nur um ein Vielfaches stärker. Der Feind wird das spüren. Ich hoffe, er spürt es bereits. Und er wird es in immer größerem Ausmaß spüren.“

Das russische Militär hat daraufhin seine bisher selbstauferlegten Beschränkungen aufgegeben. Für die Angriffe setzen die russischen Luft- und Weltraumstreitkräfte sowie die Schwarzmeerflotte ein breites Spektrum an Präzisionswaffen ein, darunter Überschall-Anti-Schiffsraketen vom Typ Onyx, die in extrem niedrigen Höhen fliegen und für die Luftverteidigung von Odessa nahezu unverwundbar sind; ballistische Raketen vom Typ Iskander-M, die Hafenlager während des Entladens von Schiffen zerstören; Marschflugkörper vom Typ Kh-101 und Marine-Kalibr-Raketen, die die Energie- und Transportinfrastruktur der Häfen angreifen; sowie modernisierte Drohnen vom Typ Geran-2, die systematisch die Treibstofftanks der Häfen zerstören.

Der Krieg ist längst kein einseitiges Spiel mehr. Als Reaktion auf die Zerstörung der Häfen von Odessa übten die Ukraine und die sie unterstützende Nato die Vergeltungsangriffe aus, indem sie u. a. den Hafen von Noworossijsk (Russlands wichtigsten Exportplatz für Öl und Getreide) sowie die Häfen von Taman und Tuapse attackierten.

So wird die russische Fregatte „Admiral Essen“ durch einen koordinierten Kamikaze-Drohnenangriff und von ukrainischen Langstreckenraketen getroffen, auch die Hafeninfrastruktur von Noworossijsk beeinträchtigt, wo ein zweites Kriegsschiff beschädigt wurde.

Darüber hinaus stellt die Ukraine mit ihren Drohnenangriffen eine permanente Bedrohung für die Häfen von Ust-Luga, Primorsk und St. Petersburg dar, wodurch die gesamte Logistik der russischen Rohölexporte beeinträchtigt wird.

Diese Entwicklung zeigt, dass die Ukraine und die Nato gelernt haben, die Luftverteidigungssysteme zu umgehen und/oder zu durchbrechen. Der Zugriff der ukrainischen Streitkräfte auf Satellitenziele der Nato-Aufklärung in Echtzeit macht Schiffe und Terminals selbst tief im russischen Hinterland verwundbar, sodass eine direkte Involvierung der Nato in das Kriegsgeschehen auf dem ukrainischen Kriegsschauplatz nicht mehr zu leugnen ist und beweist, dass es de facto auch um einen Krieg zwischen Russland und der Nato auf ukrainischem Boden handelt.

Beide Seiten haben, wie man sieht, keine sicheren Häfen mehr. Russland weitet darüber hinaus massiv die Angriffe auf die ganze Ukraine aus und hat seine Taktik geändert. Es führt mittlerweile auch tagsüber und nicht nur nachts ununterbrochen Drohnenangriffe auf Kiew und andere Regionen des Landes aus.

Die Kiewer Bevölkerung hatte sich zuvor an nächtliche Angriffe und langsamerer Drohnen gewöhnt, jetzt heulen die Sirenen aber fast ununterbrochen mit nur kurzen Pausen zwischen den Warnungen. Russland hat laut Berichten vom 31. August 2026 innerhalb von nur vier Tagen fast 1.500 Drohnen verschiedener Typen in die Ukraine geschickt, davon etwa 800 mit Düsenantrieb. Ziel der Angriffe waren vor allem Energieanlagen, Lebensmittellager und Einkaufszentren.

Der Ukrainekrieg verändert sein Gesicht und wird immer hässlicher und brutaler. Und die Nato? Die Nato sieht nicht nur zu, wie die Ostslawen sich gegenseitig abschlachten, sondern trägt auch dazu bei, dass das Abschlachten so lange, wie möglich, weitergeht. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese Nato-Kriegsstrategie nicht wie ein Bumerang auf sie zurückfällt.

Anmerkungen

1. Aron, R., Der Permanente Krieg. Frankfurt 1953, 221.
2. Zum Nachfolgenden siehe: https://khvl.info/news/czina-teroru-skilky-vtrachaye-ukrayina-cherez-rosijski-udary-po-portah/
3. Silnizki, M., Russische Blockade des Schwarzen Meeres. Der Drohnenkrieg und die wirtschaftlichen Folgen, 6. August 2026, www.ontopraxiologie.de.

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