In Zeiten der Vereinigung und des Niedergangs der Sowjetunion
Übersicht
1. Egon Bahr – ein Prophet, der im eigenen Land nichts galt
2. Egon Bahr und die gesamteuropäische Sicherheitsordnung
3. Bahrs Moskauer Gespräche in Zeiten des Niedergangs
Anmerkungen
„Verteidigung vor Russland oder Sicherheit mit Russland –
das wird die Alternative.“
(Egon Bahr, 1994)
1. Egon Bahr – ein Prophet, der im eigenen Land nichts galt
In seiner mit Spannung erwarteten Rede im Waldai-Diskussionsklub erinnerte Putin am 1. Oktober 2026 an den SPD-Politiker, Vordenker und Architekten der Entspannungspolitik, Egon Bahr (1922-2015), den er als einen gebildeten, einsichtsvollen und intelligenten Mann bezeichnete und mit den Worten zitierte:
„Wenn während der Wiedervereinigung Deutschlands keine entscheidenden Schritte unternommen werden, um die Spaltung Europas in feindliche Blöcke zu überwinden, könnten die Entwicklungen eine sehr ungünstige Wendung nehmen und die UdSSR zur internationalen Isolation verdammen.“
Bahr sprach diese Worte am 26. Juni 1990. Bereits im Februar 2024 enthüllte Putin in einem Interview mit dem US-Journalisten, Tucker Carlson, dass Bahr die Schaffung eines neuen Sicherheitssystems für Moskau vorgeschlagen hat. Laut Bahr sollte dieses System die USA, Kanada, Russland und weitere mitteleuropäische Länder umfassen, aber eine weitere Erweiterung der Nato ausschließen. „Genau das sagte er: Wenn die Nato expandiert, wird alles so sein wie im Kalten Krieg, nur näher an Russlands Grenzen. Das ist alles. Er war ein kluger Mann. Niemand hat ihm zugehört“, entrüstete sich Putin in dem Interview.
Acht Jahre zuvor gab Putin am 5. Januar 2016 dem damaligen BILD-Herausgeber, Kai Diekmann, und seinem Stellvertreter, Nikolaus Blome, ein Interview, das in Sotschi aufgezeichnet und an 11. Januar in der BILD-Zeitung veröffentlicht wurde. Auf die Frage eines der Interviewer, was wir in den vergangenen 25 Jahren seit dem Ende des „Kalten Krieges“ falsch gemacht haben, sagte Putin:
„Wir haben von Anfang an alles falsch gemacht; es ist uns nicht gelungen, die Teilung Europas zu überwinden. … Nach dem Fall der Berliner Mauer wurde darüber diskutiert, ob die Nato ihre Ostgrenzen erweitern würde. Dies erklärte, soweit ich mich erinnere, der damalige Nato-Generalsekretär, Herr Wörner, ein Staatsbürger der Bundesrepublik. Im Übrigen warnten einige deutsche Politiker jener Zeit davor und schlugen eigene Lösungen vor, beispielsweise Herr Egon Bahr. Wissen Sie, … (ich) habe … aus den Archiven Gespräche zwischen der damaligen sowjetischen Führung aus dem Jahr 1990 und mehreren deutschen Politikern, darunter Herrn Bahr, herausgesucht. Diese wurden noch nie veröffentlicht. … Das waren Arbeitsgespräche zwischen den deutschen Politikern Genscher, Kohl und Bahr mit der sowjetischen Führung: Gorbatschow und Herrn Falin, der, soweit ich weiß, damals die Internationale Abteilung des Zentralkomitees leitete. Das wurde nie öffentlich gemacht. Sie und Ihre Leser werden als Erste von diesem Gespräch aus dem Jahr 1990 erfahren. Sehen Sie, was Herr Egon Bahr sagte: >Wenn während der Wiedervereinigung Deutschlands keine entscheidenden Schritte unternommen werden, um die Spaltung Europas in feindliche Blöcke zu überwinden, könnten die Entwicklungen eine sehr ungünstige Wendung nehmen und die UdSSR zur internationalen Isolation verdammen<.“
Und Putin berichtete weiter: „Herr Bahr machte konkrete Vorschläge. Er sprach von der Notwendigkeit, ein neues Bündnis in Mitteleuropa zu gründen. Dieses sollte sich nicht in Richtung Nato bewegen. Ganz Mitteleuropa, mit oder ohne Ostdeutschland, sollte sich in einem separaten Bündnis unter Beteiligung der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten zusammenschließen. So sagte er: >Die Nato als Organisation, zumindest ihre militärischen Strukturen, sollte sich nicht auf Mitteleuropa erstrecken<. Er war damals bereits eine prägende Figur der europäischen Politik; er hatte seine eigenen Vorstellungen von der Zukunft Europas und sagte seinen sowjetischen Kollegen: >Wenn Sie dem nicht zustimmen und im Gegenteil die Nato-Erweiterung befürworten, und die Sowjetunion dem zustimmt, dann werde ich nie wieder nach Moskau kommen<.“
Resümierend sagte Putin sodann: „Sehen Sie, er war ein sehr intelligenter Mann. Er erkannte die tiefere Bedeutung dieser Aussage; er war überzeugt, dass das Format grundlegend geändert werden musste, um die Ära des Kalten Krieges hinter sich zu lassen. Und wir haben nichts dergleichen getan.“
Am 1. Oktober 2026 hat Putin all das wiederholt, was er bereits vor zehn Jahren am 5. Januar 2016 den BILD-Journalisten zum ersten Mal mitteilte. Putin sagte, so gesehen, nichts Neues. Und Bahr? Bahr erwies sich als ein Prophet, der im eigenen Land nichts galt. Niemand hat nicht einmal im Traum daran gedacht, Bahrs sicherheitspolitischen Überlegungen zu folgen. Es war die Stunde der Nato-Expansionspolitik1.
2. Egon Bahr und die gesamteuropäische Sicherheitsordnung
Eineinhalb Monate nach der Veröffentlichung des BILD-Interviews mit Putin, in dem dieser aus dem unveröffentlichten Protokoll eines Gespräches, das Egon Bahr im Jahr 1990 in Moskau mit dem Deutschlandexperten im Stab Gorbatschows, Valentin Falin, geführt hat, zitierte, erzählte Karsten Voigt (langjähriger SPD-Parlamentarier (1976-1998) und zuletzt Präsident der Parlamentarischen Versammlung der Nato (1994-1996)) am 29. Februar 2016 in der Zeitschrift Das Blättchen seine Geschichte über die in Moskau geführten Gespräche, an denen er unmittelbar teilgenommen hat.
Am 27./28. Februar 1990 war Voigt mit Egon Bahr in Moskau im Auftrage der SPD-Bundestagsfraktion; die beiden wollten sich über die deutschlandpolitischen Vorstellungen der sowjetischen Führung informieren lassen, wobei bei diesem Moskauer Aufenthalt mehrere Gespräche stattfanden. „Im Wesentlichen“ bestätigte Voigt Putins Zitate, die „mit dem von Egon Bahr autorisierten Protokoll unserer Seite“ übereinstimmten.
Im turbulenten und aufregenden Jahr 1989 vertrat Egon Bahr „stets sehr klar seine konzeptionellen Prioritäten: möglichst schnelle und große Schritte in Richtung auf eine gesamteuropäische Sicherheitsordnung unter Einbezug der Sowjetunion. Ich unterstützte dieses Ziel. Für mich waren aber die multilaterale Einbindung der Sicherheitspolitik Deutschlands und die Verhinderung einer Re-Nationalisierung anderer europäischer Staaten noch wichtiger“, schreibt Voigt und berichtet weiter:
„Ab Dezember 1989 sah ich die Chance für eine bundesstaatliche Einheit Deutschlands. Wenn dieses Ziel erreichbar sein würde, dann zog ich es einer konföderativen Überwindung der Spaltung Deutschlands vor. Damit aber stellte sich die Frage nach der sicherheitspolitischen Einbindung des dann vereinigten Deutschlands. Eine Neutralisierung hielt ich ebenso wie Egon Bahr und Horst Ehmke wegen der damit verbundenen Gefahr einer Re-Nationalisierung nicht für erstrebenswert. Was aber dann? Eine Zustimmung der Sowjetunion zur Mitgliedschaft eines vereinigten Deutschlands in der Nato hielt ich damals noch für undenkbar.
Im Bewusstsein dieser ungelösten Frage bereitete ich mich auf die Münchener Sicherheitskonferenz im Januar 1990 vor. Dort sollte ich am 3.2.1990 die Hauptrede für die SPD halten. In meinem Manuskript trat ich noch für den offiziellen Standpunkt der SPD, der das vereinigte Deutschland eingebettet in eine gesamteuropäische Sicherheitsordnung sah, ein. In der auf meinen Vortrag folgenden Diskussion sprach ich dagegen von der Möglichkeit der Mitgliedschaft eines vereinigten Deutschlands in der Nato, zumindest für eine Übergangszeit, verbunden mit Schritten in Richtung auf eine gesamteuropäische Sicherheitsordnung und Vereinbarungen über eine engere Kooperation mit der Sowjetunion.“
Voigt machte sich etwas vor, als er zu Beginn des Jahres 1990 daran glaubte, dass „die Mitgliedschaft eines vereinigten Deutschlands in der Nato“ nur vorübergehend sein sollte. Das war mehr als nur naiv und von kurzer Dauer. Mit seiner Reise nach Washington Ende Januar 1990 folgte dann auch der Sinneswandel auf dem Fuß.
In einem langen „Gespräch erläuterte mir Bob Blackwill, der damals deutschlandpolitischer Berater von Präsident Bush war, wie die USA glaubten, die sowjetische Führung dazu zu bewegen, der Mitgliedschaft eines vereinigten Deutschlands in der Nato zuzustimmen“, berichtet Voigt.
„Blackwill fragte mich dann, ob ich … in Versuchung geraten würde, wenn es doch nur eine Chance auf Wiedervereinigung gäbe, wenn Deutschland neutral würde. Ich antwortete, dass ich zwar gegen ein neutrales Deutschland sei, ich – vor eine solche Alternative gestellt – aber vielleicht doch in Versuchung geraten konnte. Er bemerkte daraufhin, dass ich anders als andere Deutsche wenigstens ehrlich sei. Deshalb sei es umso wichtiger, von vornherein eine derartige Alternative zu verhindern.“
Und dann kommt die entscheidende Passage des ganzen Artikels von Karsten Voigt, der die Nato-Expansionspolitik nach der Auflösung des Warschauer Paktes bereits vorwegnimmt bzw. prädisponiert:
„Blackwill fuhr fort: Die Entwicklung einer neuen gesamteuropäischen Sicherheitsordnung als Alternative zu Nato und Warschauer Pakt sei unrealistisch. Die europäischen Mitglieder der Nato hätten kein Interesse daran, wegen der Wiedervereinigung Deutschlands auf die Nato zu verzichten und ihre Sicherheit stattdessen von einer neuen gesamteuropäischen Sicherheitsstruktur abhängig zu machen. Auch die USA seien am Fortbestand der Nato interessiert. … Ich fand diese Argumente Bob Blackwills überzeugend. Nach meiner Rückkehr nach Bonn sprach ich in der Arbeitsgruppe Außenpolitik der SPD-Bundestagsfraktion über die Änderung meiner Haltung und die Gründe hierfür. In den folgenden Wochen gelang es mir als Vorsitzender der Arbeitsgruppe allmählich eine Mehrheit der SPD-Außenpolitiker von diesem Konzept zu überzeugen.“
Lange Rede, kurzer Sinn: Der „standhafte“ Sozi wurde entsprechend bearbeitet, auf Linie gebracht und hat gleichsam die „Mehrheit der SPD-Außenpolitiker von diesem Konzept“ überzeugt. Die Idee von einer gesamteuropäischen Sicherheitsordnung wurde in der SPD-Bundestagsfraktion bereits im Ansatz erstickt. Bob Blackwill (geb. 1939) hat für die US-amerikanischen Geo- und Sicherheitsstrategen ganze Arbeit geleistet.
Für die Nato-Allianz unter der US-Führung kam nach dem Untergang der Sowjetunion erst recht nur eine einzige sicherheitspolitische Alternative in Frage: Das Fortbestehen der Nato-Allianz mit der Option einer Osterweiterung.
Und Egon Bahr? Er blieb eine Stimme in der Wüste! Vor dieser fatalen Entwicklung warnte der Ausnahmepolitiker, Egon Bahr. Vehement vertrat er eine ganz andere sicherheitspolitische Position und blieb dabei standhaft.
Kein Wunder, dass er auf uneingeschränkte Zustimmung, wenn nicht gar Bewunderung seitens Putin (zuletzt eben in seiner bereits ausgiebig zitierten Rede am 1. Oktober 2026) gestoßen ist. Dass Putin seit 10 Jahren immer wieder Egon Bahrs sicherheitspolitische Überzeugung thematisiert, zeigt, wie tiefgehend und kompromisslos die Ablehnung der Nato-Expansionspolitik durch die russische Führung die ganze Zeit war.2
Als es 2014 zum Staatsstreich in der Ukraine kam und die Ukrainekrise ausgebrochen ist, war es nur eine Frage der Zeit, wann es auch zum Ukrainekrieg kommt. Bereits im Jahr 2018 schrieb ich: Die „Krim-Eingliederung in die Russländische Föderation (erscheint) lediglich als Trostpflaster, das die bittere Niederlage Russlands nur kaschiert, aber nicht beseitigt. Keiner weiß heute, welches >geopolitische Risiko< sich noch dahinter verbirgt.“3 Heute wissen wir es!
3. Bahrs Moskauer Gespräche in Zeiten des Niedergangs
„Als Egon Bahr und ich schließlich am 27. und 28. Februar 1990 nach Moskau flogen, wusste die SPD-Führung, dass wir in Bezug auf den sicherheitspolitischen Status des Vereinigten Deutschlands unterschiedliche Meinungen vertraten“, erzählt Voigt seine konfliktträchtige Geschichte weiter und beschreibt als ein hellhöriger Zeitgenosse die Gespräche mit der sowjetischen Führung und die Atmosphäre, die bei diesen Gesprächen vorherrschte.
Wenn man Voigts Bericht über die in Moskau vorherrschende Atmosphäre liest, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als sei die Sowjetunion in ihre Endphase eingetreten und deren Zerfallsprozess buchstäblich mit Händen zu greifen und nicht mehr aufzuhalten war, was Voigt natürlich als einer am Geschehen unmittelbar Beteiligter verständlicherweise noch nicht sehen konnte.
Seine Beschreibung des Gesprächs mit dem Außenminister Schewardnadse am 28. Februar 1990 macht fassungslos, mit welcher Inkompetenz und Gleichgültigkeit der Georgier auf Bahrs sicherheitspolitische Vorschläge reagierte.
Bei seiner Vorstellung von einem europäischen Sicherheitssystem mit einem europäischen Oberkommando behauptete Bahr, „dass Genscher damit einverstanden sei, dies nur nicht öffentlich zu sagen wage. Das vereinigte Deutschland würde nicht mehr in gegeneinander gerichteten Bündnissen eingebunden sein, sondern die Einbindung würde über das europäische Sicherheitssystem erfolgen. Wenn Schewardnadse, Genscher und Bush zustimmen würden, dass das Gebiet der Bundesrepublik in der Nato verbleibe, dann sei er einverstanden, wenn er wüsste, wie lange dieser Quatsch andauern solle (so laut unserem Protokoll)“, berichtet Voigt.
Und wie war Schewardnadses Reaktion? Er ging „auf diese Argumentation von Egon Bahr nur weitschweifig ein. Seine Äußerungen erweckten in mir den Eindruck, dass Schewardnadse mehr an den Beziehungen zu den USA als an dem von Egon Bahr vorgetragenen sicherheitspolitischen Konzept interessiert war“, schreibt Voigt.
Die gleiche Szene fand bereits am Tag zuvor im Gespräch mit dem für die Außenpolitik zuständigen Mitglied des Politbüros, Alexander Jakowlew (1973 bis 1983 sowjetischer Botschafter in Kanada!) statt. Bahr hat seine Vorstellungen ebenfalls ausführlich erläutert. Und wie reagierte Jakowlews? Dieser hatte nur noch ein „begrenztes Interesse und eine begrenzte Kenntnis“, berichtet Voigt und fügt hinzu: Jakowlew war „vor allem an wirtschaftspolitischen Fragen interessiert“ und überließ dem angesehenen Deutschlandkenner, Valentin Falin (1926-2018), das weitere Gespräch mit Egon Bahr.
Ein Gespräch mit Marschall Achromejew verlief am 28. Februar 1990 „ähnlich wie die anderen: Egon Bahr erläuterte sein Konzept. Achromejew stellte Fragen, ohne präzise eigene Vorstellungen darzulegen. Mein zusammenfassender Eindruck von den Gesprächen in Moskau war, dass die sowjetische Führung zu diesem Zeitpunkt kein eigenes Konzept für die sicherheitspolitische Einbettung des vereinigten Deutschlands hatte“, resümierte Voigt abschließend.
Das hat der SPD-Genosse sehr vornehm ausgedrückt. Was Voigt in Moskau des Februars 1990 erlebte, war viel brisanter als nur ein fehlendes sicherheitspolitisches Konzept für das vereinigte Deutschland: In den Machtkorridoren des Kremls herrschten Inkompetenz, Gleichgültigkeit, Ahnungslosigkeit und Ratlosigkeit vor. Ohne sich dessen bewusst zu sein, erlebte Voigt in Moskau eine im Niedergang begriffene Supermacht, der keine zwei Überlebensjahre mehr übriggeblieben.
Und Egon Bahr? Der Ausnahmepolitiker war offenbar über seine Moskauer Gespräche not amused, sonst hätte er seinen sowjetischen Genossen nicht verzweifelt an den Kopf geworfen: „Wenn Sie dem nicht zustimmen und im Gegenteil die Nato-Erweiterung befürworten, und die Sowjetunion dem zustimmt, dann werde ich nie wieder nach Moskau kommen.“
Selbst nach dem Untergang der Sowjetunion rückte Bahr von seiner sicherheitspolitischen Position keinen Millimeter ab. In seinem Vortrag „Ungeteilte Sicherheit für Europa“ vor der Batory-Foundation in Warschau sagte er am 25. Juni 1994 ohne Wenn und Aber:
„Sicherheitsfragen sind Machtfragen. Sie bleiben auch am Ende des Jahrhunderts zentral. Deshalb stelle ich sie an den Anfang. Und deshalb steht Russland am Anfang, wenn von einer neuen Ostpolitik die Rede sein soll,“ sagte Bahr in seinem Vortrag und fügte prophetisch hinzu: „Der Zerfall der Sowjetunion hat dieses Land in Grenzen gelassen, in denen es während seiner tausendjährigen Geschichte noch nie existiert hat, mit mehr als 25 Millionen Russen außerhalb seiner Grenzen. … Sofern die Geschichte weitergeht wie bisher, ist voraussehbar, dass die russischen Grenzen nicht bleiben werden, wo sie heute sind. Eine solche Prophezeiung ist … risikolos, … weil nicht damit zu rechnen ist, dass Russland so schwach bleiben wird, wie es ist. … Der Kern der europäischen Stabilität ist also weniger die Frage des Verhältnisses Russlands zur Nato, sondern die gesicherte Stabilität der russischen Grenzen. Die garantierte Stabilität der russischen Grenzen ist die beste Sicherheitsgarantie für alle Staaten zwischen der Nato und Russland. Verteidigung vor Russland oder Sicherheit mit Russland – das wird die Alternative.“
Der Krieg in der Ukraine hat uns vor Augen geführt, wie vorausschauend Bahrs sicherheitspolitische Ideen doch waren und wie weit wir von ihnen immer noch entfernt sind. Hätte der „Westen“ unter Führung des US-Hegemonen diesem weisen Mann mehr Gehör geschenkt, wäre Europa heute friedlicher und sicherer.
Anmerkungen
1. Vgl. Silnizki, M., Fluch oder Segen? Zur Diskussion über die NATO-Osterweiterung, 26. April 2022,
www.ontopraxiologie.de; des., Dreißig Jahre Nato-Expansion. Zur Vorgeschichte des Ukrainekonflikts, 4. Oktober 2023,
www.ontopraxiologie.de.
2. Vgl. Silnizki, M., George F. Kennan und die US-Russlandpolitik der 1990er-Jahre. Stellungnahme zu
Costigliolas „Kennan’s Warning on Ukraine“, 7. Februar 2023, www.ontopraxiologie.de.
3. Silnizki, M., Außenpolitisches Denken in Russland. Im Strudel von Geopolitik und Identitätsdiskurs. Berlin
2018, 97 f.