Aufbruch in eine neue Zeit?
Übersicht
!. Polypolarität versus Unipolarität
2. China und Europa
3. Chinesisch-russische Beziehungen in Zeiten des Krieges
Anmerkungen
Xi Jinping: „Es finden Veränderungen statt, wie sie seit hundert Jahren nicht mehr stattgefunden haben.
Wenn wir zusammenstehen, treiben wir diese Veränderungen voran.“
Putin: „Ich stimme zu.“ Xi Jinping: „Pass auf dich auf, lieber Freund.“
(Smalltalk auf den Stufen des Großen Kremlpalastes in Moskau am 21. März 2023)
1. Polypolarität versus Unipolarität
Die russisch-chinesischen Beziehungen sind, was den Ukrainekonflikt betrifft, eine Terra incognita. Die beiden Staatschefs, Putin und Xi Jinping, betreiben eine Geheimnistuerei und es dringt nicht viel nach außen. Als außenstehender Beobachter ist man auf die Analyse der öffentlich zugänglichen Informationen angewiesen, wobei man immer darauf bedacht sein muss, dass sehr viel Desinformation, gestreute Gerüchte und nicht zuletzt irreführende Berichte im Umlauf sind.
Am 11. August 2026 behauptete ein ukrainischer Experte für Ost- und Südostasien, Artur Charitonov, im Radio NV: „Die Chinesen sind massiv in Russlands Krieg in der Ukraine involviert. Das reicht von militärisch-industriellen Lieferungen … bis hin zur direkten Beteiligung an bestimmten russischen Einheiten oder an geschlossenen Foren und verschiedenen Gruppen, in denen Informationen ausgetauscht werden. Mit anderen Worten: China ist überall im Umfeld des russischen Krieges präsent.“
Woher er das so genau weiß, hat er nicht verraten. Das mag stimmen, muss es aber nicht! Solche und ähnlich nichtssagende Einwürfe hören wir jeden Tag. Sie suggerieren gesicherte Erkenntnisse, hinter denen sich meistens nichts verbirgt. Nichts Genaues weiß man eben nicht!
Im Gegensatz zum ukrainischen Ost- und Südostasienexperten charakterisiert der chinesische Politikwissenschaftler, Nilson Wong (Präsident des Shanghai Centre for RimPac Strategic and International Studies) China als einen neutralen Vermittler zwischen den Kriegsparteien.
In seinem am 27. Juli 2026 für die außenpolitische Zeitschrift Russia in Global Affairs verfassten Artikel „Wohin wird die Konfrontation zwischen Russland und Europa gehen?“ schreibt er: „In der Praxis verfügt China als potenzieller Vermittler über drei einzigartige Vorteile: 1) Es unterhält normale wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen sowohl zu Russland als auch zur Ukraine; 2) Es hat sich geweigert, einseitige Sanktionen zu verhängen und bewahrt so seine Glaubwürdigkeit als neutraler Akteur; 3) Es ist die einzige Großmacht, die in der Lage ist, alle Parteien – Washington, Brüssel, Moskau und Kiew – auf relativ gleichberechtigter Basis einzubinden.“
Der Vortrag des Chinesen ist ebenfalls nicht unbedingt glaubwürdig. Denn dies gesagt, versucht Wong im gleichen Atemzug dem Einwand des „Westens“, der Chinas Neutralität in Zweifel zieht, entgegenzuwirken. „Die westlichen Medien stellen Chinas Neutralität … entweder als prorussische Beschwichtigungspolitik oder als einen eigennützigen Opportunismus dar“, schreibt er und meint daraufhin:
„Skeptische westliche Beobachter werden berechtigterweise fragen: Profitiert China nicht von einem geschwächten Russland, das in Handels-, Finanz- und diplomatischen Angelegenheiten auf Peking angewiesen ist? Um es klar zu sagen: Ja, China zieht kurzfristige Vorteile aus Russlands Isolation, wie günstigere Energieimporte, erweiterter Marktzugang und ein strategisches Gegengewicht zum US-Einfluss. Dies zu leugnen wäre unaufrichtig. Diese taktischen Gewinne erkaufen sie sich jedoch durch strategische Verluste: ein gespaltenes Europa, ein in die Enge getriebener nuklearer Nachbar und eine globale >regelbasierte Ordnung<, die in bewaffnete Rivalität abgleitet.“
Mit anderen Worten: Die kurzfristigen Gewinne werden mit langfristigen Verlusten erkauft, rechtfertigt sich Wong mit einer ziemlich fragwürdigen Begründung der vermeintlichen chinesischen „Neutralität“.
Soll etwa die Spaltung Europas vom strategischen Nachteil für China sein? Inwiefern wird der „nukleare Nachbarn“ Russland „in die Enge getrieben“?
Und zuallerletzt: Dass die sog. „regelbasierte Ordnung“ in eine „bewaffnete Rivalität“ abgleitet bzw. längst abgeglitten hat, ist nicht die Folge des Ukrainekonflikts, sondern entspricht der Natur der unipolaren Weltordnung1. Zu Ende gedacht, läuft Wongs Argumentation auf die Aufrechterhaltung des geopolitischen Status quo hinaus, was allerdings im direkten Widerspruch zur offiziellen chinesischen außenpolitischen Staatsdoktrin steht.
Diese besteht nämlich nicht in der Aufrechterhaltung des Status quo der vom US-Hegemonen geschaffenen „regelbasierten“ unipolaren Weltordnung, sondern ganz im Gegenteil in deren verklausulierter Zerschlagung.
Von der „Vielfalt der Zivilisationen“ (diversity of civilizations), ja vom „Garten der Weltzivilisationen“ (garden of world civilizations) spricht der chinesische Staatspräsident stets, was nichts anderes als eine klare Kampfansage an jede Art von Hegemonie ist.
„Wir treten für den Respekt vor der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Zivilisationen ein“ (We advocate the respect for the diversity of civilizations), verkündete Xi Jinping beispielsweise am 15. März 2023 in seiner Grundsatzrede „Join Hands on the Path Towards Modernization“ (Gehen Sie gemeinsam den Weg zur Modernisierung) in Peking.
Und an den „Westen“ gewandt, meinte der chinesische Partei- und Staatschef: „Die Welt braucht keinen neuen Kalten Krieg. Im Namen der Demokratie, eine Spaltung und Konfrontation zu schüren, ist schon an sich ein Verstoß gegen den Geist der Demokratie. … Welchen Entwicklungsstand China auch immer erreichen wird, es wird niemals eine Hegemonie oder Expansion anstreben. … Alle von der Menschheit geschaffenen Zivilisationen sind großartig. Aus ihnen schöpft der Modernisierungsdrang jedes Landes seine Stärke und sein Alleinstellungsmerkmal. Sie haben über Zeit und Raum hinweg gemeinsam einen wichtigen Beitrag zum Modernisierungsprozess der Menschheit geleistet. Die chinesische Modernisierung wird als eine neue Form des menschlichen Fortschritts auf den Vorzügen der anderen Zivilisationen aufbauen und den Garten der Weltzivilisationen lebendiger machen.“2
Hinter dieser blumigen Sprache eines orientalischen Herrschers verbirgt sich eine knallharte geopolitische Philosophie einer polyzentrischen Weltordnung, die im krassen Gegensatz zur unipolaren Weltordnung des US-Hegemonen steht, zugleich aber weitgehend mit der russischen Außenpolitik übereinstimmt.
2. China und Europa
In einem am 29. August 2023 erschienenen Leitartikel „Europe’s path to stop decline: Ditch West-centrism, seek strategic autonomy“ (Europas Weg, den Niedergang zu stoppen: Den Westzentrismus hinter sich lassen und strategische Autonomie anstreben) stellt die KP China nahestehende englischsprachige Tageszeitung Global Times die folgende These auf: Je mehr Europa den USA folge, desto schwächer werde es, was dazu führe, dass es Washington noch mehr folge.
Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, fordert die Global Times mehr „strategische Autonomie“ Europas. Dass die Chinesen solche Forderungen an Europa stellen, ist nachvollziehbar, wollen sie doch schon seit Langem ein autonomes und von den USA unabhängiges Europa. Neu ist das nicht. Neu ist etwas ganz anderes.
Europa befinde sich nach chinesischer Lesart in einer geopolitischen Zwickmühle. Es sei einerseits an Handel und ökonomischen Beziehungen mit China interessiert, ist aber andererseits gezwungen, der transatlantischen Blocklogik Tribut zu zollen und die Gefolgschaftstreue gegenüber seinem US-Patron immer wieder unter Beweis zu stellen.
Da die USA selber einen geoökonomischen Erosionsprozess erleiden und geostrategisch auf Konfrontation und Eskalation gegen China setzen, sei es für die EU-Europäer nicht ganz ungefährlich, in einem gemeinsamen Boot mit den USA zu sitzen und nach dem Motto zu handeln: Aus (sicherheitspolitischer) Angst vor dem (geopolitischen) Tod begeht man (geoökonomischen) Selbstmord.
Die Gefahr sei darum groß, zwischen den amerikanisch-chinesischen Mühlsteinen zerrieben zu werden. Und der wesentliche Grund dafür ist ein beinahe schon pathologisches Festhalten der EU-Europäer an der geopolitischen Philosophie der Blockkonfrontation des „Kalten Krieges“.
Die EU-Abhängigkeit von den US-Sicherheits- und Geopolitik ist mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine sogar noch größer geworden. Zum einen hat die ideologische und militärische Blocklogik der Konfrontation die Oberhand über die geoökonomische Vernunft gewonnen, sodass der US-Schutzpatron für die EU-Europäer sicherheitspolitisch noch unentbehrlicher geworden ist, was letztlich die „strategischen Autonomie“ Europas bereits im Keim erstickt.
Zum anderen hat der Ukrainekonflikt die Spaltung zwischen dem „Westen“ und dem Nichtwesten bloßgelegt und den „Westen“, vor allem aber die EU-Europäer, in Selbstzweifel gestürzt, ob sie den Rest der Welt ideologisch und geopolitisch überhaupt noch kontrollieren können. Statt sich aber der neuentstandenen geopolitischen Realität zu stellen und die erodierende westliche Weltdominanz zu ergründen, weigern sich die EU-Europäer diese Entwicklung überhaupt wahrzunehmen
Nun versuchen sie sich infolge einer unfreundlichen US-Europapolitik der Trump-Administration sicherheitspolitisch von den USA zu lösen und im Ukrainekrieg ihre Eigenständigkeit zu beweisen, erleiden dabei aber eine Bauchlandung.
Und der Grund dafür ist nach Wong die Fehleinschätzung der militärischen Lage in der Ukraine. „Die westlichen Darstellungen zeichnen ein Bild von Russland als isoliert, verzweifelt und dem inneren Zusammenbruch nahe. Das entspricht nicht der Realität. Moskau verfolgt in der Ukraine eine Strategie der nachhaltigen Zermürbung, die Druckmittel der Nato sind kontraproduktiv, und die strategische Ablenkung der USA im Nahen Osten hat Europa gefährlich angreifbar gemacht“, diagnostiziert er und fährt fort:
„Die gefährlichste westliche Illusion betrifft die vermeintliche militärische Dynamik der Ukraine. Schlagzeilen verkünden ukrainische Drohnenangriffe tief im russischen Territorium – Angriffe auf Raffinerien, Versorgungslager und sogar zivile Energieinfrastruktur. Diese Angriffe sind spektakulär, für die russische Bevölkerung psychologisch beunruhigend und technologisch beeindruckend. Doch sie sind taktische Schikane, keine strategische Wende. …
Der Westen hat YouTube-Videos von Drohnenangriffen fälschlicherweise als operative Dynamik missinterpretiert. Noch schlimmer ist, dass die ukrainischen Angriffe Moskau eine rechtliche Rechtfertigung für die eigene Eskalation geliefert haben.“
Kurzum: Die Europäer befinden sich in einer selbstgeschaffenen Illusionsblase, aus der sie nicht herauskommen. Sie haben sich verkalkuliert, stellt Wong apodiktisch fest und setzt sich mit der Frage auseinander, „warum Europa eher als Russland zerbrechen wird“.
Was dafür spricht, ist seiner Meinung nach vor allem Europas sog. „strategische Isolation“. „Da die USA ihre Aufmerksamkeit nun zwischen dem Persischen Golf und dem Pazifik aufteilen, sieht sich Europa einer wachsenden strategischen Isolation gegenüber, die seine politischen Führer nur ungern öffentlich eingestehen.“
Das Ergebnis dieser „wachsenden strategischen Isolation“ ist laut Wong „eine gefährliche Diskrepanz zwischen den strategischen Ambitionen“ und ihrer tatsächlichen Verwirklichung. Europa mangelt es an „Energieunabhängigkeit, industrieller Kapazität und einem gemeinsamen politischen Willen, einen mehrjährigen Abnutzungskrieg durchzuhalten“, um Russland zu bezwingen, wohingegen Russland „seinen gesamten Staatsapparat auf Ausdauer ausgerichtet“, was in einem Abnutzungskrieg bedeutsamer sei als die Feuerkraft, zumal Europa die Zeit davonlaufe.
Wongs Analyse kann man im Großen und Ganzen zustimmen. Als Politikwissenschaftler ignoriert er freilich eine militärtechnologische und militärtaktische und -strategische Überlegenheit der russischen Streitkräfte, die es ihr ermöglichen, in diesem Krieg zwischen Europa und Russland auf ukrainischem Boden den Sieg davon zu tragen.
3. Chinesisch-russische Beziehungen in Zeiten des Krieges
Ein halbes Jahr nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine fand im Internationalen Diskussionsklub „Waldai“ eine Diskussion über die russisch-chinesischen Beziehungen statt. In einer Studie zusammengefasst, wurde diese Diskussion unter dem Titel „Die Strategische Partnerschaft zwischen Russland und China unter den Bedingungen der europäischen Krise“ am 6. September 2022 veröffentlicht.3 Die Teilnehmer der Diskussion waren sich darüber einig, dass „der 4. Februar 2022“ das Datum des Endes der bestehenden und der Beginn einer neuen internationalen Weltordnung sei.
An diesem Tag trafen sich zwei Staatsoberhäupter Russlands und Chinas in Peking, indem sie nach einer zweieinhalb Stunden andauernden Unterredung eine gemeinsame Erklärung verabschiedeten, in der für alle Welt ersichtlich „eine solidarische Position“ von den beiden mächtigsten Großmächte Eurasiens formuliert wurde.
Diese Erklärung spiegelte den Inhalt und Maßstab der Beziehungen zwischen China und Russland am Vorabend des Kriegsausbruchs in der Ukraine. Die strategische Partnerschaft zwischen China und Russland verfolge nach Meinung der Studie kein Ziel, die Weltwirtschaft zu kontrollieren und die Weltpolitik zu domestizieren. Die wichtigste Aufgabe dieser Beziehungen sei vielmehr die Sicherung der Souveränität beider Länder und die Gewährleistung einer intakten globalen Entwicklung für alle. Die Partnerschaft sei auch nicht darauf angelegt, Angriffskriege zu führen oder die internationalen Institutionen zu unterminieren.
Ganz im Gegenteil: China und Russland bestehen nachdrücklich auf der zentralen Rolle der UN-Einrichtungen bzw. des UN-Völkerrechts und rufen dazu auf, die gleichen Regeln für alle in der Weltpolitik zu wahren und zu achten.
Ein Tag nach dem Kriegsausbruch hat China sich im UN-Sicherheitsrat bei der Resolution über „die Beendigung der Ukrainekrise“ enthalten. Als der russische Zahlungsverkehr Ende Februar 2022 vom System SWIFT abgetrennt wurde, habe China zu verstehen gegeben, dass diese Sanktionen den russisch-chinesischen Außenhandel nicht beeinträchtigen werden. Im Großen und Ganzen praktizierte China ein solches Verhalten seit dem Beginn der Ukrainekrise 2014.
Die zurückhaltende chinesische Position zur SVO hat der Außenminister Wan I bereits am 26. Februar 2022 in fünf Punkten formuliert:
(1) China tritt für den Respekt und die Verteidigung der Souveränität und der territorialen Unversehrtheit aller Länder sowie für die faktische Befolgung der Ziele und Prinzipien der UN-Statuten auf.
(2) China tritt für eine kollektive Sicherheit auf. Dabei hebt es hervor, dass die Nato-Osterweiterung die legitimen Sicherheitsinteressen Russlands tangiert hat.
(3) China beobachtet die Ukrainekrise sehr aufmerksam und ist der Meinung, dass die gegenwärtige Situation unbefriedigend ist und alle Parteien Zurückhaltung ausüben sollten, damit die Lage in der Ukraine nicht außer Kontrolle gerät.
(4) China unterstützt alle diplomatischen Bemühungen, die zur friedlichen Beilegung der Ukrainekrise beitragen können. China begrüßt eine möglichst schnelle Aufnahme der Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine.
(5) China ist der Auffassung, dass der UN-Sicherheitsrat eine konstruktive Rolle bei der Lösung der ukrainischen Frage spielen soll. Der UN-Sicherheitsrat soll statt einer weiteren Eskalation auf eine diplomatische Regelung hinwirken.
Diese chinesische Grundposition besteht bis heute uneingeschränkt, ohne dabei die strategische Partnerschaft mit Russland zu gefährden. Indem sich der „Westen“ auf eine direkte Konfrontation mit Russland eingelassen haben, hat er zugleich diese tiefgehende strategische Partnerschaft zwischen Russland und China unterschätzt. Die Ereignisse zum Kriegsbeginn haben die westliche Erwartung einer „Zerbrechlichkeit“ der Moskau-Peking-Beziehungen widerlegt.
Vielmehr haben diese Ereignisse die strategische Vision der beiden Seiten nur noch untermauert und die Bereitschaft unterstrichen, sich gegenseitig in der Lösung der schwierigen außenpolitischen Probleme zu unterstützen.
Nach vier langen Kriegsjahren stellt sich nun aber die berechtigte Frage, wie die gegenwärtigen chinesisch-russischen Beziehungen aussehen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und so glaubt man in Europa immer noch, dass die russisch-chinesischen Beziehungen in schweres Fahrwasser geraten. Moskaus Einfluss auf seine Nachbarn schwinde, behauptete unlängst das europäische Online-Magazin EUobserver in seinem am 20. Juli 2026 erschienenen Beitrag „Putin’s war is going badly — and China, Kazakhstan, Azerbaijan, Armenia and Turkey are quietly walking away“. Russlands Einfluss auf seine traditionellen Partner und Nachbarstaaten schwindet infolge des Ukraine-Krieges spürbar, da sich Länder wie China, Kasachstan, Aserbaidschan, Armenien und die Türkei schrittweise von Moskau distanzieren.
Kasachstan habe laut EUobserver kürzlich die meisten Importe von russischem Weizen verboten, und sein größter Handelspartner China hat Moskau zwei schwere Schläge versetzt. Erstens verweigerte Peking die Lieferung von Schiffsantrieben für die Schiffe, die Russland zur Erschließung der Nordostpassage in der Arktis einsetzen wollte. Zweitens stoppte es faktisch das Gaspipeline-Projekt „Power of Siberia 2“, mit dem Russland China jährlich bis zu 50 Milliarden Kubikmeter Gas liefern wollte.
Wie EUobserver anmerkt, waren Pekings Preisforderungen der Hauptgrund. China ist bereit, russisches Gas für etwa 50 US-Dollar pro tausend Kubikmeter zu kaufen – fünfmal weniger als Moskau erwartet hatte. Das Wall Street Journal schreibt, dass der Krieg gegen die Ukraine Russland endgültig zu Chinas Juniorpartner gemacht hat.
All diese westlichen Berichte dienen meistens dazu, einen Keil zwischen Russland und China zu treiben. Der Kreml widersprach jedenfalls dieser Einschätzung. „Die Beziehungen zwischen der Russischen Föderation und der Volksrepublik China basieren auf dem Prinzip der Gleichberechtigung. Die Vorstellung, Moskau sei ein Juniorpartner, ist daher falsch“, sagte Putins Pressesprecher, Dmitri Peskow.
Es ist im Übrigen bekannt, dass die Chinesen harte Verhandlungspartner sind. Fakt ist, dass die Handelsbeziehungen zwischen Russland und China deutlich intensiviert wurden und das Handelsvolumen im Jahr 2025 bei rund 228,1 Milliarden US-Dollar lag. Im ersten Quartal 2026 zog der Handel laut der chinesischen Zollverwaltung an und stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um knapp 15 % auf rund 61,3 Milliarden US-Dollar.
Es wird mit anderen Worten nichts so heiß gegessen, wie gekocht. Nichtsdestotrotz ist es legitim danach zu fragen, wie sehr Russland China braucht. Russland ist heute stark von der chinesischen Wirtschaft abhängig. Klar ist auch, dass eine Konfrontation mit dem „Westen“ und der Abbruch aller Wirtschaftsbeziehungen zur EU zu einer wirtschaftlichen Abhängigkeit von China geführt hat.
Ohne die Unterstützung Chinas sähe die Situation in der russischen Wirtschaft anders aus. Es ist schwer abzuschätzen, wie lange diese Abhängigkeit andauern wird und/oder wie lange sie nach dem Krieg noch bestehen bleibt.
Eine der Schlüsselfragen für Russland ist momentan der Bau der Gaspipeline „Kraft Sibiriens 2“. Russland befindet sich derzeit in einer schwierigen Position und benötigt nun selbst (was vor wenigen Jahren noch undenkbar war) Unterstützung und Zugang zu bestimmten Ressourcen, insbesondere Öl und Gas.
China nutzt diese Situation natürlich aus und versucht, den Preis zu drücken. Es finden harte Verhandlungen statt. Russland erwartet 250 US-Dollar, China bietet 50 US-Dollar. Unvorhersehbarkeit und Risiken haben ihren Preis und China versucht, diesen Preis auf Russland abzuwälzen. Solange die westlichen Sanktionen bestehen, wird Russland größere Konzessionen machen müssen.
Es ist nicht nur eine handelspolitische, sondern auch eine militärische Zusammenarbeit von strategischer Bedeutung für die beiden Länder. Die militärische Zusammenarbeit zwischen Russland und China ist enger als bisher angenommen. Dies berichteten The Insider, Der Spiegel und Le Monde am 9. Juli 2026 in einer gemeinsamen Recherche unter Berufung auf Dokumente zu geheimen Verhandlungen.
China hat Moskau eine Reihe von technologischen Entwicklungen auf den Gebieten der Loitering Munitions, der Luft- und Raketenabwehr sowie der künstlichen Intelligenz (KI) angeboten, damit Russland diese Technologien in der Ukraine unter realen Kampfbedingungen testen und die Testergebnisse mit Peking teilen kann.
Darüber hinaus hat China Russland in ein Programm zur Bekämpfung des Starlink-Satellitensystems von Elon Musk einbezogen – sowohl durch rechtliche und diplomatische Mittel als auch durch die direkte Zerstörung von Satelliten. Die Russen behaupten hingegen, dass sie ihre eigene Technologie zur Bekämpfung des Starlink-Satellitensystems entwickelten und darum auf China gar nicht angewiesen sind.
Aus dem Bericht geht ferner hervor, dass Chinas Gespräche „mit dem führenden russischen Luftverteidigungshersteller Almaz-Antey darauf hindeuten, dass sich die bilaterale Militärpartnerschaft „zu einem strukturierten, vielschichtigen Programm zur Entwicklung von Waffensystemen entwickelt hat, die keines der beiden Länder allein entwickeln könnte.“
Eine der Schlüsselkomponenten des gemeinsamen Programms ist ein integriertes Luft- und Raketenabwehrsystem der nächsten Generation. Das System ist darauf ausgelegt, ballistische Mittelstreckenraketen in Entfernungen von bis zu 4.000 km abzufangen. Darüber hinaus soll es Ziele mit einer Querbeschleunigung abfangen können. Auch Hyperschallraketen sollen in Höhen von bis zu 40 km (bisher 30 km) abgefangen werden können.
Die Anforderung einer Manövrierlast von 25 g zielt speziell auf Ausweichflugprofile ab, die es bestehenden Systemen erschweren, Hyperschallwaffen abzufangen. Die maximale Flughöhe von 40 km erstreckt sich bis in den erdnahen Weltraum, wo Hyperschallgleiter operieren.
Es wurde vorgeschlagen, Daten über russische Drohneneinsätze in der Ukraine regelmäßig an China zu übermitteln. Im Gegenzug sollte China KI-Technologien und Ressourcen für die Massenproduktion zur gemeinsamen Entwicklung der nächsten Generation autonomer Schwarmmunition bereitstellen. Die Lieferung von Komponenten sei bereits vereinbart, so die Untersuchung.
Darüber hinaus muss China Moskau mit Mikrochips und Elektronik beliefern, und Russland muss China mit Rohstoffen und Komponenten beliefern, die für China aufgrund westlicher Sanktionen schwer zugänglich sind.
Im Bereich der Luftfahrttechnologie konzentrierte sich die Diskussion auf gemeinsame Labore, den Austausch von geistigem Eigentum und den gegenseitigen Technologietransfer.
Kurzum, wir sehen eine mit Leben gefüllte strategischer Partnerschaft zwischen China und Russland, die immer enger und intensiver wird und der Nato-Allianz beinahe auf allen Ebenen überlegen ist. Und wenn die EU-europäischen Provinzpolitiker glauben, dass sie der (undenkbare) Krieg zwischen Russland und der Nato ohne eine Beteiligung Chinas in welcher Form auch immer stattfinden wird, dann verkennen sie die Zeichen der Zeit und merken nicht, was für ein eurasisches Bündniskoloss in Entstehen begriffen ist, demgegenüber die Nato-Allianz wie ein Liliput erscheinen mag.
Anmerkungen
1. Näheres dazu Silnizki, M., Die „regelbasierte Ordnung“ und der „Globale Süden“. Zur Frage der
nichtwestlichen Perzeption des Ukrainekonflikts. 13. März 2023, www.ontopraxiologie.de.
2. Zitiert nach Silnizki, M., Zwei geopolitische Philosophien. Folgen des BRICS-Gipfels, 11. September 2023,
www.ontopraxiologie.de.
3. Стратегическое партнёрство России и Китая в условиях европейского кризиса.
Доклад Международного дискуссионного клуба „Валдай“. Сентябрь 2022.