Gefangen zwischen Pragmatismus und Eskapismus
Übersicht
1. Kissingers Realpolitik versus EU-Anti-Realpolitik
2. Stubbs Gesinnungswandel
3. Vom „pragmatischen Realismus“ zum geopolitischen Opportunismus
Anmerkungen
„Life is filled with grays. Desperate times birth excesses“ (Das Leben ist
voller Grautöne. Verzweifelte Zeiten bringen Exzesse hervor).
(Lloyd Green, 2020)1
1. Kissingers Realpolitik versus EU-Anti-Realpolitik
Unter dem Titel „The Inevitability of Tragedy“ (Die Unvermeidbarkeit der Tragödie) veröffentlichte der US-amerikanische Journalist, Barry Gewen, eine vor sechs Jahren erschienene und viel diskutierte Biographie über Henry Kissinger1.
Gewen setzte sich in seinem Werk mit der Denkschule des US-amerikanischen außenpolitischen Realismus auseinander und argumentierte, dass die internationalen Beziehungen in einem gefährlichen Terrain stattfinden und Kissinger als Realpolitiker der festen Überzeugung war, dass die Tragödien in der Weltpolitik unvermeidlich seien und dass die Abwendung des Chaos die oberste Priorität jeder Außenpolitik vor allen moralischen und ideologischen Prinzipien haben müsse.
„Für Kissinger spielt ideologische Selbstdarstellung keine Rolle. Sein Vermächtnis ist Realpolitik“ (For Kissinger, ideological virtue signaling takes a back seat. His legacy is realpolitik), schreibt Lloyd Green in seiner Rezension von Gewens Werk2.
Kissinger war in der Tat ein Realpolitiker, wie er im Buche steht, und lehnte ideologische oder, wie er es nannte, „theologische“ Vorgehensweise in der Außenpolitik kategorisch ab. In den amerikanischen Eliten herrschte – merkte Kissinger einst spöttisch an – eine außenpolitische Stimmung vor, die entweder von der Theologie oder von der Psychiatrie vorgegeben wurde und folgerichtig „geopolitische Erwägungen ganz einfach ausschloss“. „Die Väter der >containment<-Politik – Acheson, Dulles und ihre Kollegen“ – fuhr er fort – „hatten . . . ihr Werk ausschließlich mittels theologischer Kategorien konzipiert.“3
Kissingers Realpolitik ging so weit, dass seine Gegner ihn vor dem Hintergrund der Ausarbeitung und Umsetzung von Nixons brutaler Kriegsführung in Vietnam, des Sturzes und der Ermordung Salvador Allendes in Chile, des Völkermords in Bangladesch und Osttimor sowie des Putsches und der Invasion in Zypern als „Kriegsverbrecher“ gebrandmarkt haben. An Universitäten wurde er sogar mit Charles Manson, dem verurteilten Massenmörder, verglichen.
Wie dem auch sei, was die gegenwärtige EU-Außenpolitik angeht, so hat sie mit Kissingers Realpolitik nichts gemein und konzipiert ihre Russlandpolitik lieber als Anti-Realpolitik mittels der sog. „wertebasierten“ Universalideologie, die in ihrer Militanz und Aggressivität beinahe jede Realpolitik in den Schatten stellt.
Die ideologisch induzierte Russlandpolitik schließt dabei eine brachiale Machtpolitik keineswegs aus, sondern verschleiert sie nur. Die ideologische Rhetorik camoufliert lediglich die geopolitischen und geoökonomischen Intentionen der transatlantischen bzw. EU-Russlandpolitik. Betrachtete man zu Zeiten des „Kalten Krieges“ vor der Nixon/Kissinger-Entspannungspolitik „den Sturz der Sowjets als Hauptaufgabe amerikanischer Außenpolitik“ und „waren umfassende Verhandlungen, ja selbst ein entsprechender diplomatischer Plan, so lange zwecklos (wenn nicht gar unmoralisch), wie eine >Position der Stärke< keinen Wandel ihrer Absichten herbeiführte“4, so verfolgt die EU-Russlandpolitik als Anti-Realpolitik heute das Ziel, Russland „eine strategische Niederlage“ zuzufügen und fällt damit weit hinter die Zeit der Entspannungspolitik der 1970er-Jahre zurück.
Heute wie damals sind „umfassende Verhandlungen, ja selbst ein entsprechender diplomatischer Plan … zwecklos – wenn nicht gar unmoralisch“. Und selbst das Schlagwort Russlandpolitik aus der „Position der Stärke“ ist, wie man sieht, nichts weiter als eine Reminiszenz an die systemideologisch geleitete US-Sowjetpolitik (vor der Nixon/Kissinger-Entspannungspolitik), angepasst auf die gegenwärtige Konfrontation zwischen Russland und Europa.
Will man aber dagegenhalten und mit Verweis auf Reagans „Politik der Stärke“ einwenden, dass diese antisowjetische Politik von Roland Reagan doch wohl erfolgreich war und die Sowjetunion zum Sturz brachte, so reicht es hier aus, ohne sich auf eine eingehende Analyse einlassen zu wollen5, auf Helmut Schmidts Äußerung zu verweisen.
In einem Spiegel-Interview vom 15. Juni 2008 wurde Schmidt danach gefragt, ob der Westen den „Kalten Krieg“ gewonnen habe. „Die Sowjetunion ist implodiert. Nicht als Folge des Kalten Krieges. Manche Amerikaner bilden sich ein, sie hätten die Russen totgerüstet. Das ist eine verständliche, aber abwegige Übertreibung“, antwortete Schmidt.
Die sog. Politik aus der „Position der Stärke“ ist eine ideologisch geleitete Anti-Realpolitik, die zum Scheitern verurteilt ist. Sie ist schon jetzt gescheitert, wie der Kriegsverlauf in der Ukraine zeigt. Der Traum von der „strategischen Niederlage“ Russlands ist ausgeträumt und trotzdem beharrt die EU-Kriegspartei auf Weiter-so. Wen Gott vernichten will, den schlägt er mit Selbstverblendung. Und wer verblendet ist, merkt nicht, wie aussichtslos sein Unternehmen ist.
Genau das geschieht heute mit dem EU-Establishment. Wie zurzeit der Regierungsübernahme durch die Nixon-Administration die Ost-West-Beziehungen „in eine Sackgasse geraten sind“, weil „die traditionelle Eindämmungstheorie eine diplomatische Pattsituation herbeigeführt (hatte)“6, so hat auch die EU-Russlandpolitik als Anti-Realpolitik jedwede diplomatischen Bemühungen entwertet und die europäische Friedens- und Sicherheitsordnung in eine Sackgasse geführt.
Diese Sackgasse erforderte laut Kissinger in den 1970er-Jahren eine neue, auf ganz anderer Grundlage fußende Außenpolitik. An die Stelle einer „totalen Konfrontation (im Sinne der >Theologen<)“ oder „totalen Versöhnung (wie die >Psychiater< forderten)“ sollte nach der Nixon-Doktrin „das nationale Interesse als maßgebliches Kriterium für eine langfristige amerikanische Außenpolitik“7 treten.
Die Nixon-Administration ging von einem realpolitischen und ideologiefreien Leitgedanken aus, dass die Verfassungsordnung der Supermächte als legitim erachtet und deren Existenz getreu dem Motto anerkannt wird: „Nicht der Kommunismus, sondern die internationale Anarchie sei die größte Gefahr.“8
Dieser realpolitische und ideologiefreie Denkansatz fehlt heute komplett der EU-Russlandpolitik. Der EU-Mainstream setzt in seiner Russlandpolitik nach wie vor entweder auf eine „totale Konfrontation“ oder eine bedingungslose Kapitulation und läuft Gefahr, sowohl die Konfrontation zu verlieren als auch die Kapitulation zu verfehlen.
Diese Alles-oder-Nichts-Politik ist gänzlich gescheitert und führt ganz Europa, solange sie einen realpolitischen Ansatz nicht in Erwägung zieht, an den Rand eines Krieges.
2. Stubbs Gesinnungswandel
Nun versucht der finnische Präsident, Alexander Stubb (geb. 1968), einen außenpolitischen Spagat, indem er die „totale Konfrontation“ mittels einer Telefondiplomatie zu ergänzen gedenkt.
Während seines Wahlkampfes im Januar 2024 erklärte Stubb, dass er nicht ans Telefon gehen würde, wenn Wladimir Putin ihn anriefe. Die Begründung: Es könne keine Beziehungen zu Russland auf politischer Ebene geben, solange der Krieg gegen die Ukraine andauere.
Zweieinhalb Jahre später vollzog er einen Gesinnungswandel und rechtfertigte auf einer Pressekonferenz im Anschluss an sein Telefonat mit Putin gemeinsam mit dem norwegischen Premier, Jonas Gahr Støre, am 27. Oktober 2026 das Vorgehen mit den Worten: „Frieden kann nicht durch Schweigen erreicht werden.“ Finnland und Norwegen seien Russlands Nachbarländer und daher verpflichtet, direkt miteinander zu sprechen, um schwerwiegende Missverständnisse zu vermeiden und die Verhandlungen voranzubringen.
Schon vor diesem Telefonat äußerte sich Stubb in einem Interview mit der Bild-Zeitung am 29. August 2026 dahingehend, dass es an der Zeit sei, mit Moskau den politischen Dialog wieder aufzunehmen, um zu verstehen, was dort vor sich gehe. Gefragt nach der Warnung aus dem deutschen Verteidigungsministerium und der Bundeswehr: Putin könne bis 2029 in der Lage sein, das Nato-Territorium anzugreifen, sagte Stubb: „Wenn jemand eine solche Kristallkugel hätte, ist das wunderbar. Aber ich sehe dafür einfach weder Belege noch Fakten.“
Selbstsicher empfahl der Finne, „Moskaus hybriden Angriffen mit kühlem Kopf zu begegnen“, und fügte hinzu: „Glaube nicht, dass Russland jemals das mächtigste Militärbündnis der Welt, die Nato, angreifen will“.
Es ist diese maßlose Selbstüberschätzung der Pseudo-Militärexperten à la Stubb, die die totale Konfrontation zwischen Russland und Europa so gefährlich macht.
Wenn man solch hochtrabende Sprüche hört, wird unsereinem angst und bange, und man kommt nicht darum herum, an die „Unvermeidbarkeit der Tragödie“ zu denken, sollte diese Selbstprahlerei nicht überwunden werden. Solche „Militärexperten“ sind Rollenspieler und keine Machtspieler9 und sind sich dessen gar nicht bewusst, worauf sie sich da einlassen.
Bei der Eröffnungsfeier des akademischen Jahres des College of Europe in Brügge (Belgien) hielt Stubb am 26. Oktober 2026 eine Grundsatzrede „Why I am optimistic about the future of Europe“ (Warum ich optimistisch in die Zukunft Europas blicke). Nimmt man allein den außenpolitischen Teil seiner Grundsatzrede in den Blick, so lässt sich deren Leitgedanke auf einen einfachen Nenner bringen: Alles Gute und Erhabene kommt aus Europa, wohingegen alles Übel von Russland stammt.
Europa repräsentiert das „Zeitalter des Lichts“, während Russland das „Zeitalter der Dunkelheit“ verkörpert. „In gewisser Weise habe ich mein Studium im Zeitalter des Lichts begonnen, und ihr beginnt euer Studium im Zeitalter der Dunkelheit “, wandte sich der Finne an die studentische Jugend. Vor 30 Jahren sah die Zukunft deutlich optimistischer als heute aus. „Heute würden internationale Regeln zunehmend verletzt, die Zahl bewaffneter Konflikte steige, und Handel, Energie und Technologie würden zu Instrumenten politischen Drucks.“
Und der Hauptverantwortliche für diese düstere Entwicklung sei, wie konnte es auch anders sein, Russland.
„Wir spüren die Sicherheitsbedrohung aus dem Osten, namentlich Russland, und den politischen Druck aus dem Westen, namentlich den Vereinigten Staaten“, beklagt sich Stubb.
„Nach dem Kalten Krieg herrschte die Überzeugung, dass die Welt auf multilateralen Institutionen wie den Vereinten Nationen, der WTO, der Weltbank und dem IWF basieren sollte. … Heute ist das Gegenteil der Fall. Regeln werden überall gebrochen. Die UN-Charta wird von Ländern wie Russland täglich missachtet. … In dieser neuen multipolaren Weltordnung werden Regeln nicht mehr respektiert. Wir haben uns von Kooperation zu Konflikt, von geordnetem Wettbewerb zu reinen Transaktionen entwickelt. Es herrscht ein gnadenloser Konkurrenzkampf. Der Großmachtwettbewerb hat die regelbasierte internationale Ordnung mit Füßen getreten.
Es ist schon sonderbar von einem prominenten Repräsentanten der transatlantischen Machteliten zu hören, dass es ausgerechnet Russland sei, das die „UN-Charta … täglich missachtet“ und „die regelbasierte internationale Ordnung mit Füßen“ trete, ohne die vergangenen drei Jahrzehnte der sog. „humanitären Interventionen“ und Invasionen als den eigentlichen Grund für die Zertrümmerung der bestehenden UN-Völkerrechtsordnung zu nennen, vom brutalen Überfall Irans durch die Trump-Administration in diesem Jahr 2026 ganz zu schweigen. Weiß Stubb nichts davon oder traut er sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen?
Es waren die USA mit ihren europäischen Satelliten-Staaten, die mit dem Kosovo-Krieg (1999) eine hegemoniale Interventionspraxis unter Umgehung des UN-Völkerrechts etabliert und die vom Völkerrecht geächteten Angriffskriege wieder salonfähig gemacht haben.
Mit dem Kosovo-Krieg wurde die UN-Nachkriegsordnung endgültig zu Grabe getragen, indem das höchste Prinzip der UN-Charta: die kollektive Friedenssicherung de facto auf die „Friedensschaffung“ durch die vom US-Hegemon dominierte Hegemonialordnung überging.
Und diese 1990er-Jahre waren die glücklichsten Jahre seines Lebens, beteuert Stubb. „Als Angehöriger einer glücklichen Generation“ lebte er nach seinen eigenen Angaben in „einer Ära“, „die von den Kindern des Lichts geprägt war“ und in der er „von 1994 bis 1995 hier in Brügge studierte“.
Das war in der Tat nach Stubbs Diktum das „Zeitalter des Lichts“ – aber nur für den Westen, nicht für den Rest der Welt. Und diese „glorreiche“ Zeit der vom Westen dominierten Weltordnung unter Führung des US-Hegemonen will Stubb revitalisieren und das Rad der Geschichte zurückdrehen.
Die Folgen der Transformation des Systems der kollektiven Friedenssicherung der UN-Charta in das System der US-amerikanischen „Friedensschaffung“ sind bekanntlich zahlreich geführte, militärische Interventionen und US-Invasionen in Afghanistan, Irak, Libyen, Jemen, Somalia, Syrien und nicht zuletzt eine Nato-Expansionspolitik gen Osten, deren Folgen wir heute in der Ukraine seit knapp fünf Jahren beobachten dürfen.
Der liberale Friede der innerwestlichen Welt (nach Stubbs Diktum: das „Zeitalter des Lichts“) wird mit Chaos, Verwüstung, Verelendung und Zerstörung der nichtwestlichen Welt erkauft. Die geschundene Außenwelt lässt freilich die westliche Welt nicht in Ruhe und kommt wie ein Bumerang rachedurstig immer wieder und immer öfter mit Attentaten, Terror, Zerstörung und nunmehr mit dem Ukrainekrieg zum Westen zurück, um dessen „heile Welt“ auch leidend sehen zu können.
Diese Zerstörung der „heilen Welt“ durch die Kräfte der „Finsternis“ hat bekanntlich schon der ehem. EU-Außenbeauftragte, Josep Borrell, beklagt, als er im Oktober 2022 mit der Metapher von Europa als „Garten“ und dem Rest der Welt als „Dschungel“ eine scharfe Kontroverse auslöste. Am 13. Oktober 2022 hielt Borrell eine Rede bei der Eröffnung der Europäisch-Diplomatischen Akademie ebenfalls in Brügge und bezeichnete Europa als einen gebauten Garten, der politische Freiheit, wirtschaftlichen Wohlstand und sozialen Zusammenhalt vereine. Der Großteil der restlichen Welt sei hingegen ein „Dschungel“, der in den Garten eindringen könne, um ihn zu zerstören.
Stubb hat also nichts Neues erfunden, nur eine neue Phraseologie verwendet, die er im Übrigen dem von Reinhold Niebuhr (1892-1971) verfassten und 1944 erschienenen Werk „The Children of Light and the Children of Darkness“ (Die Kinder des Lichts und die Kinder der Finsternis) entlehnt hat. Wie man sieht, das EU-Führungspersonal kommt und geht, die EU-Außen- und Russlandpolitik bleibt aber in den EU-Machtkorridoren unverändert bestehen.
Folgt man Stubb, dann ist im „Zeitalter der Dunkelheit“ der europäische „Garten“ akut gefährdet und dessen größte Bedrohung befindet sich im „Osten“, wogegen man sich wehren muss, sonst wird die EU ihre Zukunft verlieren.
Apropos Zukunft! „Meine Vision für Ihre Zukunft und die Zukunft Europas ist optimistisch. Die Tatsache, dass wir in einem Zeitalter der Dunkelheit leben, bedeutet, dass Sie härter arbeiten müssen als ich, um uns aus der Dunkelheit in ein Zeitalter des Lichts zu führen“, sagte Stubb pathetisch und fügte empört hinzu: „Ich habe die ständige Kritik an der EU satt. Auf jeder Konferenz höre ich die gleiche Leier: Europa sei hinter die USA und China zurückgefallen und dem Untergang geweiht. Dem widerspreche ich entschieden. … Auf der Weltbühne müssen wir verstehen, dass sich die Welt verändert, und entsprechend handeln. Wir sollten einen werteorientierten Realismus und eine würdevolle Außenpolitik fördern.“
Je düsterer die Gegenwart, umso strahlender die Zukunft, macht Stubb sich und der seinen Worten lauschenden ahnungslosen Jugend vor. Je „würdevoller“ die EU-Außenpolitik mit Stubbs „werteorientiertem Realismus“ ist, umso mehr manövriert sich Europa ins geopolitische Abseits. Und je militanter die EU-Russlandpolitik ist, umso mehr gerät ganz Europa an den Rand eines Krieges. Ungeachtet seines Gesinnungswandels bleibt Stubb wie die meisten seiner EU-Amtskollegen der Realpolitik fern.
3. Vom „pragmatischen Realismus“ zum geopolitischen Opportunismus
Was sich hinter dem sog. „werteorientierten Realismus“ verbirgt, hat Stubb bereits vor einem Jahr in einem am 2. Dezember 2025 in Foreign Affairs veröffentlichten Grundsatzpapier mit dem warnenden Titel „The West’s Last Chance“ (Die letzte Chance des Westens) erklärt. Darin entwickelt der Finne eine Theorie von „Finnlands >wertebasiertem Realismus<“ (Finland´s >values-based realism), den er „auf drei Säulen: Werte, Interessen und Macht“ (on three pillars: values, interests, and power) zurückführt.
Diese drei Säulen seien entscheidend, „wenn sich das Gleichgewicht und die Dynamik der Weltordnung verändern“, stellt er apodiktisch fest und fährt fort: Zu Zeiten des „Kalten Krieges“ war die finnische Außenpolitik durch den „pragmatischen Realismus“ geprägt. Darunter will Stubb dasjenige verstehen, was man im Westen während des „Kalten Krieges“ abschätzig „Finnlandisierung“, Finnlands blockfreien Status, nannte.
Auf diesen „pragmatischen Realismus“ sei er heute nicht mehr stolz, betont Stubb und lehnt folgerichtig den blockneutralen Status für die Ukraine kategorisch ab. Denn ein solcher Status raube der Ukraine ihre Souveränität. Eine sehr merkwürdige Aussage!
Zum einen hat die Ukraine schon längst ihre Souveränität an die EU und die Nato-Allianz verloren. Wenn ein Land wie die Ukraine von anderen Ländern alimentiert wird, wenn ihre Streitkräfte eine Proxy-Armee der fremden Mächte sind und wenn deren Kriegskosten und Waffenlieferungen zu 80 % von den ausländischen Mächten übernommen werden, von welcher Souveränität kann da überhaupt die Rede sein?
Wer hunderte und aberhunderte Milliarden „investiert“, erwartet selbstverständlich eine Gegenleistung. Da die Ukraine so gut wie pleite ist, erfolgt diese Gegenleistung in Form einer (bedingungslosen) geopolitischen Gefolgschaft.
Zum anderen ist Finnland mit seinem „pragmatischen Realismus“ während des Ost-West-Konflikts nicht nur ein souveränes Land geblieben, sondern auch ein wohlhabendes geworden.
Nach dem Ende des „Kalten Krieges“ gab Finnland laut Stubb seinen „pragmatischen Realismus“ auf und ging zum „wertebasierten Idealismus“ (values-based idealism) des „globalen Westens“ (global West) über, indem es zunächst 1995 der EU und dann 2023 der Nato beigetreten ist.
„Diese Entscheidung“ – rechtfertigt sich Stubb – entsprach „sowohl Finnlands Werten als auch seinen Interessen“. Mittlerweile spricht der Finne von „Finnlands wertebasierten Realismus“ (Finland´s >values-based realism). Unsereiner würde diesen terminologischen „Salto mortale“ schlicht und einfach Opportunismus nennen: Vom „pragmatischen Realismus“ über den „wertebasierten Idealismus“ zum „wertebasierten Realismus“!
Mit seiner Begriffsakrobatik verschleiert Stubb in Wahrheit seinen geopolitischen Opportunismus, der nicht so sehr mit Werten als vielmehr mit Macht- und Wirtschaftsinteressen zu tun hat. Dass Finnland dabei womöglich auf das falsche Pferd gesetzt und sich verzockt hat, merkt Stubb erst jetzt, als er sich über einen dramatischen geopolitischen Wandel von der „Multilateralität“ zur „Multipolarität“ beklagt.
Erst jetzt merken die Finnen mit ihrem präsidialen „Schöngeist“, ohne sich selbst eingestehen zu wollen, dass sie viel besser mit einem „pragmatischen Realismus“ als mit einem „wertebasierten Realismus“ gefahren wären, wären sie ein blockneutrales Land geblieben. Denn die Folgen der Preisgabe ihres Pragmatismus spürt jeder Finne mittlerweile in seinem Geldbeutel.
Finnlands Haushaltsdefizit hat aufgrund der Spannungen mit Russland die zulässige EU-Grenze überschritten. Die ohnehin schon angespannte Finanzlage wurde durch die Grenzschließung und die Weigerung des Landes, sich auf russische Energie zu verlassen, weiter verschärft.
Finnland erhielt neuerdings ein Warnsignal aus Brüssel. Ende November 2025 forderte die EU- Kommission von Helsinki einen realistischen Plan zur Senkung des Haushaltsdefizits. Bis Ende des laufenden Jahres, so die Kommission, wird das finnische Defizit voraussichtlich 4,5 % des BIP betragen und die Schuldenlast wird im Jahr 2026 90 % des BIP erreichen.
Das bedeutet, dass das nordeuropäische Land mit einem Bruttoinlandsprodukt von 300 Milliarden Euro offiziell zu einem der fiskalischen Sünder der EU geworden ist, was zu Geldstrafen, Kürzungen der Fördermittel und einer strengeren Aufsicht aus Brüssel führen könnte.
Die Probleme haben sich in den letzten Jahren aufgrund hoher Sozialausgaben, eines starken Anstiegs des Verteidigungshaushalts und des wirtschaftlichen Schlags durch den Abbruch der Energie- und Handelsbeziehungen mit Russland nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine nur noch verschärft.
Im Jahr 2021 belief sich der bilaterale Handel zwischen Moskau und Helsinki auf 12,71 Milliarden Euro. In den ersten drei Quartalen des Jahres 2025 ist dieser Wert um fast 93 % zurückgegangen. Die Situation verschärfte sich durch Finnlands Entscheidung, seine Grenze zu Russland Ende 2023 zu schließen. Als Gründe wurden Sicherheitsbedenken und Russlands Instrumentalisierung der Migration als Druckmittel angeführt.
Dieser Schritt führte unmittelbar zum Erliegen des grenzüberschreitenden Handels und Tourismus und traf die östlichen Regionen des Landes besonders hart. Laut der Finnischen Zentralbank exportierten 2019 über 2.000 finnische Unternehmen ihre Produkte nach Russland. Bis Ende 2023 ist diese Zahl auf etwa 100 gesunken.
Steigende Militärausgaben, ein Einbruch des bilateralen Handels mit Russland und der nahezu vollständige Wegfall des russischen Tourismus zwangen die finnische Regierung zu zusätzlichen Krediten, obwohl die Staatsverschuldung bereits rapide angestiegen war.
Die hohen Energiepreise hatten die größten Auswirkungen, da Finnland stark von russischen Energieressourcen abhängig war. Das Land konnte zwar seine Energiebeschaffung relativ schnell von Russland auf andere Lieferanten verlagern; dies geschah aber zu deutlich höheren Preisen. Laut dem finnischen Statistikamt führte der Übergang zu einem Anstieg der Ölimportkosten um 109 Prozent auf rund sechs Milliarden Euro allein im Jahr 2022.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum Stubb auf Distanz zum „wertebasierten Idealismus“ geht, wenn er einen geopolitischen Opportunismus, pardon: „wertebasierten Realismus“ predigt und freimütig eingesteht: „Und selbst im globalen Westen wird das Streben nach Sicherheit und die Verteidigung der Souveränität es gelegentlich unmöglich machen, strikt an liberalen Idealen festzuhalten“ (And even within the global West, the pursuit of security and the defense of sovereignty will occasionally make it impossible to strictly adhere to liberal ideals).
Diese Erkenntnis, dass die Anti-Realpolitik in eine Sackgasse geführt hat, kommt spät, aber vielleicht noch nicht zu spät. Man kann dem EU-Führungspersonal und insbesondere der Brüsseler EU-Zentrale unter Führung der deutschen Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, nur wünschen, dass sie wie Stubb mehr Realitätssinn walten lassen, statt weiterhin unerbittlich stur, kompromisslos und selbstverblendet auf ihre unrealistischen Forderungen zu beharren.
Anmerkungen
1. Barry Gewen, The Inevitability of Tragedy: Henry Kissinger and His World. New York 2020.
2. Lloyd Green, The Inevitability of Tragedy review: a life of Henry Kissinger for our Trumpian times, The Guardian, 31. Mai 2020.
3. Kissinger, H., Die Vernunft der Nationen. Über das Wesen der Außenpolitik. Berlin 1994, 782.
4. Kissinger (wie Anm. 3), 782.
5. Näheres dazu Silnizki, M., Warum ist das Sowjetimperium untergegangen? In: des., Russische Wertlogik. Im
Schatten des westlichen Wertuniversalismus. Berlin 2017, 101 ff.
6. Kissinger (wie Anm. 3), 784.
7. Kissinger (wie Anm. 3), 784, 788.
8. Junker, D., Power and Mission. Was Amerika antreibt. Freiburg 2003, 108.
9. Vgl. Silnizki, M., Rollenspiel im Machtspiel. Zur Rolle der Machteliten im Ukrainekonflikt, 2. November 2024,
www.ontopraxiologie.de.