Verlag OntoPrax Berlin

Im Rausch der Kriegspropaganda

Lawrows missdeutetes Interview

 

Übersicht

1. Lawrow und seine Gegnerinnen
2. Information, Desinformation, Manipulation

Anmerkungen

„Wadephul weist Lawrows Drohung als >absurde Propaganda< zurück.“

(Süddeutsche Zeitung, 18. August 2026)

 

1. Lawrow und seine Gegnerinnen

In einem Interview mit Vesti sprach der russische Außenminister, Sergej Lawrow, am 14. August 2026 u. a. über die Beziehungen zu Tokio, den Druck der EU auf Vučić, die Beteiligung der USA am Verhandlungsprozess und erklärte sich zu einem Dialog mit dem Westen auf prinzipientreuer Basis bereit.

Im Verlauf des Interviews kam es dann zu einer Äußerung, die in Deutschland viel Empörung und Aufregung auslöste. Erst wenn man die in Rede stehende Passage des Interviews genau liest, wird klar, wie deplatziert und theatral die ganze Empörung ist.

Es ging in dem uns interessierenden Teil des Interviews um die russischen Vergeltungsmaßnahmen als Reaktion gegen die Angriffe des Kiewer Regimes auf die russische zivile Infrastruktur und Zivilbevölkerung, die in Deutschland und Europa totgeschwiegen werden:

Frage: „Wie können wir gegen solch skrupellose Gegner gewinnen? Schließlich vertreten wir völlig unterschiedliche Werte. … Unsere Werte sind völlig anders und stehen in krassem Gegensatz zu diesen terroristischen Aktionen.“

Lawrow: „Die Vertreter des Regimes prahlen sogar nach jedem dieser Terroranschläge stolz in den sozialen Medien damit, wie >großartig< sie bei dem Angriff auf einen Strand, ein Wohnheim, in dem Mädchen für den Lehrerberuf ausgebildet wurden, und andere rein zivile Ziele gewesen seien.“

Frage: „Wie können wir solche Gegner bekämpfen? Wir werden uns doch nicht auf ihre Methoden herablassen?“

Lawrow: „Wir werden uns nicht auf dieses Niveau herablassen, aber wir werden unsere eigenen Methoden deutlich härter anwenden, um alles zu zerstören, was Kiews Kriegsmaschinerie aus dem Westen speist. Und wir tun dies bereits. Sie fangen schon an zu stöhnen“ (Мы не опустимся, но свои собственные методы сделаем гораздо более жёсткими для разрушения всего, что подпитывает военную машину Киева со стороны Запада. И мы это уже делаем. Они уже начинают стонать).

In der eben zitierten Passage des Interviews ging es, wie man sieht, allein und ausschließlich um die Ukraine und deren Terrorangriffe gegen die russische Zivilbevölkerung. Und was haben unsere Kriegspartei und ihre Claqueure daraus gemacht? Völlig aus dem Kontext gerissen, wurde Lawrows letztzitierte Antwort: „Wir werden uns nicht auf dieses Niveau herablassen, aber wir werden unsere eigenen Methoden deutlich härter anwenden, um alles zu zerstören, was Kiews Kriegsmaschinerie aus dem Westen speist,“ in den deutschen Medien (Handelsblatt, Welt, Süddeutsche Zeitung, Deutschlandfunk, Ntv usw.) als „unverhohlene Drohungen … gegen westliche Unterstützer“ (Handelsblatt) des Kiewer Regimes missdeutet.

Tatsächlich aber musste Lawrows Antwort, wenn man den ganzen zitierten Text zugrunde legt, ganz anderes verstanden werden: „Wir werden uns nicht auf dieses Niveau herablassen, aber wir werden unsere eigenen Methoden deutlich härter anwenden, um alles (in der Ukraine) zu zerstören, was Kiews Kriegsmaschinerie aus dem Westen speist.“

An diesem konkreten Beispiel sieht man, wie Deutung und Missdeutung nahe beieinander liegen, wie subtil man die ahnungslose Öffentlichkeit manipulieren kann und wie irreführend dann die Reaktion darauf seitens der interessierten Kreise ist.

„Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte am Montag, die Bundesregierung nehme die Drohungen aus Moskau zwar zur Kenntnis. Aber: >Wir lassen uns auch in unserer Unterstützung für die Ukraine nicht einschüchtern<“, zitiert das Handelsblatt.1

An diesem konkreten Beispiel sieht man aber auch, wie die Kriegspropaganda funktioniert: Sie reißt aus dem Kontext eine Äußerung, deutet sie inhaltlich um, erzeugt künstlich die Empörung zwecks Skandalisierung, Denunzierung und Diffamierung des „Feindes“, indem sie ihm etwas unterstellt, was er gar nicht meint, zugleich aber die eigene Aggression und Eskalation verschleiert, um sich sodann in den Augen der eigenen Bevölkerung als „Unschuldsengel“ zu präsentieren.

Bei diesem perfiden Spiel, das dazu dienen soll, Lawrow zu deskreditieren, ihn bloßzustellen und ihm die eigene Provokation und Aggressivität in die Schuhe zu schieben, sind die üblichen Verdächtigen an der vordersten Frontlinie.

Natürlich darf dabei unsere von allen „verehrte“ und „geliebte“ Marie-Agnes Strack-Zimmermann nicht fehlen. „Was mich wirklich irritiert: Das sind längst keine bloßen Drohungen mehr, das sind praktisch Geständnisse für russische Attentate auf deutschem Boden. Und darauf hätte ich mir von der Bundesregierung eine deutlich klarere Ansage an Lawrow gewünscht“2, sagt die „Liberale“ theatral, die jederzeit bereit ist, unsere „Freiheit“ von allen Despoten dieser Welt mit dem eigenen Leben zu verteidigen.

Ins gleiche Horn bläst auch ihre streitbare Kollegin, Kaja Kallas (Hohe Vertreterin der Union für Außen- und Sicherheitspolitik). Der „Welt“ sagte sie am 17. August: „Europa ist mit einer zunehmenden hybriden Bedrohung konfrontiert. Sabotage, Spionage und Cyberangriffe sind in den meisten Fällen auf Moskau zurückzuführen.“

Auf wen sonst? Natürlich auf Lawrow oder gar auf Putin höchstpersönlich! Lawrow hat doch laut Strack-Zimmermann praktisch ein Geständnis abgelegt. Also, wehret den Anfängen! Legt Lawrow Handschellen an, bevor er ganz Europa in Brand steckt! Davon hatten wir ja in diesem Sommer mehr als genug.

Zur Vervollständigung der heldenhaften Frauenmannschaft darf die dritte Person nicht fehlen. Lawrows Drohungen sind nach Meinung von Siemtje Möller (stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion) „vor allem Ausdruck einer zunehmenden Verzweiflung des russischen Regimes angesichts des ausbleibenden Erfolgs an der Front und der vielen Drohnentreffer der Ukraine im russischen Hinterland … Wir sollten uns deshalb von diesen wiederholten martialischen Drohungen weder provozieren noch einschüchtern lassen.“3

Ja, Sie haben sich nicht verhört: „Martialisch“ seien Lawrows „Drohungen“! Und ja, man darf sich nicht einschüchtern lassen! Was wäre die Welt ohne unsere streitbaren Frauen? Das wusste schon Erich Kästner, als er in seinem wunderschönen Gedicht „Fantasie von Übermorgen“ reimte:

„Und als der nächste Krieg begann,
da sagten die Frauen: Nein!
und schlossen Bruder, Sohn und Mann
fest in der Wohnung ein. …
Sie legten jeden übers Knie, der diesen Krieg befahl:
Die Herren der Bank und Industrie,
den Minister und General.
Da brach so mancher Stock entzwei.
Und manches Großmaul schwieg.
In allen Ländern gab´s Geschrei,
und nirgends gab es Krieg. …“

Freilich hat Erich Kästner mit seinen Frauen weder Marie-Agnes Strack-Zimmermann noch Kaja Kallas oder Siemtje Möller gemeint. Denn diese würden keinen „übers Knie“ legen, um den Krieg zu stoppen. Vielmehr würden sie das Kiewer Regime unterstützen, das den Gerüchten zufolge demnächst auch Frauen in die Armee einzuberufen plant. Männer fehlen, wie man weiß, dem ukrainischen Militär schon seit Langem. Am Schluss wird das Regime auch Kinder einberufen und sie würden dann wohl nach ihrem Führer benannt und „Selenskyj Jugend“ heißen.

2. Information, Desinformation, Manipulation

Insbesondere in Kriegszeiten werden wir zwischen den Mühlsteinen medialer, sich als „Wahrheit“ gebärdender Propaganda regelrecht zerrieben. Im Zeitalter der weltumspannenden Massenpropaganda werden die Grenzen zwischen PR-Gag, Berichtserstattung, Informationsmanipulation, Deutungen und Missdeutungen vermischt.

„Nahezu Zweidrittel aller in den Medien verbreiteten Meldungen kommen von außen, sind nicht selbständig recherchiert, sondern stammen aus Pressestellen von privaten und öffentlichen Institutionen und PR-Agenturen und werden einer Zeitungsredaktion von einem so genannten Medienservice >häppchengerecht< als fertige Artikel angeboten. 80 % aller Nachrichten in den Medien stützen sich lediglich auf eine einzige Quelle, und genau diese entpuppt sich bei weiteren Recherchen als eben die Pressestelle, die diese Meldung in Umlauf gebracht hat. Die Symbiose Journalismus/PR gilt für den Konsumgüterbereich ebenso wie für die Politik,“ stellten Jörg Becker und Mira Beham bereits 2006 fest.4

Das institutionelle und traditionelle Machtverhältnis verschiebt sich seit langem immer mehr zu Lasten des Journalismus, begünstigt damit umso mehr die Selektion, Manipulation, Verzerrung oder Unterschlagung von Informationen und erleichtert dadurch jede Art von Informationsverfälschung.

Die Mainstream-Medienrealität bietet den fruchtbarsten Boden für jede Art von Massenpropaganda und Informationskrieg. Sie zeigt deutlich, wie sehr mediale Berichterstattung von vorgefertigten und fabrizierten „Informationen“, Desinformationen und Vorurteilen vor allem und insbesondere bei außenpolitischen Fragen und in internationalen Konflikten und Krisen durchdrungen ist.

Zum einen haben wir das Problem der uninformierten Berichterstatter, die gerade in unserem Falle deutlich zeigen, wie die Mainstream-Medien die zitierte und missinterpretierte Äußerung Lawrows auf gleiche Art und Weise deuteten bzw. missdeuteten.

Das Problem der uninformierten Berichterstattung ist, dass sie – im Glauben nach bestem Wissen und Gewissen informiert zu haben – desinformiert. Denn „in Zeiten von sich zuspitzenden internationalen Konflikten (steigt) der Bedarf an schnellen und umfangreichen Informationen und die Notwendigkeit, schneller und umfangreicher zu informieren als die Konkurrenz, deutlich, sodass kaum Raum bleibt für eine Überprüfung der zugespielten Informationen … Wenn diese dann auch noch aus einer Quelle kommen, die allgemein als glaubwürdig gilt oder als solche eingestuft wird, entfällt die Notwendigkeit zur Hinterfragung meist völlig“ (ebd., 18 ff.).

Das bedeutet aber, dass den Manipulationen und/oder gezielt gestreuten (geheimdienstlichen) „Informationen“ nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch der Berichterstatter und nicht zuletzt der zu politischen Entscheidungen befugten und auf Medien angewiesenen Machtelite Tür und Tor geöffnet sind.

Zum anderen kommt in Kriegs- und Krisensituationen noch hinzu, dass es im Interesse von Militärs, Kriegsparteien oder Kriegs- und Krisenprofiteuren ist, „solche Überprüfungen zu verhindern, die ihnen selbst schaden könnten“ (ebd., 21).

Die politischen, militärischen und geheimdienstlichen Netzwerke beeinflussen darüber hinaus die Informationsflüsse ebenso wie die politische und öffentliche Meinungsbildung in erheblichem Maße. „So sind in den großen PR-Agenturen der USA, insbesondere unter dem Führungspersonal, ehemalige Kongressabgeordnete, Senatoren, Mitarbeiter der US-Administration und der Geheimdienste oder andere ehemalige öffentliche Funktionsträger, aber auch frühere Führungskräfte aus der Wirtschaft überproportional repräsentiert … Umgekehrt rekrutieren sich die politischen Eliten und ihre Berater oft aus dem Umfeld von PR-Agenturen“ (ebd., 21).

Diese ineinander verflochtenen und aufeinander bezogenen inneramerikanischen und innereuropäischen Machtstrukturen und Netzwerke haben sich nach dem Ende des „Kalten Krieges“ globalisiert und verschiedene Organisationsformen, wie etwa Joint Ventures, strategische Allianzen oder Franchise-Systeme, angenommen. „Im Bereich der internationalen Werbe-, PR-, Consulting- und Marketingagenturen dominiert jedoch die Form der (Finanz-)Holding, die über die Einrichtung von Niederlassungen, Gründung von Tochterunternehmen, über Beteiligungen, Übernahmen oder feste Kooperationen ein weltweites Agentur-Netzwerk aufbaut“ (ebd., 22).

Kurzum: Man kann von einem globalisierten, gigantischen medialen Netzwerk sprechen, die von den US-amerikanischen, angelsächsischen und den USA nahstehenden, weltweit vernetzten Macht- und Finanzstrukturen gesteuert und bei Bedarf zwecks Informationskriegsführung und/oder Kriegspropaganda jederzeit aktiviert und immer wieder reaktiviert werden (können).

Und so verbleiben wir stets in den Niederungen medial verzerrter Realität und wühlen nervös im medialen Abfall der uns aufgetragenen und aufgezwungenen Scheinwirklichkeit und dem ist meistens kein Entrinnen mehr.

Anmerkungen

1. Zitiert nach „Kritik an deutscher Zurückhaltung“, Handelsblatt, 18. August 2026, 6 f.
2. Handelsblatt (wie Anm. 1), 7.
3. Handelsblatt (wie Anm. 2).
4. Becker, J./Beham, M., Operation Balkan: Werbung für Krieg und Tod. Baden-Baden 2006, 16.

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