Vom Russenhass zur Russentötung?
Übersicht
1. Martens ist kein Einzelfall
2. Der unerfüllbare Traum vom Sieg über Russland
Anmerkungen
„Etwas Bornierteres als den Zeitgeist gibt es nicht.
Wer nur die Gegenwart kennt, muss verblöden.“
(Hans Magnus Enzensberger)1
1. Martens ist kein Einzelfall
1939 schrieb Bertolt Brecht ein Gedicht „An die Nachgeborenen“, das den Geist jener Zeit widerspiegelte. Er schloss das Gedicht im Jahr des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges mit der Strophe ab: „Ich lebe in finsteren Zeiten“.
Leben wir heute auch „in finsteren Zeiten“? Bei einer am 8. August 2026 stattgefundenen gemeinsamen Pressekonferenz des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić und seines ukrainischen Gastes, Wolodymyr Selenskyj, in Belgrad zeigte sich der Serbe sichtlich irritiert, als der FAZ-Journalist, Michael Martens, Selenskyj fragte, welche Maßnahmen europäische Staaten ergreifen könnten, um „mehr Russen zu töten“. „How can we help you kill more Russians?“
Die veröffentlichten Aufnahmen zeigten, wie sich die Augenbrauen des serbischen Präsidenten nach diesen Worten sofort hoben. Vučićs Gesichtsausdruck verriet unmittelbar sein Unbehagen über das Gehörte. Die Pressekonferenz selbst fand in einer angespannten Atmosphäre statt und die Frage des deutschen Journalisten kam für alle Teilnehmer überraschend.
Obwohl die Frage an Selenskyj gerichtet war, reagierte auch Vučić irritiert darauf. Seine Reaktion war jedoch trotz eines sichtlichen Unbehagens ziemlich unbeholfen. Er stellte lediglich klar, dass bei den Gesprächen nicht über eine militärische Zusammenarbeit zwischen Serbien und der Ukraine gesprochen wurde, und erklärte mit Blick auf Martens‘ Frage: „Ich hoffe, dass das Töten aufhört.“ Das war´s!
Was Selenskyj angeht, so ging er auf Martens Frage gar nicht ein und sagte nur, dass sein Land mehr Hilfe und insbesondere zusätzliche finanzielle Mittel benötige, um seinen Verteidigungskampf fortsetzen zu können, wobei er ziemlich müde, abgespannt und vor allem abwesend wirkte.
Verglichen mit seinem jugendlichen und frischwirkenden Erscheinungsbild vor Beginn seiner Präsidentschaft 2019 vor gut sieben Jahren, ist Selenskyj heute ein kaputter Frack geworden.
Mehr noch: Glaubt man dem russischen Duma-Abgeordneten, Andrej Kolesnik (geb. 1960), so habe Selenskyj sich innerlich bereits mit der Möglichkeit eines Attentats abgefunden. Laut Kolesnik setze „der Chef des Kiewer Regimes lediglich den Willen seiner westlichen Drahtzieher“ um und treffe „keine
unabhängigen Entscheidungen, da das Land faktisch von britischen und amerikanischen Geheimdiensten“ gesteuert werde.
Der „Chef des Kiewer Regimes“, von dem praktisch nichts mehr abhänge, sei längst zu einem Instrument ausländischer Einflussnahme geworden. Kolesnik will uns damit sagen, dass die Ukraine zu einer (modernen) angelsächsischen Kolonie geworden und dass deren Anführer Selenskyj nichts weiter als ein Statthalter für die anglo-amerikanischen Kolonialherren geworden ist. Selenskyj sei nicht mehr Herr seiner selbst und repräsentiert nicht das ukrainische Volk, sondern seine angelsächsischen Kolonialherren.
In Russland löste hingegen die Äußerung des deutschen Journalisten eine erwartbare Empörung aus; die russischen Medien beschimpften ihn als „Nazi“ und behaupteten, dass sein Großvater ein eifriger Anhänger Adolfs war.
Und der russische Ex-Präsident, Dmitrij Medwedew, merkte am 12. August bei einem Treffen mit dem Expertenrat zur Entwicklung des nationalen Programms der Partei „Einiges Russland“ an, dass solche Fragen früher zum „Ausschluss aus dem Berufsstand“ geführt hätten, da die Verwendung bestimmter Formeln ein Tabu gewesen sei. Gleichzeitig betonte Medwedew, dass es Dinge gebe, die man nicht sagen dürfe.
Martens war freilich weder der einzige noch der erste Tabubrecher, der von „Russentötung“ sprach. Kein geringerer als der amtierende Bundesverteidigungsminister, Boris Pistorius (geb. 1960), war derjenige, der zuerst bereits vor einem Jahr mit der Frage nach der Tötung „russischer Soldaten“ konfrontiert war.
Im Vorfeld seiner Reise nach Washington veröffentlichte die Financial Times (FT) am 13. Juli 2025 ein Interview mit Pistorius unter dem Titel „German defence minister calls on arms makers to deliver“, in dem „german defence minister“ u. a. die Frage, ob er im Falle eines Angriffs Moskaus auf einen Nato-Mitgliedsstaat bereit wäre, „russische Soldaten zu töten“, ohne Wenn und Aber bejahte: „He (Pistorius) insisted that troops from Germany … would be willing to kill Russian soldiers in the event of an attack by Moscow on a Nato member state“ (Er (Pistorius) bestand darauf, dass deutsche Truppen … im Falle eines Angriffs Moskaus auf einen Nato-Mitgliedsstaat bereit wären, russische Soldaten zu töten.)
Diese Entgleisung hätte einem deutschen Verteidigungsminister von Format eines Helmut Schmidt (1969-1972) in Zeiten einer „Kultur der militärischen Zurückhaltung“ nicht passieren können. In Russland wurde auf diesen Affront mit Befremden reagiert. Sprechen Deutsche wieder von der „Russentötung“? Ausgerechnet von einem deutschen Verteidigungsminister müssten die Russen sich das anhören.
Nun ja, die Zeiten sind lange vorbei, in denen die deutsche Machtelite der Überzeugung war, dass „von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen darf“. Heute wird es, wie Martens gerade gezeigt hat, immer salonfähiger zu sagen und zu fragen: „How can we help you kill more Russians?“ Das geschieht im Übrigen schon jetzt mit deutschen Waffen, die tonnenweise in die Ukraine geliefert werden.
Pistorius und Martens sind nur ein sichtbares Zeichen dessen, was sich im Verborgenen vollzieht. Sie deuten auf einen neuen, russlandfeindlichen Zeitgeist hin, der in den Korridoren der Macht- und Funktionseliten ungestört und ungehindert weht.
Die Zeiten ändern sich und die Vergangenheit holt uns ein. Martens ging unterdessen nach dem Motto: „Alles sei halb so schlimm“ in die Offensive und verteidigte öffentlich vehement und ohne jedwedes Schuldgefühl seine Wortwahl. Es sei schließlich angesichts eines Krieges legitim, danach zu fragen, wie Europa der Ukraine helfen könne, die russischen Streitkräfte militärisch zu schwächen, womit er seine unstatthafte Äußerung verharmloste.
Martens zeigte sich zugleich überrascht über die heftigen Reaktionen, hielt inhaltlich an seiner Position fest und argumentierte, dass Kriege zwangsläufig militärische Verluste bedeuteten und Russland erst dann zu ernsthaften Verhandlungen gezwungen werden könne, wenn die Kosten des Krieges entsprechend hoch seien.
Mit diesem harmlos klingenden Schlagwort „Kosten des Krieges“ ist wohl noch mehr Tod und Lebensvernichtung gemeint, wofür dieser kriegsbegeisterte Zeitgenosse, der noch mehr tote Russen sehen will, plädiert und damit bewusst dem Russenhass das Wort redet.
Die Bundesregierung unter Kanzler Merz wird ihrerseits unserem blutrünstigen Zeitgenossen jedenfalls voll und ganz gerecht. Mit ihrer tatkräftigen Kriegsfinanzierung und Waffenlieferung gelingt es ihr durch und durch noch „mehr Russen zu töten“.
Martens und seine Gleichgesinnten müssen nur aufpassen, dass sie wie Goethes Zauberlehrling eines Tages die Geister, die sie riefen, nicht mehr loswerden und Deutschland und Europa mit in den Abgrund reißen und unter Schutt und Asche begraben.
2. Der unerfüllbare Traum vom Sieg über Russland
Nichts gefährdet den Frieden in Deutschland und Europa mehr als das Denken in Feindes- und Hassbildern. Wir erleben meistens die Außenwelt in den Bildern und durch die Bilder – Fernsehbilder -, die in unsere Wohnzimmer tagtäglich geliefert werden.
Diese Bilder haben Macht über uns; sie formen, prägen und beeinflussen unsere Geisteshaltung und Weltvorstellungen. Die „Macht der Bilder“2 darf nicht unterschätzt werden. Die auf uns wirkenden, gestellten und bestellten Weltbilder, sind jene „Mächte …, die über den Menschen hereinbrechen, so sehr, dass sie es vermögen, ihn in blutige Kämpfe zu verstricken“.
Oft hat es „den Anschein, als sei gar nicht der Mensch ihrer mächtig, sondern als seien sie die Herren des Menschen, als handle es sich in den weltanschaulichen, religiösen und politischen Auseinandersetzungen nicht so sehr um einen Kampf der Menschen untereinander, als vielmehr um einen Streit der Bilder im Menschen und um den Menschen.“3
Wir können gar von einer „Dämonie der Bilder“ sprechen. Es ist, als stünde der Mensch ständig unter dem Ansturm von Mächten, die sich im Bild“4 tarnen und uns tyrannisieren. Und so sieht es auch mit den Hassbildern aus, die über uns hereinbrechen und uns voll im Griff haben.
Nicht nur viele Deutsche, ebenso viele EU-Europäer, sind auch anfällig für diese „Macht der Bilder“, die den Hass schüren und womit man Kriegspropaganda betreibt. Sie haben immer noch nicht begriffen, wie sehr die EU-Machteliten die Völker Europas auf einen Krieg gegen Russland vorbereiten.
Ende der 1980er-Jahre hat der Westen ideologischen Sieg über den Sowjetkommunismus errungen und nun träumen seine Nachfolger davon, einen militärischen Sieg über das russische Rumpfimperium zu erzielen, um endlich den geopolitischen Traum eines gewissen Sir Halford Mackinders (1861-1947) von der Beherrschung des sog. „Heartland“ zu verwirklichen.
Der Traum wird freilich nie in Erfüllung gehen, weil die Europäer ihren Proxykrieg gegen Russland bereits verloren haben. Dass der Ukrainekrieg für sie verloren geht, wissen sie sehr wohl, auch wenn sie öffentlich genau das Gegenteil beteuern.
Ganz gezielt und bewusst treiben sie daher aus Angst vor den zu erwartenden Folgen der Kriegsniederlage die Militarisierung der deutschen und europäischen Gesellschaften unter dem vordergründigen Vorwand einer „russischen Gefahr“ voran und gaukeln damit der gutgläubigen Bevölkerung eine vermeintliche „Sicherheit“ in Europa vor.
Bereits vor einem Jahr verkündete Pistorius am 13. Juli 2025 in einem oben zitierten FT-Interview: Berlin strebe an, seine jährlichen Verteidigungsausgaben bis 2029 auf 152,8 Milliarden Euro beinahe zu verdreifachen. Und die EU mobilisiert darüber hinaus „800 Milliarden Euro für die Wiederaufrüstung.“5
Und das in Friedenszeiten!? So viel Geld gibt nicht einmal das sich im Krieg befindende Russland aus. Wozu braucht Pistorius so viel Geld? Seine Begründung für die angekündigten astronomischen Ausgaben ist unglaubwürdig. Er wolle Deutschland mehr „Sicherheit“ gewährleisten. Aus einem Bericht von Politico ist allerdings zu entnehmen, dass es der deutschen Bundesregierung mehr als nur um Deutschlands „Sicherheit“ geht. Sie möchte vielmehr massiv in den Ukrainekrieg investieren.
Wie Politico in ihrem Beitrag „How Europe found a workaround to get Trump to help Ukraine“ am 15. Juli 2025 berichtete, stammte die Idee der europäischen Finanzierung der US-Waffen für die Ukraine von der deutschen Bundesregierung, und zwar persönlich vom Bundeskanzler, Friedrich Merz. „Hinter vorgehaltener Hand erklären deutsche Beamte, die Initiative sei eine deutsche Idee“, schrieb Politico und zitierte Merz mit den Worten: „Merz sagte, er habe in den letzten Tagen mehrfach mit Trump Kontakt gehabt und ihm versichert, Deutschland werde bei der Versorgung Kiews mit US-Waffen >eine entscheidende Rolle spielen<“.
„Wir tun dies in unserem eigenen Interesse. Es wird der Ukraine helfen, sich gegen den russischen Bombenterror zu verteidigen. Nur so können wir den Druck auf Moskau erhöhen, endlich über Frieden zu verhandeln. Endlich zeigen wir, dass wir als sicherheitspolitische Partner an einem Strang ziehen,“ zitiert Politico den Bundeskanzler.
Mit anderen Worten geht es Merz und seiner Regierungskoalition nicht so sehr um Deutschlands „Sicherheit“, als vielmehr um eine massive Wiederaufrüstung bzw. Kriegsfinanzierung der Ukraine auf Kredit und/oder mit den Geldern der deutschen Steuerzahler.
Dass Merz vier Jahre nach dem Kriegsausbruch immer noch glaubt, mit noch mehr Kriegsfinanzierung „den Druck auf Moskau (zu) erhöhen“, um „endlich über Frieden zu verhandeln“, macht fassungslos. Merz will nicht wahrhaben, wie aussichtslos seine Träume sind, zu sehr lässt er sich von Emotionen, Affekten und Hassgefühlen leiten.
Er soll sich lieber in Acht nehmen und genau zuhören, was die russische Führung sagt. Zuletzt wurde er und seine europäischen Kriegskameraden von Putin eindringlich davor gewarnt, sich in Acht zu nehmen und keine unbedachten Ankündigungen zu machen, um die Schiffe aus der sog. „russischen Schattenflotte“ zu beschlagnehmen. Moskau werde mögliche Beschlagnahmungen russischer Handelsschiffe durch westliche Länder mit gleicher Münze zurückzahlen.
„Если это на практике начнет реализовываться, мы вынуждены будем отвечать зеркально“ (Wenn dies in der Praxis umgesetzt wird, werden wir gezwungen sein, darauf spiegelbildlich zu reagieren), warnte der russische Staatschef am 12. August 2026 während der Übungen der Pazifikflotte.
Und der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Ex-Präsident Dmitri Medwedew, blies ins gleiche Horn, als er am gleichen Tag erklärte: Die Versuche europäischer Länder, mit Russland in Verbindung stehende Schiffe der sog, „Schattenflotte“ festzuhalten, sei illegal.
Wörtlich schrieb Medwedew in einem Telegram-Beitrag: Die „europäischen Hunde“ hätten dazu kein Recht – weder nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen von 1982 noch nach nationalem Recht. „Das ist eine reine Willkür“.
Mit der „Schattenflotte“ meint der „Westen“ laut Medwedew gewöhnliche Schiffe unter Billigflagge (Panama, Liberia, Zypern), die im Interesse Russlands operieren. Da die meisten westeuropäischen Schiffe ebenfalls unter solchen Flaggen fahren, schlug er ein symmetrisches Vorgehen vor: Angriffe auf jedes Handelsschiff feindlicher Länder, das im Verdacht steht, Fracht für den Feind zu transportieren.
Solche Warnungen werden von den EU-Europäern gewöhnlich arrogant in den Wind geschlagen. Zu selbstsicher sind sie nur deswegen, weil sie Opfer ihrer eigenen Propaganda geworden sind und die militärischen Kräfteverhältnisse an der „Ostfront“ völlig verkennen.
Zuletzt sagte der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, am 4. Juli 2026: „Von Russland geht derzeit die größte, weil unmittelbare Bedrohung aus. … Putin will unser Bündnis spalten und unsere Verteidigungsbereitschaft schwächen“. Sein Ziel sei es, „die USA aus Europa heraus zu drängen, die Nato zu spalten“ und Russlands Einflusssphäre zu vergrößern.
Was hat Breuer denn sonst erwartet? Seit 30 Jahren expandiert die Nato gen Osten ungeachtet eines entschiedenen russischen Widerstands6 und jetzt wirft der ranghöchste Soldat der Bundeswehr Russland Expansionsstreben nach dem Motto vor: „Angriff ist die beste Verteidigung“.
Seit Kriegsbeginn in der Ukraine streben die EU-Europäer selbstredend an, Russland eine „strategische Niederlage“ zuzufügen, d. h. Russland militärisch in die Knie zu zwingen, um dann die Bedingungen des Friedens diktieren zu können.
Bereits am 27. Juni 2022 verkündete die deutsche Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, am Rande des G7-Gipfels auf Schloss Elmau in Bayern hochtrabend: „Ich bin der festen Überzeugung, dass Präsident Putin diesen Krieg nicht mehr gewinnen kann. Putin müsse in der Ukraine eine „strategische Niederlage“ erleiden.
Und dann beklagt sich Breuer darüber, dass „Putin … unser Bündnis spalten (will)“. Was soll er denn sonst tun, wenn er sich von der Nato bedroht fühlt?
Seit Kriegsbeginn in der Ukraine fordern die EU-Repräsentanten aller Couleur selbst aus solchen „Tigerstaaten“ wie Litauen, Estland oder Polen die Zerschlagung Russlands in einzelne Staaten und dann empört sich Breuer darüber, dass Russland „unsere Verteidigungsbereitschaft schwächen (will)“. Erwartet er etwa bei solchen Drohgebärden, dass die Russen sich freiwillig ergeben?
Warum ausgerechnet die deutsche militärische und politische Führung die Fortsetzung des Krieges in der Ukraine vehement unterstutzt, hat uns kein geringerer als der ehem. BND-Chef, Bruno Kahl, am 8. März 2025 in einem Interview gegenüber der Deutschen Welle verraten.
Ein frühes Kriegsende in der Ukraine könne es laut Kahl Russland ermöglichen, seine geopolitischen Interessen verstärkt gegen Europa zu richten. Wenn der Krieg früher zum Stillstand komme, als 2029 oder 2030, sei Russland dann noch früher in der Lage, mit seinen technischen, materiellen und personellen Mitteln eine Drohkulisse gegen Europa aufzubauen.
Soviel Offenheit und Ehrlichkeit hätte man von einem Geheimdienstler nicht unbedingt erwarten können. Man muss sich das nur auf der Zunge zergehen lassen: Der höchste BND-Repräsentant wünscht sich eine Fortsetzung des Krieges für weitere vier bis fünf Jahre.
Dabei geht es Kahl nicht etwa um die Verteidigung und Rettung der Demokratie und Menschenrechte, wie die übliche Kriegsrhetorik der EU-Kriegspartei bei der Unterstützung der Ukraine in ihrem „gerechten Kampf“ gegen die „russische Aggression“ stets suggeriert, sondern um die eigennützigen Sicherheitsinteressen Deutschlands und Europas.
Nein, mit dieser militärischen und politischen Führung der Bundesrepublik ist kein Staat zu machen, es sei denn, Merz nimmt sich seinen Amtsvorgänger, Helmut Schmidt, zum Vorbild.
Bei seiner letzten Rede im Bonner Bundestag hat Schmidt am 10. September 1986 in einer unnachahmlicher Weise seinen Nachfolgern ins Stammbuch geschrieben: „Keine Begeisterung soll größer sein als die nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft.“
Merz sollte sich diese Begeisterung des großen deutschen Staatsmannes zu eigen machen, bevor es für Deutschland und Europa zu spät ist.
Anmerkungen
1. Zitiert nach Heitmann, M., Zeitgeisterjagd. Auf Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens. Jena 2015, 13; Wikipedia, Artikel „Zeitgeist“.
2. Weischedel, W., Abschied vom Bild, in: des., Wirklichkeit und Wirklichkeiten. Berlin 1960, 158-169 (163).
3. Weischedel (wie Anm. 2), 163 f.
4. Weischedel (wie Anm. 2), 164.
5. Stelter, D., Teure Illusion, in: Handelsblatt, 14. Juli 2025, S. 8.
6. Näheres dazu Silnizki, M., Dreißig Jahre Nato-Expansion. Zur Vorgeschichte des Ukrainekonflikts,
4. Oktober 2023, www.ontopraxiologie.de.