Verlag OntoPrax Berlin

Albion versus Russland

Im Spiegel der Geschichte und Gegenwart

 

Übersicht

1. Imperiale Phantomschmerzen
2. Little Britain statt Great Britain

Anmerkungen

„Wenn der Angelsachse etwas haben will, nimmt er sich‘s einfach.“
(Mark Twain)

1. Imperiale Phantomschmerzen

Einer der markantesten britischen Politiker des 19. Jahrhunderts, Viscount Palmerston (1784-1865), der

dreimal Außenminister und zweimal Premierminister war, prägte einen der berühmtesten Sprüche der britischen Geschichte: „We have no eternal allies, and we have no perpetual enemies. Our interests are eternal and perpetual, and those interests it is our duty to follow“ (Wir haben keine ewigen Verbündeten und keine ewigen Feinde. Unsere Interessen sind ewig und beständig, und es ist unsere Pflicht, diesen Interessen zu folgen).

„Palmerston mag Großbritanniens Beziehungen zu anderen Staaten als flüchtig betrachtet haben, vom Beginn des Kalten Krieges bis zum Brexit-Referendum betrachtete Großbritannien allerdings die Erhaltung seiner Bündnisse als eines seiner ewigen Interessen,“ korrigierte der britische Diplomat, Ian Bond (geb. 1962), den „ewigen“ Grundsatz der britischen Außenpolitik.1

Bonds Korrektur ist ebenfalls korrekturbedürftig. Lange vor Palmerston begannen sich die Beziehungen zwischen dem Russischen Reich und dem British Empire zur >ewigen Feindschaft< insbesondere im Orient zu entwickeln.

Vor 225 Jahren fiel Pavel I. (1754-1801) durch Verschwörer. Der Putsch in St. Petersburg wurde laut der russischen Überlieferung von der Aristokratie der Hauptstadt durchgeführt, war jedoch von Gerüchten über eine Einmischung von außen begleitet: London wurde verdächtigt.

Die Geschichte Russlands hätte auch anders verlaufen können: kein Krieg mit Napoleon, sondern ein Bündnis und ein Konflikt mit Großbritannien um die Insel Malta und möglicherweise Kolonien in Indien. Mehr noch: Der Ausschluss des zukünftigen Alexander I. von der Thronfolge und die Machtübertragung durch die weibliche Linie an eine andere Dynastie sowie Verhandlungen über die Vereinigung von Orthodoxie und Katholizismus. All dies wurde durch den Putsch vom 11. (23.) März 1801 vereitelt.

Die Briten waren in der Tat vor allem um den Verlust Ostindiens besorgt. Der österreichische Kulturhistoriker und Geograph, Friedrich von Hellwald (1842-1892), schreibt 1873 über die Rivalität zwischen den beiden Flügelmächten in seinem kenntnisreichen Werk „Die Russen in Centralasien“:

In England „hält man den Verlust von Ostindien, ja eine bloße Gefährdung dieses Besitztums für den allgemeinen Ruin der Monarchie; man wagt an ein einst mögliches Aufgehen dieser Colonie gar nicht zu denken … >Ostindien um jeden Preis< ist die Devise des alternden Albion. … Der Gedanke tauchte stets wieder auf, dass der immerhin noch weiter Raum, der Engländer und Russen in Asien voneinander trennt, mehr und mehr sich verkleinere … Mit dem Überschreiten des Syrdarja … (war) der Weg von dort nach Indien … zwar noch ganz respektabel weit …, aber seitdem sind sie den englischen Gebieten um ein Ansehnliches näher gerückt; kurz, Russland und England bekommen immer mehr >Fühlung< im Orient und deshalb kann man sich in London einer gewissen Besorgnis nicht erwehren …“2

Vierzig Jahre später prophezeite Rudolf Kjellén (1864-1922), der den Begriff Geopolitik prägte, dem „alternden Albion“ schwere Zeiten. „Die Engländer sind ein Herrenvolk, ausgeprägter als irgendein anderes seit den Tagen der alten Römer, und für ihren Willen zur Macht existieren keine anderen Grenzen als die unseres Planeten. … Man klagt (aber) seit langem über gewisse Erschlaffungserscheinungen innerhalb der führenden Klasse: über eine ungesunde Steigerung des Luxus, zunehmenden Arbeitsüberdruss … Schlimmer als dies ist jedoch die bei fast allen Klassen sinkende Nativität“ und „dass seine Bevölkerung spätestens in einem Menschenalter dessen Stadium von Stagnation erreicht haben wird. Sollte sich dies bewahrheiten, dann helfen die übrigen Voraussetzungen wenig, dann hat das Volk selbst den Grund seiner Herrschaft untergraben.“3

Kurzum: Das British Empire hat seine Blütezeit bereits Anfang des 20. Jahrhunderts weit hinter sich gelassen, und zwar nicht zuletzt deswegen, weil es sich mit seiner kolonialen Expansionspolitik überdehnt hat. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts übten die Briten ihre „Hegemonie auf dem Weltmarkt“ aus und träumten „von einer friedlichen Weltentwicklung …, bei der keine äußere Expansion mehr nötig wäre, da ja England doch vollen Ertrag aus der Welt im Allgemeinen und den Kolonien im Besonderen haben würde.“4

Dieser Traum platzte und fand sein jähes Ende mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914) und der bolschewistischen Revolution (1917). Zu diesem Platzen des Traumes hat Russland einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet.

Als „die wirkliche Zentralfigur der planetarischen Aufstellung“ umfasse Russland laut Kjellén „die beiden großen Kulturwelten, Westeuropa und Ostasien“, das „unmittelbar mit ihnen verwachsen (ist), ohne natürliche Grenze und überhaupt ohne den Einfluss von Seewinden“.5

Allein mit seiner gewaltigen Landmasse stellte Russland schon immer eine potenzielle Gefahr für die Existenz der britischen Weltherrschaft dar. In dieser potenziellen Bedrohung wurzelt die unüberwindbare Rivalität zwischen dem Russischen Reich und dem British Empire, die mental, genauer: geokulturell, bis heute nicht überwunden werden konnte.

Und deswegen träumte Palmerston bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts von der Verkleinerung Russlands, als er am 26. Mai 1854 verkündete:

„The best and most effectual security for the future Peace of Europe would be the severance from Russia of some of the frontier territories acquired by her in later Times, Georgia, Circassia. the Crimea, Bessarabia, Poland & Finland“ (Die beste und wirksamste Sicherung des zukünftigen Friedens in Europa wäre die Abtrennung einiger, von Russland in der letzten Zeit erworbenen Grenzgebiete: Georgien, Tscherkessen, die Krim, Bessarabien, Polen und Finnland).

Mit der russischen Oktoberrevolution kam eine weitere – ideologische – Gefahr hinzu, die das gesellschaftliche System Englands, Deutschlands und Europas bedrohte. Großbritannien und andere Entente-Mächte begannen daraufhin mit der bewaffneten Einmischung in Sowjetrussland. Im März 1918 wurden in das Gebiet um Murmansk Truppen entsandt, die im Frühsommer zur unverhüllten Intervention führten, um den im Entstehen begriffenen Sowjetstaat im Keim zu ersticken und das Übergreifen der bolschewistischen Revolution auf ganz Europa zu verhindern.

Ein „bolschewistisches“ Deutschland oder Österreich sei viel schlimmer als eine militärische Autokratie. „Die Autokratie, welche noch gestern die Gefahr war, ist bereits tot oder im Sterben begriffen“, schrieb der südafrikanische General Smuts, der dem britischen Kriegskabinett angehörte, am 24. Oktober 1918 in einem Memorandum, „während heute das grimmige Gespenst der bolschewistischen Anarchie voranschreitet. Nach einem weiteren Jahr Krieg kann diese unterirdische Gärung die bedrohlichsten sozialen und politischen Formen in Europa angenommen haben.“6

Wie sehr die Briten den Zusammenbruch der vorrevolutionären Ordnung Europas befürchteten, zeigt die Äußerung des britischen Premiers, Lloyd George (1916-1922), am 3. März 1919 im Kabinett: „Russland sei fast vollständig zum Bolschewismus übergegangen, … jetzt seien selbst in Deutschland … die Aussichten sehr schlimm … Spanien scheine sich am Rande eines Aufruhrs zu befinden. In kurzer Zeit könnten drei Viertel Europas sich dem Bolschewismus zugewandt haben.“7

Die in Paris stattgefundene Friedenskonferenz, deren Ergebnisse den Ersten Weltkrieg formell beendete, wollte diesem „Gift des Bolschewismus“ (Woodrow Wilson)8 entgegenwirken. Die Haltung der Konferenzteilnehmer zum bolschewistischen Staatsgebilde war allerdings ziemlich gespalten.

Während der französische Premier Georges Clemenceau und der italienische Außenminister Sidney Sonnino für die Fortsetzung der bewaffneten Intervention eintraten, plädierten Lloyd George und Wilson zunächst für eine „politische Lösung“. Ein direktes Eingreifen würde ihrer Meinung nach die Stellung der Bolschewiki nur festigen, womit sie auch recht hatten.

Inzwischen brodelte es in Großbritannien gewaltig, während der Premier sich in Paris aufhielt. Winston Churchill und andere Verfechter einer harten Linie gewannen an Boden. „Für Churchill war die Existenz Sowjetrusslands nicht nur eine Gefahr für die kapitalistische Welt, sondern auch eine unmittelbare Bedrohung der britischen Kolonialherrschaft, besonders in Asien.“9

Churchill „hasste Russland nicht nur, weil es sowjetisch war, sondern auch weil es eine Großmacht war und seinerzeit die Verwirklichung einer Reihe von Plänen des englischen Imperialismus in Europa und Asien verhindert hatte.“10

Damit schließt sich der Kreis. Von Anfang an war die erbitterte Rivalität zwischen dem russischen Kaiserreich und Great Britain zuallererst geopolitischer Natur und es ging dabei, wie gesehen, nicht so sehr um Europa als vielmehr um Asien. Erst mit der „Zeit der Ideologien“ (Karl Dietrich Bracher), dem Zusammenbruch des British Empire und einer zunehmenden Europäisierung der britischen Außenpolitik wurde die Rivalität zwischen den ehem. Flügelmächten ideologisiert und trug seitdem einen doppelten Charakter.

Das erklärt auch heute, warum Großbritannien mit einer solchen Gehässigkeit und Unerbittlichkeit für die Ukraine und gegen Russland kämpft. Offenbar kann das „alternde Albion“ Russland immer noch nicht verzeihen, dass es im Gegensatz zu ihm eine Großmacht geblieben ist. Imperiale Phantomschmerzen wirken offenbar immer noch nach.

2. Little Britain statt Great Britain

„Nachdem die Kriegsallianz mit Russland durch die beiden russischen Revolutionen 1917 ausgehöhlt und durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk endgültig aufgelöst worden war, erfuhren die britisch-russische Beziehungen mit der alliierten Intervention in Russland 1918 eine tiefgreifende Zäsur. Großbritannien haftete fortan das Stigma der Interventionsmacht, dem auf der anderen Seite der revolutionäre Impetus des Sowjetstaates gegenüberstand“, schreibt Gottfried Niedhart.10

In diesem „revolutionären Impetus“ sah Churchill ein „Unglück“, das „über die Welt kam“, ein „schreckliches Ereignis,“11 das mit allen Mitteln zu bekämpfen war. Diese Haltung hat er in einem Memorandum zum Ausdruck gebracht, das er als Kriegsminister im März 1920 an seinen Premier, Lloyd George, sandte: „Seit dem Waffenstillstand wäre meine Politik gewesen: >Frieden mit dem deutschen Volk, Krieg gegen die bolschewistische Tyrannei<! Beabsichtigter- oder unvermeidlicherweise haben Sie einen nahezu umgekehrten Weg eingeschlagen … Jetzt finden wir uns den Resultaten gegenüber. Und die sind schrecklich. Es ist sehr wohl möglich, dass wir uns in absehbarer Nähe eines allgemeinen Zusammenbruchs, ja der Anarchie in ganz Europa und Asien befinden. Russland liegt in Trümmern. Was von ihm übrigbleibt, ist die Macht jener todbringenden Schlangen.“12

Sechsundzwanzig Jahre später sollte Churchill nach dem Zerfall der „unheiligen Allianz“ mit Sowjetrussland in seiner Fulton-Rede vom 5. März 1946 „noch einmal die Grundideen jener Denkschrift aus dem Frühjahr 1920 aufgreifen, die damals ohne Wirkung geblieben war.“13

In dieser Rede trat Churchill nicht nur als Geopolitiker, sondern auch und vor allem als Ideologe des ausgebrochenen „Kalten Krieges“, der die alte Rivalität in einem neuen Gewand fortsetzte. Sechsundsiebzig Jahre später setzt sich diese Rivalität mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine 2022 unvermindert fort.

Wie man sieht, Palmerstons kommen und gehen, Churchills kommen und gehen, die Rivalität in den russisch-britischen Beziehungen bleibt unverändert bestehen. Die Personen sind wechsel- und austauschbar, die Feindschaft der britischen Führungsschicht bleibt aber davon unbenommen.

Als Ende März/Anfang April 2022 ein unterschriebener Friedensvertrag zwischen Russland und der Ukraine zur Beendigung der am 24. Februar 2022 ausgebrochenen Kriegshandlungen vorlag, da reiste der britische Premier, Boris Johnson, am 9. April 2022 unangekündigt nach Kiew, um den ausgehandelten Friedensvertrag mit tatkräftiger Unterstützung der Biden-Administration erfolgreich zu torpedieren.

Wie der Fraktionsvorsitzende der regierenden Partei „Sluha narodu“ („Diener des Volkes“) in der Werchowna Rada, David H. Arakhamia, in einem Interview mit dem Fernsehsender 1+1 am 24. November 2023 berichtete, hat Johnson Selenskyj bei seinem Besuch in Kiew am 9. April 2022 davon überzeugen können, das Friedensabkommen mit Russland aufzugeben und die Militäraktionen fortzusetzen.

Johnson habe laut Arakhamia der Ukraine geraten, nichts zu unterzeichnen und „einfach zu kämpfen“. Ferner sagte Arakhamias, dass „im April 2022 neben dem britischen Premierminister  Boris Johnson auch die Leiter des Außenministeriums und des Pentagons sowie weitere >Berater< in die Hauptstadt der Ukraine geflogen seien, die vom Abschluss dieses Abkommens abgeraten hätten.“14

Offenbar glaubte Johnson oder hat zumindest so getan, als würde er es glauben, dass es ein leichtes Spiel sein würde, mit Russland fertig zu werden. Er hat Selenskyjs Willfährigkeit, Ahnungslosigkeit und Inkompetenz gnadenlos ausgenutzt und die Ukraine ins militärische Abenteuer gestürzt.

Heute will er davon nichts mehr wissen und wäscht seine Hände in Unschuld. Heute beschuldigt er lieber Putin allein für die Fortsetzung des Krieges verantwortlich zu sein. Ein Zeitgenosse übelster Art!

Die Angelsachsen wollten statt eines Friedensvertrags die Fortsetzung des Krieges. Das ist ein historisches Faktum. Sie witterten Morgenluft, um Russland „eine Lektion zu erteilen“, um Putin eine „strategische Niederlage“ zuzufügen, um den ewigen geopolitischen Rivalen ein für alle Mal ökonomisch, militärisch und diplomatisch auszuschalten. Ein Dollar würde bald 200 Rubel wert sein, jubelte Joe Biden kurz nach dem Kriegsausbruch. Johnson, Biden und Co. haben sich maßlos überschätzt. Die Ostslawen zahlen aber dafür bis heute einen hohen Blutzoll.

Spätestens nach Johnsons Besuch nahm dieser an sich regionale Konflikt zwischen den zwei ostslawischen Brüdervölkern eine verhängnisvolle geopolitische Dimension an, der zur indirekten militärischen Konfrontation, ja zum „Proxykrieg“ (Marco Rubio) zwischen Russland und den Nato-Staaten unter Federführung der USA geführt hat.

Die Angelsachen (allen voran die Briten) tragen heute ihren letzten (aussichtslosen) Kampf gegen Russland aus, den sie, was immer deutlicher wird, unmöglich gewinnen, aber mit Pauken und Trompeten verlieren können.

Der Ex-Premier, Boris Johnson (2019-2022), ist genauso, wie sein von ihm so hochverehrten Amtsvorgänger, Winston Churchill, gescheitert. Mit dem einem wird für immer der Untergang des British Empire nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verbunden, an dem anderen wird das Blut von hunderttausenden getöteten Ukrainern kleben, die er in verantwortungslosester Weise in den Krieg geschickt hat, der vermeidbar gewesen wäre, hätte er weniger von der „strategischen Niederlage“ des ewigen Rivalen Russland geträumt und mehr daran gedacht, das Kriegsbeil zu begraben, statt dem immer noch nicht bewältigten Verlust des eigenen Imperiums nachzutrauern und Russland dafür verantwortlich zu machen.

Für diese unbewältigten imperialen Phantomschmerzen der britischen Oberschicht muss die Ukraine heute bluten und „bis zum letzten Ukrainer“ kämpfen, wie Johnson es 2022 gefordert hat. Diese militante Logik hat er bis heute beibehalten. Aber wozu? Damit die Ukraine in das „westliche Paradies“ aufgenommen wird? Damit sie ein Teil der „heiligen Familie“, genannt die „westliche Wertegemeinschaft“, wird?

Der selbsternannte britische „Feldherr“ Johnson verführte den willfährigen und verantwortungslosen Clown und Selbstdarsteller, Selenskyj, zur Fortsetzung des Krieges, indem er u. a. auch die Nato-Mitgliedschaft als Entlohnung für seine blutigen Dienste in Aussicht stellte.

„It’s time to let Ukraine join Nato“ (Es ist Zeit, die Ukraine der Nato beitreten zu lassen), forderte Johnson immer und immer wieder – zuletzt in seinem gleichnamigen Beitrag in Spectator am 21. September 2024. Bei dieser Forderung bleibt er bis heute.

Nachdem er die ganze Hasstirade gegen Putin und Russland ausgeschüttet hat, schreibt er im erwähnten Beitrag:

„Die Botschaft (an Putin) lautet: Das war`s. Es ist vorbei. Sie haben kein Imperium mehr (You don’t have an empire any more). Sie haben kein >nahes Ausland< (near abroad) und keinen >Einflussbereich< (sphere of influence). Sie haben nicht das Recht, den Ukrainern zu sagen, was sie zu tun haben, genauso wenig, wie wir Briten das Recht haben, unseren ehemaligen Kolonien zu sagen, was sie zu tun haben. Es ist an der Zeit, dass Putin versteht, dass Russland eine glückliche und glorreiche Zukunft haben kann, dass es sich aber wie Rom und Großbritannien in die Riege der postimperialen Mächte einreihen muss, und das ist auch gut so.“

Der „große“ Boris! Weil „wir“ kein Imperium sind, darf auch Putin kein Imperium haben, denken Johnson und seine Kriegskameraden. Putin muss wohl auf die Empfindsamkeiten der Briten Rücksicht nehmen. Oder nicht? Bis heute kann sich Boris jedoch nicht damit abfinden, dass Russland ein Imperium und eine imperiale Macht geblieben ist und Putin sich „anmaßt“, sich wie ein Imperator zu benehmen. Ein Imperium stünde eher Great Britain und dessen Häuptling Boris zu, dem nachgesagt wird: Er sei „einst angetreten, es seinem großen Vorbild Winston Churchill gleichzutun und britischen Heldenstatus zu erringen.“15

Johnson will nur nicht wahrhaben, dass es gerade Churchill war, der das British Empire verspielte und aus Great Britain Little Britain machte. Der britische Historiker John Charmley räumte 2005 mit dem Mythos auf, Churchill wäre der „letzte Bewahrer des Empire“ gewesen und schilderte „detailliert die Zeit des endgültigen Niedergangs Britanniens bis 1957“. Er zeigte, „wie unsentimental sich die Amerikaner auch im Krieg alles bezahlen ließen, wie sie Englands Empire Stück für Stück >in Zahlung<“ nahmen. Und Churchill merkte nicht einmal, wie das British Empire immer schwächer und abhängiger von den USA wurde.16

Nein, Boris Johnson ist und war nie ein Staatsmann, sondern ein politischer Hasardeur, der eine verantwortungslose Kriegspolitik betrieben und die Ukraine dazu ermuntert hat, den Krieg weiterzuführen, um die nie enden wollenden imperialen Phantomschmerzen der britischen Upperclass zu lindern.

Boris Johnson und seinen Nachfolgern wird es nie mehr gelingen, aus Little Britain Great Britain zu machen. Die glorreichen Zeiten des British Empire sind unwiderruflich vorbei. Albion wird das bleiben, was es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges geworden ist: ein Rädchen in einem geopolitischen Machtkarussell der Großmächte. Es muss nur aufpassen nicht unter die Räder zu kommen, um nicht selber genauso, wie die Ukraine, zerrieben zu werden.

Anmerkungen

1. Ian Bond, UK foreign and security policy after Brexit. Centre for European Reform, 27. Januar 2020.
2. Hellwald, F. von., Die Russen in Centralasien. Eine Studie über die neueste Geographie und Geschichte
Centralasiens. Augsburg 1873, 162 ff.
3. Kjellén, R., Die Großmächte der Gegenwart. Berlin 51915, 96 ff.
4. Kjellén (wie Anm. 3), 109.
5. Kjellén (wie Anm. 3), 160.
6. Zitiert nach Bünger, S./Kaeselitz, H., Geschichte Großbritanniens von 1918 bis zur Gegenwart. Berlin 1989,
16 f.
7. Zitiert nach Bünger/Kaeselitz (wie Anm. 6), 17.
8. Vgl. Bünger/Kaeselitz (wie Anm. 6), 19.
9. Bünger/Kaeselitz (wie Anm. 6), 21.
10. Niedhart, G., Großbritannien und die Sowjetunion 1934-1939. Studien zur britischen Politik der
Friedenssicherung zwischen den beiden Weltkriegen. München 1972, 291.
11. Churchill, W. S., Nach dem Kriege. Zürich-Leipzig-Wien 1930, 68, 429; zitiert nach Niedhart (wie Anm. 10),
291 FN 36.
12. Rexin, M., Die unheilige Allianz. Stalins Briefwechsel mit Churchill 1941-1945. Rowohlt 1964, 8.
13. Rexin (wie Anm. 12), 9.
14. Vgl. Silnizki, M., Im strategischen Niemandsland. Zwischen unerwünschtem Frieden und erfolglosem
Krieg. 9. Dezember 2023, www.ontopraxiologie.de.
15. Jörg Schindlel, Jetzt ist vorbei – Ist es nicht? In: Der Spiegel 28/2022 (8.07.2022).
16. Charmley, J., Der Untergang des Britischen Empires. Roosevelt – Churchill und Amerikas Weg zur
Weltmacht 2005.

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