Russland und die europäische Sicherheit
Übersicht
1. Der Unbelehrbare
2. Posthegemoniales Machtgleichgewicht
3. Russlands Aufstieg zur ordnungspolitischen Gestaltungsmacht
Anmerkungen
„Es ist ein fast unglaublicher Vorgang in der Geschichte, dass ein Land (wie Russland) in einem Zustand
wirtschaftlicher Schwäche und technischer Rückständigkeit in wenigen Jahren das Beispiel eines reichen …,
technisch und industriell … überlegenen, dazu vom Kriege verschonten und ungleich mächtigeren Landes in
einem zentralen Entwicklungsbereich wie dem einer … modernen Rüstungstechnologie wiederholt.“
(Lothar Ruehl, 1981)
1. Der Unbelehrbare
Ein Tag vor dem Beginn des Nato-Gipfels in Ankara veröffentlichte Wolfgang Ischinger (Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz) am 6. Juli 2026 einen Artikel in Foreign Affairs mit einem vorwurfsvollen Titel „The Transatlantic Alliance Can’t Survive Without Trust. Washington Dismisses NATO’s Value at Its Own Peril“ (Die transatlantische Allianz kann ohne Vertrauen nicht überleben. Washington ignoriert den Wert der NATO auf eigenes Risiko).
Als strammer Transatlantiker, der im gleichen Jahr wie der amtierende US-Präsident geboren wurde und sogar zwei Monate älter als dieser ist, wagt Ischinger es, „Seine Majestät“, Donald I., zu belehren. Sehr mutig! Die beiden Zeitgenossen können in ihren Geisteshaltungen und Weltanschauungen nicht unterschiedlicher sein.
Der eine geht mit der Zeit, der andere geht mit der Zeit. Der eine möchte vor dem Hintergrund der dramatischen geopolitischen und geoökonomischen Umwälzungen radikal alles verändern, koste es, was es wolle, und will retten, was noch zu retten ist2. Dazu hat er Macht, die er auch exzessiv nützt. Allein die Kosten dieser entgrenzten Machtausübung stürzten die Welt, wie der halsbrecherische Irankrieg zeigt, in Turbulenzen, die ihr nicht bekommen.
Der andere tritt auf die Bremse, ist ein Mann des Status quo, will die „glorreichen“, weil weltbeherrschenden Errungenschaften der transatlantischen Welt um jeden Preis zementieren und merkt nicht, dass der geopolitische Zug längst abgefahren ist und nicht mehr zurückkommt. „Ein Mann von gestern“ nannte ich einst Herrn Ischinger3.
Zwei unterschiedliche Gestalter der Zeitgeschichte – der US-Amerikaner und der Deutsche – verkörpern zwei widerstreitenden politischen Richtungen innerhalb der transatlantischen Welt und repräsentieren zwei Zukunftsvisionen, die zwar gegensätzlicher nicht sein können, nichtsdestotrotz aber beide realitätsfern sind.
Der achtzig Jahre alte US-Amerikaner hat einen postmodernen Imperialismus entdeckt4 und glaubt Amerika mit brachialer Gewalt des reanimierten Neokolonialismus zur alten Größe zu verhelfen. Er ignoriert freilich nur eine triviale Erkenntnis, dass die Welt des 21. Jahrhunderts nicht die des 19. Jahrhunderts ist und sich nicht mehr kolonialisieren lässt, zumal die USA, wie der Irankrieg und die vorangegangenen Kriege der vergangenen zwei Jahrzehnte gezeigt haben, kein entsprechendes militärisches Machtpotenzial mehr besitzen.
Und der achtzig Jahre alte Deutsche, der kein Militärexperte ist, träumt von der Wiedererstarkung der Nato, die bereits die besten Zeiten hinter sich hat, ziellos dahinvegetiert und vom Zerfall bedroht ist.
„Die Trump-Administration hat Europas Sicherheitsgefühl erschüttert. Sie hat die US-Interessen in der Ukraine verharmlost und kleingeredet (downplayed), die europäischen Länder von Gesprächen zur Beendigung des Krieges dort und von amerikanischen Beratungen über einen Krieg gegen den Iran ausgeschlossen“, empört sich Ischinger und beklagt sich darüber, dass Europa von Trump im Kampf gegen „die russische Aggression“ im Stich gelassen wird.
Was Ischinger hier so empört und beklagt, ist nicht die Verharmlosung und Kleinreden der „US-Interessen in der Ukraine“, sondern die Geo- und Sicherheitspolitik der Trump-Administration, in deren Mittelpunkt eben nicht mehr Europa und schon gar nicht die Ukraine steht. Er will nicht akzeptieren, dass Trump ganz andere außenpolitische Prioritäten setzt, die mit europäischen Sicherheitsvorstellungen nicht übereinstimmen.
Die Behauptung, dass „Washington den Wert der Nato auf eigenes Risiko ignoriert“ (Washington Dismisses NATO’s Value at Its Own Peril), ist weithergeholt und zeigt nur, wie sehr er aus der Zeit gefallen und in der Welt des „Kalten Krieges“ stehengeblieben ist. Deswegen bezeichnete Ischinger bereits in seinem Interview mit dem Tagesspiegel am 8. Februar 2026 den Ausgang des Ukrainekrieges als „Schicksalsfrage schlechthin“ für Deutschland und Europa.
Wie sehr er aus der Zeit gefallen ist, zeigt sein deplatzierter Vergleich zwischen dem Ukrainekrieg und den Balkankriegen der 1990er-Jahre.
Während der Balkankriege der 1990er-Jahre koordinierten die USA ihre diplomatischen Bemühungen über die Kontaktgruppe, die Frankreich, Deutschland, Italien, Russland und Großbritannien zu regelmäßigen Treffen zusammenbrachte. Ein ähnlicher Mechanismus könnte wichtige europäische Verbündete in die heutigen, von den USA geführten Gespräche einbinden. Die Europäer werden schließlich unverzichtbar sein, um einen Waffenstillstand zu sichern, Russland einzudämmen und langfristige Stabilität nach dem Kriegsende zu gewährleisten.“
Ischinger vergleicht hier das Unvergleichbare: Den zwei unterschiedlichen sicherheitspolitischen Machtrealitäten der jüngsten Zeitgeschichte, die ursächlich miteinander nichts gemein haben, empfiehlt er die gleiche Behandlung mit einem „ähnlichen Mechanismus“.
Seine Vorstellungen über die Regelung des Ukrainekonflikts deuten darauf hin, dass Ischinger und seine zahlreichen Protagonisten immer noch nicht verstanden haben, worum es in diesem Konflikt geht. Die 1990er-Jahre haben eine ganz andere geo- und sicherheitspolitische Realität als die der 2020er-Jahre.
Die 1990er-Jahre waren Zeiten des westlichen Triumphalismus über den „besiegten“ systemideologischen Feind des „Kalten Krieges“, der klang- und geräuschlos untergegangen ist. Russland lag politisch, ökonomisch und sozial am Boden nach dem Untergang des Sowjetreiches und die USA stiegen zu der unangefochtenen Ordnungsmacht in Europa auf.5 Russland und der Westen waren keine ideologischen Gegner mehr, sondern (potentiellen) Partner.
„Russlands wichtigstes geostrategisches Interesse besteht in der Aufrechterhaltung und Entwicklung guter Beziehungen, wenn nicht sogar eines strategischen Bündnisses, mit den führenden westlichen Ländern und ihren Koalitionen“, steht in einem 1995 veröffentlichten Thesenpapier der russischen außen- und sicherheitspolitischen Experten.6
Wir befinden uns in den Flitterwochen der 1990er-Jahre, in denen oberflächlich noch die „glücklichen“, „ungetrübten“ und „unbeschwerten“ Beziehungen zwischen Russland und dem Westen vorherrschten und die russische Gesellschaft von einem westlichen Wohlstand und einer vielversprechenden Zukunft zusammen mit dem Westen träumen durfte.
Aus heutiger Sicht rufen solche Träume und Illusion nur Erstaunen und Unglauben hervor. Wie naiv, unbefangen, unaufgeklärt und vor allem leichtgläubig waren doch die westlich gesinnten Funktionseliten im Russland der 1990er-Jahre.
Es war darum nur folgerichtig, dass die USA als die Ordnungsmacht in Europa „ihre diplomatischen Bemühungen über die Kontaktgruppe (koordinierten), die Frankreich, Deutschland, Italien, Russland und Großbritannien zu regelmäßigen Treffen zusammenbrachte“.
Davon kann heute gar keine Rede mehr sein. Dreißig Jahre danach sind die Beziehungen zwischen Russland und Europa vergiftet, zerrüttet und befinden sich auf einem Konfrontationskurs, der schlimmer als zu Zeiten des „Kalten Krieges“ ist. Heute sind Russland und die EU keine Partner mehr, sondern erbitterte Kriegsgegner im Ukrainekonflikt.
Und wenn Ischinger vom „ähnlichen Mechanismus“ spricht, der „wichtige europäische Verbündete in die heutigen, von den USA geführten Gespräche einbinden (könnte)“, dann lebt er immer noch in den 1990er-Jahren und verkennt vollkommen die neuentstandene machtpolitische Realität. Die USA haben ihren Status als Ordnungsmacht in Europa spätestens seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine am 24. Februar 2022 weitgehend verloren.
Sie führen keine Gespräche an, in denen sie Russland und der anderen Kriegspartei ihren Willen wie zurzeit des Dayton-Friedensabkommens von 1995 diktieren können. Ganz im Gegenteil: Russland ist heute selber zu einer unverzichtbaren Ordnungsmacht in Europa aufgestiegen, ohne die eine friedliche Regelung des Ukrainekonflikts genauso wenig, wie der Aufbau einer neuen Sicherheitsarchitektur in Europa, denkbar ist.
2. Posthegemoniales Machtgleichgewicht
Ischingers Annahme, dass die Europäer „unverzichtbar“ seien, „um einen Waffenstillstand zu sichern, Russland einzudämmen und langfristige Stabilität nach Kriegsende zu gewährleisten“, ignoriert nicht nur die Rückkehr Russlands als Großmacht auf die Weltbühne, sondern verkennt auch die Natur des Ukrainekonflikts.
Geschweige davon, dass das verzwergte Europa gar nicht in der Lage ist, „einen Waffenstillstand zu sichern“ oder „Russland einzudämmen“, geht es der russischen Führung bei Friedensverhandlungen nicht um einen wie auch immer gearteten „Waffenstillstand“, sondern um eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsordnung, die auch Russlands Sicherheitsinteressen beachtet.
Viereinhalb Jahre tobt der Krieg in der Ukraine und Ischinger hat immer noch nicht begriffen, worum es in diesem Krieg eigentlich geht. Zuletzt hat Sergej Lawrow das am 11. Februar 2026 zum wiederholten Mal in einem Interview für die Online-Plattform „Empathie Manuchi“ in Moskau erklärt: „Der Sowjetunion wurden Garantien gegeben, dass die Nato sich nicht nach Osten ausdehnen würde. Sie wurden auch schriftlich auf dem Gipfeltreffen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) 1999 in Istanbul und erneut auf dem Gipfeltreffen in Astana 2010 gegeben. Diese Versprechen stellten klar, dass Sicherheit unteilbar ist und jedes Land das Recht hat, seine eigenen Sicherheitsformen zu wählen. Gleichzeitig durften aber keine Maßnahmen ergriffen werden, die die eigene Sicherheit auf Kosten anderer stärken würden. Dies bezog sich auf die OSZE-Staaten. Man ging sogar noch weiter: Kein Land, keine Staatengruppe und keine Organisation im euro-atlantischen Raum habe das Recht, Dominanz zu beanspruchen.“
Nach dem Motto: „Versprochen, gebrochen“ wollen Ischinger und Co. davon nichts mehr wissen. Arrogant weisen sie alle „Belehrungen“ und „Vorhaltungen“ der Russen von sich und dann wundern sie sich darüber, dass diese sich das so nicht gefallen lassen und dagegen in der Ukraine militärisch vorgehen.
Die Kolonisierung der Ukraine durch die transatlantischen Eliten läuft im Übrigen bereits seit 1994 – seit über 30 Jahren! Weiß Ischinger nichts davon? Mag sein! Zeitgeschichtliche Kenntnisse sind nicht das, womit die westliche Diplomatie und Sicherheitspolitik heutzutage brillieren kann.
Heute lässt sich das spannungsgeladene und feindselige Verhältnis zwischen Russland und Europa nach wie vor auf einen einzigen, von Dmitrij Trenin prägnant formulierten Nenner bringen: „Der Westen ist zu keinem Kompromiss, Russland ist zu keiner Kapitulation bereit (Запад не пойдет на компромисс, Россия – на капитуляцию).“7
Auf Dauer lässt sich ein solches Spannungsverhältnis, das letztlich auch zum Ukrainekrieg geführt hat, nicht aufrechterhalten. Es wird entweder in einem Kompromiss oder in einer Kapitulation enden. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass der Krieg in einem Kompromiss enden und Russlands Aufstieg zu einer Ordnungsmacht in Europa unausweichlich machen wird.
Die erneute Rückkehr Russlands als Großmacht auf der europäischen und weltpolitischen Bühne ist nach dem Absturz in geopolitische Bedeutungslosigkeit in den 1990er-Jahren und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert an und für sich ein erstaunliches Phänomen. In den 1990er-Jahren hätte man keinen Pfifferling auf Russlands Wiedergeburt als Großmacht gegeben.
Noch im Jahr 1999 prophezeite ein angesehener US-amerikanischer Russlandexperte, Thomas Graham Jr., eine Welt, in der Russland geopolitisch keine bedeutende Rolle mehr spielt. „World without Russia?“ Unter diesem Titel hat er seine umfangreiche Studie am 9. Juni 1999 in Carnegie Endowment for International Peace veröffentlicht.
Der Tenor der Studie war vor dem Hintergrund der desaströsen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lage Russlands gegen Ende des 20. Jahrhunderts nicht gerade schmeichelhaft. Es sei nur recht und billig, über eine Welt ohne Russland nachzudenken (It is only prudent that we begin to contemplate a world without Russia), schreibt Graham und fügt hinzu: Die herrschende Meinung besage, dass Russland „eine Großmacht“ (a Great Power) sei. Die Frage ist allerdings, ob „diese Macht“ von einem „antiwestlichen autoritären oder einem prowestlichen demokratischen Regime“ (an anti-Western, authoritarian regime or a pro-Western, democratic one) ausgeübt werde.
Russland befinde sich bereits seit einem Vierteljahrhundert – seit der Breschnew-Ära – in einem „säkularen Niedergang“ (secular decline). Es sei längst keine Großmacht mehr, will Graham uns damit sagen. Sein Totengesang auf Russland als Großmacht erweist sich ein Vierteljahrhundert später als verfrüht. Totgesagte leben länger! So auch im Falle Russland!
Die seit dem Ende des „Kalten Krieges“ entstandene hegemoniale Dysbalance als Ordnungsprinzip der europäischen Friedens- und Sicherheitsordnung8 ist mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine zu Ende gegangen. Die USA haben nunmehr ihre Rolle als Ordnungsmacht in Europa, die sie insbesondere in den 1990er-Jahren und zum Teil auch noch in den ersten zwanzig Jahren des 21. Jahrhunderts waren, weitgehend verloren.
Russland steigt demgegenüber zu einem mächtigen Machtfaktor in Europa auf, was man nicht mehr ignorieren kann. In Europa entsteht ein posthegemoniales Machtgleichgewicht der Großmächte, die seit Jahrhunderten traditionell die europäische Friedens- und Sicherheitsordnung prägten. Auch wenn es sich noch in statu nascendi befindet, ist die anbahnende Entwicklung unumkehrbar.
Der Sinn und Zweck des europäischen Gleichgewichtssystems waren indes nicht Kriege zu verhindern. Es war vielmehr ein System von Macht und Gegenmacht, wodurch die Großmächte sich wechselseitig beschränkten, um die Hegemonie einer Großmacht zu verhindern9. Das europäische Gleichgewicht war allerdings immer schon eine prekäre Veranstaltung und nicht von ungefähr sprach Johann Heinrich Gottlob von Justi bereits 1759 von der „Chimäre des Gleichgewichts“.
Das Versailler System war nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr in der Lage, selbst diese „Chimäre“ wiederherzustellen und mit der Entstehung der bipolaren Weltordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnte vom europäischen Gleichgewichtssystem erst recht keine Rede mehr sein. Der Zusammenbruch des Sowjetimperiums hat nicht nur die bipolare Weltordnung des „Kalten Krieges“ überwunden, sondern auch kein Gleichgewichtsystem mehr herstellen können.
An Stelle der Bipolarität trat eine unipolare Weltordnung unter Führung des US-Hegemonen und an Stelle des „Gleichgewichts des Schreckens“ das Machtungleichgewicht als Ordnungsprinzip in Zeiten der Unipolarität.
Mit dem Ende der unipolaren Weltordnung geht nun auch das Machtungleichgewicht als Ordnungsprinzip der europäischen Friedens- und Sicherheitsordnung zu Ende, begleitet vom unaufhaltsamen Aufstieg des militärisch wiedererstarkten Russlands und des ökonomischen Giganten China.
Die Diagnose von Hannes Adomeit (1942-2022) aus dem Jahr 2006, dass nämlich „Moskaus Ambitionen … größer als sein politisches Gewicht (sind)“10, können wir zwanzig Jahre später nicht mehr gelten lassen.
Russlands Wiedererstarkung als militärische Supermacht zeigt sich im Krieg in der Ukraine und ist nicht mehr zu leugnen. Denn der seit viereinhalb Jahren tobende Krieg in Europa ist längst kein Krieg zwischen Russland und der Ukraine mehr, sondern ein Krieg zwischen Russland und der Nato-Allianz auf ukrainischem Boden.
Und gegen diese russische Kriegsmaschinerie konnte die Nato als angeblich „das stärkste Bündnis der Menschheitsgeschichte“, wie Christoph Huber (Brigadekommandeur der Panzerbrigade 45 in Litauen) zu wissen glaubt, selbst nach viereinhalb Jahren andauerndem Krieg in der Ukraine nichts ausrichten.
3. Russlands Aufstieg zur ordnungspolitischen Gestaltungsmacht
Bereits zu Beginn der 1990er-Jahre wies der Vordenker und Architekt der Ostpolitik, Egon Bahr (1922-2015), auf eine wegweisende Alternative hin, vor der die europäische Friedens- und Sicherheitsordnung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und dem Untergang des Sowjetreiches stand. In seinem Vortrag „Ungeteilte Sicherheit für Europa“ sagte er am 25. Juni 1994 vor der Batory-Foundation in Warschau:
„Sicherheitsfragen sind Machtfragen. Sie bleiben auch am Ende des Jahrhunderts zentral. Deshalb stelle ich sie an den Anfang. Und deshalb steht Russland am Anfang, wenn von einer neuen Ostpolitik die Rede sein soll,“ sagte Bahr und fügte prophetisch hinzu: „Der Zerfall der Sowjetunion hat dieses Land in Grenzen gelassen, in denen es während seiner tausendjährigen Geschichte noch nie existiert hat, mit mehr als 25 Millionen Russen außerhalb seiner Grenzen. … Sofern die Geschichte weitergeht wie bisher, ist voraussehbar, dass die russischen Grenzen nicht bleiben werden, wo sie heute sind. Eine solche Prophezeiung ist … risikolos …, weil nicht damit zu rechnen ist, dass Russland so schwach bleiben wird, wie es ist. … Der Kern der europäischen Stabilität ist also weniger die Frage des Verhältnisses Russlands zur Nato, sondern die gesicherte Stabilität der russischen Grenzen. Die garantierte Stabilität der russischen Grenzen ist die beste Sicherheitsgarantie für alle Staaten zwischen Nato und Russland. Verteidigung vor Russland oder Sicherheit mit Russland – das wird die Alternative.“
Ein weiser Mann war dieser Egon Bahr und er hat recht behalten. „Sicherheitsfragen sind Machtfragen“ und diese „Machtfragen“ wurden in den 1990er-Jahren im Sinne des „Kalten Krieges“ zu Gunsten der „Verteidigung vor Russland“ entschieden, was letztlich auch die Nato-Expansionspolitik besiegelt hat.
Diese expansive Machtpolitik fand ihr Ende erst mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine. Der Ukrainekrieg löste freilich bis heute das grundsätzliche Problem der europäischen Friedens- und Sicherheitsordnung – das Problem der „ungeteilten Sicherheit“ – nicht. Die beiden Kriegsparteien beharren auf ihren jeweiligen Grundpositionen und denken gar nicht daran, darauf zu verzichten.
Heute herrschen allerdings ganz andere geopolitische Machtverhältnisse im Vergleich zu den 1990er-Jahren, als die Clinton-Administration sich für die „Verteidigung vor Russland“ und gegen die „Sicherheit mit Russland“ entschieden hat.11
Diese Entscheidung bedeutete letztlich eine Entscheidung gegen die „ungeteilte Sicherheit“ und für die Nato-Expansionspolitik.12
Russland befindet sich heute im Gegensatz zu den 1990er-Jahren in einer sicherheitspolitisch stärkeren Machtposition, die die Nato-Expansionisten nicht mehr ignorieren können. Und diese starke Machtposition verleitet Russland eine ordnungspolitische Gestaltungsmacht, ohne die keine zukünftige europäische Sicherheitsarchitektur möglich und denkbar ist.
Der Krieg in der Ukraine hat uns vor Augen geführt, dass die dreißig Jahre andauernde Politik der „Verteidigung vor Russland“ gescheitert und anachronistisch geworden ist, keine Zukunft mehr hat und sich längst überlebt hat. Nachdem diese Politik kläglich gescheitert ist, bleibt nur die von Egon Bahr formulierte und übriggebliebene Alternative der „Sicherheit mit Russland“.
Je schneller die EU-Europäer das begreifen, umso mehr besteht die Chance auf einen Frieden in Europa. Alles andere wäre eine Verschärfung der Konfrontation mit Russland mit unabsehbaren Folgen für Europa und die Welt.
Anmerkungen
1. Ruehl, L., Russlands Weg zur Weltmacht. Düsseldorf/Wien 1981, 414 f.
2. Vgl. Silnizki, M., Rette sich, wer kann? Stimmen und Stimmungen jenseits des Mainstream-Denkens. 28.
Januar 2024, www.ontopraxiologie.de.
3. Vgl. Silnizki, M., Ein Mann von gestern. Ischingers „Schicksalsfrage“. 14 Februar 2026, www.ontopraxiologie.de.
4. Silnizki, M., Trumps „Big Stick“-Diplomatie. Auf dem Wege zum postmodernen Imperialismus?
26. März 2026, www.ontopraxiologie.de.
5. Siehe Silnizki, M., Machtungleichgewicht als Ordnungsprinzip? Zur Sicherheitskonstellation von heute und
morgen. 11. Mai 2022, www.ontopraxiologie.de.
6. Russland und die NATO. Thesen des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik der Russischen
Föderation, in: Pradetto, A. (Hrsg.), Ostmitteleuropa, Russland und die Osterweiterung der NATO.
Perzeptionen und Strategien im Spannungsfeld nationaler und europäischer Sicherheit. Darmstadt 1997,
161-177 (167).
7. Тренин, Д., Новый Баланс Сил. Россия в поисках внешнеполитического равновесия. Альпина паблишер. Москва 2021, 9; näheres dazu Silnizki, M., Neue Machtbalance. Stellungnahme zu einem
Desiderat. 7. September 2021, www.ontopraxiologie.de.
8. Näheres dazu Silnizki, M., Posthegemoniale Dysbalance. Zwischen Hegemonie und Gleichgewicht.
31. Mai 2022, www.ontopraxiologie.de.
9. Link, W., Die europäische Neuordnung und das Machtgleichgewicht, in: Thomas Jäger/Melanie
Piepenschneider (Hrsg.), Europa 2020. Szenarien politischer Entwicklungen. Opladen 1997, 9-31 (11).
10. Adomeit, H., Rückkehr auf die Weltbühne, Internationale Politik, 1. Juli 2006.
11. Vgl. Silnizki, M., George F. Kennan und die US-Russlandpolitik der 1990er-Jahre. Stellungnahme zu
Costigliolas „Kennan’s Warning on Ukraine“. 7. Februar 2023, www.ontopraxiologie.de.
12. Vgl. Silnizki, M., Dreißig Jahre Nato-Expansion. Zur Vorgeschichte des Ukrainekonflikts. 4. Oktober
2023, www.ontopraxiologie.de.