Verlag OntoPrax Berlin

Die aktuelle Situation im und um den Iran

Weder Krieg noch Frieden

Übersicht

1. Lehren aus dem Irankrieg
2. Die US-Interventionen und der Irankrieg
3. Die aussichtslosen Verhandlungen

Anmerkungen

„Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas“
(Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt)
(Napoleon I. Bonaparte)

1. Lehren aus dem Irankrieg

2023 veröffentlichte die amerikanische Militärzeitschrift „Parameters“ eine Reihe beachtenswerter Artikel, die die Lehren aus dem Ukrainekrieg analysierten. Einer der meistzitierten Artikel aus dieser Zeit war der von Katie Crombe und John A. Nagl verfasste Beitrag „A Call to Action: Lessons from Ukraine for the Future Force“ (Ein Aufruf zum Handeln: Lehren aus der Ukraine für die Streitkräfte der Zukunft “ , der im Herbst 2023 erschien.

Fünfzig Jahre nach dem Vietnamkrieg stehe die US-Army an einem neuen strategischen Wendepunkt. Sie müsse sich von zwanzig Jahren Aufstandsbekämpfung hin zu multidimensionalen, groß angelegten Kampfeinsätzen orientieren, basierend auf den Lehren aus dem russisch-ukrainischen Konflikt, schreiben Crombe/Nagl eingangs ihrer Analyse und stellen in deren Verlauf ernüchternd fest:

„Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine verdeutlicht erhebliche Schwächen der US-Army in Bezug auf strategische Personalstärke, Verlustmanagement und Ersatzkapazitäten (The Russia-Ukraine War is exposing significant vulnerabilities in the Army’s strategic personnel depth and ability to withstand and replace casualties). Die Sanitätsplaner rechnen mit etwa 3.600 Verluste pro Tag, was einen täglichen Bedarf von 800 neuen Soldaten (eine Ersatzrate von 25 %) bedeutet und die bestehenden Personalsysteme vor große Herausforderungen stellt“ (Army theater medical planners may anticipate a sustained rate of roughly 3,600 casualties per day, ranging from those killed in action to those wounded in action or suffering disease or other non-battle injuries. With a 25 percent predicted replacement rate, the personnel system will require 800 new personnel each day).

Wie die zitierte Passage zeigt, wussten die US-Militärexperten bereits im Jahr 2023 Bescheid im Gegensatz zu den ahnungslosen, nicht desto weniger aber arroganten und verächtlichen Äußerungen aus der US-Politik über die Kampffähigkeiten des russischen Militärs, über die Brutalität des Krieges auf ukrainischem Boden und spekulierten darüber, wie viele Opfer die US-Army hätte, hätte sie gegen die Russen kämpfen müssen. „3.600 Verluste pro Tag“ (3,600 casualties per day)!

Wie der gescheiterte Luftkrieg gegen den Iran vom 28. Februar bis zum 8. April 2026 jedoch gezeigt hat, hat die US-Army die Lehren aus dem „Russia-Ukraine War“ nicht gezogen und die Prüfung nicht bestanden. Die Warnung der Militärexperten wurde ignoriert und ist ungehört verhallt.

Die zwei wichtigsten Lehren aus dem Ukrainekrieg haben die US-Militärstrategen im Irankrieg unbeachtet gelassen: Mit einem Luftkrieg allein kann der Krieg nicht gewonnen werden und es ist aussichtslos, die modernen Kriege des 21. Jahrhunderts mit der Kriegsführungsstrategie und den Militärtechnologien des 20. Jahrhunderts zu führen.

Die US-Army führte einen Krieg des 20. Jahrhunderts, worauf der Iran mit seiner Kriegsführung aus dem 21. Jahrhundert geantwortet hat.

Trumps größte Illusion war es zu glauben, allein mit Luftangriffen, Bomben und Morden der Zivilbevölkerung seine politischen Ziele gegen ein Land wie den Iran erreichen zu können, der mit mehr als 90 Millionen Einwohnern und einer Fläche von etwa 1,65 Millionen Quadratkilometern dreimal so groß wie die Ukraine und militärisch mindestens so stark wie jene ist.

Wie die Erfahrungen mit dem Krieg in der Ukraine zeigen, war es nahezu unmöglich, Irans militärische Niederlage allein durch Luftangriffe zu erzwingen. Genau mit diesem für sie unbefriedigenden Kriegsergebnis sehen sich die Angreifer heute konfrontiert.

Zweieinhalb Monate nach Kriegsbeginn wird immer deutlicher, dass trotz der verheerenden Angriffe auf militärische und zivile Infrastruktur und ungeachtet der Eliminierung eines Teils der iranischen Führungsspitze das Gefüge der Islamischen Republik nicht zusammengebrochen ist.

Ganz im Gegenteil: Der Iran hat die Fähigkeit unter Beweis gestellt, trotz massiver Luftschläge schnell Kommandostrukturen wiederherzustellen und Ressourcen zu mobilisieren. Das Paradoxe war, dass je intensiver die Luftangriffe waren, desto weniger die Angreifer die Chance hatten, ihr militärisches Ziel – einen Regimewechsel – zu erreichen.

Ein neues politisches System lässt sich nun mal nicht herbeibomben. Im Falle des Irans kommt noch hinzu, dass es sich hier nicht um ein Machtsystem wie in der Ukraine handelt, deren Stabilität von einem Statthalter von Gnaden des „Westens“ abhängt, dessen Machtlegitimation auf Gedeih und Verderb auf westlichen Finanzierungen und Waffenlieferungen ruht und nicht vom Willen des ukrainischen Volkes ausgeht.

Sollte die westliche Kriegsunterstützung wegfallen, würde das Kiewer Regime wie ein Kartenhaus einstürzen. Der Iran ist demgegenüber ein komplexes, vielschichtiges und institutionell verankertes System, in dem Ideologie, Geheimdienste, schiitische Einflussnetzwerke, die Islamischen Revolutionsgarde, die religiöse Bürokratie und Wirtschaftsclans zu einem Mechanismus verwoben sind.

Selbst nach der Eliminierung des iranischen Führungspersonals funktioniert das bestehende System weiter und ist politisch wie militärisch handlungsfähig. Darüber hinaus hat die Trump-Administration im Glauben nach ein paar Tagen Krieg, den Iran zur bedingungslosen Kapitulation zwingen zu können, aus der eigenen US-Militärgeschichte nichts gelernt.

In Vietnamkrieg scheiterten massive Bombenangriffe daran, Nordvietnam zur Kapitulation zu zwingen oder zumindest eine politische Wende zugunsten Washingtons herbeizuführen. 2003 wurde Saddam Hussein nur gestürzt, weil der Luftkampagne eine großangelegte Bodeninvasion und die Besetzung des Landes folgten.

Ohne eine Bodeninvasion ist ein wie auch immer gearteter Sieg über den Iran unvorstellbar. Aber genau zu diesem Bodenkrieg ist Trumps Amerika weder willens noch fähig.

2. Die US-Interventionen und der Irankrieg

Wie der Irakkrieg und die zahlreichen anderen US-Interventionen in den vergangenen dreißig Jahren zeigen, ist eine Bodeninvasion kein Patentrezept und führt keineswegs automatisch zum Sieg, wohl aber zu enormen menschlichen Verlusten und zur massiven Zerstörung der angegriffenen Länder. Alle US-Interventionen und Invasionen seit dem Ende des „Kalten Krieges“ hinterließen blutige Spuren der Verwüstung.

Laut dem „Costs of War Project“ der Brown University (Stand: Januar 2026) haben die von den USA nach dem 11. September begonnenen Kriege in Afghanistan, Irak, Syrien, Jemen, Libyen und Somalia zu enormen zivilen Opferzahlen und der Vertreibung von Millionen Menschen geführt.

Insgesamt wurden danach durch direkte Kriegshandlungen im Irak über 432.000 Zivilisten getötet. Diese Zahlen sind allerdings geschönt. Der britische Investigativjournalist, Nicolas J. S. Davies (geb. 1953), nennt nämlich viel höhere direkte Opferzahlen.1

In Irak und Syrien wurden laut dem „Costs of War Project“ in den Jahren 2003-2014 zwischen 550.000 und 580.000 Menschen direkt getötet. Davies schätzt dagegen die Opferzahl allein im Irak auf „etwa 2,4 Millionen Menschen“ (ebd., 132). Zudem hat der Krieg zu massiver Zerstörung der irakischen Infrastruktur und einer drastischen Fluchtbewegung geführt.

Bei Einberechnung indirekter Todesfälle (durch Zerstörung von Infrastruktur, Krankheiten, Hunger, mangelnde medizinische Versorgung) steigt die Zahl laut „Costs of War Project“ auf 4,5 bis 4,7 Millionen Todesfälle.

Die Kriege haben zudem schätzungsweise 38 Millionen Menschen in den betroffenen Ländern vertrieben.

Vor diesem Hintergrund erscheint die brutale Kriegsführung im Iran keine Ausnahme. Das primäre Kriegsziel war ein Regimewechsel, wie die zwei israelischen Investigativjournalisten, Nahum Barnea und Ronen Bergman, am 24. April 2026 in ihrem auf dem israelischen Nachrichtenportal Ynet veröffentlichten Artikel mit dem Titel „Der vollständige Sieg, der nie kam: So wurde die Operation zum Sturz des iranischen Regimes (vorerst) torpediert“ schreiben.

Sie bestätigen, dass der Regimewechsel „das Herzstück des Plans“ war, vorangetrieben von Netanjahu und dem Mossad, mit Unterstützung von Trump. Die Führung sollte ausgeschaltet, Proteste geschürt und durch einen kurdischen Einmarsch aus dem Westen unterstützt werden.

Die Strategie war: Sturz von oben und unten, „Druck auf hochrangige Beamte“ auszuüben und parallel dazu „Massenproteste und bewaffneten Widerstand von Minderheiten zu fördern“. Die Planung des Angriffs begann laut Barnea/Bergman vor vier Jahren und erreichte vor zweieinhalb Jahren operative Reife.

Ursprünglich für Juni geplant, wurde der Krieg zum Regimewechsel vorgezogen, da die Bedingungen „reif“ zu sein schienen. Die Erwartungen wurden jedoch nicht erfüllt: Es folgte weder ein Massenaufstand noch ein Zusammenbruch des Systems.

Noch bemerkenswerter ist, dass die USA laut Barnea/Bergman von der iranischen Blockade der Straße von Hormus überrascht wurden, weil Trump offenbar glaubte, dass der Krieg innerhalb von drei Tagen beendet sein würde.

Die zentrale Annahme, das System würde zusammenbrechen, erwies sich als falsch. Barnea/Bergman schließen ihren Artikel mit den Worten: „Was als weitreichender israelischer Schritt voller Fantasie und mit dem Ziel einer endgültigen Lösung begann, endet in bitterer Enttäuschung.“

„Ein „Regimewechsel aus der Luft“ erwies sich mit anderen Worten als Idee fixe, was freilich keine Überraschung ist. Wenn ein Krieg, der als Blitzkrieg konzipiert wird, scheitert, dann entwickelt er sich entweder nach der Logik der Eskalation, an deren Ende als Ultima Ratio selbst ein Atomschlag nicht ausgeschlossen werden kann, oder er wird abrupt beendet.

Trump entschied sich, aus welchen Gründen auch immer, für die zweite Variante, ohne dass er nur ein einziges Kriegsziel erreicht hat. Nun versucht er auf friedlichem Wege zu erreichen, was er militärisch nicht erreicht hat, hat aber gleichzeitig zusätzliche Probleme geschaffen, die einen Ausstieg aus dem Konflikt so gut wie unmöglich machen.

Und so befindet sich der Konflikt momentan in einem Schwebezustand, den man mit der Formel von Leo Trotzki als „weder Krieg noch Frieden“ charakterisieren könnte.

Der Krieg aus der Luft ist deswegen gescheitert, weil die US-Army die Möglichkeiten einer asymmetrischen Kriegsführung des Irans, wozu geoökonomische, geographische und nicht zuletzt neue militärtechnologische Machtmittel gehören, unterschätzt und das eigene militärische Potenzial, das im Wesentlichen auf die Kriegsführungsstrategie des 20. Jahrhunderts zurückgeht, überschätzt hat.

Die Überlegenheit der Luftstreitkräfte der USA und Israels haben zwar erhebliche Zerstörungen der iranischen Infrastruktur verursacht, konnten aber die asymmetrische Kriegsführungsstrategie Irans nicht übertrumpfen. Die militärische Übermacht der USA konnte dadurch den Widerstand der Iraner nicht brechen.

Der Iran hat dem US-Militär die Illusion der Unbesiegbarkeit genommen, die es im Grunde genommen auch nie hatte. Der Iran hat bei seinen Gegenangriffen u. a. Frühwarnflugzeuge zerstört, was ein schwerer Schlag für US-Luftstreitkräfte war. Niemand hatte zudem erwartet, dass der Flugzeugträger Abraham Lincoln, der stets und ungestraft an US-Operationen weltweit teilgenommen hat, gezwungen sein würde, das Kampfgebiet überstürzt zu verlassen.

Er zog sich über 1.000 Kilometer zurück, aus Angst, Ziel iranischer Raketen zu werden. Das bestätigt nur die Erkenntnis, dass die US-Kriegsführung im 20. Jahrhundert steckengeblieben ist. Während der Operation True Promise 4 hat der Iran dem US-Militär erheblichen Schaden zugefügt. Zwei auf dem Luftwaffenstützpunkt Prinz Sultan in Saudi-Arabien stationierte E-3 Sentry seien von Raketen getroffen worden.

Irans Hyperschallraketen vom Typ Fateh-2 sind hoch manövrierfähig und erreichen Geschwindigkeiten, deren Zerstörung durch die US-Luftverteidigungssysteme so gut wie unmöglich macht. Teherans Strategie, kostengünstige Drohnen im Wert von Zehntausenden von Dollar einzusetzen, macht Abfangmanöver für das US-Militär extrem unrentabel. Ein einziger Abfangraketenstart kostet Washington Millionen von Dollar.

Zuallerletzt neigt sich auch die Ära der Flugzeugträger dem Ende zu. Bereits im Jahr 2025 griffen die Huthi mit Drohnen eine US-Flugzeugträgergruppe im Roten Meer an und zwangen diese zur Evakuierung. Auch der Iran beherrscht diese Taktik und setzt das US-Militär damit enorm unter Druck.

Alles in allem lässt sich resümierend sagen: Seit die USA den Krieg gegen den Iran begonnen haben (Codename „Epic Fury“, von Spöttern in „Epsteins Fury“ umbenannt), haben sich anfängliche taktische Verluste zu strategischen Demütigungen für die US-Streitkräfte entwickelt, die Donald Trump regelmäßig als „die mächtigste Armee der Geschichte“ bezeichnet.

Die Verluste an Unterstützungsflugzeugen im ersten Kriegsmonat des Irankrieges (darunter mehrere Tank- und Aufklärungsmaschinen) haben die Verwundbarkeit der zentralen US-Militärarchitektur in der Region drastisch offengelegt. Diese strategischen Ausfälle belasten die US-Machtprojektion erheblich, berichteten die CNN-Korrespondenten, Brad Lendon, Isaac Yee und Thomas Bordeaux, am 30. März in ihrem Artikel „Destruction of vital US radar aircraft could hamper ability to spot Iran threats, analysts say“ (Die Zerstörung wichtiger US-Radarflugzeuge könnte die Fähigkeit zur Erkennung iranischer Bedrohungen beeinträchtigen, sagen Analysten).

Der Verlust des AWACS war laut dem Bericht „ein schwerer Schlag für die Überwachungsfähigkeiten der USA“, sagte CNN-Militäranalyst Cedric Leighton, ein ehemaliger Oberst der US-Luftwaffe, der selbst mit dem Flugzeugtyp geflogen ist. „Dies könnte die Fähigkeit der USA beeinträchtigen, Kampfflugzeuge zu steuern und sie zu ihren Zielen zu lenken oder sie vor Angriffen feindlicher Flugzeuge und Raketensysteme zu schützen“, sagte er und fügte gleich hinzu: Der Angriff könne darauf hindeuten, dass der Iran Hilfe bei Angriffen auf wichtige US-Einrichtungen erhalte.

„Russland hat dem Iran höchstwahrscheinlich geografische Koordinaten und Satellitenbilder zur Verfügung gestellt, die den genauen Standort preisgeben.“ Bereits Ende März ist also klar geworden, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist.

3. Die aussichtslosen Verhandlungen

Wie stehen nun die Chancen auf ein Kriegsende im Nahen Osten und welchen Einfluss haben die USA derzeit auf die iranische Führung? Journalisten von Radio Liberty diskutierten darüber am 7. Mai 2026 mit Barry Pavel. Von Oktober 2008 bis Juli 2010 war er Sonderassistent des US-Präsidenten und leitender Direktor für Verteidigungspolitik und -strategie im Stab des Nationalen Sicherheitsrats (NSC) und diente den zwei US-Präsidenten George W. Bush jr. und Barack Obama.

Er ist der Ansicht, dass wir im Iran Zeugen einer, wie er es nennt, „kontrollierten Erosion der US-Vorherrschaft“ (managed erosion of US primacy) werden, und merkt dabei an: „Aus diesem Konflikt geht niemand als Sieger hervor“ (Stepping back, no one really comes out of this looking better).

„Der Iran ist ein widerstandsfähiger Staat, ein ehemaliges Imperium mit einer reichen Kultur und einem tief verwurzelten politischen System. Es ist nicht verwunderlich, dass er dem Druck standhalten und weiterhin funktionieren kann“ (Iran is a resilient state — a former empire with a rich culture and a deeply entrenched political system. So it’s not surprising that it can absorb pressure and continue operating).

Bei alledem bleibt die militärische und politische Lage im und um den Iran unübersichtlich, wobei die Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA festgefahren zu sein scheinen. Unklar ist zudem, wer die Macht im Iran hat.

Derzeit ist die iranische Führung vermutlich um ihre eigene Sicherheit besorgt. Der Oberste Führer ist weiterhin nicht in Erscheinung getreten, und der Aufenthaltsort von General Vahidi, dem Oberbefehlshaber der Islamischen Revolutionsgarde, ist unbekannt.

Auch er wurde seit Beginn der Kämpfe nicht mehr öffentlich gesehen. Selbst diejenigen, die bis vor Kurzem noch in der Öffentlichkeit standen, wie beispielsweise der Parlamentspräsident, sind deutlich vorsichtiger geworden. Auch Informationen darüber, wer konkret bestimmte Entscheidungen trifft, bleiben geheim.

All das deutet darauf hin, dass die iranische Führung ihre Vernichtung als Hauptziel jeglicher neuer Militärschläge betrachtet. Das Korps der Islamischen Revolutionsgarde scheint seine Machtposition innerhalb der Machtstrukturen der Islamischen Republik gefestigt zu haben und beaufsichtigt alle bewaffneten Organisationen des Landes.

Der Druck der USA und Israels verschärft die ökonomische und soziale Lage im Land. Da sich das Land faktisch im Ausnahmezustand befindet, werden die Machthaber jedoch selbst bei wachsender Unzufriedenheit ihre Kontrolle wahrscheinlich ohne große Probleme behalten.

Den Berichten zufolge scheinen die Urananreicherungsanlagen im industriellen Maßstab tatsächlich vollständig zerstört zu sein und ihre Wiederherstellung selbst auf einen Anreicherungsgrad von 3 % Zeit in Anspruch nehmen wird. Teheran könnte darum eine vorübergehende Aussetzung der Urananreicherung aushandeln.

Die Frage ist allerdings, ob der Erwerb von Atomwaffen für die iranische Führung überhaupt noch erstrebenswert ist, nachdem der Iran infolge der erfolgreichen Selbstverteidigung gegen die amerikanisch-israelische Aggression neuerdings alle Trümpfe in der Hand hält. Und selbst der US-Außenminister, Marco Rubio, musste eingestehen, dass Irans Blockade der Straße von Hormus eine „wirtschaftliche Atomwaffe“ sei.

„Die Straße von Hormus ist im Grunde eine wirtschaftliche Atomwaffe, die sie versuchen, gegen die Welt einzusetzen – und sie geben damit an“, empörte sich Rubio am 28. April in einem Interview mit dem TV-Sender Fox News.

Der Iran besitzt derzeit zwei starke Druckmittel in den Verhandlungen: die Kontrolle über die Straße von Hormus und seine großen Vorräte an angereichertem Uran. Offensichtlich kann er diese Trümpfe nur gegen weitreichende US-Zugeständnisse eintauschen.

Für Teheran ist die Atomfrage nicht der erste, sondern der letzte Punkt in den Verhandlungen. Die Iraner unterscheiden zwischen einem Friedensabkommen und Atomverhandlungen. Sie wollen zunächst einen dauerhaften Frieden und Garantien erreichen, dass es nicht wieder zu einem Krieg kommt, und erst dann über das Atomprogramm diskutieren, wohingegen Trumps Verhandlungsposition genau umgekehrt ist: zunächst eine Lösung der Atomfrage und erst dann Friedensverhandlungen.

Das sind zwei völlig konträre Verhandlungspositionen. Sollte der Iran zuerst auf die nukleare Trumpfkarte verzichten, gäbe es nichts mehr zu verhandeln. Darum wird er auf ein Ende des militärischen Drucks, die Aufhebung der Sanktionen, Reparationen, Sicherheitsgarantien und, wenn möglich, eine neue regionale Sicherheitsarchitektur bestehen, in der die Entscheidung über einen weiteren Krieg nicht einseitig von Washington oder Israel getroffen werden kann.

Es bleibt daher schleierhaft, wie die beiden Kriegsparteien zu einem Kompromiss kommen können, zumal wir hier mit einem jederzeit gewaltbereiten und pöbelnden US-Präsidenten zu tun haben, der unter Verhandlungen allein Diktat versteht. Unter diesen Umständen ist selbst ein neuer Waffengang nicht ausgeschlossen.
Der Nahe Osten befindet sich zurzeit in einem Schwebezustand und die Lösung ist (noch) nicht in Sicht.

Anmerkungen

1. Davies, Nicolas J. S., Die Blutspur der US-geführten Kriege seit 9/11: Afghanistan, Jemen, Libyen, Irak, Pakistan, Somalia, Syrien, in: Mies, U. (Hrsg.), Der tiefe Staat schlägt zu. Wie die westliche Welt Krisen erzeugt und Kriege vorbereitet. Wien 22019, 131-152 (132, 141 f.).

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