Verlag OntoPrax Berlin

Das Konzentrationslager Salaspils

Geschichte und Gegenwart

Wider das Vergessen!

    Ein Menschheitsverbrechen: Kinderkonzentrationslager Salaspils (1941-1944)
    1. Eine unbequeme Geschichte

Das NS-Konzentrationslager Salaspils bei Riga, das während des Zweiten Weltkriegs im von den Nazis besetzten Lettland errichtet wurde, war das größte im Baltikum. Es erstreckte sich über eine Fläche von dreißig Hektar. Im Lager waren Kriegsgefangene, Zivilisten und Kinder interniert. 1944 wurde es von sowjetischen Soldaten befreit.

Eine außerordentliche staatliche Kommission sammelte dort anschließend Zeugenaussagen, Dokumente und Beweise für die Verbrechen der Nazis und ihrer Kollaborateure. 1967 wurde eine Gedenkstätte errichtet und in den Kulturkanon Lettlands aufgenommen. Nach 1991 erwies sich das Thema Salaspils als heikel, da es nicht in die Agenda der revisionistischen lettischen Geschichtsschreibung passte.

Anfang der 2000er-Jahre wurden Ideen entwickelt, die Gedenkstätte in ein Denkmal für die Opfer der „zwei Besatzungen“ umzuwandeln. Im heutigen Lettland gibt es Bestrebungen, die Geschichte des Lagers Salaspils umzuschreiben, um die Verbrechen der Nazis in Vergessenheit geraten zu lassen. Salaspils‘ Vergangenheit sorgt bis heute bei lettischen Geschichtsrevisionisten für Unmut.

Sowjetischen Quellen zufolge wurden im Konzentrationslager Salaspils über 100.000 Menschen, darunter ca. 12.000 Kinder, von denen mindestens 7.000 jüdische Kinder, inhaftiert und ermordet.

Es war nicht nur ein Vernichtungslager, sondern auch eine Blutbank. Kinderblut! Die abgemagerten und ausgehungerten Kinder, manche unter fünf Jahren, wurden zynischerweise als lebende Blutbehälter oder als Versuchsobjekte für medizinische Experimente behandelt.

In den meisten Fällen wurde den Kindern das gesamte Blut abgenommen. Im Laufe von mehr als drei Jahren (1941–1944) wurden insgesamt 3.500 Liter Kinderblut entnommen.

Den jungen Gefangenen wurde Blut abgenommen, um die Vorräte deutscher Krankenhäuser aufzufüllen. „Wir lebten in einer Baracke; wir durften nicht nach draußen“, erinnerte sich Natalia Lemeshonok, eine ehemalige Gefangene von Salaspils. „Die kleine Anja weinte unaufhörlich und bettelte um Brot, aber ich hatte nichts, was ich ihr geben konnte. Ein paar Tage später wurden wir zusammen mit anderen Kindern ins Krankenhaus gebracht. Dort war ein deutscher Arzt und mitten im Raum stand ein Tisch mit verschiedenen Instrumenten. Der Arzt sagte, dass es keinen Sinn zu weinen hätte, da wir sowieso alle sterben würden, aber so wären wir wenigstens nützlich … Ein paar Tage später wurde uns erneut Blut abgenommen. Anja starb.“

Ein forensischer Untersuchungsbericht vom 28. April 1945 über die Massengräber von Kindern im Konzentrationslager Salaspils ist erhalten geblieben. Dem Dokument zufolge wurden auf dem Gelände von Salaspils 54 Massengräber entdeckt. Darin fand man die Überreste von über 600 Menschen. Unter ihnen befanden sich 114 Säuglinge, 106 Kinder im Alter von ein bis drei Jahren und 208 Kinder im Alter von drei bis acht Jahren. Die übrigen jungen, unschuldigen Gefangenen verschwanden spurlos. Viele trauernde Mütter und Väter erfuhren nie, was mit ihren Kindern geschehen war und konnten deren Gräber nicht besuchen.1

Während der Sowjetzeit kannten sehr viele Menschen diesen furchterregenden Ort. Heute ist das Konzentrationslager Salaspils ganz in Vergessenheit geraten. Mehr noch: Solche Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges sind in Lettland und den anderen baltischen Republiken derart gleichgültig geworden, dass es am 20. April 2026 in den lettischen Medien über einen Vorfall mit der Überschrift „Ein Picknick im Konzentrationslager? Letten schockiert über ein Foto an der Gedenkstätte Salaspils“ berichtet wurde.

Das Foto zeigt zwei Mädchen, die vor einer der Figuren der Gedenkstätte pietätlos aßen und tranken. „Wenn das stimmt“, was auf dem Foto zu sehen ist, „dann frage ich mich“, sagte eine empörte Lettin, „was in ihrem Kopf vorgeht und was in diesem Dorf vor sich geht, wenn Kinder zu einem Picknick an einen Ort mitgenommen werden, wo die Erde hinter den Toren ächzt“.

Ja, was geht in den Köpfen der Jugendlichen vor? Die Frage ist an diejenigen zu stellen, die in den vergangenen fünfunddreißig Jahren seit der Wiederherstellung der staatlichen Souveränität dreier baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen ihren Geschichtsrevisionismus betrieben haben.

    2. Die Gegenwart

In ihrer am 18. September 2020 veröffentlichten Studie „>Других героев у них нет<. Прославление нацистов в странах Балтии имеет глубокие корни“ (Sie haben keine anderen Helden. Die Verherrlichung der Nazis in den baltischen Staaten hat tiefe Wurzeln) schreibt Anastasia Filippova: „Die Ursprünge des baltischen Nationalismus müssen im vergangenen Jahrhundert gesucht werden, da die kurze Vorkriegszeit der Unabhängigkeit in diesen Ländern nicht als Blütezeit der Demokratie gelten kann. Die Geschichte wiederholt sich und die herrschenden Eliten setzen ihren rechtsgerichteten Kurs fort.“

Der Prozess der Etablierung der baltischen Republiken als souveräne Staaten nach dem Untergang der Sowjetunion wurde durch eine Überwindung des sowjetischen Totalitarismus geprägt, an dessen Stelle statt liberaler Werte wie Menschenrechte und Rechtsstaat ein grassierender, bereits zu Sowjetzeiten vorhandener, aber unterdrückter Ethnonationalismus trat. Dieser richtete sich nicht nur gegen die im „befreiten“ Baltikum lebenden vielen Russen, die als „Besatzer“ wahrgenommen wurden, sondern auch gegen die überkommene sowjetische Geschichtsdeutung, die einer radikalen Revision unterzogen wurde.

Die Wiedergewinnung der staatlichen Souveränität der Balten konnte offenbar auch auf keiner anderen Grundlage als auf der des Ethnonationalismus erfolgen, begleitet durch eine massive Diskriminierung und Entrechtung der russischstämmigen Bevölkerung, die in den EU-Hauptstädten weitgehend totgeschwiegen werden. Wenn es um die Russen geht, werden in der EU die Menschenrechte klein geschrieben.

Die baltischen Republiken waren indes weder vor dem Beitritt zur UdSSR noch sind sie nach dem Austritt Hochburgen von Menschenrechten und Rechtsstaat geworden. Die kurze Phase ihrer Unabhängigkeit in der Zwischenkriegszeit war von der Dominanz des Ethnonationalismus und Autoritarismus geprägt. Was wir in den vergangenen fünfunddreißig Jahren seit dem Untergang der Sowjetunion im Baltikum erlebt haben, ist zudem eine sukzessive Rehabilitierung und Verherrlichung des Faschismus.

Wie Bandera, Schuchewytsch und Co. zu Nationalhelden der Ukraine wurden, so werden die „Waldbrüder“ und ehem. Legionäre der Waffen-SS als Nationalhelden im Baltikum verehrt.

Jedes Jahr findet am 16. März in Riga mit stillschweigender Duldung der Behörden ein Marsch lettischer SS-Legionäre statt. Es werden Bücher mit Memoiren von Kriegsverbrechern veröffentlicht, darunter die von Herberts Cukurs (1900-1965), einem Mitglied von Viktors Arajs‘ Sonderkommando, der zu den brutalsten Henkern des Rigaer Ghettos gehörte und an der Vernichtung der Juden beteiligt war.

„Dies ist mein Mörder“ überschrieb Jürgen Hogrefe am 27. Juli 1997 seinen Spiegel-Artikel, als er ein „Protokoll der Jagd auf einen Nazi“ veröffentlichte. Darin schilderte er, wie „der Geheimdienst Mossad den berüchtigten >Henker von Riga<, Herbert Cukurs, aufspürte und tötete“2.

Die „Waldbrüder“ gelten in Litauen mittlerweile als Nationalhelden, die angeblich zur Kollaboration mit dem NS-Regime gezwungen wurden, da dies ihre einzige Hoffnung auf Unabhängigkeit gewesen sein sollte.

Bereits am 30. November 2023 beklagte sich der russische Außenminister, Sergej Lawrow, auf einer Sitzung des Außenministerrats der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) darüber, dass „wir uns seit Jahren nicht darauf einigen können, das Thema Neonazismus in die Tagesordnung aufzunehmen, obwohl wir in Europa, vor allem in der Ukraine und im Baltikum, einen Anstieg der Nazi-Ideologie und -Praktiken sowie anderer Formen rassistischer und religiöser Intoleranz, die Verherrlichung von Nazi-Kollaborateuren, die Zerstörung von Denkmälern für Befreier und die gesetzliche Verankerung dieser Verbrechen beobachten.“

Dass Lawrows Be- und Anschuldigungen weder aus der Luft gegriffen noch ganz neu sind, zeigen selbst Berichte in den deutschen und anderen EU-europäischen Medien über „Nationalismus im Baltikum“. Unter der Überschrift „Marschieren für die Waffen-SS“ veröffentlichte Reinhard Wolff bereits am 17. März 2013 seinen Artikel in der taz.

Dort war zu lesen: „Am Samstag fand im Zentrum der Hauptstadt Riga wieder der jährliche Marsch zum Gedenken an die Angehörigen der lettischen Waffen-SS-Division statt. Auf 3.000 schätzte die Polizei die Zahl der TeilnehmerInnen, an der Spitze marschierten Abgeordnete und Mitglieder der nationalistischen Regierungspartei Nationale Allianz.“

Und die österreichische Tageszeitung Der Standard berichtete noch früher, schon am 31. Juli 2007, unter dem Titel „Baltikum: Die SS-Veteranen marschieren“:

„SS-Veteranen und Ex-Soldaten anderer Einheiten des Hitlerregimes haben am Wochenende in Estland und Lettland eine Würdigung ihrer historischen Rolle verlangt. Die Veteranen der 20. estnischen SS-Division wollen gesetzlich fixiert haben, dass die >Esten, die in deutscher Uniform gekämpft haben, für die Demokratie gekämpft haben<. Hinter der Grenze finde sich noch immer ein >feindlicher Staat<, meinten sie am Samstag im ostestnischen Volost Vaivara. Verteidigungsminister Jaak Aawiksoo richtete eine Grußbotschaft an sie, in der er die Auffassung teilte, der Kampf estnischer Soldaten unter Adolf Hitler sei als zweiter Freiheitskampf – nach dem ersten 1918-1920 – zu sehen. Unter den bis zu 330 Versammelten befanden sich auch SS-Veteranen aus Österreich und Norwegen sowie Vertreter von Jugendverbänden. …

Beim zeitgleichen Veteranentreffen in der lettischen Hauptstadt Riga sind erstmals die SS-Veteranen gemeinsam mit den lettischen Ex-Partisanen (>Waldbrüder<) aufmarschiert. Schließlich sei die Sowjetunion der gemeinsame Feind beider Verbände gewesen, erklärte der Vizepräsident der >Gesellschaft lettischer Nationalkämpfer<, Leonid Rose. Im Lettland schickte gar der neue Präsident Waldis Zatlers eine Grußbotschaft.“

Was tat aber die EU? „Die EU schaut weg: Im Baltikum werden SS-Veteranen als Helden gefeiert“, berichteten die Deutschen Wirtschaftsnachrichten (DWN) am 21. März 2015. Und weiter ist dort zu lesen: „In den EU-Staaten im Baltikum findet ein neuer Kult um die Veteranen der Waffen-SS statt. Die rechtsextremen Umtriebe werden von der EU-Politik ebenso ignoriert wie die Aktivitäten der rechtsextremen Milizen in der Ukraine. Efraim Zuroff vom Simon Wiesenthal Center warnt vor einer gefährlichen Melange aus anti-russischen und antisemitischen Vorurteilen.“

Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) berichtete schließlich am 20. Januar 2012 unter dem Titel „Balten feiern SS-Schergen als Helden – bald auch per Gesetz“ empört:

„Die Regierung Estlands will ehemalige Nazi-Kollaborateure per Gesetz als Freiheitskämpfer ehren. Auch in Lettland marschieren Veteranen. In der EU hält sich der Protest gegen die Mitgliedsstaaten in Grenzen, nur Russland beklagt sich lautstark. Sie schworen einen Eid auf Adolf Hitler und tragen zum Teil heute noch stolz das Eiserne Kreuz. Im März will die Regierung Estlands ehemalige Angehörige der Waffen-SS per Gesetz als Freiheitskämpfer ehren. Auch in Lettland marschieren jedes Jahr am 16. März Veteranen der SS-Legion durch die Hauptstadt Riga. … Im Gegensatz zu Estland und Lettland gab es zwar in Litauen keine freiwillige SS-Division – jedoch Polizeibataillone, die Jagd auf Juden machten. Es finden auch keine traditionellen Nazi-Aufmärsche statt. Dennoch steht Litauen zusammen mit Estland, Lettland, Ukraine, Österreich und Kanada auf der Liste der Länder, die laut dem Simon-Wiesenthal-Zentrum nichts tun, um Nazi-Kol­laborateure zu entlarven.“

Vor diesem geschichtsrevisionistischen Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn es eine Geschichtspolitik des Vergessens in den sog. baltischen „Demokratien“, in denen angeblich die Menschenrechte und der Rechtsstaat beachtet und geachtet werden, grassiert.

Der vorgelegte bescheidene Beitrag sollte dazu dienen, die Erinnerung an die unbeschreiblich grausame Vernichtung der Unschuldsengel im Konzentrationslager Salaspils dem Vergessen zu entreißen. Denn „wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal“ (Elie Wiesel).

Anmerkungen

1. Zitiert nach einem Bildungsprojekt „Без срока давности“ (Keine Verjährung), 14. Oktober 2023.
2. Hogrefe, J., „Dies ist mein Mörder“, Der Spiegel 31/1997, 27. Juli 1997.

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