Verlag OntoPrax Berlin

„Der Kuss des Todes“

Im Widerstreit der Machtinteressen

Übersicht

1. Die Boten des Todes
2. Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft?
3. Der Machtkampf um die Ukraine

Anmerkungen

„ Не мы с вами воюем, а вы с нами руками украинских националистов.“
(Nicht wir führen Krieg gegen Sie, sondern Sie gegen uns mit Hilfe der
ukrainischen Nationalisten.)
(Putins Antwort auf die Frage eines BBC-Journalisten, 19.12.25)

„… everything suggests real power lies in Russia’s hands“ (Alles deutet
darauf hin, dass die reale Macht in Russlands Händen liegt.)
(Ed Arnold, Politico, 22. Dezember 2025)

1. Die Boten des Todes

„El petó de la mort“ (Der Kuss des Todes) ist die bekannteste Marmorskulptur auf einem Friedhof der katalanischen Hauptstadt Barcelona. Sie zeigt einen knienden jungen Mann mit nach rechts zurückgelegtem Kopf, geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Mund. Seine Arme hängen kraftlos herab. Seitlich von links beugt sich der Tod in Gestalt eines Todesengels – eines Skeletts mit Flügeln – über ihn und „küsst“ ihn auf die Schläfe, woraufhin der junge Mann stirbt.

Die Skulptur scheint einen sanften Tod symbolisieren zu wollen, der plötzlich und unerwartet gekommen ist. Der „Kuss“ des Todesengels symbolisiert aber auch die Unwägbarkeit, Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit unserer Existenz. Es gibt Entwicklungen, deren Folgen wir weder vorwegnehmen noch voraussehen können und an deren Ende „der Kuss des Todes“ auf uns wartet, ohne dass wir uns diesem Todeskuss entziehen können.

Mit seinem sanften Tod scheint der Junge noch Glück zu haben. Denn es gibt auch „Küsse“, die eher von einem tollwütigen Teufel als von einem sanften Todesengel stammen können. Lässt man manche Äußerungen der Nato-Repräsentanten Revue passieren, so erwecken sie den Eindruck, als würden sie eher von der Tollwut des Teufels infiziert als vom sanften Todesengel aufgesucht, so sehr sie das Ende der eigenen Existenz heraufbeschwören, nach Euripides´ Diktum:

„Wer weiß, ob nicht das Leben nur ein Sterben ist,
Das Sterben aber Leben?“

Am 1. Dezember 2025 sprach der Vorsitzende des Nato-Militärausschusses, Admiral Giuseppe Cavo Dragone, gegenüber der Financial Times vom „Präventivschlag“ als „Verteidigungsmaßnahme“ gegen Russland und erwog „im Cyberraum … aggressiver bzw. proaktiver statt reaktiv vorzugehen“, um der hybriden Bedrohung durch den Kreml (Drohnen, Cyberangriffe, Sabotage) angemessen zu begegnen.

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, erklärte daraufhin: „Wir halten die Äußerung von Giuseppe Cavo Dragone über mögliche Präventivschläge gegen Russland für einen äußerst unverantwortlichen Schritt, der die Bereitschaft des Bündnisses zu einer weiteren Eskalation unterstreicht.“

In den Chor der Tollwütigen und Drohenden reiht sich neuerdings auch die neue Chefin des britischen Geheimdienstes (MI6), Blaise Metreweli (geb. 1977) ein. Am 15. Dezember 2025 erklärte die MI6-Chefin Russland einen hybriden Krieg. „Russland testet uns in der Grauzone mit Taktiken, die nur knapp vor einem Krieg liegen. … Es ist wichtig, ihre Versuche der Einschüchterung, Panikmache und Manipulation zu verstehen, denn sie betreffen uns alle“, beteuerte sie antifaktisch, um nur vom eigenen Schattenkrieg und einer massiven Involvierung der Briten in den Ukrainekrieg abzulenken.

Die französischen und britischen Militärs fordern in der letzten Zeit verstärkt und ungeniert ihre Bevölkerung dazu auf, das Risiko zu akzeptieren, ihre Söhne in den Krieg zu schicken, um zu sterben. Der Todesengel lauert ja sowieso überall, sodass man dazu bereit sein sollte, lieber in einem „gerechten Krieg“ gegen den russischen „Aggressor“ zu sterben, als im langweiligen Frieden zu leben, möchten sie unsereinem sagen.

So sprach der französische Generalstabschef, Fabien Mandon, bereits am 21. November 2025 über die Notwendigkeit einer Vorbereitung auf eine Konfrontation mit Moskau.

Wörtlich sagte er: „Wenn dieses Land einbricht, nur weil es nicht bereit ist zu akzeptieren, dass wir unsere Kinder verlieren werden, dann müssen wir die Dinge beim Namen nennen. Wir müssen wirtschaftlich leiden, weil die Prioritäten beispielsweise auf Rüstungsproduktion gelegt werden. Prioritäten ändern sich. Wir sind in Gefahr.“

Ob der Franzose auch seine eigenen Kinder und Enkelkinder gemeint hat? Die Kiewer Eliten haben jedenfalls ihre Kinder ins Ausland geschickt, damit sie für ihr Vaterland weder kämpfen noch sterben müssen.

Am 17. Dezember 2025 war nun auch der britische Generalstabschef, Sir Richard Knighton, an der Reihe und hob die Cyberbedrohung durch den Kreml hervor: „Das Vereinigte Königreich ist täglich einer Reihe von Cyberangriffen aus Russland ausgesetzt, und wir wissen, dass russische Agenten versuchen, Sabotageakte zu verüben und bereits Menschen an unseren Küsten getötet haben.“

Nach dem Motto: „Haltet den Dieb!“ lenken sie von den eigenen Sabotageakten und Subversionen ab, die, wie die junge MI6-Chefin prägnant formulierte, „nur knapp vor einem Krieg“ sind. Aus Sicht der britischen Geheimdienste gäbe es keine andere Alternative, als sich auf die Gefahren des unsichtbaren Schattenkrieges vorzubereiten, dem niemand entkommen kann.

Die Frontlinie sei überall: Online, auf den Straßen, in den Lieferketten, in den Köpfen und auf den Bildschirmen der Bürger. Eine Gesellschaft, die sich bereits in jeder Hinsicht im Krieg befinde, aber ohne Soldaten und Frontlinien, beteuern sie immer und immer wieder.

Ja, überall lauert „der Kuss des Todes“, warnen uns die Boten des Todes aus Paris, London und den anderen Hauptstädten Europas. Die gleichen Warnungen, An- und Beschuldigungen kommen auch von der anderen Seite des Atlantiks. Am 9. Dezember 2025 warnte die Cybersecurity and Infrastructure Security Agency (CISA): „Prorussische Hacktivisten führen opportunistische Angriffe gegen kritische Infrastrukturen in den USA und weltweit durch.“

Diese aggressive und kriegerische Rhetorik überrascht, führen doch beide Seiten seit Jahren Cyberangriffe und dergleichen durch. Sie werden nur nicht publik gemacht. Solche Angriffe werden stets durchgeführt, aber nicht angekündigt und schon gar nicht öffentlich angedroht.

Das Säbelrasseln und das gleichzeitige Schüren von Angst und Hysterie vor „Putins Russland“ dient einem doppelten Zweck:

Zum einen geht es darum, Trumps Friedensbemühungen zu torpedieren, worauf auch Sacharowa hingewiesen hat. Ihr zufolge handelt es sich bei Cavo Dragones Drohgebärden um „einen bewussten Versuch, die Bemühungen um eine Lösung der Ukraine-Krise zu untergraben“.

Zum anderen geht es darum, die eigene massive Involvierung in das Kriegsgeschehen in der Ukraine zu verschleiern und mit den unhaltbaren Anschuldigungen und Beschuldigungen an die Adresse Russlands davon abzulenken. Denn eine direkte Beteiligung der Nato-Länder am Krieg in der Ukraine wird immer deutlicher, offensichtlicher und unverfrorener.

Unlängst musste das britische Verteidigungsministerium öffentlich zugeben, dass ein 28-jähriger Soldat des Fallschirmjägerregiments, Korporal George Hooley, in der Ukraine getötet wurde. Und das ist bei weitem kein Einzelfall.

Politische und militärische Führungskräfte Europas treten immer militanter und aggressiver auf. Die Boten des Todes sind überall unterwegs; sie verstecken sich nur hinter der brennenden und in Flammen stehenden Ukraine, die dazu verdammt ist, für Europa zu kämpfen und zu sterben. Wie der Todesengel möchten sie Russland auch zu Tode „küssen“; sie trauen sich nur nicht. Noch nicht!

Der neue Nato-Generalsekretär, der Niederländer Mark Rutte, der vom Militärwesen keine Ahnung hat, nicht desto weniger aber mit seinen bombastischen und mitunter Angst schürenden Äußerungen unangenehm aufgefallen ist, erklärte am 11. Dezember 2025: „Wir sind Russlands nächstes Ziel und wir sind bereits in Gefahr.“ Ein Krieg könnte, so Rutte weiter, innerhalb der nächsten fünf Jahre ausbrechen, obwohl Moskau bei jeder Gelegenheit beteuert, keine expansionistischen Ziele auf Nato-Gebiet zu verfolgen.

Zur Verschleierung ihrer eigenen Kriegsvorbereitungen spricht die Nato-Allianz immer öfter von einem unmittelbar bevorstehenden Krieg mit einem „aggressiven Russland“ und gibt selbst zehnmal so viel für Rüstung und Aufrüstung aus wie Moskau. Das seit den Zeiten des „Kalten Krieges“ immer noch bestehende Militärbündnis gab 2025 mehr als 1,2 Billionen Euro für Verteidigung aus, wobei die EU-Länder 381 Milliarden Euro investierten, wohingegen Moskau trotz des geführten Krieges lediglich 142 Milliarden Euro ausgab.

Und dieser Trend dürfte sich in den kommenden Jahren fortsetzen, wenn nicht gar beschleunigen, da die von Ursula von der Leyen geleitete EU-Kommission ihren Aufrüstungsplan „Frieden bewahren“ ( Preserving Peace) aufgelegt hat, dessen Gesamtkosten bis 2035 sage und schreibe auf astronomische 6,8 Billionen Euro ansteigen könnten. Wahnsinn mit Ansage!

Eigentlich sollte dieser Aufrüstungsplan Kriegsförderung statt „Friedenbewahrung“ heißen. Eine sinnlose Vergeudung von Vermögen der Völker Europas. Das Komische daran ist, dass diese astronomischen Verteidigungsausgaben Europa kein Jota Sicherheit bringen werden. Im Kriegsfalle wird Europa bereits in den ersten Stunden des Krieges pulverisiert!

Ja, die Boten des Todes! Sie sind unter uns unterwegs, verkleidet in „Boten des Friedens“ mit Olivenzweig in der Hand. Sie trauen sich nur nicht den allerletzten Schritt zu machen und ihr auserkorenes Opfer zu Tode zu „küssen“. Noch nicht!

2. Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft?

Hinter all den zahllosen verbalen Attacken, An- und Beschuldigungen, Androhungen und Anfeindungen verbirgt sich eine gigantische Einschüchterungsmaschinerie. Das Ziel ist ein doppeltes: Zum einen soll die EU-europäische Bevölkerung gefügig gemacht werden, um sie auf einen imaginären Krieg gegen Russland mental und psychologisch vorzubereiten und die Verteidigungsausgaben drastisch im Zweifel zu Lasten der Sozialausgaben zu erhöhen.

Zum anderen wird versucht, Russland einzuschüchtern und/oder abzuschrecken. Der Versuch ist zwar aberwitzig, fehlt der EU doch militärische und ökonomische Kraft, sich mit Russland und dazu noch ohne die USA anzulegen. Ihre maßlose Selbstüberschätzung verleitet sie aber zu einer aggressiven und militanten Rhetorik, deren Realisierung einem Selbstmordkommando gleichkäme.

Wie zu Zeiten des „Kalten Krieges“ wird Angst geschürt und Abschreckung propagiert. Abschreckung im „Kalten Krieg“ „basiert auf Angst, genauer gesagt dem Paradox, dass von ebenjenen Mitteln, die für die Gewährleistung größtmöglicher Sicherheit aufgeboten wurden, die größtmögliche Gefahr ausging. Nuklearwaffen boten Schutz, weil alle Beteiligten im Falle ihres Einsatzes mit Selbstvernichtung rechnen mussten; wie lange diese Einsicht dem Test der Praxis standhalten würde, stand gleichwohl auf einem anderen Blatt. Deshalb war es mit dem stummen Wirken des beiderseitigen Vernichtungspotentials nicht getan. Abschreckung hieß, Angst explizit zu einem Mittel der politischen Kommunikation zu machen. Auch hier standen die Akteure vor einem unauflösbaren Dilemma. Wer glaubwürdig abschrecken wollte, musste den Gegner einschüchtern, verunsichern und ihm dauerhaft Rätsel aufgeben.“1

Heute haben wir indes ein genau umgekehrtes Problem: die fehlende Angst vor einem nuklearen Inferno. Und diese Angstlosigkeit verleitet die EU- und Nato-Führungskräfte zu manchen halsbrecherischen Äußerungen, die Wahnvorstellungen gleichkommen, womit sie sich und die Welt gleichermaßen gefährden.

Der Grund für diesen Übermut ist schnell ausgemacht. Er liegt in einer von der ehem. litauischen Präsidentin, Dalia Grybauskaite (2009-2019), am 12. Mai 2025 gemachten Aussage: „Atomwaffen machen niemandem mehr Angst.“2 Angstlosigkeit ist die eigentliche treibende Kraft all jener Draufgänger, Abenteurer und Salonstrategen, die Revanche an Russland nehmen wollen, sei es wegen der Niederlage im Zweiten Weltkrieg, sei es wegen den tatsächlich oder vermeintlich erlittenen Demütigungen und Entbehrungen zurzeit der Teilung Europas im „Kalten Krieg“ (1945-1990).

Die heute an die Macht gelangte Politikergeneration hat im Gegensatz zur Kriegsgeneration einen Krieg und dessen Entbehrungen nie erlebt und blickt darum ohne Angst und Furcht in die Zukunft. Sie kennt vor allem keine „Angst von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, wohingegen die Kriegsgeneration im „Kalten Krieg“ „in unterschiedlichen Zeithorizonten verortet“ war und „die Gegenwart sowohl mit der Vergangenheit als auch mit der Zukunft“ verband.

„Gespeist von unheilvollen Erinnerungen an zurückliegende Ereignisse, steht Angst für die Erwartung, dass sich ähnliches Unheil unweigerlich wiederholen werde.“3 Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts ist diese Angst verschwunden. Und auch die Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts liegt weit, sehr weit zurück, sodass die junge Politikergeneration keine unheilvollen Erinnerungen hat und nicht mehr in unterschiedlichen Zeithorizonten lebt, die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet.

Ganz im Gegenteil: Die Zeit wird als immerwährende Gegenwart erlebt, die in den vergangenen achtzig Jahren keine leidvolle Vergangenheit kennt und darum keine furchterregende Zukunft zu befürchten hat. Diese zeitlose Gegenwart glaubt die nötige Macht zu haben, die Zukunft selbst gestalten und lenken zu können und in diesem Glaubenshorizont bleibt sie angst- und furchtlos. Wie lange noch? Nicht mehr lange, wenn man die aggressive und militante Rhetorik für bare Münze nimmt.

In diesem furchtlosen Paralleluniversum befinden sich die europäischen Macht- und Funktionseliten. Sie sehen zwar Gefahren auf sie zukommen, spielen aber dessen ungeachtet Angst- und Furchtlose, ohne an die Folgewirkung ihrer tollkühnen Rhetorik zu denken.

3. Der Machtkampf um die Ukraine

Ist die Angst- und Furchtlosigkeit der politischen und militärischen EU-Führung nur gespielt? Nur ein Machtspiel? Hinter den Kulissen tobt jedenfalls ein Machtkampf zwischen den drei ungleichen Machtzentren: Moskau, Washington und Brüssel. Es geht vor allem um knallharte geoökonomische Machtinteressen. Die Europäer stecken dabei in einem unlösbaren Dilemma und auf dem Spiel steht nicht mehr und nicht weniger als die Existenz der EU als eine politische und ökonomische Einheit.

Worum geht es in diesem Machtkampf genau? Um das zu verstehen, muss man sich die Ziele eines jeden einzelnen Kontrahenten vor Augen führen, die auf die Ukraine ihre jeweiligen Ansprüche angemeldet haben. Betrachtet man die Ukraine aus einer rein geoökonomischen Perspektive, so stellt sich die Frage, ob und für wen sie ein Aktiv- und/oder ein Passivposten ist.

Aus ganz unterschiedlichen Gründen erweist sie sich für Russland, die EU und die USA als Aktiv- und Passivposten gleichermaßen, wobei die Ukraine in dem stattfindenden Machtkampf zwischen die Fronten gerät und für die selbsternannten „Anspruchsberechtigten“ sowohl ein Spielball zwecks Durchsetzung ihrer jeweiligen Machtinteressen als auch ein Objekt der Begierde ist, deren Schicksal sie unter sich aushandeln und besiegeln wollen.

Diese Entwicklung der Ukraine, die zum Spielball der Großmächte wurde, haben die ukrainischen Machteliten selbst verschuldet. Aus einer kaum zu fassenden geo- und sicherheitspolitischen Dummheit haben sie sich selbst in diese ausweglose Lage gebracht. Sie haben das eigene Land seit der Unabhängigkeit der Ukraine vor gut dreißig Jahren zunächst ausgeplündert, sodann ultranationalistisch radikalisiert4 und 2014 in einen Bürgerkrieg gestürzt.

2022 hat die Kiewer Zentralregierung schließlich auch die Souveränität des Landes an den „Westen“ verkauft. Indem Selenskyj den Krieg mit Russland nicht mehr abwenden konnte oder wollte, obschon im März/April 2022 die Chance bestand, den ausgebrochenen Krieg noch einzuhegen,5 und sich für eine Weiterführung des Krieges entschieden hat, musste er sehen, wie er ihn finanziert.

Und da liegt der Hund begraben. Kiew konnte den Krieg allein weder führen noch finanzieren und war folgerichtig auf eine Fremdfinanzierung und auf Waffenlieferungen angewiesen.

Wenn aber ein Land wie die Ukraine von anderen Ländern seinen Krieg finanzieren lässt, wenn seine Streitkräfte zur Proxy-Armee der fremden Mächte werden und wenn deren Kriegskosten und Waffenlieferungen zu achtzig Prozent von einer Fremdfinanzierung abhängig sind, dann kann ein solches Land unmöglich seine Souveränität aufrechterhalten, sodass auch sein Staatsoberhaupt unweigerlich zu einem Statthalter degradiert wird.

Die ukrainischen Machteliten haben auf der ganzen Linie versagt. Jetzt stehen sie vor dem Scherbenhaufen ihrer gescheiterten Innen-, Außen- und Sicherheitspolitik und haben zum Schluss auch noch die Souveränität des Landes verloren. Jetzt wird die Ukraine von Russland, der EU und den USA unter sich aufgeteilt und auseinandergenommen.

Was Trumps Amerika angeht, so behandelt es die Ukraine mittlerweile wie ein wertlos gewordenes „Ramschpapier“, das es abstoßen will, aber nicht um jeden Preis. Zum welchen Preis genau der Ausverkauf der Ukraine stattfinden muss, wird in erster Linie zwischen Putin und Trump während der sog. „Friedensverhandlungen“ ausgehandelt und entschieden.

Trump geht es dabei vor allem darum, für das „Ramschpapier“ von Russland einen größtmöglichen Preis zu bekommen. Deswegen signalisiert er auch seine territoriale Kompromissbereitschaft, Teile der Ukraine (vor allem Donbass) an Russland abzutreten, um den gewünschten Preis zu erzielen – mit der Begründung, dass Putin andernfalls die Ukraine ganz besetzen wird.

Putin nimmt seinerseits diese vordergründige Argumentation Trumps dankend entgegen, wohl wissend, dass er nicht einmal im Traum daran dachte, sich die Ukraine ganz einzuverleiben.

Allein aus ökonomischen Erwägungen wäre diese Einverleibung für Russland nicht Traum, sondern ein Albtraum. Denn würde die heruntergewirtschaftete, zerbombte und zerstörte Ukraine ganz an Russland fallen, so entstünden Sanierungs- und Wiederaufbaukosten in hunderten und aberhunderten Milliarden Euro, womit es völlig überfordert wäre, von innen-, außen- und sicherheitspolitischen Komplikationen ganz zu schweigen.

Der eine – Trump – will also unter welcher Begründung auch immer ein ordentliches Surplus beim Abstoßen des „Ramschpapieres“ erzielen. Der andere – Putin – will seine Kriegsziele in der Ukraine erreichen, greift dabei dankend Trumps territoriale Kompromissbereitschaft auf, versichert seinem Gegenpart, dass er nicht die ganze Ukraine besetzen will, was auch so nie das Kriegsziel war, und verkauft der Öffentlichkeit diese Zusicherung als ein großes Entgegenkommen, um die eigentlichen Kriegsziele erreichen zu können. Ein einträgliches Geschäft zur beiderseitigen Zufriedenheit! Was will man mehr?

Die beiden „Partner“ spielen dabei ein undurchsichtiges Versteckspiel, um ganz andere Ziele, als sie öffentlich vorgeben, zu erreichen. Sie geben vor, Friedensverhandlungen zu führen, möchten aber unter sich ein Geschäft aushandeln, in dem die Ukraine lediglich als Spielball der gegensätzlichen Machtinteressen tangiert.

Trump will mit dem „Ramschpapier“ ein einträgliches Geschäft machen, Putin will seine Kriegsziele verwirklicht sehen und die Rumpf-Ukraine am liebsten an die EU weiterreichen, damit diese sich daran „verschluckt“. Darum ist er gönnerhaft ohne Wenn und Aber damit einverstanden, dass die Ukraine ein neues EU-Mitglied bzw. ein Teil der EU wird, um diese von innen implodieren zu lassen.

Aus geostrategischen Erwägungen wäre Putin freilich auch nicht dagegen, zu den bereits erworbenen Gebieten sich zusätzlich auch die Hafenstadt Odessa einzuverleiben. Sollte Odessa an Russland verloren gehen, dann würde die Ukraine vom Schwarzen Meer ganz abgeschnitten und ökonomisch noch weniger lebensfähig sein.

Und die EU? Sie wehrt sich mit Händen und Füssen dagegen, das wertlose „Ramschpapier“ von Trump bzw. die Rumpf-Ukraine von Putin bedingungslos zu übernehmen, fordert ihrerseits einen hohen, sehr hohen Preis und verfolgt ein Mehrfachziel: Geostrategisch will sie die Ukraine erstens als ein Anti-Russland-Projekt am Leben erhalten, zweitens als Bollwerk gegen Russland dauerhaft in Stellung bringen und drittens als Cordon sanitaire zwischen Russland und der EU etablieren.

Geoökonomisch gesehen, will die EU alles tun, damit Russland und die USA ihr die Ukraine als Sanierungsfall nicht andrehen und alle Wiederaufbaukosten aufbürden. Sollte das passieren, dann wird die EU die Ukraine auf Jahre – wenn nicht gar auf Jahrzehnte – alimentieren müssen.

Deswegen feilschte sie ausgerechnet unter der deutschen Führung von Merz und von der Leyen so heftig und unerbittlich um die Beschlagnahme der eingefrorenen Gelder der russischen Zentralbank. Erfolgslos, wie man inzwischen weiß.

Darüber hinaus ist die EU-Führung zu keinen territorialen Konzessionen und zu keinen Kompromissen bereit, um sich weder das „Ramschpapier“ noch die Rumpf-Ukraine andrehen zu lassen. Die Folge ist die Verhärtung der EU-Position auf allen Verhandlungsebenen und die Bereitschaft, den Ukrainekonflikt eher weiter eskalieren als deeskalieren und den Krieg im Zweifel weiterhin laufen zu lassen.

Denn die Kosten des Krieges erscheinen für die EU (noch) preisgünstiger und preiswerter als die Kosten des Friedens zu sein. Deswegen ist sie bereit, es auf eine weitere Zuspitzung des Konflikts ankommen zu lassen. Und das heißt: Die Eskalation geht unvermindert weiter!

Wir befinden uns in einem Teufelskreis, in dem alle gegen alle mit gezinkten Karten spielen, mit falschen Argumenten operieren und hehre Absichten vortäuschen, um die eigentlichen geopolitischen und geoökonomischen Verhandlungsziele zu verschleiern.

Die besten Trumpfkarten haben die Russen in diesem ungleichen geopolitischen Machtkampf, weil sie an der Front die Fakten schaffen und sich im Zweifel mit Gewalt nehmen, was sie auf dem Verhandlungsweg nicht bekommen.

Die schlechtesten Karten haben die EU-Europäer, da sie keine Macht besitzen, um Russland ihre unrealistischen Forderungen aufzuzwingen. Von daher kommt auch ihre aggressive und militante Rhetorik, hinter der sich nur ohnmächtige Wut verbirgt. Denn die EU kann ihre Ziele weder militärisch noch ökonomisch durchsetzen, es sei denn, sie läuft Amok und provoziert eine militärische Gegenreaktion Russlands mit unkalkulierbaren Folgen für Europa und die Welt.

Und die USA? Sie sind nach wie vor tief im Ukrainekonflikt involviert, auch wenn Trump so tut, als hätten die USA damit nichts zu tun. Er täuscht eine Vermittlungsrolle vor, ist aber in erster Linie auf den eigenen Profit bedacht!

Auf der Strecke bleibt, wie nichts anders zu erwarten, allein die Ukraine, zum Spielball der drei geopolitischen Machtspieler degradiert, vom Krieg zerstört, zerbombt, geschunden. Und keiner will wahrhaben, dass diese hier und heute existierende Ukraine unter Selenskyjs Regime eine „lebendige Leiche“ geworden ist, längst vom Todesengel geküsst und kraftlos dahinvegetiert.

Der nächste „Kuss des Todes“ wird die EU treffen, sollte sie in diesem sinnlosen Gemetzel weiterhin Öl ins Feuer gießen und auf Eskalation statt auf Deeskalation setzen! Das ist aber eine ganz andere Geschichte!

Anmerkungen

1. Greiner, B., Angst im Kalten Krieg. Bilanz und Ausblick, in: Bernd Greiner/Christian Th. Müller/Dierk Walter
(Hg.) unter Mitarbeit von Claudia Weber. Angst im Kalten Krieg. Studien zum Kalten Krieg, Bd. 3 (2011),
7-33 (17).
2. Zitiert nach Silnizki, M., Der Wahnsinn der Macht und die Macht des Wahnsinns. Zwischen dem „prekären
Status quo“ und der entgrenzten Eskalation. 25. Mai 2025, www.ontopraxiologie.de.
3. Greiner (wie Anm. 1), 19.
4. Vgl. Silnizki, M., Das andere Gesicht der Ukraine-Krise. Im Spannungsfeld zwischen Geschichte und
Gegenwart. 18. Mai 2025, www.ontopraxiologie.de.
5. Vgl. Silnizki, M., Wer ist schuld an der Fortsetzung des Krieges? Über die Friedensverhandlungen im
März/April 2022, 29. August 2023, www.ontopraxiologie.de.

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