Verlag OntoPrax Berlin

Auf der Suche nach einer neuen Weltordnung

Ein ordnungspolitisches Grundsatzpapier von Alexander Stubb

Übersicht

1. Stubbs Rundumschlag
2. UnipolaritÀt, MultilateralitÀt, MultipolaritÀt oder Transaktionalismus?
3. Vom „Naturrecht“ der Geopolitik
4. Im Zangengriff zwischen Pragmatismus, Idealismus und Realismus

Anmerkungen

„Die RealitĂ€t ist 
, dass wir Finnen auf den Moment vorbereitet sein mĂŒssen,
in dem der Frieden kommt und die Bedingungen fĂŒr einen gerechten Frieden,
ĂŒber die wir in den letzten vier Jahren ausfĂŒhrlich gesprochen haben,
wahrscheinlich nicht erfĂŒllt sein werden.“
(Alexander Stubb, 3.12.25)

1. Stubbs Rundumschlag

Der finnische PrĂ€sident, Alexander Stubb, hat am 2. Dezember 2025 unter dem Titel „The West’s Last Chance“ (Die letzte Chance des Westens) in Foreign Affairs ein ideenreiches und theorielastiges, zugleich aber auch durchwachsenes Grundsatzpapier veröffentlicht. FĂŒr einen europĂ€ischen Staatsmann ist es an und fĂŒr sich eine beachtliche Leistung.

Ob Stubb dabei ein großer Wurf gelungen ist, ist freilich eine ganz andere Frage. In seinem Grundsatzpapier unterzieht er die weltordnungspolitischen Entwicklungen der Gegenwart einer eingehenden Analyse, macht VorschlĂ€ge fĂŒr die kĂŒnftige Weltordnungspolitik und entwirft dabei sein eigenes TheoriegebĂ€ude.

Worauf Stubb letztlich mit seinem Grundsatzpapier hinaus will, wird erst im Verlauf seines Beitrags deutlich. Hinter den theoretischen Überlegungen verbirgt sich verklausuliert ein Frontalangriff auf Russlands Krieg in der Ukraine und in dessen Folge die Infragestellung Russland als Vetomacht im UN-Sicherheitsrat.

„Wenn ein stĂ€ndiges Mitglied des Sicherheitsrats gegen die UN-Charta verstĂ¶ĂŸt, sollte seine Mitgliedschaft in der UN suspendiert werden“ (if a permanent 
 member of the Security Council violates the UN Charter, its membership in the UN should be suspended), fordert Stubb.

Der Versuch, Russland als eine der VetomĂ€chte aus dem Weltsicherheitsrat zu vertreiben, ist nicht neu. Neu ist dieses Bestreben theoretisch zu begrĂŒnden, ordnungspolitisch zu rechtfertigen und geopolitisch zu legitimieren. Theorie als Apologie der transatlantischen Geopolitik!?

Gleich im ersten Satz seiner Veröffentlichung stellt Stubb die kĂŒhne These auf, dass „die Welt sich in den letzten vier Jahren mehr verĂ€ndert (hat) als in den vorangegangenen 30 Jahren“ (The world has changed more in the past four years than in the previous 30).

Besorgt spricht er von „Konflikten und Tragödien“, die sich vor unseren Augen ereignen: „Russland bombardiert die Ukraine, der Nahe Osten brodelt und Kriege toben in Afrika. Da die Konflikte zunehmen, scheinen Demokratien im Niedergang zu sein.“

Die KĂŒhnheit, mit der Stubb seine These aufgestellt und dann begrĂŒndet hat, deutet bereits darauf hin, dass es dem Finnen allein um eine geopolitische Abrechnung geht, indem er ausgerechnet die letzten vier Jahre als weltverĂ€ndernd betont und die vorangegangenen 26 der erwĂ€hnten 30 Jahre verharmlost. Dass gerade die ersten zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Ost-West-Konflikts fĂŒr die Neuordnung der Welt ausschlaggebend waren, sieht er nicht.

„30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges entsteht wieder etwas Neues“, schreibt Stubb und fĂ€hrt fort: Dies sei die letzte Chance fĂŒr die westlichen LĂ€nder, den Rest der Welt davon zu ĂŒberzeugen, „alles zu tun, um die liberale Weltordnung zu bewahren, auch wenn dieses System derzeit nicht in Mode ist“.

Dass diese zu bewahrende „liberale Weltordnung“ in den vergangenen dreißig Jahren viel Unheil eingerichtet hat und dass „der Rest der Welt“ (noch) nicht vergessen hat, erwĂ€hnt er nicht.

Um die entstandenen neuen weltpolitischen Entwicklungen zu erklÀren, holt Stubb indes weit aus und skizziert die Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte so, wie er sie sieht:

Der unipolare Moment erwies sich als nur von kurzer Dauer und endete mit 9/11, als der Westen seine eigenen Werte verraten hat.

Das Völkerrecht wurde in Frage gestellt. Die US-Interventionen in Afghanistan und im Irak scheiterten. Der globale Finanzcrash von 2008 versetzte dem westlichen Wirtschaftsmodell einen schweren Schlag. China entwickelte sich zu einer ökonomischen Supermacht und seine RivalitÀt mit den USA dominiert seitdem die Geopolitik.

Eine Aushöhlung multilateraler Institutionen schreite insbesondere im letzten Jahrzehnt voran. Russlands Angriffskrieg in der Ukraine versetzte der alten Ordnung einen weiteren schweren Schlag. Es war einer der offensichtlichsten VerstĂ¶ĂŸe gegen „das regelbasierte System“ (the rules-based system) seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und sicherlich der schlimmste, den Europa je gesehen hat. Dass der TĂ€ter ein stĂ€ndiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats sei, der zur Bewahrung des Friedens eingerichtet wurde, sei umso belastender. Staaten, die das System aufrechterhalten sollten, haben es zum Absturz gebracht.

Stubb macht sich mit seinem Rundumschlag Luft, der nicht tendenziöser, undifferenzierter und unreflektierter sein konnte. Und indem er die weltordnungspolitischen Entwicklungen der vergangenen achtzig Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und vor allem und nicht zuletzt die geo- und sicherheitspolitischen Prozesse seit dem Ende des Ost-West-Konflikts durcheinanderwirft, verschleiert er – bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt – die Mitverantwortung des „Westens“ fĂŒr den Niedergang des sogenannten „regelbasierten Systems“, das Stubb mit der UN-Völkerrechtsordnung unzulĂ€ssigerweise vermengt1.

Dass „die Welt sich in den letzten vier Jahren mehr verĂ€ndert (hat) als in den vorangegangenen 30 Jahren“, ist insofern richtig, als die „letzten vier Jahren“ in der Tat zum Niedergang der unipolaren Weltordnung gefĂŒhrt haben, die erst mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine und nicht, wie Stubb behauptet, mit 9/11 ihren Geist aufgegeben hat.

Die unipolare Weltordnung war zudem auch nie „multilateral“ oder „liberal“, sondern ihrer Natur nach hegemonial. Und die sog. „multilateralen Institutionen“ standen seit dem Ende des Ost-West-Konflikts unter einer erdrĂŒckenden Dominanz des US-Hegemonen und wurden von ihm maßgeblich geprĂ€gt.

Was aber „Konflikte und Tragödien“ angeht, von denen Stubb so besorgt spricht, so fanden sie in den Jahren 1999-2021 in einem viel grĂ¶ĂŸeren Ausmaß als in den vergangenen vier Jahren statt. Der einzige Unterschied besteht nur darin, dass die in dieser Zeit gefĂŒhrten brutalen Kriege, die teils als „humanitĂ€re Interventionen“ teils als Invasionen zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten verklĂ€rt wurden, nicht unmittelbar vor den Toren Europas stattfanden, sondern weit davon entfernt. Die EuropĂ€er nahmen diese Konflikte außerhalb Europas bestenfalls mit GleichgĂŒltigkeit und/oder Schulterzucken zur Kenntnis.

Und jetzt, wo sie selbst unmittelbar betroffen sind, sind sie wehleidig, entsetzt und empört darĂŒber, dass ausgerechnet ihnen „so etwas“ widerfahren sollte, und schimpfen wie Stubb unentwegt ĂŒber den „TĂ€ter“ Putin, der als ein stĂ€ndiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats, statt Frieden zu wahren, Krieg vom Zaun gebrochen hat.

Aber was haben Stubb und Co. denn eigentlich erwartet? Wer selbst im Namen der Demokratie und Menschenrechte jahrzehntelang gebombt, zerstört, misshandelt und gefoltert hat und diese „ehrenvolle Aufgabe“ nicht einmal als >Krieg< bezeichnen will, sondern lediglich als gescheiterte „US-Interventionen in Afghanistan und im Irak“ verharmlost, sollte sich ĂŒber den Niedergang der „liberalen, regelbasierten Ordnung“, die aus der Mode gekommen sei, nicht beklagen.

„Die Geschichte bietet genĂŒgend Beispiele dafĂŒr, dass das Vorherrschaftsstrebenin der Regel Gegenmachtbildung hervorruft“, stellte Hans-Dietrich Genscher2 einst zutreffend fest.

Dass die betroffenen Völker und Nationen ĂŒber die >TĂ€ter< aus dem „Westen“ in den vergangenen dreißig Jahren genauso entsetzt und empört waren und immer noch sind, haben die EU-EuropĂ€er wie Stubb nicht interessiert.

Auch jetzt weisen sie jedwede Mitverantwortung am Kriegsausbruch in der Ukraine weit von sich. Schlimmer noch: Seit knapp vier Jahren gießen sie Öl ins Feuer des Krieges mit ihrer Kriegsfinanzierung und Waffenlieferungen und rechtfertigen ihre Kriegspolitik mit den Schlagzeilen wie „Wehrt den AnfĂ€ngen“; „Stopp den Aggressor“; „Es geht um einen Kampf zwischen Demokratie und Autokratie“ (Joe Biden); Putin mĂŒsse gestoppt werden; er „testet lĂ€ngst die Grenzen, er sabotiert, er spioniert, er mordet, versucht zu verunsichern“ (Friedrich Merz, 17.09.25) usw. usf.

Diese Empörung ist selbstgerecht, unterschlĂ€gt sie doch nicht nur ihre eigenen zahlreichen völkerrechtswidrigen Angriffskriege innerhalb und außerhalb Europas wie den Kosovo-Krieg (1999), die Kriege im Afghanistan (2001 ff.) und im Irak (2003 ff.) oder im Libyen-Krieg (2011) mit hunderttausenden Opfern und verklĂ€rt sie als „humanitĂ€re Interventionen“ und/oder Interventionen zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten, sondern verharmlost auch die Nato-Expansionspolitik der vergangenen dreißig Jahre, die unmittelbar zum Ukrainekonflikt gefĂŒhrt hat.

2. UnipolaritÀt, MultilateralitÀt, MultipolaritÀt oder Transaktionalismus?

Was Stubb unsereinem mit seiner These sagen will, kann man an seinem bombastischen TheoriegebĂ€ude ablesen, das freilich auf tönenden FĂŒĂŸen steht und dem eine Terminologie zugrunde liegt, die die ordnungspolitischen Entwicklungen der Gegenwart eher vernebelt als aufklĂ€rt.

„Wir leben in einer neuen Welt der Unordnung“ (We live in a new world of disorder), weil „die liberale, regelbasierte Ordnung, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstand, stirbt (The liberal, rules-based order that arose after the end of World War II is now dying), stellt Stubb als Axiom seinem Theorieentwurf voran.

Dass dieses auf den gerade besprochenen Insinuationen beruhende Axiom fragwĂŒrdig ist, ist allein schon daraus zu entnehmen, dass wir „in einer Welt der Unordnung“ nicht erst seit vier Jahren leben und die sog. „liberale, regelbasierte Ordnung“ erst nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und nicht nach dem des Zweiten Weltkriegs entstanden ist.

Die unipolare Weltordnung, die Stubb und die Apologeten des „liberalen Internationalismus“ als „liberale, regelbasierte Ordnung“ verklĂ€ren, die ihrerseits im krassen Widerspruch zum UN-Völkerrecht steht, nannte der Soziologe, Karl Otto Hondrich (1937-2007), 2003 eine „Weltgewaltordnung“, die mehr Unordnung als Ordnung stiftete.3

Vor dem Hintergrund des am 20. MĂ€rz 2003 ausgebrochenen Irakkrieges formulierte Hondrich – wie er es nannte – fĂŒnf „Gesetze“ zur Rechtfertigung des Krieges und der von der US-Ordnungsmacht angefĂŒhrten „Weltgewaltordnung“. Nur die USA können als „Ordnungsmacht“ mittels der selbstlegitimierenden Moral die sich weiter und immer weiter dehnende „Weltgesellschaft“ befrieden und sie von Gewalt freihalten. Zwar haben die USA kein „Weltgewaltmonopol“, „wohl aber fĂŒhren sie, in Gestalt der Nato, ein Weltgewaltkartell an.“4

Ohne die Natur dieser vom „Weltgewaltkartell“ angefĂŒhrten unipolaren Weltordnung verstanden zu haben, verklĂ€rt Stubb sie als eine „liberale, regelbasierte Ordnung“, die nicht vom „Weltgewaltkartell“ angefĂŒhrt, sondern vom „Multilateralismus“ geprĂ€gt wird. Und dieser „Multilateralismus“ liege nunmehr infolge des russischen „Angriffskrieges“ in der Ukraine in den TrĂŒmmern.

Was Stubb hier postuliert, deutet darauf hin, dass er die ordnungspolitischen Entwicklungen der vergangenen dreißig Jahre verkennt und die UnipolaritĂ€t als alles dominierendes Ordnungsprinzip ganz außer Acht lĂ€sst. Vielmehr substituiert er es kurzerhand durch MultilateralitĂ€t bzw. Multilateralismus, das gleichermaßen mit der UN-Völkerrechtordnung und der „liberalen, regelbasierten Ordnung“ identifiziert bzw. gleichgesetzt wird.

Indem Stubb LiberalitÀt, MultilateralitÀt und UN-Rechtsordnung bei gleichzeitiger Ausklammerung der UnipolaritÀt synonym verwendet, ignoriert er die ordnungspolitische RealitÀt des vergangenen unipolaren Zeitalters und stiftet dadurch nur noch mehr Verwirrung.

Was wir aber ordnungspolitisch seit dem Ende der bipolaren Weltordnung tatsĂ€chlich beobachten, ist eine Entstehung, Entwicklung und Ausbildung der zwei parallellaufenden Ordnungssysteme, die sich zwar ĂŒberlappen und aufeinander angewiesen sind, nicht desto weniger aber zwei voneinander unabhĂ€ngigen Ordnungsprinzipien und Machtzentren reprĂ€sentieren.

Die beiden verhalten sich zueinander wie ein Friedenssicherungs- zu einem Friedensschaffungssystem. Das eine beruht auf dem höchsten Ordnungsprinzip der UN-Charta – dem Prinzip der kollektiven Friedenssicherung. Es ist ein völkerrechtlich legitimiertes und geopolitisch induziertes Machtverteilungsprinzip der kollektiven Friedenssicherung, dem gleichwertige und gleichrangige Großmachtzentren zugrunde liegen.

Das andere beruht hingegen auf dem Ordnungsprinzip der „liberalen, regelbasierten Ordnung“ bzw. „Weltgewaltordnung“ (Hondrich), dessen einzige „Regel“ im sich selbst legitimierenden Machtwillen des SuzerĂ€ns besteht, den „Weltfrieden“ durch seine eigenmĂ€chtige Friedenschaffungsfunktion nach Belieben gewĂ€hrleisten zu können.5

In Verkennung dieser parallellaufenden Ordnungssysteme, die die vergangenen dreißig Jahre bestanden haben, auf Dauer aber gleichzeitig nicht bestehen konnten und eins von beiden zwangslĂ€ufig untergehen musste, was auch geschehen ist, subsumiert Stubb die beiden Ordnungsprinzipien undifferenziert unter ein und demselben Schlagwort Multilateralismus, das er nunmehr infolge des Ukrainekrieges in den TrĂŒmmern liegend sieht.

Vor diesem Hintergrund entwirft Stubb ein TheoriegebĂ€ude, in dem auf das nicht mehr so wie bisher existierende doppelte Ordnungssystem, das er „Multilateralismus“ nennt, die im Entstehen begriffenen Ordnungsstrukturen folgen, fĂŒr die er die in der letzten Zeit ĂŒblich gewordene Bezeichnung „MultipolaritĂ€t“ verwendet6:

Bedeutet Multilateralismus „ein System globaler Zusammenarbeit, das auf internationalen Institutionen und gemeinsamen Regeln beruht“ und seine „Grundprinzipien gelten gleichermaßen fĂŒr alle LĂ€nder, unabhĂ€ngig von ihrer GrĂ¶ĂŸe“, so ist MultipolaritĂ€t laut Stubb „ein Oligopol der Macht. Die Struktur einer multipolaren Welt ruht auf mehreren, oft konkurrierenden Polen“.

Eine multipolare Welt riskiert, dass kleine und mittelgroße LĂ€nder ausgeschlossen werden, indem grĂ¶ĂŸere MĂ€chte Deals ĂŒber ihrem Kopf hinwegschließen. WĂ€hrend Multilateralismus zu Ordnung fĂŒhrt, neigt MultipolaritĂ€t zu Unordnung und Konflikten.

Es gibt eine wachsende Spannung zwischen denen, die Multilateralismus und eine auf Rechtsstaatlichkeit basierende Ordnung fördern, und denen, die die Sprache der MultipolaritÀt und des Transaktionalismus sprechen.

Kleine Staaten und MittelmĂ€chte sowie regionale Organisationen wie die Afrikanische Union, der Verband SĂŒdostasiatischer Nationen, die EU und der sĂŒdamerikanische Block Mercosur fördern den Multilateralismus.

China wiederum fördert MultipolaritĂ€t mit einem Hauch von Multilateralismus; sie unterstĂŒtzt angeblich multilaterale Gruppierungen wie BRICS – eine nichtwestliche Koalition, deren ursprĂŒngliche Mitglieder Brasilien, Russland, Indien, China und SĂŒdafrika waren, sowie die Shanghai Cooperation Organization (SCO), die tatsĂ€chlich eine multipolare Ordnung hervorbringen wollen. Die USA haben ihren Schwerpunkt vom Multilateralismus hin zum Transaktionalismus verlagert, haben aber weiterhin Verpflichtungen gegenĂŒber regionalen Institutionen wie der Nato usw. usf.

Stubb versucht hier mit den in Mode gekommenen Neologismen wie Multilateralismus, MultipolaritĂ€t und Transaktionalismus eine Art geopolitischen ManichĂ€ismus zu konstruieren, indem er dem multilateralen „Reich des Lichts“ das multipolare „Reich der Finsternis“ gegenĂŒberstellt. Neu ist das nicht. Bereits vor gut zweieinhalb Jahren sprachen zwei US-Politikwissenschaftler, Stephen G. Brooks und William C. Wohlforth, von MultipolaritĂ€t als „einer hĂ€sslichen Welt“. „The multipolar world was an ugly world“7.

Sie begrĂŒndeten ihre Ablehnung der MultipolaritĂ€t damit, dass „die Großmachtkriege (great-power wars) stets mehr als einmal im Jahrzehnt von 1500 bis 1945 ausbrachen. Mit erschreckender RegelmĂ€ĂŸigkeit bekĂ€mpften sich alle oder die meisten der mĂ€chtigsten Staaten in schrecklichen, alles verzehrenden Konflikten: dem DreißigjĂ€hrigen Krieg, den Kriegen Ludwigs XIV., dem SiebenjĂ€hrigen Krieg, den Napoleonischen Kriegen, dem Ersten Weltkrieg und dem Zweiten Weltkrieg.“8

Sie bestritten freilich im Gegensatz zu Stupp, dass eine multipolare Welt heute ĂŒberhaupt existiert, und plĂ€dierten vehement fĂŒr die Aufrechterhaltung der unipolaren Weltordnung. „Die Welt ist weder bipolar noch multipolar und sie ist auch nicht im Begriff, es zu werden“ (The world is neither bipolar nor multipolar, and it is not about to become either), schrieben Brooks/Wohlforth am 18. April 2023 in ihrer gemeinsamen Studie „The Myth of Multipolarity“.

Stubbs „Innovation“ ist seine Substituierung der UnipolaritĂ€t durch MultilateralitĂ€t, der die MultipolaritĂ€t gegenĂŒbergestellt wird. Dieses Herumjonglieren mit modischen Begriffen wie UnipolaritĂ€t, MultilateralitĂ€t, MultipolaritĂ€t und Transaktionalismus ist ein pseudointellektueller Snobismus, der eher verwirrt als aufklĂ€rt, eher vernebelt als Klarheit schafft und nur zur Geistesverwirrung fĂŒhrt, ohne die ordnungspolitischen Entwicklungen der Gegenwart adĂ€quat und authentisch zu erklĂ€ren und zu deuten.

3. Vom „Naturrecht“ der Geopolitik

Was seit Jahrhunderten mit einem altmodischen Begriff GroßmĂ€chterivalitĂ€t bezeichnet wurde, wird heute mit einer inhaltsleeren Begrifflichkeit ĂŒbertĂŒncht. Die geopolitische Revolution, die vor unseren Augen stattfindet, wird mit nichts sagenden Schlagworten ĂŒberdeckt, missinterpretiert und schließlich verkannt.

Verkannt wird vor allem der fortschreitende und unaufhaltsame geopolitische und geoökonomische Bedeutungsverlust der westlichen HemisphĂ€re, die jahrhundertelang die Welt beherrschte und jetzt sehen muss, wie ihr die Felle davon schwimmen und wie die anderen aufsteigenden GroßmĂ€chte dieser Welt ihr die Weltmachtstellung streitig machen.

Die Weltgeschichte ist kein geradliniger Prozess. Sie erleidet RĂŒckschlĂ€ge, verlĂ€uft wellen- oder rĂŒckartig und deren Verlauf ist weder voraussehbar noch vorausbestimmbar. Wer hĂ€tte denn zurzeit des Untergangs der Sowjetunion gedacht, dass die bald darauf entstandene unipolare Weltordnung bereits dreißig Jahre danach zu Ende gehen und die Welt sich genau in umgekehrte Richtung bewegen wĂŒrde?

Die Geschichte ist ein stÀndiger Wettstreit der zwei sich gegenseitig bekÀmpfenden und verfeindeten Grundprinzipien der VerÀnderung und Bewahrung, Fortschritt und Tradition, UmwÀlzung und Beharrung, Revision des Bestehenden und Status-quo-Verteidigung.

LĂ€sst man die vergangenen hundert Jahre Revue passieren, so können wir mindestens zweimal den Zusammenprall dieser beiden Grundprinzipien diagnostizieren. In beiden FĂ€llen war ein Krieg (der Erste und der Zweite Weltkrieg) der Auslöser dieses Prozesses. Es sieht so aus, als wĂŒrden wir mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine einen neuen, dritten Versuch der vergangenen hundert Jahre erleben: Eine erneute Revision der bestehenden Weltordnung, die zu einer Machtverschiebung vom Westen zum Nichtwesten, vom Atlantik zum Pazifik fĂŒhrt.

Bereits Anfang 2023 merkte Wang Wen (Meinungsmacher der chinesischen Regierungszeitung „Global Times“) in seinem Artikel „Beyond China, as more nations reject the US-led order, 2022 will go down as the year of ‘de-Westernisation’“ (Jenseits von China: Da immer mehr Nationen die von den USA angefĂŒhrte Ordnung ablehnen, wird 2022 als das Jahr der >Entwestlichung< in die Geschichte eingehen) am 3. Januar 2023 an: „Die globale Signifikanz des Jahres 2022 wird stark unterschĂ€tzt. Seine welthistorische Bedeutung geht ĂŒber das Jahr 2001 – das Jahr der AnschlĂ€ge vom 11. September – und 2008 – das Jahr der globalen Finanzkrise –weit hinaus. Man sollte 2022 vielmehr mit 1991 vergleichen, als der Kalte Krieg zu Ende ging, und das SchlĂŒsselwort dafĂŒr sei „de-Westernisation“.

Wenn sich Stubb nun beklagt, dass unter Bedingungen der multipolaren Weltordnung „kleine und mittelgroße LĂ€nder“ wie Finnland unter die RĂ€der kommen, dann ist es vielleicht nur der Erkenntnis geschuldet, dass sein Land, indem es sich ohne Not der Nato-Allianz angeschlossen hat, heute womöglich auf der falschen Seite der Geschichte steht.

Und ist es nicht einfach ein natĂŒrlicher Lauf der Dinge, wenn ein Machtzentrum von einem anderen abgelöst wird, wodurch weder die Welt noch die UN-Völkerrechtsordnung, die die sog. „MultilateralitĂ€t“ gewĂ€hrleistet hat, untergeht?

Liegt es nicht in der Natur der Sache mit Spinoza zu sagen: „Es ist das Recht der Fische zu schwimmen, und das der grĂ¶ĂŸeren Fische, die kleineren zu fressen.“9 Wörtlich sagte Spinoza in seinem Theologisch-politischen Traktat von 1670 (Kap. 16):

„Unter Recht und Gesetz der Natur verstehe ich nichts anderes als die Regeln der Natur 
, gemĂ€ĂŸ denen wir jedes naturgemĂ€ĂŸ bestimmt sehen, auf eine gewisse Weise zu existieren und zu wirken. Die Fische zum Beispiel sind von Natur bestimmt zu schwimmen, die großen die kleineren zu fressen, und darum bemĂ€chtigen sich die Fische mit dem höchsten natĂŒrlichen Recht des Wassers und fressen die großen die kleineren 
 Denn es ist gewiss, dass die Natur an sich betrachtet das höchste Recht zu allem hat, was sie vermag, das heißt, dass sich das Recht der Natur so weit erstreckt, wie sich ihre Macht erstreckt.“10

Naturrecht erstreckt sich so weit, „wie sich ihre Macht erstreckt“. Spinozas VerstĂ€ndnis von Naturrecht kann getrost auf die Geopolitik unserer Zeit ĂŒbertragen werden und analog vom „Naturrecht“ der Geopolitik sprechen, das da lautet: Im globalen Raum existiert weder ein geopolitisches Niemandsland noch ein geostrategisches Vakuum. Die Geopolitik duldet kein Vakuum. Das „Naturrecht“ der Geopolitik „erstreckt so weit, wie sich ihre Macht erstreckt“.

Es beruht auf der „normativen Kraft des Faktischen“ (Georg Jellinek) und nicht auf den völkerrechtlichen Normen der UN-Charta. „Die Geopolitik erhebt das Faktische zum Normativen und erzeugt dadurch die Vorstellung, dass das Faktische normativer Art ist, wobei es hier nicht um eine GegenĂŒberstellung von FaktizitĂ€t und NormativitĂ€t, sondern um eine andere, geopolitische Quelle der NormativitĂ€t geht. Diese Quelle der geopolitischen NormativitĂ€t besagt: Wer sich gegen den Aufmarsch des geopolitischen Rivalen nicht zu behaupten vermag, verliert nicht nur seine AutoritĂ€t, sondern auch seine geopolitische Existenz, was wir gerade im Falle der Ukraine beobachten dĂŒrfen.“11

Nun hat Macht die Tendenz absolut zu werden. „Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut“ („Power tends to corrupt and absolute power corrupts absolutely), wie der britische Historiker, Lord Acton (1834-1902), 1887 feststellte.

Bei einer fehlenden Gegenmacht entsteht eine entgrenzte „absolute Macht“. Sie herrschte im Zeitalter der unipolaren Weltordnung dreißig Jahre lang und ist an sich selbst gescheitert, noch bevor der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist. Der Ukrainekrieg hat die sich abzeichnende Entwicklung nur offengelegt und beschleunigt, aber nicht ausgelöst.

Genau diese unipolare Weltordnung, die Stubb als eine „multilaterale“ missversteht, setzt er mit der „liberalen, regelbasierten Ordnung“ gleich, die er bewahren will und der er „MultipolaritĂ€t“ gegenĂŒberstellt. Freilich negiert die sog. „MultipolaritĂ€t“ als „Oligopol der Macht“ (Stubbs Definition) im Gegensatz zur „UnipolaritĂ€t“ den Absolutheitsanspruch der Macht, weil sie ihrer Natur nach immer auf Machtgleichgewicht hinaus ist.

Und wer sagt denn, dass die nach einem Machtgleichgewicht strebende „MultipolaritĂ€t“ fĂŒr die Bewahrung des Weltfriedens schlimmer als die UnipolaritĂ€t mit ihrem Absolutheitsanspruch und „Weltgewaltkartell“ (Hondrich) sein sollte? Nur weil sie „liberal“ und „demokratisch“ verklĂ€rt wird?

Nur diejenigen, die wie Stubb auf der falschen Seite der Geschichte stehen und immer noch der unipolaren, „regelbasierten Ordnung“ nachtrauern, die nie „liberal“, wohl aber immer und nur hegemonial war, beklagen die weltpolitischen UmwĂ€lzungen der Gegenwart, die vor unseren Augen geschehen und wahrlich vom welthistorischen Maßstab sind.

Wie auch immer man die im Entstehen begriffene neue Weltordnung nennen, bezeichnen und/oder definieren wird, sie wird antihegemonial sein.

4. Im Zangengriff zwischen Pragmatismus, Idealismus und Realismus

Vor dem Hintergrund seines geopolitischen ManichĂ€ismus entwickelt Stubb eine Theorie von „Finnlands >wertebasiertem Realismus<“ (FinlandÂŽs >values-based realism), den er „auf drei SĂ€ulen: Werte, Interessen und Macht“ (on three pillars: values, interests, and power) zurĂŒckfĂŒhrt.

Diese drei SĂ€ulen seien entscheidend, „wenn sich das Gleichgewicht und die Dynamik der Weltordnung verĂ€ndern“, stellt er apodiktisch fest und fĂ€hrt fort: Zu Zeiten des „Kalten Krieges“ war die finnische Außenpolitik durch den „pragmatischen Realismus“ geprĂ€gt. Darunter will Stubb dasjenige verstehen, was man im Westen wĂ€hrend des „Kalten Krieges“ abschĂ€tzig „Finnlandisierung“, Finnlands blockfreien Status, nannte.

Auf diesen „pragmatischen Realismus“ sei er heute nicht mehr stolz, betont Stubb und lehnt folgerichtig den blockneutralen Status fĂŒr die Ukraine kategorisch ab. Denn ein solcher Status raube der Ukraine ihre SouverĂ€nitĂ€t. Eine sehr merkwĂŒrdige Aussage!

Zum einen hat die Ukraine schon lĂ€ngst ihre SouverĂ€nitĂ€t an die EU und die Nato-Allianz verloren. Wenn ein Land wie die Ukraine von anderen LĂ€ndern alimentiert wird, wenn ihre StreitkrĂ€fte eine Proxy-Armee der fremden MĂ€chte sind und wenn deren Kriegskosten und Waffenlieferungen zu 80 % von den auslĂ€ndischen MĂ€chten ĂŒbernommen wird, von welcher SouverĂ€nitĂ€t kann da ĂŒberhaupt die Rede sein?

Wer hunderte und aberhunderte Milliarden „investiert“, erwartet selbstverstĂ€ndlich eine Gegenleistung. Da die Ukraine so gut wie pleite ist, erfolgt diese Gegenleistung in Form einer (bedingungslosen) geopolitischen Gefolgschaft, sprich Unterwerfung, getreu dem Motto: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“

Zum anderen ist Finnland mit seinem „pragmatischen Realismus“ wĂ€hrend des Ost-West-Konflikts nicht nur ein souverĂ€nes Land geblieben, sondern auch ein wohlhabendes geworden.

Nach dem Ende des „Kalten Krieges“ gab Finnland laut Stubb seinen „pragmatischen Realismus“ auf und ging zum „wertebasierten Idealismus“ (values-based idealism) des „globalen Westens“ (global West) ĂŒber, indem es zunĂ€chst 1995 der EU und 2023 der Nato beigetreten ist.

„Diese Entscheidung“ – rechtfertigt sich Stubb – entsprach „sowohl Finnlands Werten als auch seinen Interessen“. Mittlerweile spricht der Finne von „Finnlands wertebasierten Realismus“ (FinlandÂŽs >values-based realism). Nun ja, unsereiner wĂŒrde diesen terminologischen „Salto mortale“ schlicht und einfach Opportunismus nennen: Vom „pragmatischen Realismus“ ĂŒber den „wertebasierten Idealismus“ zum „wertebasierten Realismus“!

Mit seiner Begriffsakrobatik verschleiert Stubb in Wahrheit seinen geopolitischen Opportunismus, der nicht so sehr mit Werten als vielmehr mit Macht- und Wirtschaftsinteressen zu tun hat. Dass Finnland dabei womöglich auf das falsche Pferd gesetzt und sich verzockt hat, merkt Stubb erst jetzt, als er sich, wie oben gesehen, ĂŒber einen dramatischen geopolitischen Wandel von der „MultilateralitĂ€t“ zur „MultipolaritĂ€t“ beklagt.

Erst jetzt merken die Finnen mit ihrem theoretisierenden PrĂ€sidenten, ohne sich selbst eingestehen zu wollen, dass sie viel besser mit einem „pragmatischen Realismus“ als mit einem „wertebasiertem Idealismus“ gefahren wĂ€ren, wĂ€ren sie ein blockneutrales Land geblieben. Denn die Folgen der Preisgabe ihres Pragmatismus spĂŒrt jeder Finne mittlerweile in seinem Geldbeutel.

Finnlands Haushaltsdefizit hat aufgrund der Spannungen mit Russland die zulĂ€ssige EU-Grenze ĂŒberschritten. Die ohnehin schon angespannte Finanzlage wurde durch die Grenzschließung und die Weigerung des Landes, sich auf russische Energie zu verlassen, weiter verschĂ€rft.

Finnland erhielt neuerdings ein Warnsignal aus BrĂŒssel. Ende November forderte die EU- Kommission von Helsinki einen realistischen Plan zur Senkung des Haushaltsdefizits. Bis Ende des laufenden Jahres, so die Kommission, wird das finnische Defizit voraussichtlich 4,5 % des BIP betragen und die Schuldenlast wird im nĂ€chsten Jahr 90 % des BIP erreichen.

Das bedeutet, dass das nordeuropĂ€ische Land mit einem Bruttoinlandsprodukt von 300 Milliarden Euro offiziell zu einem der fiskalischen SĂŒnder der EU geworden ist, was zu Geldstrafen, KĂŒrzungen der Fördermittel und einer strengeren Aufsicht aus BrĂŒssel fĂŒhren könnte.

Die Probleme haben sich in den letzten Jahren aufgrund hoher Sozialausgaben, eines starken Anstiegs des Verteidigungshaushalts und des wirtschaftlichen Schlags durch den Abbruch der Energie- und Handelsbeziehungen mit Russland nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine nur noch verschÀrft.

Im Jahr 2021 belief sich der bilaterale Handel zwischen Moskau und Helsinki auf 12,71 Milliarden Euro. In den ersten drei Quartalen des Jahres 2025 ist dieser Wert um fast 93 % zurĂŒckgegangen. Die Situation verschĂ€rfte sich durch Finnlands Entscheidung, seine Grenze zu Russland Ende 2023 zu schließen. Als GrĂŒnde wurden Sicherheitsbedenken und Russlands Instrumentalisierung von Migration als Druckmittel angefĂŒhrt.

Dieser Schritt fĂŒhrte unmittelbar zum Erliegen des grenzĂŒberschreitenden Handels und Tourismus und traf die östlichen Regionen des Landes besonders hart. Laut der Finnischen Zentralbank exportierten 2019 ĂŒber 2.000 finnische Unternehmen ihre Produkte nach Russland. Bis Ende 2023 war diese Zahl auf etwa 100 gesunken.

Steigende MilitÀrausgaben, ein Einbruch des bilateralen Handels mit Russland und der nahezu vollstÀndige Wegfall des russischen Tourismus zwangen die finnische Regierung zu zusÀtzlichen Krediten, obwohl die Staatsverschuldung bereits rapide anstieg.

Die hohen Energiepreise hatten die grĂ¶ĂŸten Auswirkungen, da Finnland stark von russischen Energieressourcen abhĂ€ngig war. Das Land konnte zwar seine Energiebeschaffung relativ schnell von Russland auf andere Lieferanten verlagern; dies geschah aber zu deutlich höheren Preisen. Laut dem finnischen Statistikamt fĂŒhrte der Übergang zu einem Anstieg der Ölimportkosten um 109 Prozent auf rund sechs Milliarden Euro allein im Jahr 2022.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum Stubb auf Distanz zum „wertebasierten Idealismus“ geht, wenn er einen „wertebasierten Realismus“ propagiert und realpolitisch (was fĂŒr eine Überraschung!) freimĂŒtig eingesteht: „Und selbst im globalen Westen wird das Streben nach Sicherheit und die Verteidigung der SouverĂ€nitĂ€t es gelegentlich unmöglich machen, strikt an liberalen Idealen festzuhalten“ (And even within the global West, the pursuit of security and the defense of sovereignty will occasionally make it impossible to strictly adhere to liberal ideals).

Diese Erkenntnis kommt spĂ€t, womöglich zu spĂ€t. Dessen ungeachtet kann man Stubb und seinen Landsleuten viel GlĂŒck wĂŒnschen und nur zurufen: Willkommen in der RealitĂ€t, Herr PrĂ€sident!

Anmerkungen

1. NĂ€heres dazu Silnizki, M., Die „regelbasierte Ordnung“ und der „Globale SĂŒden. Zur Frage der nichtwestlichen Perzeption des Ukrainekonflikts. 13. MĂ€rz 2023, www.ontopraxiologie.de.
2. Genscher, H.-D., Vorwort, in: Brzezinski, Z., Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Aus dem Amerikanischen Angelika Beck. Mit einem Vorwort von Hans-Dietrich Genscher. Frankfurt 21999, 13.
3. NĂ€heres dazu Silnizki, M., Im WĂŒrgegriff der Gewalt. Wider Apologie der „Weltgewaltordnung“. 30. MĂ€rz 2022, www.ontopraxiologie.de.
4. Zitiert nach Silnizki (wie Anm. 3).
5. Vgl. Silnizki (wie Anm. 1).
6. NĂ€heres dazu Silnizki, M., Von der BipolaritĂ€t ĂŒber die UnipolaritĂ€t zur MultipolaritĂ€t? Zur Frage der
Transformation der Transformation. 24. Juli 2023, www.ontopraxiologie.de.
7. Zitiert nach Silnizki, M., UnipolaritĂ€t oder MultipolaritĂ€t? Zur Frage nach dem „Myth of Multipolarity“.
31. Mai 2023, www.ontopraxiologie.de.
8. Zitiert nach Silnizki (wie Anm. 7).
9. Kaufmann, A., Es ist das Recht der Fische zu schwimmen, und das der grĂ¶ĂŸeren Fische, die kleineren zu
Fressen, in: Volkmar Schöneburg (Hrsg.), Philosophie des Rechts und das Recht der Philosophie. FS f.
Hermann Klenner. Berlin/Bern/New York/Paris/Wien 1993, 7-13.
10. Zitiert nach Kaufmann (wie Anm. 9), 7 f.
11. Silnizki, M., Außenpolitisches Denken in Russland. Im Strudel von Geopolitik und IdentitĂ€tsdiskurs.
Berlin 2018, 98 ff.

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