Die Rückkehr des Militarismus in Deutschland und Europa
Übersicht
1. Aus der Geschichte nichts gelernt?
2. Ideologisch gewonnen, militärisch verloren?
3. Welche Ukraine verteidigt die Bundesregierung?
Anmerkungen
„He (Pistorius) insisted that troops from Germany … would be willing to kill Russian soldiers
in the event of an attack by Moscow on a Nato member state.“
(Er (Pistorius) bestand darauf, dass deutsche Truppen … im Falle eines Angriffs Moskaus
auf einen Nato-Mitgliedsstaat bereit wären, russische Soldaten zu töten.)
(Pistorius´ Interview, 13. Juli 2025)1
1. Aus der Geschichte nichts gelernt?
„Deutsche Politiker reden wieder einmal von Sicherheit. Deutschlands Autoritäten haben in diesem Jahrhundert stets von Sicherheit geredet, die ihre Politik dem Volk gewähre. Doch ihre >Sicherheit< war eine trügerische.“ Wie aktuell klingen doch die zitierten Sätze, die Helmut Wolfgang Kahn in seinem trotzigen Buch „Die Russen kommen nicht“ vor sechsundfünfzig Jahren 1969 niedergeschrieben hat.2
Und es sieht so aus, als wäre die Zeit seitdem stehen geblieben und wir uns inmitten des „Kalten Krieges“ befinden. Erneut beschwören wir die „russische Gefahr“, vor der wir uns schützen müssen. „Zwei katastrophal verlorene Weltkriege hat Deutschland hinter sich“, schreibt Kahn (ebd.) weiter. „Es verlor sie, weil seine Machthaber die Realitäten nicht anerkennen wollten. In den ersten schlitterten die ehrenwerten Herren des Wilhelminischen Reiches mit Kriegszielen, die jeden Wirklichkeitssinn vermissen ließen. Danach wollte man die Niederlage nicht wahrhaben. Die Nazis machten sich daran, die entstandenen Realitäten gewaltsam zu verändern, unterschätzten wieder Deutschlands Umwelt und verloren den zweiten.“
Und heute? Heute lassen die deutschen und europäischen Macht- und Funktionseliten schon wieder jeden Wirklichkeitssinn vermissen und weisen ihre Mitverantwortung für den Ukrainekonflikt, den sie infolge ihrer seit dem Ende des Ost-West-Konflikts dreißig Jahre andauernden Nato-Expansionspolitik mitverschuldet haben, weit von sich.
Sie versuchen die Einhegung des Krieges nicht mit diplomatischen Mitteln, sondern ganz im Gegenteil mit einer exzessiven Aufrüstung, Militarisierung und Mobilisierung der Gesellschaft gegen die vermeintliche „russische Gefahr“ getreu dem altbewährten Schlachtruf zu erreichen: „Die Russen kommen! Die Russen kommen!“ (The Russians Are Coming! The Russians Are Coming), wie die US-Filmkomödie aus dem Jahr 1966 lautete.
Sie lassen nicht nur jeden Wirklichkeitssinn vermissen, sondern reden sich und der Bevölkerung auch ein, Deutschland und ganz Europa auf einen möglichen Krieg gegen Russland vorbereiten zu müssen.
Wollen diese „ehrenwerten Herren“ schon wieder in den Krieg gegen Russland ziehen? Überschätzen sie nicht schon wieder ihre militärische und ökonomische Potenz? Und unterschätzen sie nicht erneut die geopolitischen und geoökonomischen Realitäten, denen sie samt der bundesdeutschen und EU-europäischen Bevölkerung nicht einmal mental gewachsen sind?
Unter dem Vorwand der „russischen Gefahr“ geben sie einer massiven Wiederaufrüstung Vorrang vor einer diplomatischen Lösung des Ukrainekonflikts und verklären die Militarisierung der Außenpolitik als „Sicherheitspolitik“.
Die deutsche und europäische Außen- und Russlandpolitik wird zunehmend in militärischen Kategorien gedacht und propagiert. Nichts gefährdet den Frieden in Deutschland und Europa mehr als das Denken in Feindesbildern und Hassschüren gegen „die“ Russen. Wem nützt es? Nur den Ewiggestrigen, die immer lauter werden, selbstbewusster auftreten und glauben, Revanche an den zwei verlorenen Kriegen nehmen und Vergeltung für die erlittenen „Demütigungen“ während der Teilung Deutschlands und Europas im „Kalten Krieg“ üben zu können.
Diese Abenteurer sind wie jene Halbstarken aus den USA, die sich immer wieder zu Wort melden und stets vor dem Nato-Zerfall angesichts der akuten „russischen Gefahr“ warnen. Sie spielen die Angstkarte mit hohem Einsatz aus.
Neuerlich haben die drei Autoren, Andreas Kendall-Taylor, Jim Townsend und Kate Johnston, eine angstschürende und mutmaßlich von US-Hardlinern bestellte Studie unter dem Titel „How Russia Could Exploit a Vacuum in Europe“ (
Wie Russland ein Vakuum in Europa ausnutzen könnte) vorgestellt, in der sie bereits im Untertitel vor den „Gefahren eines raschen Abzugs der amerikanischen Truppen“ (The Dangers of a Rapid Drawdown in American Forces) eindringlich warnten und der Trump-Administration nahelegten, eine viel zu freundliche US-Russlandpolitik aufzugeben und zur altbewährten Abschreckungspolitik zurückzukehren.
Scharf griffen sie Trumps Vertrauten, Steve Witkoff, an, der in einem Interview mit dem unter US-Konservativen populären Journalisten, Tucker Carlson, sagte: Es sei „absurd“ (preposterous) zu glauben, dass Russland „durch Europa marschieren“ (march across Europe) werde.
„Selbst wenn Moskau nicht durch Europa marschiert, wird Russland eine Bedrohung für die Nato darstellen“, widersprechen unsere Kritiker Witkoffs Auffassung mit Verweis auf „mehrere europäische Geheimdienste“, die zum Schluss gekommen seien, dass Russland sich auf eine weitere Aggression vorbereite, sodass Washington es sich gar nicht leisten könne, seine Präsenz in Europa schnell zu reduzieren.
Unter der Überschrift „Ein höchst gefährliches Spiel“ (A most dangerous game) warnen die Hardliner zum Schluss ihrer Auslassungen erneut dringend vor einem US-Abzug aus Europa, da der Kreml darin „eine goldene Gelegenheit“ (a golden opportunity) sehen würde, Europa anzugreifen.
Ein US-Rückzug würde den Kreml ermutigen und das Risiko eines weiteren Krieges erhöhen. Der beste Weg, einen zukünftigen Krieg in Europa zu verhindern, bestehe darin, dafür zu sorgen, dass Moskau es nie wage, einen Krieg zu beginnen.
Diese Kriegshysterie hat mit der geopolitischen und geoökonomischen Realität in Europa nicht im Geringsten etwa zu tun. Das sind Provokateure unterwegs, die daherreden. Sie sind unter uns, um Kriegsangst zu schüren, statt zu deeskalieren, und Volksverdummung zu betreiben, statt die Bevölkerung aufzuklären. Aus der Geschichte haben sie nichts gelernt!
- 2. Ideologisch gewonnen, militärisch verloren?
Nicht nur viele Deutsche, ebenso viele EU-Europäer, sind anfällig für diese Art von Manipulation und Kriegspropaganda. Sie haben immer noch nicht begriffen, wie sehr die EU-europäischen Machteliten die Völker Europas auf einen Krieg gegen Russland vorbereiten. Die transatlantischen Macht- und Funktionseliten haben Ende der 1980er-Jahre einen ideologischen Sieg über den Sowjetkommunismus errungen und nun träumen sie davon, einen militärischen Sieg über das russische Rumpfimperium zu erzielen, um endlich den jahrhundertalten geopolitischen Traum eines gewissen Sir Halford Mackinders (1861-1947) von der Beherrschung des sog. „Heartland“ zu verwirklichen.
Allmählich dämmert es aber bei Ihnen, ohne es der EU-europäischen Bevölkerung zugeben zu wollen, dass der Ukrainekonflikt für sie militärisch verloren geht. Ganz gezielt und bewusst treiben sie daher aus Angst vor den zu erwartenden Folgen der Kriegsniederlage die Militarisierung der deutschen und europäischen Gesellschaften unter dem vordergründigen Vorwand einer vermeintlichen „russischen Gefahr“ voran und verkaufen ihnen damit die „Sicherheit“ in Europa gewährleisten zu können.
Ihre „Sicherheit“ wird jedoch eine trügerische sein, wie die vergangenen 300 Jahre der europäischen Geschichte gezeigt haben. Alle hundert Jahre unternahmen die europäischen Großmächte einen Feldzug gegen Russland.
Vom Russlandfeldzug von Karl XII. im Großen Nordischen Krieg (1700-1721) über Napoleons Feldzug (1812) bis zum „totalen Krieg“ Nazideutschlands gegen die Sowjetunion (1941-1945) erstreckt sich die blutige Spure der Vernichtung der slawischen „Untermenschen“.
Ist jetzt etwa ein neuer Russlandfeldzug überfällig? Nicht ganz! Hundert Jahre wurden seit dem Ende des letzten noch nicht erreicht. Zunächst üben wir uns im Proxykrieg auf ostslawischem Boden namens Ukraine zur Verteidigung „unserer Freiheit“ und „unserer Lebensart“. Denn „Putins Krieg richtet sich nicht nur gegen die Ukraine, sondern auch gegen Europa – gegen unsere Sicherheit und unsere Freiheit“, belehrt uns der Bundeskanzler, Friedrich Merz.
Und bei der internationalen Wiederaufbaukonferenz in Rom (10./11.07.25) versprach Merz Selenskyj hochtrabend: „Unsere Unterstützung für ihr Land ist unerschütterlich“. An die Adresse Putins fügte er hinzu: „Wir werden nicht aufgeben.“ Bis zum „Endsieg“? Will Merz mit seiner rot-schwarzen Koalitionsregierung Deutsche und die Nato-Verbündeten für das letzte Gefecht zur „Befreiung“ der Ukraine von den russischen Invasoren mobilisieren?
Wenn man dem amtierenden Verteidigungsminister, Boris Pistorius, zuhört, dann klingt diese Frage alles andere als abwegig. Im Vorfeld seiner Reise nach Washington veröffentlichte die Financial Times (FT) am 13. Juli 2025 ein Interview mit Pistorius unter dem Titel „German defence minister calls on arms makers to deliver“, in dem dieser u. a. stolz verkündete: Berlin strebe an, seine jährlichen Verteidigungsausgaben bis 2029 auf 152,8 Milliarden Euro beinahe zu verdreifachen. Und die EU mobilisiert darüber hinaus „800 Milliarden Euro für die Wiederaufrüstung.“3
Und das in Friedenszeiten!? So viel Geld gibt nicht einmal das sich im Krieg befindende Russland aus. Wozu braucht Pistorius so viel Geld? Seine Begründung für die angekündigten astronomischen Ausgaben ist unglaubwürdig. Er wolle Deutschland mehr „Sicherheit“ gewährleisten. Aus einem Bericht von Politico ist allerdings zu entnehmen, dass es der deutschen Bundesregierung mehr als nur um Deutschlands „Sicherheit“ geht. Sie möchte vielmehr massiv in den Ukrainekrieg investieren.
Wie Politico in ihrem Beitrag „How Europe found a workaround to get Trump to help Ukraine“ am 15. Juli 2025 berichtete, stammte die Idee einer europäischen Finanzierung der US-Waffen für die Ukraine von der deutschen Bundesregierung, und zwar persönlich vom Bundeskanzler, Friedrich Merz. „Hinter vorgehaltener Hand erklären deutsche Beamte, die Initiative sei eine deutsche Idee“, schreibt Politico und zitiert Merz mit den Worten: „Merz sagte, er habe in den letzten Tagen mehrfach mit Trump Kontakt gehabt und ihm versichert, Deutschland werde bei der Versorgung Kiews mit US-Waffen >eine entscheidende Rolle spielen<“.
„Wir tun dies in unserem eigenen Interesse. Es wird der Ukraine helfen, sich gegen den russischen Bombenterror zu verteidigen. Nur so können wir den Druck auf Moskau erhöhen, endlich über Frieden zu verhandeln. Endlich zeigen wir, dass wir als sicherheitspolitische Partner an einem Strang ziehen,“ zitiert Politico den Bundeskanzler.
Es geht mit anderen Worten nicht so sehr um Deutschlands „Sicherheit“, als vielmehr um eine massive Wiederaufrüstung bzw. Kriegsfinanzierung der Ukraine auf Kredit und/oder mit den Geldern der deutschen Steuerzahler. Das ist freilich nicht im Sinne des Erfinders!
Dass Merz dreieinhalb Jahre nach dem Kriegsausbruch zudem immer noch glaubt, mit einer massiven Kriegsfinanzierung „den Druck auf Moskau (zu) erhöhen, endlich über Frieden zu verhandeln“, ist nicht nachvollziehbar.
Da kann man sich nur an den Kopf fassen und mit Max Weber fragen: Regiert uns „eine Horde Irrsinniger“4?
Im Kontext dieser Kriegsfinanzierung passt auch Pistorius´ Behauptung, dass eine Mehrheit der Bevölkerung laut Umfragen höhere Verteidigungsausgaben sowie die Einführung einer freiwilligen Wehrpflicht im nächsten Jahr befürworte. „Dieser Mentalitätswandel ist in vollem Gange“, beteuert der Minister, vergisst aber der Financial Times mitzuteilen, dass die Bundeswehr nicht einmal in der Lage ist, die erforderlichen sechzig Tausend neue Soldaten zu rekrutieren.
Umso irritierender ist Pistorius´ hochtrabende und völlig realitätsferne Aussage: „Ich war immer davon überzeugt, dass man nur aus einer Position der Stärke heraus auf Augenhöhe über Frieden und Entspannung sprechen kann.“
Will der Minister mit einer nuklearen Supermacht Russland „aus einer Position der Stärke heraus“ reden? Bescheidenheit ist nicht seine Sache! Und weil das so ist, vergreift er sich gänzlich im Ton, als er mit Verweis auf die Einweihung einer ständigen Brigade deutscher Soldaten in Litauen in diesem Jahr einen ziemlich deplatzierten Vergleich machte: „Die Briten, die Amerikaner und die Franzosen waren in Deutschland, um unsere Ostflanke zu schützen … Und heute bilden Litauen, die baltischen Staaten und Polen die Ostflanke, und wir müssen dort unseren Beitrag leisten.“
Russland ist heute keine Sowjetunion und der Ost-West-Konflikt ist lange vorbei, Herr Minister. Es gibt keinen „Westen“ mehr, weil es keinen „Osten“ mehr gibt. Russland ist kein „Osten“, sondern eine eurasische Großmacht, die es sich nicht mehr gefallen lässt, die sog. „Ostflanke“ um die Ukraine zu erweitern.
Die bereits um „die baltischen Staaten und Polen“ erweiterte sog. „Ostflanke“ war bekanntlich zu Zeiten des „Kalten Krieges“ sozusagen die „Westflanke“ des „Ostens“. Die Zeiten der Erweiterung der „Ostflanke“ sind spätestens mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine unwiderruflich vorbei. Das hat Pistorius entweder immer noch nicht begriffen oder nicht begreifen wollen.
Zugleich betonte er laut FT, dass deutsche Truppen, die als Reaktion auf die Schrecken des Zweiten Weltkriegs jahrelang eine Kultur der militärischen Zurückhaltung gepflegt hatten, im Falle eines Angriffs Moskaus auf einen Nato-Mitgliedsstaat bereit wären, „russische Soldaten zu töten“. „Wenn Abschreckung nicht funktioniert und Russland angreift, wird es passieren? Ja“, sagte Pistorius. Diese Entgleisung hätte einem deutschen Verteidigungsminister von Format eines Helmut Schmidt (1969-1972) in Zeiten einer „Kultur der militärischen Zurückhaltung“ nicht passieren können.
In Russland wurde auf diesen Affront mit Befremden reagiert. Sprechen Deutsche wieder von der Russentötung? Ausgerechnet von einem deutschen Verteidigungsminister müssen die Russen sich das anhören. Nun ja, die Zeiten sind lange vorbei, in denen die deutsche Machtelite der Überzeugung war, dass „von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen soll“.
Heute wird es, wie man sieht, allmählich salonfähig zu sagen: Wir würden „russische Soldaten töten“! Das geschieht im Übrigen schon jetzt mit deutschen Waffen, die tonnenweise in die Ukraine geliefert werden.
Die deutsche Kriegsgeneration ist leider nicht mehr unter uns und kann den Nachgeborenen das Elend und die Grausamkeit des Krieges nicht mehr vermitteln. Der US-Außenminister, Alexander M. Haig (1981-1982), sagte einmal, dass er für den sowjetischen Generalsekretär, Leonid Breschnews „Gesundheit bete“, nicht weil er Anhänger des Sowjetsystems war, sondern „weil das nächste Gespann sowjetischer Führer aus Männern bestehen werde, >die Krieg nie kennengelernt haben und für die Stalingrad ein Filmtitel ist<“.
Deshalb glaubte Haig, „dass sie die Vereinigten Staaten unbekümmerter herausfordern werden, und zwar so lange, >bis wir wieder stark genug sind<.“5 Die Ironie des Schicksals wollte es, dass an Stelle der Männer der untergegangenen Sowjetunion jene Männer der transatlantischen Nachkriegsgeneration wie Merz, Wadephul, Pistorius (und wie sie auch immer heißen mögen) treten, die in ihrer unfassbaren Unbekümmertheit eine nukleare Supermacht herausfordern wollen, der sie militärisch nicht einmal annähernd gewachsen sind.
Diese unerträgliche Leichtigkeit des Seins kann nur damit erklärt werden, dass sie – um Haigs Worte zu wiederholen – Krieg „nie kennengelernt haben und für die Stalingrad ein Filmtitel ist“. Sie haben offenbar keine Kriegsangst mehr, in die Konflikte der nuklearen Supermächte wie zurzeit des „Kalten Krieges“ hineingezogen zu werden. Oder sie wiegt sich in der trügerischen Hoffnung vom Artikel 5 des Nato-Vertrags beschützt zu werden.
Diese Herrschaften begreifen nicht, dass der Nato-Vertrag samt aller ihrer Paragraphen und Artikel lediglich ein Abkommen auf dem Papier ist, das ihre Realisierbarkeit erst unter Beweis stellen muss.
Ob die US-Amerikaner welcher politischen Couleur auch immer auf die Gefahr der eigenen Selbstvernichtung für die EU-Europäer sterben wollen, steht indes in den Sternen.
3. Welche Ukraine verteidigt die Bundesregierung?
Wissen Merz, Wadephul, Pistorius und Co., welche Ukraine sie mit ihrer Kriegsfinanzierung unterstützen und wogegen Russland seit dreieinhalb Jahren einen Krieg führt, der angeblich auch „gegen Europa“ und „unsere Freiheit“ gerichtet ist? Denn „Putins Krieg richtet sich nicht nur gegen die Ukraine, sondern auch gegen Europa – gegen unsere Sicherheit und unsere Freiheit“, belehrt uns Merz!
Nein, das wissen sie nicht und wollen es vermutlich auch nicht wissen, da sie sich im Besitz einer „neuen“ Ideologie, die ziemlich alt ist, befinden, die da lautet: „Alles Übel kommt aus Russland“. Unter diesem Titel hat Der Spiegel bereits vor dreiundfünfzig Jahren am 15. Oktober 1972 einen Bericht veröffentlicht.
Im Gegensatz zu den Zeiten des Ost-West-Konflikts gibt es allerdings einen „kleinen“ Unterschied. Heute „verteidigen“ wir „unsere Freiheit“ gemeinsam mit den „guten“ Ostslawen, die sich „Ukrainer“ nennen und angeblich unsere „westliche Werte“ hochhalten, gegen die „bösen“ Ostslawen, die sich „Russen“ nennen und „Putins Russland“ verteidigen.
Die Frage ist nur, ob die Ukraine heute tatsächlich unsere „westlichen Werte“ verteidigt? Zweifel sind angebracht. Seit der Gründung der Ukraine als souveräner Staat nach dem Untergang des Sowjetreiches 1991 ist sie auf der Suche nach einer Neuschaffung bzw. Neudefinition des ukrainischen Nationalbewusstseins.6
Diese Suche ging von Anfang an Hand in Hand mit der Heroisierung der ukrainischen Nationalisten, die im Zweiten Weltkrieg mit Nazideutschland kollaborierten.
Gleich zu Beginn der ukrainischen Eigenstaatlichkeit findet seit August 1991 ein Prozess der Heroisierung der ehem. Führer der nationalistischen Bewegung der 1920er-/1940er-Jahre statt. In der westukrainischen Stadt Kolomea (Oblast Iwano-Frankiwsk) wurde eine der ersten Büsten zu Ehren von Stepan Bandera errichtet.
Bis heute wurden mehr als 45 Monumente zu Ehren Banderas gegründet, sechs Museen eröffnet und rund 50 Straßen in der Ukraine zu Bandera-Straßen umbenannt (Stand: 25. Dezember 2024). Auf der Suche nach der eigenen ukrainischen Identität unternahmen die ukrainischen Nationalisten nach dem Zerfall des Sowjetreiches den Versuch, Bandera, UPA und OUN als Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit zu verklären, wohl wissend, dass die ideologische Übereinstimmung zwischen Bandera und den Nazis frappierend war.
Der russische Historiker, Ilija Altmann, weist in seinem Werk „Opfer des Hasses. Der Holocaust in der UdSSR 1941-1945“ (2008) nach, dass die Pläne der OUN inhaltlich an die >Endlösung der Judenfrage< der Nazis anknüpfen. Noch vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht lautete der Beschluss eines OUN-Kongresses im April 1941: „Die Juden sind die am meisten ergebene Stütze des bolschewistischen Regimes und die Avantgarde des Moskauer Imperialismus in der Ukraine. OUN kämpft gegen die Juden, weil sie die Stütze des Moskauer bolschewistischen Regimes sind, gleichzeitig wird den Volksmassen erklärt, dass Moskau der Hauptfeind ist.“
Im Mai 1941 heißt es in einer Instruktion „Zum Kampf und der Tätigkeit der OUN während des Krieges“, dass „Juden im Gegensatz zu Polen und Russen auch in der Phase nach dem Krieg nicht assimilationsfähig sind, sie also vernichtet oder zwangsumgesiedelt werden müssten.“7
Der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko (2005-2010) verlieh kurz vor Ende seiner Amtszeit Bandera die höchste Auszeichnung des ukrainischen Staates: den Titel „Held der Ukraine“. Den gleichen Titel verlieh Juschtschenko dem Kriegsverbrecher und Oberbefehlshaber der „Ukrainischen Aufstandsarmee“ (UPA), Roman Schuchewytsch (1907-1950), bereits am 12. Oktober 2007.
Erst die Ehrung Banderas löste 2010 eine Welle der Empörung im Ausland als auch in der Ukraine selbst aus. Das EU-Parlament protestierte mit einer Resolution gegen Banderas Glorifizierung. Mehrere jüdische Organisationen, darunter das Simon-Wiesenthal-Zentrum, verurteilten die Ehrung und wiesen darauf hin, dass Bandera Mitschuld am Tod von Tausenden Juden trage.8
Mit Petro Poroschenko, der nach dem Staatsstreich 2014 zum ukrainischen Staatspräsidenten am 7. Juni gewählt wurde, erreichte die Ehrung der OUN und UPA einen vorläufigen Höhepunkt. Am Tag der Gründung der UPA, dem 14. Oktober 2014, erlies Poroschenko einen Ukas zur Einführung eines neuen Feiertags zu Ehren der Verteidiger der Ukraine.
Im April 2015 hat das ukrainische Parlament das Gesetz „Über den rechtlichen Status der Teilnehmer des Kampfes für die Unabhängigkeit der Ukraine im 20. Jahrhundert“ eingenommen, das die OUN und UPA als Organisationen anerkannt hat, die „für die Unabhängigkeit der Ukraine im 20. Jahrhundert gekämpft haben.“
Das Gesetz legte fest, dass der Staat die Einrichtung von Memorialen, die Wiederherstellung von Denkmalen und die Verewigung der Namen und Pseudonymen der Kämpfer fördern soll.
In Zeiten der ausgerufenen „Zeitenwende“ in Deutschland, des grassierenden Russenhasses in der EU und der Machtergreifung der ukrainischen Nationalisten 2014 ist Bandera in der Ukraine und in Europa längst salonfähig geworden. Von Empörung und Entsetzen fehlt jede Spur!
Schlimmer noch: Das demokratische Europa und allen voran die Bundesregierung mit dem Bundeskanzler, Friedrich Merz, an der Spitze unterstützen die ukrainischen Antidemokraten tatkräftig mit dem Geld der deutschen Steuerzahler in ihrem „gerechten Hass“ gegen Russen und „Putins Russland“, tolerieren die Exzesse des ukrainischen Ultranationalismus und seine brutalen Menschenrechtsverletzungen und liefern der Ukraine tonnenweise Waffen in ihrem „gerechten Krieg“ gegen die russischen Invasoren.
Wie schlimm es mit der Demokratie und den Menschenrechten in der Ukraine heute bestellt ist, berichtet der britische Historiker, Owen Matthews, in seinem am 17. Juli 2025 veröffentlichten Beitrag in der britischen Wochenzeitschrift The Spectator.
Resümierend schreibt er am Schluss seines Beitrages: „Am besorgniserregendsten ist, dass kein Außenstehender die Spirale der Verhaftungen ehemaliger Regimetreuer, des harten Vorgehens gegen die Oppositionsmitglieder und der Schließung von Medienkanälen umkehren kann, die das Vertrauen der Ukrainer in die Kriegsanstrengungen und Selenskyjs Führung so stark untergraben.“
Derartige Veröffentlichungen würden freilich die EU-Machteliten und die Eurokraten nicht sonderlich beeindrucken. Ganz im Gegenteil: Heute sind sie mit Ursula von der Leyen an der Spitze ganz stolz darauf, zusammen mit den ukrainischen Nationalisten „Слава Україні“ (Ruhm der Ukraine) zu rufen. Wenn sie diese Begrüßung so bedenkenlos verwenden, dann sollten sie wenigstens deren Entstehungsgeschichte kennen.
Laut dem Historiker Alexander Zaitsev verbreitete sich diese Begrüßung in den 1930er-Jahren und wurde zum Slogan der OUN.9 Während des zweiten Kongresses in Rom im August 1939 übernahm die OUN offiziell den Gruß „Slawa der Ukraine! Slawa dem Führer!“, verbunden mit dem Erheben der rechten Hand.10
Eine ähnliche Geste zeigten bekanntlich auch die NSDAP, die italienischen Faschisten, die Ustascha in Kroatien, die Falangisten in Spanien und die Hlinka-Garde in der Slowakei. Dass dieser Gruß eine Anlehnung an den Nazi-Gruß war, steht wohl außer Frage.
Wissen unsere Koalitionäre, wen sie da unterstützen? Wollen sie das überhaupt wissen? Wenn es darum geht, „russische Soldaten zu töten“, kann ein solches Wissen nur störend sein.
Anmerkungen
1. German defence minister calls on arms makers to deliver. Laura Pitel and Anne-Sylvaine Chassany in
Berlin. Financial Times, 13. Juli 2025.
2. Kahn, H. W., Die Russen kommen nicht. Fehlleistungen unserer Sicherheitspolitik. München/Bern/Berlin
1969, 13.
3. Stelter, D., Teure Illusion, in: Handelsblatt, 14. Juli 2025, S. 8.
4. Weber, M., Der verschärfte U-Bootkrieg, in: ders., Gesammelte politische Schriften (Hg. J. Winckelmann).
Tübingen 1958, 143-151 (143 FN 1); näheres dazu Silnizki, M., Regiert uns „eine Horde Irrsinniger“? Zur
Frage nach dem Wahnsinn der Vernunft. 19. Oktober 2024, www.ontopraxiologie.de.
5. Zitiert nach Flora Lewis, Wenn Europa an Krieg denkt, in: Bittorf, W. (Hg.), Nachrüstung. Der Atomkrieg
rückt näher. Hamburg 1981, 199-201 (199).
6. Zum Nachfolgenden Silnizki, M., Der ukrainische Nationalismus: gestern und heute, in: des., Das andere
Gesicht der Ukraine-Krise. Im Spannungsfeld zwischen Geschichte und Gegenwart. 18. Mai 2025,
www.ontopraxiologie.de.
7. Salomon, L./Hobe, I./Tulatz, H., Nazikollaborateur als neuer Held der Ukraine, Beiträge – jüdisches Berlin,
1. April 2010.
8. Vgl. Salomon (wie Anm. 7).
9. Александр Зайцев, Споры о Бандере: размышления над книгой Гжегожа Россолиньского-Либе Жизнь и посмертная жизнь украинского националиста (Grzegorz Rossolinski-Liebe: Stepan Bandera — The Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist). Форум новейшей восточноевропейской истории и культуры. Русское издание. Т. 12 (2015), С. 282 ff.
10. Павло Гай-Нижник Самолегітимізація ОУН(р) і визначення моделі майбутньої Української Держави на ІІ Великому зборі ОУН (квітень 1941 р.) Архивная копия от 27 ноября 2018 на Wayback Machine. Вісник Львівського університету. Серія історична. — Вип.53. До 75-річчя Української Повстанської Армії. Львів: ЛНУ ім. Івана Франка, 2017, С.286-310.