Im Wettstreit der geoökonomischen Machtinteressen
Übersicht
- Die „Donroe“-Doktrin
- Zwischen die Fronten geraten
- Währungswettbewerb und monetäre Transformation der Weltwirtschaft
Anmerkungen
„Maduro hat wiederholt erklärt, dass das wahre Ziel der derzeitigen US-Administration darin besteht, sich
ihr Öl und andere Ressourcen anzueignen. Und Trump versucht es nicht einmal zu verbergen. … Dann
sagen wir unseren >Genossen aus dem sonnigen Pindostan< (ein sarkastischer russischer Begriff für
Amerika) ganz offen: Jetzt haben sie nicht einmal mehr einen Grund, unserem Land formell
Vorwürfe zu machen.“
(Dmitrij Medwedew, 4. Januar 2026)
„Trump demands Venezuela kick out China and Russia, partner only with US on oil: Exclusive“
(Trump fordert Venezuela auf, China und Russland auszuschließen und nur noch mit den USA
im Ölgeschäft zusammenzuarbeiten: Exklusiv)
(ABC News, 6. Januar 2026)
„Die USA beschlagnahmten am Mittwoch zwei mit Venezuela in Verbindung stehende Öltanker, darunter einen
unter russischer Flagge fahrenden Öltanker Marinera, der früher als Bella-1 bekannt war und im Dezember
eine US-Blockade umgangen habe…. Russische Militärschiffe befanden sich zum Zeitpunkt des Geschehens
in der Nähe.“
(ABC News, 7. Januar 2026, 13:46 Uhr)
1. Die „Donroe“-Doktrin
Dass das geltende UN-Völkerrecht, sofern es um Krieg und Frieden geht, längst seine Bedeutung in den zwischenstaatlichen Beziehungen verloren hat, ist eine Binsenwahrheit. Bereits kurz nach dem Kriegsausbruch im Irak beobachtete Nico Krisch 2004 eine sich seit Langem angebahnte Entwicklung, dass nämlich die USA seit dem Ende der 1990er-Jahre „zunehmend als rechtloser Hegemon (erscheinen), der sich vom Völkerrecht zurückzieht und es bricht, wann immer es ihn stört.“1
Aus historischer Perspektive gab es zwar seitens eines jeden Hegemonen schon immer Versuche, „das Völkerecht zu nützen, um es umzugestalten, um dauerhaft eine Ordnung nach hegemonialen Vorstellungen zu errichten“ (ebd.). Ein Hegemon werde aber – in den Worten Heinrich Triepels – immer „bestrebt sein, seine Führerschaft durch irgendeine rechtliche Ordnung bestätigt oder gefestigt zu sehen“.2
Was wir aber jetzt im Falle der offen zur Schau gestellten Entführung des venezolanischen Staatsoberhaupts durch die USA erleben durften, ist etwas ganz anderes. Es ist nämlich kein Bestreben des US-Hegemonen „seine Führerschaft durch irgendeine rechtliche Ordnung bestätigt oder gefestigt zu sehen“. Ganz im Gegenteil: Die rechtliche Ordnung wird von der Trump-Administration offen und ungeniert außer Kraft gesetzt und stattdessen eine raue Macht zur Schau gestellt und zelebriert, um nicht zuletzt die konkurrierenden Großmächte China und Russland davor zu warnen, sich im US-Hinterhof breitzumachen.
Hier geht es weniger um die Etablierung eines neuen Hegemonialrechts, da die USA spätestens seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine ihre Hegemonialstellung eingebüßt haben3, als vielmehr um eine Machtdemonstration, die den geopolitischen Rivalen klarmachen sollte, dass ihre geopolitischen und geoökonomischen Ambitionen dort enden, wo die USA für sich ihren Einflussbereich abgesteckt und definiert haben.
An Venezuela hat Trump mit seiner sog. „Donroe“-Doktrin ein Exempel statuieren und zugleich den geopolitischen Rivalen die Grenzen aufzeigen wollen. Der gelungene Neologismus stammt von der New York Post vor einem Jahr4, die ihn ironisch im Hinblick auf die Monroe-Doktrin entwickelte und den neuen Namen „Donroe“ gab, indem sie einfach den Anfangsbuchstaben „M“ (Monroe) durch „D“ (Donald) ersetzte. Der eitle und selbstverliebte Trump fühlte sich von der neuen Wortschöpfung anscheinend derart geschmeichelt, dass er den Namen nach der Entführung des Venezolaners selbst aufgegriffen hat.
Die beiden Doktrinen konnten freilich nicht unterschiedlicher sein. Postuliert die vom US-Präsident, James Monroe (1817-1825), 1823 verkündete Doktrin drei unverrückbaren Prinzipien der US-Außenpolitik: „Unabhängigkeit aller amerikanischen Staaten; Nichtkolonisation in diesem Raum; Nichtintervention außeramerikanischer Mächte in diesem Raum“,5 so postuliert Trump mit seiner „Donroe“-Doktrin“ ein einziges unverrückbares Prinzip der US-Außenpolitik: Handelsverbot raumfremder Mächte in der westlichen Hemisphäre, sofern und sobald sie den geoökonomischen Macht- und Handelsinteressen der USA zuwiderlaufen.
Venezuela ist hier, so gesehen, nur zum Spielball der rivalisierenden Großmächte geworden. Vor unseren Augen zerfällt nicht nur die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bestehende UN-Völkerrechtsordnung, die geopolitisch schon längst keine Rolle mehr spielt, sondern auch und vor allem die unipolare Weltordnung, deren Teil Trump wenigstens für die westliche Hemisphäre zu retten sucht.
Mit Trumps zweiter Amtszeit wird dieser Zerfallsprozess endgültig abgeschlossen, selbst wenn die UN-Völkerrechtsordnung mit all ihren Institutionen formalrechtlich noch besteht.
Es geht jetzt um mehr als „nur“ ums UN-Recht, mehr als „nur“ um die Entführung eines Staatsoberhaupts. Wäre es nur ein lokales bzw. regionales Problem und ging es allein um die größten Ölvorkommnisse der Welt, wäre es noch halb so schlimm. All das ist zwar wichtig und richtig, aber nicht ausschlaggebend.
Ausschlaggebend ist vielmehr eine Neuordnung und Neuvermessung des globalen Raumes nach dem Ende des „unipolaren Momentums“ (Charles Krauthammer), wie die Trump-Administration bereits in ihrer Anfang Dezember des vergangenen Jahres veröffentlichten NSS 2025 angedeutet hat.6
Um unter den Trümmern der zerfallenen unipolaren Weltordnung nicht ganz begraben zu werden, versucht die Trump-Administration im vollen Bewusstsein dessen, dass dieser Zerfallsprozess nicht mehr aufzuhalten ist, diese Entwicklung selbst zu steuern und neu zu ordnen, und zwar mit altbewährten Mitteln der exzessiven Gewaltanwendung ohne Rücksicht auf Freund und Feind.
Alle Mittel seien aus Sicht von Trumps Amerika erlaubt, damit es nicht selber unter den Trümmern der abgewirtschafteten und nicht mehr überlebensfähigen US-Hegemonie begraben wird. Lieber selbst an der Spitze der Bewegung zu stehen als von den anderen bewegt zu werden, denkt sich Trumps Amerika. Die Frage ist freilich, ob Amerika unter Trump den Herausforderungen der Zeit noch gewachsen ist und ob das Amerika des nachunipolaren Zeitalters sich neu erfinden kann.
2. Zwischen die Fronten geraten
An Trumps Venezuela-Abenteuer lässt sich seine „Donroe“-Doktrin bei der „Neuerfindung“ Amerikas genau ablesen. Venezuela ist nämlich nicht einfach ein Krisenherd neben vielen anderen, sondern die Probe aufs Exempel, die dazu dienen sollte, den globalen Raum geoökonomisch neu zu ordnen.
Die USA handeln aus einem ganz klaren geoökonomischen Kalkül. Vor dem Hintergrund der immer enger werdenden militärischen, ökonomischen und politischen Beziehungen zwischen Russland, China und Venezuela fühlten sich die USA in ihren eigenen Hinterhof an den Rand gedrängt und sahen ihren Einfluss schwinden.
Getreu der neuen Sicherheitsdoktrin (NSS 2025), die die westliche Hemisphäre zu ihrem alleinigen Einflussbereich deklariert hat, konnte die Trump-Administration einen derartigen Einflussschwund nicht hinnehmen und tatenlos und schicksalergeben zusehen, wie ihre Machtstellung in der Karibik schwindet, und reagierte, wie gesehen, dementsprechend.
Im Vordergrund geht es um die größten Ölvorräte der Welt, die bekannt sind, im Hintergrund geht es aber um mehr als das, nämlich um eine geoökonomische Neuordnung des globalen Raumes und, damit eng verbunden, die Aufrechterhaltung und Sicherung der dollarbasierten Weltwirtschaftsordnung.
Mit dem Ende der unipolaren Weltordnung versucht Trump von der US-Hegemonie zu retten, was noch zu retten ist. Und da spielt Venezuela eine nicht unwesentliche Rolle, das seit Jahren unter ökonomischen und finanziellen Pressionen und Sanktionen seitens der USA steht.
Bereits vor gut zehn Jahren erklärte Obama am 9. April 2015 Venezuela, das lediglich 0,4% des US-BIP erwirtschaftete und gar keine Gefahr für die USA darstellte, zur Bedrohung der nationalen Sicherheit.
Obama erließ daraufhin eine neue „Executive Order“ bzw. ein Präsidialdekret, das auch ohne die Zustimmung des Kongresses Gesetzeskraft hat. Auf der Webseite des Weißen Hauses wurde das Dekret mit einem „nationalen Notstand“ gerechtfertigt, der durch eine „ungewöhnliche und außerordentliche Bedrohung für die nationale Sicherheit und die Außenpolitik der Vereinigten Staaten durch die Situation in Venezuela“ gegeben sei.
Ende August 2017 verschärfte die Trump-Administration ihrerseits die Wirtschaftssanktionen gegen Venezuela. Nach Angaben des Weißen Hauses erlies Trump ein Dekret, das den Handel mit neuen venezolanischen Staatsanleihen untersagt. Mit solchen Finanzsanktionen sollte die „Tyrannei“ von Präsident Nicolas Maduro gestoppt werden, erklärte das Präsidialamt in Washington. Betroffen war demnach auch der staatliche Ölkonzern PDVSA, der eine wichtige Einnahmequelle für das in einer tiefen Wirtschaftskrise steckende Land darstellt. Das Weiße Haus sprach hierbei von „starken neuen Finanzsanktionen gegen die Diktatur in Venezuela“.
Eine direkte Folge war, dass Venezuela seine Anleihen in Höhe von 60 Mrd. Dollar nicht refinanzieren konnte, sodass dem staatlichen Ölkonzern PDVSA sieben Mrd. Dollar zur Finanzierung der Erdölverarbeitenden Infrastruktur fehlten.
Ende Januar 2019 ordnete das US-Außenministerium an, dass alle nicht dringend benötigten US-Diplomaten den südamerikanischen Krisenstaat verlassen sollten. Gleichzeitig wurde der Oppositionsführer, Juan Guaidó, zum gewählten Präsidenten Venezuelas erklärt. Die Folge war die umgehende Einfrierung des venezolanischen Vermögens in Höhe von 342 Mrd. Dollar im Ausland (inclusive ein in Gold gelagertes Vermögen in Höhe von acht Mrd. Dollar bei der Bank von England).
Im März 2020 beschuldigte das US-Justizministerium Maduro offiziell in Drogenhandel verwickelt zu sein und bot für seine Verhaftung 15 Millionen Dollar an.
Kurzum: Im Zeitraum zwischen 2017 und 2020 blockierte die Trump-Administration Venezuelas Ölhandel, fror das Vermögen des staatseigenen Ölunternehmens PDVSA (darunter fiel auch das in den USA angesiedelte Tochterunternehmen Citgo Petroleum) ein, sanktionierte Venezuelas Zentralbank und verhängte ein Wirtschaftsembargo gegen Venezuela.
„Das Wirtschaftsembargo im August 2019, das jeglichen US-Unternehmen den Handel mit Venezuela untersagt, wurde mit Sanktionen verglichen, mit denen auch >Nordkorea, der Iran, Syrien und Kuba konfrontiert sind<.“7
Im Februar 2021 bestätigte die neue Biden-Administration alle Sanktionen der Trump-Administration und sanktionierte darüber hinaus ihrerseits noch zusätzlich 14 venezolanische Beamten. Ziel war eine ökonomische Destabilisierung und Beseitigung des „Maduro-Regimes“.
Venezuelas Wirtschaftskrise, die ab dem Jahr 2013 sich durch Hyperinflation, Versorgungsengpässe und Hungersnöte auszeichnete, wurde durch die US-Sanktionen dramatisch verschärft, wodurch die Armutsquote, die 2014 „nur“ über 50 Prozent gelegen, im Jahr 2020 rund 96 Prozent betragen hat. All das führte zu einer humanitären Katastrophe, in deren Folge bei fehlenden Medikamenten und Nahrungsmitteln rund 100.000 Tote dokumentiert wurden.
Und diese humanitäre Katastrophe geschah in einem der reichsten Länder der Welt. Dem Londoner Energy Institute zufolge besitzt Venezuela mit 303 Milliarden Barrel Öl rund 17 Prozent der weltweiten Öl-Reserven und liegt damit vor dem OPEC-Führer Saudi-Arabien.
Als Folge all dieser barbarischen und menschenverachtenden US-Sanktionen war nicht etwa der Zusammenbruch des „Maduro-Regimes“, sondern eine Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen mit den geopolitischen US-Rivalen Russland und China. Wie bedeutsam für Venezuela mittlerweile der Wirtschaftshandel insbesondere mit China geworden ist, zeigt sich allein schon daran, dass die Chinesen Venezuela Kredite bereits in Höhe von gut 70 Mrd. Dollar vergaben, wohingegen Russland eine Kreditlinie nur im Wert von ca. 17 Mrd. Dollar einräumte. Ein russischer Chinaexperte nannte Venezuela gar „ein chinesisches Taiwan in der Karibik“.
Der Sanktionsdruck führte also genau zum Gegenteil dessen, was die drei US-Administrationen sich erhofft und versprochen haben.
Die Wirtschaftslage war indes derart katastrophal, dass die venezolanische Führung bei jedem weiteren Drehen der Sanktionsschraube nichts mehr zu verlieren hatte, sodass sich ein weiterer Sanktionsdruck sich verpuffte. Wenn man einem Land wie Venezuela die gigantischen 342 Mrd. US-Dollar einfriert und aus einem internationalen Zahlungssystem ausschließt, dann kann nur zweierlei passieren: Entweder begeht die Staatsführung Selbstmord oder findet andere Großmächte, die helfen können.
Die Ironie des Schicksals war, dass die USA infolge ihrer Sanktionen die rivalisierenden Großmächte in den eigenen Hinterhof angelockt haben, die auch ihre Chance nutzten und sich in Venezuela breit gemacht haben. Das war strategisch sicherlich eine US-Fehlleistung.
Hinzu kommt der Umstand, dass die USA Venezuela mehr brauchen als umgekehrt. Denn die US-Erdölverarbeitende Industrie kann überwiegend nur ein schweres venezolanisches Öl verarbeiten; andernfalls muss sie umgebaut werden, was schätzungsweise pro Fabrik 15 bis 22 Mrd. Dollar kosten würde.
Wenn man bedenkt, dass die Erdölverarbeitende Industrie 27 solcher Fabriken besitzt, die auf die venezolanische Ölsorte spezialisiert sind, dann müssten sie, sollte diese Ölsorte entfallen, auf die anderen Ölsorten umstellen, was Investitionen zwischen 405 und 594 Mrd. Dollar kosten durften. Ein gigantisches Investitionsvolumen, das erst bewältigt werden müsste.
Es kommt aber noch besser: Venezuela verkauft sein Öl an China mit Abschlag von 15 % und der Ölhandel läuft, was noch wichtiger ist, nicht auf Dollar-, sondern auf Juan-Basis. Das Petrodollar-System wurde im Handel zwischen Venezuela, China und Russland kurzerhand außer Kraft gesetzt, was natürlich nicht im geopolitischen und geoökonomischen Interesse der USA liegt.
Und China nutzte seinerseits diese neugewonnene monetäre Stellung als Zahlungsmittellieferant immer mehr und immer öfter aus. Als Gläubiger der USA, der mit abnehmender Tendenz momentan 765 Milliarden US-Dollar an US-Staatsanleihen (Stand: März 2025) besitzt, was freilich deutlich weniger ist als auf dem Höhepunkt im Jahr 2013 mit 1,3 Billionen Dollar, hat China immer noch einen mächtigen Machthebel in der Großmächtekonkurrenz zwischen zwei Wirtschaftsgiganten.
Es ist darum nie ratsam den eigenen Gläubiger zu verprellen, zumal die USA mit ihrer gigantischen Verschuldung von schätzungsweise rund 38 Billionen US-Dollar bzw. 125 % des BIP auf Gläubiger wie China angewiesen sind.
Im Falle Venezuela haben sie aber gerade das Gegenteil getan. Wie sehr die Trump-Administration den chinesischen Wirtschaftsinteressen in Venezuela geschadet haben sollten, ist allerdings noch nicht ganz klar. Folgt man aber der „Donroe“-Doktrin, die die rivalisierenden Großmächte Russland und China aus Venezuela ganz raushaben will, dann muss mit weiteren Spannungen gerechnet werden, die sich auch weit weg von der Karibik entladen könnten.
Denn China hat seinerseits genügend Machtmittel, sich an den USA zu rächen und ihnen beispielsweise im Falle Taiwan eine Lehre zu erteilen. Wie sagte doch Dmitrij Medwedew am 4. Januar 2026: Jetzt haben unsere „Genossen aus dem sonnigen Pindostan“ nicht einmal mehr „einen Grund, unserem Land formell Vorwürfe zu machen.“
3. Währungswettbewerb und monetäre Transformation der Weltwirtschaft
Der US-Politikwissenschaftler, John J. Mearsheimer, hat in seinem Werk „The Tragedy of Great Power Politics“ (2001) darauf hingewiesen, dass die Großmächte dazu verdammt sind, in einem chaotischen Weltordnungssystem zu konkurrieren, um ihre jeweilige geo- und sicherheitspolitische Machtposition verteidigen zu können.
Entscheidend sind dabei weder Werte noch Ideologie oder Weltanschauung, sondern die Machtmittel, die allein ihren Konkurrenzerfolg gewährleisten können. 2014 prognostizierte Mearsheimer, dass die USA, sobald sie ihre Einflusssphäre bis an die Grenzen Russlands und darüber hinaus ausweiten wollen, auf dessen entschiedensten Widerstand stoßen.
Und dieser Widerstand werde unweigerlich dazu führen, dass Russland sich seinerseits darum bemühen würde, seine eigene Einflusssphäre zu vergrößern8. Genau das ist im Falle des Ukrainekonflikts eingetreten und diese Entwicklung war absehbar und hat der US-Hegemonie den letzten Todesstoß versetzt.
Das vom einflussreichen US-Verleger, Henry Luce (1898-1967), 1941 zum „amerikanischen Jahrhundert“ ausgerufene 20. Jahrhundert dauerte noch die ersten zwei Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts an und ist jetzt zu Ende gegangen. Die US-Hegemonie, die in den 1990er-Jahren und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erlebte, zerfällt vor unseren Augen.
Was wir in Venezuela beobachten, ist kein Regime Change, sondern ein fieberhafter Versuch von der US-Hegemonie zu retten, was noch zu retten ist. Und dies führt zur Neuordnung der Machtbeziehungen unter den rivalisierenden Großmächten den USA, China und Russland.
Die globalen Kräfteverhältnisse verschieben sich von Westen nach Osten, vom Atlantik zum Pazifik. Die US-Hegemonie beruhte seit dem Anfang der 1970er-Jahren auf zwei Säulen, die jetzt gleichzeitig allmählich und unaufhaltsam zertrümmert werden: das Petrodollar-System und die Exklusivstellung des US-Dollars als Handels- bzw. Transaktionswährung.
Am 13. Juni 1974 schloss Henry Kissinger ein umfassendes Militär- und Wirtschaftsabkommen („Oil-for-Security“-Vereinbarung) mit Saudi-Arabien, das das Petrodollar-System begründete und so den Ölhandel auf Dollar-Basis sicherte. Im Gegenzug wurde von den USA die Sicherheit des Wüstenstaates garantiert. Die Folge war eine künstlich erzeugte, ständige Nachfrage nach US-Dollar, dessen Funktion als Weltleitwährung nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems 1971 und dessen Entkopplung von Goldstandard gesichert wurde.
Die ständige Nachfrage nach Dollar-Scheinen wurde dadurch garantiert. Die USA konnten also ihre Greenbacks ohne Gefahr der Inflation unbegrenzt drucken. Dieses Schlaraffenland ging am 13. Juni 2024 zu Ende. Genau 50 Jahre nach der Vertragsunterzeichnung lässt Saudi-Arabien das Abkommen auslaufen, wodurch der US-Dollar seinen Exklusivstatus als Weltleitwährung verliert.
Die Beendigung des Petrodollar-Abkommens eröffnet dem Wüstenland die Möglichkeit, Öl und andere Güter in anderen Währungen wie dem chinesischen Renminbi, indischer Rupie, russischem Rubel oder auch in digitalen Währungen wie Bitcoin zu handeln, was die globale Abkehr vom US-Dollar beschleunigt und die Weltwirtschaftsordnung dramatisch verändern wird.
Die Daten der IWF-Währungszusammensetzung der offiziellen Devisenreserven (COFER) zeigen, dass der Anteil des US-Dollars an den weltweiten Devisenreserven im dritten Quartal 2024 auf 57,4 Prozent gesunken ist. Dies ist der geringste Anteil seit 1994 und bedeutet einen Rückgang von fast 9 Prozent in den vorangegangenen zehn Jahren.
Die Tendenz ist weiter fallend. In den kommenden zehn Jahren dürfte der US-Dollar nach sehr konservativen Schätzungen voraussichtlich weitere zehn Prozent seines Anteils an den globalen Devisenreserven verlieren. Das liegt nicht nur daran, dass das Petrodollar-System beendet wurde, sondern auch am Missbrauch des US-Dollars als Währungswaffe.
Diese sog. „Dollardiplomatie“ (besser wäre es von Wildwest-Diplomatie zu sprechen) wird unweigerlich zu einem weiteren Bedeutungsverlust des US-Dollars führen. Bereits 2017 räumte der damalige US-Finanzminister, Jack Lew (2013-2017), ein, dass der Einsatz dieser „Währungswaffe“ einige Akteure dazu veranlassen würde, den US-Dollar in Zukunft zu meiden und damit das Ausmaß seiner Dominanz zu verringern.
Diese Entwicklung ist im vollen Gange. Allein 2023 haben die Zentralbanken ihre US-Dollarreserven um 523 Mrd. Dollar reduziert. Und die Schrumpfung der Notenbankbestände an US-Dollars geht weiter.
Auch das SWIFT-Zahlungssystem (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication), das seit 1973 besteht und täglich 42 Millionen Transaktionen unter 11000 Instituten in 200 Ländern verarbeitet, von einem westlichen Banken-Konsortium kontrolliert und von den USA domestiziert wird, wird mittlerweile ebenfalls als geopolitische Waffe missbraucht, wie der Ukrainekonflikt zeigt.
Dieser Missbrauch stimulierte die Entwicklung der alternativen Zahlungssysteme in China, Russland und Iran. Auch die BRICS-Staaten führen seit Längerem Verhandlungen zur Gründung einer gemeinsamen Zahlungsplattform. All diese Entwicklungen laufen am Westen und den USA vorbei und führen zur Entmonopolisierung des monetären und finanziellen Machtmonopols der westlichen Hemisphäre.
Zwischen Brasilien und China, Russland und China wird Handel schon jetzt beinahe zu 98 % in Landeswährungen gehandelt, Indien und Russland handeln in Rupien und Rubel. Auch die anderen BRICS-Länder, die knapp die Hälfte der Weltbevölkerung und ca. 37 % des Weltbruttosozialprodukts ausmachen, betreiben ihr Handel untereinander überwiegend in den eigenen Landeswährungen. Im Übrigen hat der Rubel laut Bloomberg im Jahr 2025 um 38% gegenüber Dollar zugelegt und sich damit zum größten Währungsgewinner des Jahres mutiert.
Jede der Transaktionen auf Basis der eigenen Landeswährungen bedeutet eine Transaktion ohne den US-Dollar und damit ohne den Einfluss des Federal Reserve Systems (FED) auf den Welthandel in diesen Regionen der Welt. Und jede Transaktion ohne Dollar senkt die Möglichkeit der USA ihr Handelsbilanzdefizit mit der Gelddruckpresse zu finanzieren, ohne Inflationsgefahr in Kauf zu nehmen.
Während der vergangenen 50 Jahren hatten die USA „Goldesel“, der ununterbrochen und unbegrenzt Dukaten spuckte, die freilich aus Papier und nicht aus Gold hergestellt wurden. Dessen ungeachtet konnten sie mit diesem Papiergeld reale Waren in unbegrenzter Menge kaufen, weil die Handelspartner die falschen Dukaten ohne Wenn und Aber akzeptierten. Diese goldenen Zeiten gehen jetzt allmählich zu Ende.
Der Welthandel koppelt sich immer mehr vom Weltwährungs- und Zahlungssystem der USA nicht zuletzt wegen den zahlreichen westlichen und US-amerikanischen Sanktionen ab und die USA verlieren zunehmend die Möglichkeit ihre Inflation zu exportieren. Da die Greenbacks immer mehr im Lande verbleiben, wirken sie zunehmend inflationstreibend.
Der sog. „Westen“ unter Führung der USA lebt indes immer noch im Glauben, er könne dem Rest der Welt ihre Lebensart und Denkweise diktieren. Dieses Benehmen in Kolonialherrenmanier ist heute derart anachronistisch und realitätsfern geworden, dass man sich darüber nur wundern kann.
Es ist nur eine Frage der Zeit, dass die währungspolitische Dominanz des „Westens“ endgültig gebrochen wird, die schon heute infolge der durch die eigenen Sanktionen selbstauferlegte Selbstisolation dramatisch an Bedeutung verliert. Der US-Dollar und in dessen Schlepptau auch der Euro werden früher oder später einfach überflüssig.
Trump versucht nun in seiner zweiten Amtszeit im Gegensatz zu den selbstverblendeten EU-Europäern gegen diesen Trend zu steuern und befindet sich darum „auf einem strategischen Rückzug“9.
Ob Trumps „Donroe“-Doktrin“ erfolgsversprechend ist, diesen langfristigen Trend zu brechen, ist mehr als fraglich, zu spät kommt sie und zu sehr wendet sie, wie wir im Falle Venezuelas gerade erleben dürften, die alten brachialen Wildwest-Methoden an. Das verspricht keinen Erfolg, sondern sieht eher schon nach einem Verzweiflungsakt aus.
Anmerkungen
1. Krisch, N., Amerikanische Hegemonie und liberale Revolution im Völkerrecht, in: Der Staat 43 (2004), 267-
297 (267).
2. Triepel, H., Die Hegemonie: ein Buch von führenden Staaten, 1938, 202; zitiert nach Krisch (wie Anm. 1),
268.
3. Näheres dazu Silnizki, M., Im Wandel der Nachkriegsordnungen. Auf dem Wege zu einem zivilisatorischen Pluriversums? 28. September 2025, www.ontopraxiologie.de.
4. New York Post, The Donroe Doctrine. Trump´s Vision for hemisphere. Januar 2025.
5. Schmitt, C., Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte, in: Staat,
Großraum, Nomos. Arbeiten aus den Jahren 1916-1969. Berlin 1995, 269-371 (277).
6. Näheres dazu Silnizki, M., Trump versus Europa. Amerikas neue Sicherheitsdoktrin. 14. Dezember 2025,
www.ontopraxiologie.de.
7. Leonardo Flores, Das Venezuela-Märchen von John Bolton, in: Amerika 21, 27.07.2020.
8. Vgl. John J. Mearsheimer, Why the Ukraine Crisis Is the West’s Fault. The Liberal Delusions That Provoked
Putin. Foreign Affairs, 18. August 2014.
9. Silnizki, M., Die USA. Auf einem strategischen Rückzug, in: des., Trump versus Europa. Amerikas neue Sicherheitsdoktrin. 14. Dezember 2025,
www.ontopraxiologie.de.