Wer obsiegt in diesem Schaukampf?
Übersicht
1. Am Frieden nicht interessiert?
2. Geschichtsloses Sicherheitsdenken
3. Im Zangengriff der Friedensgegner
Anmerkungen
„We are fighting a war against Russia.“
(Annalena Baerbock, 25.01.2023)
1. Am Frieden nicht interessiert?
Seit dem Telefonat zwischen Trump und Putin am 12. Februar 2025 sind fünf Wochen vergangen, Europa ist in Aufruhr und die Europäer kommen immer noch nicht zur Ruhe. Nach einer anfänglichen Empörung, Fassungslosigkeit und dem Entsetzen über die radikale Kehrtwende der US-amerikanischen Ukraine- und Russlandpolitik sind die EU-Europäer zu öffentlichem Diskurs, Interviews und Kommentaren übergegangen.
Es kristallisiert sich dabei immer deutlicher ein grundsätzlicher Dissens zwischen der neuen und der alten Welt, den USA und Europa, der Trump-Administration und der EU und last but not least zwischen der Friedenspartei und der Kriegspartei.
Die immer schärfer werdende Konfrontation zwischen Trump und den Eurokraten nimmt mittlerweile Züge eines Religionskrieges an und artet in ein innerwestliches, geo- und sicherheitspolitisch inszeniertes Theaterstück aus.
Man weiß auf einmal nicht, wer Freund und wer Feind ist. Die ehemaligen US-Bellizisten sind plötzlich zu Friedenaposteln mutiert und die sich zunächst widerwillig zum Krieg bereit erklärten EU-Europäer sind inzwischen zum „Kriegsadel“ aufgestiegen. Die transatlantische Welt steht Kopf.
„Totus mundus agit histrionem“: Alle Welt schauspielert, verkündete einst die Inschrift über dem Eingang des Globe Theaters in London, der Bühne Shakespeares. Was in der Welt des Barocks, in welcher der schöne Schein zum Prinzip der Kunst erhoben wurde, die Klage der Moralisten war, das war der Stolz der Komödianten, kommentiert Richard Alewyn die Inschrift.1
Heute sind Moralisten und Komödianten im innerwestlichen Schaukampf Zwillinge geworden. Sie praktizieren gemeinsam die Kunst der Tarnung und Täuschung, der Verklärung und Verstellung.
An der vordersten Front sind bei diesem Schaukampf die Sicherheitsexperten und -expertinnen. Sie ermächtigen sich selbst das gemeine Volk über die friedens- und sicherheitspolitischen Entwicklungen zu belehren und aufzuklären.
Mehr noch: „Wissenschaftler rufen zu sofortiger Einigung bei Verteidigungsausgaben auf“, berichtet DLF am 12. März 2025. Die in der deutschen Öffentlichkeit bekannt gewordenen Kriegsfalken, die sich als „Wissenschaftler“ ausgeben: Claudia Major, Carlo Masala und Christian Mölling bezeichnen in ihrem Aufruf die jüngsten Entwicklungen auf der Welt als „historische Umbrüche“, die die derzeitige Sicherheitsordnung unmittelbar bedrohten. Sie heben dabei Trumps Rolle hervor, „der die Vereinigten Staaten von einer liberalen Ordnung in die Autokratie führe. Damit wandelten sich die USA von einer Schutzmacht zu einem Sicherheitsrisiko für Europa.“
„Major, Masala und Mölling fordern in ihrem Appell unter dem Titel >Einigt Euch< Union, SPD, FDP und Grüne auf, sofort zu handeln. Sie argumentieren, die Frage nach der Finanzierung deutscher und europäischer Sicherheit dulde keinen Aufschub und keine Taktik,“ war in den DLF-Nachrichten zu vernehmen.
Was in diesem Aufruf geschrieben steht, ist eine Kampfansage der Kriegspartei an all jene, die für eine diplomatische Regelung des Konflikts plädieren. Wer Trump als >Feind< der „liberalen Ordnung“ denunziert und zum >Freund< der Autokraten stilisiert, will lieber den Kriegsspatz in der Hand denn eine Friedenstaube auf dem Dach.
Die drei Kriegsfalken reden einer weiteren Militarisierung der deutschen Außenpolitik das Wort, haben aber vermutlich nie einen Wehrdienst geleistet und mit Sicherheit nie das Leiden und Elend des Krieges hautnah erlebt.
Und wie „wissenschaftlich“ ist die Sicherheitsexpertise unserer „Wissenschaftler“? Gefragt danach, ob Waffenlieferungen der Ukraine noch helfen würden, meinte Carlo Masala: „Was wir militärisch jetzt noch erreichen können, ist eine Stabilisierung der Front. Und das russische Kriegskalkül insofern zu ändern, dass weitere Landgewinne einen zu hohen Preis erfordern.“3
Wirklich? Seit drei Jahren predigen Masala und Co. Russlands Kriegskosten so unerträglich zu machen, „dass weitere Landgewinne einen zu hohen Preis erfordern“. Und das Ergebnis? Zuletzt ist das in Kursk zu besichtigen: Ein Desaster des ukrainischen Militärs, kolossale Verluste an Menschenleben und Kriegsmaterial.
Der russische Generalstabchef, Walerij Gerassimow, hat bei seinem Treffen mit Putin am 12. März 2025 in der Grenzregion Kursk die Opferzahl des ukrainischen Militärs seit dem Beginn der ukrainischen Invasion in Kursk im August 2024 genannt: 67.000 Tote.
Des Weiteren wurden laut Gerassimow in Kursk insgesamt 7000 Kriegsgeräte und Waffensysteme (darunter 391 Panzer, 316 Infanterie-Kampffahrzeuge, 274 gepanzerte Personentransporter, 2191 gepanzerte Kampffahrzeuge, 2415 Wagen und 545 Artilleriegeschütze) zerstört.
Die Ukraine hat nach einer Schätzung von US-Militärexperten in den vergangenen drei Kriegsjahren ca. 1. bis 1.2 Millionen tote und verwundete ukrainische Militärangehörige zu beklagen, wohingegen Russland nach den BBC und Mediazona-Daten (https://www.bbc.com/russian/articles/c93lklg89e8o) „nur“ 90.019 Tote (manche Schätzungen sprechen von bis zu 120.000) an Verlusten erlitten haben. Wie „hoch“ muss der „Preis“ noch sein, damit Masala und seine Truppe die ganze Aussichtlosigkeit ihrer Kriegsphantasien erkennen.
Nach einer solchen Erkenntnis sieht es indes ganz und gar nichts aus. Denn gefragt nach einer „langfristig angelegten Strategie“ der Trump-Administration, meinte Masalas Kollegin, Claudia Major, in einem anderen Handelsblatt-Interview vom 7./9. März 2025, S. 12: „Die Amerikaner wollen nicht mehr Allianz-Verbündeter, sondern Großmacht sein. Und die kleineren Staaten sind dann Verhandlungsmasse.“
Soll mit der „Verhandlungsmasse“ die Ukraine gemeint sein, so war sie nie ein „Allianz-Verbündeter“, falls darunter die Nato-Allianz gemeint ist. Sind die USA nur dann ein „Allianz-Verbündeter“, wenn sie keine „Großmacht“ sind, so wundert man sich über den künstlich konstruierten Gegensatz und fragt sich zugleich: Seit wann sind die USA denn lediglich eine „Großmacht“ und keine Supermacht oder Hegemonialmacht mehr?
Stufte Trump Amerika auf den Status einer „Großmacht“ herab? Wollten Trump und seine MAGA-Republikaner die USA nicht etwa „Great Again“ machen?
Ein solch sorgloser Gebrauch der Begriffe und die Verkennung der Natur von Allianzen erstaunt. Die Allianzen zwischen den Staaten waren zu allen Zeiten ein schwer zu führendes und leicht veränderbares Gebilde, innerhalb dessen stets Abhängigkeitsverhältnisse bestanden, die sowohl zum Aufbegehren gegen den stärkeren Verbündeten als auch zur Unterwerfung unter seinen Willen geführt haben.
„Die Frage der Vasallität und der Hegemonie ist (darum) mit der Allianz unlöslich verbunden, sobald es sich nicht um ein Bündnis zwischen vollkommen Gleichen handelt.“2 Diese Erkenntnis von Lothar Ruehl ist fünfzig Jahre alt. Jede Allianz befindet sich stets in einem „Spannungsverhältnis zwischen den beiden Extremen: Mitbestimmung der kleineren Verbündeten über die Politik der größeren und Führungsherrschaft der Schutzmacht, also Hegemonie“ (ebd.).
Die Verkennung der Natur von Allianzen verleitet Major zu einer fragwürdigen Deutung der aktuellen geo- und sicherheitspolitischen Entwicklungen.
Sie unterstellt Trump die Abwendung „von liberaler Demokratie … in Richtung Autokratie“, nur weil er an einer „Normalisierung mit Russland als neuem Großmachtpartner“ interessiert sei. Darin sieht sie eine Gefahr für Europa und die Ukraine, die nicht einmal Mitglied der Allianz ist.
Muss Putin gleich eine Gegenleistung erbringen, nur weil Trump sich gegen die Fortsetzung des Krieges ausspricht und der Diplomatie eine Chance geben will? In der Kriegslogik gefangen, merkt Major nicht, dass Trump im Gegensatz zu seinem Vorgänger Biden der Überzeugung ist, dass die militärischen Erfolgsaussichten und Erfolgschancen der ukrainischen Armee, den Krieg zu gewinnen, gleich null sind.
Darum strebt Trump zum Ärger der EU-europäischen Kriegspartei, die das Kriegsball nicht begraben will und immer noch von Russlands „strategischer Niederlage“ träumt, Friedensverhandlungen an, um nicht etwa Putin einen Gefallen zu tun, sondern um die USA gesichtswahrend und im wohlverstandenen Eigeninteresse aus dem als verloren gegebenen Krieg herausholen zu können.
Dass der Krieg für die Ukraine so gut wie verloren sei, ist für die Trump-Administration außer Frage. Und genau diese Diagnose will Major stellvertretend für die anderen Kriegsfalken nicht akzeptieren, weil ganz Europa und nicht zuletzt die deutsche Machtelite an der Fortsetzung und nicht an der Beendigung des Krieges interessiert sind.
Warum ausgerechnet die Deutschen daran interessiert sind, hat uns kein geringerer als der BND-Chef, Bruno Kahl, am 8. März 2025 in einem Interview gegenüber der Deutschen Welle verraten.
Ein frühes Kriegsende in der Ukraine könne es laut Kahl Russland ermöglichen, seine geopolitischen Interessen verstärkt gegen Europa zu richten. Wenn der Krieg früher zum Stillstand komme, als 2029 oder 2030, sei Russland dann noch früher in der Lage, mit seinen technischen, materiellen und personellen Mitteln eine Drohkulisse gegen Europa aufzubauen.
Da sieht man ein „friedensliebendes“ Deutschland mit seinen „selbstlosen“ Eliten, die nur und ausschließlich an alles Gute zum Wohle der ganzen Menschheit denken! Ob Kahl sich dessen überhaupt bewusst ist, was er da öffentlich kundgetan hat?
Soviel Offenheit und Ehrlichkeit hätte man von einem Geheimdienstler nicht unbedingt erwarten können. Man muss sich das nur auf der Zunge zergehen lassen: Der höchste BND-Repräsentant wünscht sich eine Fortsetzung des Krieges für weitere vier bis fünf Jahre.
Dabei geht es ihm nicht etwa um die Verteidigung und Rettung der Demokratie und Menschenrechte, wie die übliche Rhetorik der Eurokraten und EU-Eliten bei der Unterstützung der Ukraine in ihrem „gerechten Kampf“ gegen die „russische Aggression“ stets suggeriert, sondern um die eigennützigen Sicherheitsinteressen Deutschlands und Europas.
Die Äußerung wurde jedenfalls in der Ukraine genau registriert und nicht unkommentiert gelassen. Die ehem. ukrainische Regierungschefin, Julia Tymoschenko (2005, 2007-2010), reagierte darauf mit scharfer Kritik.
Kahl habe ihrer Meinung nach zum ersten Mal bestätigt, was die Ukrainer „nicht glauben wollten“. „Da hat jemand beschlossen, Russlands >Erschöpfung< im Interesse von Europas Sicherheit mit der Existenz der Ukraine und dem Leben von hunderttausenden Ukrainer zu bezahlen. Ich hätte nicht gedacht, dass die Europäer es wagen würden, dies so öffentlich und offen zu sagen. Das erklärt vieles. Ich glaube, dass die Werchowna Rada verpflichtet ist, sofort zu reagieren. Der Krieg muss sofort und zu den fairsten Bedingungen beendet werden“, schrieb Tymoschenko auf ihrem Blog.
Alle Karten liegen jetzt auf dem Tisch. Die Trump-Administration fordert im wohlverstandenen Eigeninteresse die Friedenverhandlungen und eine diplomatische Regelung des Konflikts, die EU-Europäer und nicht zuletzt die deutschen Machteliten wünschen sich hingegen nicht nur die Fortsetzung des Krieges, sondern haben geradezu auch panische Angst davor, dass der Krieg beendet werden könnte.
Allmählich dämmert es auch bei Teilen der ukrainischen Machtelite, wohin die bedingungslose Ergebenheit der ukrainischen Gesellschaft gegenüber dem „Westen“ die Ukraine geführt hat. Erst jetzt merken sie, was es für sie bedeutet, den europäischen Macht- und Sicherheitsinteressen ausgeliefert zu sein.
2. Geschichtsloses Sicherheitsdenken
Die Empörung der ukrainischen Opposition bekümmert freilich auch unsere SWP-Sicherheitsexpertin ganz und gar nicht. Wie dem BND-Chef geht es auch Major in erster Linie um die eigenen europäischen Sicherheitsinteressen.
„Wir sind eingeklemmt“, beklagt sie sich im Interview, „zwischen Russland, das imperial-revisionistisch auftritt und Europa dominieren will, und den USA, die die Europäer als ideologischen Gegner diffamieren und wirtschaftlichen Konkurrenten ablehnen. Die USA lassen ja nicht nur die Ukraine allein, sie brechen auch in der europäischen Verteidigung weg.“
Die zitierte Passage zeigt, wie geschichtsvergessen, ja geschichtslos und ahistorisch diese „Analyse“ der entstandenen geo- und sicherheitspolitischen Lage in Europa ist und wie sehr hier Ursache und Wirkung vertauscht werden.
Russland trete „imperial-revisionistisch“ auf, um „Europa dominieren“ zu wollen? Das Gegenteil ist der Fall! Dreißig Jahre lang hat Russland die Nato vor ihrer Expansion bis auf seine Grenzen gewarnt und dreißig Jahre lang wurde diese Warnung machtarrogant in den Wind geschlagen.
Das Urgestein der US-amerikanischen Russlandforschung, George F. Kennan (1904-2005), warnte bereits vor mehr als einem Vierteljahrhundert die Clinton-Administration eindringlich vor der Nato-Expansion gen Osten: „Eine Ausweitung der Nato wäre der verhängnisvollste Fehler amerikanischer Politik nach dem Ende des Kalten Krieges.“4
In einem dem bekannten New York Times-Kolumnisten Thomas Friedman im Frühjahr 1998 gegebenen Interview fügte er hinzu: „Ich denke, dass die Nato-Osterweiterung der Beginn eines neuen Kalten Krieges ist und dass die Russen darauf allmählich feindselig reagieren und ihre Politik in verschiedenen Fragen verändern werden. Ich glaube, das sei ein tragischer Fehler. Für eine solche Vorgehensweise bestand gar keine Notwendigkeit. Keiner hat jemanden bedroht … Ist es denn nicht offenkundig, dass wir während des Kalten Krieges allein mit dem Sowjetkommunismus Meinungsverschiedenheiten hatten? Jetzt aber kehren wir denjenigen den Rücken, welche die größte Revolution in der Geschichte ohne Blutvergießen realisierten, um das Sowjetregime zu beseitigen.“
Nur in einem irrte sich Kennan: Die Nato-Osterweiterung war nicht „der Beginn eines neuen Kalten Krieges“, sondern die Fortsetzung des „Kalten Krieges“ mit anderen Mitteln. Und was die Ukraine angeht, so war Kennan schon 1997 darüber alarmiert, dass die Nato nicht nur die Tschechische Republik, Ungarn und Polen aufnehmen wolle, sondern auch eine militärische und maritime Kooperation mit der Ukraine anstrebe. „Nirgends erscheint diese Entscheidung so verhängnisvoll und fatal als im Fall der Ukraine mit schicksalshaften Konsequenzen“, warnte Kennan den US-Vizeaußenminister, Nelson Talbott (1993-2001), in einem privaten Brief.5
Kennan sorgte sich vor allem um „Sea Breeze“ – eine gemeinsame Ukraine-Nato-Marineübung. Der damals anhaltende Streit zwischen Kiew und Moskau über den Marinestützpunkt Sewastopol auf der Krim trug zusätzlich zu den Spannungen bei. Wie passte eigentlich diese Marineübung – fragte Kennan Talbott – zu Washingtons Bemühungen, Russland davon zu überzeugen, dass die Nato-Osterweiterung keine unmittelbaren militärischen Konnotationen habe?
Talbott zollte zwar Kennan seinen Respekt, teilte seine Befürchtungen aber aus grundsätzlichen Erwägungen nicht. Er ging nämlich davon aus, dass der ökonomische Niedergang Russland dazu zwingen würde, sich dem Westen anzupassen.
Wörtlich schreibt Talbott an Kennan: „Russland wird aus seiner tief verwurzelten Denkgewohnheit und Verhaltensweise ausbrechen müssen, indem es lernen wird, mit seinen Nachbarn zu kooperieren, statt sie zu dominieren. Russland muss sich anpassen und die US-Macht an seinen Grenzen akzeptieren („Russia had to do the adjusting and accept U.S. power on its borders“).6
Die Clinton-Administration beabsichtige also die Kooperation mit der Ukraine nicht zu stoppen, sondern ganz im Gegenteil sie auszubauen.
Unsere Sicherheitsexpertin hat davon offenbar nie etwas gehört! Es ist von daher nur konsequent, wenn sie im nächsten Atemzug sagt: „Die Sicherheit der Ukraine und die Sicherheit Europas hängen … zusammen. Russland will die Art, wie wir Sicherheit in Europa organisieren, umstürzen.“
Versteht Major aber überhaupt, welche „Art“ von Sicherheit „wir“ in Europa in den vergangenen dreißig Jahren „organisiert“ haben? Zweifel sind angebracht! Wenn man nur schablonenhaft denkt, ohne die ordnungspolitischen Prozesse in ihrem historischen Kontext zu reflektieren, dann befindet man sich ganz schnell in einem geschichtslosen Niemandsland der Sicherheitspolitik.
Welche „Art“ von Sicherheit haben „wir“ aber bis dato organisiert? Wenn man Egon Bahrts Alternative vor Augen führt, die er 1994 formuliert hat: „Sicherheit mit Russland“ oder „Verteidigung vor Russland“7, dann haben „wir“ uns von Anfang an für die „Verteidigung vor Russland“ statt für die „Sicherheit mit Russland“ entschieden.
Was „wir“ seit dem Ende des „Kalten Krieges“ „organisiert“ haben, war ein Novum in der europäischen Geschichte, nämlich die Herausbildung eines europäischen Ordnungsprinzips, das man mit der Formel zusammenfassen könnte: US-Hegemonie zu Lande und zur See. Es entstand ein hegemoniales Machtungleichgewicht bzw. eine hegemoniale Dysbalance als Ordnungsprinzip der europäischen Sicherheit, die die Transatlantiker als „gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur“ verklärten.
Diese hegemoniale Dysbalance auf dem europäischen Kontinent ist allein dem Umstand geschuldet, dass die USA sich nach dem Ende des „Kalten Krieges“ als die gesamteuropäische Ordnungsmacht etablierten und zur Hegemonialmacht zu Lande und zur See in Europa aufgestiegen sind.
Der Ukrainekrieg hat diese hegemoniale Dysbalance in Europa zerstört und eine Neuordnung der gesamteuropäischen wie der globalen Sicherheitsarchitektur erforderlich gemacht. Wir hatten bisher eine geo- und sicherheitspolitisch gespaltene Welt, in welcher die hegemoniale Dysbalance (in Europa) und die posthegemoniale Dysbalance (im globalen Raum) die zwei systembildenden Strukturen der globalen Sicherheits- und Friedensordnung sind, in deren Zentrum drei rivalisierende Groß- und Supermächte stehen: die USA, China und Russland.8
Eine solche der geopolitischen Großmächterivalität gleichzeitig zugrunde liegende hegemoniale und posthegemoniale Dysbalance verträgt sich nicht mit einem sicherheitspolitischen Machtgleichgewicht, erzeugt eine Instabilität der gesamten Weltordnung, kann auf Dauer unmöglich bestehen, birgt in sich die Gefahr einer unkontrollierten Eskalation bis zu deren Entladung in einen globalen militärischen Konflikt und gefährdet den Weltfrieden.
Der tobende Krieg in der Ukraine hat alle (geopolitischen) Karten neu gemischt und die bestehenden systembildenden Ordnungs- und Sicherheitsstrukturen gesprengt. Kommt es im Verlauf der möglichen Friedensverhandlungen nicht zur Etablierung eines wie auch immer gearteten Machtgleichgewichts in Europa, müssen wir mit der Fortsetzung des Krieges und mit einer weiteren Verschärfung und Zuspitzung der Großmächterivalität rechnen.
Ob die Kriegs- oder Friedenspartei obsiegt, lässt sich momentan nicht eindeutig voraussagen.
3. Im Zangengriff der Friedensgegner
Die EU-europäische Machtelite, die von der Biden-Administration auf den Krieg getrimmt war, missversteht die Intentionen von Trumps Ukraine- und Russlandpolitik. Sie denkt immer noch in der Kriegslogik der abgewählten US-Demokraten, deren Anführer Biden nach Trumps fester Überzeugung den Krieg provoziert und das sich heute als völlig utopisch herausgestellte Kriegsziel einer „strategischen Niederlage“ Russlands drei lange Kriegsjahre erfolglos verfolgt hat.
So hält einer der Apologeten dieser Kriegslogik, Ulrich Schlie (seit 2020 Henry-Kissinger-Professor f. Sicherheits- u. Strategieforschung an der Uni Bonn) Trump vor, „einen Riesenfehler begangen“ zu haben, indem er ohne Not ankündigte, „dass man die Nato-Mitgliedschaft der Ukraine vergessen könne … Damit hat er den wichtigsten Trumpf aus der Hand gegeben, bevor die Verhandlungen überhaupt begonnen haben.“9
Der Vorwurf wäre nur dann berechtig, wenn Trump – in der Kriegslogik der US-Demokraten und des europäischen „Kriegsadels“ verbleibend – ausschließlich in den Kategorien der Konfrontation und Eskalation gedacht hätte. Dem ist aber nicht so. Deswegen ist Schlies Vorhaltung fehl am Platz.
Trump will ein Präsident des Friedens, nicht des Krieges sein. Er hat diesen Krieg weder gewollt noch provoziert. Wenn der Krieg für die Ukraine verloren geht, dann ist das nicht seine Niederlage, sondern die der Biden-Administration und der US-Demokraten.
Und wenn die Ukraine kapitulieren sollte, dann ist diese Kapitulation weder Trumps Kapitulation noch Schmach Amerikas, sondern die Kapitulation des europäischen „Kriegsadels“, der bis heute von der Kriegslogik nicht sein lassen will und auf die Fortsetzung des Krieges „bis zum letzten Ukrainer“ (Boris Johnson) beharrt.
Im Gegensatz zur europäischen Kriegspartei gilt dieser Krieg für die Trump-Administration als verloren. Trump will deswegen nicht auf der Verliererseite sein und so schnell wie möglich den Krieg beenden oder zumindest die USA aus dem Krieg heraushalten.
Er scheint verstanden zu haben, dass dieser Krieg gegen Russland auf dem Schlachtfeld nicht zu gewinnen ist, und will eine Kompromisslösung mit Russland ausloten, um den „besten Deal“ für die USA zu erzielen.
Ob Trump dabei soweit gehen wird, wie Walter Russell Mead (ein ausgewiesener US-Experte f. Außenpolitik u. Prof. of Strategy and Statecraft) ihm unterstellt, ist fraglich. Wenn man Mead Glauben schenkt, so ist Trump zu weitgehenden Konzessionen an Russland bereit.
In seinem am 10. März 2025 in WSJ veröffentlichten Artikel „A New Deal With Moscow?“ vertrat er die These, dass „das amerikanische Revival“ (the American revival) nach Trumps Überzeugung von „verbesserten Beziehungen zu Russland“ abhängig und Trump deswegen „bereit sei, einen hohen, ja geradezu schockierenden Preis auf Kosten der moralischen Autorität, Allianzbeziehungen und des ukrainischen Territoriums zu zahlen, um seinen Deal durchzusetzen“ (and he is willing to pay a high, even stupefying, price in moral authority, alliance relations and Ukrainian territory to get his deal).
Solche beinahe bedingungslosen Zugeständnisse an Putin sind freilich so gut wie ausgeschlossen, selbst wenn Trump es wollte. Denn Trump hat ein Problem. Er sitzt nicht so fest im Sattel, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Trump will den Krieg lieber gestern als heute stoppen, hat aber keinen klar definierten Verhandlungsplan zur Beilegung des Konflikts. Er ist ein Selfmademan und ein Improvisierungskünstler, der sich nicht zu viele Gedanken darüber macht, was er gerade tut.
Ohne einen Verhandlungsplan kann er aber schneller, als er denkt, zum Spielball der zahlreichen und mächtigen Gegenspieler werden, die genau wissen, was sie wollen, und genug Macht und Geld haben, um ihr Ziel, die Friedensverhandlungen zu torpedieren, zu erreichen.
Den Beweis, ob er sich diesen mächtigen Gegenspielern gegenüber intellektuell und machtpolitisch gewachsen ist, muss Trump erst erbringen, sollte er wirklich am Frieden interessiert sein und keine Show abziehen. Der Schaukampf ist eröffnet und bleibt bis auf Weiteres unentschieden.
Anmerkungen
1. Alewyn, R., Das große Welttheater. Die Epoche der höfischen Feste. München 1985, 91.
2. Ruehl, L., Machtpolitik und Friedensstrategie. Hamburg 1974, 99.
3. Masala, C., „Wie erleben so etwas wie einen postmodernen Weltkrieg“. Handelsblatt-Interview, 21./23.
Februar 2025, 8 f. (9).
4. Kennan, G. F., „A Fateful Error“, in: The New York Times, 5.2.1997, S. A23; zitiert nach Greiner, B.,
Made in Washington. Was die USA seit 1945 in der Welt angerichtet haben. München 2021, 195, 171.
5. Zitiert nach Silnizki, M., George F. Kennan und die US-Russlandpolitik der 1990er-Jahre. Stellungnahme zu
Costigliolas „Kennan’s Warning on Ukraine“. 7. Februar 2023, www.ontopraxiologie.de.
6. Silnizki (wie Anm. 5).
7. Zitiert nach Silnizki, M., Moskau oder Brüssel? Trumps revolutionäre Geopolitik. 2. März 2025,
www.ontopraxiologie.de.
8. Näheres dazu Silnizki, M., Posthegemoniale Dysbalance. Zwischen Hegemonie und Gleichgewicht.
31. Mai 2022, www.ontopraxiologie.de.
9. Schlie, U., Gastkommentar „Trump sucht gezielt die Demütigung Europas“, Handelsblatt, 6. März 2025,
S. 14.