Der Nahe Osten steht im Flammen
Übersicht
1. Die Brutalität des Krieges
2. „Regime Change“ à la Trump
Anmerkungen
1. Die Brutalität des Krieges
Wie Barak Ravid und Marc Caputo am 1. März 2026 in ihrem Artikel „U.S. and Israel delayed original Iran strike by a week, officials say“ in der US-amerikanische Nachrichtenwebsite Axios berichteten, planten die USA und Israel ursprünglich, den Iran bereits eine Woche früher anzugreifen. Nachdem die zweite Runde der Gespräche zwischen den USA und dem Iran am 17. Februar 2026 ohne nennenswerte Fortschritte endete, bereiteten sich die US-amerikanischen und israelischen Militärplaner darauf vor, vier Tage später – am Samstag, dem 21. Februar – Angriffe zu starten.
Die Genehmigung zum Angriff kam angeblich wetterbedingt nicht, berichten die Autoren. Die Genfer Gespräche dienten, wie man heute weiß, allein dazu, Zeit bis zum neuen Angriffstermin verstreichen zu lassen, um die Iraner in dem Glauben zu lassen, dass die Diplomatie immer noch Trumps vorrangiges Ziel sei, sagte ein israelischer Beamter.
Wie auch immer, vier Tage nach dem Kriegsausbruch hat sich der Konflikt zum Flächenbrand entwickelt, nachdem der Iran als Reaktion auf die Aggression Israels und der USA begonnen hat, Israel und alle US-Militärbasen in der Region anzugreifen. Und der Krieg wird von Anfang an brutal und grausam geführt.
Gleich am ersten Tag der Aggression wurde die Mädchengrundschule in Minab getroffen. „Die Leichen von 168 Schülern der Shajare Tayyebeh Schule in Minab, die bei den abscheulichen Angriffen getötet wurden, wurden begraben“, hieß es auf der offiziellen Webseite der iranischen Regierung am 3. März 2026.
In den deutschen Mainstream-Medien wird dieser Vorfall weitgehend totgeschwiegen. Der Bundeskanzler, der zuletzt in seiner Rede beim CDU-Parteitag am 20. Februar 2026 in Stuttgart von einem „verbrecherischen russischen Regime“ sprach, das „systematisch Krieg … gegen alte Menschen, gegen Frauen und gegen Kinder“ führe, brachte nicht einmal sein Bedauern zum Ausdruck über die grausame Auslöschung des Lebens der iranischen Mädchen.
Umso mehr empörte sich Merz mehrmals bei seinen Auftritten über ein angebliches Bombardement eines Kindergartens in der Ukraine durch die russischen Streitkräfte im Jahr 2024. Zuerst erzählte er die Geschichte in der TV-Sendung „Maischberger“ am 1. Juli 2025. Gefragt danach, ob er nicht nach Moskau reisen sollte, um mit Putin zu verhandeln, reagierte Merz forsch mit der Bemerkung: „Na ja, der letzte, der aus Europa in Russland in Juli des letzten Jahres dort war, war Viktor Orbán. Und als er zurückgekommen ist, hat Kiew unter den massivsten Bombenangriffen gelitten, die es dort jemals gegeben hat, einschließend das Bombardement eines Kindergartens …“1
Was die Auslöschung der iranischen Kinder angeht, so war ihm dieses Verbrechen nicht einmal erwähnenswert. Bei der Ermordung von Ayatollah Ruhollah Khomeini wurde u. a. auch seine erst 14 Monate alte Enkelin ermordet, was den deutschen Massenmedien ebenfalls nicht der Rede wert war, zu erwähnen.
Der Krieg selbst geht mit unverminderter Brutalität weiter. Die meisten Opfer gibt es im Iran, aber auch in den anderen Ländern der Region sterben Menschen.
Laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists News Agency (HRANA) wurden im Iran seit Kriegsbeginn vor vier Tagen mindestens 742 Zivilisten getötet. Laut Medienberichten sind insgesamt bis dato bereits 870 Menschen ermordet.
Bei israelischen Angriffen auf die vom Iran unterstützte Hisbollah-Gruppe im Libanon wurden mindestens 52 Menschen getötet. Auch in Israel gab es Opfer. Überall sind große Zerstörungen, wohin das Auge reicht.
In einer Videoansprache aus seinem Anwesen Mar-a-Lago in Florida verkündete Trump den Krieg, strahlte, wie immer, Zuversicht in die Stärke Amerikas aus und sagte anschließend: „Wir werden die iranischen Raketen zerstören und ihre Raketenindustrie dem Erdboden gleichmachen. Sie wird vollständig vernichtet werden. Wir werden ihre Marine zerstören. Wir werden dafür sorgen, dass ihre regionalen terroristischen Stellvertreter die Region und die Welt nicht länger destabilisieren, unser Militär nicht länger angreifen.“
Die ersten vier Kriegstage zeigen allerdings ein ganz anderes Kriegsbild: Der Iran greift massiv alle US-Militärbasen in der Region an und es ist kaum damit zu rechnen, dass Irans Raketenindustrie dem Erdboden gleichgemacht wird. Trumps Behauptung, der Iran entwickle Raketen, die die Vereinigten Staaten erreichen könnten, wird zudem nicht einmal von seinen Geheimdiensten gestützt. Seine Aussage, der Iran stehe kurz vor der Entwicklung einer Atomwaffe, widerspricht zudem seinen eigenen Worten vom letzten Sommer, als er erklärte, die Vereinigten Staaten hätten „die iranischen Atomanlagen von der Landkarte getilgt“.
Es ist nicht absehbar, wie Trump aus diesem Kriegsschlamassel herauskommt.
2. „Regime Change“ à la Trump
Im Glauben, gemeinsam mit Israel „das Regime in Teheran“ beseitigen zu können, hat Trump den Krieg vom Zaun gerbrochen. Es gab allerdings noch nie einen Präzedenzfall einen Regimewechsel allein durch Luftangriffe herbeizuführen.
2003 stürzten die USA mit ihrer „Koalition der Willigen“ Saddam Hussein durch den Einsatz erheblicher Bodentruppen im Irak mit 900.000 Mann. Oberst Muammar Gaddafi wurde 2011 in Libyen von Rebellen gestürzt und grausam getötet, die von den Nato-Staaten und den Staaten des Persischen Golfs bewaffnet und durch deren Luftstreitkräfte geschützt wurden.
Als US-Außenministerin hat Hillary Clinton am 20. Oktober 2011 live vor laufender Kamera von der Tötung des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi erfuhr, hat sie dabei gelacht. Als sie die Nachricht las, reagierte sie zunächst mit einem „Wow“. Daraufhin lachte sie und sagte in Anlehnung an Julius Caesars „Veni, vidi, vici“ den berühmten Satz: „We came, we saw, he died“ (Wir kamen, wir sahen, er starb). Das zum Thema der US-amerikanischen Humanitas!
Wie Trump rief auch Netanjahu die Iraner auf, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Am Sonntag, dem zweiten Tag des Krieges, stand er auf dem Dach eines Hochhauses in Tel Aviv und skizzierte seine Vision für die Beendigung des Krieges. Israel und Amerika könnten gemeinsam „das erreichen, worauf ich seit 40 Jahren hoffe – das Terrorregime vollständig zu zerschlagen“, verkündete Netanjahu.
Und diesen Krieg führen die beiden Feldherren, Trump und Netanjahu, mit Brutalität sondergleichen, worauf sie auch stolz sind. Die Nachrichtenagentur Fars berichtete, dass bei der Ermordung von Ayatollah Ruhollah Khomeini auch seine Tochter, Schwiegersohn, Enkelin und Schwiegertochter getötet wurden. Laut iranischen Medien war, wie gesagt, Khameneis ermordete Enkelin erst 14 Monate alt.
Zurzeit des Kosovo-Krieges 1999 nannte man solche Zivilopfer menschenverachtend „Collateral damage“ (Kollateralschaden). Aber was tut man nicht nur, um „unsere Freiheit“, „unsere Demokratie“ und „unsere Menschenrechte“ zu verteidigen! „The New Military Humanism“ nannte Noam Chomsky 1999 in seinem gleichnamigen Werk diese „schöne, heile Welt“ unserer „westlichen Zivilisation“.
Was tut man, um die Menschheit im Namen der „Demokratie“ und „Menschenrechte“ beglücken zu können, selbst wenn die Weltmehrheit von der „westlichen Zivilisation“ nicht beglückt werden möchte? Man führt „natürlich“ Kriege, um die „halbzivilisierten“ und „unzivilisierten“ Völker „zivilisieren“ zu können! Was sonst?
Und je brutaler der Krieg, umso „zivilisierter“ werden die anderen Kulturen sein, nachdem ihnen die einzig „wahre westliche Zivilisation“ oktroyiert wird. Was tut man nur nicht, um die „unzivilisierten Völker“ zu „retten“ und zu „beglücken“, selbst wenn sie beim Bombenhagel sterben. Es gibt ja gerüchteweise auch das Leben nach dem Tod.
Ein solcher Zustand der internationalen Beziehungen gefährdet den Weltfrieden, weil er eben kein Friedenszustand mehr ist, sondern ein Naturzustand (status naturalis), „der vielmehr ein Zustand des Krieges ist, d. i. wenn gleich nicht immer ein Ausbruch der Feindseligkeiten, (so) doch immerwährende Bedrohung mit denselben“ (Immanuel Kant).
Diese „immerwährende Bedrohung“ ist heute mit Trumps Amerika zur Normalität geworden. Deutet man nun die geopolitische Entwicklung der Gegenwart mit Lothar Brock2 als eine „ungleiche Entwicklung“, die „für internationale Machtdisparitäten“ steht, weil sie auf einer „zivilisatorischen Differenz … zwischen liberalen Gesellschaften, >ordentlichen Mitgliedern einer vernünftigen Gemeinschaft wohlgeordneter Völker< und >outlaw-Staaten<“ beruht, dann erinnert diese auf einer „zivilisatorischen Differenz“ beruhende Entwicklung vollends an die „ehrwürdige“ Unterscheidung zwischen „Herrenrasse“ und „Untertanenrasse“, über welche Herrschaft ausgeübt werden soll.
Hegemonial gewendet, dürfte diese „Erkenntnis“ wohl heißen: Die völkerrechtliche Deutungshoheit und die Schaffung neuer Spielregeln der internationalen Beziehungen obliegt ausschließlich dem Hegemonialsystem der zivilisierten „Gemeinschaft wohlgeordneter Völker“, das allein befugt ist, die „Herrschaft über Untertanenrassen“ (Lord Cromer) auszuüben. Oder in der Terminologie der amerikanischen Neocons formuliert: Die unzivilisierten „Rogue States“ benötigen Zwangsmaßnahmen seitens der „liberalen Demokratien“ zur Durchsetzung der von ihnen festgeschnürten, universalen Standards.
An Stelle der Neocons tritt heute Trumps Amerika mit seiner ideologiefreien Kriegspolitik des neuen „Herrenmenschentums“, das befugt sei, Kriege jederzeit vom Zaun zu brechen, um die „Herrschaft über Untertanenrassen“ auszuüben. Und der Anführer dieser neuen „heilen Welt“ soll Donald John Trump sein, der sich anmaßt, wie ein unausweichliches Fatum die Geschicke der Welt zu lenken und über Leben und Tod zu entscheiden. Das maßlose Ego dieses „Herrenmenschen“ hat ihn offenbar vergessen lassen, dass er nur ein Geschöpf Gottes, aber kein Schöpfungsgott ist.
Anmerkungen
1. Näheres dazu Silnizki, M., Selbstverblendung eines verkannten „Weltmannes“. Auf den Spuren der
„Uneigentlichkeit“. 21. Februar 2026, www.ontopraxiologie.de.
2. Brock, L., Universalismus, politische Heterogenität und ungleiche Entwicklung: Internationale Kontexte der Gewaltanwendung von Demokratien gegenüber Nichtdemokratien, in: Geis u. a.
(Hrsg.), Schattenseiten des Demokratischen Friedens. Frankfurt/New York 2007, 45-68 (66).