Verlag OntoPrax Berlin

In Zeiten von Kriegen und Gefahren nuklearer Eskalation

Gefangen zwischen neuen Kriegstechnologien und Fehleinschätzungen

Übersicht

1. Ein Vergleich zwischen dem Vietnam- und Ukrainekrieg
2. Russlands strategische „offensive Defensive“
3. Die „Erosion der Abschreckung“ und die Untergangshypothesen

Anmerkungen

„They’ll be no learning period with nuclear weapons. You make
one mistake and you’re going to destroy nations.“
(Bei Atomwaffen hat man keine Lernzeit. Machen Sie
einen Fehler, und Sie werden Nationen zerstören.)
(Robert S. McNamara)1

1. Ein Vergleich zwischen dem Vietnam- und Ukrainekrieg

Es war der US-Verteidigungsminister, Robert S. McNamara (1961-1968), der dem US-Präsidenten John F. Kennedy (1961-1963) und nach dessen Ermordung seinem Nachfolger Lyndon B. Johnson (1963-1969) die Kriegsführungsmethode der „kontrollierten Eskalation“ empfahl.

„Die Kräfte der Nordvietnamesen mussten in der Konfrontation zu den fast unerschöpflichen Möglichkeiten der amerikanischen Großmacht irgendwann einmal erschöpft sein, sagte er sich. Und wenn es gelang, den Chinesen und den Sowjets klarzumachen, dass Amerika an einer Ausweitung dieses Konflikts über deutlich begrenzte Ziele hinaus nicht interessiert sei, dann – so sagte sich der >zweibeinige Computer< im Pentagon, wie manche ihn nannten – werde man diesen Krieg auf seinen Herd beschränken und mit der Zeit gewissenmaßen austrocknen können.“2

Die Amerikaner wollten um jeden Preis verhindern, dass Ho Chi Minh seine Macht auf den Süden ausdehnt. Sie waren überzeugt: „Wenn Südvietnam fällt, fallen andere Staaten in Asien auch. Ein Denkfehler, räumt McNamara später ein. Wir, so der Ex-Pentagon-Chef, wir sahen Vietnam als Teil des Kalten Krieges. Aber für sie war es ein Bürgerkrieg“: „We saw Vietnam as an element of the cold war. Not what they saw it was: a civil war.“3

Die Bilanz des Vietnamkrieges: 58.000 Tote auf amerikanischer und drei Millionen auf vietnamesischer Seite. Für viele trug McNamara die Hauptverantwortung für den Vietnamkrieg; er räumte später seine Verantwortung ein und wurde einer der schärfsten Kritiker des Irak-Kriegs 2003.

Im Gegensatz zu Vietnamesen, für die der Krieg nach McNamaras verspäteter Erkenntnis ein „Bürgerkrieg“ war, galt der Vietnamkrieg für die US-Administrationen unter Eisenhower, Kennedy, Johnson und Nixon als „Teil des Kalten Krieges“, der die Expansion des Weltkommunismus zu verhindern hatte, da sie aufgrund der sog. Domino-Theorie fürchteten, dass mit Vietnam ganz Südostasien unter die Kontrolle kommunistischer Regime geraten könne, der Kommunismus sich ausbreiten und sich von einem Land zum nächsten verbreiten würde, bis er die Welt beherrschte.

Diese ideologisch fundierte Fehleinschätzung der Natur des Krieges in Vietnam artete bekanntlich in einen jahrelangen „Abnützungskrieg“4 aus und endete mit der Kriegsniederlage der USA. Wie zu Zeiten des Vietnamkrieges beging die Biden-Administration und begeht die EU-Kriegspartei immer noch den gleichen Fehler, den McNamara in den 1960er-Jahren begangen hat, indem sie die Natur des Krieges in der Ukraine verkennen, Russland „Neoimperialismus“ bzw. die Wiederherstellung des Sowjetreiches vorwerfen und den Ukrainekrieg dadurch geopolitisierend missdeuten.

Betrachten die transatlantischen Machteliten den Ukrainekrieg als einen zwischenstaatlichen Konflikt und die Kriegsführungsmethode als „Abnützungskrieg“, den sie mit dem Ersten Weltkrieg vergleichen, so ist er dem Ursprung und der Natur nach genauso wie der Vietnamkrieg aus vietnamesischer Sicht ein Bürgerkrieg.

Diese Auffassung vertrete ich bereits seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine.5 Rein völkerrechtlich gesehen, findet ein zwischenstaatlicher Konflikt statt. Dem Ursprung und der Natur nach ist der Ukrainekrieg aber ein Bürgerkrieg zwischen den zwei ostslawischen Ethnien: Russen kämpfen hier gegen Russen, Ukrainer gegen Ukrainer. Und selbst die Sprache des Krieges ist ein und dieselbe. Hier findet mit anderen Worten ein Brüdermord aus ideologischen und geopolitischen Gründen statt.

Russland führt einen erbitterten ideologischen Krieg gegen den ukrainischen Ethnonationalismus, wohingegen die seit 2014 in der Ukraine an die Macht gekommene, „westlich“ orientierte, zugleich aber ethnonationalistisch geprägte Machtelite Front gegen alles „Russische“, worunter sie zumeist das sowjetische Erbe versteht, macht und einen Kulturkampf führt, der mittlerweile in einen regelrechten Glaubenskrieg ausartete.6

Hier prallen das übernationale Prinzip der russischen Staatlichkeit und der Nationalchauvinismus als ideologisches Fundament des ukrainischen Ethnonationalismus nach 2014 unversöhnlich und knallhart aufeinander. Jedwede Versöhnung ist von vornherein ausgeschlossen.

Hinzu kommt eine geopolitische Dimension des Konflikts. Wie die Weißgardisten von den westlichen Siegermächten des Ersten Weltkrieges im russischen Bürgerkrieg gegen die Rotarmisten unterstützt wurden, so unterstützt die Nato-Allianz heute in diesem innerslawischen Kultur- und Glaubenskrieg nicht etwa die „westlichen Werte“, wie die transatlantische Kriegspropaganda uns weismachen will, sondern einen mörderischen Nationalchauvinismus, den das Europa der Nachkriegszeit längst zu überwinden glaubte, aber in der Ukraine insbesondere seit 2014 den Staat und Gesellschaft unterwandert hat.

Dieser dreifache Interessenkonflikt, der das Völkerecht, den Bürgerkrieg und die Geopolitik miteinander verschmelzt und voneinander kaum zu trennen ist, ist umso tragischer und gefährlicher, je mehr er Völkerrecht mit Sicherheitspolitik, Bürgerkrieg mit Kulturkampf und Geopolitik mit Ethnonationalismus vermengt.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass die ganze Komplexität des Konflikts im nuklearen Zeitalter stattfindet, was das Risiko einer nuklearen Eskalation birgt und eine Konfliktlösung zusätzlich verkompliziert.

2. Russlands strategische „offensive Defensive“

Was die Kriegsführungsmethode in der Ukraine angeht, so ist sie allein aus westlicher Sicht ein „Abnützungskrieg“, wohingegen der Ukrainekonflikt aus russischer Sicht gar kein Krieg, sondern eine „Spezielle Militärische Operation“ (SVO) ist. Russland hat der Ukraine nie einen Krieg erklärt.

Das Ziel der SVO ist nach wie vor weder die Vernichtung der Ukraine als souveräner Staat noch die Besetzung der ganzen Ukraine, wie die transatlantische Kriegspropaganda behauptet, vom „Völkermord“ (horribile dictu) ganz zu schweigen, sondern eine „Entmilitarisierung“ und die sog. „Entnazifizierung“ des Landes.

Versteht die russische Führung unter dem einen die Erzwingung einer blockfreien Ukraine, die keine Gefahr für die russischen geo- und sicherheitspolitischen Interessen mehr darstellt, so bedeutet die „Entnazifizierung“ letztlich ein Regimewechsel, der dazu führen sollte, dass die Ukraine Russland wohl gewogen bleibt und das russische kulturelle Erbe respektiert, wie es mit der ukrainischen Verfassung von 1996 auch garantiert wurde.

Dieses unterschiedliche Verständnis von der Zielsetzung der SVO führt die meistens Nato-Militär- und Sicherheitsexperten bei der Beurteilung der russischen Kriegsführung in die Irre. Weil Russland mit seiner Territorialeroberung nur langsam vorankommt, unterstellen sie den Russen Unfähigkeit und kardinale Schwäche ihrer Kriegskunst, als hätte die Nato-Allianz jemals einen Krieg des 21. Jahrhunderts geführt und genau weiß, worauf es ankommt.

Die militärische und politische Führung Russlands erweckt zu Unrecht diesen Eindruck. Die bisherigen Kriege, in denen die Nato-Allianz in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren involviert war, waren Strafexpeditionen bzw. Bestrafungsaktionen gegen militärisch weit unterlegene Gegner und haben mit dem Krieg des 21. Jahrhunderts, wie wir ihn zum ersten Mal auf ukrainischem Boden erleben, nichts zu tun.

Die russische Kriegsführung trug von Anfang an einen defensiven Charakter und Putin agiert bis heute überwiegend reaktiv, was in den Nato-Hauptstädten geringschätzig und selbstüberschätzend als „Schwäche“ ausgelegt wird. Putin verfolgt dessen ungeachtet konsequent seine Defensivstrategie gegenüber der Nato, die keineswegs als „Schwäche“ missverstanden werden darf.

Ganz im Gegenteil: Dass die russische Führung sich getraut hat, der Nato-Expansion in der Ukraine militärisch Einhalt zu gebieten, ist nicht nur mit den russischen vitalen Sicherheitsinteressen, sondern auch mit der erreichten militärtechnologischen Überlegenheit im Bereich der Hyperschallsysteme zu erklären, die die Nato-Allianz gar nicht besitzt.

Dass diese neue Kriegstechnologie von außerordentlich strategischer Bedeutung ist und den Krieg revolutioniert, in der Ukraine aber nur sporadisch zum Einsatz kommt, wird von der Nato-Führung weder ernst- noch wahrgenommen und darum konsequent ignoriert.

Hinzu kommt, dass Russland tendenziell eine Defensivstrategie praktiziert, die eine Eskalationsspirale gegenüber der Nato zu vermeiden sucht, was die offenen oder verdeckten Drohungen der Nato-Länder erst recht provoziert und ungewollt zu noch mehr Eskalation führt.

Mit seiner defensiven Haltung befindet sich die russische Führung in einem Dilemma: Gibt Russland seine Defensivstrategie gegenüber der Nato-Allianz preis, riskiert es eine Verschärfung der Eskalation, verbleibt es in der Defensive, provoziert es eine weitere Eskalationsspirale.

Dass die Ukraine ihrerseits alles tut, um eine direkte Involvierung der Nato-Allianz in die Kämpfe an der ukrainischen „Ostfront“ herbeizuführen, verstetigt diese russische Defensivhaltung umso mehr und erweckt dadurch wiederum den Eindruck einer militärischen Schwäche bzw. willentlichen Unentschlossenheit.

Mit einem bisher einmaligen Einsatz des Hyperschallsystems „Oreschnik“ demonstrierte Putin andererseits, dass er mehr als nur eine strategische Nuklearoption hat, was es ihm auch ermöglicht, seine Defensivstrategie offensiver zu gestalten, um glaubwürdig zu bleiben, wohingegen die USA es vor diesem Hintergrund schwer haben werden, die Eskalationsspirale aufrechterhalten bzw. weiterdrehen zu können.

Russland kann es sich mittlerweile in Anbetracht seiner erfolgreich getesteten neuen Waffensysteme leisten, tendenziell weiterhin defensiv zu agieren, zugleich aber mit Ansage jederzeit und an jedem Ort im Umkreis von 5000 km zurückzuschlagen – im Bewusstsein dessen, dass die Nato-Allianz dem nichts entgegenzusetzen hat.

Mit einer solchen „offensiven Defensive“7 kann Moskau tendenziell jede Eskalationsspirale außer Kraft setzen, sodass die US-amerikanische Eskalationsdominanz hier ihre Grenzen findet.8 Und so kann sich auch hier das „Gesetz“ des US-Ökonomen Herbert Stein bewahrheiten: „Wenn etwas nicht ewig andauern kann, wird es eines Tages zu Ende sein.“ Soll heißen: Die USA und seine Bündnisgenossen können nicht endlos eskalieren, ohne Gefahr zu laufen, selbst Opfer ihrer eigenen Eskalation zu werden.

3. Die „Erosion der Abschreckung“ und die Untergangshypothesen

Zwei US-Amerikaner haben ein Thema angesprochen, das aktueller und dringender nicht sein kann. In ihrem am 17. Juli 2025 in Foreign Affairs veröffentlichten Artikel „Nuclear Powers, Conventional Wars“ (Atommächte, konventionelle Kriege) warnen Carter Malkasian und Zachary Constantin im Untertitel nachdrücklich vor einer „gefährlichen Erosion der Abschreckung“ (The Dangerous Erosion of Deterrence).

Das Thema beschäftigt die Russen schon seit Jahren.9 Was bekümmert Malkasian und Constantin so sehr, dass sie es unbedingt loswerden wollten? Die Häufung der Kriege in der jüngsten Zeit mit Beteiligung der Atommächte. Die entstandene „neue Normalität“ (wie sie es nennen) berge das Risiko einer nuklearen Eskalation“ (carry risks of nuclear escalation).

Auch wenn es noch zu früh sei, zu sagen, dass sich ein Krieg der Großmächte abzeichne, seien die Gefahren einer nuklearen Eskalation unverkennbar, schreiben sie. Die Zusammenstöße zwischen Atommächten erinnern ihrer Meinung nach an die gefährlichsten Momente des „Kalten Krieges“ und können außer Kontrolle geraten.

Die von den Autoren vorgebrachten Beispiele (die jüngsten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Indien und Pakistan bzw. Israel und Iran) sind jedoch ungeeignet, um „das Risiko einer nuklearen Eskalation“ heraufzubeschwören.

Selbst wenn Nuklearwaffen in welcher Form auch immer eingesetzt wären, was im Falle der in Rede stehenden militärischen Zusammenstöße völlig ausgeschlossen war, hätte das biblische Armageddon, die endzeitliche Schlacht, nicht stattgefunden und die Welt wäre nicht untergegangen. Zu geringes Nuklearpotenzial besitzen die kleinen Nuklearmächte: Pakistan, Indien und Israel, deren nukleare Sprengköpfe jeweils weit unter 200 geschätzt werden.

Ganz anders sah es freilich zurzeit des „Kalten Krieges“ aus. Die Zahl der amerikanischen Nuklearwaffen lag 1990 schätzungsweise bei 21.211, wohingegen die Sowjetunion ihr Arsenal auf 33.417 Stück aufgerüstet hatte. Das waren ganz andere Dimensionen eines nicht zustande gekommenen Nuklearkrieges, der das Potenzial gehabt hätte, die ganze Welt in die Luft zu sprengen.

Deswegen vertrat der US-Politikwissenschaftler, Robert Jervis (1940-2021) stellvertretend für viele in seinem 1984 erschienenen Werk „The Logic of American Nuclear Strategy: Why Strategic Superiority Matters“ die Auffassung, dass „die Furcht vor einem Atomkrieg die andere Seite von viel mehr als einem nuklearen Angriff abschreckt, weil ein Atomkrieg nicht leicht kontrolliert oder isoliert werden kann. So irrational es auch klingen mag, die Möglichkeit der Verwüstung hat unsere Welt ungewöhnlich sicher gemacht.“

Was Jervis 1984 mit diesen Sätzen zum Ausdruck bringen wollte, ist dasjenige, was Michael Stürmer dreißig Jahre später 2014 „Vernunft des nuklearen Friedens“ bezeichnete, die ihrerseits „auf der Hypothese des Weltuntergangs und dem Minimalkonsens, diesen zu vermeiden, (beruhte).“10

Die „Vernunft des nuklearen Friedens“ scheint heute abhandengekommen zu sein, weil zum einen ein Gewöhnungsprozess an eine unerfüllte und anscheinend unerfüllbare Prophetie, die stets wiederholt, aber nicht realisiert wird, eingetreten ist und weil zum anderen die „Hypothese des (nuklearen) Weltuntergangs“ eine Konkurrenz bekommen hat und durch eine scheinbar noch „schlimmere“, von einer „Klimakatastrophe“ abgeleitete Weltuntergangshypothese substituiert wurde.

Und da die beiden Weltuntergangshypothesen weder gleichzeitig bestehen noch gegeneinander ausgespielt werden können, bevorzugt die neue Generation der Untergangspropheten die eine und ignoriert die andere nach dem Motto: Neue Zeiten, neue Weltuntergangshypothesen!

Das Problem ist nur: Der „Weltuntergang“ infolge der „Klimakatastrophe“ kann noch eine Weile dauern. Das Risiko eines nuklearen Weltuntergangs kann hingegen hier und heute eintreten.

Und so stellte Stürmer (ebd.) entrüstet und erstaunt zugleich fest: „Die Vernunftgebote des langen nuklearen Friedens aber scheinen vergessen. Die Welt ist ein gefährlicher und gefährdeter Ort“ (geworden).

Diesen grundsätzlichen Wandel der Weltuntergangshypothesen verkennend, der die Angstschwelle vor einer nuklearen Eskalation drastisch gesenkt hat, sehen Malkasian/Constantin das eigentliche Problem im Wesentlichen in einer „gefährlichen Erosion der Abschreckung“, ohne dem stattgefundenen Wandel des Zeitgeistes Rechnung zu tragen.

Zur Überwindung der diagnostizierten „Erosion der Abschreckung“ empfehlen sie die Aufrechterhaltung einer „Reihe militärischer Fähigkeiten“, wie „Drohnen, Spezialeinheiten, Raketenabwehr- und Langstreckenangriffssysteme, um auf konventionelle Aktionen reagieren zu können, ohne auf ein höheres Gewaltniveaus zurückgreifen zu müssen. Ein robustes Angebot an militärischen Optionen zur Vergeltung von Angriffen ermöglicht es den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten, auf einem Niveau zu kämpfen, auf dem das Risiko einer Eskalation relativ überschaubar ist.“

Als Beispiel für das Management einer solchen >erfolgreichen< „strategischen Deeskalation“ (strategic de-escalation) nennen sie das „Ende des jüngsten Krieges zwischen dem Iran und Israel“. Denn die US-Entscheidung, „nach dem Angriff des Iran auf den US-Stützpunkt in Katar auf weitere Vergeltungsmaßnahmen zu verzichten und auf einem Waffenstillstand zu bestehen, verhinderte eine größere Eskalation,“ argumentieren Malkasian/Constantin.

Daraus schlussfolgern sie, dass die „Diplomatie zwischen den Parteien sowohl auf direktem als auch auf indirektem Wege das Waffenstillstandsabkommen erleichterte“, wozu nicht zuletzt „Israels Luftverteidigungssysteme und gezielte Angriffe auf das iranische Raketen-Kommando- und Kontrollnetzwerk“ beitrugen, indem sie „Irans Möglichkeiten für Vergeltung einschränkten, noch bevor US-Bomben die unterirdischen iranischen Atomanlagen beschädigten.“

Das Beispiel einer „strategischen Deeskalation“ des israelisch-iranischen Luftkrieges, das angeblich ein erfolgreiches Management der Konfliktbewältigung beweisen sollte, beruht auf falschen Annahmen und Fehlschlüssen11 und ist auf den viel gefährlicheren Ukrainekonflikt zwischen Russland und der Nato-Allianz gar nicht übertragbar. Sie löst vor allem das diagnostizierte Problem des „Risikos einer nuklearen Eskalation“ (carry risks of nuclear escalation) in keinerlei Weise.

Die Beendigung des 12-tätigen Luftkrieges zwischen Israel und dem Iran mit einem Waffenstillstand setzte einen direkten Bombenangriff der USA auf den Iran voraus. Sollen die USA analogerweise etwa Russland direkt angreifen, um einen Waffenstillstand im Ukrainekrieg zu erzwingen? Eine solche „strategische Deeskalation“ hält keiner Kritik stand.

Die vorgelegte Studie verkennt ungeachtet des berechtigten Denkanstoßes mit ihrer Kernthese einer „Erosion der Abschreckung“ zum einen die fassungslos machende Unbekümmertheit des hier und heute grassierenden Zeitgeistes, den man mit dem „Totentanz auf der Titanic“ vergleichen könnte, und zum anderen – was noch viel wichtiger ist – einen fundamentalen Unterschied zwischen der geopolitischen und geoökonomischen Realität der Gegenwart und der Zeit des „Kalten Krieges“.

Denn die „Erosion der Abschreckung“ ist zwar ein gefährliches, aber nur ein abgeleitetes Phänomen. Im Hintergrund geht es vor allem und in erster Linie um einen nie enden wollenden Kampf zwischen den Groß- und Weltmächten um Hegemonie und Machtgleichgewicht im globalen Raum. Und dieser Machtkampf macht die weltpolitische Lage so gefährlich, da er auf eine fortschreitende Erosion der US-Hegemonie und der westlichen Weltdominanz hindeutet, die das Risiko einer nuklearen Eskalation in sich birgt.

Anmerkungen

1. Das Zitat stammt aus Dokumentarfilm „The Fog of War“ (Der Nebel des Krieges): Elf Lektionen aus dem
Leben von Robert S. McNamara. 2003.
2. Woller, R., Der unwahrscheinliche Krieg. Eine realistische Wehrkonzeption. Stuttgart 1970, 30.
3. Zitiert nach Finck, A., US-Politiker Robert McNamara. Sinneswandel eines Kriegsstrategen. Deutschlandfunk,
9. Juni 2016.
4. Woller (wie Anm. 2), 32.
5. Vgl. Silnizki, M., Im Kriegsjahr 2022. Entstehungsjahr eines nachhegemonialen Zeitalters? 3. Mai 2022,
www.ontopraxiologie.de.
6. Näheres dazu Silnizki, M., Kampf um die Ukraine. Im Würgegriff von Geopolitik und Tradition.
18. Oktober 2021, www.ontopraxiologie.de.
7. Der Ausdruck stammt von Lothar Ruehl, Russlands Weg zur Weltmacht. Düsseldorf/Wien 1981, 417.
8. Vgl. Silnizki, M., Gefangen in einer strategischen Asymmetrie. Russlands Defensivstrategie und die US-
Eskalationsdominanz. 25. August 2024, www.ontopraxiologie.de; Silnizki, M., Moskaus neue
Defensivstrategie. Zur Frage nach der „Salamitaktik“ im Ukrainekrieg. 12. Januar 2025,
www.ontopraxiologie.de.
9. Vgl. Silnizki, M., „Strategischer Parasitismus“ oder verantwortungslose Strategie? Zur Frage nach
Angstlosigkeit und Nuklearhysterie. 18. Oktober 2022, www.ontopraxiologie.de; des., Ist die Geschichte
wiederkehrbar? Zur Gefahr einer schleichenden Globalisierung des Krieges. 5. Oktober 2022,
www.ontopraxiologie.de.; des., Atomkrieg. Kein Schreckgespenst mehr? 28. April 2022,
www.ontopraxiologie.de.
10. Stürmer, M., Vernunft des nuklearen Friedens scheint vergessen. 2014.
11. Näheres dazu Silnizki, M., 12-tägiger Luftkrieg. Zwischen Fehleinschätzung und Inszenierung.
29. Juni 2025, www.ontopraxiologie.de.

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