Verlag OntoPrax Berlin

Geopolitische Dimension des Irankrieges

Steuern wir auf einen globalen Konflikt zu?

Übersicht

1. Zwei parallellaufende Szenarien
2. Russland, China und der Irankrieg

Anmerkungen

1. Zwei parallellaufende Szenarien

Der 28. Februar 2026 markierte eine weitere Runde im Iran-Israel-Krieg. Mit dem Beginn einer direkten bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Teheran und Washington bekommt der Konflikt aber eine geopolitische Dimension. Irans Vergeltungsschläge demonstrieren, dass die Islamische Republik nicht nur zur Selbstverteidigung bereit, sondern auch in der Lage und willens ist, das gesamte Territorium der Gegner – von Tel Aviv bis zu US-Stützpunkten am Golf – anzugreifen.

Es wird schon jetzt deutlich, dass der Konflikt auf einen Krieg mit globalen Folgen zusteuert. Dies stellt nicht nur die Stärke Israels, der USA und Irans, sondern auch des gesamten Systems der internationalen Beziehungen, einschließlich der Weltwirtschaft und insbesondere des Energiesektors, auf die Probe. Zwei parallellaufende Szenarien lassen sich schon jetzt erkennen:

Szenario 1:
Eine weltweite Energiekrise

Der Iran verfügt über einen einzigartigen geostrategischen Vorteil: die Kontrolle über die Straße von Hormus, durch die ein Fünftel des weltweiten Erdöls und ein Drittel des globalen Flüssigerdgases transportiert werden. Teheran muss die Straße nicht einmal physisch schließen, um eine Krise auszulösen.

Allein die Ankündigung einer Schließung genügt, um die Schifffahrt abzuschrecken. Die iranische Marine verfügt über Schnellboote, Seeminen, Mini-U-Boote und Marschflugkörper – ein Arsenal, das ausreicht, um die Schifffahrt zu bedrohen. Eine langfristige Blockade ist zwar unwahrscheinlich, die Schließung der Straße von Hormus wäre aber ein strategischer Schritt Irans, der potenziell nicht nur die Golfstaaten, sondern auch die globalen Märkte schädigen könnte.

Große Ölkonzerne haben ihre Lieferungen bereits eingestellt, und Händler warnen, dass ihre Schiffe vorerst stillstehen werden. Für den Iran stellt ein solcher Schritt freilich ein echtes Dilemma dar: Durch die Schließung der Straße von Hormus fügt Teheran seiner eigenen Wirtschaft einen schweren Schlag zu, da Ölexporte eine wichtige Einnahmequelle darstellen.

Angesichts einer direkten militärischen Aggression wiegt das Überleben der Islamischen Republik jedoch schwerer als alle wirtschaftlichen Erwägungen. Der Iran rief bereits den Dschihad aus, die Revolutionsgarden starteten die Operation „True Promise“ und der Persische Golf steht in Flammen.

Laut Reuters haben mindestens 150 Tanker die Straße von Hormus nicht erreicht und  sitzen auf offener See fest. Die Tanker befinden sich vor den Küsten wichtiger Ölförderländer im Persischen Golf, darunter Irak, Saudi-Arabien und Katar. Die Financial Times berichtet von einem kompletten Zusammenbruch: Während früher bis zu 25 Schiffe alle vier Stunden die Straße passierten, passiert heute keines der Schiffe mehr die Straße von Hormus. Unternehmen kündigen aufgrund der militärischen Auseinandersetzungen in der Region ihre Kriegsrisikoversicherungen.

Der unter palauischer Flagge fahrende Öltanker „Skylight“ wurde neun Kilometer vor der Küste des omanischen Gouvernements Musandam angegriffen. Vier Personen wurden verletzt und zusammen mit den übrigen 16 Besatzungsmitgliedern evakuiert. Der iranische Staatssender IRIB behauptet, der Tanker sei gesunken, nachdem er versucht hatte, die Meerenge illegal zu durchfahren. An Bord befanden sich 15 indische Staatsbürger und fünf Iraner; die Verletzten werden medizinisch versorgt.

Die Blockade von Hormus wird somit nicht nur zu einem taktischen Manöver, sondern zu einem strategischen Instrument, um die USA und ihre europäischen Claqueure zu Zugeständnissen zu bewegen, wie auch immer sie sein mögen.

Der Iran wird nur dann zu Konzessionen bereit sein, wenn er sicher sein wird, dass seine Strategie der Abschreckung funktioniert und er nicht jedes Jahr angegriffen werden kann. Manche Iranexperten spekulieren zudem darauf, dass der Iran zu einer Feuerpause nur dann bereit sein würde, wenn alle westlichen, jahrzehntelang andauernden Sanktionen aufgehoben werden. Für die USA und ihre Verbündeten kann die Energiekrise sich zu einer Wirtschaftskrise ausweiten und zu innenpolitischen Verwerfungen führen.

Für eine Abschreckungsstrategie muss der Iran allerdings erst seine strategische Geduld unter Beweis stellen. Ein starker Anstieg der Ölpreise würde Inflation auslösen, die Weltwirtschaft beeinträchtigen und einen politischen Druck auf die Trump-Administration ausüben, den Krieg möglichst schnell zu beenden. Denn Trump braucht einen weiteren siegreichen Krieg, der sich nicht in die Länge ziehen darf, was darauf hindeutet, dass Washington kein Interesse an einem langwierigen Konflikt hat.

China, das die Angriffe auf den Iran bereits scharf verurteilt und einen sofortigen Waffenstillstand gefordert hat, könnte wegen Pekings starker Abhängigkeit vom iranischen Öl vor erhebliche Herausforderungen stellen, was durch und durch im Sinne der Anti-China-Strategie der Trump-Administration ist.

Russland kann seinerseits infolge von steigenden Energiepreisen ein Profiteur der Energiekrise werden, auch wenn der Krieg Moskaus geostrategischen Interessen in der Region langfristig schadet. Freilich könnten die ökonomischen und militärischen Beziehungen zwischen China und Russland durch diesen Krieg noch weiter gestärkt und ausgebaut werden.

Szenario 2:
Eine dramatische Zuspitzung des Konflikts

Der Nahe Osten offenbart einmal mehr, dass er ein Pulverfass von geopolitischer Dimension ist: Hinter der Fassade von Diplomatie und Völkerrecht herrschen nackte Gewalt und kaltberechnete, skrupellose Machtpolitik ohne Rücksicht auf Freund wie Feind. Die Frage ist, wie weit die Kriegsparteien in der und außerhalb der Region zu gehen bereit sind und welchen Preis die Welt für eine neue „Normalität“ in den internationalen Beziehungen zu zahlen bereit ist.

Seit Beginn der Angriffe der USA und Israels auf den Iran hat die iranische Armee laut Angaben der Revolutionsgarden mehr als 20 US-Stützpunkte in der Region angegriffen . Die Revolutionsgarden betonten, dass sie „nicht zulassen werden, dass die Sirenen in Israel und auf US-Stützpunkten verstummen“ und einen „noch heftigeren Angriff auf feindliche Ziele und Einrichtungen“ vorbereiten.

„Die US-Basen sind amerikanisches Territorium. Wir haben keinerlei Absicht, Länder in der Region anzugreifen“, erklärte Ali Larijani (Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats des Iran).

Auch in Israel sind Explosionen zu hören. Der Rettungsdienst bestätigte einen Toten und 120 Verletzte. Raketenangriffe treffen Jerusalem und seine Vororte, darunter auch Reservistenlager der israelischen Streitkräfte. Iran soll an einem Tag 40 Raketen auf Ziele in Israel abgefeuert haben, darunter Hyperschallraketen vom Typ Fattah. In Beit Schemesch wurde ein israelischer Militärstützpunkt getroffen.

Die Nachrichtenagentur FARS meldet , dass Israel und die USA ein iranisches Armeekrankenhaus und ein Gebäude der Revolutionsgarden in Teheran angegriffen haben usw. usf.

Irans Strategie basiert darüber hinaus auf dem Aufbau eines Netzwerks regionaler Verbündeter und Stellvertretergruppen. Die Huthi im Jemen, die Hisbollah im Libanon und schiitische Milizen im Irak – all diese Kräfte könnten aktiv werden. Angriffe auf die US-Stützpunkte in Katar, Bahrain, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Jordanien und im irakischen Kurdistan haben bereits Irans Bereitschaft zur Ausweitung des Konflikts demonstriert.

Die Beteiligung der Golfstaaten am Konflikt birgt eine besondere Gefahr. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Bahrain liegen in Reichweite iranischer Raketen. Ein Angriff auf das Hauptquartier der 5. US-Flotte in Bahrain war nicht nur eine Machtdemonstration, sondern ein symbolischer Schlag gegen das Nervenzentrum der amerikanischen Seemacht in der Region.

Die Ausschaltung des Luftwaffenstützpunkts Al Udeid in Katar, dem Hauptstützpunkt für schwere Bomber, oder des Luftwaffenstützpunkts Al Dhafra in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo F-35-Kampfjets stationiert sind, könnte die Operationen der Koalition erheblich erschweren.

Unter den regionalen Akteuren herrscht allerdings keine Einigkeit in ihrer Haltung zum Krieg. Die jüngsten Spannungen zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten im Jemen sowie der Machtkampf im Sudan und in Somalia zeigen, dass die arabischen Staaten ihre eigenen Interessen verfolgen, die nicht immer mit denen der Vereinigten Staaten übereinstimmen. Für einige mag eine Eskalation des Konflikts mit dem Iran unerwünscht sein, da sie ihre eigenen Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen bedroht.

Die Türkei, die kürzlich den Bau eines Militärstützpunkts in Somalia angekündigt hat, könnte ebenfalls eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Ankara verfolgt traditionell eine unabhängige Außenpolitik und könnte die Situation nutzen, um seinen Einfluss in der islamischen Welt zu stärken. Ägypten, das den Aufstieg Äthiopiens über Somalia fürchtet, wird die Entwicklungen ebenfalls genau beobachten.

Die Kosten des Krieges werden für alle Seiten hoch sein: für das iranische Volk, das erneut zum Spielball geopolitischer Machtspielchen geworden ist; für die ganze Region, in der der Krieg eine Kettenreaktion von Konflikten auslösen könnte; für die Weltwirtschaft, in der eine Destabilisierung des Golfs katastrophale Folgen hätte und schließlich für die strategische Stabilität zwischen den nuklearen Großmächten.

2. Russland, China und der Irankrieg

Je nachdem wie sich der Konflikt verlaufen wird, kann es zu Spannungen zwischen den USA einerseits und Russland und China andererseits kommen. Russland und China sind einerseits nicht bereit für eine offene Konfrontation mit den USA und würden lieber abwarten und dem Iran im Hintergrund Hilfe leisten. Diese Hilfe dürfte maßgeblich von der Nachhaltigkeit des Widerstands und der Dauer des Konflikts abhängen.

Der Irankrieg würde aber andererseits die Beziehungen zwischen China und Russland weiter stärken. „China bezieht rund 13,4 % seines per Schiff transportierten Öls aus dem Iran, was bedeutet, dass anhaltende Unterbrechungen auch chinesische Unternehmen betreffen könnten“, berichtet Bloomberg.

Gleichzeitig geht Bloomberg nicht davon aus, dass Peking die Spannungen mit Washington in der Iran-Frage deutlich verschärfen wird, insbesondere im Vorfeld des Treffens zwischen Xi und Trump im März.

Noch vor wenigen Tagen herrschte allerdings im Westen die Ansicht vor, Russland und China würden sich auf rhetorische Unterstützung beschränken und Teheran keine nennenswerte militärische Hilfe leisten.

Laut CNBC hat sich die Lage jedoch anders entwickelt, da immer deutlicher wird, dass Russland und China ihren Verbündeten unterstützen. Zwar haben die beiden Großmächte erwartungsgemäß Erklärungen abgegeben, in denen sie die US-Aktionen verurteilten, und man ging davon aus, dass keines der beiden Länder in der Lage sei, Teheran nennenswerte materielle Unterstützung zu leisten.

Wie die ersten Kriegstage zeigten, irrte sich der Westen aber gewaltig. Irans neue Angriffsstrategie hat sich in der Praxis als deutlich effektiver erwiesen als die des Vorjahres. Die neue Strategie und Taktik wurden vermutlich von russischen und chinesischen Spezialisten entwickelt, die ihrem Verbündeten stets auch Informationen liefern.

Insgesamt demonstrierten die Iraner einen hocheffektiven Ansatz beim Einsatz ballistischer und unbemannter Langstreckendrohnen. Sie haben offensichtlich aus dem Konflikt im Sommer 2025 gelernt, als Israel von massiven Drohnenschwärmen angegriffen wurde.

Nun bevorzugen die Iraner jedoch Gegenangriffe in kleinen, verstreuten Gruppen von mehreren Einheiten. Dieses Vorgehen macht den Einsatz von US-amerikanischen und israelischen Kampfflugzeugen wirtschaftlich unrentabel. Letztendlich ist die Anti-Iran-Koalition gezwungen, teure Flugabwehrmunition in großem Umfang einzusetzen, die ohnehin schon knapp ist. Folglich hat sich die Erfolgsquote der iranischen Raketen und Drohnen beim Eindringen in ihre Ziele im Vergleich zum Vorjahr erhöht.

Daher weigert sich der Westen zu glauben, dass Peking und Moskau Teheran nur beraten und nicht auch militärisch unterstützen. Es ist, wie man sieht, (noch) ein regionaler Konflikt. Je länger er dauern wird, wird er in einen globalen Konflikt unter Beteiligung der nuklearen Groß- und Supermächte ausarten.

Alles deutet darauf hin, dass wir am Anfang dieser Entwicklung stehen. Und diese Büchse der Pandora hat der „Friedensstifter“, Donald Trump, geöffnet. Ob er weiß, was er tut?

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