Im Lichte der Geschichte und Gegenwart
Übersicht
1. „Putins Fleischwolf“ oder Selenskyjs Fleischwolf?
2. Zwischen Wahrheit und Dichtung
3. Sowjetische Kriegskunst im Urteil der Wehrmachtführung
4. Zur Diskussion über die „Gewalt“ und „Gräueltaten“ der Roten Armee in Deutschland
Anmerkungen
„Vae victis“ (Wehe den Besiegten!)
1. „Putins Fleischwolf“ oder Selenskyjs Fleischwolf?
Seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine tobt allerseits und allerorts Kriegspropaganda, die zur Entmenschlichung und Entehrung des Gegners führt. Da sich die ukrainischen Streitkräfte seit Monaten entlang der gesamten Frontlinie auf dem Rückzug befinden und vor einer bevorstehenden Kriegsniederlage stehen, versucht die ukrainische und sie unterstützende westliche Kriegspropaganda diese Niederlage zu verharmlosen, herunterzuspielen und/oder mit der sog. „Fleischwolf-Taktik“ der Russen zu relativieren.
Insbesondere in den deutschen Medien begegnet man solchen Schlagzeilen wie Putins „Fleischwolf-Taktik“, „Russischer Fleischwolf“, „Fleischwolf Ostfront“ usw. So berichtete Bayerische Rundfunk (B24) am 2. Mai 2024: „Russland nimmt hohe Verluste in Kauf. >Fleischwolf-Taktik< nennt man das sarkastisch in der Ukraine“.
„Putin-Fleischwolf nutzt menschliche Kamele, berichtet ein BILD-Reporter am 6. April 2025. „Russe berichtet von Putins Fleischwolf: >Überlebensrate von fast null<“, ist in dem Kölner Stadt-Anzeiger vom 17. Januar 2025 zu lesen. Und eine solche Kriegsberichtserstattung lässt sich beliebig fortsetzen.
Die Fakten sprechen dabei eine ganz andere Sprache. Bereits im Dezember 2022 sprach Ursula von der Leyen über mehr als 100.000 gefallene ukrainische Militärangehörige und 20.000 gefallene Zivilisten. „It is estimated that more than 20,000 civilians and 100,000 Ukrainian military personnel have died to date,” she said.1
Nach der Intervention der ukrainischen Seite wurden die Angaben sodann unterdrückt und nie mehr wiederholt. Die deutsche EU-Kommissionspräsidentin war im Jahr 2022 noch zu unbefangen und wusste noch nicht, wie man mit brisanten Informationen umgehen soll. Später wurde sie offenbar eines Besseren belehrt und hat derartige „Fehler“ nie mehr wiederholt.
Wer aber trotzdem mehr wissen wollte, konnte es auch; nur musste er außerhalb Deutschland Ausschau halten. Und wer sucht, der findet: So berichtete der polnische Journalist Marek Galas kurz vor Weihnachten 2022 in seinem Artikel „Ukraiński słoik z pająkami. Brak skuteczności, tylko wzajemne zniszczenie“ (Ukrainisches Glas mit Spinnen. Keine Wirkung, nur gegenseitige Zerstörung) am 20. Dezember 2022 darüber, dass Valerij Zalužnyj (der Oberkommandierender der ukrainischen Streitkräfte) Selenskyj dringend empfohlen hat, die Truppen aus der stark umkämpften Stadt Bachmut abzuziehen.2
Die Lage der ukrainischen Streitkräfte um Bachmut sei der gefährlichste und aussichtsloseste Abschnitt der Front und derart dramatisch, dass die Ukrainer selber die militärische Situation mit dem „Fleischwolf“ (polnisch: „maszynką do mięsa“, russ.: „мясорубка“) vergleichen, schreibt Galas. Die Verluste allein an diesem Ort werden auf 600 bis 800 Menschen pro Tag geschätzt!
Entlang der gesamten Front sei die militärische Lage der Ukraine katastrophal. „Die ukrainischen Militäreinheiten können neues Kanonenfutter“ nach Galas Diktum „nicht rechtzeitig liefern. Unausgebildet, unmotiviert und schlecht versorgt gehen die Einberufenen für ein paar Tage an die Front, um dann je nach Glück entweder im Krankenbett oder auf dem Friedhof zu landen.
Die Ungeheuerlichkeit der unwiederbringlichen Verluste wird durch zahlreiche Filme von Friedhöfen in der ganzen Ukraine belegt, wo jeden Tag Hunderte von frischen Gräbern auftauchen, die das blutige Verbrechen von Zelensky und seinen Widersachern bestätigen …, indem er die männliche Bevölkerung der Ukraine vollständig ausrottet. Das bedeutet nicht, dass die Männer … allein bei den Kämpfen sterben, sondern dass sie von Zelenskyjs Handlangern gewaltsam in den Tod geschickt werden und bei Ungehorsam eine Kugel in den Hinterkopf bekommen.“
„Die maßlose Zahl an Verwundeten aus Bachmut“ wird laut Galas` Bericht „durch die Überfüllung der Krankenhäuser in Kiew und in den regionalen Zentren belegt. … Die Krankenhäuser in Kiew sind restlos überfüllt. Laut einem Zeugen – einem Journalisten der größten italienischen Zeitung Corriere della Sera – werden täglich bis zu 100 schwer verwundete ukrainische Soldaten ins Krankenhaus eingeliefert.“ Die militärische Lage um Bachmut sei derart dramatisch, dass der ukrainische Generalstab gezwungen sei, wieder Söldner einzusetzen. Und die Stadt sehe mehr und mehr wie eine Ruine aus.
Wozu ist dieses sinnlose Blutvergießen gut, empört sich der polnische Journalist. „Warum kann Selenskyj nicht zugeben, dass die ukrainischen Streitkräfte unter seinem Kommando nichts weiter als Kanonenfutter sind?“ Galas beantwortet diese Frage allein mit den innerukrainischen Machtkämpfen zwischen Zalužnyj und Selenskyj.
Wer also über die wahren Verhältnisse an der „Ostfront“ mehr wissen wollte, konnte es schon im Jahr 2022 wissen. Und es ging bei diesen Informationen nicht so sehr um „Putins Fleischwolf“ als vielmehr um Selenskyjs Fleischwolf. Was dann nach 2022 passierte und bis heute andauert, ist allgemein bekannt: Noch mehr „Kanonenfutter“, noch mehr „sinnloses Blutvergießen“ und noch mehr Selenskyjs Fleischwolf! Und die Opferzahlen, die in Umlauf sind, möchte ich gar nennen. Zu schrecklich und zu grausam klingen sie für „zarte“ deutsche Seelen!
2. Zwischen Wahrheit und Dichtung
Die „Fleischwolf“-Propaganda ist nicht neu. Sie hat ihren Ursprung in einem Versuch der westlichen wie auch manchen russischen Historiker nach dem Untergang der Sowjetunion, die Rolle der Roten Armee bei der Niederwerfung Nazideutschlands im Zweiten Weltkrieg zu relativieren und sie als eine „Menge grausamer Barbaren, die zu kämpfen unfähig sind“, zu verunglimpfen.
Der wesentliche Grund für diese Relativierungen und Verunglimpfungen sieht der US-Militärhistoriker, David M. Glantz (geb. 1942), in Aufzeichnungen deutscher Generäle und Offiziere, die unmittelbar nach dem Kriegsende von den Amerikanern mit der Analyse und Zusammenfassung der Wehrmachtaktionen im Zweiten Weltkrieg beauftragt wurden, sowie den Memoiren mehrerer Wehrmachtsoffiziere.2
In seinem 2016 erschienenen Werk The Failures of Historiography: Forgotten Battles of the German-Soviet War (1941–1945) schreibt Glantz: „Im Westen herrschte eine verzerrte und amateurhafte Sicht auf diesen Krieg vor; schließlich basierten fast alle Darstellungen dieses Konflikts auf deutschen Quellen. Und diese beschrieben ihn erwartungsgemäß als Kampf gegen einen gesichtslosen und formlosen Feind, dessen Hauptmerkmale die enorme Größe seiner Armee und ein unerschöpflicher Vorrat an großzügig eingesetzten menschlichen Ressourcen waren.“
Die Wehrmachtgeneräle bewerteten in der Regel die Kampfkraft der deutschen Truppen und ihre Militärkunst höher als die der Sowjettruppen. So behauptete Generalfeldmarschall, Erich von Manstein (1887-1973), in seinen Memoiren „Verlorene Kriege“ (1955), dass die deutschen Truppen in ihren Kampfgeist dem Feind stets überlegen waren. Auch General Kurt von Tippelskirch (1891-1957) lobte in seinem Buch „Geschichte des Zweiten Weltkriegs“ (1951) die Kampffähigkeiten der Wehrmachtssoldaten und das Geschick ihrer Kommandeure.
Diese Einschätzungen fanden Eingang in die Militärgeschichtsschreibung der Nachkriegszeit. So schreibt der US-Militärhistoriker, Trevor N. Dupuy (1916-1995) in seinem Werk „A Genius for War: The German Army and General Staff, 1807-1945“ (1977) über eine „erstaunliche militärische Kunstfertigkeit der deutschen Truppen“ und stellt fest: „Obwohl die deutschen Armeen den Krieg verloren haben, demonstrierten sie währenddessen eine militärische Virtuosität, die nie übertroffen wurde, und in Bezug auf die Kriegskunst auf dem Feld ließen sie die Russen weit hinter sich.“
Selbst einige russische Historiker schließen sich diesen Einschätzungen an. So bezeichnet der russische Historiker, Boris Sokolow (geb. 1957), in seinem 1991 erschienenen Artikel „Цена победы и мифы Великой Отечественной“ (Der Preis des Sieges und die Mythen des Großen Vaterländischen Krieges) die Rote Armee als „schlecht ausgebildete Miliz“ und äußert sich abfällig über ihre militärischen Fähigkeiten: „Der große Sieg wurde um den Preis unglaublich hoher und ungerechtfertigter Verluste errungen, dank der enormen und klaglosen Masse ungeschulter sowjetischer Soldaten, die Selbstmordangriffe starteten und das Schlachtfeld mit ihren Leichen übersäten … Was Kampfausbildung und Führung betrifft, war die Rote Armee der Wehrmacht sowohl in der Vorkriegszeit als auch während des gesamten Krieges deutlich unterlegen.“
Eine Revision der Sowjethistoriographie begann bereits kurz nach dem Untergang der Sowjetunion. Derselbe Sokolow behauptete 1993, dass die UdSSR je nach Schätzung 14,7 Millionen bzw. 27,4 Millionen Menschen allein auf dem Schlachtfeld verloren hat3.
Der weißrussische Publizist, Wladimir Beschanow (geb. 1962), schreibt in seinem Werk „Танковый погром 1941 года“ (Panzerpogrom von 1941): „In Deutschland lag der Schwerpunkt während des gesamten Krieges bis zum Schluss auf der guten Ausbildung von Ersatzkräften. In der UdSSR zog man es vor, während des gesamten Krieges ungeschulte und oft unbewaffnete Rekruten in den Kampf zu werfen.“
Solche russisch-weißrussischen „Salonstrategen“ (диванные стратеги) äußern sich auch ziemlich geringschätzig über die sowjetische Militärführung. Beschanow behauptet im eben zitierten Buch kategorisch: „Die sowjetischen Militärführer wussten nicht, wie man mit minimalen Verlusten kämpft, und bekundeten nur Lippenbekenntnisse, wenn es um das Wohl ihrer Männer ging.“
Und der russische Historiker, Andrei Subow (geb. 1952) schreibt in seinem 2008 veröffentlichten Buch „История России. ХХ век. 1939–2007“ (Geschichte Russlands. Das 20. Jahrhundert. 1939–2007): Der Grund für horrende Verluste seien „dieselben stalinistischen Kriegsmethoden: Frontalangriffe auf Maschinengewehrnester, das Hineinschicken von Männern in Minenfelder“.
In seinem 2001 veröffentlichten Werk „Тайны Второй мировой“ (Geheimnisse des Zweiten Weltkriegs) behauptet Boris Sokolow, dass einer der Gründe für die „unglaublich hohen und ungerechtfertigten Verluste“ der Roten Armee sei „das niedrige Niveau der operativen Ausbildung des Führungspersonals auf allen Ebenen … die Unfähigkeit der Kommandeure und ihrer Stäbe, große Truppenverbände angemessen zu führen, und ihr Bestreben, um jeden Preis, ungeachtet der Verluste, den Erfolg zu erringen.“
„Die Kriegskunst“ war laut Sokolow „den höchsten Militärführern im Großen und Ganzen fremd“.
„All diese Einschätzungen“ – kommentiert Wladimir Litwinenko die zitierte westliche und russische, westlich orientierte Militärgeschichtsschreibung – „entsprechen nicht der Realität.“4
Die Rote Armee siegte nicht, weil sie der Wehrmacht zahlenmäßig überlegen war, sondern weil sie besser kämpfte. Sie lernte aus den brutalen Niederlagen der Anfangsphase des Krieges und ist bis 1944 zu einer unbesiegbaren Streitmacht aufgestiegen, die der Wehrmacht sowohl in der Kampfkraft ihrer Soldaten als auch in der militärischen Kompetenz ihrer Kommandeure überlegen war.
Zeitgenossen bestätigen diese Auffassung. Kein geringerer als Churchill unterstrich in einer Rede: „Die monströse Maschinerie der faschistischen Macht wurde durch die Überlegenheit der russischen Manöver, der russischen Tapferkeit, der sowjetischen Militärwissenschaft und der exzellenten Führung der sowjetischen Generäle gebrochen. Abgesehen von den sowjetischen Armeen gab es keine Streitmacht, die Hitlers Militärmaschinerie hätte brechen können.“5
Und der Chef des Stabes des XXXXVIII. Panzerkorps und der 4. Panzerarmee an der Ostfront, Generalmajor Friedrich Wilhelm von Mellenthin (1904-1997), schreibt in seinem berühmten Werk „Panzerschlachten. Eine Studie über den Einsatz von Panzerverbänden im 2. Weltkrieg“ (1963), der in mehrere Sprachen übersetzt wurde:
„Während des Krieges verbesserten sich die Russen stetig, und ihre höheren Kommandeure und Stäbe sammelten wertvolle Erfahrungen durch das Studium der Erfahrungen ihrer Feinde und der deutschen Armee. Sie lernten schnell auf Lageveränderungen zu reagieren und energisch und entschlossen zu handeln. Russland verfügte mit Schukow, Konew, Watutin und Wassilewski über hochbegabte Armee- und Frontkommandeure.“
Genau diese Fähigkeiten der russischen Armee, schnell zu lernen, sich rasch zu adaptieren, „schnell auf Lageveränderungen zu reagieren und energisch und entschlossen zu handeln“, beobachten wir auch heute im Ukrainekrieg.
3. Sowjetische Kriegskunst im Urteil der Wehrmachtführung
Der Generalstabchef des Heeres, Generaloberst Franz Halder (1938-1942), der bis zu seiner Absetzung an allen militärischen Planungen maßgeblich, insbesondere auch an den Planungen zum Unternehmen Barbarossa 1941, beteiligt war, erklärte6:
„Historisch ist es von großem Interesse zu untersuchen, wie die russische Militärführung, nachdem sie 1941 mit ihrem Prinzip der starren Verteidigung gescheitert war, eine flexible operative Führung entwickelte und unter dem Kommando ihrer Marschälle eine Reihe von Operationen durchführte, die nach deutschen Maßstäben großes Lob verdienen. Die deutsche Führung hingegen, unter dem Einfluss Hitlers, gab die operative Kunst auf und verfiel in eine prinzipiell mangelhafte, starre Verteidigung, die letztlich zur totalen Niederlage führte.“ Diese starre Verteidigung der deutschen Wehrmacht nannten die Russen: „eine fehlerhafte Strategie. Dem kann nicht widersprochen werden.“
Der ehem. Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd, Generaloberst Hans Friessner (1944), schrieb in seinen Memoiren „Verratene Schlachten. Die Tragödie der deutschen Wehrmacht in Rumänien und Ungarn“ (1956):
„Ich habe selbst seit dem Frühjahr 1942 das Kommando und die Truppen der Roten Armee eingehend studiert. Die Schlachten von Rschew, Orel, Brjansk, Gomel, Orscha, Ilmensee, Narwa, Dwina, Rumänien und Ungarn, an denen ich als Divisionskommandeur, Korpskommandeur, Armeekommandeur und Heeresgruppenkommandeur teilnahm, lehrten mich viel … Wir haben die Rote Armee zu Kriegsbeginn eindeutig unterschätzt … Daher musste der deutsche Soldat in vielen Schlachten für diese bittere Lektion teuer bezahlen … Der sowjetische Soldat kämpfte bewusst und, das muss man sagen, sogar fanatisch für seine politischen Überzeugungen… Eine nicht minder große Stärke des sowjetischen Soldaten war seine enorme Beharrlichkeit und extreme Bescheidenheit … Die Selbstaufopferung sowjetischer Soldaten im Kampf kannte keine Grenzen… Die Russen bewiesen zudem großes Geschick beim Infiltrieren unserer Stellungen vor Beginn ihrer Großoffensive.“
Generalleutnant Alexander Edler von Daniels, Kommandeur der 376. deutschen Infanteriedivision (6. deutsche Armee, 1942–1943), der in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet, erklärte nach dem Ende der Schlacht um Stalingrad: „Die Operation zur Einkesselung und Liquidierung der 6. deutschen Armee ist ein strategisches Meisterwerk.“
Der ehem. Befehlshaber der Berliner Verteidigung, Artilleriegeneral Helmuth Weidling (1891-1955), charakterisierte das Vorgehen der Roten Armee wie folgt: „Die Operationen der russischen Truppen zeichnen sich durch klare Absichten, Entschlossenheit und Beharrlichkeit bei deren Umsetzung aus. Ich muss anmerken, dass die Russen im Kriegsverlauf taktisch bedeutende Fortschritte erzielt haben, wohingegen unser Kommando einen Rückschritt erlitten hat.“
Der Befehlshaber der rückwärtigen Sicherungskräfte der 9. Armee, Generalleutnant Friedrich Bernhard (1888-1945), der nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet und am 30. Dezember 1945 in Brjansk aufgrund seiner begangenen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, bemerkte während eines Verhörs bei der Aufzählung der Gründe für die Niederlage der deutschen Wehrmacht „eine meisterhafte, geschickte und äußerst wendige Führung der russischen Armeen. In diesem Zusammenhang möchte ich die außerordentliche Fähigkeit der Russen hervorheben, Schwachstellen in der Verteidigung zu erkennen und die Richtung ihrer Hauptangriffe zu wählen.“
Zum Schluss darf bei dieser Aufzählung auch das Urteil des Befehlshabers der 6. Armee, Generalfeldmarschall, Friedrich Paulus, nicht fehlen. 1946 sagte Paulus bei den Nürnberger Prozessen aus, was die Angeklagten zutiefst schockierte: „Die sowjetische Militärstrategie erwies sich als der unseren so überlegen, dass die Russen mich wohl kaum gebraucht hätten, um einem Unteroffizier etwas beizubringen. Der beste Beweis dafür ist der Ausgang der Schlacht an der Wolga, in deren Folge ich gefangen genommen wurde, sowie die Tatsache, dass diese Herren hier auf der Anklagebank sitzen.“7
Paulus verließ die UdSSR 1953. Am 24. Oktober 1953 unterzeichnete er eine von der sowjetischen Presse veröffentlichte Erklärung, in der es unter anderem hieß: „Bevor ich die Sowjetunion verlasse, möchte ich dem sowjetischen Volk sagen, dass ich einst in blindem Gehorsam als Feind in ihr Land kam, es aber nun als Freund verlasse.“ Er lebte den Rest seines Lebens in der DDR, wo er 1957 starb.
4. Zur Diskussion über die „Gewalt“ und „Gräueltaten“ der Roten Armee in Deutschland
Das Thema der „Gewalt“ und „Gräueltaten“ sowjetischer Soldaten und Offiziere auf deutschem Boden nimmt seit Jahren einen prominenten Platz im Bestreben ein, die Rolle der Sowjetunion bei der Niederwerfung Nazideutschlands und die Rote Armee zu diskreditieren.
Der britische Historiker, Antony Beevor (geb. 1946), widmete diesem Thema zuletzt in seinem Buch The Fall of Berlin 1945 (2002), das 2003 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Berlin 1945 – Das Ende erschienen ist, ein umfangreiches Kapitel und nannte es „Vae Victis“.
Der deutsche Historiker Joachim Hoffmann (1930-2002), der fanatisch die These verteidigte, der Krieg sei zwischen zwei verbrecherischen Regimen geführt worden: Hitlers Deutschland und Stalins UdSSR, veröffentlichte 1999 das Buch unter dem verleumderischen Titel „Stalins Vernichtungskrieg (1941–1945)“, das 2006 auch in russischer Übersetzung erschien.
Der Tenor des Buches spricht für sich: „Verantwortung und Verantwortliche. Gräueltaten auf beiden Seiten“; „Hitlers Schurken. Sowjetische Gräueltaten, die den Deutschen zugeschrieben werden“; „Keine Gnade, keine Nachsicht. Gräueltaten der Roten Armee beim Vormarsch auf deutschem Boden“; „Wehe dir, Deutschland! Die Gräueltaten gehen weiter“.
Auch einige russische Autoren, die den „sowjetischen Totalitarismus“ anprangern, ignorierten das Thema nicht. In einem von Andrej Subow 2009 herausgegebenen Werk „История России. ХХ век. 1939–2007“ (Das 20. Jahrhundert. 1939–2007“) wird dem „schändlichen Verhalten sowjetischer Soldaten“ bzw. der sog. „wilden Horde“ in Deutschland ein ganzer fünfeinhalbseitiger Abschnitt gewidmet. Subow charakterisiert darin das Verhalten der sowjetischen Soldaten wie folgt: „…Noch nie zuvor – weder 1814–1818 in Frankreich noch 1914 in Ostpreußen und Galizien – hatte sich der russische Soldat so schwerwiegend wie 1944-1945 entehrt.“
Und der ehem. Moskauer Bürgermeister, Gawriil Popow (1991-1992), schrieb in seinem 2005 erschienenen Buch „Заметки о войне“ (Notizen über den Krieg) ausführlich über die „Gräueltaten“ sowjetischer Truppen in Deutschland.
Wie Andrej Subow scheute auch er sich nicht, zu behaupten: „Die russische Armee ist in ihrer Geschichte mehr als einmal in europäische Länder einmarschiert. Aber warum entpuppten sich die Russen in ihren Mänteln erst in diesem Krieg – ab Anfang 1945 – als fast eine Horde von Räubern, Plünderern und Vergewaltiger?“ Diese Entgleisungen der sog. „russischen Liberalen“ ist nicht so sehr der historischen Wahrheitsfindung als vielmehr dem Selbsthass bzw. der Selbstfindungsprozess der 1990er-Jahre und Anfang des 21. Jahrhunderts geschuldet, die von heute auf morgen alles negierten, was in irgendeiner Weise in Verbindung mit dem „sowjetischen Totalitarismus“ gebracht werden konnte.
Legt man aber „Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt“ zugrunde, das von der Stenotypistin (Mitglied der NSDAP), Brigitte Eicke (1927-2016) und Luftwaffenhelfer, Dieter Borkowski (1929-2000) stammen, so bekommt man ganz andere Eindrücke über das Jahr 1945.
Hier werden nur drei kleinen Auszüge aus dem Tagebuch des 16-jährigen deutschen Flugbegleiters, Dieter Borkowski, zitiert:
16. Januar 1945: „Die Russen wollen eindeutig unser ganzes Volk ausrotten. Leider gibt es nichts Neues einzutragen, dass man als gut bezeichnen könnte.“
20. März 1945: „Ich habe den Krieg satt. Jede Nacht greifen schnelle Bomber Berlin an. Wir sind immer müde und unausgeschlafen. Und die Wunderwaffen, wo bleiben die?
15. April 1945: Ein mit zwei Eisernen Kreuzen ausgezeichneter Soldat rief in einer U-Bahn: „Wir müssen diesen Krieg gewinnen … Wenn andere gewinnen – die Russen, Polen, Franzosen, Tschechen – und unserem Volk auch nur ein Prozent dessen antun, was wir ihm sechs Jahre lang angetan haben, dann wird in wenigen Wochen kein einziger Deutscher mehr am Leben sein. Das sagt Ihnen jemand, der sechs Jahre in besetzten Ländern verbracht hat!“
Und die Statistik des Krieges gibt diesem anonymen, mit zwei Eisernen Kreuzen ausgezeichneten Soldaten recht: Die Wehrmacht verlor auf sowjetischem Gebiet etwa 3,5 Millionen Soldaten und Offiziere (einschließlich Gefallener und Vermisster) und mindestens 14,5 Millionen sowjetische Zivilisten wurden getötet.8
Das heißt: Für jeden gefallenen deutschen Soldaten töteten die Nazis mehr als vier sowjetische Zivilisten. Folgt man dem Vergeltungsprinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, so hätte die Rote Armee, die bis 1945 über 7 Millionen Militärangehörige (?) in den Kämpfen gegen die deutschen Besatzer verloren hat, „jedes Recht“ gehabt, bei ihrem Einmarsch in Deutschland mindestens 28 Millionen deutsche Zivilisten zu ermorden.
Die von Antony Beevor, Joachim Hoffmann, Andrei Subov, Gavriil Popov, Boris Sokolov und vielen anderen der Roten Armee vorgeworfenen Gräuel- und Gewalttaten hätten erst begonnen, wenn diese Zahl von 28 Millionen überschritten worden wäre.
Die Rote Armee rächte demgegenüber nicht die Verbrechen des Nationalsozialismus am deutschen Volk. Zwischen 800.000 und 1,8 Millionen Zivilisten starben während des Krieges in Deutschland. Andere Schätzungen sprechen von über 2 Millionen.
Wie auch immer, legt man die Zahl von 1,8 Millionen zugrunde, so fielen davon laut Litwinenko ca. 500.000 bis 800.000 den anglo-amerikanischen Bombenangriffen auf deutsche Städte zum Opfer. Weitere 300.000 Menschen wurden in nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet. Folglich starben infolge der Kampfhandlungen und der Präsenz der Roten Armee in Deutschland nicht mehr als 700.000 Menschen. Das bedeutet, dass in Deutschland mindestens 20-mal weniger Zivilisten durch die Aktionen der Roten Armee ums Leben kamen als in der Sowjetunion durch Nazideutschland.
Vor diesem Hintergrund verbietet sich jede Diskussion über die „Gewalt“ und die „Gräueltaten“ der Roten Armee in Deutschland.
Anmerkungen
1. Zitiert nach George D. O’Neill Jr., Is This Winning? Western leaders can not longer hide the truth about
Ukraine. The American Conservative, 19. Dezember 2022; siehe auch Silnizki, M., „Big Russia versus Little
Russia“. Im Spannungsfeld zwischen Sanktionskrieg, Polens Ukrainepolitik und Kriegsgemetzel. 3. Januar
2023, www.ontopraxiologie.de.
2. Dem Nachfolgenden liegt eine Studie von Владимир Литвиненко, „Русская доблесть, советский дух
Величие и благородство Красной армии“ (KPRF.RU, 15. Februar 2018) zugrunde.
3. Борис В. Соколов, Цена потерь – цена системы, HГ от 22 июня 1993 г.
4. Litwinenko (wie Anm. 2).
5. Siehe die Reden des britischen Premierministers Winston Churchill, 1943-1944.
6. Alle folgenden Zitate stammen von Litwinenko (wie Anm. 2).
7. Siehe Допрос фельдмаршала Паулюса на Нюрнбергском процессе.
8. Alle folgenden Angaben stammen von Litwinenko (wie Anm. 2).