Sergej Karaganow und der Nuklearkrieg
Übersicht
1. Die 1990er-Jahre
2. Karaganow versus Putin
3. Karaganows Abrechnung mit Europa
Anmerkungen
„Wir haben uns derart an den Frieden gewöhnt, dass wir davon überzeugt sind, dass es keinen großen Krieg
mehr geben würde. Diese Einstellung ist falsch. Der Krieg kann erstens (jederzeit) stattfinden und die
Wahrscheinlichkeit eines Nuklearwaffeneinsatzes ist zweitens eher größer geworden, als sie jemals
seit der Zeit der Kubakrise gewesen war. Ich hoffe nur, dass es dazu nicht kommen wird. Denn
dann wäre es ein direkter Weg in die Hölle“
(Sergej Karaganow, 2022)1
1. Die 1990er-Jahre
Das Enfant terrible der russischen Außenpolitik, Sergej Karaganow (Ehrenvorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik), hat am 4. Mai 2026 in der außenpolitischen Zeitschrift „Russland in der globalen Politik“ einen Artikel mit dem werbeträchtigen Titel „Как России победить в новой мировой войне“ (Wie Russland einen neuen Weltkrieg gewinnen kann) veröffentlicht.
An Selbstbewusstsein und Selbstbewunderung mangelte es unserem russischen Zeitgenossen noch nie. So auch jetzt. Gleich zu Beginn seiner Schrift spricht er selbstlobend und hochtrabend über seine prophetischen Gaben:
„Ich werde versuchen, den Lauf der Geschichte zu deuten, gegründet auf meiner Erfahrung und meines Wissens, aber auch darauf, dass ich in den letzten 35 Jahren mit meinen Einschätzungen und Prognosen nie wesentlich falsch lag. Manchmal war ich zu spät dran, aber meistens war ich der Expertengemeinschaft um Jahre, ja sogar Jahrzehnte voraus.“
Man muss nur etwas Wasser in den Wein gießen. Vor 35 Jahren war Karaganow mit Sicherheit nicht so aufgeklärt, wie sein Ego uns heute weismachen will. Im Gegensatz zu George F. Kennan oder einem beim Autounfall ums Leben gekommenen sowjetischen Dissidenten, Andrej Amal`rik (1938-1980), hat er das Ende des Sowjetimperiums weder vorausgesagt noch vorausgesehen.
Amal`rik hat hingegen den Untergang des „ostslawischen Imperiums“ in seinem bereits 1969 erschienenen und aufsehenerregenden Essay „Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 erleben?“ (Zürich 1970) prophezeit und seinen Namen damit in der Geschichte verewigt. Im „ostslawischen Imperium“ wurde er freilich gleich nach der Veröffentlichung seines Essays für verrückt erklärt und in der westlichen „glorreichen“ Sowjetologie zunächst belächelt und dann ganz vergessen.
Der selbsternannte Prophet, Karaganow, kann jedoch mit derartigen spektakulären Voraussagen nicht trumpfen. Ganz im Gegenteil: Wie sein Kollege, Dmitrij Trenin (Präsident des Russländischen Rates für internationale Angelegenheiten), in seinem 2021 erschienenen Werk „Neue Machtbalance“ berichtete, waren die postsowjetischen Macht- und Funktionseliten in den 1990er-Jahren ziemlich naiv und träumten vom westlichen Wohlstand und einer vielversprechenden Zukunft, in ewiger Freundschaft mit dem „Westen“ verbunden.
Der anfängliche Versuch, sich in die westlichen Strukturen zu integrieren und sogar eine Art >dritter Westen< (третьий Запад) neben den USA und der EU im Rahmen der euroatlantischen Welt werden zu wollen, ist bekanntlich kläglich gescheitert“, stellt Trenin rückblickend fest2. Naivität rächt sich immer im politischen und erst recht im geopolitischen „Geschäft“. Trenin unterlag selbst nach eigenen Angaben in den 1990er-Jahren „dieser Illusion“3.
Davor war auch Karaganow nicht gefeit. Wie sehr diese Naivität damals die russische Gesellschaft im Griff hatte, ist in einem lesenswerten, vom russisch-amerikanischen Autoren und Journalisten, Dimitri Simes (geb. 1947), verfassten und 1999 erschienenen Werk „After the Collapse“ nachzulesen.
Bei einer Begegnung des damaligen russischen Außenministers, Andrei Kosyrew (1990-1996), mit dem ehem. US-Präsidenten Richard Nixon 1992 in Moskau fragte Nixon Kosyrew, wie seine Regierung die russischen nationalen Interessen definiere.
Russland habe in der Vergangenheit sehr darunter gelitten, sich zu sehr auf die eigenen Interessen und zulasten des Restes der Welt konzentriert zu haben. Nun sei es an der Zeit, dass Russland „mehr an universelle menschliche Werte denke“, antwortete Kosyrew.
„Das ist eine sehr lobenswerte Haltung des Ministers“, erwiderte Nixon nicht ohne Ironie, „aber natürlich gibt es einige spezifische Interessen, die Russland als aufstrebende Macht für sich selbst als wichtig erachtet.“
Nixons Einwurf überzeugte Kosyrew ganz und gar nicht. Vielleicht gäbe es solche rein russischen Interessen, sagte er, aber die russische Regierung habe noch keine Gelegenheit gehabt, sie zu prüfen. „Vielleicht möchte Präsident Nixon, als Freund der russischen Demokratie, uns helfen, diese Interessen zu ermitteln“, fragte Kosyrew mit einem schüchternen Lächeln.
Nixon behielt eine ungerührte Miene und sagte: „Ich maße mir nicht an, dem Minister zu sagen, was Russlands nationale Interessen sind. Ich bin zuversichtlich, dass es sie mit der Zeit selbst erkennen wird. Aber ich möchte eines klarstellen: Russland kann und sollte nicht versuchen, den Vereinigten Staaten in allen außenpolitischen Fragen zu folgen. Als großes Land hat Russland sein eigenes Schicksal. Wir wünschen uns ein freundliches Russland und schätzen Ihre persönliche Freundschaft sehr, Herr Minister, aber ich weiß, dass jeder in Russland, der versucht, ausländischen Ratschlägen zu genau zu folgen, unweigerlich in Schwierigkeiten gerät. Und das wollen wir unseren Freunden ersparen.“
„Als wir das Außenministerium verließen und in unsere Limousine stiegen“, berichtet Simes über seine Erlebnisse aus dem Jahr 1992, „fragte mich Nixon, was ich von Kosyrew halte“, um dann zu sagen: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Russen einen solchen Narr respektieren.“4
Bei einem Waldai-Diskussionsforum 2017 schilderte ein estnischer Gast, Rein Müllerson, Putin den Inhalt des Gesprächs zwischen Nixon und Kosyrew und fragte, was er davon halte. „Das deutet darauf hin“, erwiderte Putin, „dass Nixon einen Kopf hat. Herr Kosyrew hat hingegen leider keinen. Er hat nur eine Schädelkappe. Aber keinen Kopf im eigentlichen Sinne“ (Это говорит о том, что у Никсона есть голова. А у господина Козырева, к сожалению, отсутствует. Коробка есть черепная только. Но головы как таковой нет).
Nun ja, Putin kann heute gut reden. Er will nicht mehr daran erinnert werden, dass auch er 1992 Teil dieser prowestlich gesinnten Elite war und genauso naiv, wie diese war. Noch zu Beginn seiner Amtszeit strebte Putin Russlands Nato-Mitgliedschaft an. Heute spielt er dieses Ansinnen herunter.
Zuletzt bestätigte Putin selbstredend in einem Interview mit dem US-Journalisten, Tucker Carlson, am 6. Februar 2024, dass er im Jahr 2000 den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton nach dessen Meinung zu einem möglichen Nato-Beitritt Russlands gefragt habe. Laut Putin sei Clintons Reaktion reserviert gewesen.
Aus den freigegebenen Protokollen von Kreml-Treffen aus dem Jahr 2001 geht hervor, dass Putin tatsächlich den Wunsch äußerte, Russland solle für eine Mitgliedschaft in Betracht gezogen werden. Er sagte dem auf Bill Clinton folgenden US-Präsidenten George W. Bush jr.: „Wir isolieren uns nicht von der Welt, von der sogenannten zivilisierten Welt.“
Der ehem. Nato-Generalsekretär, Lord George Robertson (1999-2003), erinnerte sich Putins Ansinnen in die Nato-Allianz aufgenommen zu werden, allerdings unter der Bedingung, dass Russland direkt eingeladen werde, ohne den üblichen Bewerbungsprozess und die Warteschlangen, in denen andere Länder warten müssen.
„Putin, den ich damals kennengelernt habe“, sagte Robertson in einem BBC-Interview mit einem BBC-Russlandkorrespondent, Steve Rosenberg, am 22. Februar 2024, war ein ganz anderer „als der heutige Putin, der praktisch ein Wahnsinniger ist“.
„Ich glaube“, Putin hege „große Ambitionen für sein Land – Ambitionen, die in vielerlei Hinsicht unrealistisch sind“, fuhr Robertson fort und wies darauf hin, dass die Sowjetunion einst als zweite Supermacht der Welt anerkannt war, Russland heute jedoch keine Ansprüche in diese Richtung erheben kann.
„Ich glaube, das hat Putins Ego gewissermaßen angekratzt. Hinzu kam die mitunter vorhandene Schwäche des Westens und die vielen Provokationen, denen er ausgesetzt war, sowie sein eigenes wachsendes Ego. Ich denke, das hat Putin, der mit der Nato kooperieren wollte, in einen Menschen verwandelte, der die Nato nun als große Bedrohung ansieht.“ Soweit Robertson.
Nun ja, Putin war und ist weder ein Wahnsinniger noch strebte er jemals eine Wiederherstellung der Sowjetunion an. Diesen Unfug hört man stets in den westlichen Mainstream-Medien. Mit dem wiederholten Verweis auf Putins Äußerung: Die Sowjetunion sei „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“, suggeriert die westliche Kriegspropaganda bis heute, dass „Putins Russland“ eine restaurative bzw. revisionistische Politik betreibe und die Wiederherstellung des Sowjetreiches verfolge.
Dieser Suggestion fehlt jedoch jegliche geopolitische Substanz. Zum einen unterschlagen sie eine andere, von Putin bereits 2010 ebenfalls vertretene Auffassung: „Wer den Untergang der UdSSR nicht bedauert, hat kein Herz. Wer aber die UdSSR wiederherstellen will, hat keinen Verstand.“
Zum anderen würde sich Russland national- und geoökonomisch übernehmen, würde es das imperiale Abenteuer anstreben wollen. Die Wiederherstellung des Imperiums in den Grenzen des untergegangenen Sowjetreiches wäre zum dritten allein schon deswegen unmöglich, weil im postsowjetischen Raum der Nationalismus jeder Couleur gedeiht und floriert.
Nachdem der Geist des Nationalismus aus der postsowjetischen „Büchse der Pandora“ entwichen war, ist es heute praktisch unmöglich, diesen Geist zurück in die „Büchse“ zu zwingen, es sei denn mit brutalster Gewalt.
Die Vergangenheit lässt sich nicht zurückdrehen oder wiederbeleben, sonst wird man von ihr erdrückt und es gilt immer noch Goethes geflügeltes Wort: „Die Geister, die man rief, wird man nun nicht mehr los“. Wie sehr Putins sich vor diesen „Geistern“ hüten muss, zeigt Trumps gescheiterte Wiederbelebung der Kanonenbootsdiplomatie des US-Imperialismus im Irankrieg5.
Und was Karaganow angeht, so war auch er Teil dieser prowestlich gesinnten Elite der 1990er-Jahre6.
2. Karaganow versus Putin
Allein schon diese kurze zeitgeschichtliche Skizze des Geisteszustands der postsowjetischen Macht- und Funktionseliten zeigt, warum sich die russische Führung samt ihrer außen- und sicherheitspolitischen Experten ungeachtet des seit mehr als vier Jahren tobenden Krieges zwischen Russland und der Nato auf ukrainischem Boden immer noch so schwertut, mit dem sog. „Westen“ endgültig zu brechen und wie sehr Karaganow, der vermutlich infolge der Nato-Osterweiterungspolitik in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahren seine Geisteshaltung radikal geändert hat, mit seinen extremen, ja extremistischen Positionen selbst Putin auf die Palme bringt.
Das konnte man bei einer ungewöhnlichen Diskussionsrunde erleben, an der Karaganow und Putin aneinandergerieten, was ein seltsames und seltenes Spektakel war. Karaganow, den die russische Zeitung Kommersant einen „Verkünder verhängnisvoller Wahrheiten“ (Глашатай истин роковых) nannte, moderierte am 7. Juni 2024 die Plenarsitzung des Internationalen Wirtschaftsforums St. Petersburg (SPIEF), an der Putin als Redner und anschließend als Diskutant teilnahm.
„Karaganows journalistischer Eifer war unverkennbar. Er beabsichtigte, die Geschichte auf seine eigenartige Art und Weise zu präsentieren“, schrieb Kommersant über seine Moderation. Als Karaganow auf eine Frage hin anmerkte: „Wir unternehmen (in Russland) zwar etwas, aber es wurde kein konkretes Ziel definiert“, unterbrach Putin ihn verärgert mit der Bemerkung:
„Ich habe das Gefühl, wir werden keine Diskussion, sondern eine Debatte führen; denn was Sie gesagt haben, klingt beleidigend sowohl für die Regierung der Russischen Föderation als auch für andere Institutionen. Sie sagten: Wir tun etwas! Ich habe eine ganze Stunde damit verbracht, zu erklären, was wir tun! Ich glaube, Sie sind ein bisschen eingenickt, wie man so sagt, und nichts von dem mitbekommen, was ich gesagt habe! Ich habe eine ganze Stunde lang darüber gesprochen, was wir tun werden, und ein ganzes Zehn-Punkte-Programm vorgestellt.“
Als Karaganow vorschlug, Wirtschaftszentren und Großunternehmen gewaltsam jenseits des Urals nach Sibirien zu verlagern, entgegnete Putin unwirsch: „Verzeihen Sie mir, ich fürchte, Ihr imperiales Bewusstsein zu verletzen … das muss auf natürlichem Wege, über den Markt, geschehen“ und nicht gewaltsam.
Und natürlich konnte Karaganow sein Lieblingsthema – den Nuklearwaffeneinsatz – nicht übergehen. Ein Sieg im Ukrainekonflikt sei unmöglich, behauptete er, „ohne die Eskalation im Nuklearbereich zu beschleunigen“, worauf Putin entgegnete: „Was die nukleare Eskalation angeht, so haben wir mit dieser Rhetorik nie angefangen. Ich kann mich nicht einmal mehr an den Namen der ehem. britischen Premierministerin erinnern, die auf die Frage nach ihrem Amtsantritt sagte, sie sei bereit, den Atomknopf zu drücken. Das haben wir nie gesagt. So hat alles begonnen.“
Putin, dem der Name der Britin entfallen ist, meinte Liz Truss, die vom 6. September bis 24. Oktober 2022 gerademal 48 Tage im Amt der britischen Premierministerin war. Als britische Außenministerin erklärte sie im August 2022, dass sie bereit sei, den Atomwaffeneinsatz anzuordnen. Auf die direkte Frage bei einer parteiinternen Wahlkampfveranstaltung, ob ihr der Gedanke an einen solchen Befehl, der „globale Vernichtung“ bedeuten würde, physisches Unbehagen bereite, antwortete sie: „Ich glaube, das ist eine wichtige Pflicht des Premierministers, und ich bin bereit, das zu tun.“
Im Gegensatz zu einer verantwortungslosen Scharfmacherin betonte Putin: „Russland rassle nicht mit seinen Atomwaffen und die Nukleardoktrin sei ein dynamisches Instrument“. Ein Atomschlag sei nicht nötig und er äußerte die Hoffnung, dass es nie so weit kommen werde. Was bedeutet „Einsatz“ oder „Nicht-Einsatz“? In welchen Fällen sollte man sie einsetzen? Wir haben eine Nukleardoktrin, und da ist alles schriftlich festgelegt, sagte er.
Der Einsatz sei nur in Ausnahmefällen möglich – im Falle einer Bedrohung der Souveränität und territorialen Integrität des Landes. In Ausnahmefällen. „Ich glaube nicht, dass eine solche Situation eingetreten ist. Es besteht kein Bedarf dafür. Aber diese Doktrin ist ein lebendiges Instrument, und wir beobachten genau, was in der Welt um uns herum geschieht, und wir schließen nicht aus, einige Änderungen daran vorzunehmen.“
„Was den Atomwaffentest betrifft“, fuhr Putin fort, „so haben wir den Vertrag zum Verbot von Atomwaffentest nicht nur unterzeichnet, sondern ihn auch ratifiziert. Die Amerikaner haben ihn zwar unterzeichnet, aber nicht ratifiziert; daher haben wir unter den gegebenen Umständen unsere Ratifizierung zurückgezogen. Falls nötig, werden wir Tests durchführen. Derzeit besteht dazu keine Notwendigkeit, da wir dank unserer Informations- und Computerkapazitäten alles in seiner jetzigen Form selbst herstellen können.“
Dezidiert nahm Putin auch Stellung zum Kriegsverlauf. „Sie sagten, ich trage eine große Verantwortung. Ja, in der Tat. Ist es möglich, die vor uns liegenden Aufgaben zu beschleunigen? Es ist möglich, aber es steht in direktem Verhältnis zu den Verlusten. Und im Bewusstsein meiner Verantwortung richte ich mich weiterhin nach den Vorschlägen des Generalstabs und des Verteidigungsministeriums. Geschwindigkeit ist wichtig, aber noch wichtiger ist der Schutz des Lebens und der Gesundheit unserer Soldaten an der Front.“
„Dessen ungeachtet verstehen wir sehr wohl“, fügte Putin hinzu, „dass Herr Karaganow eine Beschleunigung der Eskalation auf der nuklearen Eskalationsleiter anstrebe, um eine große Anzahl von Menschenleben retten zu können, weil sie unsere Gegner zur Vernunft bringen kann, die die Tatsache ausgenutzt haben, dass wir unter anderem eine so einfache Doktrin hatten!“
„Ich habe keinen Zweifel“, erwiderte Karaganow beschwichtigend, „dass sich das ändern wird. Ich hoffe, es wird bald geändert, und Sie erhalten das formale Recht, auf jeden Angriff auf unser Territorium mit einem Atomschlag zu reagieren, wenn Sie es für richtig halten. Dies sollte unbedingt das souveräne Recht unseres Staatsoberhauptes sein! Ich hoffe, eine solche Formulierung wird in unsere Doktrin aufgenommen, was unsere Gegner abschrecken und früher oder später auch unsere Soldaten schützen wird.“
Die ganze Diskussion war ziemlich bizarr und skurril. Man sah einen Moderator, der lieber Selbstgespräche und Monologe führte, und einen Putin, der stets seine Verärgerung unterdrücken musste, um nicht die Beherrschung zu verlieren und aus der Haut zu fahren. Als Moderator war Karaganow eine absolute Fehlbesetzung und Putin stand sein Unbehagen im Gesicht geschrieben.
Entweder war das eine gezielt inszenierte Provokation gegen Putin oder ein Missgeschick der Organisatoren der Veranstaltung. Wie dem auch sei, nach diesem Spektakel hat Karaganow nie mehr eine Diskussionsrunde mit Putin moderiert.
Karaganow war immer schon eine Reizfigur, gleichermaßen verhasst und bewundert. Bei einer Tagung in Belin 2018, zu der auch zahlreiche außen- und sicherheitspolitische Experte aus Moskau angereist waren, kam es zu einem Gespräch zwischen mir und einen russischen Gast.
Im Gespräch ist dabei der Name Karaganow gefallen, worauf der Gast mich fragte, ob ich weiß, dass Karaganow einst den Posten des russischen Außenministers anstrebte, Putin hat ihn aber abblitzen lassen. Ahnungslos, wie ich war, habe ich die Frage natürlich verneint.
Man möchte sich gar nicht ausdenken, was wäre, wenn Karaganow tatsächlich Außenminister geworden wäre. Andererseits hätte Putin, wie man ihn kennt, einen solchen Außenminister schnell geschasst.
3. Karaganows Abrechnung mit Europa
Karaganows dezidiert antiwestliche Haltung ist hinlänglich bekannt. Drei Jahre nach der Krim-Eingliederung in die Russländische Föderation meinte er in einem Interview vom 22. Oktober 20177 selbstbewusst und voller Vorwürfe an die Adresse des „Westens“: „Wir bleiben nicht in den Schützengräben sitzen. Zusammen mit Chinesen sind wir die Hauptlieferanten der Weltsicherheit. Wir haben den Krieg in Europa verhindert, indem wir die Pläne der Ukraine durchkreuzt haben. Wäre sie Mitglied der Nato geworden, dann wäre der Krieg unvermeidbar.“
Was 2014 vermeidbar war, ist acht Jahre später „unvermeidbar“ geworden. 2022 brach der Krieg in der Ukraine doch noch aus, ohne dass Karaganow diese Entwicklung 2017 voraussehen konnte. Immerhin hat er die zukünftigen Entwicklungen in demselben Interviewzutreffend vorweggenommen:
„Außerhalb des Großen Eurasiens, das Russland und China umfasst, beginnt die Weltordnung zu zerfallen, und zwar deswegen, weil die USA versuchen, von der Konkurrenz bedroht, die Außenhandelsbeziehungen zu politisieren. Wir beobachten eine gewisse Deglobalisierung der Welt. Die sog. transatlantische Ordnung fängt an zu zerfallen, weil sich die USA von Europa entfernen. Der Nahe Osten steht ebenfalls im Flammen und zerfällt, nicht zuletzt wegen zahlreicher Fremdeinmischungen.
Was die sog. liberale Weltordnung angeht, die angeblich seit 1945 existiert, so ist es eine glatte Lüge. Sie entstand erst um 1991. Das war die Herrschaft des Westens in allen Bereichen, wobei diese Weltordnung weder liberal noch frei war. Man verstand darunter vielmehr die Forderung des Westens an die Adresse aller anderen Länder, sie sollten gefälligst das einzig wahre, (westliche) Modell übernehmen, die westliche Führerschaft akzeptieren und sich die einzig wahre Ideologie zu eigen machen. Diese sog. Weltordnung war natürlich keine Ordnung, weil der Westen anfing, eine Aggression nach der anderen zu betreiben. Das geschah auch deswegen, weil Russland zu schwach, unfähig und nicht in der Lage war, den Westen einzudämmen, der sich allmächtig fühlte, und das bekanntlich zu dem führte, was wir in Jugoslawien, Irak, Libyen und in den anderen, kleineren Geschichten beobachten durften.“
Die zitierte Passage stammt aus dem Jahr 2017. Acht Jahre später und im fünften Kriegsjahr in der Ukraine verschärft Karaganow seine europafeindliche Rhetorik. Zwei Tage nach Trumps Inauguration veröffentlichte er am 22. Januar 2025 in der Zeitschrift „Russland in der globalen Politik“ einen programmatischen Artikel unter dem bezeichnenden Titel „Сломать хребет Европе: какой должна быть политика России в отношении Запада“ (Europas Rückgrat brechen oder welche Politik Russlands gegenüber dem Westen sein muss)8.
Die EU-Eliten bereiten ihre Bevölkerungen auf einen Krieg mit Russland vor. Sie wissen nur nicht, welchen gefährlichen Weg sie da beschreiten, schreibt Karaganov und geht mit Europa hart ins Gericht:
„Europa ist die Quelle aller großen Übel der Menschheit: zwei Weltkriege, Völkermorde, menschenverachtende Ideologien, Kolonialismus, Rassismus, Nationalsozialismus usw. Josep Borrells Metapher von Europa als einem >blühenden Garten< würde viel realistischer klingen, wenn man ihn als ein von dichtem Unkraut überwucherndes Feld bezeichnet, das auf dem Humus von Hunderten Millionen Getöteten, Ausgeraubten und Versklavten blüht. Und ringsum erhebt sich ein Garten aus den Ruinen der unterdrückten und ausgeraubten Zivilisationen und Völker. Europa muss den Namen erhalten, den es verdient, um die Drohung mit dem Atomwaffeneinsatz gegen die EU überzeugender und gerechtfertigter zu machen.“
Erst vor dem Hintergrund dieser Grundeinstellung zur europäischen Geschichte und Gegenwart werden seine 2024 stattgefundene Diskussion mit Putin und jene nukleare Eskalationsbereitschaft nachvollziehbar, die Karaganow in seiner im Mai 2026 erschienenen und oben zitierten Studie „Как России победить в новой мировой войне“ (Wie Russland einen neuen Weltkrieg gewinnen kann) zum Ausdruck brachte.
Getreu einem berühmten Diktum des US-Militärstrategen, Herman Kahn (1922-1983), vom „Denken über das Undenkbare“ (Thinking about the Unthinkable) lautet die Kernthese seiner Studie:
„Es ist höchste Zeit, die absurde These aufzugeben, die vor allem den Amerikanern nützt, dass es in einem Atomkrieg keine Gewinner geben kann und dass der Einsatz von Atomwaffen unweigerlich in einer Eskalation zu einem globalen thermonuklearen Krieg enden wird. Diese Annahmen widersprechen grundlegender Logik und konkreten Militärplänen. Ich wiederhole: Gott bewahre, dass Atomwaffen eingesetzt werden. Unschuldige Menschen werden sterben, und der Mythos, der die Menschheit gerettet hat, dass nämlich jeder Einsatz dieser Waffen zu einem weltweiten Armageddon führen wird, wird zusammenbrechen. Aber in einem Atomkrieg, insbesondere in einem dicht besiedelten und moralisch schwachen Europa, ist ein Sieg möglich. Sogar leicht“ (Давно пора отказаться от идиотического, выгодного прежде всего американцам тезиса о том, что в ядерной войне не может быть победителей, а если ЯО будет применено, это приведёт к неминуемой эскалации на мировой термоядерный уровень. Эти положения противоречат элементарной логике и конкретным военным планам. Повторюсь: не дай Бог, чтобы ядерное оружие было применено. Погибнут невинные, падёт спасавший человечество миф о том, что любое применение этого оружия приведёт ко всеобщему армагеддону. Но в ядерной войне, особенно в скученной и морально слабой Европе, победить можно. Даже легко).
Die These ist gleichzeitig an die Forderung geknüpft, ein Militärbündnis mit China einzugehen. „Angesichts der akuten Kriegsgefahr der kommenden Jahrzehnte und westlicher Vergeltungsversuche ist es ratsam, ein befristetes, womöglich zehnjähriges Verteidigungsbündnis mit China in Erwägung zu ziehen. Dies wäre hilfreich, um Revanchisten abzuschrecken und zu verhindern, dass das befreundete China das Bedürfnis verspürt, eine strategische nukleare Parität mit den Vereinigten Staaten und Russland zu erreichen.“
Karaganows „Thinking about the Unthinkable“ repräsentiert zwar kein außenpolitisches Mainstream-Denken in Russland. Wer aber glaubt, dass eine wachsende Bereitschaft zu einer nuklearen Eskalation in den russischen außen- und sicherheitspolitischen Kreisen nur leeres Gerede ist, der weiß nicht, wovon er redet.
Es ist allein Putin zu verdanken, dass es (noch) nicht zu einer nuklearen Eskalation im Ukrainekonflikt gekommen ist. Neulich sagte mir ein namhafter deutscher Sicherheitsexperte in einem Privatgespräch: „Wir müssen beten, dass Putin noch länger an der Macht bleibt.“ Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen!
Anmerkungen
1. Караганов, С., „Это надо прямо назвать Отечественной войной“, in: Россия в глобальной политике,
26. September 2022. Zitiert nach Silnizki, M., „Strategischer Parasitismus“ oder verantwortungslose
Strategie? Zur Frage nach Angstlosigkeit und Nuklearhysterie, 18. Oktober 2022, www.ontopraxiologie.de.
2. Тренин, Д., Новый Баланс Сил. Россия в поисках внешнеполитического равновесия. Альпина
паблишер. Москва 2021, 48 f.; näheres dazu Silnizki, M., Neue Machtbalance. Stellungnahme zu einem
Desiderat. 7. September 2021, www.ontopraxiologie.de.
3. Trenin (wie Anm. 2), 461 FN 5.
4. Simes, D., After the Collapse, New York 1999, 15-20.
5. Siehe dazu Silnizki, M., Geopolitische Konkursverschleppung? Trumps Amerika zwischen Anspruch und
Wirklichkeit. 9. Mai 2026, www.ontopraxiologie.de.
6. Näheres dazu Silnizki, M., Fluch oder Segen? Zur Diskussion über die NATO-Osterweiterung, 26. April 2022, www.ontopraxiologie.de.
7. Караганов, С., Холодная война: прогноз на завтра, в: Российская газета, № 7405 (239), 22.10.2017.
8. Näheres dazu Silnizki, M., Russland und Europa. Lieber Krieg als Frieden? 9. März 2025, www.ontopraxiologie.de.