Verlag OntoPrax Berlin

Eine Propagandaschrift

„The Limits of Russian Power“

Übersicht

    1. Propaganda statt Analyse
    2. Zwischen Wahrheit und Dichtung
    3. Defensive Kriegsstrategie

Anmerkungen

    1. Propaganda statt Analyse

Selbst wenn Propaganda als wissenschaftliche Analyse verkauft wird, bleibt sie nicht desto weniger Propaganda. So auch in diesem Fall! Zwei bekannte US-Russlandforscher, Michael Kimmage (Director of the Kennan-Institut) und Hanna Notte (Director of the Eurasia Program am Center for Strategic and International Studies) haben gemeinsam einen Beitrag „The Limits of Russian Power“ am 5. Februar 2026 in Foreign Affairs veröffentlicht. Was sie schreiben, zeigt, wie sehr sie Wahrheit mit Dichtung vermengen.

Bereits im Untertitel wird klar, worum es ihnen geht: um eine unheilvolle Beziehung zwischen Putin und Trump: „Why Putin Isn’t Thriving in Trump’s Anarchic World“ (Warum Putin in Trumps anarchischer Welt nicht gedeiht). In „Trumps anarchischer Welt“ hat Putin keinen Erfolg und wird auch keinen Erfolg haben, suggerieren sie damit uns. Dazu muss man wissen, wer die Autoren sind.

Sie sind Repräsentanten des US-außenpolitischen Establishments, für welches Putin und Trump gleichermaßen Feinde Amerikas sind, die es zu bekämpfen gilt. Bereits kurz nach dem Gipfeltreffen in Alaska äußerte Kimmage in seinem am 19. August 2025 in Foreign Affairs erschienenen Beitrag „The Pernicious Spectacle of Trump’s Russia-Ukraine Diplomacy“ (Das verderbliche Spektakel von Trumps Russland-Ukraine-Diplomatie) seine großen Zweifel daran, dass Trump überhaupt ein Vermittler zwischen Russland und der Ukraine sein kann.

Die Trump-Administration habe nämlich gar keinen Plan, um den Krieg zu beenden, schimpfte er. Trump schwanke stets von einer Position zu der anderen und wechsle sie wie Handschuhe: Heute fordert er einen bedingungslosen Waffenstillstand, morgen redet er von einer umfassenden Friedensregelung, um am darauffolgenden Tag mit Drohungen aufzuwachen, sich ganz aus dem Konflikt zurückzuziehen.

Diese Trump unterstellte außenpolitische Wankelmütigkeit charakterisierte Kimmage im August 2025 als eine „Pantomime der Diplomatie“ (pantomiming of diplomacy). Moskau könne wiederum „sein diplomatisches Theater“ mit den USA nutzen, um sich als ein Land zu präsentieren, das einen Frieden anstrebe. In diesem Sinne wäre das Treffen in Alaska „ein Geschenk an Putin“, glaubte Kimmage zu wissen und meinte warnend, dass „Trumps diplomatische Farce“ (Trump’s diplomatic charade) letztendlich an den Folgen für die US-Weltmachtstellung gemessen werde.

Denn was Trump tue, sei nicht mehr und nicht weniger als die Zerstörung des „Nachkriegseuropas“ – eines „Kronjuwels der US-Außenpolitik“ (Postwar Europe is the crown jewel of American foreign policy, empörte sich Kimmage im August 2025. Heute traut er sich solche Urteile nicht mehr. Zu schrill waren sie schon damals und als zu verfehlt erweisen sie sich heute.

Heute ist er mit seiner Co-Autorin vorsichtiger geworden. Die beiden sprechen lieber von „Trumps anarchischer Welt“, die kein „Geschenk an Putin“ mehr sei und in der dieser sich nicht zurechtfindet.

Mit ihrer Propagandaschrift haben die Autoren sich zum Ziel gesetzt, sowohl „Trumps anarchische Welt“ zu beschreiben als auch die „Grenzen der russischen Macht“ darin aufzuzeigen. Dass sie Trumps Welt als „anarchisch“ qualifizieren, scheint eine verbale Innovation im Anti-Trump-Schrifttum zu sein.

Seit einem Jahr versucht man Trumps Außenpolitik mit einem griffigen Begriff auf einen Nenner zu bringen. Wie hat man Trump und seine Außenpolitik nur nicht bezeichnet, beschimpft und verurteilt. Trump sei ein Realist, Nationalist, altmodischer Merkantilist, Imperialist, Isolationist, Revolutionär, Revisionist oder eine „Abrissbirne“1 und seine Außen- bzw. Geopolitik entweder „illiberale Hegemonie“ (Barry Posen)2 oder „aggressiver Unilateralismus“. Und jetzt sehen Kimmage/Notte in unserem „lieben“ Trump einen Anarchisten! In Trumps „Etikettengalerie“ fehlte in der Tat noch eine solche Beschreibung.

Zuletzt war sich ein durchaus namhafter US-Politikwissenschaftler, Stephen M. Walt (geb. 1955), nicht zu schade, Trump als einen „Raubtier-Hegemon“ (The Predatory Hegemon) zu denunzieren. Unter diesem Schlagwort veröffentlichte Walt am 3. Februar 2026 in Foreign Affairs einen Artikel, in dem er wie bereits viele vor ihm versuchte, Trumps Außenpolitik zu begreifen. Wenn man schon vom „Raubtier“ sprechen will, warum nicht gleich, wie zu alten „schönen“ Zeiten des systemideologischen Wettbewerbs der bipolaren Weltordnung, vom „Raubtier-Kapitalismus“ zu sprechen?

Nein? Diese Zeiten sind vorbei und der Begriff ist aus der Mode gekommen. Wenn man eine nüchterne Analyse von Trumps „Grand Strategy“ durch Propaganda und Schimpftiraden substituiert, dann sieht man, wie Kimmage und  Notte, in allem nur Anarchie und Chaos.

Bereits Eingang ihres Beitrages verklären sie die Vorgeschichte des Ukrainekonflikts und missdeuten den Verlauf des Krieges, der nicht einmal annähernd mit der Realität an der Front zu tun hat:

„Am Vorabend der Invasion der Ukraine im Jahr 2022 genoss Russland eine ordentliche globale Position … Dann marschierte es in die Ukraine ein. Als Reaktion darauf wurden Europa und die Vereinigten Staaten sofort zu Moskaus Gegnern. Der Kreml, der einen Großteil seines diplomatischen Einflusses in Europa verloren hatte, wurde viel abhängiger von China. Der Krieg hat hingegen Russlands Aufmerksamkeit und praktisch seine gesamte militärische Kapazität in Anspruch genommen … Auch der Krieg selbst ist nicht besonders gut verlaufen. Nach vier Jahren Kampf kontrolliert die Ukraine weiterhin etwa 80 Prozent ihres Territoriums. … Die humanitäre Katastrophe, die der Kreml der Ukraine bereits zugefügt hat, indem er Heizung und Strom bei eisigen Bedingungen entzog, könnte bald noch schlimmer werden.“

Die zitierte Passage zeigt: Hier geht es den Autoren nicht so sehr um Aufklärung und Analyse als vielmehr um die übliche Propaganda, die bereits seit vier Jahren in den westlichen Medien tobt. Russland genoss nicht nur „am Vorabend der Invasion … eine ordentliche globale Position“; diese Position ist im Kriegsverlauf auch noch stärker und einflussreicher geworden.

In seinem Gastkommentar „Indiens Bande zu Russland“ für die Wiener Zeitung schreibt der indische Schriftsteller und Journalist N. P. Ullekh am 30. August 2022: „Wenn die USA jemals dachten, sie könnten Indien Bedingungen diktieren oder es davon abbringen, seine Beziehungen zu Russland fortzusetzen, lautet unsere Antwort, dass wir kein Vasallenstaat sind. Die USA können nicht erwarten, dass Indien ihre Feinde als seine Feinde betrachtet. Wir haben unsere eigenen strategischen Interessen genauso wie sie ihre.“

Die Reaktion der nichtwestlichen Weltmehrheit zeigte von Anfang an, wie gereizt sie auf den „Westen“ reagiert. Der „Westen“ wird als Hegemon mit einer langen kolonialen Vergangenheit wahrgenommen, der immer seine Macht missbraucht hat. Und nun versucht er seine Sanktionspolitik allen anderen, deren Interessen tangiert werden, aufzuzwingen. Eine Schadenfreude über die Amerikaner, die mit einem heftigen Widerstand gegen ihre Russlandpolitik konfrontiert werden, überkompensiert also bei weiten die Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Vorgehensweise Moskaus. Mit anderen Worten, der Unwille des Nichtwestens, sich der westlichen Sanktionspolitik gegen Russland anzuschließen, erklärt sich nicht so sehr mit einer Sympathie für Russland als vielmehr mit einer Antipathie gegen den Westen.

Europa und die USA wurden nicht erst seit dem Kriegsausbruch im Februar 2022 „sofort zu Moskaus Gegnern“, wie Kimmage/Notte behaupten, sondern bereits seit dem von den USA inszenierten Staatsstreich in der Ukraine 2014, worauf Russland mit der Besetzung der strategisch wichtigen Halbinsel Krim reagierte. Erst seit dem Kriegsausbruch im Februar 2022 wurde Russland endgültig vom „Gegner“ (adversary) zum Feind (enemy) des „Westens“, dem dieser eine „strategische Niederlage“ zufügen muss.

Die Möchte-gern-Strategen haben sich dabei ordentlich verzockt. Jetzt versuchen sie die russischen Kriegserfolge kleinzureden und erzählen dem nicht eingeweihten westlichen Spießbürger, dass „der Krieg selbst für Russland „nicht besonders gut verlaufen“ sei. Die Begründung: „Nach vier Jahren Kampf kontrolliert die Ukraine weiterhin etwa 80 Prozent ihres Territoriums.“ Auch viele Russen sind darüber nicht glücklich.

Dazu ist Folgendes zu sagen: Geschweige davon, dass Russland nach Angaben des russischen Verteidigungsministers allein im Monat Januar 2026 gut 500 Quadratkilometer des ukrainischen Territoriums neubesetzt hat, war das erklärte Kriegsziel der sog. SVO nie die territoriale Eroberung der Ukraine, sondern deren „Entmilitarisierung“ und „Entnazifizierung“.

Was die sog. „Entnazifizierung“ betrifft, so kann sie erst dann gelingen, wenn nicht nur das Kiewer Regime gestürzt, sondern auch der es seit dem 2014 an die Macht gelangte ukrainische Nationalismus3 entmachtet wird.

Demgegenüber ist Russland bei der Entmilitarisierung der Ukraine weitgehend vorangekommen, misst man diese an einer gigantischen Vernichtung des Kriegsmaterials und der Zahl an Kriegsopfern. Hier werden keine Opferzahlen genannt. Zu spekulativ und zu schrecklich sind sie alle. Zu viel Kriegspropaganda ist unterwegs, um all jenen Zahlen, die in Umlauf sind, nur annährend Glauben zu schenken.4

Was nun die „humanitäre Katastrophe“ in der Ukraine angeht, so sind die Autoren offenbar über die Vorgeschichte gar nicht informiert oder verschweigen dem Leser die Hintergründe dieser Entwicklung. Es war der Anführer des Kiewer Regimes, Selenskyj, der Russland bereits im September 2025 mit einem Blackout in Moskau gedroht hat. Seinen Worten ließ er auch Taten folgen und griff die russische Energieinfrastruktur immer wieder an. Bis heute tut er das, nur wird darüber in den westlichen Massenmedien kaum berichtet.

Dazu müssen all die Empörten wenigstens wissen, dass das, was Russland erst im vierten Kriegswinter begonnen hat zu tun, nämlich eine systematische Zerstörung der ukrainischen Energieinfrastruktur, ist eine übliche Nato-Kriegsführungsmethode vom ersten Tag des Krieges an.

Als am 25. Mai 1999 der Nato-Pressesprecher, Jamie Shea, der im Kosovokrieg den Begriff Collateral Damage geprägt hat, seine Pressekonferenz hielt, wurde er vom Norwegian News Agency gefragt: „I am sorry Jamie but if you say that the Army has a lot of back-up generators, why are you depriving 70% of the country of not only electricity, but also water supply, if he has so much back-up electricity that he can use because you say you are only targeting military targets?“ (Entschuldigung, Jamie, aber wenn Sie sagen, dass die Armee über viele Notstromaggregate verfügt, warum entziehen Sie dann 70 % des Landes nicht nur Strom, sondern auch Wasserversorgung, wenn er über so viel Notstrom verfügt, den er nutzen kann, nur weil Sie sagen, dass Sie ausschließlich militärische Ziele angreifen?)

Auf diese Frage hat Jamie Shea eine ebenso bemerkenswerte wie erbarmungslose Antwort gegeben: „Yes, I’m afraid electricity also drives command and control systems. If President Milosevic really wants all of his population to have water and electricity all he has to do is accept NATO’s five conditions and we will stop this campaign. But as long as he doesn’t do so we will continue to attack those targets which provide the electricity for his armed forces. If that has civilian consequences, it’s for him to deal with but that water, that electricity is turned back on for the people of Serbia. Unfortunately it has been turned off for good or at least for a long, long time for all of those 1.6 million Kosovar Albanians who have been driven from their homes and who have suffered, not inconvenience, but suffered in many cases permanent damage to their lives. Now that may not be a distinction that everybody likes but for me that distinction is fundamental“ („Ja, leider wird auch von Elektrizität die Versorgung von Kommando- und Kontrollsystemen angetrieben. Wenn Präsident Milošević wirklich möchte, dass seine gesamte Bevölkerung Zugang zu Wasser und Strom hat, muss er lediglich die fünf Nato-Bedingungen akzeptieren, und wir werden diese Kampagne beenden. Solange er dies nicht tut, werden wir weiterhin jene Ziele angreifen, die seine Streitkräfte mit Strom versorgen. Sollte dies zivile Folgen haben, ist er selbst dafür verantwortlich. Doch für die Bevölkerung Serbiens ist die Versorgung mit Wasser und Strom wiederherstellbar. Leider war sie für all jene 1,6 Millionen Kosovo-Albaner, die aus ihren Häusern vertrieben wurden, nicht nur Unannehmlichkeiten, sondern sind in vielen Fällen dauerhafte Schäden für immer oder zumindest für sehr lange Zeit entstanden. Diese Unterscheidung mag nicht jedem gefallen, ist aber für mich grundlegend.

Diese Antwort eines Nato-Sprechers hat auch der Bundeskanzler, Friedrich Merz, offenbar noch nie gehört, sonst hätte er sich am 29. Januar 2026 im Bundestag seine Äußerung sparen können: „Ich verurteile die systematische Zerstörung ziviler ukrainischer Energieinfrastruktur durch russische Angriffe aufs Schärfste.“ Wenn er tatsächlich über „die systematische Zerstörung ziviler ukrainischer Energieinfrastruktur“ so besorgt ist, soll er nur Jamie Sheas Rat folgen und Selenskyj nahelegen: Russlands Friedensbedingungen zu akzeptieren.

    2. Zwischen Wahrheit und Dichtung

Auch die militärpolitische Analyse der Beziehungen zwischen Trumps Amerika und Putins Russland ist, gelinde gesagt, fragwürdig. „The year 2025 was a bad one for Russia, and 2026 may be even worse. Moscow’s global position is ebbing because of Trump“ (Das Jahr 2025 war ein schlechtes für Russland, und 2026 könnte noch schlimmer werden. Moskaus globale Position nimmt wegen Trump ab), schreiben Kimmage/Notte.

Das ist Behauptung, keine Analyse und dazu noch eine falsche. Die Autoren begründen ihre Behauptung damit, dass das Jahr 2025 für Russland ein schlechtes Jahr sei und „Moskaus globale Position wegen Trump“ abnehme, mit der Aufzählung zahlreicher, 2025 stattgefundener Ereignisse:

  1. „12-tägiger Luftkrieg“, der „Irans militärische und nukleare Infrastruktur beschädigte“. Beschädigte, aber eben nicht zerstörte! Kein der gestellten Kriegsziele hat Israel dabei erreicht. Ganz im Gegenteil: Iran hat Israel mit seinen Gegenangriffen schweren Schaden zugefügt, worüber sich die Israelis und US-Amerikaner totschweigen5.
  2. Maduros Festnahme, die Kimmage/Notte voller Stolz (wie peinlich!) als Trumps „elegante, nächtliche Militäroperation“ preisen, „von der Putin nur träumen konnte“. Putin hätte in der Tat an eine derart völkerrechtswidrige Aktion nicht einmal im Traum denken können. Und wenn man bedenkt, dass Maduro laut manchen Spekulationen von den eigenen Leuten verraten und verkauft wurde, erscheint die ganze „Eleganz“ ziemlich aufgebauscht zu sein.
  3. Trump hatte auch „in Russlands Hinterhof“ seine Finger im Spiel. Er sei als „Obervermittler zwischen Armenien und Aserbaidschan“ aufgetreten. Nun ja, Trumps Obervermittlerrolle darf nicht überbewertet werden. Die in der letzten Zeit angespannten Beziehungen zwischen Russland, Armenien und Aserbaidschan haben mit zahlreichen zwischenstaatlichen Problemen des postsowjetischen Raumes und weniger mit Trump etwas zu tun. Die zahlreichen ökonomischen Abhängigkeiten der erwähnten Republiken von Russland sind derart gewaltig, dass Trump kaum etwas dagegen ausrichten kann. Zudem handelt Trump nach dem Motto: „Gelegenheit macht Diebe“ und mischt sich dort ein, wo er die Schwäche des geopolitischen Rivalen wittert.

Summa summarum lässt sich sagen: Die aufgelisteten vermeintlichen Erfolge Trumps sagen nichts über die tatsächliche Folgewirkung der stattgefundenen Ereignisse. Kimmage/Notte und nicht nur sie allein lassen sich von Trumps Show blenden, die wenig militärpolitische Substanz hat. Er ist ein begnadeter Showman, aber kein Staatsmann. Mit seiner Madman-Strategie6 setzt er sich oft öffentlichkeitswirksam in Szene, hinter der wenig Substanz steckt, auch wenn Trump Amerika nicht unterschätzt werden darf.

Und erst recht liefern sie keinen Beweis für Russlands „gescheitertes“ Jahr 2025. Ganz im Gegenteil: Das Jahr 2025 war für Russland geo- und militärstrategisch bisher das erfolgreiche Jahr der vierjährigen Militärkampagne: Russland ist endgültig zur stärksten Landmacht der Welt aufgestiegen, hat neue Trägertechnologien entwickelt, von denen Trump nur träumen konnte. Russland hat im Gesamtjahr 2025 ein neues Territorium in der Größe von ca. 6400 Quadratkilometer erobert, die ukrainischen Streitkräfte in eine tiefe Defensive gedrängt und dezimiert.

Während Russland hunderttausende Reservisten neuaufgestellt hat, fehlen der Ukraine Soldaten an der Front, viele Einheiten sind nicht einmal zu 50 % besetzt. Stattdessen werden tausende und abertausende Söldner auch aus den Nato-Ländern eingesetzt. Die russischen Kriegsreporter berichten, dass an vielen Frontabschnitten kaum ukrainisch und/oder russisch, und nur Fremdsprachen wie spanisch, englisch und polnisch gesprochen wird.

Vor diesem Hintergrund macht es fassungslos zu lesen:

„Die Lage auf dem Schlachtfeld sei für Moskau gerademal „tragbar“. Russlands Frontlinien halten stand, und seine Truppen machen allmähliche territoriale Fortschritte, aber Moskau ist noch lange davon entfernt, zu gewinnen. …. Unterdessen entdeckt Europa seine Handlungsfähigkeit und wird keinen Friedensplan, der einer ukrainischen Kapitulation gleichkommt, tolerieren. Mit Unterstützung Europas wird Kiew sich weigern, Russland präventiv nachzugeben. So miserabel der Konflikt für Russland auch ist, Putin ist nicht in der Stimmung, Zugeständnisse zu machen (However miserable the conflict is for Russia, Putin is not in the mood to make concessions).“

Hier sind keine Wissenschaftler am Werk, sondern Propagandisten, die die katastrophale Lage für die Ukraine an der Front schönreden und nicht wahrhaben wollen, dass der Krieg für die Ukraine und die Nato weitgehend verloren ist. Ihre Pseudoanalyse hält keiner Kritik stand. Wenn man die zitierte Passage liest, hat man den Eindruck, als würde Kiew mit einer europäischen Unterstützung Russland in diesem Krieg bald bezwingen.

Darum schreiben Kimmage/Notte am Ende ihrer Propagandaschrift: „Am wichtigsten ist, dass die US- und europäischen Leader keine Gespräche zur Beendigung des Konflikts überstürzen sollten. Sie müssen die Macht, die ihre Länder besitzen, im Hinterkopf behalten. Denn Russland ist weder unbesiegbar noch prescht es voran“ (Most important, U.S. and European leaders should not rush any talks to end the conflict. They must keep in mind the power their countries hold. Russia is neither invincible nor surging ahead).

Russland prescht in de Tat nicht voran und eilt nicht vom Sieg zum Sieg. Das liegt aber nicht daran, dass Russland dazu nicht in der Lage wäre, sondern an einer defensiven Kriegsstrategie, die es seit drei Jahren praktiziert und die unsere Autoren als Nichtmilitärexperten weder begreifen wollen noch können.

Das hat aber auch nicht damit zu tun, dass Russland sich durch Trumps „anarchische Weltordnung“ „beeinträchtigt“ fühlt. Was für eine perturbatio animae!

    3. Defensive Kriegsstrategie

Kimmage/Notte missverstehen die russische defensive Kriegsführungsstrategie der vergangenen Jahre, die darin bestand, dass Russlands allmähliche Geländegewinnung nicht zuletzt dazu dient, eine direkte Konfrontation zwischen Russland und den USA zu vermeiden und die Nato nicht zu unüberlegten Entscheidungen zu provozieren.

Es wird dabei deutlich, dass es sich hier mehr als nur um einen Ukrainekonflikt handelt und die beiden nuklearen Supermächte alles tun, um die Eskalation nicht auf die Spitze zu treiben. Diese Defensivstrategie ist heute weitgehend überholt und ist allein historisch bzw. mit Putins übervorsichtiger Geisteshaltung zu erklären.

Das Ende des Ost-West-Konflikts hat das Machtgleichgewicht oder – modern gesprochen – die Machtsymmetrie zwischen Russland und den USA pulverisiert. Die Welt trat in ein neues Zeitalter – das Zeitalter der Unipolarität – ein, in der die USA die Geschicke der Welt nach Belieben bestimmen konnten.

Das Weltzentrum war von jetzt an Washington und an Stelle der Supermächte der bipolaren Weltordnung trat die transatlantische Gemeinschaft, an deren Spitze sich die einzig verbliebene Supermacht befand, um die sich die europäischen Satellitenstaaten versammelten. Es entstand eine Machtasymmetrie, der Moskau ohnmächtig gegenüberstand und macht- und kraftlos zuschauen musste, wie die gesamteuropäischen Sicherheitsordnung von den anderen, transatlantischen Akteuren diktiert und gestaltet wurde.

Kurzum: Russland befand sich in einer geo- und sicherheitspolitischen Starre, von der es sich bis heute nur mühsam befreien kann. Die Folge war eine beinahe dreißig Jahre lang praktizierte Defensivstrategie gegenüber der scheinbar allmächtigen Nato-Allianz, die im Ukrainekonflikt mittlerweile entzaubert wurde.

Diese geradezu versteinerte Defensivstrategie ist zur tiefverankerten Geisteshaltung der Moskauer Macht- und Funktionseliten geworden. Das spürt man heute noch in Zeiten des Krieges in beinahe allen Reden und Denkansetzen der russischen Führung, die sich für die eigenen Entscheidungen stets rechtfertigt und verteidigt, statt diese offensiv und selbstbewusst nach außen zu vertreten.

Deswegen klingt der immer wieder geäußerte Vorwurf der Transatlantiker an die Adresse der russischen Führung: Sie bedrohe den „Westen“ sogar mit Einsatz von Atomwaffen, derart abstrus, dass unsereiner ernste Zweifel an der fachlichen Eignung der sog. „Russlandexperten“ haben muss, es sei denn, sie betreiben gezielt eine Desinformation der Öffentlichkeit, um die eigene westliche Aggressivität und Eskalationsdominanz zu verschleiern.

Und genau diese jahrzehntelang praktizierte Defensivstrategie wendet Putin heute im Ukrainekonflikt an. Die russische Kriegsführung trug von Anfang an einen defensiven Charakter und bis heute reagiert Putin auf die Provokationen und Eskalationen aller Art überwiegend reaktiv, was in den Nato-Ländern fälschlicherweise als „Schwäche“ ausgelegt wird.

Allmählich scheint sich aber Russlands politische und militärische Führung von dieser Defensivstrategie zu lösen. Denn die noch vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine bestehende scheinbare oder tatsächliche militärische Machtasymmetrie zu Lasten Russlands scheint sich im Kriegsverlauf in Luft aufzulösen.

Mittlerweile sieht es so aus, als würden die russischen Streitkräfte immer stärker, wohingegen die Nato-Staaten selbst mit Ankurblung ihrer Rüstungsindustrie mit Russland nicht Schritt halten können und darum gar nicht in der Lage sind, die Ukraine ausreichend mit Waffen zu versorgen.

Putins Mannschaft verfolgt dessen ungeachtet konsequent ihre Defensivstrategie gegenüber der Nato, die keineswegs als „Schwäche“ missverstanden werden darf.

Dass die russische Führung sich getraut hat, der Nato-Expansion in der Ukraine militärisch Einhalt zu bieten, ist nicht nur mit den russischen vitalen Sicherheitsinteressen, sondern auch mit der erreichten nuklearstrategischen und trägertechnologischen Überlegenheit Russlands zu erklären, auch wenn die Nato-Allianz diese Entwicklung nicht wahrhaben will und konsequent ignoriert.

Die Überwindung der Machtasymmetrie bedeutet für Russland in erster Linie die Ergreifung einer solchen strategischen Initiative, die eine militärpolitische Situation herbeiführt, in der jede weitere Eskalation der Gegenspieler gefährlich oder sinnlos wird, bis deren Nutzeffekt auf null zusammenschrumpft. Das würde aber in der letzten Konsequenz die Ausweitung der Grenzen des Ukrainekonflikts bedeuten, in deren Folge die Eskalationskosten die Eskalationsnutzen bei weitem übersteigen.

Russlands Defensivstrategie befeuert nur die Eskalationsspirale, provoziert offene oder verdeckte Eskalationsdrohungen und führt, statt die Gegenseite abzuschrecken, ungewollt zu noch mehr Eskalation.

Mit seiner defensiven Haltung befindet sich Russland in einem Dilemma: Überwindet es seine Defensivstrategie, riskiert es eine Verschärfung der Eskalation, verbleibt es in der Defensive, provoziert es eine weitere Eskalationsspirale. Hinzu kommt, dass die Ukraine ihrerseits alles tut, um eine direkte Involvierung der Nato-Allianz in die Kämpfe an der ukrainischen „Ostfront“ zu provozieren, was die russische Defensivhaltung nur noch verstetigt.

Ob die stattfindenden „Friedensverhandlungen“ ohne eine weitere Eskalationsspirale zum Kriegsende führen werden, bleibt abzuwarten. Zweifel sind angebracht!

Anmerkungen

1. Vgl. Silnizki, M., Trumps außenpolitische Revolution? Vom „liberalen Interventionismus“ zum „aggressiven
Unilateralismus“. 29. Oktober 2025, www.ontopraxiologie.de.
2. Posen, B., The Rise of Illiberal Hegemony: Trump’s Surprising Grand Strategy. Foreign Affairs, 13. Februar
2018.
3. Silnizki, M., Der ukrainische Nationalismus. Gestern und heute. 1. Februar 2026, www.ontopraxiologie.de.
4. Siehe statt vieler „Meduzas umfassende Untersuchung“ (Большое исследование „Медузы“, Stand 11.
Januar 2026).
5. Näheres dazu Silnizki, M., 12-tägiger Luftkrieg. Zwischen Fehleinschätzung und Inszenierung. 29. Juni 2025, www.ontopraxiologie.de.
6. Vgl. Silnizki, M., Machtspielfestival im Januar 2026. Trump versus Putin. 10. Januar 2026,
www.ontopraxiologie.de.

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