Gefangen zwischen Sicherheitsideologie und Dysbalance
Übersicht
1. Konferenz von Jalta und die Nachkriegsordnung
2. „Einflusssphären versus Sicherheitssphären“
3. Sicherheitsmaxime statt Sicherheitsideologie
Anmerkungen
Macht ist nicht alles, aber ohne Macht ist alles nichts.
1. Konferenz von Jalta und die Nachkriegsordnung
Am 1. Januar 2026 veröffentlichte Jeffrey Roberts (Prof. Emer f. Geschichte am University College Cork, Irland) in der außenpolitischen Zeitschrift „Russland in der globalen Politik“ einen Artikel unter einem vielsagenden Titel „Обязанность защищать: великие державы в полицентричном мире“ (Schutzverantwortung: Großmächte in einer polyzentrischen Welt).
Darin verwarf er mit Verweis auf seine frühere Studie1 die herrschende Meinung, die das Treffen der „Großen Drei“ in Jalta 1945 mit der Nachkriegsaufteilung Europas in sowjetische und westliche Einflusssphären und den darauffolgenden Beginn des „Kalten Krieges“ zwischen Ost und West verbindet. „In Jalta selbst spielten Einflusssphären indes gar keine Rolle“, stellt Roberts apodiktisch fest.
Die Konferenz war ganz im Gegenteil nicht der Aufteilung Europas, sondern seiner Vereinigung und Integration unter der Führung der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs – Großbritannien, der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten – gewidmet.
Dies vorausgeschickt, stellt Roberts seinerseits die Gegenthese auf: Das Projekt von Jalta scheiterte im Nachkriegseuropa nicht wegen der beschlossenen Aufteilung Europas in Einflusssphären, sondern wegen einer fehlenden klaren Übereinkunft über die Einflusssphären der Großmächte, was zu zahlreichen Spannungen, Missverständnissen und Meinungsverschiedenheiten führte, die von den Gegnern des Bündnisses der Großmächte erfolgreich ausgenutzt wurden.
Entgegen Roberts Gegenthese beschränkte sich Roosevelt in Jalta vielmehr auf die Rolle eines Schiedsrichters oder Vermittlers, wenn man Äußerungen für authentisch hält, die von einem seiner Söhne überliefert wurden: „England ist im Niedergang begriffen, China befindet sich noch im 18. Jahrhundert, Russland misstraut uns und macht uns misstrauisch. Amerika ist die einzige Großmacht, die den Frieden in der Welt aufrechterhalten kann. In der künftigen Organisation der Vereinten Nationen wird es unsere Aufgabe sein, die divergierenden Ansichten der Engländer, die an ihr Empire denken und der Russen, die an den Kommunismus denken, auf einen Nenner zu bringen.“2
Sollten die Äußerungen authentisch sein, so ging es Roosevelt nicht so sehr um die Aufteilung Europas in Einflusssphären als vielmehr um einen Ausgleich unterschiedlicher Machtinteressen zwischen der Sowjetunion und dem British Empire.
Dass dieser Ausgleich von vornherein zum Scheitern war, war absehbar, zu stark waren die ideologischen und geopolitischen Differenzen innerhalb der „unheiligen Allianz“3 insbesondere zwischen Churchill und Stalin. Das Sowjetsystem stieß von Anfang an auf einen entschiedenen Widerstand der Angelsachsen. Und die treibende Kraft dieses Widerstandes war kein geringerer als Winston Churchill. Churchills antibolschewistische Obsession begleitete ihn bis zum Ende seines Lebens und diese Besessenheit machte ihn zum Spiritus Rector der westlichen Russlandpolitik, die den „Westen“ bis heute maßgeblich prägt.
Im Jahre 1917 rief Lloyd George Churchill in das Kabinett und übertrug ihm die Leitung der Rüstungsproduktion. Ein Jahr später wurde Churchill Kriegsminister. Seine Haltung gegenüber dem jungen Sowjetstaat formulierte er in einer Denkschrift im März 1920, die er seinem Premier Lloyd George sandte. Darin hieß es u. a.: „Seit dem Waffenstillstand wäre meine Politik gewesen: >Frieden mit dem deutschen Volk, Krieg gegen bolschewistische Tyrannei<. … Es ist sehr wohl möglich, dass wir uns in absehbarer Nähe eines allgemeinen Zusammenbruchs, ja der Anarchie in ganz Europa und Asien befinden. Russland liegt in Trümmern. Was von ihm übrigbleibt, ist die Macht jener todbringenden Schlangen. Aber Deutschland kann vielleicht noch gerettet werden … Ich glaube … nicht, dass zwischen dem Bolschewismus und der gegenwärtigen Zivilisation eine wahre Harmonie herstellbar ist …“4
Erst der Zweite Weltkrieg unterbrach vorübergehend Churchills antibolschewistische Ressentiments, bildeten die Russen, Briten und die US-Amerikaner doch gemeinsam für vier Jahre eine „unheilige Allianz“ gegen den grausamsten Feind der Menschheit und aller Zeiten. Die Sowjetführung wusste dessen ungeachtet ganz genau, mit wem sie es zu tun hatte. „Vielleicht glauben Sie, dass wir, nur weil wir die Verbündeten der Engländer sind, vergessen haben, wer sie sind und wer Churchill ist. Sie tun nichts lieber, als ihre Bundesgenossen übers Ohr zu hauen“, sagte Stalin inmitten des Krieges5.
Wie berechtigt Stalins Misstrauen war, zeigte sich gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als Churchill mit seiner „Operation Unthinkable“ (Operation Undenkbar) einen neuen Angriffskrieg gegen die Sowjetunion plante. „Operation Unthinkable“ war der Name eines im Mai 1945 von Churchill in Auftrag gegebenen Kriegsplans, der die militärische Zurückwerfung der Sowjets aus Polen durch Great Britain und die USA zum Ziel hatte.
Der ausgearbeitete Plan wurde Churchill am 22. Mai 1945, nur zwei Wochen nach der Kapitulation Nazideutschlands vom Chief of Staff, Lt. Gen. Sir Hastings Lionel Ismay, der später der erste Nato-Generalsekretär geworden ist, übergeben.
Als Angriffstermin wurde der 1. Juli 1945 festgelegt. Churchills Wahnidee gegen die mächtigste Landmacht der Welt einen Krieg führen zu wollen, ist nie in Erfüllung gegangen, zeigte aber, wes Geistes Kind er war.
Es war also nur die Frage der Zeit, dass die Anti-Hitler-Koalition nach der Niederschlagung des gemeinsamen Feindes auseinanderfällt. Die ideologische und geopolitische Konfrontation ist ja nicht verschwunden. Sie hat ganz im Gegenteil wegen der sowjetischen Besetzung Ostmitteleuropas und dem Aufstieg der Sowjetunion zu einer der zwei stärksten Militärmächte der Welt sogar an Schärfe zugenommen.
Eine Integration Europas unter der Führung der „Großen Drei“ war darum von Anfang an eine Idee fixe von Franklin Roosevelt, die mit dessen Ableben gleich mitbeerdigt wurde. Die Teilung Europas war allein schon aus ideologischen Gründen unvermeidbar.
Nun berichtet Roberts über Maxim Litwinow (1930 bis 1939 Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten und 1941 bis 1946 sowjetischer Botschafter in den USA), der diese Entwicklung vorausgesehen und vorgeschlagen hat, „ein globales Sicherheitssystem“ aufzubauen, in dem jede Großmacht für bestimmte Sicherheitszonen verantwortlich wäre.
Zur Konfliktvermeidung müssten sie die „Sicherheitssphären“ abgrenzen und voneinander trennen. Am 15. November 1944 legte Litwinow ein Memorandum vor, in dem er eine Verständigung mit Großbritannien über die freundschaftliche Abgrenzung von Sicherheitssphären in Europa anstrebte und gleichzeitig die sowjetischen Interessen in Europa auf folgende Länder anmeldete: Finnland, Schweden, Polen, Ungarn, Tschechoslowakei, Rumänien, Türkei und die Balkanländer.
Der russische Historiker, Wladimir Petschatnow (geb. 1947), fasste Litwinows Vorschlage wie folgt zusammen:
„Ein anglo-sowjetisches strategisches Kondominium in Europa, stabile, aber distanziertere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, die Aufteilung der Welt in angemessene Sicherheitszonen zwischen den Großmächten, sanktioniert und liberalisiert vom Rest der internationalen Gemeinschaft durch die Strukturen der künftigen Vereinten Nationen… (Dies ist) eine Synthese aus geopolitischen Realitäten, Zusammenarbeit der Großmächte und einem gewissen Respekt vor den Rechten kleiner Länder und den legitimen Regeln des internationalen Spiels“ (Англо-советский стратегический кондоминиум в Европе, стабильные, но более дистанцированные отношения с США, раздел мира на соответствующие зоны безопасности между великими державами, санкционированные и либерализованные остальным международным сообществом через структуры будущей Организации Объединённых Наций … (это) синтез геополитических реалий, сотрудничества великих держав и определённого уважения к правам малых стран и легитимным правилам международной игры).6
Es kam alles ganz anders, als Litwinow sich 1944 vorgestellt hat. Die Bedeutung des British Empire für die Nachkriegsordnung in Europa wurde maßlos überschätzt. Statt eines anglo-sowjetischen wurde ein amerikanisch-sowjetisches Kondominium und statt einer „Aufteilung der Welt in angemessene Sicherheitszonen zwischen den Großmächten“ entstand eine erbitterte Machtkonfrontation der zwei ideologisch verfeindeten Machtblöcke.
In Zeiten der in der anglo-amerikanischen Welt grassierenden antikommunistischen Hysterie waren mit der Truman-Administration und erst recht mit Churchill Litwinows Ideen undurchführbar. Sie waren eine Kopfgeburt und hatten gar keine Aussicht auf Erfolg.
2. „Einflusssphären versus Sicherheitssphären“
Litwinows Ideen wurden neuerlich von Jeffrey Sachs aufgegriffen. Die Online-Plattform Pascals Substack veröffentlichte am 7. September 2025 eine Kontroverse zwischen dem Ökonomen, Jeffrey D. Sachs (geb. 1954) und einem der prominentesten Vertreter der realistischen Schule in der Außenpolitik, John J. Mearsheimer (geb. 1947), unter der Überschrift „Sachs & Mearsheimer on >Spheres of Security<“, indem sie Sachs Artikel „Squaring the Security Circle of the Multipolar Century?“ (Die Quadratur des Sicherheitskreises im multipolaren Jahrhundert?) mit einem anschließenden Briefwechsel zwischen den beiden diskutiert haben.
Sachs (Prof. an der Columbia Universität) ist in Russland sehr bekannt und beliebt, ist aber nicht unumstritten, nahm er doch als einer der zahlreichen US-Wirtschaftsberater Anfang der 1990er-Jahre an der sog. „Schocktherapie“ teil, die viel Unheil eingerichtet hat, und wurde auch von der deutschen Seite einer heftigen Kritik unterzogen.
Wer wie Jeffrey Sachs von einer „Umwandlung von Staatseigentum in Privateigentum als abschließendem Schritt“ eines Transformationsprozesses spricht, hat die Transformation nicht nur grundlegend missverstanden, sondern „mit dem Terminus Staatseigentum auch verkennt, dass es Eigentum im Realsozialismus gar nicht gegeben hat“, entrüsteten sich Gunnar Heinsohn (1943-2023) und Otto Steiger (1938-2008) Anfang der 1990er-Jahre7.
Wie auch immer, die Schocktherapie ist kläglich gescheitert8 und bis heute blicken viele Russen mit Entsetzen und Schaudern auf die 1990er-Jahre. Rückblickend sah auch Sachs zugegebenermaßen die ganze Entwicklung sehr kritisch. Bereits im Jahr 2006 entrüstete er sich in einem Gespräch mit Naomi Klein darüber, was er 1992 erlebte, als Russland nach seinen Worten das Opfer der US-Geopolitik geworden sei: „Viele der mächtigen Drahtzieher in Washington kämpfen noch immer den Kalten Krieg. Den wirtschaftlichen Zusammenbruch Russlands betrachten sie als geopolitischen Sieg – den entscheidenden, der den Vereinigten Staaten die Vormachtstellung sicherte.“9
Heute tritt Sachs als Versöhner und Aufklärer auf und versucht zwischen Russland und dem „Westen“ zu vermitteln. Und so erklärt sich auch sein sicherheitstheoretischer Artikel. Darin entwickelt er ein Sicherheitskonzept, in dem er den in Verruf geratenen „Einflusssphären“ die sog. „Sicherheitssphären“ gegenüberstellt.
Bestimmt er die Einflusssphäre als „die Ausübung von Kontrolle durch eine Großmacht über die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes“ und impliziert diese Kontrolle, „dass der mächtige Staat die Innen- und Außenpolitik schwächerer Staaten in seinem Einflussbereich diktieren oder maßgeblich prägen und damit deren Souveränität untergraben kann“, so bedeutet die „Sicherheitssphäre“ die „Anerkennung der Verwundbarkeit einer Großmacht gegenüber der potenziellen Einmischung einer anderen Großmacht. Sie bezieht sich nicht auf Dominanz, sondern auf das legitime Verteidigungsinteresse einer Großmacht, rivalisierende Bündnisse oder Streitkräfte daran zu hindern, Stützpunkte, verdeckte Operationen und Waffensysteme an ihren Grenzen zu errichten.“
Der entscheidende Unterschied bestehe laut Sachs darin, dass „eine Einflusssphäre die Souveränität kleiner Länder in der Nachbarschaft von Großmächten untergräbt, wohingegen eine Sicherheitssphäre mit der Souveränität der kleineren Länder vereinbar sein kann – insbesondere dann, wenn kleinere Staaten Neutralität wahren.“
Die Substituierung der „Einflusssphären“ durch die „Sicherheitssphären“ ist laut Sachs aus vier Gründen von Vorteil. Sie stärkt zum einen die Staatssouveränität, da die Sicherheitsbedenken im Gegensatz zu „Interventionen in die Innenpolitik“ legitim seien, und vermeidet jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten der anderen Staaten.
Zum zweiten fördere sie diplomatische Verhandlungen, weil der Fokus dann „auf gegenseitigen Sicherheitsgarantien und nicht auf der Herrschaft oder der Kontrolle über das Regime“ liegen solle. Zum dritten stärkt es das Völkerrecht und stabilisiert die Völkergemeinschaft, da die „Ablehnung von Einflusssphären die gleichberechtigte Souveränität aller Nationen“ untermaure.
Dieses ganze Sicherheitskonzept ist ebenfalls eine Kopfgeburt, da es die ideologische, geoökonomische und geo- und sicherheitspolitische Komplexität der internationalen Beziehungen insbesondere unter den Großmächten völlig außer Acht lässt.
Und ein Neologismus „Sicherheitssphäre“ statt „Einflusssphäre“ macht genauso wenig eine Theorie aus, wie eine Schwalbe keinen Sommer macht, zumal es im Falle der Ukraine gar nicht um „Einflusssphären“ geht, wie die Mainstream-Medien immer wieder behaupten.
In seinem Schreiben an Sachs vom 27. August 2025 wandte Mearsheimer ein, dass „das Konzept der Sicherheitssphären nur dann funktionieren (kann), wenn sich die Staaten (1) darüber einigen können, was ihre jeweiligen Einflusssphären sind und (2) sich glaubhaft verpflichten, nicht in die Einflusssphären der anderen Staaten einzugreifen. … Das Problem besteht jedoch darin, dass der Wettbewerbscharakter der internationalen Politik (the competitive nature of international politics) dazu führt, dass Staaten oft auf rücksichtslose Weise um Einflusssphären konkurrieren. Mir scheint daher, dass man einen Weg finden muss, eine wesentlich kooperativere Welt zu schaffen, bevor Sicherheitssphären realisierbar werden.“ Soweit Mearsheimers Einwand.
Kritik kommt auch aus einer ganz anderen Ecke. „Mearsheimer und Sachs proben noch immer ein Duett aus der Zeit des Kalten Krieges, welches Landkarten fälschlicherweise für das Medium der Macht hält. Sie halten es für selbstverständlich, dass Staaten rationale Akteure sind, die in geografischen Einflusssphären gefangen sind und sich in einem permanenten Schattenkampf der Anarchie befinden. Das war die Sprache der 1990er-Jahre, doch die Welt spricht seither eine andere“, kritisiert ein anonymer Anhänger von Susan Strange (1923-1998), die die sog. „Theorie der strukturellen Macht“ (theory of structural power) entwickelt hat, die ganze Diskussion.
Seit 2001 haben seiner Meinung nach „drei epochale Schocks das staatenzentrierte Weltbild erschüttert: 9/11, ausgelöst nicht durch einen Staat, sondern durch ein Netzwerk; 2008, nicht durch Panzer, sondern durch Finanzderivate und die gegenwärtigen Handelskriege, die nicht durch Armeen an den Grenzen, sondern durch die strukturelle Unfähigkeit der Staaten zur Regulierung von Plattformen und Lieferketten ausgelöst sind. Trumps Zölle auf Indien im Vergleich zu China sind ein Paradebeispiel: Washington bestrafte Neu-Delhi für russisches Öl, während Peking, der vermeintliche Konkurrent, verschont blieb. Diese Inkonsistenz ist nicht >realistisch<, sondern ein Symptom struktureller Abhängigkeit von der chinesischen Produktion und den Seltenen Erden“.
Mit Berufung auf Susan Stranges Theorie weist der anonyme Kritiker darauf hin, „dass die wahre Machtstruktur nicht darin besteht, wer welches Territorium kontrolliert, sondern darin, wer die Regeln für Produktion, Finanzen, Wissen und Sicherheit festlegt. Heute erstreckt sich dies auch auf Plattformen und Lieferketten – Einflusssphären, die nicht kartografisch, sondern systemisch sind. Anders als Mearsheimers >offensiver Realismus<, der sich an geografische Gegebenheiten klammert, erklärt Stranges strukturelle Machttheorie, warum Apple, Amazon, Starlink und TikTok die Sicherheitslage stärker prägen als die Nato-Erweiterung es je könnte. Im Jahr 2025 dreht sich die internationale Politik nicht mehr um die gegenseitige Monroe-Doktrinen, sondern darum, wer die Kontrolle über Code, Cloud und die Engpässe der Lieferketten hat. Sachs und Mearsheimer debattieren in verklärtem Ton, während die Realität in gestochen scharfer Sprache vorliegt: Strukturelle Macht hat die staatliche Geografie als Grundlage der Ordnung abgelöst. Stranges Modell ist nicht nur aufklärerisch, sondern auch präskriptiv. Es zeigt uns, wo wir suchen müssen, um zu verstehen, warum die Vereinigten Staaten Indien belehren, China aber verschonen können und warum Souveränität heute von systemischer Resilienz statt von Grenzpatrouillen abhängt.
Im Jahr 2025 dreht sich die internationale Politik nicht mehr um gegenseitige Monroe-Doktrinen, sondern darum, wer die Kontrolle über Code, Cloud und die Engpässe der Lieferketten hat. Sachs und Mearsheimer debattieren in verklärtem Ton, während die Realität in gestochen scharfer Sprache vorliegt: Strukturelle Macht hat die staatliche Geografie als Grundlage der Ordnung abgelöst.“
Dass der Staat im Sterbebett liegt und von der „strukturellen Macht“ als „Grundlage der Ordnung“ abgelöst wird, ist ein Gerücht, das schon seit Jahren im Umlauf ist. Als „der sterbliche Gott“ (Thomas Hobbes) wird der Staat mit seinem Machtmonopol heutzutage nicht machtloser, sondern ganz im Gegenteil immer mächtiger und greift in alle Bereiche unseres Lebens ein.
Wie Trumps Expansionspolitik zeigt, selbst „die staatliche Geografie als Grundlage der Ordnung“ nimmt an Bedeutung eher zu als ab. Der glühende Anhänger der sog. „strukturellen Machttheorie“ verkennt zudem, dass Apple, Amazon, Starlink und Co. ohne die ordnende Macht des Staates, der einen ungestörten Ablauf der unternehmerischen Aktivitäten ermöglicht, sichert und garantiert, den Mächten der Willkür und des Chaos ausgesetzt und ausgeliefert sind, sollte der Staat sie nicht beschützen wollen oder können.
Die „strukturelle Macht“ ist ihrer Natur nach ein abgeleitetes Machtphänomen, das die Machtbasis des Staates voraussetzt.
Summa summarum lässt sich sagen: Sachs Sicherheitskonzept „Spheres of Security versus Spheres of Influence“ und seine Kritiker verkennen die grundlegenden Probleme, die die europäische und globale Friedens- und Sicherheitsordnung seit dem Ende des „Kalten Krieges“ so anfällig für Kriege machen, die nicht vergehen wollen.
3. Sicherheitsmaxime statt Sicherheitsideologie
Der vorgestellten Diskussion und der anschließenden Kritik über die Einfluss- und Sicherheitssphären mangelt es an einer ideologischen Ergründung der geo- und sicherheitspolitischen Prozesse, die je nach Positionierung die Sicherheitsinteressen der einen Seite beachten und/oder die Sicherheitsbedenken der anderen zurückweisen. Für diese Inkongruenz sind Denkvoraussetzungen wesentlich, die entweder universalistisch oder partikularistisch fundiert sind.
Nach dem Untergang des Sowjetimperiums und dem Zusammenbruch des Weltkommunismus 1991 versuchte der „Westen“ seine „Internationale“ – die westliche Internationale – sozusagen als Substitut für die untergegangene kommunistische Internationale zu etablieren.
Diese als „liberaler Internationalismus“ verklärte westliche Internationale, die ihre Ideologie von Demokratie und Menschenrechten propagiert und missioniert, erhebt die „westlichen Werte“ zum universalen Weltordnungsprinzip.
Folgt man dieser Ideologie, so tritt sie mit der Missionierung ihres universalen Weltordnungsprinzips wie eine säkularisierte Eschatologie auf, deren Endzweck das kommende Reich der Demokratie und Menschenrechte. So hat der prognostizierte Vormarsch von Demokratie und Menschenrechten beinahe „den Charakter von einem unausweichlichen Fatum wie von einer göttlichen Vorsehung. Sowohl wer ihn fördert wie wer ihm widerstrebt, ist ein blindes Werkzeug in der Hand einer Macht, die die Geschichte lenkt“.
Der Versuch, diese als „universal“ postulierten „westlichen Werte“ in Frage zu stellen oder gar zu bekämpfen, würde bedeuten, gegen die Vorsehung und „gegen Gott selbst zu kämpfen“. Die Unmöglichkeit, diesen Vormarsch aufzuhalten, „ermöglicht andererseits die Voraussagbarkeit ihrer künftigen Entwicklungen.“10
Dieses universale Weltordnungsprinzip führt, zu Ende gedacht, zur Einmischung der westlichen Internationale in alle anderen außerwestlichen Kultur- und Machträume und setzt damit Partikularität, Souveränität und eine autonome, eigenständige und eigenwillige Entwicklung der eigenen politischen Institutionen dieser Länder außer Kraft, indem es sie einfach negiert, im westlichen Sinne nicht für „regelbasiert“ hält und dadurch delegitimiert.
Diese axiologische Delegitimierung der außerwestlichen Kultur- und Machträume, die von der westlichen Internationale politisch und/oder verfassungsrechtlich nicht für „regelbasiert“ gehalten werden, hat unmittelbare schwerwiegende sicherheitspolitische Konsequenzen.
Denn ein solches universales Weltordnungsprinzip ist seiner Natur nach expansiv und nicht regulativ, aggressiv und nicht defensiv, konfrontativ und nicht ausgleichend, dominant und nicht nachgiebig, kurzum: auf Eskalation und nicht auf Deeskalation ausgerichtet und gefährdet den Weltfrieden, sobald es die vitalen Sicherheitsinteressen insbesondere der nichtwestlichen Großmächte tangiert.
Das erklärt auch die Spannungen zwischen Russland und der transatlantischen Gemeinschaft unter der US-Führung seit dem Ende des „Kalten Krieges“, die mit der Nato-Expansionspolitik einhergingen und die russischen Sicherheitsinteressen komplett und rücksichtslos ignorierten.
Der Grund für diese Entwicklung lag zweifelsohne in der radikalen Veränderung der geopolitischen Kräfteverhältnisse auf dem europäischen Subkontinent, die die Status-quo-Mächte des „Kalten Krieges“ durch eine alle und alles dominierende und auf die Nato-Expansion ausgerichtete US-Hegemonialmacht der unipolaren Weltordnung substituierte und die europäische Sicherheitsarchitektur maßgeblich prägte.
Und diese auf der Nato-Expansion beruhende europäische Sicherheitsarchitektur legitimierte sich ihrerseits durch die westliche Internationale, die eine vom universalen Weltordnungsprinzip abgeleitete Sicherheitsideologie postulierte, die da lautet: Demokratien können unter sich keine Kriege führen und deswegen müsse die Welt im Sinne der „westlichen Werte“ notfalls mit Gewalt „demokratisiert“ werden, damit „der ewige Frieden“ herrsche.
Damit wurde das noch von McNamara formulierte sicherheitspolitische Grundprinzip des „Kalten Krieges“ eine „Symmetrie der existentiellen Interessen“ – außer Kraft gesetzt und über Bord geworfen.
Beide miteinander rivalisierenden Supermächte USA und UdSSR wurden im „Kalten Krieg“ „von einem beherrschenden >Überlebensinteressen< im Konflikt bestimmt. Die Symmetrie dieser gleichartigen vitalen Interessen begründe eine strategische >Überlebensgemeinschaft<.“11
Diese „strategische Überlebensgemeinschaft“ ist als Grundprinzip der europäischen und globalen Sicherheitsverständnisses nach dem Ende des „Kalten Krieges“ verlorengegangen. An dessen Stelle trat das universale Weltordnungsprinzip, das die Sicherheitsideologie der westlichen Internationale begründete und zwischen einem vitalen „Überlebensinteressen“ und „einem Interesse an Machtexpansion, an Gewinn von politischen und strategischen Vorteilen, der im äußersten Fall durch Aggression erreicht werden könnte“12, nicht mehr unterschied.
Die US-Außen- und Sicherheitspolitik war seit Beginn des „Kalten Krieges“ zwar darauf gerichtet, die sowjetische Machtexpansion zu unterbinden. Dies bedeutete aber zugleich „einen Verzicht auf eine Bedrohung des legitimen sowjetischen Sicherheitsinteresses.“13
Im Gegensatz dazu ist die transatlantische Sicherheitsideologie von heute gerade darauf angelegt, die legitimen russischen Sicherheitsinteressen zu bedrohen. Denn aus einer Status-quo-Macht ist die Nato-Allianz längst eine Expansionsmacht geworden, die nach wie vor unbeirrt eine ideologisch verbrämte Open-Door-Politik betreibt und damit bewusst Russlands legitime Sicherheitsinteressen negiert.
Die fehlende fundamentale Unterscheidung zwischen einem „Existenzinteresse am Überleben“, das in seiner letzten Konsequent „das überwiegende Existenzinteresse am Frieden“ bedeutet, und einem „expansiven Machtinteressen“14, das friedensgefährdend ist, ist zum Casus knacksus der europäischen Sicherheitsordnung der vergangenen fünfunddreißig Jahre geworden.
Damit ein Frieden nach Europa zurückkehren kann, bedarf es darum weder der Schaffung der „Einflusssphären“ noch der ephemeren „Sicherheitssphären“, sondern eine radikale Änderung des transatlantischen Sicherheitsverständnisses, das letztendlich auf die Rückkehr der von McNamara propagierte „Symmetrie der existentiellen Interessen“ unter den geo- und sicherheitspolitischen Bedingungen der Gegenwart hinausläuft.
An Stelle des „Gleichgewichts des Schreckens“, das nach dem Untergang der Sowjetunion zerstört wurde15, muss ein zeitgemäßes Machtgleichgewicht in Europa treten, was unweigerlich zur Destruktion der Sicherheitsideologie bei gleichzeitiger Etablierung einer anderen Sicherheitsmaxime führt.
Denn die Maxime eines jeden Machtgleichgewichts steht im krassen Gegensatz zu der vom universalen Weltordnungsprinzip oktroyierten Sicherheitsideologie. Sie bedeutet, dass die rivalisierenden Großmächte die strategische Überlebensgemeinschaft wiederherstellen und sich „auf die Grenzen ihrer nationalen Sicherheit, bestimmt durch die Bedingungen ihrer Überlebensfähigkeit“, beschränken und auf die äußere expansionsgetriebene Machtentfaltung verzichten.15
Diese Sicherheitsmaxime beruht auf einer sicherheitspolitischen Ordnungsvorstellung, die die existentiellen Überlebensinteressen der rivalisierenden Großmächte anerkennt, was infolge der entstandenen Dysbalance nicht mehr möglich war. Die fehlende Machtbalance hat wiederum das „expansive Machtinteresse“ der Nato-Allianz provoziert, das zu dem geführt hat, was wir seit vier Jahren in der Ukraine erleben dürfen.
Dieses differenzierte Sicherheitsverständnis des „Kalten Krieges“ ist hingegen heute im „Westen“ weitgehend verlorengegangen und die entstandene Dysbalance hat das jahrhundertealte europäische Denken in Kategorien des Machtgleichgewichts komplett zurückgedrängt. Und jetzt ernten wir die Folgen dieser beklagenswerten intellektuellen Steresis.
Deswegen kommt man zu sicherheitspolitisch irrelevanten und überflüssigen Ersatzdiskussionen über „Einflusssphären versus Sicherheitssphären“, die die Sicherheitsideologie der heute herrschenden transatlantischen Machteliten nur überdecken und verschleiern, aber keine substantielle Veränderung der gesamteuropäischen Sicherheitsarchitektur mit sich bringen können.
Wenn man im „Westen“ keine solide sicherheitstheoretische Grundlagenforschung betreibt und sich stattdessen sicherheitspolitisch allein in Klein-Klein verheddert, dann überlässt man eben den Laien und Amateuren das Feld und bleibt im Ungefähren, ohne sich über die eigenen ideologischen, die vitalen Sicherheitsinteressen gefährdenden Denkvoraussetzungen unserer geo- und sicherheitspolitischen Entscheidungen und Handlungen im Klaren zu sein.
Der Krieg in der Ukraine hat die Nato-Expansionspolitik abrupt und unwiderruflich beendet und stellt nunmehr das Machtgleichgewicht auf dem europäischen Subkontinent wieder her. Mit dem Ende der Dysbalance ist auch die Sicherheitsideologie am Ende. Es gibt dessen ungeachtet keinen Frieden in Europa, solange die EU-Europäer auf ihre Sicherheitsideologie beharren und kein neues ideologiefreies Sicherheitsverständnis entwickeln wollen oder können.
Anmerkungen
1. Roberts G. Antipodes or Twins? The Myths of Yalta and Potsdam. In: C. Koch (Ed.), Das Potsdamer
Abkommen 1945–2015. Rechtliche Bedeutung und historische Auswirkungen. Frankfurt am Main 2017, 215–234.
2. Zitiert nach Aron, R., Die imperiale Republik. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die übrige Welt seit
1945. Aus dem Französischen übersetzt von Friedrich Griese. Stuttgart Zürich 1975, 68 f.
3. „Die unheilige Allianz“. Stalins Briefwechsel mit Churchill 1941-1945. Mit einer Einleitung und
Erläuterungen zum Text von Manfred Rexin. Rowohlt 1964.
4. Zitiert nach Silnizki, M., „Potentieller Freund im Rücken potentieller Feinde“? Jahrhundert westliche
Russlandpolitik. 8. Dezember 2022, www.ontopraxiologie.de.
5. Zitiert nach „Die unheilige Allianz“ (wie Anm. 2), 37.
6. Pechatnov V.O. The Big Three after World War II: New Documents on Soviet Thinking about Post-War
Relations with the United States and Great Britain. Working Paper No. 13. Washington, DC: Cold War
International History Project, 1995. P. 14.
7. Heinsohn, G./Steiger, O., Was ist Wirtschaften? In: Betz, K./Roy, T. (Hrsg.), Privateigentum und Geld.
Kontroversen um den Ansatz von Heinsohn und Steiger. Marburg 1991, 51.
8. Näheres dazu Silnizki, M., Geoökonomie der Transformation in Russland. Gajdar und die Folgen. Berlin 2020.
9. Klein, N., Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. 2007, 346. Zitiert nach
Silnizki (wie Anm. 8), 13.
10. Löwith, K., Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Tübingen 1983, 21.
11. Ruehl, L., Machtpolitik und Friedensstrategie. Einführung General Steinhoff. Hamburg 1974, 255.
12. Ruehl (wie Anm. 11), 256.
13. Ruehl (wie Anm. 11), 256.
14. Ruehl (wie Anm. 11), 257.
15. Ruehl (wie Anm. 11), 261.