Die US-Hegemonie im âZeitalter der AmoralitĂ€tâ
Ăbersicht
1. Machtausbalancierung statt Machtbalance
2. In einer rhetorischen Zwangsjacke gefangen
3. Die US-Hegemonie und die Logik der AmoralitÀt
Anmerkungen
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(Die Rettung der Ertrinkenden ist die Sache der Ertrinkenden selbst)
(Ostap Bender)1
1. Machtausbalancierung statt Machtausbalance
âStrategy, for a liberal superpower, is the art of balancing power without subverting democratic purposeâ (FĂŒr eine liberale Supermacht ist Strategie die Kunst, die Macht auszubalancieren, ohne die demokratischen Ziele zu untergraben).
Diese kĂŒhne These legt Hal Brands seiner neuen Veröffentlichung unter dem marktschreierischen Titel âThe Age of Amoralityâ (Das Zeitalter der AmoralitĂ€t) in Foreign Affairs am 20. Februar 2024 zugrunde. Gleich im Untertitel der Veröffentlichung âCan America Save the Liberal Order Through Illiberal Means?â (Kann Amerika die liberale Ordnung mit illiberalen Mitteln retten?) wird deutlich, was Brands unter der âAmoralitĂ€tâ versteht, welche Ordnung er fĂŒr âliberalâ hĂ€lt und welche Ziele diese als âliberalâ verklĂ€rte Ordnung verfolgt.
In seinen Ăberschriften nimmt er bereits die Ergebnisse seiner Studie vorweg, indem er dreierlei postuliert: âAmoralitĂ€tâ sei ihrer Natur nach âilliberalâ; zur Rettung der âliberalen Ordnungâ bedarf es (notfalls) illiberalen, sprich: âamoralischenâ Mitteln zwecks einer âDemokratisierungâ der Welt so, wie es sich die âliberale Supermachtâ vorstellt.
Was die USA aber unter âDemokratieâ verstehen, versuchte bereits Stalin uns mit seiner ihm zugeschriebenen ĂuĂerung klarzumachen: Demokratie sei ânicht etwa die Herrschaft des Volkes, sondern die Herrschaft des amerikanischen Volkesâ.
Diese so verstandene âDemokratieâ ist dasjenige, was wir heute âdie unipolare Weltordnungâ nennen, die mittlerweile in schweres Fahrwasser und in unsicheres GewĂ€sser geraten ist. Und Brands These spiegelt eben diese Verunsicherung der US-Eliten wider, die mit ihrem SelbstverstĂ€ndnis einer âunverzichtbaren Nationâ plötzlich feststellen mĂŒssen, dass die sich im dramatischen Umbruch befindende Welt auf sie verzichten will und kann.
Der amerikanische Exzeptionalismus mit seinem weltmissionarischen Anspruch: âDie Sache der ganzen Menschheit ist die Sache Amerikasâ (John F. Kennedy, 1960) ist darum aus heutiger Sicht nichts weiter als ein Abklatsch der glorreichen, aber lĂ€ngst vergangenen Epoche. Um heute aber auf der Höhe der Zeit zu sein, mĂŒssen die USA â folgt man Brands These eine neue Strategie â die Strategie als âKunst der Machtausbalancierungâ (the art of balancing power) – entwickeln.
Fordert Brands mit seiner Strategie vom US-Hegemon etwa mehr Bescheidenheit? Mitnichten! Der schwĂ€chelnde Hegemon will keineswegs auf seine WeltfĂŒhrungsrolle verzichten. Vielmehr ist er auf der Suche nach neuen Strategien zwecks Aufrechterhaltung seiner als âliberalâ verklĂ€rten âunipolaren Weltordnungâ.
Es ist freilich ein lang gepflegtes MissverstĂ€ndnis, Hegemonie mit LiberalitĂ€t gleichsetzen bzw. als âliberalâ verklĂ€ren zu wollen. Hegemonie vertrĂ€gt sich nicht mit LiberalitĂ€t und die bestehende âunipolare Weltordnungâ unter FĂŒhrung des US-Hegemonen ist nicht âliberalâ, sondern hegemonial.
Hegemonie strebt eine Beherrschung, Dominanz und Unterwerfung an. Sie oktroyiert, befreit nicht, bevormundet, macht nicht frei. In ihrer Machtentfaltung wirkt sie entgrenzend und freiheitshemmend, nicht befreiend, solange man ihr keine Grenzen setzt.
Hegemonie legitimiert sich durch sich selbst, sie usurpiert selbstermĂ€chtigend die Deutungshoheit in Fragen von LiberalitĂ€t, Demokratie und dergleichen und programmiert so sich selbst, ohne RĂŒcksicht auf irgendeine Gegenmacht nehmen zu mĂŒssen.
Brands These von der US-Strategie als einer âKunst der Machtausbalancierungâ hĂ€lt darum einer RealitĂ€tsĂŒberprĂŒfung nicht stand. In den vergangenen dreiĂig Jahren seit dem Zusammenbruch des Sowjetsystems hat die zum Hegemonen aufgestiegene US-Supermacht jede âKunst der Machtausbalancierungâ vermissen lassen. Ganz im Gegenteil: Die USA haben nach dem Ende des Ost-West-Konflikts die Chance bekommen, ihre eigenmĂ€chtige Weltordnungspolitik zu betreiben. Statt einer âKunst der Machtausbalancierungâ haben sie mit ihrer hegemonial ausgerichteten Weltpolitik eine Macht-Dysbalance in Europa geschaffen und weltweit die âKunstâ des Machtungleichgewichts praktiziert, welche zahlreche Kriege erzeugte, die Wiedererstarkung der geopolitischen Rivalen mit sich brachte und die Spannungen zwischen den GroĂmĂ€chten bis auf ĂuĂerte bewirkte.
Die auf Hegemonie ausgerichtete US-Geostrategie der vergangenen dreiĂig Jahre besteht eben nicht in der Errichtung einer Machtbalance, nĂ€mlich eines Systems von Macht und Gegenmacht, wodurch die GroĂmĂ€chte sich wechselseitig beschrĂ€nken, um die Welthegemonie oder gar die Weltherrschaft einer GroĂmacht zu verhindern.2
Was Brands unter einer âKunst der Machausbalancierungâ versteht, sind weder die europĂ€ischen Vorstellungen vom Machtgleichgewicht noch die Erfahrungen mit dem sog. âGleichgewicht des Schreckensâ wĂ€hrend der Systemkonfrontation des âKalten Kriegesâ, sondern ist ein Versuch, dem Erosionsprozess der US-Hegemonie mit einer neuen Strategie entgegenzuwirken, um einen anhaltenden AbwĂ€rtstrend zu stoppen.
Nicht Austarieren von Macht und Gegenmacht zwecks Unterbindung der Hegemonialstellung einer GroĂmacht steht im Vordergrund dieser US-Strategie als einer âKunst der Machtausbalancierungâ, sondern eine machiavellistische Kunst der Verschlagenheit und Gerissenheit, die im Lavieren zwischen den zwei Extremen der LiberalitĂ€t und IlliberalitĂ€t das bestmögliche Ergebnis zwecks Aufrechterhaltung der US-Hegemonie vor dem Hintergrund des schwĂ€chelnden und alternden US-Hegemonen zu erzielen trachtet.
Die âneueâ US-Strategie will als eine âKunst der Machtausbalancierungâ nicht ein System von Macht und Gegenmacht errichten, sondern verfolgt weiterhin das anachronistische Ziel einer auf Dauer angelegten und von keinem in Frage gestellten US-Welthegemonie. âImperiale Geostrategieâ nannte Brzezinski einst dieses US-Streben in den 1990er-Jahren.3
2. In einer rhetorischen Zwangsjacke gefangen
Entwickelt vor dem Hintergrund des untergegangenen Systemrivalen, ist Brzezinskis Geostrategie heute nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Sie ist ĂŒberholt, weil die US-Ăber- und Allmacht der 1990er-Jahre nicht mehr existiert und die von den USA angefĂŒhrte âunipolare Weltordnungâ einen dramatischen Erosionsprozess erleidet.
Die ganze Dramatik dieses Erosionsprozesses zeigt sich gerade im Roten Meer, wo sich die USA mit ihren VerbĂŒndeten vergeblich abmĂŒhen, mit den Huthi-Milizen militĂ€risch fertig zu werden. Schlimmer noch: Wie Ahmad al Asady in seinem am 3. MĂ€rz 2024 fĂŒr The Hill verfassten Bericht âBRICS countries are benefiting from the Red Sea shipping disruptionsâ (Die BRICS-LĂ€nder profitieren von den Störungen der Schifffahrt im Roten Meer) schreibt:
âDie Seeangriffe der Huthi-Rebellen im Roten Meer, mit denen Israel unter Druck gesetzt werden sollte, seinen Krieg in Gaza zu beenden, haben unbeabsichtigt die Voraussetzungen fĂŒr die umfassenderen geopolitischen VerĂ€nderungen geschaffen ⊠Da diese Angriffe groĂe Reedereien dazu veranlassen, ihre Routen umzuleiten, befinden sich die USA und ihre VerbĂŒndeten an einem entscheidenden Wendepunkt. Sie sind an die  Grenzen ihrer militĂ€rischen Interventionen  bei der GewĂ€hrleistung der Sicherheit und Effizienz des lebenswichtigen Seehandels gestoĂen.
Die unmittelbaren Auswirkungen gehen weit ĂŒber die verlĂ€ngerten Transitzeiten und den Anstieg der Betriebskosten hinaus, wie der starke Anstieg des  World Container Index von Drewry zeigt . Diese strategische Neuausrichtung stĂ€rkt paradoxerweise die wirtschaftliche und strategische Haltung des BRICS-Blocks, schwĂ€cht die US-VerbĂŒndeten und stellt die traditionelle Dynamik der Weltwirtschaft in Frage.â
Wir beobachten, anders formuliert, nicht nur einen Erosionsprozess der US-Hegemonie und einen zunehmenden geoökonomischen Machtverlust der westlichen HemisphÀre, sondern auch einen Angstverlust vor den militÀrischen DrohgebÀrden und Aktionen der USA.
Vor diesem Hintergrund ist es allzu verstĂ€ndlich, wenn Brands eine neue Strategie zur Aufrechterhaltung der US-Hegemonie empfiehlt. UnverstĂ€ndlich ist allerdings, dass er dabei bei der Rhetorik des âKalten Kriegesâ verbleibt. Als wĂŒrden wir uns immer noch inmitten des Systemwettbewerbs der bipolaren Weltordnung befinden, spricht Brands von der âWiederbelebung der Gemeinschaft der freien Weltâ (the free-world community).
Dieses Vokabular ist ein Relikt des âKalten Kriegesâ und hat mit der geopolitischen Gegenwart nichts zu tun. Der Ausdruck âfreie Weltâ wurde als Gegensatz zum Weltkommunismus konzipiert, der lĂ€ngst das Zeitliche gesegnet hat. Es ist darum gar nicht klar, von welcher âFreiheitâ hier die Rede ist.
Und so bemĂŒht sich Brands â dem westlichen, immer noch im Denken des âKalten Kriegesâ gefangenen Mainstream folgend â âeine bedrohte Ordnungâ (a threatened order) der westlichen Demokratien zu konstruieren, um sie gegen die sog. âAutokratienâ zu verteidigen.
Besorgt schreibt er: âWenn es darum geht, China und Russland entgegenzutreten, reichen die demokratischen Allianzen nur bis zu einem gewissen Grad aus. ⊠Die USA treten ĂŒblicherweise in den Wettbewerb der GroĂmĂ€chte (great-power competition) (desswegen) ein, weil sie befĂŒrchten, dass die mĂ€chtigen Autokratien die Welt sonst fĂŒr die Demokratie unsicher machen (make the world unsafe for democracy).
Dabei greift er weit in die Geschichte zurĂŒck und konstruiert ein neues Geschichtsbild des 20. Jahrhunderts, indem er – der Tagespolitik geschuldet – Kommunismus kurzerhand mit Autokratie gleichsetzt. Es ist zwar legitim, wenn die neue Generation auf die Geschichte vom Standpunkt ihrer eigenen erlebten Gegenwart blickt und neu umschreibt.
Eine neue Geschichtsdeutung darf aber nicht jenseits jedes faktenbasierten Wissens stattfinden. Brands geht es freilich nicht um ein neues GeschichtsverstÀndnis, sondern um eine Neolegitimierung des US-Hegemonialanspruchs unter den neuentstandenen geopolitischen Machtkonstellationen mittels einer Instrumentalisierung der Geschichte.
Alle Machtmittel seien dabei erlaubt. Wir befĂ€nden uns schlieĂlich im âZeitalter der AmoralitĂ€tâ (the Age of Amorality). Denn der einzige Weg, eine Welt zu schĂŒtzen, die fĂŒr die Freiheit geeignet sei, bestehe darin, die âunreinen Partnerâ (impure partners) zu hoffieren und sich an âunreinen Handlungenâ (impure acts) zu beteiligen.
Diese âReinheitslehreâ erinnert freilich an die lĂ€ngst vergessen geglaubten Epoche allermöglichen Rassentheorien und Rassenwahnvorstellungen. Was nicht vergehen will, kann auch nicht vergehen.
Die neu entstandene geopolitische MĂ€chtekonstellation verleitet manche Zeitgenossen offenbar, sich auf die ĂŒberholten und nicht mehr zeitgemĂ€Ăen Ideologien zu besinnen. Die sich zu Lasten der US-Hegemonie verĂ€ndernde Welt lĂ€sst sich aber nicht ohne weiteres mit einer ĂŒberkommenen und stets reproduzierten ideologischen Rhetorik des âKalten Kriegesâ oder gar mit âReinheitslehrenâ aller Art denunzieren, stigmatisieren und verunglimpfen.
Es besteht dann die Gefahr des RĂŒckfalls in die SchĂŒtzengrĂ€ben des âKalten Kriegesâ oder die GroĂ- und Rassenwahnvorstellungen der vergangenen Zeiten. Die USA sind nicht mehr so stark, wie sie vorgeben, und nicht mehr so mĂ€chtig, wie sie sich wĂŒnschen. Je schneller die US-Eliten das begreifen, umso besser wird es fĂŒr sie und die ganze Welt. Der US-Hegemon schwĂ€chelt, ist in die Jahre gekommen und versucht seinen Zustand mit alten Parolen zu ĂŒbertĂŒnchen und mit neuen Etiketten zu ĂŒberkleben.
Nach wie vor in den Denkmustern des âKalten Kriegesâ verbleibend, glaubt Brands, diesen US-SchwĂ€chezustand, den er offenbar als vorĂŒbergehend ansieht, dadurch ĂŒberwinden zu können, dass er â falls es nichts anders geht â empfiehlt, die Kompromisse selbst mit dem Teufel einzugehen, um die alte StĂ€rke zurĂŒckgewinnen zu wollen.
Indem er den vom Theologen Reinhold Niebuhr stammenden Spruch: âHow much evil we must do in order to do goodâ (Wie viel Böses mĂŒssen wir tun, um Gutes zu tun) zu eigen macht, versucht er die Strategie der Taktik unterzuordnen und kommt nicht umhin, das âBöseâ im Namen des âGutenâ zu âentkriminalisierenâ und LiberalitĂ€t mittels IlliberalitĂ€t durchzusetzen.
3. Die US-Hegemonie und die Logik der AmoralitÀt
Von diesem Standpunkt aus entwirft Brands ein neues Geschichtsbild vom 20. Jahrhundert als einem Jahrhundert des ununterbrochenen Kampfes zwischen âAutokratie und Demokratieâ, das er kurzerhand zum âZeitalter der AmoralitĂ€tâ erklĂ€rt. Warum? Weil die USA, um âdas Ăberleben und die Ausbreitung des Liberalismusâ (the survival and expansion of liberalism) zu ermöglichen, âamoralischâ werden und âein schmutziges Spielâ (a dirty game) spielen mĂŒssen.
In diesem Sinne sei die gegenwĂ€rtige US-Konfrontation mit China und Russland nur die letzte Runde in einem nie enden wollenden Kampf darum, âob die Welt von liberalen Demokratien oder ihren autokratischen Feinden geprĂ€gt wirdâ (whether the world will be shaped by liberal democracies or their autocratic enemies), schreibt Brandt und fĂ€hrt fort:
Im Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie im Kalten Krieg strebten die Autokratien in Eurasien nach einer globalen Vorherrschaft (global primacy), indem sie innerhalb dieser zentralen Landmasse die Vorherrschaft erlangten. Dreimal griffen die USA nicht nur ein, um ihre Sicherheit zu gewĂ€hrleisten, sondern auch, um ein Gleichgewicht der KrĂ€fte (a balance of power) zu wahren, das das Ăberleben und die Ausbreitung des Liberalismus ermöglichte, um âdie Welt sicher fĂŒr die Demokratie zu machenâ, wie es Woodrow Wilson ausdrĂŒckte.
Der Versuch, das 20. Jahrhundert aus der Perspektive der geopolitischen RealitĂ€t des 21. Jahrhunderts zu betrachten und mit den Schlagworten âAutokratien versus Demokratienâ umzuschreiben, ist derart ahistorisch, dass man sich wundert, wie man darauf ĂŒberhaupt kommen kann.
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges war eine direkte Folge der MachtkĂ€mpfe der europĂ€ischen GroĂmĂ€chte um die Teilung der Welt im Zeitalter des europĂ€ischen Imperialismus, wohingegen der Zweite Weltkrieg in der âZeit der Ideologienâ (Karl Dietrich Bracher) stattgefunden hat.
Und was den âKalten Kriegâ der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts angeht, so war er primĂ€r ein ideologischer Systemwettbewerb zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Das waren drei zwar aufeinander bezogene, nicht desto weniger aber völlig unterschiedliche Epochen der europĂ€ischen und Weltgeschichte, die man nicht einfach auf einen Nenner âAutokratie versus Demokratieâ reduzieren kann.
Gerade der Sowjetkommunismus entstand auf den Ruinen der russischen Autokratie. Und den Rassenstaat des Nationalsozialismus mit âAutokratieâ gleichzusetzen, bedeutet die Natur und das Wesen des Nazismus zu verharmlosen.
Erst vor diesem Hintergrund wird es verstĂ€ndlich, warum Brands die âMachtbalanceâ (balance of power) mit einer âAusbalancieren der Machtâ (balancing power) vermengt. Um âdas Ăberleben und die Ausbreitung des Liberalismusâ zu ermöglichen und âdie Welt fĂŒr die Demokratie sicher zu machenâ, bedarf es laut Brands manchmal einer âAusbalancierung der Machtâ (balancing power), die er als âein schmutziges Spielâ (bzw. âa dirty gameâ) bezeichnet.
Denn âdie westlichen Demokratien konnten sich im Zweiten Weltkrieg nur durchsetzen, indem sie einem schrecklichen Tyrannen, Josef Stalin, halfen, einen noch schrecklicheren Feind, Adolf Hitler, zu vernichtenâ (Western democracies prevailed in World War II only by helping an awful tyrant, Joseph Stalin, crush an even more awful foe, Adolf Hitler), argumentiert Brands.
Dieses âschmutzige Spielâ musste der Westen mitspielen, um ein noch schlimmeres Ăbel zu verhindern. Auch wĂ€hrend des âKalten Kriegesâ mussten die USA ein âschmutziges Spielâ âmit einem anderen mörderischen Kommunisten, dem chinesischen FĂŒhrer Mao Zedongâ mitspielen, um die Sowjetunion zu bekĂ€mpfen, entrĂŒstet sich Brands.
Dieses âZeitalter der AmoralitĂ€tâ setze sich seiner Meinung nach bis heute fort und wir mĂŒssen weiterhin âviel Böses tun, um Gutes zu tunâ. Nun ja, wenn man die eigenen Schand- und GrĂ€ueltaten im Korea- und Vietnam-Krieg, die Millionen Menschenleben kosteten, ausblendet, dann kann man ânatĂŒrlichâ ĂŒber âDemokratieâ als Leuchtturm der Freiheit und Gerechtigkeit in ihrem immerwĂ€hrenden Kampf gegen die sog. âAutokratienâ fabulieren.
Diese Logik der AmoralitĂ€t: âviel Böses tun, um Gutes zu tun,â hat der Soziologe Karl Otto Hondrich bereits 2003 propagiert, als er den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der USA gegen den Irak mit NachdrĂŒck gutgeheiĂen hat.
Indem Hondrich den Krieg als die âHoch-Zeit der Moralâ glorifizierte und damit Moral als eine modale Form der Gewalt â sozusagen als Gewaltmoral â apostrophierte, lehnte er gleichzeitig eine andere, âgesteigerte Moralâ als Ausfluss des âGebots der Gewaltlosigkeitâ ab, weil diese nur im Zustand einer der âhöheren Kulturâ zugeordneten âgewaltfreien Gesellschaftâ existieren kann.
Damit unterscheidet Hondrich zwei völlig unterschiedliche Arten von Moral: Die eine beruht auf einem illusionĂ€ren, weil weltfremdem âGebot der Gewaltlosigkeitâ und die andere, realitĂ€tsnahe und unbedingt zu bejahende Moral ist ein untrennbarer Bestandteil unserer âWeltgewaltordnungâ.
Denn âje höher und schneller sich die Gesellschaft entwickelt und je weiter sie sich als Weltgesellschaft ausdehnt, desto verletzlicher werden die Menschen und ihre Kulturen, desto durchsetzungseifriger, desto konfliktreicher, kurz: desto gewalttrĂ€chtiger.â4
Folgt man dieser Gewaltmoral, so kann man gleich auch die Logik der AmoralitĂ€t als âmoralischâ geboten ansehen. Was Brands allerdings unter âAmoralitĂ€tâ versteht, ist nicht einfach eine Glorifizierung der Gewaltmoral, sondern eine Aufforderung der selbsternannten âLiberalenâ zu einer opportunistischen Koalitionsbildung mit den illiberalen âAutokratienâ und Potentaten zwecks Verteidigung des âLiberalismusâ, genauer: der US-Hegemonialstellung in der Welt.
Eine solche Koalition mit den illiberalen âAutokratienâ war in der Vergangenheit nicht ohne Erfolg. Und nur dieser Erfolg zĂ€hlt fĂŒr die USA in seinem Machtkampf um die Welthegemonie und er war immer schon das Kriterium dessen, was auĂenpolitisch im âZeitalter der AmoralitĂ€tâ geboten ist.
Zwar hatten die USA in den 1960er- und 1970er-Jahren âeine Lawine der AmoralitĂ€tâ (an avalanche of amorality) ausgelöst, indem sie âeinen blutigen und missglĂŒckten Krieg in Vietnamâ gefĂŒhrt, âeine Clique böser Diktatorenâ unterstĂŒtzt und zahlreiche âCIA-MordplĂ€neâ durchgefĂŒhrt haben.
Sie wurden aber letztendlich mit dem Sieg im âKalten Kriegâ (the U.S. victory in the Cold War) belohnt und es entstand âeine Welt, die sicherer vor den autokratischen RaubzĂŒgen und sicherer fĂŒr die menschliche Freiheit war als je zuvor (a world safer from autocratic predation, and safer for human freedom, than ever before), rechtfertigt Brands diese Logik der AmoralitĂ€t.
Jetzt sei die Welt erneut bedroht, warnt Brands. Jetzt mĂŒssen die USA neue PrioritĂ€ten setzen, um erneut einen Sieg im Machtkampf gegen die wiedererstarken âAutokratienâ davon zu tragen.
âDie Welt habe einen >Wendepunkt< (inflection point) erreichtâ, zitiert Brands Biden, der im MĂ€rz 2021 davon sprach, dass die kĂŒnftigen Historiker âdie Frage untersuchen wĂŒrden, wer erfolgreich war: Autokratie oder Demokratieâ (the issue of who succeeded: autocracy or democracy).
Und wenn China zur âWeltfĂŒhrungsmachtâ (the worldâs preeminent power) werde, werde die Autokratie in den befreundeten LĂ€ndern stĂ€rker, wohingegen âdie demokratischen Regierungenâ unter Druck geraten wĂŒrden. Man sehe doch, wie Peking wirtschaftlichen Hebel einsetze, um die Kritik an seiner Politik durch die demokratischen Gesellschaften von Australien bis Norwegen zu bestrafen. Indem sich ein dominantes China âdas System der IlliberalitĂ€tâ sichere (system safe for illiberalism), wĂŒrde es das System des Liberalismus automatisch schwĂ€chen. Der Einmarsch Russlands in die Ukraine reihe sich in diese illiberale Entwicklung.
Bei dieser ganzen Beschreibung der geopolitischen Entwicklungen der Gegenwart vermisst man freilich vor allem eine selbstkritische Analyse der US-AuĂenpolitik der vergangenen drei Jahrzehnte. Man wundert sich zudem ĂŒber die völlige Ausblendung der geostrategischen FehleinschĂ€tzungen beinahe aller US-Administrationen, die zum Aufstieg Chinas und Wiederstarken Russlands gefĂŒhrt haben.
Was schlĂ€gt Brands nun vor? Das Grundproblem der USA sei âein loses BĂŒndnis der revisionistischen MĂ€chteâ (a loose alliance of revisionist powers) aus dem Herzland Eurasiens heraus zu drĂ€ngen. Biden habe zwar âeine kohĂ€rente globale Koalition von Demokratienâ (a cohering global coalition of democracies), die von den RĂ€ndern her zurĂŒckschlĂ€gt, gebildet.
In den drei SchlĂŒsselregionen Eurasiens stellt sich aber erneut Niebuhrs Frage: âWie viel Böses mĂŒssen wir tun, um Gutes zu tun?â Denn âdie demokratische SolidaritĂ€tâ sei zwar âgroĂartig, die Geographie aber unerbittlichâ (Democratic solidarity is great, but geography is stubborn).
Washington benötige darum in Eurasien illiberale Freunde, um seine illiberalen Feinde in Schach zu halten (Across Eurasia, Washington needs illiberal friends to confine its illiberal foes).
Mit anderen Worten: Um mit den eurasischen GroĂmĂ€chten China und Russland fertig zu werden, reicht eine âglobale Koalition von Demokratienâ nicht mehr aus und die USA benötigen darum die illiberalen KrĂ€fte, um ein noch gröĂeres Ăbel, nĂ€mlich den Verlust der eigenen globalen Vormachtstellung (global primacy), abwenden zu können.
Dieses OpportunitĂ€tsprinzip nennt Brands zwar amoralisch, aber geopolitisch geboten. Vor diesem Hintergrund ist es völlig unglaubwĂŒrdig, wenn er im gleichen Atemzug beteuert, dass der Zweck nicht alle Mittel heile: âEs wĂ€re gefĂ€hrlich, eine reine der-Zweck-heiligt-die-Mittel-MentalitĂ€t zu verinnerlichenâ (It would be dangerous to adopt a pure end-justifies-the-means mentality).
Brands OpportunitĂ€tsprinzip liegt freilich keine ideologisch fundierte Legitimation zugrunde. Denn wie will Brands eine Koalition von liberalen und illiberalen KrĂ€ften ideologisch begrĂŒnden? Mit Verweis auf einen ideologischen Kampf gegen einen vermeintlich noch âilliberalerenâ, âautokratischâ stigmatisierten eurasischen Rivalen kommt man da nicht weiter.
Es geht auch nicht um eine ideologische, sondern eine geopolitische Konfrontation, in deren Mittelpunkt die Infragestellung der globalen FĂŒhrungsrolle der USA steht. Genau das ignoriert Brands aber, indem er behauptet: âDas ideologische Schlachtfeldâ (the ideological battlefield) habe sich zu Ungunsten der USA verschoben.
Diente der Antikommunismus im âKalten Kriegâ âals ideologischer Klebstoff zwischen der demokratischen Supermacht und ihren autokratischen VerbĂŒndetenâ (between a democratic superpower and its autocratic allies), weil die letzteren wĂŒssten, dass sie im Falle eines sowjetischen Triumpfs in ihrer Existenz bedroht wĂ€ren, so verfĂŒgen die US-Feinde heute ĂŒber âeine Form der Autokratieâ (a form of autocracy), die fĂŒr die anderen âNicht-Demokratienâ (nondemocracies) weniger existenziell bedrohlich sei.
Indem Brands zwanghaft versucht, die geopolitische RivalitĂ€t ideologisch zu begrĂŒnden, verstrickt er sich immer tiefer in WidersprĂŒche. Die Machthaber am Persischen Golf, in Ungarn oder der TĂŒrkei haben mehr mit Xi und Putin gemein als mit Biden, entrĂŒstet er sich. Die Kluft zwischen einer âgutenâ und einer âschlechtenâ Autokratie sei geringer als frĂŒher, was die USA dazu zwinge, hĂ€rter zu arbeiten, um die âilliberalen Partnerâ (illiberal partners) auf ihrer Seite zu halten.
Da eine mit dem âKalten Kriegâ vergleichbare ideologische Systemkonfrontation fehle und die geopolitische US-Vormachtstellung erodiere, stehen die USA vor ernsthaften strategischen Herausforderungen und seien gezwungen, âKompromisse zwischen Macht und Prinzipâ (the tradeoffs between power and principle) einzugehen.
Wir befinden uns, anders formuliert, in einem ideologiefreien geopolitischen und geoökonomischen âWettbewerbâ der GroĂmĂ€chte. Darum ist das Gerede von einem Ăberlebenskampf zwischen Autokratien und Demokratien nichts weiter als ein Placebo, das die ideologische Systemkonfrontation der bipolaren Weltordnung nicht ersetzen kann.
Und so sucht Brands diesen fehlenden Ideologieersatz moralisch zu ĂŒbertĂŒnchen und kommt nicht umhin festzustellen, dass selbst der sog. âGlobale SĂŒdenâ nicht mehr mitzieht, weil er die US-Geopolitik als doppelzĂŒngig betrachtet und ihr eine Doppelmoral vorwirft.
Vor dem Hintergrund eines ideologischen, moralischen und geopolitischen Fiaskos der US-AuĂenpolitik bleibt Brands am Schluss nichts anderes ĂŒbrig, als bescheiden festzustellen: âMoral ist ein Kompass, keine Zwangsjackeâ (morality is a compass, not a straitjacket).
So sieht es also die neue Strategie des US-Hegemonen im âZeitalter der AmoralitĂ€tâ aus! Rette sich, wer kann! Und wer sich selbst retten kann, der kommt in diesem âschmutzigen Spielâ am weitesten voran.
âManche werden dies als der Gipfel der Heuchelei ansehenâ, rechtfertigt sich Brands am Schluss seiner Veröffentlichung. âIn Wirklichkeit ist es aber der beste Weg, um das Gleichgewicht â politisch, moralisch und strategisch â zu wahren, das eine demokratische Supermacht benötigtâ (In reality, it is the best way to preserve the balanceâpolitical, moral, and strategicâthat a democratic superpower requires). Nichts Neues im Reich der unbegrenzten Möglichkeiten.
Anmerkungen
1. Ostap Bender ist der Antiheld des russischen Romans âĐĐČĐ”ĐœĐ°ĐŽŃаŃŃ ŃŃŃĐ»ŃĐ”ĐČâ (Die zwölf StĂŒhle) von IlÂŽja
IlÂŽf und Evgenij Petrov aus dem Jahr 1928.
2. Vgl. Link, W., Die europÀische Neuordnung und das Machtgleichgewicht, in: Thomas JÀger/Melanie
Piepenschneider (Hrsg.), Europa 2020. Szenarien politischer Entwicklungen. Opladen 1997, 9-31 (11).
3. Vgl. Silnizki, M., Brzezinskis âimperiale Geostrategieâ im Lichte der Gegenwart. Zum Scheitern der US-
amerikanischen Russlandpolitik. 9. November 2022, www.ontopraxiologie.de.
4. Zitiert nach Silnizki, M., Im WĂŒrgegriff der Gewalt. Wider Apologie der âWeltgewaltordnungâ. 30. MĂ€rz
2022, www.ontopraxiologie.de.