Verlag OntoPrax Berlin

„Der totale Krieg“ des 21. Jahrhunderts

Dmitrij Trenin und die Unvermeidbarkeit des Dritten Weltkrieges

Übersicht

1. Hat der Dritte Weltkrieg bereits begonnen?
2. Das epochale Jahr 2022
3. Die Warnzeichen häufen sich
4. Die „Entmenschlichung des Gegners“ im Ukrainekrieg
5. Trenins Theorie von der Unvermeidbarkeit des Dritten Weltkrieges

Anmerkungen

Die amerikanische Sicherheit ist „durch die bloße Existenz der
Sowjetunion“ gefährdet.
(Clark Clifford/George Elsey, Juni 1946)1

1. Hat der Dritte Weltkrieg bereits begonnen?

Der Russische Rat für Internationale Angelegenheiten (RCMD) hat am 14. Juli 2025 eine Studie von Dmitrij Trenin (Direktor des Instituts für Globale Militärökonomie und ehem. Direktor des Carnegie Moscow Center) veröffentlicht. Der Autor hat erneut eine programmatische Schrift verfasst.

Im Titel seiner Studie steckt gleich die Kernthese seiner Überlegungen: „Эпоха войн: Третья мировая уже началась, но не все это понимают“ (Das Zeitalter der Kriege: Der Dritte Weltkrieg hat bereits begonnen, nicht jeder versteht es aber).

Bei einer näheren Analyse der Studie kommt man schnell zum Ergebnis, dass man sie auch mit der Schlagzeile „So werden Kriege gemacht“ hätte überschreiben können. Unter diesem Titel veröffentlichte Karl-Heinz Gräfe 2014 sein kleines Werk, das das „Schicksalsjahr 1939“ behandelt, das die Welt in den Zweiten Weltkrieg gestürzt hat.2

Wird das Jahr 2022, in dem der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist und bis heute andauert, ebenfalls zum „Schicksalsjahr“, das die Welt nunmehr in den Dritten Weltkrieg gestürzt hat? Nein, sagt Trenin und datiert den Beginn des Dritten Weltkrieges bereits mit dem Jahr 2014.

Wie kommt Trenin zu einem solch überraschenden Ergebnis? Zunächst einmal greift er die in den russischen Medien seit langem kursierte und auch von manchen russischen Militärexperten dezidiert vertretene These auf, dass der Dritte Weltkrieg schon längst ausgebrochen ist.

Dass er aber den Ausbruch des Dritten Weltkrieges bereits mit 2014 datiert, ist freilich in der Tat etwas Neues. Wörtlich schreibt Trenin:

„Собственно, мировая война уже здесь, даже если не все это заметили и осознали. Предвоенный период закончился для России в 2014 году, для Китая – в 2017-м, для Ирана – в 2023-м. С тех пор размах войны в ее современном обличье и ее интенсивность постоянно растут. Это совсем не «вторая холодная“ (Der Weltkrieg ist eigentlich bereits da, auch wenn es nicht jeder bemerkt und reflektiert hat. Die Vorkriegszeit endete für Russland 2014, für China 2017 und für den Iran 2023. Das Ausmaß und die Intensität des Krieges nahmen seitdem in seiner modernen Form stetig zu. Dies ist kein >zweiter Kalter Krieg< mehr“.

Ob das Jahr 2014 für Russland das Ende der Vorkriegszeit und der Beginn des „Dritten Weltkrieges“ ist, sei zunächst einmal dahingestellt. In einem muss man Trenin recht geben. Die Ukraine-Krise 2014 war eine Zäsur in den Beziehungen zwischen Russland und dem „Westen“.

So stellte der Chefredakteur der renommierten russischen außenpolitischen Zeitschrift „Russland in der globalen Politik“, Fjodor Lukjanov, gleich nach dem Ausbruch der Ukrainekrise 2014 unumwunden fest, „dass die Ukraine für Russland nicht nur eine rote Linie, sondern auch eine absolute Tabuzone darstellt. … Moskau nimmt keine Rücksicht mehr auf die Kosten, die die Beschädigung seiner Beziehungen zum Westen oder gar deren Abbruch haben wird. Dass die Ukraine zum Anlass dieser Wende wurde, ist unerwartet und folgerichtig zugleich. … Folgerichtig ist es, weil die Ukraine seit jeher als äußerst wichtiges Aufmarschgebiet gilt, von dem sowohl die Machtverteilung in Europa als auch die elementare Sicherheit Russlands abhängen.“3

Lukjanovs Feststellung stimmte auch Kissinger indirekt zu, als er 2015 in einem Interview meinte: „Die Ukraine-Krise entwickelt sich zu einer Tragödie, weil die langfristigen Interessen der Weltordnung mit dem unmittelbaren Bedürfnis nach der Wiederherstellung der ukrainischen Identität verwechselt werden. …. Wenn man heute liest, dass muslimische Einheiten für die Ukraine kämpfen, dann ist allerdings das Augenmaß verlorengegangen. … Das sei ein Desaster (That’s a disaster, obviously). Denn das bedeute letztlich, dass die Zerschlagung Russlands zum Ziel geworden sei; das langfristige Ziel muss hingegen die Integration Russlands sein (It means that breaking Russia has become an objective; the long-range purpose should be to integrate it).4

Und 2018 schrieb ich mit Hinblick auf den im Westen als „Euromaidan-Revolution“ verklärten Staatsstreich: Die „Krim-Eingliederung in die Russländische Föderation (erscheint) lediglich als Trostpflaster, das die bittere geostrategische Niederlage Russlands nur kaschiert, aber nicht beseitigt. Keiner weiß heute, welches >geopolitisches Risiko< sich noch dahinter verbirgt.“5

Heute wissen wir es: Das „geopolitische Risiko“ des Jahres 2014 artete acht Jahre später im Jahr 2022 in einen brutalen Krieg zwischen Russland und der Ukraine bzw. der Nato-Allianz aus, der bis heute andauert.

2. Das epochale Jahr 2022

2014 markiere „das Ende der Vorkriegszeit“, schreibt Trenin. Ob dieses „Ende“ gleich der Beginn des Dritten Weltkrieges bedeuten sollte, hängt davon ab, was man darunter versteht. Zu Zeiten des „Kalten Krieges“ identifizierte man, wie selbstverständlich, den Dritten Weltkrieg mit einem Atomkrieg. Da wir seit dem „Ende der Vorkriegszeit“ 2014 bis dato keinen „Atomkrieg“ erlebt haben, sonst hätte ich vermutlich diese Zeilen nicht schreiben können, und Trenin selbst ausdrücklich ablehnt, die Konfrontation zwischen Russland und dem „Westen“ als einen „zweiten Kalten Krieg“ (вторая холодная) zu bezeichnen, stellt sich die Frage, was er darunter verstanden wissen will.

„Der Krieg des Westens gegen Russland (война Запада против России) hat seit 2022 einen entscheidenden Charakter angenommen, und der Übergang von einem heißen, aber mittelbaren Stellvertreterkonflikt zu einem direkten Atomkonflikt in der Ukraine mit den Nato-Staaten wird immer wahrscheinlicher“, warnt Trenin und schreibt weiter:

„Der heutige Weltkrieg (Нынешняя мировая война) ist der Inbegriff (совокупность) mehrerer Konflikte, an denen die führenden Großmächte beteiligt sind – die USA mit ihren Verbündeten sowie China und Russland. … Die Ursache dieses Weltkriegs ist wie eh und je dieselbe: eine Veränderung der Machtbalance in der Welt (изменение баланса сил в мире). Der Westen spürt, dass der Aufstieg neuer Machtzentren (vor allem China) und die Wiederherstellung Russlands als Großmacht seine Vorherrschaft bedrohen, und ist zur Gegenoffensive übergegangen.

Für Amerika und Europa ist sie nicht die letzte, wohl aber entscheidende Schlacht. Der Westen kann den Verlust seiner Welthegemonie (мировая гегемония) nicht akzeptieren. Dabei geht es nicht allein um die Geopolitik. Die westliche Ideologie (ein polit-ökonomischer Globalismus und soziokultureller Posthumanismus) wehrt sich geradezu vehement gegen den Pluralismus sowie eine nationale oder zivilisatorische Identität und Tradition.

Die Ablehnung des Universalismus bedeutet für den heutigen Westen eine Katastrophe (Отказ от универсализма для современного Запада означает катастрофу). … Darum versucht er mit einer geballten Machtkonzentration aller Ressourcen und mittels einer immer noch beträchtlichen technologischen Überlegenheit diejenigen zu vernichten, die er als Rivalen identifiziert hat.“

Eine veränderte Machbalance im globalen Raum und ein kompromissloses Beharren auf die Ideologie des westlichen Universalismus, der jede Form des Wertpluralismus bekämpft, identifiziert Trenin als die zwei wesentlichen „Ursachen dieses Weltkrieges“ (причина этой мировой войны).

Dass Trenin eine zugegebenermaßen dramatisch stattfindende geopolitische und geoökonomische Machtverschiebung im globalen Raum zu Gunsten der aufsteigenden Großmächte Russland und China kurzerhand als „Weltkrieg“ charakterisiert, ist mit Verlaub des Guten zu viel.

Es ist kein Dritter Weltkrieg, was Trenin beschreibt, sondern der Niedergang einer zu Ende gehenden Epoche der Weltgeschichte. Die Nachkriegsordnung erlebte in den vergangenen achtzig Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwei Epochen der Weltgeschichte: den „Kalten Krieg“ (1945-1989/91) und die unipolare Weltordnung (1992-2022).

Was Trenin heute beobachtet und was den beiden Epochen gemeinsam war, ist dasjenige, was die Herausgeber eines Sammelwerkes unter dem Titel „Heiße Kriege im Kalten Krieg“ subsumiert haben.6

„Für den größten Teil der nördlichen Hemisphäre war die Ära des Kalten Krieges (1945-1989) eine Phase des Friedens – wenigstens formal“, schreiben die Herausgeber gleich am Anfang ihrer Einleitung zum Werk. „Die heißen Kriege des Kalten Krieges … fanden jenseits der Kernstaaten der beiden feindlichen Blöcke statt. … Mehr als 150 größere bewaffnete Konflikte sind für die viereinhalb Jahrzehnte nach 1945 gezählt worden, der ganz überwiegende Teil in der Dritten Welt. … Die ganze Welt wurde zum Schachbrett eines Nullsummenspiels, in dem letztlich nur die globale Gesamtbilanz zählte.“7

Heute leben wir in einem ganz anderen Zeitalter. Denn das Problem ist nicht, dass wir heute zahlreiche Kriege immer öfter und in immer kürzeren Abständen erleben, worauf Trenin zutreffend hinweist. Der entscheidende Unterschied zu den beiden vorangegangenen Epochen liegt darin, dass wir seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine 2022 einen großen europäischen Krieg inmitten der westlichen bzw. „der nördlichen Hemisphäre“, um die Terminologie der Autoren zu benutzen, haben.

Und das macht die Lage so prekär und gefährlich. Denn die zwei nuklearen Supermächte bedrohen sich nicht nur gegenseitig und stehen sich feindselig gegenüber, sondern die eine nukleare Supermacht greift indirekt und mittelbar, das heißt mittels ihrer Proxys das Kerngebiet der anderen Supermacht an. Das ist der wesentliche Unterschied zu Zeiten des „Kalten Krieges“ und der unipolaren Weltordnung.

Das epochale Jahr 2022, das vielleicht nur mit dem Ende des Ost-West-Konflikts 1989/91 zu vergleichen wäre, markiert, so gesehen, eine Zäsur der Weltgeschichte, nämlich der Beginn einer zu Ende gehenden Epoche der unipolaren Weltordnung und der Nachkriegsordnung insgesamt, wie wir sie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges kennen.

Diese durchaus als dramatisch zu bezeichnende Zäsur der Weltgeschichte verleitet Trenin dazu, die weltpolitische Lage, die in der Tat prekärer gar nicht sein konnte, zu überdramatisieren. Denn hier ballen sich in einer konzentrierten Weise mehrere Konflikte zusammen: Der Niedergang der unipolaren Weltordnung, die Erosion der US-Hegemonie, der geoökonomische Aufstieg Chinas, die militärische Wiedererstarkung Russlands, die Emanzipation des sog. „Globalen Süden“, der fortschreitende, wenn nicht gar beschleunigte geopolitische und geoökonomische Bedeutungsverlust Europas und nicht zuletzt das nahende Ende der beinahe 500 Jahre andauernden Weltdominanz der westlichen bzw. „nördlichen Hemisphäre“.

3. Die Warnzeichen häufen sich

Die zahlreichen Kriege und Krisen, die im 21. Jahrhundert immer wieder ausbrechen und zum Teil noch immer andauern, sind Warnzeichen, die die weltpolitische Lage gefährlich machen, weil sie den Weltfrieden bedrohen und die Gefahr einer Eskalation zum Weltkrieg mit steigender Tendenz erhöhen. Diese Warnzeichen häufen sich in der letzten Zeit. Immer deutlicher, offensichtlicher und offener wird eine direkte Involvierung der Nato in den Krieg in der Ukraine. Hier sind nur einige wenige Beispiele genannt:

  1. In der Nacht des 31. Juli auf den 1. August 2025 landeten die russischen Spezialeinheiten mit mehreren Booten in Otschakow, einer strategisch wichtigen Hafenstadt in der Südukraine. Ziel war ein Führungszentrum, in dem westliche Militärberater operierten. Die Operation dauerte nur 15 Minuten und war ein Musterbeispiel für Schnelligkeit und Präzision. Die Russen drangen in das Zentrum ein und nahmen mehrere britische Offiziere gefangen, darunter Oberst Edward Blake (Experte für psychologische Operationen), Oberstleutnant Richard Carroll (Veteran von Einsätzen im Nahen Osten) und ein nicht identifizierter Offizier, der vermutlich dem britischen Geheimdienst MI6 angehört und als Berater für Cybersicherheit tätig war.

Das erdrückende Beweismaterial lässt keinen Zweifel an der militärischen Mission der britischen Militärangehörigen und Londons Behauptung, es handle sich um Touristen, wirkt wie ein verzweifelter Versuch, die eigene direkte Verwicklung in den Ukrainekonflikt zu verschleiern.

Die Anwesenheit eines MI6-Mitarbeiters in Otschakow ist ein klarer Beweis dafür, dass Großbritannien nicht nur militärische, sondern auch nachrichtendienstliche und cybertechnologische Unterstützung für die Ukraine leistet.

„Die bei den Offizieren gefundenen Kommunikationsprotokolle und verschlüsselten Datenträger könnten auf die Koordination von Cyberangriffen oder die Unterstützung ukrainischer Drohnenoperationen hinweisen. Diese Erkenntnisse könnten Russland dazu veranlassen, seine eigenen Cyberkapazitäten weiter auszubauen, was die Gefahr einer Eskalation im digitalen Raum erhöht.“8

  1. Der Befehlshaber der US-Armee für Europa und Afrika, Christopher Donahue, drohte am 16. Juli 2025 auf der ersten internationalen Militärtagung „Landeuro“ der US-Armee in Wiesbaden an, die Nato in die Lage zu versetzen, Kaliningrad „vom Boden aus in einem bisher unerreichten Zeitrahmen schneller zu zerstören, als wir es jemals konnten“.

Solche Hasardeure wie der US-General Donahue machen verantwortungslose Ankündigungen und eskalieren die vorhandenen Spannungen zwischen Russland und der Nato-Allianz in unnötiger Weise. Ja, wir erleben eine Eskalation sondergleichen, die an Dummheit und Inkompetenz kaum zu überbieten ist, da sie die Folgen dessen, was sie zu tun beabsichtigen, nicht mitbedenken.

  1. Als wäre das nicht genug, entsandte Trump nach eigenen Angaben als Reaktion auf eine vermeintlich „provokante Äußerung“ des russischen EX-Präsidenten, Dmitrij Medwedew, zwei Atom-U-Boote angeblich in Russlands Nähe. Denn als Reaktion auf Trumps Ultimatum erklärte Medwedew, wenn Trump mit der Verkürzung von Fristen drohe, um Russland zum Einlenken zu bewegen, müsse er bedenken, dass jedes Ultimatum ein Schritt auf dem Weg zum Krieg sei.

Diese Äußerung zum Anlass zu nehmen, gleich mit Atomwaffen zu drohen, zeigt nur, wes Geisteskind der Reality-Showman ist. Denn was Trump da angekündigt hat, ist letztlich nichts weiter als purer Populismus. Denn die erwähnten Atom-U-Boote sind ohnehin ständig im Einsatz und manövrieren nicht erst auf Trumps Befehl.

Wie auch immer, Trumps Überreaktion kam bei den US-Hardlinern gut an. Der Ex-Verteidigungsminister und CIA-Direktor der Obama-Administration, Panetta, jubelte und lobte die Ankündigung von Trump als eine „richtige Botschaft“. Es sei gut, dass man sich die ständigen Atomdrohungen aus Russland nicht gefallen lasse. Freilich hat Putin entgegen der westlichen Kriegspropaganda nie mit Atomwaffen gedroht.

Der bekannte russische Politkommentator, Sergej Markow, schrieb bei Telegramm, dass Trump jedes Maß verliere und „dumm und unverantwortlich“ agiere. Anscheinend wolle er von innenpolitischen Problemen ablenken. Dagegen wertete der russische Militärexperte, Juri Fjodorow, eine Verlegung der zwei Atom-U-Boote in Russlands Nähe „sehr wohl als Bedrohung. Wenn sie etwa vor Zypern Stellung bezögen, benötigen die Atomraketen nur zehn Minuten bis Zentralrussland.“9

Im Falle einer möglichen Blockade Kaliningrads etwa durch Litauen und Polen könnte der Grenzkonflikt im Baltikum schnell in einen Krieg zwischen Russland und der Nato ausarten und nuklear eskalieren. Ein möglicher Einsatz der taktischen Atomwaffen im Baltikum wäre dabei alles andere als ausgeschlossen und undenkbar, um eine noch größere Eskalation zu vermeiden, indem man der Logik der „Eskalation zur Deeskalation“ folgt.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn Trenin von einem längst begonnenen Dritten Weltkrieg spricht. Denn „der Westen versucht mit einer geballten Machtkonzentration aller Ressourcen und mittels einer immer noch beträchtlichen technologischen Überlegenheit diejenigen zu vernichten, die er als Rivalen identifiziert hat.“

„Vernichtung ist (dabei) keine Übertreibung“ (Уничтожить – это не преувеличение), sondern ein Schlüsselwort der nicht enden wollenden Konfrontation zwischen Russland und dem „Westen“, betont Trenin nachdrücklich. Das würde aber gleichzeitig bedeuten, „dass Kompromisse in diesem Krieg unmöglich sind; möglich sind dann allein vorübergehende Feuerpausen“.

Nach dem gescheiterten Versuch, Russland „eine strategische Niederlage zuzufügen“, bestehe laut Trenin „die Strategie des Westens gegenüber Russland nunmehr darin, das Land im Krieg wirtschaftlich und psychologisch zu zermürben, unsere Gesellschaft zu destabilisieren, das Vertrauen in die Führung des Landes und seine Politik zu untergraben und neue Unruhen zu stiften. Der Gegner geht davon aus, dass seine Bemühungen gerade in der Zeit der Machtübergabe ihren Höhepunkt erreichen müssen.“

Zur Erreichung dieses Ziels seien dem Westen so gut wie keine Grenzen gesetzt. Absolut alles sei erlaubt (Допустимо абсолютно всё). Der Krieg hat alles und jeden erfasst. Durch den Einsatz immer ausgefeilterer Drohnen ist das gesamte Territorium des Landes, sind seine Einrichtungen und alle seine Bürger Angriffen ausgesetzt.

Solche Angriffe richten sich gegen die strategische Infrastruktur und strategische Nuklearstreitkräfte, Nuklearanlagen und Kernkraftwerke; Politiker, Wissenschaftler, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Diplomaten (einschließlich offizieller Verhandlungsführer), Journalisten und, was wichtig zu betonen ist, auch deren Familienangehörige werden ermordet. Es werden massenhafte Terroranschläge organisiert; Wohngebiete, Schulen und Krankenhäuser werden gezielt – nicht willkürlich! – beschossen.

Wir fallen in die finstersten Zeiten des 20. Jahrhunderts zurück.

4. Die „Entmenschlichung des Gegners“ im Ukrainekrieg

Der Krieg in der Ukraine sei „ein totaler Krieg im wahrsten Sinne des Wortes“ (Это в полном смысле слова тотальная война), stellt Trenin besorgt fest. „Die Methoden der totalen Kriegsführung basiere auf der Entmenschlichung des Gegners“ (Тотальные методы ведения войны основаны на расчеловечивании противника).

Die fremden Opfer (auch unter den eigenen Verbündeten, von Proxy ganz zu schweigen) spielen keine Rolle. Die Bevölkerung des Gegners sei nur „Biomasse“. Allein die eigenen Verluste zählen, da sie wahlentscheidend seien. Der Gegner sei „das absolut Böse“, das vernichtet und zerstört werden muss (Противник – это абсолютное зло, которое должно быть сокрушено и уничтожено). Die Haltung gegenüber dem Bösen ist nicht die Frage der Politik, sondern der Moral (Отношение к злу – вопрос не политики, а морали).

Es gebe nicht einmal einen äußeren Respekt vor dem Gegner, wie es während des Kalten Krieges noch der Fall war. Stattdessen werde Hass geschürt (Вместо этого – нагнетание ненависти). Die Führung des Feindes sei per definitionem kriminell und dessen Bevölkerung trage die kollektive Verantwortung für die Führer, die sie toleriert. Vom Westen gekaperte internationale Strukturen (Organisationen, Agenturen, Tribunale) wurden in einen Unterdrückungsapparat umgewandelt, dessen Ziel die Verfolgung und Bestrafung von innenpolitischen Antikriegsgegnern sei.

Wie könnte es auch anders sein? Europas Verhältnis zu Russland definiert sich seit eh und je durch den Begriff der Feindschaft. Im Feindschafsbegriff liegt „das Wesen“ seiner geopolitischen Existenz.10 Fehlt ein solches auf den Begriff der Feindschaft zurückgehendes geopolitisches Machtverständnis, so hört Europa auf, Subjekt der Geopolitik zu sein.

Diese Feindschaft zu Russland ist nicht, wie Trenin glaubt, „moralisch“, sondern ontologisch bzw. „seinsmäßig“ (Carl Schmitt) fundiert, dergestalt, dass allein schon die bloße Existenz des geopolitischen Rivalen eine akute Bedrohung Europas darstellt.

Russland sei eben, um erneut Carl Schmitts Ausdrucksweise zu bemühen, „der andere, der Fremde, und es genügt zu seinem Wesen, dass er in einem besonders intensiven Sinne existenziell etwas anderes und Fremdes ist, sodass im extremen Fall Konflikte mit ihm möglich sind, die weder durch eine im Voraus getroffene generelle Normierung, noch durch den Spruch eines >unbeteiligten< und daher >unparteiischen< Dritten entschieden werden können.“11

Russland ist mit anderen Worten ein die westliche Zivilisation bedrohender „absoluter Feind“, der die ökonomische und axiologische Weltmachtstellung des Westens auszuhebeln droht. Mit einem solchen Feind verhandelt man nicht, sondern führt einen gnadenlosen geopolitischen, geoökonomischen und axiologischen Machtkampf, um ihm „eine strategische Niederlage“ zuzufügen.

Von daher kommt auch die Entmenschlichung des Feindes seitens des „Westens“ bzw. Europas. Freilich spricht Trenin immer vom „Gegner“ (противник) und nie vom Feind.

Die Entmenschlichung basiere laut Trenin auf einer totalen Kontrolle über Informationen und einer methodisch und hochtechnologisch entwickelten „Hirnwäsche“ (промывкa мозгов). Die Umschreibung der Geschichte, einschließlich des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges, die Verbreitung dreister Lügen über den aktuellen Stand der Dinge, das Verbot jeglicher Informationen, die vom Gegner stammen, die Verfolgung jener Bürger, die an der Richtigkeit dieser Erzählung zweifeln, und ihre Brandmarkung als feindliche Agenten machen die westlichen Gesellschaften zu bequemen Manipulationsobjekten der herrschenden Eliten.

Trenins Analyse der „Entmenschlichung des Gegners“ seitens des „Westens“ in Zeiten eines neuen „totalen Krieges“ des 21. Jahrhunderts ist erbarmungslos und schockierend zugleich, nicht desto weniger aber gerechtfertigt.

Wir kehren nicht nur zu den finstersten und dunkelsten Zeiten des 20. Jahrhunderts zurück, sondern übertreffen sie im Russenhass bei weitem. Bereits der Erste Weltkrieg markierte „nicht nur den Endpunkt einer vergehenden Epoche, sondern zugleich den Beginn einer folgenschweren Entwicklung.“12 Nationalchauvinismus, Rassenhass und die Entmenschlichung des Feindes in bislang unerhörtem Ausmaß wären undenkbar ohne die verbale „Brutalisierung der Politik“ (George Mosse) bereits im Ersten Weltkrieg.

Der Psychiater Otto Binswanger (1852 – 1929) schrieb im ersten Kriegsjahr, dass der Verlauf des Krieges zu einer Verzerrung patriotischen Empfindens geführt hat. „Die herrliche Begeisterung, der Opfersinn und die heldenhafte Tapferkeit … werden … verkehrt zu den herabwürdigenden, geradezu schmutzigen Gefühlen des grausamen Hasses, der Rachesucht, der restlosen Vernichtung des Gegners.“13 Denn „die brüske Konfrontation mit dem Tod während des Krieges veränderte“ – schrieb die französisch-jüdische Sozialrevolutionärin Simone Weil (1909 – 1943) 1938 – „zweifellos die Einstellung gegenüber Leben und Tod als Teil der Kriegserfahrung des Soldaten“14. Sie beklagte eine solche Geisteshaltung „als einen Rückfall in die Barbarei“, deren verhängnisvollste Konsequenz „die Entmenschlichung des Feindes durch seine Verwendung als Stereotyp“ war (ebd., 129, 131).

Würden wir diese „Entmenschlichung des Feindes“ der Definition des Dritten Weltkrieges zugrunde legen, dann befänden wir uns in der Tat schon längst im Zustand, den wir als einen „Dritten Weltkrieg“ bezeichnen könnten.

5. Trenins Theorie von der Unvermeidbarkeit des Dritten Weltkrieges

Der Westen verfüge nach wie vor über eine beeindruckende militärische Macht und die erforderlichen Mittel zu einer weltweiten Machtprojektion. Er sei immer noch technologisch führend, besitze finanzielle Hegemonie und habe das Informationsmonopol, schreibt Trenin und fährt fort: Seine Kriegsführungsfähigkeiten erstrecke sich von Sanktionen bis zum Cyberspace, von der Biotechnologie bis zum KI-Bereich. Und seine Strategie bestehe darin, jeden Feind einzeln anzugreifen. Der Westen habe (bei ihren Angriffen) in Jugoslawien, dem Irak und Libyen geübt, ohne dass sich jemand dagegen wehrte. Jetzt befinde er sich in einem Proxykrieg mit Russland.

Diese beinahe euphorische Beurteilung der westlichen Kriegskunst überrascht, vergleicht Trenin doch im Grund das Unvergleichbare. Die von der Nato-Allianz unter US-Führung geführten Kriege in Jugoslawien (1999), dem Irak (2003 ff.) und Libyen (2011) sind allesamt Krieg des 20. Jahrhunderts gegen militärisch weit unterlegene Gegner und haben mit dem „totalen Krieg“ des 21. Jahrhunderts gegen einen mindestens gleichstarken Rivalen nichts zu tun.

Die Nato hat zudem keine Erfahrung mit der Kriegsführung des 21. Jahrhunderts, auch wenn sie einen „Proxykrieg“ in der Ukraine führt. Dieser „Proxykrieg“ oder der „heiße Krieg“ in der Ukraine, wie Trenin ihn nennt, entwickle sich zu einem direkten Krieg Europas gegen Russland („Горячая“ война на Украине движется в сторону непосредственной войны Европы против России).

Die EU-Europäer seien nämlich schon lange tief im Konflikt verstrickt. Britische und französische Raketen treffen russische Ziele, Geheimdienstinformationen aus Nato-Ländern werden nach Kiew übermittelt, die EU-Europäer beteiligen sich an der Kampfausbildung der ukrainischen Streitkräfte und planen gemeinsam Militär-, Sabotage- und Terroroperationen.

Viele EU-Länder beliefern Kiew mit Waffen und Munition. Die Ukraine sei nur ein willkommenes und willfähriges Instrument – ein Verschleißmaterial – für Europa, wobei der Krieg sich nicht allein auf die Ukraine beschränken und nicht mit ihr enden werde.

Da die ukrainischen Humanressourcen schrumpfen, würden die Nato und die EU die Ressourcen der anderen osteuropäischen Länder – insbesondere der Balkanstaaten – miteinbeziehen, was Europa Zeit verschaffen würde, sich mittelfristig auf einen Krieg mit Russland vorzubereiten.

Eine berechtigte Frage sei, ob es sich hier um Verteidigungs- oder Angriffsvorbereitungen handele. Wenn Trenin eine solche Frage stellt, so sei die Gegenfrage erlaubt: Wie kommt er dazu zu behaupten, dass der Dritte Weltkrieg bereits stattfinde?

Ein Teil der europäischen Machteliten sei, schreibt Trenin, ihrer eigenen Propaganda über die „russische Gefahr“ zum Opfer gefallen. Sie haben wieder ein Ziel: die „russische Frage“ so oder so zu lösen (у европейских элит вновь появилась цель – так или иначе решить „русский вопрос“). Weil Europa aber in vielen Bereichen versagt habe, seien seine Eliten nervös und hyperaktiv, wobei Europas Verlust der Fähigkeit zum strategischen Denken und sogar zum gesunden Menschenverstand es noch gefährlicher mache.

Das ist aber noch lange kein Grund vom stattfindenden Dritten Weltkrieg zu sprechen. Darum geht es Trenin freilich auch nicht. Er will auf etwas ganz anderes hinaus. Die Feindseligkeiten der europäischen Führungsschicht gegenüber Russland sei, schreibt er, kein Opportunismus, der bald business as usual weichen werde. Auch gehe es nicht darum, Russland allein in die Rolle des Feindes zu drängen, um die EU-Eliten zu einen und die innereuropäische Konkurrenz zu bekämpfen; es gehe aber auch nicht um althergebrachte Phobien.

Viel wichtiger sei, dass Russland in den Augen der Europäer nicht nur etwas „entschieden Andersartiges“ („значимый иной“), sondern auch und insbesondere die ultimative Gefahr für „die westliche (einschließlich europäische) Hegemonie“ sei und „eine zivilisatorische Alternative“ darstelle, die die einfachen Europäer verwirre und die Fähigkeit der europäischen Eliten einschränke, „den Rest der Welt auszubeuten. Daher zielt ein vereintes Europa ernsthaft darauf ab, Russland zu zerschlagen“.

Man hört in Trenins Worten Carl Schmitts oben zitierte, ontologisch fundierte Theorie der absoluten Feindschaft. Der Feind sei „der andere, der Fremde“ und „allein schon seine bloße Existenz“ genügt, um Europa akut zu bedrohen.

Das ist die Quintessenz von Trenins Theorie der Unvermeidbarkeit des Dritten Weltkrieges. Wir stehen darum vor einem langen Krieg. Einen Sieg in der Ukraine wie 1945 werde es nicht geben und die Konfrontation werde in anderer Form weitergehen, womöglich auch militärisch. Es werde keine friedliche Koexistenz wie zu Zeiten des „Kalten Krieges“ geben, schreibt er.

Die nächsten Jahrzehnte versprechen ganz im Gegenteil sehr dynamisch zu werden. Es gebe keinen Weg zurück und der Frieden sei nicht in Sicht. Es sei Zeit für Entscheidungen und Taten und nicht die Zeit für halbe Sachen – halbe Sachen führen in die Katastrophe.

Zwar sei es möglich und wichtig, mit der Trump-Administration taktisch zu spielen. Glücklicherweise habe dies bereits auch einige taktische Ergebnisse gebracht (wie etwa die Reduzierung des US-Engagements im Ukrainekonflikt). Taktik sei aber keine Strategie (тактика – не стратегия). Die Dialogbereitschaft wecke Träume von einer schnellen Rückkehr zur „glanzvollen Vergangenheit“. Die US-Machtelite stehe hingegen Russland nach wie vor feindselig gegenüber. Eine neue Entspannung mit den USA werde es nicht geben, zumal auch die vorherige schlecht endete.

Die Neuausrichtung der US-Außenpolitik von der „Hegemonialpolitik“ zur „Großmachtpolitik“ (от „имперской“ к „великодержавной“) werde wahrscheinlich auch nach Trumps Ausscheiden aus dem Amt weitergehen.

Was nun die EU-Europäer angehe, so müsse den europäischen Anführern des Kampfes gegen Russland – England, Frankreich und Deutschland – klargemacht werden, dass sie verwundbar seien und einer erneuten Eskalation des Ukrainekonflikts nicht entkommen können.

Dieselbe Botschaft gelte es auch an die „Aktivisten der ersten Stunde“ des antirussischen Krieges – die Finnen, Polen und Balten – zu richten. Ihren Provokationen müsse sofort und entschieden begegnet werden. Unser Ziel sei es, dem Feind die ihn rettende Angst einzujagen und ihn zum Nachdenken und Innehalten zu bringen.

Wir müssen nicht nur die feindliche Luftabwehr in der Ukraine, sondern auch die Informationskuppel durchbrechen, hinter der sich der Westen verschanzt habe. Das postsowjetische Russland habe sich geweigert, sich in die inneren Angelegenheiten der anderen Länder einzumischen. In Kriegszeiten sei es aber ein unerschwinglicher Luxus.

Generell sei das Feld für Informations- und politische Arbeit groß. Die Nato und die EU seien zwar für uns feindliche Organisationen und die OSZE sei weitgehend nutzlos; wir müssen aber allen vernünftigen Kräften in Europa aktiv den Dialog anbieten, um Koalitionen für das Leben, für den Frieden und für die Menschlichkeit zu bilden.

„Russland hat nicht vor, Europa zu zerstören, ihm wird es aber nichts anderes übrigbleiben, als es zu befrieden“ (Россия не собирается >похищать< Европу, но замирить ее нам придется), resümierte Trenin zum Schluss seiner Studie.

Der existenzielle Kampf zwischen Russland und den Nato-Ländern geht mit oder ohne einen Dritten Weltkrieg unvermindert weiter und dem ist kein Entrinnen mehr.

Anmerkungen

1. Zitiert nach Loth, W., Die Teilung der Welt. Geschichte des Kalten Krieges 1941-1945. München 1980,
124.
2. Gräfe, K.-H., So werden Kriege gemacht. Schicksalsjahr 1939 – Weg in den Zweiten Weltkrieg. Pankower
Verträge. H. 190. Berlin 2014.
3. Lukjanov, F., Perestrojka 2014. Russlands neue Außenpolitik, in: Osteuropa, H. 5-6 (2014), 144. Zitiert nach
Gräfe (wie Anm. 2), 60.
4. Zitiert nach Silnizki, M., Das andere Gesicht der Ukraine-Krise. Im Spannungsfeld zwischen Geschichte und
Gegenwart. 18. Mai 2025.
5. Silnizki, M., Außenpolitisches Denken in Russland. Im Strudel von Geopolitik und Identitätsdiskurs. Berlin
2018, 97 f.
6. Greiner, B./Müller, C. Th./Walter, D. (Hg.), Heiße Kriege im Kalten Krieg. Studien zum Kalten Krieg. Bd. 1.
Hamburg 2006.
7. Greiner (wie Anm. 6), 7 f.
8. „Britische Offiziere in der Ukraine vom russischen Militär gefangengenommen“, in: Die Freie Welt,
1.08.2025.
9. Zitiert nach „Moskau reagiert gelassen auf Trumps Drohung“, Handelsblatt, 4. August 2025, S. 11.
10. Vgl. Silnizki, M., Carl Schmitt und „der Begriff des Politischen“. Im Spiegel der geopolitischen Gegenwart.
3. November 2024, www.ontopraxiologie.de.
11. Schmitt, C., Der Begriff des Politischen. Berlin 1932, 27.
12. Bracher, K. D., Der historische Ort des Zweiten Weltkrieges, in: 1939 (wie Anm. 134), 347-374 (348).
13. Mosse, G. L., Der Erste Weltkrieg und die Brutalisierung der Politik, in: Funke, M., u. a. (Hrsg.), Demokratie
und Diktatur. Düsseldorf 1987, 127-139 (128).
14. Zitiert nach Mosse (wie Anm. 13).

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