Verlag OntoPrax Berlin

Der geoökonomische Unilateralismus

Kori Schakes Kritik der Trumpschen Außenpolitik

Übersicht

1. Ein frontaler Angriff auf Trumps Außenpolitik
2. Kooperative statt konfrontativer US-Hegemonialpolitik?
3. Trump und die Zukunft der US-Hegemonie

Anmerkungen

„America Is Cursed by a Foreign Policy of Nostalgia“
(Amerika ist verflucht durch eine Außenpolitik der Nostalgie)
(Nancy Okail und Matthew Duss, 3. Dezember 2024)1

1. Ein frontaler Angriff auf Trumps Außenpolitik

Was für ein Rundumschlag! Die Direktorin für Außen- und Verteidigungspolitik am American Enterprise Institute, Kori Schake (geb. 1962), ging am 24. Juni mit ihrer langen, in Foreign Affairs veröffentlichten Schrift unter dem Titel „Dispensable Nation. America in a Post-American World“ (Eine entbehrliche Nation. Amerika in einer postamerikanischen Welt) mit der Trump-Administration hart ins Gericht.

Empört, entsetzt und mit voller Wut der verbalen Gewalt griff sie Trumps Außenpolitik frontal an. Bis zum Schluss ihrer Veröffentlichung hörte sie nicht auf zu schimpfen und zu fluchen und kam die ganze Zeit nicht zur Ruhe. So viel Wut im Bauch muss man erst haben.

„Trump und sein Team zerstören alles, was die Vereinigten Staaten zu einem attraktiven Partner macht“ (Trump and his team are destroying everything that makes the United States an attractive partner), schimpft sie am Ende ihrer Schrift und hat damit immer noch nicht genug: „Die Selbstzerstörung der amerikanischen Macht in den Trump-Jahren dürfte künftige Historiker verwirren“ (The self-destruction of American power in the Trump years is likely to puzzle future historians).

Schlimmer noch: „In den kommenden Jahren werden die Bündnisse, die man in Jahrzehnten aufgebaut hat, verloren gehen, und die US-Rivalen werden keine Zeit verschwenden, um das entstandene Vakuum zu füllen“ (In the years to come, the alliances it took decades to foster will begin to wither, and U.S. rivals will waste no time in leaping to exploit the resulting vacuum), prophezeit die Autorin entrüstet und erbost.

Diese Empörung ist Empörung einer Repräsentantin jenes US-außenpolitischen Establishments, das bis zu Trumps zweiter Amtszeit die Richtlinien der US-Außenpolitik entscheidend prägte, aber ihre besten Zeiten nach dem Ende des „Kalten Krieges“ längst hinter sich hat und immer noch nicht begreifen will und/oder kann, dass die Malaise, in die die US-Hegemonialpolitik geraten ist, sie sich selbst ankreiden muss.

Nostalgisch erinnert sich Schake an Trumps Amtsvorgänger, deren Außenpolitik sie zwar kritisiert, zugleich aber verharmlosend und beschwichtigend überhöht:

In der Zeit nach dem „Kalten Krieg“ erreichten die USA eine „beispiellose Dominanz“ (unprecedented dominance), und es war relativ einfach und kostengünstig, sie aufrechtzuerhalten. Alle Amtsvorgänger Trumps machten in dieser Zeit Fehler, von denen einige den Einfluss der USA erheblich depravierten, den Gegnern des Landes halfen und Washingtons Fähigkeit lädierten, die anderen Länder zur Kooperation zu bewegen. Keiner seiner Vorgänger hatte aber das absichtlich gemacht, wohingegen Trump sich eine Welt wünscht, in der die USA zwar immer noch reich und mächtig sind, aber „die Weltordnung nicht mehr aktiv zu ihren Gunsten gestalten“ (no longer actively shapes the global order to its advantage). Er würde lieber ein Land führen, das mehr gefürchtet als geliebt wird. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass seine Herangehensweise nur eine dieser beiden Empfindungen hervorrufen wird. Wenn die USA auf diesem Weg verbleiben, den Trump eingeschlagen hat, laufen sie Gefahr, entweder zu brutal zu werden, um geliebt zu werden, oder zu irrelevant zu werden, um befürchtet zu werden.

Die USA würden weder geliebt noch gefürchtet werden, sollte Trump weiter so machen, prophezeit die Kritikerin seiner Außenpolitik. Als Repräsentantin der etablierten, sich seit dem Ende des „Kalten Krieges“ ausgebildeten Machtstrukturen versteht Schake offenbar bei aller nachvollziehbaren Empörung nicht, dass Trump nicht die Ursache der im Niedergang begriffenen US-Hegemonie, sondern deren Abwickler – ihr „Insolvenzverwalter“ – ist, der verzweifelt und vergeblich zugleich nach Wegen sucht, um die Insolvenz der US-Hegemonie abzuwenden und zu retten, was noch zu retten ist.

2. Kooperative statt konfrontativer US-Hegemonialpolitik?

Die Amtsjahre der Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush (1993 – 2009) waren „eine einzigartige Phase amerikanischer Hegemonialpolitik . . . Seit dem Römischen Reich hat kein Staat mehr solche umfassende und weitreichende Macht besessen. Washington wurde als das >neue Rom< und die USA als >Hypermacht< bezeichnet“.2

Und heute? Heute wolle Trump all das zerstören, empört sich Schake, was seine Amtsvorgänger aufgebaut haben. Zu sehr identifiziert sie sich mit der einmaligen und „einzigartigen Phase amerikanischer Hegemonialpolitik“, die allein dem Zusammenbruch des ideologischen und geopolitischen Systemkonkurrenten zu verdanken ist.

Dass diese Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit des „unipolaren Momentums“ nicht ewig andauern und fortgeschrieben werden kann, will Schake nicht wahrhaben. Dass sie es einem glücklichen Umstand verdankt, in dieser Zeit Karriere gemacht zu haben, hat sie doch mehrere hochrangige Positionen im US-Verteidigungs- und Außenministerium sowie im Nationalen Sicherheitsrat bekleidet, will sie nicht akzeptieren und stilisiert die Einmaligkeit einer historischen Entwicklung zum Normalzustand der US-amerikanischen Geschichte.

Das Ende dieser „glorreichen“ Zeiten war aber früher oder später absehbar und unvermeidbar, zumal sie selber ja zugibt, dass Trumps Vorgänger an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig waren und dass es nicht allein an Trumps Außen- und Sicherheitspolitik liegt.

Sie entwertet freilich ihr Eingeständnis in dem Augenblick, in dem sie zugleich die vorangegangene Entwicklung beschönigt.

Trumps Amtsvorgänger von Clinton, Bush, Obama bis zu Biden haben die USA mit ihrer Interventions- und Invasionspolitik, die schätzungsweise 8 bis 9 Billionen Dollar gekostet hat, massiv verschuldet, mit einer aggressiven Anti-China-Politik der ersten Trump-Administration (2017-2021) China in die Hände Russlands getrieben und seit dem Ende des „Kalten Krieges“ mit einer folgenschweren Deindustrialisierung des Landes (Stichwörter: eine Dienstleistungsgesellschaft + die Outsourcing-Politik) u. a. auch die US-Rüstungsindustrie strukturell vernachlässigt und geschwächt und das Nuklearpotential im Gegensatz zu Russland, das es zu 92 % modernisiert hat, alt werden lassen, ohne es zu modernisieren.

Als hätte diese Entwicklung nicht stattgefunden, schreibt Schake vorwurfsvoll: Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges beruhe die US-Vormachtstellung im Wesentlichen auf Kooperation und nicht auf Konfrontation. Und dieser kooperative Ansatz, der Vorteile für die USA mit sich brachte, ignoriere Trump auf schäbigster Weise.

Schlimmer noch: Er halte die Erfolgsgeschichte der Nachkriegszeit für so selbstverständlich, dass er sich keine andere Zukunft vorstellen könne, in der die anderen Länder aus der von den USA geführten Weltordnung aussteigen oder eine neue aufbauen würden, die den US-Interessen zuwiderlaufe. Genau diese Entwicklung beschleunige die Trump-Administration aber mit ihrer konfrontativen Außenpolitik.

Dies vorausgeschickt, stellt Schake die Hauptthese ihrer Schrift auf, die sie in einer Frage formuliert: „Was wäre, wenn der Rest der Welt Washington zuvorkommt und sich aus der kooperativen, von den USA geführten Ordnung zurückzieht, die das Fundament amerikanischer Macht ausmacht?“ (what if the rest of the world beats Washington to the punch, withdrawing from the cooperative U.S.-led order that has been the bedrock of American power?).

Die aufgestellte These irritiert und bedarf einer näheren Untersuchung. Denn sie setzt voraus, dass die Systemkonfrontation des „Kalten Krieges“ und die nach dem Zerfall der Sowjetunion entstandene unipolare Weltordnung auf Kooperation angelegt waren. Das ist aber freilich eine sonderbare Vorstellung von der Nachkriegszeit. Selbst wenn die Autoren unter einer kooperativ geführten Ordnung ein innerwestliches Verhältnis der Nato-Bündnispartner untereinander verstanden wissen will, so ist auch diese Vorstellung nur bedingt zustimmungsfähig.

In Zeiten des „Kalten Krieges“ waren die Beziehungen innerhalb der Nato-Allianz oft nicht weniger spannungsgeladen als heute. Es gab nur einen „kleinen“ Unterschied, den man heute erneut ohne Sinn und Verstand zu reaktivieren versucht: „die Gefahr aus dem Osten“.

Der „Kalte Krieg“ zwang die USA dazu, die eigene Handelspolitik dem Welthandelssystem unterzuordnen und in ein westliches, geo- und sicherheitspolitisches Gesamtkonzept zur Eindämmung des Sowjetkommunismus einzubinden.

Das von den USA aufgebaute und vom Westen dominierte Welthandelssystem diente im ideologischen und technologischen Systemwettbewerb zur wirtschaftlichen Stärkung der Nato-Allianz, was „durchaus die Hinnahme illiberaler und diskriminatorischer Handelspraktiken der Allianzpartner und die einseitige Öffnung des riesigen eigenen Marktes einbezog.“3

Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts entfiel nicht nur die jahrzehntelang andauernde ideologische Systemkonfrontation, sondern auch die Rücksichtnahme auf die „unfairen“ Handelspraktiken der europäischen „Vasallenstaaten“ (Zbigniew Brzezinski) seitens des US-Hegemonen, die Schake als „kooperative“ Zusammenarbeit verstanden wissen will.

Bereits kurz nach dem Ende der Systemkonfrontation machte Andreas Falke 1994 eine ebenso bemerkenswerte wie zutreffende Voraussage: „Das Ende des Kalten Krieges wird den Paradigmenwechsel beschleunigen und die Pluralisierung handelspolitischer Ansätze neben der etablierten Ideologie des Handelsliberalismus fördern.“4

Schreckten die USA in den 1960er-Jahren trotz Desillusionierung durch die europäische Agrarpolitik vor der stärkeren Berücksichtigung der eigenen Handelsinteressen aus ideologischen Erwägungen von allen Versuchungen zurück, „das protektionistische europäische Agrarregime zu brechen“5, und war der Vorrang der geo- und sicherheitspolitischen Ziele vor jedem handelspolitischen Interesse faktisch bis zum Ende des „Kalten Krieges“ ungebrochen, so änderte sich diese handelspolitische Rücksichtnahme beinahe schlagartig Anfang der 1990er-Jahre.

Mit dem Ende der Unterordnung der US-amerikanischen Handelsinteressen unter die Geo- und Sicherheitspolitik setzt sich zunehmend und erst recht mit Trump heute die eigene, interessengeleitete Außenwirtschafts- und Handelspolitik durch. „Das Ende des Kalten Krieges hat die Notwendigkeit beseitigt, die handelspolitischen Interessen der USA zu kompromittieren, um die Allianzpartner in der Abwehr gegen die Sowjetunion zu stärken. Die Klammer der Sicherheitspolitik fällt heute weg. Sie ist weder ein Hebel noch ein Faktor, der zur Rücksichtnahme gegenüber den Verbündeten zwingt,“ schrieb Andreas Falke 1994.6

Seitdem hat sich trotz der tobenden antirussischen Kriegspropaganda im Wesentlichen nichts geändert. Die aus durchsichtigen geopolitischen Erwägungen allerseits beschworene „russische Gefahr“ steht in keinem Verhältnis zur sowjetischen Bedrohung im „Kalten Krieg“ in Zeiten des geteilten Europas.

„Die Klammer der Sicherheitspolitik“ fällt heute definitiv weg und dieser Prozess ist unumkehrbar. Er setzt sich heute unvermindert fort und hat mit Trump in seiner zweiten Amtszeit zum offenen Konflikt geführt, der das Potenzial hat, die Nato-Allianz von innen zu zerreißen. Die Nostalgiker wie Schake können diese Entwicklung beklagen so viel sie wollen. Sie können daran nur nichts ändern. Sie erinnern vielmehr an die Sowjetnostalgiker, die sich bis heute mit dem Untergang der Sowjetunion nicht abfinden können und wollen.

3. Trump und die Zukunft der US-Hegemonie

Unabhängig davon, ob Biden oder Trump an der Macht ist, befindet sich die US-Außenpolitik heute in einer Sackgasse, solange die außenpolitischen Dogmen und Mythen nicht überwunden und/oder beseitigt werden. Diese These stellten Nancy Okail und Matthew Duss in ihrem bereits oben zitierten Beitrag „America Is Cursed by a Foreign Policy of Nostalgia“ (Amerika ist verflucht durch eine Außenpolitik der Nostalgie) für Foreign Affairs am 3. Dezember 2024 auf.

Von einer „Außenpolitik der Nostalgie“ ist auch die Autorin ergriffen. Nostalgisch erinnert Schake an die Zeiten, „in denen die internationalistischen, offeneren und kooperativen Vereinigten Staaten die Weltordnung prägten“. Und diese „Weltordnung“ (world order) zerstört Trump ihrer Meinung nach gerade vor unseren Augen im Glauben, dass die anderen Länder lernen müssen, „mit den mehr nationalistischen, verschlossenen und herausfordernden Vereinigten Staaten zu leben“ (with a more nationalist, closed, and demanding United States).

„Diese Sichtweise“, schimpft sie, ergebe sich aus einem „Versagen der Vorstellungskraft“ (failure of imagination), die eine „Staatskunst“ (statecraft) voraussetze, die in der Lage sei, die Reaktionen und Intentionen der FormularbeginnFormularendeanderen Akteure der Weltpolitik vorwegzunehmen.

Die fehlende „Staatskunst“ führt Schake auf Trumps „zwei Fehlannahmen“ (a pair of faulty assumptions) zurück: Der Rest der Welt habe „keine Alternative zur Kapitulation vor den US-Forderungen“ und die USA können „selbst ohne die Verbündeten ihre Vormachtstellung aufrechterhalten“.

Die Autorin erklärt anschließend die postulierten „fehlerhaften Annahmen“ mit Trumps „Solipsismus“, der „sich als Strategie maskiert“ (This is solipsism masquerading as strategy). Sie führen letztendlich zur Schwächung der amerikanischen Hegemonie, schlussfolgert Schake daraus.

Die Demaskierung der US-Außenpolitik unter Trump als solipsistisch ist zwar nicht ganz von der Hand zu weisen. Als eine überzeugte Anhängerin der „Außenpolitik der Nostalgie“ ignoriert Schake freilich die Kehrseite der US-Außenpolitik der vergangenen dreißig Jahre seit dem Ende des „Kalten Krieges“, die zur Depravierung der US-Weltmachtstellung im globalen Raum geführt hat.

Vor diesem Hintergrund ist Trumps Außenpolitik nicht so sehr ein „Solipsismus“, als vielmehr ein Versuch die alte Größe Amerikas mit anderen Machtinstrumenten, als die bisher praktizierten, wiederherzustellen. Der Dissens zwischen den beiden widerstreitenden Parteien besteht lediglich in der Wahl der Mittel, die zu ein und demselben Ziel – der Aufrechterhaltung der US-Hegemonie – führen sollen.

Das von den beiden Kontrahenten verkannte Problem ist aber, dass gerade das angestrebte Ziel als solches anachronistisch und darum unrealistisch (geworden) ist, weil die US-Hegemonialpolitik keine Zukunft mehr hat. Diese Auffassung wurde bereits lange vor Trumps zweiter Amtszeit vertreten, sodass die von Schake scharf attackierte US-Außenpolitik der Trump-Administration nur das eigene Versagen des US-außenpolitischen Establishments verschleiert.

Walter Russel Mead (Prof. f. Foreign Affairs u. US-Außenpolitik) beklagte, um nur ein Beispiel zu nennen, in seinen schon am 17. April 2023 veröffentlichten WSJ-Beitrag „Scolding Isn’t a Foreign Policy“ (Schimpfen ist keine Außenpolitik) mit Verbitterung „die ungeordnete Auflösung der von Amerika geführten Weltordnung“ (the disorderly unraveling of the American-led world order), die manche Spinner und Möchtegern-Experten als „einen visionären Triumph einer aufgeklärten Außenpolitik“ (a visionary triumph of enlightened foreign policy) stilisieren, und zitierte in diesem Zusammenhang zustimmend den ehem. US-Finanzminister Larry Summers (1999-2001).

Summers diagnostizierte „Amerikas zunehmende Einsamkeit auf der Weltbühne“ (America’s increasing loneliness on the world scene) und zitierte seinerseits einen Vertreter eines Entwicklungslandes mit den Worten: „Was wir von China bekommen, ist ein Flughafen. Was wir aus den Vereinigten Staaten bekommen, ist eine Belehrung“ (What we get from China is an airport. What we get from the United States is a lecture).7

Der Ukrainekonflikt hat nun auch das Versagen der US-Außenpolitik nach dem Ende des „Kalten Krieges“ offengelegt und den Niedergang der US-Hegemonie nur beschleunigt, weil dieser Konflikt deutlich machte, dass sich die Weltmehrheit – der sog. „Globale Süden“ – von den USA und dem Westen allmählich und unaufhaltsam emanzipiert. Das ist allerdings nur eine Seite der Medaille.

Die andere Seite der Medaille ist, dass bereits die Biden-Administration den EU-Europäern geo- und nationalökonomisch viel mehr zugemutet hat, als Trump in seiner ersten Amtszeit nur träumen konnte. Denn der Ukrainekrieg hat viele europäische Volkswirtschaften in Mitleidenschaft gezogen, von den langfristigen geoökonomischen Folgen des radikalen Bruchs mit Russland ganz zu schweigen.

Zwar zielte die Biden-Administration in erster Linie darauf, dem geopolitischen Rivalen Russland militärisch und ökonomisch eine „strategische Niederlage“ zuzufügen; der Ukrainekonflikt tangierte aber zugleich auch die ökonomischen Interessen und die Wettbewerbsfähigkeit Europas.

Biden ist mit seiner Russlandpolitik nicht nur gescheitert und hat nichts erreicht, sondern auch den EU-europäischen Volkswirtschaften massiv geschadet. Im Unterschied zur Biden-Administration hat sich Trump für eine ganz andere US-Außenpolitik als Hegemonialpolitik entschieden. Im Mittelpunkt seiner Außenpolitik steht nicht mehr ein Proxykrieg gegen Russland, sondern die Überwindung der geoökonomischen Dysbalance zwischen den USA und dem Rest der Welt.

Das hat für Trump absolute Priorität. Was ihn in seiner zweiten Amtszeit besonders umtreibt, hat der Gründer des größten Hedgefonds Bridgewater, Ray Dalio, auf den Punkt gebracht, als er am 28. Februar 2025 dem Handelsblatt ein Interview gab, in dem er „eine weltweite Schuldenkrise“ ankündigte und prognostizierte: „Die USA könnten in drei Jahren pleite sein.“8

Um das US-Verschuldungsproblem in den Griff zu bekommen, um die USA „Great Again“ zu machen bzw. die US-Hegemonie zu retten, entschied sich Trump – was unsere Kritikerin so auf die Palme bringt – für einen Zollkrieg mit dem Ziel, die USA auf Kosten der ganzen Welt zu entschulden.

Getreu dem Motto: „Rette sich, wer kann,“9 versucht Trump zuallererst die US-Vormachtstellung in der Welt und das geopolitische Überleben der USA als Hegemon zu sichern und sei es auf Kosten Europas und des Restes der Welt, wenn es nicht anders geht.

Dass die US-Demokraten und die ihnen nahestehenden EU-europäischen Machteliten dieses radikale strategische Umschwenken in der US-Außenpolitik weder verstehen wollen noch akzeptieren können, ist dem Umstand geschuldet, dass sie nach wie vor der Blocklogik des „Kalten Krieges“ verhaftet sind und nicht wahrhaben wollen, dass die Welt sich drastisch zu Nachteil der transatlantischen Bündnispartnerschaft geändert hat.

Heute haben wir es mit einem US-Präsidenten zu tun, der sich als „Dealmaker“ begreift und unter der US-Außenpolitik „Dealmaking“ versteht, die im krassen Widerspruch zu der bisher gescheiterten Militarisierung der US-Außenpolitik steht.

Die zahlreichen US-Interventions- und Invasionskriege (1998-2021) verursachten einerseits eine sündhafte Ressourcenverschwendung (schätzungsweise acht bis neun Billionen Dollar) und ein jahrzehntelanges Leben über die eigenen Verhältnisse führte andererseits zu einer exzessiven Verschuldung der US-Volkswirtschaft, was zu einer Depravierung statt Festigung und Ausbau der US-Hegemonie geführt hat.

Das brachte wiederum die Schwächung der geoökonomischen Vormachtstellung der USA und dadurch die Aushebelung seines globalen raumübergreifenden „Geschäftsmodells“ mit sich. Dieses „Geschäftsmodell“ hat sich erfolgreich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ausgebildet und wurde nach dem Ende des „Kalten Krieges“ fortentwickelt und perfektioniert.

Es besteht in der Abschöpfung des globalen Überschusseinkommens der Weltwirtschaft dank dem dollarbasierten Weltfinanzsystem und hat es den USA ermöglicht, ihren Wohlstand zu mehren und ihre Vormachtstellung im globalen Raum zu festigen.

In diesem Abschöpfungsmodell und nicht in der militärischen Macht besteht das eigentliche „Geheimnis“ der US-Hegemonie. Und genau dieses Abschöpfungsmodell ist heute akut bedroht. Trump glaubt nun als „der Dealmaker aller Zeiten“, wie seine Anhänger ihn preisen, den Abwärtstrend, in den die US-Hegemonie geraten ist, mit rabiaten monetären und handelspolitischen Einschüchterungs- und Erpressungsmethoden zu stoppen, um zu retten, was (noch) zu retten ist.

Das stößt nicht nur außenpolitisch seitens des Restes der Welt, sondern auch innenpolitisch seitens der Traditionalisten und Nostalgikern wie Kori Schake auf Widerstand, da sie nicht ohne Recht einen Imageverlust für „American Way of Life“ befürchten.

Hat Trump aber überhaupt eine andere Wahl? Das akut gefährdete „Geschäftsmodell“ der USA ist praktisch nicht mehr rettbar. Es basierte bisher im Wesentlichen auf zwei Herrschaftsinstrumenten des Dollars als Weltleitwährung und der militärischen Macht. Diese beiden Vehikel der US-Hegemonialpolitik werden langsam stumpf und büßen ihre Wirkungskraft infolge eines kräftigen Gegenwinds seitens der immer mächtiger werdenden geopolitischen und geoökonomischen Gegenspieler ein.

Das US-Abschöpfungsmodell stößt daher an seine Grenzen und funktioniert nicht mehr so reibungslos, wie es in den vergangenen dreißig Jahren funktionierte. Und so verwundert es nicht, dass Trump versucht, das angeschlagene Geschäftsmodell zu seinen Gunsten und zu Lasten des Restes der Welt zu transformieren.

Bei seinem Transformationsversuch steckt Trump allerdings in einer geostrategischen Sackgasse. Vor dem Hintergrund des nicht mehr zu leugnenden geoökonomischen Erosionsprozesses der US-Hegemonie unternimmt er womöglich den letzten US-Versuch mit den Mitteln des aggressiven geoökonomischen Unilateralismus sich selbst zu retten bzw. sich am eigenen Schopf aus dem Schuldensumpf zu ziehen.

Trump ist darum bereit und willig, auf einen Kollisionskurs mit der ganzen Welt zu gehen, um Chaos und Unsicherheit in der Weltwirtschaft zu stiften, um daraus Kapital zu schlagen. Der Kollisionskurs findet freilich in einem ordnungspolitischen Umfeld statt, in welchem die beiden Ordnungsgefüge der unipolaren Weltordnung und der globalisierten Weltwirtschaft das US-Geschäftsmodel nicht mehr vollumfänglich befriedigen können.

Sie büßen zunehmend an Bedeutung ein, weil sie den Funktionsbedingungen der US-Hegemonie nicht mehr genügen. Wird die unipolare Weltordnung tendenziell multipolarisiert und nutzt die globalisierte Weltwirtschaft tendenziell dem geopolitischen Rivalen China mehr als den USA, dann konterkarieren sie unmittelbar sowohl die US-Hegemonialstellung als auch die US-Wettbewerbsfähigkeit.

Kurzum: Die USA stehen vor dem Dilemma: sich selbst zu retten (auch auf Kosten der europäischen Bündnispartner durch die Abschöpfung ihrer Ressourcen und Vermögenswerte) oder mit Europa unterzugehen bzw. geopolitisch bedeutungslos zu werden.

Und da gibt es kein Vertun: Wenn es darauf ankommt, werden die USA zuallererst an ihr eigenes geopolitisches und geoökonomisches Überleben nicht nur zu Lasten der EU-Europäer, sondern auch auf Kosten der ganzen Welt denken.

Trump spielt mit seiner Hegemonialpolitik des aggressiven geoökonomischen Unilateralismus Vabanque und läuft Gefahr alles zu verspielen und die US-Hegemonie mit in den Abgrund zu ziehen. Er wird mit seiner aggressiven Vorgehensweise scheitern. Denn sie ist genauso erfolgsversprechend, wie der Versuch, den Fisch auf seine Fähigkeit zu prüfen, auf dem Trockenen zu leben.

Anmerkungen

1. Okail, N./Duss, M., America Is Cursed by a Foreign Policy of Nostalgia. Washington Needs Something Better
Than „America First“ and „America Is Back“. Foreign Affairs, 3. Dezember 2024; näheres dazu Silnizki, M.,
Die US-Außenpolitik des „aggressiven Unilateralismus“. Keith Kelloggs Strategiepapier zu
Friedensverhandlungen. 14. Dezember 2024, www.ontopraxiologie.de.
2. Reinhard, W., Außenpolitik ohne Gegenpol: Amerikanische Weltpolitik der Ära Clinton/Bush als
Herausforderung für die Theorie, in: Hils, J., u. a. (Hrsg.), Assertive Multilateralism and Preventive War.
Baden-Baden 2012, 11; Paul, M., Kriegsgefahr in Pazifik? Die maritime Bedeutung der sino- amerikanischen
Rivalität. Baden-Baden 2017, 29.
3. Falke, A., Auf dem Weg zu einer neuen Handelspolitik? Die USA und das Welthandelssystem, in: Matthias
Dembinski, u.a. (Hrsg.), Amerikanische Weltpolitik nach dem Ost-West-Konflikt. Baden-Baden 1994, 265-305 (265).
4. Falke (wie Anm. 3), 266.
5. Falke (wie Anm. 3), 266 f.
6. Falke (wie Anm. 3), 267.
7. Zitiert nach Silnizki, M., Geopolitisches Endgame oder „Diplomatic Endgame“? Stellungnahme zu „The
West Needs a New Strategy in Ukraine“. 28. April 2023, www.ontopraxiologie.de.
8. Näheres dazu Silnizki, M., Trumponomik. Geoökonomie des „aggressiven Unilateralismus“. 12. April 2025,
www.ontopraxiologie.de.
9. Silnizki, M., Rette sich, wer kann? Stimmen und Stimmungen jenseits des Mainstream-Denkens. 28. Januar
2024, www.ontopraxiologie.de.

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