Der Erste Weltkrieg und die Gegenwart
Übersicht
1. Befinden wir uns bereits im „Dritten Weltkrieg“?
2. 1914 und 2026
3. Der Wahnsinn hat Methode
Anmerkungen
Der Erste Weltkrieg ist „the great seminal catastrophe of this century“
(die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts).
(George F. Kennan, 1979)
1. Befinden wir uns bereits im „Dritten Weltkrieg“?
Seit geraumer Zeit wird darüber diskutiert, ob die aktuelle weltpolitische Lage der Zeit ähnelt, die bereits am Vorabend des Ersten Weltkrieges bestand. Zuletzt hat der norwegische Historiker, Odd Arne Westad (geb. 1960), das Thema erneut zur Sprache gebracht.
„Die Welt von heute ähnelt beunruhigend der des frühen 20. Jahrhunderts, und das nicht nur wegen der regionalen Kriege wie im Iran und in der Ukraine“ (The world today looks disconcertingly like the one of the early twentieth century, and not only because it is beset by regional wars, such as the ones in Iran and Ukraine), schreibt Westad am 25. März 2026 in seiner Studie „Trump, Xi, and the Specter of 1914“ (Trump, Xi und das Gespenst von 1914) für Foreign Affairs.
„Auch heute ist die Welt von vielen Großmächten geprägt, darunter China, Russland und die USA, die ihre Positionen eifersüchtig verteidigen. Sie ist genauso, wie damals, von Nationalismus, Terrorismus, wirtschaftlichem und technologischem Wettbewerb und einer scheiternden Globalisierung durchdrungen“, begründet er seine Beunruhigung und sieht in der von Großmächten geprägten unruhigen Welt die Vorboten des „Dritten Weltkrieges“.
„Ich sehe voraus, dass ich sehr bald dem Druck, der auf mir lastet, nicht mehr standhalten und gezwungen sein werde, extreme Maßnahmen zu ergreifen, die zum Krieg führen werden“, zitiert Westad das Schreiben des russischen Zaren Nikolaus II. an seinen Cousin, Kaiser Wilhelm II.
Ihn beschleicht „manchmal ein starkes Gefühl von Déjà-vu“, äußert Westad seine Besorgnis und fügt gleich hinzu: „Dieses Gefühl ist in den amerikanisch-chinesischen Beziehungen heute besonders deutlich spürbar. Wann immer der US-Präsident Donald Trump und der chinesische Staatschef Xi Jinping zu ihrem lang angekündigten Gipfeltreffen in Peking zusammenkommen, sollten beiden die Gefahren einer ungezügelten Rivalität klar sein. Ein außer Kontrolle geratener Konflikt zwischen den beiden führenden Weltmächten könnte verheerende Folgen für ihre Länder und die ganze Welt haben.“
Der Norweger darf „beruhigt“ sein: Der Dritte Weltkrieg ist nicht erst im Kommen, er findet bereits hier und heute statt. Diese Auffassung vertrat Dmitrij Trenin (Direktor des Instituts für Globale Militärökonomie und ehem. Direktor des Carnegie Moscow Center) bereits vor einem knappen Jahr in seiner am 14. Juli 2025 veröffentlichten programmatischen Schrift mit dem werbeträchtigen Titel „Эпоха войн: Третья мировая уже началась, но не все это понимают“ (Das Zeitalter der Kriege: Der Dritte Weltkrieg hat schon begonnen, nicht jeder versteht das aber)1.
Ja, „nicht jeder versteht das“! Der russische Außenminister, Sergej Lawrow, scheint das verstanden zu haben. Neuerlich wollte er nicht ausschließen, dass die aktuellen weltpolitischen Ereignisse dem „Dritten Weltkrieg“ gleichkommen. Am 24. März 2026 sagte er bei einer Pressekonferenz wörtlich:
„И мы отметили, что некоторые специалисты, в том числе в России, специализирующиеся на истории международных отношений, уже начали характеризовать и квалифицировать происходящее как третью мировую войну“ (Und wir haben festgestellt, dass einige Experten, darunter auch solche in Russland, die sich auf die Geschichte der internationalen Beziehungen spezialisiert haben, bereits begonnen haben, das Geschehen als Dritten Weltkrieg zu charakterisieren und zu qualifizieren).
Ja, „nicht jeder versteht das“! Der Norweger versteht das nicht und viele anderen haben das noch nicht verstanden. Man könnte all den „Unwissenden“ und „Ahnungslosen“ in Abwandlung des Spruchs „Stell dir vor, es kommt Krieg und keiner geht hin“ zurufen: Stell dir vor, es gibt Krieg und keiner weiß davon!
Ist die ganze Diskussion vielleicht nichts weiter als eine Phantomdebatte und/oder Angstmacherei? Findet hier womöglich eine Begriffsverwechslung oder gar Begriffsumdeutung statt? Zumindest bis vor nicht langer Zeit haben wir unter dem sog. „Dritten Weltkrieg“ immer einen Atomkrieg verstanden, der zu Zeiten des „Kalten Krieges“ so sehr befürchtet und gefürchtet wurde. Das Schlagwort wird jedenfalls mit Atomkrieg identifiziert und ist eigentlich unbrauchbar, um die gegenwärtige weltpolitische Lage adäquat begreifen zu können.
Der Atomkrieg scheint bis auf Weiteres vertagt zu sein und selbst „unser“ Donald Trump hat bei aller ihm unterstellten Verrücktheit2 (noch) nicht vor, einen Nuklearkrieg vom Zaun zu brechen. Zu sehr liebt er das Leben und seine Enkelkinder, um sie zu gefährden.
Die Europäer haben sich ihrerseits in den vergangenen achtzig Jahren ungeachtet der um sie herumtobenden zahllosen Kriege derart an den Frieden gewöhnt, dass sie sich nicht einmal vorstellen können, sich bereits hier und heute in einem „Dritten Weltkrieg“ zu befinden. Lieber sprechen sie von Wettbewerb, Konkurrenz, Konfrontation oder bestenfalls von der Großmächterivalität, nur bloß nicht vom „Dritten Weltkrieg“, auch wenn der seit dem 24. Februar 2022 tobende Krieg in der Ukraine sie fürchten lernt.
Freilich datiert Trenin den mutmaßlichen „Dritten Weltkrieg“ bereits viel früher mit dem Jahr 2014. Wörtlich schreibt er: „Der Weltkrieg ist eigentlich bereits da, auch wenn es nicht jeder bemerkt und reflektiert hat. Die Vorkriegszeit endete für Russland 2014, für China 2017 und für den Iran 2023. Das Ausmaß und die Intensität des Krieges nahmen seitdem in seiner modernen Form stetig zu. Dies ist kein >zweiter Kalter Krieg< mehr“.
Handelt es sich aber hier wirklich um den „Dritten Weltkrieg“, der bereits seit 2014, 2017 oder 2023 toben sollte? Die Frage ist falsch gestellt. Es geht nicht darum, ob es einen „Dritten Weltkrieg“ gibt oder nicht. Die Frage ist vielmehr, im welchen weltpolitischen Umfeld wir uns befinden, das uns dazu verleitet, vom „Dritten Weltkrieg“ zu sprechen und allein in der Logik des Krieges und nicht des Friedens zu denken und handeln?
Wir befinden uns in einer weltpolitisch gefährlichen Übergangszeit, die die einen irreführend als einen „Dritten Weltkrieg“ bezeichnen und die anderen im Anschluss an das 2018 erschienene Werk des US-Politikwissenschaftlers, Graham Allison (geb. 1940), mit dem Titel „Destined For War: Can America and China Escape Thucydides’s Trap?“ als „Thukydides-Falle“ charakterisieren.
Allisons Theorie basiert auf Thukydides‘ Analyse, dass der Peloponnesische Krieg durch Spartas Furcht vor Athens Machtzuwachs unvermeidlich wurde. Diese Theorie wird sodann zum unausweichlichen Entwicklungsgang der Geschichte hochstilisiert, indem behauptet wird, dass der Krieg zwischen China und den USA unvermeidbar ist, da ein hohes Kriegsrisiko bestünde, wenn eine aufstrebende Macht (wie China) eine etablierte Großmacht (wie die USA) als Hegemon zu verdrängen droht.
Diese monokausale Simplifizierung eines komplexen welthistorischen Prozesses wird weder der Gegenwart gerecht noch erfasst sie ein Bündel von Ursachen, die das Ende der unipolaren Weltordnung herbeigeführt hat. Wir leben heute in einer Übergangszeit von der unipolaren Weltordnung in ein anderes, noch nicht definiertes Ordnungsgefüge und es wäre völlig abwegig diesen komplexen Prozess allein auf einen Zweikampf zwischen China und den USA reduzieren zu wollen, zumal es zumindest noch eine Großmacht Russland gibt, die die US-Hegemonie herausgefordert und infrage gestellt hat.
Es findet mit anderen Worten neben vielen anderen Faktoren mindestens ein Dreierkampf statt, der Allisons Theoriegebäude entwertet. Die „Thucydides’s Trap“-Theorie ist veraltet und auf die Gegenwart nicht übertragbar. Die stattfindende ordnungspolitische Übergangszeit mit ihren zahlreichen Kriegen und Krisen ist zu komplex, um sie mit Verweis auf einen Zweikampf zwischen China und den USA monokausal erklären zu wollen.
Was den Dreierkampf zwischen den USA, China und der Sowjetunion/Russland angeht, so ist er so alt wie der „Kalte Krieg“. Für die Neuordnung des globalen Raumes sind zwei geopolitischen Grundsätze des „Kalten Krieges“, die in Washington nach dem Ende des Ost-West-Konflikts in Vergessenheit geraten sind, viel wichtiger als eine Theorie, die den Zerfallsprozess der unipolaren Weltordnung auf einen bipolaren Nenner zu bringen glaubt.
Der erste Grundsatz stammt von Henry Kissinger und lautet: „Washington muss immer viel bessere Beziehungen mit Moskau und Peking als Moskau und Peking untereinander haben“.
Das zweite Gebot stammt von einem rumänisch-US-amerikanischen Militärstrategen und Ex-Berater von Ronald Reagan, Edward Luttwak: „Die USA können sich eine Konfrontation mit Moskau leisten, falls sie nicht im Konflikt mit China stehen. Die USA können sich auch eine Konfrontation mit China leisten, falls sie nicht im Konflikt mit Moskau stehen. Eine gleichzeitige Konfrontation mit China und Moskau können die USA sich aber nicht leisten.“
Wer aber glaubt, dass man das Rad der Geschichte zurückdrehen und die beiden geopolitischen Grundsätze des „Kalten Krieges“ eins zu eins auf die ordnungspolitische Übergangszeit der Gegenwart übertragen kann, ist auf dem Holzweg und ignoriert die geopolitischen, geoökonomischen und militärtechnologischen Entwicklungen der Gegenwart, die zurzeit der bipolaren Weltordnung des „Kalten Krieges“ undenkbar waren.
Eine neue, nur andersgeartete Bipolarität wird es genauso wenig geben, wie eine denkbare, aber unwahrscheinliche Ablösung der US-Hegemonie durch ein China unterstelltes Streben nach Hegemonie. Man darf zudem nicht den Aufstieg Indiens und die Emanzipation des sog. „Globalen Südens“ außer Acht lassen, die mit einer unaufhaltsamen Zurückdrängung der westlichen Dominanz sowie einem dramatischen geopolitischen Erosionsprozess Europas und der Nivellierung der USA als alle dominierende militärische Macht einhergeht.
All diese geopolitischen und geoökonomischen Machtfaktoren verändern dramatisch die Kräfteverhältnisse im globalen Raum und lassen keine Hegemonie in welcher Gestalt auch immer mehr zu. Eine machtpolitische Transformation der Unipolarität in andere Weltordnungsstrukturen findet zwar in einem bellizistischen Umfeld statt. Es ist aber noch lange kein „Dritter Weltkrieg“ im herkömmlichen Sinne des Wortes. Und schon gar nicht deuten dieser Transformationsprozess auf eine Neuauflage der bipolaren Weltordnung hin, die die „Thucydides’s Trap“-Theorie uns vermittelt.
2. 1914 und 2026
„Die Welt von heute ähnelt beunruhigend der des frühen 20. Jahrhunderts“, schreibt der norwegische Historiker Westad. Die seit dem Ende des Ost-West-Konflikts stattgefundenen zahlreichen Kriege und Krisen erwecken in der Tat diesen Eindruck. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine so gut wie die halbe Welt direkt oder indirekt in diesem Krieg involviert ist.
Auf der einen Seite der Kriegsbarrikade kämpft Russland mit einer direkten militärischen Unterstützung von Nordkorea sowie stillschweigenden Unterstützung von Weißrussland, China und Indien, auf der anderen Seite befindet sich der sog. „Westen“ u. a. mit Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland. Insgesamt sind es über fünfzig Länder, die direkt oder indirekt in diesem Konflikt involviert sind.
Hinzu kam seit Ende Februar 2026 ein neuer Krisenherd Iran, der den gesamten Nahen Osten in Brand gesteckt und zahlreiche neue Kriegsteilnehmer in diesen Krieg mitgerissen hat, von dessen globalen wirtschaftlichen und energiepolitischen Kalamitäten ganz zu schweigen.
Blickt man auf die zwei Jahrzehnte vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zurück, so sind die Parallelen zur Gegenwart frappierend. „Von den zwanzig Jahren vor 1914 ging kein einziges ohne größeren Krieg, ob >hinter weit in der Türkei< oder jenseits der Meere, oder doch ohne von Schwertergerassel erfüllte internationale Spannung vorüber. Selbst wenn man von den langen und blutigen, doch als bloße Polizeioperationen nicht ins Kriegsregister eingetragenen Kolonialfeldzügen absieht, bei denen Frankreich und England im Sudan und England und Russland in Persien an den Rand des Krieges gerieten, bleibt die chronologische Liste dieser zwei Jahrzehnte recht eindrücklich: chinesisch-japanischer, italienisch-abessinischer, griechisch-türkischer, spanisch-amerikanischer Krieg, Burenkrieg, Boxerkrieg, russisch-japanischer Krieg, erste Marokkokrise, bosnische Annexionskrise, zweite Marokkokrise, italienisch-türkischer Krieg, erster Balkankrieg, zweiter Balkankrieg … Im Rückblick lässt sich sogar die Zündschnur verfolgen, in der das Feuer von der Aufteilung Nordafrika ins >Pulverfass< Südosteuropa hinüberlief.“3
Werden unsere Nachfahren, falls das Menschengeschlecht auf dem Planet Erde überlebt, ebenfalls im Rückblick „die Zündschnur“ vom Ukrainekrieg über den Irankrieg und Taiwankrieg (?) bis zum globalen Krieg aller gegen alle verfolgen?
Eine solche Entwicklung ist zwar denkbar, aber nicht zwingend und unvermeidbar. Denn es gibt zumindest einen „kleinen“ Unterschied zu der Zeit vor 1914. Wir leben in einem nuklearen Zeitalter und eine militärische Konfrontation insbesondere zwischen den Großmächten mit strategischen Nuklearwaffen wäre eine Selbstvernichtungsaktion.
In seinem 1957 erschienenen Roman Das letzte Ufer beschrieb der Engländer Nevil Shute das dramatische Schicksal einer Handvoll Überlebender eines Atomkrieges. „Auf einer Feier wurde Winston Churchill gefragt, ob er sich vorstellen könne, ein Exemplar von Das letzte Ufer an Eisenhower zu schicken. >Das wäre<, erwiderte der nun im Ruhestand befindliche und einstmals so wilde Kalte Krieger resigniert, >reine Geldverschwendung. Eisenhower ist so konfus geworden … Ich glaube, dass die Erde bald zerstört wird … Und wenn ich der Allmächtige wäre, würde ich sie nicht wieder neu erschaffen, sonst würde man sie doch nur ein weiteres Mal zerstören<.“4
Dass selbst Churchill – ein Staatsmann von Weltrang – gegen Ende seines langen und ereignisreichen Lebens im greisen Alter in einen solchen Fatalismus verfiel, sollte auch für uns eine Warnung sein, die Gefährdung des Weltfriedens ernst zu nehmen.
Die seit Jahrzehnten uns vertraute wohlgeordnete Welt scheint immer mehr im Schwinden begriffen zu sein. Es wird nicht mehr so bleiben, wie es mal war. Die globalisierte Welt bekommt immer mehr Risse: Der Welthandel, die Weltwirtschaft, der steigende Lebensstandard, unendliche Verflechtungen der Nationen untereinander – all das steht heute zu Disposition.
Diese wohlgeordnete Welt ist eine Welt, die der Logik des Friedens und nicht des Krieges folgt und für die Generalstäbe, die mit Kriegsvorbereitungen vertraut sind, fremd sind. Mit dem Fortdauern des Krieges in der Ukraine entfernen wir uns aber immer mehr von der Logik des Friedens und laufen Gefahr allein in Kriegskategorien zu denken und zu handeln.
Wir leben mittlerweile in einer Welt der Scharfmacher, Hardliner und Bellizisten, die an der Spitze der Macht stehen, mit den Spielregeln der Diplomatie nichts am Hut haben und lieber auf „Verteidigung vor Russland“ statt auf „Sicherheit mit Russland“ setzen5.
So wie „unter den Männern in den Schlüsselpositionen der europäischen Politik … 1914 kein genialer Spieler“ war, sondern „eher phantasielos-pedantische Bürokraten der Außenpolitik“ waren6, regieren uns heute in Europa Männer und Frauen, die sich allein durch grassierende Mittelmäßigkeit, erschreckende Durchschnittlichkeit und willfährige Konformität auszeichnen, denen jede strategische Weitsicht und außenpolitischer Weitblick fehlen.
Kein Wunder, wenn von der Leyen, Merz, Macron, Starmer und Co. sich dann von den Mächtigen dieser Welt treiben lassen. Wie der Chronist berichtet, stand 1914 „an der gewaltigsten, auf Kommando einsatzbereiten Militärmacht … ein nur Seinem alten deutschen Gott und Seinem Höchsteigenen Gewissen verantwortlicher Kaiser, der zwar … als ewig Halbwüchsiger mehr das Kriegsspiel als wirklich den Krieg liebte, der zwar auch die Züge eines ordinären bramarbasierenden Spießers trug, die er in seinen Marginalien zu allen amtlichen Aktenstücken verewigt hat: >Quatsch! Blech! Blödsinn! Idiot! Gemeiner Hundsfott! Irrenhäusler! Hallunken!< sind das geläufigste Vokabular dieser Allerhöchsten Äußerungen zur Weltpolitik.“7
Wie ähnelt doch die Gestalt dieses Kaisers „von Gottes Gnaden“ „unserem“ von Gott „gesalbten“ Anführer der „freien Welt“, Donald John Trump. Auch „unserer“ Donald Trump liebt „mehr das Kriegsspiel als wirklich den Krieg“. Und hätte dieser „ordinäre bramarbasierende Spießer“ – „eine aufgeblähte Null“, die wie Kaiser Wilhelm II. „in Schall und Rauch schnarrend arroganter Worte und Gesten nur den abgesunkenen Stil und Geisteszustand einer Epoche“ verkörpert (Lüthy, 292) und die zwischen Großspurigkeit und Größenwahn schwankt, im Voraus nur gewusst, was er mit dem Irankrieg anzetteln würde, hätte er sich nie auf dieses „Kriegsspiel“ eingelassen.
Er wollte einen Blitzkrieg und bekam einen Zermürbungskrieg, der ihm nun schlaflose Nächte bereitet. Und nun ist er – ahnungslos, wie er war – in die Katastrophe getaumelt und weiß nicht, wie er aus diesem Schlamassel rauskommt. Trump verwechselte samt seinen Kriegsstrategen Krieg mit Strafexpedition gegen einen als weit unterlegen geglaubten Gegner und glaubte mit Morden und Bomben alles schnell hinter sich zu bringen, um dem Iran die Bedingungen zu Kriegsbeendigung diktieren zu können. Diese Rechnung hat er ohne den iranischen Wirt gemacht. Und jetzt steht er da wie ein begossener Pudel und weiß sich nicht anders zu helfen, als weiter sinnlos zu morden und zu bomben.
Dieses sinn- und grundlose Morden und Bomben machen den Irankrieg zur Wahnsinnsorgie, in der sich die angestaute Wut unkontrolliert entlädt und der blinde Hass sich bis zum Delirium steigert.
Wie am Ende eines Vierteljahrhunderts wilhelminischer Staatskunst „die längst halluzinierte >Welt von Feinden<“ stand und „die idealische Welt der Nibelungennot, in der … auch die Masse der Dichter und Denker, der Spießer und der Professoren lebte, … über die reale Welt der Vernunft (triumphierte)“8, so blicken wir nach dem Ende der dreißig Jahre andauernden unipolaren Weltordnung besorgt auf jene „Spießer und Professoren“, die in den Mainstream-Medien tagtäglich systemkonform die Welt von gestern propagieren, als gäbe es keine Welt von morgen mehr, die keine anderen Visionen als die der Ewiggestrigen verkörpert. Wenn es so weiter geht, werden wir gar keine Welt mehr haben.
3. Der Wahnsinn hat Methode
„Was 1914 begann, kam erst 1945 ans Ende“, schrieb Herbert Lüthy9 1967. Knapp sechzig Jahre nach dieser als evident geglaubten Erkenntnis sind wir uns plötzlich nicht mehr so sicher, dass die 1914 begonnene „Wahnsinnsorgie“ (Lüthy) 1945 zu Ende war.
Bereits der kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ausgebrochene „Kalte Krieg“ war nichts anderes als die Fortsetzung dieses Wahnsinns unter anderen geopolitischen und ideologischen Bedingungen. Und der Wahnsinn hat Methode. Sie zeichnete sich durch eine Theorie der Abschreckung aus, deren Erfinder „das Undenkbare“ (the Unthinkable) zum Motor seines Denkens auserkor.
Mit seinem einflussreichen wie kontroversen Werk „Thinking about the Unthinkable“ (Nachdenken über das Undenkbare) setzte sich Herman Kahn 1962 mit den strategischen Szenarien für Atomkriege auseinander, indem er argumentierte, dass nukleare Konflikte trotz ihrer Unvorstellbarkeit analysiert werden müssen, um Abschreckung zu stärken und Überlebensstrategien zu entwickeln.
Dazu merkte Hannah Arendt 1970 spöttisch an: „Unter diesen Umständen ist … das in den letzten Jahrzehnten ständig wachsende Ansehen der wissenschaftsgläubigen >brain trusters<, von denen die Regierungen sich beraten lassen, höchst beunruhigend. Gegen ihre Kaltblütigkeit, >das Undenkbare zu denken<, wäre kaum etwas einzuwenden, wenn man nur sicher sein könnte, dass sie überhaupt denken.“10
Und einer der bedeutendsten geopolitischen Denker der Bundesrepublik, Lothar Rühl (1927-2025), schrieb vier Jahre später 1974: „Diese Abschreckung mit den Drohmitteln der Massenvernichtung hat eine Schwäche, die sich eines Tages entgegen allen rationalen Überlegungen und objektiven Zwängen als Ursache einer universalen Katastrophe auswirken könnte: Sie setzt die Verwüstung, die … niemals der Kriegszweck und oft nur die ungewollte Begleiterscheinung des Krieges auf dem Wege des Heeres war – eben >Verheerung< -, als Hauptzweck des Waffeneinsatzes. Wer aber mit der Zerstörung von Städten und gar von >Zivilisationsstrukturen< droht, wie es die Abschreckungs-Strategen notgedrungen tun, dessen Geist muss sich mit dem beschäftigen, was Herman Kahn treffend >nachdenken über das Undenkbare< genannt hat: die vorsätzliche Vernichtung von Millionen Menschen. Dieser Gedanke … ist an sich schon eine Abweichung vom Normalzustand, ein Fall von Anomalität und, wenn man will, ein pathologischer Geisteszustand.“11
Der „pathologische Geisteszustand“, der mit der Abschreckungsstrategie „die vorsätzliche Vernichtung von Millionen Menschen“ billigend in Kauf nimmt, setzt sich in einer abgewandelten Form auch nach dem Ende des Ost-West-Konflikts unvermindert fort. An Stelle der Zerstörungswut und Vernichtungsphantasien der Abschreckungsstrategen trat „nur“ die Demokratiewut der westlichen Menschheitsbeglücker, die die Menschheit mit „Demokratie“ und „Menschenrechten“ beglücken wollten, auch wenn diese nicht unbedingt beglückt werden wollten.
Die Folge dieser „frohen Botschaft“ über demokratische „Glückseligkeit“ waren zahllose Interventionen und Invasionen der Nato-Krieger, die als „humanitär“ verklärt wurden und massive Verheerungen und Zerstörungen in den angegriffenen Ländern verursacht haben, von hunderttausenden Opfern ganz zu schweigen.
Der Wahnsinn hat Methode! Wer sich unserer Lebensweise, unseren Wertvorstellungen, unseren „Idealen“ von Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten nicht unterwirft, muss bestraft und notfalls, wenn nichts anders geht, vernichtet werden.
Der 1914 ausgelöste Weltbrand schwelte seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges während der gesamten Zeit des „Kalten Krieges“ und der drei Jahrzehnte nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, bis er mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine 2022 erneut aufflammte, in seiner Auswirkung aber weitgehend auf Europa beschränkt blieb.
Nun sieht es so aus, als würde der Irankrieg das Potenzial dazu haben, aus einer von den US-Kriegsplanern als Blitzkrieg konzipierten militärischen Operation, die schnell, schmerzlos und regional begrenzt ausgedacht wurde, einen Weltbrand zu entflammen, indem dieser entgrenzt und globalisiert wird. Die Globalisierung des Krieges birgt in sich die Gefahr der Enthemmung der Mächte, die nicht mehr gebändigt werden könnten.
An der Schwelle zwischen zwei Weltordnungen – der untergegangenen unipolaren Welt und einer kommenden, sich noch in statu nascende befindenden – zeichnet sich eine Konstellation ab, die ein immer schon labiles Weltgleichgewicht endgültig auszuhebeln droht. Zurzeit der Unipolarität war es die Rolle der USA einen Weltgleichgewichtspolizisten zu spielen bzw. Hegemonie auszuüben.
Diese Zeit ist unwiderruflich vorbei. Wir sind jetzt in der Situation, in der die hegemoniale Vormachtstellung der USA erodiert und die neuen Weltordnungsstrukturen sich noch nicht herauskristallisiert haben.
In diesem Machtvakuum befindet sich momentan die zerfallende globalisierte Weltordnung. Geopolitik duldet aber kein Machtvakuum. Man mag diese Tatsache beklagen, ändern lässt sie sich nicht. Ist es – warum auch immer – entstanden, wird es früher oder später beseitigt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten es zu tun: mit brachialer Gewalt oder im Wege der Übereinkunft.
Wie eine gewaltsame Lösung aussieht, zeigt Donald Trump in der zweiten Amtszeit. Mit seiner „Big Stick“-Diplomatie12 versucht er gewaltsam Fakten zu setzen, um die verloren gegangene Größe Amerikas wiederherzustellen. Dass es ihm bis dato eher schlecht als recht gelingt, das hat nichts zu bedeuten. Der Versuch ist alles, alles andere ist nichts!
Ein Versuch kann freilich belanglos sein, zwei Versuche signalisieren Gefahr in Verzug, drei Versuche können den Weltfrieden gefährden.
Und so schlittern wir immer mehr und immer tiefer in eine den Frieden gefährdende Welt, die manche Zeitgenossen, wie gesehen, bereits „Dritten Weltkrieg“ nennen. Man sollte aber die entstandene weltpolitische Lage nicht überdramatisieren, auch wenn für die Entdramatisierung wenig Anlass besteht!
Anmerkungen
1. Näheres dazu Silnizki, M., „Der totale Krieg“ des 21. Jahrhunderts. Dmitrij Trenin und die Unvermeidbarkeit des Dritten Weltkrieges, 10. August 2025, www.ontopraxiologie.de.
2. Silnizki, M., Gefangen zwischen „Madman-Strategie“ und „aggressivem Unilateralismus“, in: des.,
Machtspielfestival im Januar 2026. Trump versus Putin, 10. Januar 2026, www.ontopraxiologie.de.
3. Lüthy, H., Das Ende einer Welt: 1914, in: des., In Gegenwart der Geschichte. Historische Essays. Köln Berlin
1967, 271-310 (277).
4. Zitiert nach Stone, O./Kuznick, P., Amerikas ungeschriebene Geschichte. Die Schattenseiten der Weltmacht.
Berlin 2015, 187.
5. Silnizki, M., Verteidigung vor Russland“ statt „Sicherheit mit Russland“Im Zangengriff zwischen „Sendungsideologie“ und Machtpolitik. 14. April 2024, www.ontopraxiologie.de.
6. Lüthy (wie Anm. 3), 291.
7. Lüthy (wie Anm. 3), 291.
8. Lüthy (wie Anm. 3), 293.
9. Lüthy (wie Anm. 3), 294.
10. Arendt, H., Macht und Gewalt. München Zürich 1987, 10.
11. Ruehl, L., Machtpolitik und Friedensstrategie. Hamburg 1974, 222.
12. Näheres dazu Silnizki, M., Trumps „Big Stick“-Diplomatie. Auf dem Wege zum postmodernen Imperialismus? 26. März 2026, www.ontopraxiologie.de.