Über Europas „kriegerischen Geist“
Übersicht
1. Der „kriegerische Geist“ der europäischen Kultur
2. Von der Gorbi-Manie zur Putin-Phobie
3. Der Anti-Putinismus als Neuauflage des Antikommunismus
Anmerkungen
„Der Kalte Krieg ist mit dem Untergang der Sowjetunion unwiderruflich vorbei – und zugleich
in vielerlei Form präsent. Denn die wirtschaftliche und politische Erbmasse der Ära
totaler Konfrontation prägt heute sowohl die USA wie Russland und China.“
(Bernd Greiner, 2008)1
1. Der „kriegerische Geist“ der europäischen Kultur
Am 25. Oktober 2026 kommentierte Elon Musk den Beitrag eines Nutzers seines sozialen Netzwerks X (ehemals Twitter) mit den Worten: „Sie sind blutrünstige Kriegstreiber“ (They are bloodthirsty warmongers). Der Verfasser des Beitrags behauptete, dass europäische Politiker und US-amerikanische Neocons versuchen, den bewaffneten Konflikt in der Ukraine in die Länge zu ziehen und auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Musk stimmte dem zu und schrieb den eben zitierten Satz.
Kurz darauf legte er noch einmal nach und postete zusätzlich den Satz: „May the bloodthirsty warmongers, who push for a war that never ends, burn in hell!“ (Mögen die blutrünstigen Kriegstreiber, die einen Krieg ohne Ende fordern, in der Hölle brennen!). Die Äußerung ist bezeichnend und irritierend zugleich. Seit fast fünf Jahren tobt der Krieg in der Ukraine und Musk „entdeckt“ erst jetzt seine pazifistische Ader. Oder doch nicht? Vielleicht ist seine Äußerung nichts weiter als ein Theaterdonner!?
Der „Entdeckung“ ging eine heftige Kritik an Musk voraus. Berichten zufolge soll er eigenmächtig das für die ukrainische Armee essenzielle Satellitennetzwerk Starlink gedrosselt haben, was ukrainische Drohneneinsätze und -abwehr behinderten.
Musk verteidigte seinerseits den Schritt und seine Forderungen nach Verhandlungen mit der Begründung, dass ein ziviles System nicht für eskalierende Drohnenangriffe genutzt werden dürfe, und erklärte: Seine Kritiker wollten den Krieg so lange fortsetzen, „bis der letzte Ukrainer in einem Graben gestorben ist“.
In Wahrheit ging es Musk aber um etwas ganz anderes. Er fühlte sich von der ukrainischen Seite getäuscht und hinters Licht geführt. Aus seiner Sicht ging es bei dem Konflikt um einen wiederholten Bruch der Nutzungsbedingungen (Terms of Service) durch die Ukraine.
Berichten aus US-Militärkreisen zufolge ging es Musk im Grunde allein um finanzielle Interessen. Als das Pentagon nach der Starlink-Geschwindigkeitsdrosselung bei SpaceX nachfragte, soll das Unternehmen der Ukraine schlicht empfohlen haben, auf einen teureren, militärischen Vertrag umzusteigen, um die volle Geschwindigkeit wieder freizuschalten.
Die US-Regierungsvertreter bestätigten gegenüber The Atlantic, dass SpaceX der Ukraine vorschlug, schlicht auf einen neuen, deutlich teureren Militärvertrag (Starshield) umzusteigen, um die vollen Kapazitäten und uneingeschränkten Zugriffe im Kriegsgebiet wieder freischalten zu lassen.
In einer Reihe von Berichten (darunter der viel beachtete Artikel „How Elon Musk Turned on Ukraine“) rekonstruierte The Atlantic die Ereignisse rund um die ab dem 14. Oktober 2026 wirksam gewordenen Starlink-Drosselungen und -Ausfälle.
Lange Rede, kurzer Sinn: Es war nicht so sehr die urplötzlich entdeckte pazifistische Ader als vielmehr ein Geschäftssinn, der Musk zu einer derart drastischen Äußerung „They are bloodthirsty warmongers“ verleitete. Es scheint Musk allein ums Geschäft gegangen zu sein. „It’s not personal, Sonny. It’s strictly business“, wie es in dem Filmklassiker Der Pate (1972) heißt.
Nichtsdestotrotz hat Musk mit seiner Äußerung „Sie sind blutrünstige Kriegstreiber“ (They are bloodthirsty warmongers) den Nagel auf den Kopf getroffen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hat er mit seinem empörten Aufschrei zum Ausdruck gebracht, was ein chinesischer Gelehrter einst mit Unverständnis konstatierte: „Es ist leicht für China, die Zivilisation des Westens zu übernehmen, aber es ist sehr schwer, ihre Barbarei zu meistern.“2
Folgt man dem Kommentar des deutschen Diplomaten, Oskar Paul Trautmann (1877-1950), so verstehen die Chinesen unter „Barbarei“ des Westens „die militärische Seite der europäischen Kultur, ihren kriegerischen Geist.“3
2. Von der Gorbi-Manie zur Putin-Phobie
Die fünf Jahrhunderte des europäischen Kolonialismus, Imperialismus, „die Unterwerfung der Welt“ (Wolfgang Reinhard) und nicht zuletzt das menschenverachtende 20. Jahrhundert haben den „kriegerischen Geist“ der europäischen Kultur mehr als deutlich unter Beweis gestellt. Die Außenpolitik der europäischen Großmächte war, modern gesprochen, nie wertebasiert, sondern immer schon machtorientiert und interessengeleitet.
Auch heute verbirgt sich hinter der europäischen Orientierung an den sog. „universellen Menschenrechten“ letztlich eine skrupellose Machtpolitik. Vor den beiden Weltkriegen prägten die europäischen Imperien wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland oder Italien die Weltpolitik. Nach 1945 waren diese Staaten wirtschaftlich und militärisch geschwächt. Die neuen Groß- bzw. Supermächte hießen USA und Sowjetunion.
Allein zu Zeiten der bipolaren Weltordnung wurde Europas „kriegerischer Geist“ stillgelegt und in die jeweiligen rivalisierenden Machtblöcke integriert. Erst mit dem Ende der Bipolarität und der Auflösung des Ostblocks begannen die sich in der EU zusammengeschlossenen ehemaligen europäischen Großmächte mit der EU-Erweiterungs- und Nato-Expansionspolitik selbstbewusster und forscher aufzutreten.
Es kam zu einem erwartbaren geoökonomischen Aufbäumen Europas infolge der Eingliederung der ehemaligen Ostblockstaaten in die EU-Einflusssphäre und dank der Ausplünderung des postsowjetischen Raumes und insbesondere des Russlands der 1990er-Jahre4.
Es war die Geburtsstunde Europas als globaler wirtschaftlicher Superblock. Europa definierte sich sodann erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr als das systemideologische Schlachtfeld zwischen den USA und der UdSSR, sondern als ein eigenständiger und selbstbewusster Akteur der Weltpolitik.
Freilich erwies sich diese Selbstwahrnehmung machtpolitisch mehr als Schein denn als Sein. Bereits die 1990er-Jahre offenbarten die geo- und sicherheitspolitische Ohnmacht Europas. Bei den Jugoslawienkriegen vor der eigenen Haustür war Europa militärisch und diplomatisch handlungsunfähig und musste letztlich auf das Eingreifen der USA vertrauen.
Resümierend kann man sagen, dass die Entwicklungen der 1990er-Jahre Europa zu einem geoökonomischen Machtfaktor in der Weltpolitik machten, wohingegen es machtpolitisch ein unvollendetes Projekt blieb, da eine gemeinsame Außen-, Geo- und Sicherheitspolitik in den Kinderschuhen steckte.
Europas „kriegerischer Geist“ nahm, wie man sieht, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Epochen der europäischen und Weltgeschichte unterschiedliche Formen an. Seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine hat sich die geo- und sicherheitspolitische Lage erneut dramatisch geändert. Und wir erleben zum einen eine wachsende Remilitarisierung Europas und zum anderen dessen Rückkehr zu einer ideologischen und zunehmend militärischen Konfrontation gegen Russland, die immer verbissener, gehässiger und hasserfüllter (geführt) wird.
Was zu Zeiten des „Kalten Krieges“ der Antikommunismus war, heißt heute Anti-Putinismus, der Putin zum Hassobjekt erhebt und in ihm die Ausgeburt der Hölle sieht. Das Paradebeispiel hierfür ist die Vorzeige-Liberale, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die sich stets an der Person Putin abarbeitet.
Wiederholt bezeichnete sie Putin als „Mörder“, „Massenmörder“ und „Verbrecher“. Bereits im Sommer 2022 nannte sie Putin im SWR2 Tagesgespräch „Massenmörder“. Zuletzt kritisierte sie am 22. Oktober 2026 Donald Trump dafür, dass er „Geschäfte mit einem Mörder“ macht, und betonte im WELT-Interview, dass Putin als „Kriegsverbrecher“ vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gehöre.
Die Vorzeige-Liberale hat vergessen zu erwähnen, dass der „Nichtmörder“ Trump umfassende Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag verhängte. Am 9. Oktober 2026 verkündete der US-Außenminister, Marco Rubio, sogar ein vollständiges Geschäftsverbot mit dem Internationalen Strafgerichtshof.
Aber vielleicht sollte sich Marie-Agnes Strack-Zimmermann gemeinsam mit ihren gleichgesinnten Kollegen aus dem EU-Parlament und den anderen nationalen Parlamenten auf der Suche nach den Massenmördern und Kriegsverbrechern in die eigenen transatlantischen Reihen begeben. Sie kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie dann eine ganze Menge davon finden wird.
Wie dem auch sei, verglich der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete, Ferdinand Friedensburg (1952-1965), 1955 die antikommunistische Stimmung in der jungen Bundesrepublik mit dem „fast mystischen Grauen vor der bolschewistischen Welt“5, so wird heute in der medialen Öffentlichkeit erneut ein „mystisches Grauen“ diesmal vor „Putins Russland“ empfunden.
Es herrscht in Deutschland und Europa inzwischen eine derart hasserfüllte antirussische Atmosphäre, dass man sich mittlerweile fragt, ob wir wieder die dunkelsten Zeiten des „Kalten Krieges“ oder gar der Nazi-Barbarei erleben müssen, bevor die besseren, sprich friedlicheren Zeiten auf uns zukommen.
Die antirussischen Ressentiments, die man seit dem Ende des Ost-West-Konflikts so nicht mehr kannte, sind mit ganzer Wucht zurückgekehrt. Das „mystische Grauen“ vor „Putins Russland“ ist heute nicht mehr aus der medialen Öffentlichkeit wegzudenken. Man kann diesen ganzen Stimmungswandel in einem einzigen Satz zusammenfassen: Von der Gorbi-Manie zur Putin-Phobie!
Vom „Ende der Geschichte“ ist heute schon lange keine Rede mehr. Gefragt danach, ob er auch heute bei seiner These bleibt, sagte unser unverbesserlicher „Prophet“, Francis Fukuyama: „Ich bleibe Optimist. Der Mensch strebt nach Freiheit und Anerkennung. Das einzige System, das diese Bedürfnisse adressiert, ist die liberale Demokratie. Auch weil es das einzige System ist, das gleiche Rechte für alle garantiert.“6
Wie diese „liberale Demokratie“ in Reinkultur funktioniert, kann Fukuyama heute in der Ukraine besichtigen, die von den Folterknechten beherrscht wird und die eigene Bevölkerung terrorisiert7. Das bekümmert freilich weder Fukuyama noch seine EU-Freunde, die ihre ganze Kraft auf die Bekämpfung der russischen „Aggression“ fokussieren und keine Zeit haben, sich mit Folterungen, Menschenrechtsverletzungen und dergleichen zu beschäftigen.
Unter Führung der deutschen EU-Kommissionspräsidentin, Ursula von der Leyen, rüstet sich Europa in seinem nie enden wollenden Kampf gegen Russland auf. Der „kriegerische Geist“ der europäischen Kultur ist aufgewacht und kommt nicht zur Ruhe.
Alle Versuche, „Putins Russland“ zu isolieren, aus der Weltgemeinschaft auszustoßen und in der Ukraine militärisch niederzuringen, sind auf der ganzen Linie gescheitert. Die EU gibt aber trotzdem nicht auf, auch wenn sie aus eigener Kraft nichts mehr bewerkstelligen kann.
Zu schwach und zu ohnmächtig, um Russland kraft- und machtvoll etwas entgegenzusetzen, lässt die EU lieber die Ukraine für sich bis zum „letzten Ukrainer“ (Boris Johnson) kämpfen, damit sie die „Drecksarbeit für uns alle“ (Friedrich Merz) macht.
3. Der Anti-Putinismus als Neuauflage des Antikommunismus
Der Anti-Putinismus von heute ist als Anti-Haltung im Grunde genommen eine Neuauflage des Antikommunismus von gestern und der Nazipropaganda von vorgestern, wie wir sie vor allem in den früheren Jahren der Bundesrepublik bis zu der 68er-Bewegung und Brandts/Bahrs „Ostpolitik“ erlebt haben. Noch 1967 wies der Politikwissenschaftler, Klaus Erdmenger (geb. 1943), in seinem aufsehenerregenden Werk „Das folgenschwere Missverständnis. Bonn und die sowjetische Deutschlandpolitik 1949-1955“ darauf hin, dass die „nach 1945 … verbreiteten Informationen über den kommunistischen Terror … der deutschen Öffentlichkeit nur den Wahrheitsgehalt der nationalsozialistischen Propaganda (bestätigten). Die sowjetischen Gräuel hätten gar … Hitlers Prophezeiungen als harmlos erscheinen lassen. Der latent vorhandene Antibolschewismus war nur in einem demokratisch westlichen Sinne umzufunktionieren. Das hatte freilich nicht nur eine moralische Stärkung der westlichen Position im Kalten Krieg zur Folge, sondern signalisierte in der Bundesrepublik auch eine Verengung des historischen Horizonts, mit dem die westlichen Alliierten keineswegs immer einverstanden waren. Der Nationalsozialismus schien partiell rehabilitiert, die übrigen Elemente der deutschen Politik zwischen 1933 und 1945 wurden entweder verdrängt oder teilweise sogar mit dem Hinweis auf die Verbrechen der >Anderen< abgetan. Der Antikommunismus indes blieb intakt und aktuell.“8
Seitdem hat sich an Techniken und Methoden der Desinformation und Manipulation im Wesentlichen nicht viel geändert. An Stelle des Antikommunismus tritt heute der Anti-Putinismus und statt der „sowjetischen Gräuel“ spricht man von russischen Gräueltaten in der Ukraine9.
Diese Fokussierung und Verengung der Betrachtung allein auf die vermeintlichen „Gräueltaten“ der Russen verstellen nicht nur den Blick auf die wahren Ursachen und Hintergründe des Krieges, sondern nutzen den Ukrainekonflikt auch als Verschleierung und Verdrängung der eigenen europäischen Mitverantwortung.
Der Ukrainekrieg hat die latent vorhandenen antirussischen Ressentiments reaktiviert und axiologisch legitimiert. Der geo- und sicherheitspolitische Konflikt, der infolge der Nato-Expansionspolitik seit dem Untergang der Sowjetunion schwellte, wurde dadurch ideologisch überhöht, moralisch verbrämt, und zu einem Kampf zwischen „Demokratie und Autokratie“ und gegen den russischen „Neoimperialismus“, „Expansionismus“, „Revisionismus“ und „Totalitarismus“.
Wie zu den alten, „schönen“ Zeiten des „Kalten Krieges“ bezichtigten die Expansionisten, die selber ja in den vergangenen dreißig Jahren um tausende Quadratkilometer gen Osten expandierten, Russland des Expansionismus. Und die Kämpfer gegen den vermeintlichen russischen „Totalitarismus“ sind in ihrer selbstüberhöhten moralischen Totalität selbst totalitär geworden.
Unermüdlich und mantraartig wiederholen sie immer dieselbe angstschürende Behauptung, dass Putin, sollte er die Ukraine besetzen, über kurz oder lang ganz Europa angreifen werde. Diese Behauptung wird nicht wahrer dadurch, dass sie stets penetrant wiederholt wird, sie ist genauso fraglich, wie die ständige Warnung vor der Gefahr der sowjetischen Expansionspolitik zu Zeiten des „Kalten Krieges“.
Bereits kurz nach der Gründung der Bonner Republik beteuerte Adenauer in einem Interview mit Norbert Mühlen, das die New Yorker Wochenschrift The New Leader am 8. Oktober 1951 veröffentlichte: „Wir haben nichts gegen das russische Volk …, wir sind nur gegen seine Machthaber, die den Kommunismus für ihre eigenen expansionistischen und totalitären Absichten mißbrauchen.“10
Der Mythos vom unbegrenzten sowjetischen Expansionismus gehörte nach den Worten von Wilfried Loth „zu den zentralen Mythen des Kalten Krieges, die durch die konkrete sowjetische Westeuropapolitik nicht zu belegen sind.“11
Nicht anders sieht es auch heute mit Putins vermeintlichem „Expansionismus“ aus. Solche Ressentiments, Vorurteile und Unterstellungen zeigen nur, wessen Geistes Kinder diejenigen sind, die in den vergangenen drei Jahrzehnten nichts anderes getan haben, als trotz erbitterten Widerstands Russlands mit ihrer Nato-Infrastruktur gen Osten zu expandieren.
Jetzt empören sich diese Expansionisten, dass Russland nach einer selbstauferlegten Tatenlosigkeit nunmehr dazu übergegangen ist, sich militärisch gegen eine weitere Nato-Expansionspolitik in der Ukraine zu wehren.
Dieser Expansionsgeist hat handfeste Ursachen und geht auf die Denkvoraussetzungen zurück, die weit in die finstersten, ideologisch umkämpften Zeiten des „Kalten Krieges“ zurückreichen. „Es ist unsinnig, das russische Sicherheitsbedürfnis durch irgendwelche Pakte oder >Desengagements< befrieden zu wollen, denn es gibt kein solches Bedürfnis,“ behaupteten die Ideologen des „Kalten Krieges“. „Hier ist keine Machtpolitik im alten Sinn, die im alten Sinn Kompromisse zuließe,“ kritisierte Golo Mann 1965 diese Geisteshaltung12, von der die Nato-Expansionisten bis heute geradezu besessen sind.
Wer ideologisch denkt und handelt, nimmt keine Rücksicht auf die Sicherheitsbedürfnisse der Gegenseite und kennt darum keine Kompromisse, er ist von der absoluten Wahrhaftigkeit seines Denkens und Handelns überzeugt. Diese Kreuzritter unserer Zeit verwechseln Ideologie mit Geopolitik, Axiologie mit Sicherheitspolitik und glauben, die Komplexität und Wirrsal der Ursachen und Motive monokausal entwirren zu können.
Sie sind gefährliche Zeitgenossen, die einfache Lösungen parat haben, die russisch-europäische Geschichte simplifizieren und sich über die neuentstandenen geo- und sicherheitspolitischen Realitäten verkennend und ignorierend hinwegsetzen. Es ist unmöglich, ja völlig absurd daran zu glauben, dass Russland, sobald es die Schmach der 1990er-Jahre überwindet und militärisch wiedererstarkt, so einfach zur Tagesordnung übergehen und zusehen wird, wie die Nato ungebremst weiterhin Richtung Osten expandiert.
Russland kann es sich nicht leisten, sich wie 1941 erneut überraschen zu lassen. „Russland sollte den Krieg“, schreibt Golo Mann 1965 erhellend, „begonnen von einem Gegner, in dessen Seele es nicht blicken kann, so wenig wir in die Seele der Russen blicken können, und dessen militärische Repräsentanten nur zu gern bramarbasieren, nicht auch fürchten, für den Ernstfall sich nicht bessere Ausgangsstellungen sichern wollen, als jene waren, die es 1941 besaß? – Man muss ein stark ideologischer Anti-Ideologe sein, um solche Fragen glatt zu verneinen.“13
Auch heute bramarbasieren die EU-Machteliten selbstüberschätzend allzu gern, um Russland zu provozieren und machen uns vor, die Anti-Ideologen zu sein, obschon sie, wie nie zuvor, zu tiefst ideologisiert und indoktriniert sind. Die Remilitarisierung Europas und eine erneute Revitalisierung seines „kriegerischen Geistes“ bei gleichzeitiger Ignorierung der russischen Sicherheitsinteressen führen die russisch-europäische Konfrontation bestenfalls in eine Sackgasse und schlimmstenfalls in einen großen europäischen Krieg.
„Armes Europa“ voller Selbstmitleid, Selbstüberschätzung und Selbstüberhöhung! Es kann alles, nur nicht Demut! Vorbei sind die Zeiten, als Winston S. Churchill hochmütig ankündigen konnte:
„In War: Resolution,
In Defeat: Defiance,
In Victory: Magnanimity
In Peace: Good Will.”
Weder „Entschlossenheit“ (im Krieg) noch „Großmut“ (im Sieg), noch „guten Willen“ (im Frieden) hat das Europa der Eurokraten parat. Allein „Trotz“ (in der Niederlage) und ein ohnmächtiges Grauen vor all jenen, die ihnen ihren „kriegerischen Geist“ nicht ausleben lassen, sind ihnen noch übriggeblieben.
Anmerkungen
1. Greiner, B., Zurück in die Zukunft, Der Spiegel, 29.07.2008.
2. Trautmann, O. P., Die Sängerbrücke. Gedanken zur russischen Außenpolitik von 1870-1914. Stuttgart 1941, 133.
3. Trautmann (wie Anm. 2).
4. Näheres dazu Silnizki, M., Kolonisierung durch Privatisierung. Die Ausplünderung Russlands in den
1990er-Jahren, 20. August 2025, www.ontopraxiologie.de.
5. Zitiert nach Klaus Erdmenger, Das folgenschwere Missverständnis. Bonn und die sowjetische Deutschlandpolitik 1949-1955. Freiburg 1967, 100.
6. Francis Fukuyama, „Der Widerstand gegen den Trumpismus hat begonnen“, Handelsblatt-Interview,
23./25. Oktober 2026, 21.
7. Näheres dazu Florian Rötzer, Aufruhr vor einem inoffiziellen „Gefängnis“ der Nationalgarde. Overton,
3. November 2026.
8. Erdmenger (wie Anm. 5), 107 f.
9. Vgl. Silnizki, M., „Fleischwolf“ und „Gräueltaten“ der Russen? Im Lichte der Geschichte und Gegenwart,
14. Januar 2026, www.ontopraxiologie.de.
10. Zitiert nach Boris Shub, Der Westen und die Zukunft Russlands, in: Der Monat, 4. Jg., H. 39, Dezember
1951, 255-258 (256, FN 1).
11. Loth, W., Die Teilung der Welt. Geschichte des Kalten Krieges 1941-1955. München 1980, 63 FN 16.
12. Mann, G., Was der Westen kann, in: Neue Rundschau 75 (1965), 592-610 (599 f.).
13. Mann (wie Anm. 12), 600.