Verlag OntoPrax Berlin

„Europa als Schicksal der Menschheit“?

Im Widerstreit der Zivilisationen

Übersicht

1. Dugins Interview „Jeder Westler ist ein Rassist“
2. Wertuniversalismus versus Wertpluralismus
3. Vom Rassismus zum Universalismus?

Anmerkungen

 

Christian Neef: „Dostojewski, der Antiwestler, hat lange in Deutschland gelebt. Kein Widerspruch?“
Alexander Dugin: „Überhaupt nicht. Je länger ein Russe im Ausland lebt, umso russischer wird er.
Deswegen verstehen mich die in Deutschland lebenden Russen so gut.“
(Dugin im Interview mit dem Spiegel, Juli 2014)

 

1. Dugins Interview „Jeder Westler ist ein Rassist“

Am 13. Juli 2014 veröffentlicht Der Spiegel ein Interview mit dem russischen Philosophen, Alexander Dugin (geb. 1962), unter der provokanten Überschrift „Jeder Westler ist ein Rassist“. Und im Untertitel des Interviews lesen wir: „Der russische Philosoph Alexander Dugin gilt als Vordenker Putins. Europa ist sein Feindbild: dekadent, abartig und ethnozentrisch zugleich“.

In der Einleitung zum Interview schreibt Der Spiegel über Dugin: „>Chefideologe Putins< nennen ihn die einen, von anderen wird er als Führer der Eurasischen Bewegung verehrt, Dritte wiederum bezeichnen ihn als politisches Chamäleon und als Schöpfer einer neuen Ideologie, die … sogar Elemente des Neofaschismus enthalte.“

Der Spiegel suggeriert mit seiner Titelauswahl und den einleitenden Worten die geistige Nähe zwischen Dugin und Putin. Zwar spiegelt der Titel korrekt Dugins Geisteshaltung wider, stammt der Satz doch aus seinem Mund. Im Interview selbst kritisiert der Philosoph aber Putin klar und deutlich, als er ihn „eine zutiefst gespaltene Persönlichkeit“ bezeichnet, indem er zwischen dem „lunaren“ und dem „solaren Putin“ unterscheidet.

Im Gegensatz zum „solaren Putin“, „wie ich ihn sehen möchte“, betrachtet der „lunare Putin“ die Welt „aus der Perspektive von Verträgen, Kooperationen, Gaslieferungen. Das ist der Pragmatiker. Zwischen beiden gibt es einen Konflikt.“ Putin ist mit anderen Worten in Dugins Augen viel zu sehr ein Geschäftsmann, ein Liberale, und viel zu wenig Patriot und Ideologe.

Von Dugin als einem „Vordenker“ oder gar „Chefideologen Putins“ zu sprechen, ist darum völlig abwegig und irreführend. Dugin sagt jedenfalls selber im Interview von sich, dass er Putin persönlich gar nicht kenne. Da gibt es in der Tat andere Prätendenten für den Posten des „Chefideologen“. Einer von ihnen ist der russische Philosoph, Iwan Iljin (1883-1954), der zwei Jahre nach Putins Geburt in der Schweiz gestorben ist und dessen sterbliche Überreste auf Putins Veranlassung am 3. Oktober 2005 in der Nekropole des Donskoi-Klosters in Moskau umgebettet wurden.

Putin hat in seinen öffentlichen Reden und Ansprachen wiederholt auf die Werke von Iwan Iljin Bezug genommen, 2009 besuchte er sogar persönlich das Donskoi-Kloster und legte Blumen an den restaurierten Grabsteinen nieder.

Was nun Alexander Dugin angeht, so schwankte er in seiner geistigen Entwicklung zwischen Nationalbolschewismus und Eurasismus. Heute ist er ein vehementer Befürworter des Krieges in der Ukraine – erst recht, nachdem seine Tochter, Darja Dugin, vom ukrainischen Geheimdienst vermutlich aus Versehen am 20. August 2022 ermordet wurde. Man zielte auf den Vater und traf die Tochter.

Das vom Spiegel-Redakteur, Christian Neef, im Westen Moskaus aufgenommene Interview artete in dessen Verlauf in einen heftigen Schlagabtausch aus, wobei Dugin im Laufe des Gesprächs immer emotionaler, herausfordernder und provokanter aufgetreten ist.

In Nachfolgendem wird der pointierteste Teil des Interviews wörtlich wiedergegeben, um unverfälscht zu zeigen, wie aktuell und brisant es zwölf Jahre nach seiner Veröffentlichung immer noch ist:

Neef: „Welche Belege haben Sie dafür, dass in Kiew der Faschismus sein Haupt erhebt?“
Dugin: „Wir haben es dort mit einer radikalen Form von Rassismus und Intoleranz zu tun, mit Chauvinismus. … Eine Russophobie rassistischer Prägung hat von Anfang an die Aktionen des Maidan durchdrungen, unter dem Motor: Wer jetzt nicht hüpft, ist ein Moskal … Das klingt wie: Wer jetzt nicht die Hand hebt, ist ein Zigeuner. … Oder >Moskal an den Ast< – das heißt: Tötet den Russen. Ich kann mir kein Land in der EU vorstellen, in dem die Leute auf die Straße gehen und rufen dürfen: >Bringt die Franzosen, bringt die Belgier um<! Das ist Faschismus. Amerika und Europa nutzen ihn für ihre geopolitischen Ziele … Der Begriff Faschismus wird bei ihnen übrigens aufgeweicht: Wer für Amerika ist, ist ein Guter. Wer es ablehnt, gilt als Faschist.“
Neef: „Das ist ein großzügiger Umgang mit dem Begriff Faschismus. Außerdem: Ich habe in Kiew zwar Russophobie erlebt, aber keinen Faschismus.“
Dugin: „Ja, klar. Sie als westlicher Journalist sind dazu erzogen, nur das zu sehen, was Sie sehen sollen. Das ist ein kultureller Code, eine Projektion …“
Neef: „Mit Ironie und Sarkasmus kommen wir jetzt nicht richtig weiter … Versuchen wir es anders: In Ihren Werken sprechen Sie davon, dass … die >Epoche der Geopolitik< angebrochen sei. Die Grenzen zwischen … dem Westen und dem Osten … würde quer durch Länder verlaufen. Eine kulturelle Grenze also?
Dugin: „Ja, eine Grenze zwischen Zivilisationen, zwischen verschiedenen Kulturen. … das ist ein ernstes Thema. Gibt es eine Zivilisation oder mehrere? Gibt es Werte, die für die gesamte Menschheit charakteristisch sind?“
Neef: „Es gibt verschiedene Zivilisationen und Kulturen, aber auch Werte, die allen gemeinsam sein sollten.“
Dugin: „Also doch nur eine universale Zivilisation? Das sehe ich anders, und hier ist auch unser Dissens. … Unterschiedliche Gesellschaften haben unterschiedliche Werte. Es gibt keine universellen Werte. Die westliche Zivilisation ist eine rassistische, ethnozentrische Zivilisation. Jeder Westler ist ein Rassist – kein biologischer, wie Hitler, aber kulturell. Deswegen denkt er, es gebe eine Zivilisation – oder Barbarei. Und diese Zivilisation beruhe auf Demokratie, Fortschritt, Menschenrechten, freier Marktwirtschaft und individueller Identität. Die Barbarei aber negiere dies alles, aus irgendwelchen religiösen Gründen. So denken die Westler, deswegen sind sie kulturelle Rassisten.“
Neef: „Das ist absurd.“
Dugin: „Nochmals: Es gibt nicht die eine Zivilisation, sondern viele unterschiedliche Formen. … Entweder Sie respektieren, dass … wir versuchen, jetzt möglichst viele gemeinsame Begriffe zu finden. Oder aber glauben Sie, dass Sie im Besitz der absoluten Wahrheit sind – was auch heißt, dass wir Russen einfach nicht wissen, was Menschenrechte, Liberalismus, Freiheit ist – dass Sie sich im Recht fühlen, die Menschenrechte in Afrika, Russland und China zu verteidigen. … Die östliche Zivilisation ist insofern überlegen, weil sie sich gegen den Rassismus der westlichen wehrt. Der Westler kommt her und sagt: Fortschritt, Technologie und Sicherheit sind auch unabdingbare natürliche Rechte der Russen.“
Neef: „Das bezweifeln Sie?“
Dugin: „Sie nicht? Europa weiß offenbar alles, es redet mit anderen wie mit Idioten.
Neef: „… Was werfen Sie dem dekadenten Westen vor?“
Dugin: „Dass er uns seine Kriterien aufzwingen will. … Im Westen stehen die Menschenrechte über denen des Kollektivs, in der islamischen Welt steht die Religion höher als das Recht des Einzelnen, in Russland sind es die Rechte der Gemeinschaft, kollektive Rechte. Bei allem Postmodernismus, bei aller Toleranz: Sie im Westen kommen nicht mit dem Problem des Anderen zu Recht. Für Sie ist das Andere immer etwas Negatives – oder dasselbe wie Sie. Sie finden einfach nicht den Schlüssel zum philosophischen Problem des Anderen … Sie versuchen, uns zu belehren, wie dieses Problem zu lösen ist, ohne dass Sie es selbst gelöst haben. Das war schon immer so: in der Kolonialzeit, in der Zeit der großen geographischen Entdeckungen, in der Epoche des europäischen Nationalismus, der Zeit des Westfälischen Friedens, in der Epoche der britischen Kolonialeroberungen, unter Hitler und in der Zeit des Liberalismus. Der Ethnozentrismus Westeuropas ist eine Konstante. Edmund Husserl … schrieb über die >europäische Menschheit< … Wer so spricht, schafft die Basis für den Ethnozentrismus, weil für ihn das >Europäische< und das >Menschliche< ein und dasselbe ist. Europa als Schicksal der Menschheit. Da muss man sich nicht über die Konzentrationslager wundern. Ich liebe Husserl, er ist mein Lieblingsphilosoph, ein Humanist. Aber auch ein Rassist. Alle europäischen Philosophen sind Rassisten. …“.

Man sieht in diesem Interview geradezu paradigmatisch, wie Dugin und Neef aneinander vorbeiredeten, ohne dass die zwischen den beiden Kontrahenten bestehende kulturelle, intellektuelle und zivilisatorische Kluft überbrückt werden konnte. Dass sich hinter diesem Dissens die unterschiedlichen geistesgeschichtlichen, rechts- und verfassungshistorischen Entwicklungen verbergen, die die Axiologie der jeweiligen Zivilisation maßgeblich prägen, entzieht sich der Reflexion der beiden Gesprächspartner, die in ihrer Geisteshaltung, Weltanschauung und Selbstverständnissen nicht unterschiedlicher sein konnten.

Und was das Verständnis des „Anderen“ betrifft, so geht es dabei nicht so sehr um die Suche nach dem „Schlüssel zum philosophischen Problem des Anderen“, wie Dugin zu wissen glaubt, als vielmehr um die Einsicht in die historisch bedingte zivilisatorische Differenz zu dem „Anderen“.

2. Wertuniversalismus versus Wertpluralismus

Wenn man die Existenz mehrerer unterschiedlicher und andersartiger Zivilisationen postuliert und den westlichen Anspruch, die einzig >wahre< „universale Zivilisation“ zu sein, negiert, wie Dugin es tut, so muss man davon ausgehen, dass der westliche „Wertuniversalismus“ eine Fata Morgana ist, im krassen Gegensatz zum historisch gewachsenen Wertpluralismus steht, sodass von einer fortschreitenden Entwicklung hin zur universalen Zivilisation keine Rede sein kann.

Weder das Christentum noch die antike Welt glaubten freilich so an den Fortschritt, wie der „Westen“ heute immer noch glaubt. „Wenn das biblische und griechische Denken irgendwo übereinstimmen, so in der Freiheit von der Illusion des Fortschritts,“ schreibt der deutsch-jüdische Philosoph, Karl Löwith (1897-1973).1

Glaubten die Griechen an die ewige und unvergängliche Physis des Kosmos und denaturierte die Offenbarungstheologie die Physis und den Kosmos, indem sie diese als aus sich bestehend negiert, und vom Schöpfungsgott aus dem Nichts schaffen lässt, so glaubt der vom messianischen Sendungsbewusstsein inspirierte westliche Wertuniversalismus, seine universalen Werte aus dem Nichts schaffen zu können, indem er sich selbst enthistorisiert, sein historisch gewachsenes Selbstverständnis universalisiert, die wertfremden Machträume wertlogisch delegitimiert, um anschließend seine Wertvorstellungen kraft der eigenen „Wertvollkommenheit“ zu oktroyieren.

So hat der prognostizierte Vormarsch von Demokratie und Menschenrechten beinahe den Charakter von einem unausweichlichen Fatum wie von einer göttlichen Vorsehung. Sowohl wer ihn fördert wie wer ihm widerstrebt, ist ein blindes Werkzeug in der Hand einer Macht, die die Geschichte lenkt. Diese „unvermeidliche“ Entwicklung von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaat sei „eine providentielle Tatsache und sie besitzt alle Merkmale eines göttlichen Ratschlusses: sie ist universal … alle Ereignisse und Menschen dienen ihrem Fortschritt“.

Der Versuch, die Demokratie auszubremsen, würde bedeuten, gegen die Vorsehung und „gegen Gott selbst zu kämpfen“. Die Unmöglichkeit, diesen Vormarsch aufzuhalten, „ermöglicht andererseits die Voraussagbarkeit ihrer künftigen Entwicklungen“ (Löwith, ebd., 21). Nur innerhalb dieser säkularisierten Eschatologie werden die westlichen Werte „universal“.

Die westliche universale Idee erweist sich damit als ein säkularisierter Schöpfungsglaube, dessen Demiurg der Westen selbst ist, der seine Werte dergestalt aus dem Nichts schaffen lässt, dass die wertfremden Machträume infolge ihres „Vergänglichkeitscharakters“ an sich selbst zugrunde gehen, von selbst wertlos werden und sich anschließend der „unvergänglichen“, „ewigen“ westlichen Werttransfusion unterziehen lassen.

Diese kulturellen Grenzen ignorierende und alle völkerrechtlichen Grenzen sprengende säkularisierte Eschatologie macht das Selbstverständlichste zum Allerfragwürdigsten, indem sie den historisch gewachsenen, faktisch existierenden Wertpluralismus negiert.

Weder die antike Welt noch die christliche Theologie haben die Welt so begriffen, wie die „aufgeklärte“ westliche Moderne. Verändert hat sich allerdings zunächst nur „das Weltbild von der Welt. Aber was verbürgt uns“ – fragte Karl Löwith einst -, „dass das moderne Weltbild der mathematischen Physik die physis angemessener versteht, als die Physik etwa des Aristoteles … Es gibt zwar eine moderne Naturwissenschaft, aber keine moderne Natur.“2

Und wer verbürgt uns, dass sich die Ordnung des globalen Raumes nach den Wertvorstellungen des westlichen Universalismus „besser“, d. h. friedfertiger gestalten lässt, als die Ordnung des hier und heute existierenden Wertpluralismus?

3. Vom Rassismus zum Universalismus?

Dugins provokante These vom „kulturellen Rassismus“ des „Westens“ kann nur im historischen Kontext bestätigt oder widerlegt werden.

Im Eifer des Gefechts gegen den Sowjetkommunismus hat der Westen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – bewusst oder unbewusst, sei dahin gestellt – die eigene imperialistische und kolonialgeschichtliche Vergangenheit verdrängt, in welcher rassische Vorstellungen und Weltanschauungen überall in der öffentlichen Meinung vorherrschten, und zwar nicht erst mit dem „politisch organisierten Rassismus des Hitlerregimes“, der „eine so außerordentlich starke Anziehungskraft in den dreißiger Jahren in Europa, und nicht nur in Europa“ (Hannah Arendt)3 hatte. „Das doppelte Gesicht Europas“ nannte Hauke Brunkhorst dieses Verdrängungsphänomen.4

Die europäische Geschichte stellt sich seiner Meinung nach „als Verdrängung und Wiederkehr des Verdrängten“ dar und dieses Verdrängte lebt „untergründig fort“5. Vom „Scheitern des europäischen Humanismus schon Jahrhunderte vor dem Holocaust“ sprach der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, als er uns an „eine bis heute ungesühnte Vergangenheit“ erinnerte6.

„Denn wenn etwas die atlantische Welt bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zusammengehalten hat, dann war es die Sklaverei, ihre unverwechselbare gesellschaftliche Institution“, fügte Jürgen Osterhammel zustimmend hinzu7.

„Den Rassebegriff“ – rief Hannah Arendt einst in Erinnerung – „haben weder Nazis noch die Deutschen entdeckt, er ist nur nie vorher mit solch gründlicher Konsequenz in die Wirklichkeit umgesetzt worden.“ Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden und im 19. Jahrhundert „nahezu gleichzeitig in allen nationalstaatlich organisierten Ländern Europas“ voll ausgebildet, wurde der Rassebegriff dann um die Jahrhundertwende „zu der eigentlichen Ideologie aller imperialistischen Politik.“8

Er ist das Kind des Nationalstaates, aus dem der europäische Imperialismus hervorgegangen ist. „Der Rassebegriff erschien in der Arena politischen Handelns in dem gleichen Moment, in dem die europäischen Völker sich nationalstaatlich organisierten.“9 Er diente als Ideologie des „europäischen Imperialismus“, der sich zwar „in den Formen nationalstaatlicher Rivalität entfaltet hat“, zugleich aber im Sinne der „übernationaler Expansionspolitik“10 benutzt wurde. Der europäische Imperialismus versuchte, so gesehen, „das Prinzip des Nationalstaats dem Bedürfnis nach übernationaler Expansionspolitik überzustülpen.“11

Der Imperialismus bot innenpolitisch Chancen einer Ablenkung von systembedrohenden und Establishment gefährdeten Kräften in die äußere Expansion und damit einer Aufrechterhaltung des Status quo dergestalt, dass er danach strebte, „den Markt zu erweitern, die Wirtschaft zu sanieren und ihr Wachstum zu gewährleisten, um damit … die inneren Machtverhältnisse zu stabilisieren“ bzw. „von den inneren Mängeln des sozioökonomischen und politischen Systems abzulenken.“12 „Wenn man den Bürgerkrieg vermeiden will“ – formulierte Cecil Rhodes seine berühmte Alternative -, „muss man Imperialist werden.“13

Und außenpolitisch bedeutete er eine grenzenlose Expansionspolitik. Für alle „modernen Nationen“ – beteuerte der französische Ministerpräsident Jules Ferry 1884 – ist die Expansionspolitik „eine Notwendigkeit wie der Markt selber“.14 Die Expansion des „europäischen Imperialismus“ gründete auf „den rassenpolitischen Prinzipien, die unabänderlich von den weißen Herren befolgt wurden, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichen Milderungen. … Wo verschiedene Rassen zur Verfügung stehen, mag man sie dadurch getrennt halten, dass man eine Rasse für etwas höhere Funktionen ausbildet, damit sie sich über die anderen erhaben fühle. Wo unterschiedliche Rassen nicht verfügbar sind, ist es sicherer, jede Ausbildung der Eingeborenen überhaupt zu unterlassen.“15

Der Totalitarismus des 20. Jahrhunderts hat das Zeitalter des europäischen Rassismus und Imperialismus verdrängt und ihn mit seiner Brutalität und Bestialität in den Schatten gestellt. „Verdrängt wurden die vielen kolonialen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die, was die bloße Zahl der in kurzen Zeiträumen Ermordeten und das Ausmaß der Grausamkeiten angeht, den japanischen und deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs, der im pazifischen Raum schon Mitte der dreißiger Jahre begann, kaum nachstehen. Verdrängt wurde die Einübung der rassistischen Vernichtungspraxis im Herzen der Finsternis, lange bevor die Taten in Europas Bloodlands wiederholt wurden. Von alldem findet sich in den offiziellen Dokumenten der Union, die immer wieder Europas Geschichte im kosmopolitischen Friedensprojekt der EU enden lassen, nicht eine einzige Spur.“16

So wie der Rassismus „die politische Waffe des Imperialismus“ war17, ist heute der Universalismus als Funktion der Geopolitik18 die außenpolitische Waffe des westlichen bzw. US-amerikanischen Hegemonismus, der sich seit dem Ende des Ost-West-Konflikts der sog. „Chaos-Theorie“ bedient. Die von einem US-amerikanischen Karrierediplomaten, Steven R. Mann (geb. 1951), in seinem bereits 1992 veröffentlichten Aufsatz „Chaos-Theory and Strategic Thought“ formulierten Grundgedanken besagen, dass die USA „gezielt komplexe gesellschaftliche Dynamiken steuern (sollen), um Gesellschaften in chaotische Phasen hineinzutreiben. In solch chaotischen Phasen ist die Gesellschaft zum Vorteil der USA formbar. … Um die Konfliktenergie in einer Gesellschaft im Sinne der nationalen Sicherheitsinteressen der USA zu manipulieren, soll die ideologische Software einer Gesellschaft verändert werden, so wie es ein Hacker im Internet tut. … Der ideologische Virus, den die USA verbreiten sollten, besteht aus eben jenen Ideen, die die US-Ideologie ausmachen. Ideologie ist nur ein anderer Name für einen menschlichen Software-Virus. Mit diesem ideologischen Virus als Waffe sollten die USA in den – im übertragenen Sinne gesprochen – ultimativen biologischen Krieg ziehen. Die USA sollten in dieser biologischen Kriegsführung Zielbevölkerungen mit den ideologischen Konzepten des demokratischen Pluralismus und der Achtung der individuellen Menschenrechte infizieren. … Auf diese Weise sollten die USA versuchen, eine Weltordnung zu errichten, die für sie auf lange Dauer gesehen vorteilhaft ist.“19

Diese sog. „Chaos-Theorie“ ist nichts anderes als eine Neuauflage des alten europäischen Rassismus, der universalistisch verklärt, als Universalideologie von „Demokratie“ und „Menschenrechten“ konzipiert wird und den fremden Kulturen und Völkern zwecks Aufrechterhaltung der US-amerikanischen Hegemonie „auf lange Dauer“ aufoktroyiert werden soll.

An Stelle des europäischen Rassismus als der „politischen Waffe des Imperialismus“ (Hannah Arendt) tritt der Universalismus als Ideologie20 des US-amerikanischen Hegemonismus, den man auch als geopolitischen Rassismus bezeichnen könnte. An Stelle des biologischen Rassismus tritt „der ideologische Virus als Waffe“, mit dem die anderen Kulturen und Völker „infiziert“ werden sollten, um die „Zielbevölkerungen“ mit dem „demokratischen Pluralismus“ und den „individuellen Menschenrechten“ zu „beglücken“.

Kein Wunder, wenn Thomas Bargatzky anschließend empört feststellt: „Von Madeleine Albrights halber Million toter Kinder über Ledeens kreative Zerstörung und Condis Geburtswehen zu Hillary Clintons monströsem Gelächter bei der Nachricht vom Tod des libyschen Staatschefs Gaddafi, der in einem von den USA mitverantworteten Bürgerkrieg von Islamisten mit einem Bajonettstich in den Anus ermordet wurde – welch ein Horrorkabinett von Humanisten, welch eine >Koalition der Willigen<, die hier für >unsere Werte< kämpft!“21

„Dient heute die Berufung auf Menschenrechte“ – stellte Ingeborg Maus bereits 1999 fest – „direkt der Legitimation militärischer Aktionen und wird die UN-Charta … interventionsgerecht uminterpretiert, so werden umgekehrt Menschenrechte in diesem neuen Kontext um genau die individualistische Dimension verkürzt, die ihre ursprüngliche Bedeutung ausmachte: Die militärische Intervention zum Zweck der Menschenrechte kommt als militärisch nicht umhin, gleichzeitig ganz fundamentale Menschenrechte auf Leben und körperliche Unversehrtheit zu verletzen, ohne doch die Zustimmung der betroffenen Individuen als Träger dieser Rechte einholen zu können. Menschenrechte werden so von individuellen subjektiven Rechtsansprüchen zu objektiven Systemzwecken verkehrt.“22

Die Postulierung des Vorbildcharakters des eigenen Lebens- und Weltentwurfes für alle Kulturen und Völker und dessen anschließende Universalisierung implizieren nicht nur „den großen Wahn“ (Thomas Bargatzky) und sind nicht nur ihrer Natur nach rassistisch, sondern führen letztlich auch zur Militarisierung der Menschenrechtsideologie und bergen in sich dadurch eine gefährliche, weil friedensgefährdende Eskalation der nie enden wollenden Großmächterivalität. Sie verkennen zugleich die Einmaligkeit und Einzigartigkeit der eigenen geistes-, verfassungs- und rechtsgeschichtlichen Entwicklung.23

Im Glauben, wir leben endlich in einer von der Blockkonfrontation der Nachkriegszeit befreiten entideologisierten Welt, merken wir gar nicht mehr, wie wir unsere sog. „westlichen Werte“ längst geopolitisiert haben, indem wir sie als das demokratisch, menschenrechtlich und rechtsstaatlich verklärte „Heiligtum“ universalisieren und wie einen Popanz vor uns tragen, um damit die ganze Welt „beglücken“ zu wollen, selbst wenn diese Welt gar nicht beglückt werden möchte.

Dass dieser für die Ewigkeit errichtete Tempel der „westlichen Werte“ bzw. des hegemonialen Universalismus ein geopolitisches Märchen bleibt, möchten wir natürlich nicht wahrhaben, da wir längst verlernt haben, ja nicht einmal mehr gewillt sind, die Andersartigkeit der anderen Kulturkreise, in denen eine andere soziale Ordnung, eine andere „Regelwelt“ (Theodor Viehweg) herrscht, zu akzeptieren und zu respektieren.

Dieser hegemoniale Universalismus macht das Selbstverständlichste zum Allerfragwürdigsten, indem er den historisch gewachsenen, faktisch existierenden Wertpluralismus negiert und dadurch desavouiert. Die stattfindende ideologische, geoökonomische und geopolitische Rivalität führt ins Nirgendwo, da ihr eine affirmative Gestaltung einer neuen Weltordnung fehlt.

Was morgen entsteht, ist weder Post-Moderne noch ein Gegenentwurf zur „westlichen Zivilisation“ und schon gar nicht eine erneuerte „liberale Weltordnung“; was morgen entsteht, sind mehrere selbstständig und global agierende, von- und gegeneinander abgegrenzte Machträume. Sie bleiben dauerhaft auf Konfrontationskurs unter ständiger Gefahr einer ungewollten Eskalation oder einer gezielten Zuspitzung bis zum unvermeidbaren Zusammenprall der verfeindeten und bis auf die Zähne bewaffneten geopolitischen Rivalen. Die Welt wird ungemütlicher und es ist kein Ausweg in Sicht.

Anmerkungen

1. Löwith, K., Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Tübingen 1983, 214.
2. Löwith, K., Wissen, Glaube und Skepsis. Stuttgart 1985, 262 f.
3. Arendt, H., Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München Zürich 1967, 267.
4. Brunkhorst, H., Das doppelte Gesicht Europas. Zwischen Kapitalismus und Demokratie. Berlin 2014.
5. Brunkhorst (wie Anm. 4), 7.
6. Zitiert nach Osterhammel, J., Sklaverei und die Zivilisation des Westens. 2. Aufl. München 2009, 22. 12.
7. Osterhammel (wie Anm. 6), 26.
8. Arendt (wie Anm. 3).
9. Arendt (wie Anm. 3), 271.
10. Wehler, H.-U., Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Imperialismus. Köln Berlin 1970, 11-36 (14).
11. Bracher, K.-D., Deutschland zwischen Demokratie und Diktatur. München 1964, 376; zitiert nach Wehler
(wie Anm. 10), 14.
12. Wehler (wie. Anm. 10), 26.
13. Zitiert nach Wehler, H.-U., Sozialimperialismus, in: ders. (wie Anm. 10), 83-96 (86).
14. Zitiert nach Wehler (wie Anm. 10), 87.
15. Heimann, E., Rassismus und Imperialismus, in: Wehler, H.-U. (wie Anm. 10), 97-100 (98).
16. Brunkhorst (wie Anm. 4), 15 f.
17. Arendt (wie Anm. 3), 271.
18. Silnizki, M., Universalideologie als Funktion der Geopolitik. Zur Frage nach Universalität und Humanität
der westlichen Werte. 6. Oktober 2021, www.ontopraxiologie.de.
19. Zitiert nach Bargatzky, Der große Wahn. Der neue Kalte Krieg und die Illusionen des Westens. Baden-Baden
2020, 102 f.
20. Silnizki, M., Außenpolitik ohne Außenpolitiker. Zum Problem der Außenideologie in der Außenpolitik. 6.
Dezember 2021, www.ontopraxiologie.de.
21. Bargatzky (wie Anm. 19), 106.
22. Maus, I., Der zerstörerische Zusammenhang von Freiheitsrechten und Volkssouveränität in der aktuellen
nationalstaatlichen und internationalen Politik (1999), in: ders., Über Volkssouveränität. Elemente einer
Demokratietheorie. Berlin 2011, 359-374 (361).
23. Näheres dazu Silnizki, M., Russische Wertlogik. Im Schatten des westlichen Wertuniversalismus. Berlin
2017, 76 ff.

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