Verlag OntoPrax Berlin

Verwirrtes Europa

Steht die EU vor dem Zerfall?

Übersicht

1. Die EU als„irregulare aliquod corpus et monstro simile“?
2. „Die EU steht vor einem beispiellosen Dilemma“

Anmerkungen

 

„The EU heads into a perfect political storm“
(Die EU steuert auf einen perfekten politischen Sturm zu)

(Politico, 19.10.2026)

 

1. Die EU als„irregulare aliquod corpus et monstro simile“?

Im Jahr 2012 diagnostizierte der Emeritus, Dieter Senghaas (geb. 1940), die Verfasstheit der bestehenden Weltordnung als einer Weltordnung „in einer zerklüfteten Welt“. „Die derzeit immer noch markanteste Zerklüftung der Welt zeigt sich in der Makrostruktur der Weltwirtschaft. … Der seit den 1990er-Jahren beobachtbare Globalisierungsschub hat die Zerklüftungen … in begrenzten Segmenten der Weltwirtschaft etwas abgebaut, im Allgemeinen jedoch akzentuiert“, schreibt Senghaas in seinem Werk „Weltordnung in einer zerklüfteten Welt“1.

Seit dieser Diagnose sind lediglich vierzehn Jahre vergangen und man hat das Gefühl, als befände sich die Menschheit heute nicht nur und nicht so sehr in einer zerklüfteten als vielmehr in einer verwirrten Welt, die weder ein noch aus weiß und ratlos darüber ist, was auf sie noch zukommt.

Und im Epizentrum dieser Verwirrung steht Europa mit seinen sozialen Verwerfungen, einem immer sichtbar werdenden ökonomischen Niedergang, militärtechnologischen Rückstand und fortscheitenden und unaufhaltsamen geopolitischen Bedeutungsverlust.

Zwar erlebt Europa den Zustand der Verwirrung nicht zum ersten Mal in seiner Geschichte. Zuerst sprach Pieter Valckenier 1677 vom verwirrten Europa in seinem gleichnamigen Buch „Das verwirrte Europa“, das die blutigen Kriege und politischen Umbrüche in den Niederlanden und Europa beschreibt. Betrachtet man die europäische Geschichte von jüngerem Datum, so denkt man gleich an Max Ernst (1891-1976) mit seinem inmitten des Zweiten Weltkrieges 1942 gemalten Gemälde „Der verwirrte Planet“ (The Bewildered Planet), der die Ängste und Sorgen in einer Zeit des Grauens und der Vernichtung des „lebensunwerten Lebens“ anschaulich macht.

Noch ist aber Europa nicht soweit, noch herrscht Frieden in Europa, sieht man von der ostslawischen Peripherie ab. Das allgegenwärtige Gefühl der Desorientierung, Unsicherheit und Ohnmacht greift dessen ungeachtet um sich und fordert seinen Tribut – einen Tribut der Resignation, Apathie und Desillusionierung, die uns nicht loslassen – und wir uns stets ein und dieselbe Frage stellen: Wie konnte es dazu überhaupt kommen? Und warum haben wir diese Entwicklung nicht voraussehen können, obschon sie durch und durch voraussehbar war.

Immerhin ist die EU (noch) nicht, wie einst das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, zusammengebrochen, auch wenn sie auf dem besten Wege dahin zu sein scheint. In seiner Schrift De statu imperii Germanici bezeichnet Samuel von Pufendorf (1632-1694) im Jahr 1667 die Verfassung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation als „irregulare aliquod corpus et monstro simile“ (irregulärer und einem Monstrum ähnlicher Körper), das klang- und geräuschlos anno 1806 zugrunde gegangen ist.

Pufendorf meinte damit, dass das Reich in keine der damals gängigen klassischen Staatsformen von Aristoteles passte, sodass das Bild des Ungeheuers oder Monstrums im 17. Jahrhundert nicht rein abwertend gemeint war, sondern lediglich etwas von der Norm Abweichendes bezeichnete.

Auch die EU ist, so gesehen, ein „irregulärer und einem Monstrum ähnlicher Körper“. Und es sieht heute danach aus, dass die EU das gleiche Schicksal wie das Heilige Römische Reich Deutscher Nation widerfahren kann, sollte sie sich mit zunehmender Intensität weiterhin militaristisch gebärden und, um die Ukraine verbissen kämpfend, einen aussichtslosen Kampf führen.

Ob das EU-europäische „Monstrum“ mit ihrer militanten Monstrosität (im modernen Sinne des Wortes) grandios scheitert und anschließend untergeht, hängt darum maßgeblich vom Ausgang des Ukrainekonflikts ab. Denn der Ukrainekrieg hat nicht nur eine geo- und sicherheitspolitische, sondern auch eine innereuropäische Dimension, die an sozialen Unruhen in den zahlreichen EU-Staaten als Folge der Unterfinanzierung des Sozialstaates bzw. einer Umschichtung von sozialen Ausgaben hin zur drastischen Erhöhung der Militärausgaben sowie einer nicht mehr zu leugnenden Depravierung der Wettbewerbsfähigkeit der EU-Volkswirtschaften abzulesen ist.

Es ist schon lange her, dass die Europäer länderübergreifend die vergleichbaren innereuropäischen Unruhen erlebten, die vor dem Hintergrund der aktuellen weltpolitischen Verwerfungen aller Art immer skurriler und unheimlicher werden.

Die weltpolitischen Entwicklungen der vergangenen dreißig Jahre sind zum einen ein Lehrstück dafür, wie geo- und sicherheitspolitisch auch in Europa alles falsch gemacht wurde, was nur falsch gemacht werden konnte.

Zum anderen sind die sozialen Unruhen in Europa direkte Folge der EU-europäischen Energie- und Russlandpolitik sowie der hegemonialen US-amerikanischen Weltordnungspolitik seit dem Untergang der Sowjetunion. Manche Zeitgenossen blicken zunehmend besorgt auf die EU, in der sie immer mehr einen im Zerfall begriffenen und dem Monstrum ähnlich werdenden politischen Körper sehen.

Auch unsereiner blickt besorgt auf eine seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine mit Riesenschritten fortschreitende Umwandlung der EU von einer politischen und Wirtschaftsunion in einen EU-Militärblock, der sich auf einen nicht zu gewinnenden Krieg gegen Russland vorbereitet.

  2. „Die EU steht vor einem beispiellosen Dilemma“

„Früher war allen klar, dass wir bis Ende des Jahres eine politische Einigung erzielen müssen“, sagte der zypriotische Präsident Nikos Christodoulides in einem Interview mit Politico-Reporter, Sebastian Starcevic, am Rande des am 15./16. Oktober 2026 in Brüssel stattgefundenen EU-Gipfels der Staats- und Regierungschefs und bezog sich dabei auf die schwierigen EU-Haushaltsverhandlungen.2

Die Wahlen in Spanien bedeuten jedoch, dass dies nicht mehr möglich sein wird, sagte Christodoulides und fügte gleich hinzu: Im nächsten Jahr „werden Frankreich, Italien und andere Länder wählen“, sodass es mit weiteren Komplikationen für den Staatenbund zu rechnen sei.

„Die EU steht vor einem beispiellosen Dilemma (The EU is facing an unprecedented dilemma): In ihren vier größten Volkswirtschaften stehen Wahlen oder politische Umbrüche bevor, was die Handlungsfähigkeit des Staatenbundes potenziell stark beeinträchtigen könnte“, resümiert Politico und fährt fort:

In Spanien finden im nächsten Monat Wahlen statt, bei denen die Mitte-Rechts- und die Rechtsextremen gute Chancen auf die Machtübernahme haben. Frankreich wechselt im April den Präsidenten; Umfragen sehen die rechtsextreme Kandidatin Marine Le Pen vorn. Die AfD ist im Aufwind und stellt die Kanzlerschaft von Friedrich Merz infrage. Auch die ungewöhnlich lange amtierende Regierung der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni steuert auf Neuwahlen im Jahr 2027 zu.“

Der EU stehen mit anderen Worten turbulente und womöglich umwälzende Zeiten bevor, was dazu führen könnte, dass die Völker Europas die an der Macht stehenden Kriegsfalken mit von der Leyen, Macron, Merz und einem x-beliebigen britischen Premier an der Spitze zum Teufel jagen würden. Man würde dann die echte und nicht nur scheinbare „Zeitenwende“ bekommen, wie der Altkanzler Olaf Scholz sich am 27. Februar 2022 drei Tage nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine in seiner Regierungserklärung ausdrückte.

Welche „Zeitenwende“ werden wir aber dabei erleben? Könnte diese dann zum EU-Zerfall oder zum Zusammenhalt der europäischen Völker führen? Vor welchem „beispiellosen Dilemma“ stehen wir? Diese Fragen im Blick berichtet Politico über die gescheiterte EU-Gipfel entsetzt und entrüstet:

„Der jüngste EU-Gipfel gab einen ersten Vorgeschmack auf die bevorstehenden Entwicklungen: Nach zweitägigen Verhandlungen konnten die Staats- und Regierungschefs beim 2-Billionen-Euro-Haushalt keine Einigung erzielen und gerieten stattdessen in einen unerwartet heftigen Streit über die Energiepolitik. … Die Mitgliedstaaten wehrten sich gegen den Vorstoß von EU-Ratspräsident António Costa, eine Frist bis Ende 2026 festzulegen, obwohl für November und Dezember weitere Gipfeltreffen geplant sind.

Sollten diese Treffen zu keiner Einigung führen, werden sich die ohnehin schon schwierigen Gespräche bis ins Jahr 2027 hineinziehen, wenn die Wahlkämpfe die Verhandlungen voraussichtlich noch stärker überschatten und die Regierungen möglicherweise zunehmend zögerlicher sein werden, die für eine Einigung notwendigen Kompromisse einzugehen. …

Anstatt größere Abkommen zu schließen …, nutzten die Staats- und Regierungschefs das Treffen, um ihre festgefahrenen Positionen zu festigen und taktische Vorteile gegenüber rivalisierenden Lagern zu erlangen.

Der Pessimismus war deutlich spürbar, wie sechs Diplomaten und Beamte gegenüber Politico berichteten. … „Nächstes Jahr wird es noch schlimmer sein“, sagte ein hochrangiger EU-Diplomat.“

„Von der Aushöhlung des transatlantischen Bündnisses durch US-Präsident Donald Trump bis hin zu einem sich stetig vergrößernden Handelsungleichgewicht mit China sieht sich die EU zunehmenden geopolitischen und wirtschaftlichen Belastungen an mehreren Fronten ausgesetzt“, kommentiert Politico diese Stimmung und fährt fort:

„Sie suchen unsere Spaltung. Sie wollen unsere Spaltung“, sagte der belgische Premierminister Bart De Wever Reportern bei einer späten Pressekonferenz während des Gipfels. Er nannte keine Namen, bezog sich aber auf Länder östlich und westlich von Brüssel. „Und natürlich gibt es Punkte, an denen sie uns schaden können.“

Der ehemalige litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis, heute Gastwissenschaftler an der Stanford University, äußerte sich weniger zurückhaltend. „Wir werden nun von drei Seiten angegriffen: von den USA, Russland und China“, sagte er selbstmitleidend.

„Washington stellt die alten Bündnisse infrage, die die europäische Sicherheit über Generationen hinweg gewährleistet haben. Moskau führt einen Schattenkrieg in ganz Europa von Cyberangriffen und Sabotageakten bis hin zu einem versuchten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig, für den Berlin den Kreml verantwortlich machte. Peking verstärkt seine Kontrolle über wichtige Lieferketten und überschwemmt die europäischen Märkte mit Billigimporten.

Dann ist da noch das Ukraine-Problem. Laut IWF droht dem Land im nächsten Jahr ein Haushaltsdefizit von 30 bis 35 Milliarden US-Dollar, da Russland die Energieinfrastruktur vor einem harten Winter massiv beschädigt hat. Und das trotz der 90 Milliarden Euro, die die EU bereits im letzten Jahr zugesagt hat.“

Die kommenden Monate sehen für Kiew „äußerst düster“ aus. „Alles lastet auf den Schultern Europas“, sagte Landsbergis. Und Selenskyj? Er schlug beim EU-Gipfeltreffen düstere Töne an und schüchterte die anwesenden Staats- und Regierungschefs mit der Aussage ein, dass im Falle eines Zusammenbruchs der Ukraine 20 Millionen Ukrainer in die EU strömen würden. „>Russland bringt uns um<, sagte Selenskyj. >Sie wollen nicht aufhören<“ („Russia is killing us,“ he said. „They don’t want to stop.“)

Dass Selenskyj mit seinem im Sommer 2026 angekündigten und gescheiterten „40 Tage-Siegesplan“, der Russland zum Waffenstillstand zwingen sollte, die Hauptverantwortung für die Eskalation trägt, davon will er inzwischen nichts mehr wissen.

Wie dem auch sei, Panik und Verzweiflung breiten sich in den EU-Machtetagen aus. Die europäischen Kriegsfalken haben sich mit der Ukraine übernommen und sind darüber hinaus empört und entsetzt über die „undankbaren“ und „widerspenstigen“ Völker Europas, die sich „erdreisten“, sich gegen den Krieg und infolgedessen gegen den sozialen und ökonomischen Niedergang Europas zu wehren. Wie können die es nur wagen, der EU-Obrigkeit die Stirn zu bieten und die rote Karte zu zeigen.

Nein, all die von der Leyens, Macrons und Merz´ dieser realexistierenden Europäischen Union brauchen willfährige Untertanen und keine mündige und aufgeklärte Bürger Europas! „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“!

Wie zu Zeiten des preußischen Ministers Friedrich Wilhelm Graf von der Schulenburg ruft die EU-Obrigkeit ihre „Untertanen“ zur Ruhe, indem sie mittels Desinformation und Manipulation versucht, die Unruhen im Keim zu ersticken. Mit wenig Erfolg, wie man in zahlreichen EU-Ländern beobachten kann.

Nach der Niederlage der preußisch-sächsischen Armee gegen die Truppen Napoleons in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 drohte die Einnahme Berlin, woraufhin Graf von der Schulenburg am 17. Oktober 1806 rote Plakate in Berlin anschlagen ließ, um Panik zu verhindern. Der genaue Wortlaut lautete:

„Der König hat eine Bataille verloren. Jetzt ist Ruhe die erste
Bürgerpflicht. Ich fordere die Einwohner Berlins dazu auf. Der König
und seine Brüder leben!“

Vor einer unabwendbaren Kriegsniederlage in der Ukraine stehend, ruft auch die EU-Obrigkeit zur Ruhe, sucht fieberhaft nach Wegen das eigene Versagen zu verschleiern, den Bürgern Europas Sand in die Augen zu streuen und die europaweiten Unruhen auszusitzen oder einfach wie Macron zu ignorieren.

Der Möchtegern-Napoleon, Emmanuel Macron, steht erneut in der Kritik, weil er am Freitag, den 16. Oktober 2026, unmittelbar vor dem Ausbruch landesweiter, schwerer Unruhen ein Konzert von Céline Dion in Paris besuchte. Offenbar verfährt Macron samt seiner EU-Kamarilla getreu dem berühmten, fälschlicherweise der französischen Königin Marie-Antoinette zugeschrieben Spruch: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.“

Die Zeiten in Europa stehen auf Sturm! Ob Europa gerettet bzw. von der Machtarroganz der abgewirtschafteten EU-Machteliten befreit wird, hängt davon ab, ob an deren Stelle die neuen, handlungsfähigeren und kompetenteren Machteliten treten.

Anmerkungen

1. Senghaas, D., Weltordnung in einer zerklüfteten Welt. Hat Frieden Zukunft? Berlin 2012, 131 f.
2. Starcevic, S., The EU heads into a perfect political storm, Politico, 19. Oktober 2026.

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