Julianne Smith und ihre „hybriden“ Phantasien
Übersicht
1. Propaganda ohne Ende?
2. Historische Reminiszenzen
3. In Nachahmung des Sisyphus
Anmerkungen
„Nichts wird rechts und links mich kränken,
Folg ich kühn dem raschen Flug;
Wollte jemand anders denken,
Ist der Weg ja breit genug.“
(Goethe, Zahme Xenien, 1827)
1. Propaganda ohne Ende?
Man ist mittlerweile der nicht enden wollenden Propaganda in den transatlantischen Mainstream-Medien überdrüssig. Tagtäglich hört man haltlose Einwürfe, nichtssagende Schlagworte oder pauschale Behauptungen: Russland greife uns an, bedrohe unsere Freiheit, gefährde den Frieden und Sicherheit in Europa, führe den „hybriden Krieg“ gegen uns, betreibe eine gezielte Desinformation und Manipulation usw. usf.
Stets einer Gehirnwäsche unterzogen, verbleiben wir in den Niederungen medial verzerrter Realität und wühlen nervös im medialen Abfall der uns aufgetragenen und aufgezwungenen Scheinwirklichkeit, bilden uns ein, bestens informiert und ausreichend aufgeklärt zu werden, merken aber nicht, wie wir ständig zwischen den Mühlsteinen medialer, sich als „Wahrheit“ gebärdender Propaganda regelrecht zerrieben werden.
Die vermeintliche „Wahrheit“ verdünnt sich bei näherem Hinsehen meistens zu einer aus haltlosen Behauptungen und fassungslos machenden Anschuldigungen konstruierten Pseudo-Realität, ungeschützt gegen den Einwand, dass auch sie nichts weiter als eine gezielt gestreute Desinformation und Manipulation des Publikums ist. Da möchte man erneut mit Goethe (Zahme Xenien, 1827) am liebsten immer wieder und immer lauter in die Menge rufen:
„Ursprünglich eignen Sinn
Lass dir nicht rauben!
Woran die Menge glaubt,
Ist leicht zu glauben.
Natürlich mit Verstand
Sei du beflissen;
Was der Gescheite weiß,
Ist schwer zu wissen.“
In unserem so „aufgeklärten“ Zeitalter scheint ja alles machbar, denkbar und dehnbar zu sein. Gedrillt und dressiert werden wir darauf getrimmt, ein medial gleichgeschaltetes Einheitsbewusstsein zu entwickeln. Zum Übermaß gesteigert, erzieht dieses Bewusstsein zur vorauseilenden Anpassung des eigenen Denkens an das „je Vorfindliche“ in seiner Orientierung an den „Tageswertungen“, „die je für sich objektive Geltung verlangend, die Freiheit eher zerstören als fundieren“1.
Ein solches gleichgeschaltetes Einheitsbewusstsein macht die Fähigkeit zum selbst- und eigenständigen Denken unmöglich – erst recht, wenn ein geschichtliches bzw. zeitgeschichtliches Wissen fehlt. Unsere von historischem Kontext losgelösten Tageswertungen, unsere tagtäglich glorifizierten Wertvorstellungen wirken sodann meist als leere und irreführende Schlagwörter, die nur eins bezwecken: die realen Kräfteverhältnisse in der Welt, in Europa und nicht zuletzt in der Ukraine sowie die wahren Ursachen und Verantwortlichen für die zunehmende Konfrontation und Eskalation zu verschleiern und das Verschleierte zu verstellen.
Neulich veröffentlichte die US-Diplomatin und ehem. Nato-Botschafterin, Julianne Smith (2021-2024) am 7. Oktober 2026 in Foreign Affairs einen anklagenden Artikel über den sog. „hybriden Krieg“, den Moskau gegen die Nato-Allianz führe, mit dem Titel „Russia’s Hybrid War Has Entered a Dangerous New Phase“ (Russlands hybrider Krieg ist in eine gefährliche neue Phase eingetreten). Und im Untertitel fügte sie gleich hinzu: „And the West Has Done Far Too Little to Deter It“ (Und der Westen hat viel zu wenig getan, um dies zu verhindern).
Der Titel verrät bereits, wes Geistes Kind die ehem. Nato-Botschafterin ist. Gleich zu Beginn stellt sie Behauptungen auf und wirft mit unbegründeten Anschuldigungen um sich, ohne es nötig zu haben, diese mit irgendeinem Quellenmaterial zu belegen.
Nach dem Motto: „Haltet den Dieb“ versucht die überzeugte Transatlantikerin den „Westen“ reinzuwaschen, von dessen ständigen Eskalationen, Provokationen und Konfrontationen abzulenken und ihn als Opfer zu inszenieren, um im Gegenzug Russland das vorzuwerfen, was er selbst ja seit Jahr und Tag tut.
„In den ersten Jahren des Ukrainekrieges blieben Russlands Angriffe mit hybrider Kriegsführung in Europa knapp unterhalb der Schwelle, die eine kollektive Reaktion hätte auslösen können. … Ich verfolgte die Entwicklung dieser Kampagne: durchtrennte Unterseekabel, in Frachtpaketen versteckte Brandvorrichtungen und Brandanschläge auf Waffenfabriken und -depots in ganz Europa.“
Diese Anschuldigungen sind in ihrer Pauschalität unkonkret und darum fragwürdig. Das beginnt schon damit, dass Smith den diffusen Begriff „hybrider Krieg“ verwendet, als wäre dieser feststehend und jedermann verständlich. Das Gegenteil ist eher der Fall: Der Begriff ist längst zu einem geopolitischen Kampfbegriff zwecks Denunzierung, Desavouierung und Deskreditierung des geopolitischen Rivalen verkommen, ohne dass es überhaupt klar ist, was darunter zu verstehen ist2.
Es ist zudem auch nicht ganz klar, von welchen Angriffen Russlands „mit hybrider Kriegsführung in Europa“ „in den ersten Jahren des Ukrainekrieges“ die Rede ist. Zwar warf von der Leyen Russland am 14. September 2022 in ihrer jährlichen State of the Union-Rede vor dem Europäischen Parlament mit Bezug auf die europäische Energiekrise beiläufig einen „hybriden Krieg“ vor: „Dies ist ein Krieg gegen unsere Energieversorgung, ein Krieg gegen unsere Wirtschaft, ein Krieg gegen unsere Werte und ein Krieg gegen unsere Zukunft. Es ist ein hybrider Krieg Russlands gegen den Westen.“
Zwar mahnte Emmanuel Macron kurz nach dem Kriegsausbruch am 10. März 2022 beim EU-Gipfel in Versailles mit Bezug auf Hackerangriffe zur Wachsamkeit, da Europa sich „inmitten eines hybriden Krieges befinde, der im Cyberraum und im Bereich der Informationstechnologien ausgetragen wird, um unsere Demokratien zu destabilisieren“.
Und selbst die grüne Außenministerin, Annalena Baerbock, bemühte den Begriff am 5. März 2024 direkt nach dem Bekanntwerden des russischen Abhörens bei der Bundeswehr bezüglich der Taurus-Marschflugkörper: „Dieser Angriffskrieg wird nicht nur mit Bomben und Raketen geführt … Er wird geführt mit Desinformation, mit Untergrabung, mit gezieltem Spalten. Das ist ein Teil der hybriden Kriegsführung Wladimir Putins“, empörte sich Baerbock.
All das waren aber eher Einzelstimmen aus konkreten Anlässen und haben mit der heutigen breit getretenen „hybriden“ Kampagne gegen Russland nicht im Geringsten etwas zu tun.
Zu Beginn des Ukrainekrieges was der sog. „hybride Krieg“ kein Thema. Erst in der letzten Zeit begann man den Begriff propagandistisch zu gebrauchen und zu missbrauchen, um Moskau damit zum einen einschüchtern zu versuchen und zum anderen innenpolitisch die europäische Öffentlichkeit von der eigenen aggressiven und militärischen Vorgehensweise gegen Russland abzulenken.
Genau in dem zweiten Sinne benutzt Julianne Smith den Begriff. „Hätte man vor zwei Jahren diese Situation für die Nato vorhergesagt: Drohnen über verbündetem Luftraum, ein russischer Marschflugkörper auf polnischem Gebiet, Sprengstoff an einem deutschen Flughafen, ohne dass das Bündnis nennenswert reagiert hätte, wäre das unfassbar gewesen“, fragt Smith empört.
Die Gegenfrage: Hätte man vor zwei Jahren voraussehen können, dass die Nato, hinter dem Rücken der Ukraine versteckt, Moskau und die anderen russischen Städte mit tausenden und abertausenden Drohnen sowie Marschflugkörpern angreift und de facto einen Krieg gegen Russland führt? Das macht fassungslos!
Zu Zeiten des „Kalten Krieges“ wäre es schon längst zum nuklearen Schlagabtausch gekommen. Mit ihrer theatralen Empörung lenkt die US-Hardlinerin nur von der eigenen Aggressivität und Militanz der Nato ab. Je mehr wir uns von den Ursprüngen, Ursachen und Hintergründen des Ukrainekonflikts entfernen, umso mehr sind wir geneigt, daran zu glauben, dass Smith und Co. mit ihren haltlosen Behauptungen recht haben und die vom „Westen“ stammende Aggression und Eskalation, die sie mit dem Begriff des „hybriden Krieges“ camouflieren, Russland in die Schuhe schieben, so sehr unterliegen wir einer eigenen, ununterbrochen andauernden und fortgesetzten Selbstverblendung und Selbstmanipulation unseres gleichgeschalteten Einheitsbewusstseins.
2. Historische Reminiszenzen
Die Phantasie der US-Hardlinerin kennt dabei keine Grenzen. Mit ihrem Übereifer versteigt sie sich zu einer abenteuerlichen Behauptung, indem sie den Ursprung des „hybriden Krieges“ auf die sog. „hybriden Taktiken“ (hybrid tactics) führt, die angeblich bereits seit 100 Jahren bestehen.
„Für Russland sind hybride Taktiken alles andere als neu“, behauptet sie. „Bereits in den 1920er-Jahren und während des gesamten Kalten Krieges setzten die Sowjets auf die sog. >aktiven Maßnahmen< (active measures), nämlich den Einsatz lokaler Stellvertreter, Tarnorganisationen und irregulärer Streitkräfte zur Erreichung politischer Ziele. Heute verfolgt Putin im Wesentlichen dasselbe Modell und versucht, das Vertrauen der Verbündeten in Artikel 5 des Nato-Vertrags zu untergraben, indem er auf Taktiken zurückgreift, die unterhalb der Schwelle eines konventionellen Krieges liegen und unbetroffene Mitglieder zögern lassen, zu reagieren.“
Man ist immer wieder überrascht über die vergleichbaren Äußerungen des US-amerikanischen außenpolitischen Establishments. Selbst wenn man davon ausgeht, dass Putin die „hybriden Taktiken“ anwendet, die ursprünglich auf „aktive Maßnahmen“ (active measures) der Sowjets zurückgehen, so konnten diese unmöglich in den 1920er-Jahren entstanden sein.
„Aktive Maßnahmen“ (russ.: активные мероприятия) sind verdeckte oder offene politische Beeinflussungsaktionen von Geheimdiensten (zuallererst des sowjetischen KGB) und wurden erst ab den 1960er-Jahren (insbesondere nach einer Reorganisation durch KGB-Chef Jurij Andropow ab Mai 1967) systematisch eingesetzt.
Die sog. „hybriden Taktiken“ können unmöglich ihren Ursprung in 1920er-Jahren haben. Smith ignoriert offenbar nicht nur die katastrophale innenpolitische Situation des im Entstehen begriffenen jungen Sowjetstaates nach dem Ende des grausamen Bürgerkrieges (1918-1922) mit Millionenopfern, sondern kennt offenkundig auch nicht die US-amerikanische öffentliche Meinung, die zu dieser Zeit vorherrschte und die katastrophale Lage des Sowjetstaates in den schwärzesten Farben gemalt hat.
Man muss sich nur die US-Presse der 1920er-Jahre in Erinnerung rufen und auf der Zunge zergehen lassen, mit welcher Abscheu die US-amerikanischen Medien gegen den jungen Sowjetstaat polterten. Alle angesehenen Zeitungen wie die New York Herald Tribune oder die New York Times beteiligten sich daran: „Noch 1925, 1926 und 1927 schlug man immer wieder in die gleiche Kerbe. >In Russland ist man frei zu stehlen, zu hungern, zu morden und zu sterben< (15. November 1925), >Sibirien versucht, das Joch Moskaus abzuschütteln< (26. November 1925), >Russland verkauft Juwelen, um das Sowjet-Regime zu retten< (10. Februar 1926), >Geheimbericht weist nach, dass Russland kurz vor dem Zusammenbruch steht< (20. März 1926), >Aufdeckung eines geheimen Terroristenkomplotts zur Machtergreifung in Russland< (30. Juli 1926), >Kommunisten im Chaos< (4. August 1926), >Truppen in Odessa meutern gegen das Moskau-Regime< (9. August 1926), >Die Roten verstärken die Kremlmauern, da die Meuterei wächst< (13. August 1926), >Bericht, dass eine Revolte gegen die Sowjetmacht begonnen hat< (9. April 1927), … >Industrie in Russland steht vor schnellem Zusammenbruch< (23. Oktober 1927), >Rumänen erfahren, dass viele Hunderte bei Unruhen in der Ukraine umgekommen sind< (26. November 1927)“3 usw. usf.
Vor diesem Hintergrund von einem „Einsatz lokaler Stellvertreter, Tarnorganisationen und irregulärer Streitkräfte zur Erreichung politischer Ziele“ im Ausland seit 1920er-Jahren zu sprechen, bezeugt Smiths lebhafte „hybride“ Phantasie. Womöglich verwechselt sie Trotzki mit Stalin. Trotzki war in der radikalen linken Bewegung der 1920er-, 1930er- und 1940er-Jahre in den USA populär.
Nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion formierte sich in den USA eine trotzkistische Bewegung. 1928 wurden führende Mitglieder der Communist Party USA (CPUSA) wegen der Verbreitung von Trotzkis Thesen ausgeschlossen. Unter der Führung von James P. Cannon (1890-1974) gründeten sie die Communist League of America.
1934 organisierten Trotzkisten den historischen Streik der Transportarbeiter in Minneapolis, was ihnen enormen Respekt und Zulauf in der amerikanischen Arbeiterbewegung einbrachte. Gegründet 1938, stieg die Socialist Workers Party zur wichtigsten Sektion der von Trotzki ins Leben gerufenen Vierten Internationale auf. Die USA wurden zu einem logistischen und finanziellen Rückgrat für Trotzki während seines Exils in Mexiko.
Abseits der Arbeiterklasse übte Trotzkis scharfe Kritik am Stalinismus eine enorme Anziehungskraft auf die amerikanische Kulturszene und Intellektuelle aus. Berühmte Literaten, Kritiker und Denker wie Dwight Macdonald (1906-1982), Mary Therese McCarthy (1912-1989), Sidney Hook (1902-1989) und zeitweise John Dewey (1859-1952) sympathisierten mit seinen Ideen.
Der außenpolitische Dissens zwischen Trotzki und Stalin bestand vor allen in der Frage nach der Weltrevolution. Trotzki, der zum Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten bestellt wurde, glaubte 1917, dass die schnell um sich greifende Weltrevolution den Bolschewiki jede Diplomatie alten Stils ersparen würde. Spätestens das Misslingen der Unruhen in Deutschland von 1923 war allerdings für Stalin die endgültige Bestätigung dafür, dass es sinnlos war, auf eine Revolution in Europa zu setzen, von einer „Weltrevolution“ ganz zu schweigen.
Es war daher nur konsequent, dass Stalin schon Ende 1924 mit seinem im Dezember veröffentlichten Artikel „Ideen und Politik“ die Lehre vom „Sozialismus in einem Land“ propagierte und Trotzkis Parole der „Weltrevolution“ entschieden bekämpfte.4 Stalin war in den 1920er-Jahren fest davon überzeugt, dass ein neuer Krieg gegen die Sowjetunion unausweichlich sei. Diese Annahme war kein reines Propagandamittel, sondern prägte die gesamte sowjetische Außen-, Innen- und Wirtschaftspolitik dieses Jahrzehnts grundlegend.
Deswegen ging es ihm in erster Linie um den inneren Aufbau des Landes und nicht um die Weltrevolution, damit der junge Sowjetstaat auf die Gefahren von außen gut gewappnet sei. Stalin ging davon aus, dass die „imperialistischen Westmächte“ den ersten sozialistischen Staat der Welt über kurz oder lang militärisch angreifen und vernichten wollen.
Im Jahr 1927 erreichte diese Angst ihren Höhepunkt. Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Großbritannien und dem Attentat auf den sowjetischen Gesandten in Warschau brach in der UdSSR eine regelrechte Kriegspanik aus. Die Führung nutzte dies, um die Bevölkerung auf Entbehrungen einzustimmen.
Stalin zog aus der drohenden Kriegsgefahr den Schluss, dass die Sowjetunion innerhalb kürzester Zeit ökonomisch und militärisch mit dem Westen gleichziehen musste, was dazu führte, dass die relativ marktwirtschaftliche NEP der 1920er-Jahre zugunsten einer straffen Befehlswirtschaft beendet wurde.
Das erklärt auch die Zwangskollektivierung und teilweise den Terror der 1930er-Jahre. Die Landwirtschaft wurde gewaltsam kollektiviert, um Getreide für den Export zu sichern. Mit den Erlösen wurden westliche Industrieanlagen und Maschinen gekauft.
In seiner Rede vor Parteifunktionären fasste Stalin im Februar 1931 die Grundidee vom „Sozialismus in einem Land“, wie folgt, zusammen: „Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zustande oder wir werden zerdrückt“ (Мы отстали от передовых стран на 50–100 лет. Мы должны пробежать это расстояние в десять лет. Либо мы сделаем это, либо нас сомнут).
Von „hybriden Taktiken“ oder sonstigen „hybriden“ Phantasien kann darum keine Rede sein. Auch der „Kalte Krieg“ ist mit dem, was heute „hybrider Krieg“ genannt wird, nicht zu vergleichen. Es ist völlig abwegig, die gegenwärtige Konfrontation zwischen Russland und der transatlantischen Welt auf den „Kalten Krieg“ zurückführen zu wollen. Heute haben wir eine ganz andere Qualität der Konfrontation, die es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges so noch nie gegeben hat.
3. In Nachahmung des Sisyphus
Smith spricht beinahe in jedem zweiten Satz von „hybrider Kriegsführung“ oder „hybridem Krieg“; nirgends definiert sie aber, was sie darunter versteht. Scharf kritisiert sie dabei die Nato dafür, dass diese der russischen „hybriden Kriegsführung“ nicht genügend die Stirn bietet. Und das hört sich wie folgt:
„Ende 2025 intensivierte Putin seine hybride Kriegsführung (In late 2025, Putin put his hybrid war into overdrive). … Seit ihrem Gipfeltreffen 2014 vertritt die Nato die Auffassung, dass ein Cyber- oder hybrider Angriff (hybrid attack) Artikel 5 >im Einzelfall< auslösen könnte, hat aber nie eine Schwelle für ein Eingreifen definiert … Im Jahr nach dem Nato-Gipfel 2023 verschärfte Russland seine Aktivitäten weiter, verdreifachte seine hybriden Angriffe in Europa und erprobte neue Methoden, Nato-Territorium anzugreifen, beispielsweise durch Störungen europäischer Eisenbahnsysteme.“
Seit Trumps Präsidentschaft „schwanden die Hoffnungen auf weitere Nato-Maßnahmen“, entrüstete sich die US-Demokratin. „Beim Kampf gegen die hybride Kriegsführung kam die Dynamik des Bündnisses fast zum Erliegen. Trotz einer Vereinbarung der Verbündeten aus dem Jahr 2024, auf dem Gipfel 2025 in Den Haag eine neue Russlandstrategie vorzulegen, die nie umgesetzt wurde. In der Gipfelerklärung wurde Russlands hybrider Krieg nicht einmal erwähnt.
Der Sommer 2025 schien einen Höhepunkt für Putins Selbstvertrauen zu markieren. Neben dem nachlassenden Fokus der Nato auf hybride Kriegsführung zeigte Russlands Sommeroffensive in der Ukraine erste Erfolge … Russlands hybride Kriegsführung wurde immer dreister.“
„Die Nato muss auf Moskaus Eskalation eine energischere Antwort geben“, fordert Smith daraufhin ultimativ. „Das Tempo der (russischen) Angriffe beschleunigte sich in den Sommermonaten weiter. Im August verübten Gruppen mit hoher Wahrscheinlichkeit Verbindungen zu Russland Brandanschläge in Bulgarien, Estland, Italien und Polen, die vermutlich allesamt darauf abzielten, die Hilfslieferungen an die Ukraine zu verlangsamen.“ „Vermutlich“? Beweise? Keine!
„Es steht außer Frage, dass die Nato Moskaus Eskalation entschiedener begegnen muss“, fordert Smith erneut. Aber wie? „Um Putin von einem Ende seines hybriden Krieges zu überzeugen, bedarf es eines unmissverständlichen Signals vom stärksten Nato-Mitglied, dass künftige Angriffe Konsequenzen haben werden. Die USA sollten Russlands hybride Kriegsführung genauso entschieden bekämpfen wie Russlands Drohung mit dem Einsatz taktischer Atomwaffen im Herbst 2022. Damals warnte Washington Moskau öffentlich und direkt vor den >katastrophalen Folgen< eines solchen Vorgehens.“
Dass Russland angeblich immer wieder mit Atomwaffen droht, ist ein Narrativ, der nicht dadurch wahrer wird, dass man ihn ständig wiederholt. Als entschiedene Maßnahmen der Nato werden von Smith mehrere Beispiele gebracht, wie Norwegens Beschlagnahmung eines russischen Schiffes in Spitzbergen im September 2026 oder Frankreichs wiederholte Kontrollen von mit Sanktionen belegten russischen Tankern.
„Die Nato-Verbündeten sollten nach weiteren solchen Schritten streben“, fordert die US-Hardlinerin und empfiehlt „die Planung offensiver Cyber- und Informationsoperationen gegen Russland wieder aufzunehmen, die Verteidigungsminister Pete Hegseth im März 2025 ausgesetzt hat“, sowie „die Überwachung der russischen Schattenflotte durch die Verbündeten zu bündeln“.
Nach Putins Drohung mit einer „spiegelbildlichen“ Beschlagnahmung europäischer Handelsschiffe als Reaktion auf die Festsetzung von Tankern der sog. russischen „Schattenflotte“ am 12. August 2026 während seiner Teilnahme an Übungen der Pazifikflotte sind weitere Beschlagnahmungen der russischen Handelsschiffe nicht mehr bekannt.
Summa summarum kann man all die Anschuldigungen, bloße Behauptungen, Forderungen, Ermahnungen und Empfehlungen der ehem. US-Vertreterin bei der Nato mit einem Schlagwort charakterisieren: „hybride“ Phantasien, denen eine wutschäumende Ohnmacht zugrunde liegt. Seit Jahr und Tag ist es mittlerweile zum Ritual der EU- und Nato-Repräsentanten geworden, Russland ohne jedwede Beweise mit Anschuldigungen, Beschuldigungen und Behauptungen zu konfrontieren.
Dem kann man nur mit einem vom britisch-amerikanischen Literaturkritiker, Christopher Hitchens (1949–2011), stammendem sog. „Hitchens’ Rasiermesser“ (Hitchens’s Razor) entgegnen: „What can be asserted without evidence can be dismissed without evidence“ (Was ohne Beweise behauptet werden kann, kann auch ohne Beweise zurückgewiesen werden).
Smiths Vorschläge, wie man den „hybriden Krieg“, die „hybride Kriegsführung“ und „hybride Angriffe“ bekämpfen kann, klingen zudem derart hilf- und machtlos, dass man mit derartigen Maßnahmen und Vorschlägen Russland weder beeindrucken noch einschüchtern kann, geschweige es wirksam zu bekämpfen.
Diese wutschäumende Ohnmacht hat auch die EU seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine voll im Griff. Ihre sinnlosen und selbstschädigenden Sanktionspakete beschließt sie beinahe täglich und macht sich damit nicht nur in den Augen der Weltöffentlichkeit, sondern auch selbst in den Augen der Repräsentanten der Trump-Administration nur noch lächerlich. So empfand der US-Finanzminister, Scott Bessent, bereits im vergangenen Jahr und über mehrere Monate allein Hohn und Spott für die EU-Sanktionspakete.
Am 23. November 2025 kritisierte Bessent in einem Interview mit dem US-Sender NBC das kurz zuvor verabschiedete Sanktionspaket der EU scharf. Dort fiel sein spöttisches Zitat: „Die Europäer sagen mir: >Oh, wir verabschieden das 19. Sanktionspaket<. Ich denke, wenn man etwas zum 19. Mal macht, ist man gescheitert.“
Bereits im August 2025 ging er Europa nach einem G7-Treffen verbal an und forderte die Verbündeten auf, entweder endlich ernsthafte Sekundärsanktionen gegen Käufer von russischem Öl zu verhängen oder „den Mund zu halten“ (put up or shut up). Im Juni 2026 erneuerte Bessent seine Kritik bei einer Anhörung im US-Kongress. Als die EU das darauffolgende 20. Paket vorbereitete, spottete er erneut, dass dies lediglich der endgültige Beweis für das Scheitern der vorherigen 19 Versuche sei.
Die Nato steht dabei der EU in nichts nach. Sie ähnelt jenem Sisyphus aus der griechischen Mythologie, der sich mühsam und scheinbar endlos abmüht, ohne ein zu erstrebendes Ziel jemals erreichen zu können.
Die EU und die Nato können sich alles mit Ausnahme eines direkten Krieges mit der nuklearen Supermacht Russland leisten. Sie können darum wie Sisyphus einen riesigen, schweren „hybriden“ Eskalationsbrocken einen steilen Berg hinaufwälzen.
Doch jedes Mal, wenn sie kurz vor dem Eskalationsgipfel stehen, schrecken sie sich vor dem letzten und entscheidenden Eskalationsschritt ab und der Brocken rollt wieder in die Tiefe, ohne dass sie es wagten, die letzte ultimative nukleare Eskalationsstufe zu überschreiten, um Russland keinen Grund zu liefern, einen Atomkrieg vom Zaun zu brechen und in einen nuklearen Abgrund zu stürzen, aus dem es dann kein Entrinnen mehr gibt.
Die Papiertigerin Nato ist mit ihrem Tigerweibchen Smith zu einer ewigen Sisyphusarbeit verdammt, es sei denn, sie sprengt entweder die nuklearen Ketten und begeht Selbstmord oder sie strebt den Frieden um jeden Preis – auch um den Preis des Eingeständnisses der eigenen Kriegsniederlage in der Ukraine – an. Das Ende wird für die EU und die Nato so oder so alles anderes als Happy End sein.
Anmerkungen
1. Adorno, Th. W., Meinung – Wahn – Gesellschaft, in: des., Eingriffe. Frankfurt 2003, 161 f.
2. Näheres dazu Silnizki, M., Russland und der „hybride Krieg“. Eine begriffsgeschichtliche Skizze. 15. September 2026,
www.ontopraxiologie.de.
3. Matthias, L. L., Die Kehrseite der USA. Rowohlt 1964, 90.
4. Vgl. statt vieler Brahm, H., Russische Revolution und Weltrevolution, in: APuZ 43/1967.