Russland, der Westen und die Menschheit
Übersicht
1. Von Propheten und Prophezeiungen
2. Gefangen zwischen Tragödie und Farce
3. Hat die Menschheit noch eine Zukunft?
Anmerkungen
„Wieviel wir auch aus der Vergangenheit lernen mögen,
sie wird uns nicht lehren, die Zukunft zu lesen.“
(Hannah Arendt)1
1. Von Propheten und Prophezeiungen
Unter der Überschrift „Zukunft als Geschichte“ veröffentliche der ungarischer Schriftsteller und Rundfunkjournalist für die Radio Free Europe, George Urban (1921-1997), 1982 sein Gespräch mit einem angesehenen französischen Soziologen und Kriegstheoretiker, Raymond Aron (1905-1983)2. 1957 hielt Aron eine zu seiner Zeit berühmt gewordene Vorlesung an der London School of Economics, in der er u. a. sagte: „Wir haben zu viel mit dem 20. Jahrhundert zu tun, als dass wir Zeit mit Spekulationen über das 21. verlieren könnten. Langfristige historische Prognosen sind aus der Mode gekommen.“
Dreizehn Jahre später hielt Alan Bullock (Präsident der Universität Oxford) einen Vortrag an derselben Stelle und zitierte dabei ein chinesisches Sprichwort, das besagt: „Wenn ein Mensch sich zu viele Sorgen über die Zukunft macht, wird sein Leben vorüber sein, bevor er erkennt, dass er lebt. … Es wäre von Vorteil, wenn Sie für einen Augenblick keinen Gedanken an die Zukunft verschwenden würden.“3
Gefragt danach, wie es dazu kommen konnte, dass nur dreizehn Jahre nach seiner Äußerung Alan Bullock veranlasst war, „sich über unsere übertriebene Beschäftigung mit der Zukunft zu beklagen“, unterschied Aron zwischen „Futurologie“ und „Prophezeiungen über die Art der Gesellschaft“, die sich nach der Erwartung von Auguste Comte oder Karl Marx „in unbestimmter Zeit und durch unbestimmte Mittel entwickeln würde“.
Und diese Art von Voraussagen sei laut Aron „aus der Mode gekommen“. Im nuklearen Zeitalter geht es in der Tat mehr als nur um „Prophezeiungen über die Art der Gesellschaft“! „Der letzte Satz des ersten Bandes der Demokratie in Amerika“, meinte Aron, „enthält eine berühmte Prophezeiung: Tocqueville sagt dort, dass eines Tages zwei Nationen die Geschicke der Menschheit in ihrer Hand halten würden … Tocqueville prophezeite …, dass … die Vereinigten Staaten von Amerika und Russland die beherrschenden Mächte auf der Weltbühne sein werden. Heute würde sich niemand mehr auf solche Pauschallvoraussagen einlassen“ (ebd., S. 16).
Aron erinnerte sich an Tocquevilles Prophezeiung inmitten des „Kalten Krieges“, in dem sich zwei bis auf die Zähne bewaffnete, feindselig gegenüberstehende Weltsysteme nuklear bedrohten. Und in den Zeiten des erbitterten Systemwettbewerbs ging es der Menschheit nicht nur um eine gerechtere „Gesellschaftsformation“ in der Gegenwart und Zukunft, sondern auch und vor allem darum, ob die Menschheit überhaupt noch eine Zukunft hat.
Fragte man vor gut fünfzig Jahren: „Wie soll die Welt in fünfzig Jahren aussehen?“, so hat man viele verschiedene Antworten gehört, aber sie wurden fast durchgängig von einem „Vorausgesetzt, dass es dann noch eine Welt gibt“ eingeleitet, schrieb Hannah Arendt 19704.
„Womit wir konfrontiert sind, ist eine Generation, die in keiner Weise sicher ist, dass sie eine Zukunft hat“, sagte George Wald (1906–1997) in seiner berühmten, aufrüttelnden Rede mit dem Titel „A Generation in Search of a Future“ (Eine Generation auf der Suche nach einer Zukunft), die er am 4. März 1969 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) hielt.
Wald hielt die Rede während des Vietnamkrieges im Zeitalter der nuklearen Bedrohung. Und der britische Dichter, Stephen Spender (1909-1995), warnte zu gleicher Zeit davor, dass „die Zukunft eine vergrabene Zeitbombe (ist), deren Zeitzünder in der Gegenwart abläuft“5.
Fünfzig Jahre danach wissen wir, dass die Menschheit überlebte und dass das leise Ticken der „vergrabenen Zeitbombe“ trotz Lärm der Kanonen der Gegenwart (noch) nicht explodierte. Aber können wir heute wissen, wie die Welt in fünfzig Jahren aussehen und ob die Menschheit überleben wird? Genauso wenig wie die vorangegangene Generation können wir heute sicher sein, dass die Welt in fünfzig Jahren noch bestehen und die Menschheit überleben wird.
Zukunft ist Terra incognita, die der Gegenwart verschlossen bleibt und der menschlichen Erkenntnis entzogen wird. Wie zutreffend und fehlerhaft zugleich eine Voraussage sein kann, zeigen Arons Überlegungen über die zukünftigen Entwicklungen in Russland im Gespräch mit Urban: „Niemand würde beispielsweise die Behauptung wagen, dass bis zum Ende des nächsten Jahrhunderts Russland alle seine Besitzungen in Asien verloren haben und Sibirien von Chinesen bevölkert sein werde“ (S. 16).
Die bald darauffolgenden Umwälzungen zeigten, wie sehr unsere Vorstellungskraft oft nicht über das Tageslicht hinaus reicht. Die Zukunft ist viel schneller eingetreten, als Aron sich das nur vorstellen konnte, und sie ist anders verlaufen, als er dachte. Bereits kurz nach seinem Ableben ging das Sowjetreich klang- und geräuschlos zugrunde und Russland verlor gleich darauf „seine Besitzungen in Asien“, sodass man „bis zum Ende des nächsten Jahrhunderts“ gar nicht zu warten brauchte. Dass nun „Sibirien von Chinesen bevölkert sein werde“, bleibt indes bis dato eine Spekulation.
Aron war dabei nicht der einzige mit seiner fehlerhaften Prognostik. So pflegte Arnold Toynbee (1889-1975) zu behaupten, „früher oder später sei Russland gezwungen, zum Verbündeten des Westens zu werden, weil Russland unsere Frontlinien gegen die wachsenden und verarmten Massen der Chinesen und Inder verteidige“6.
Toynbee betrachtete Russland nicht als wesensfremde Macht, sondern als „Schwestergesellschaft“ des „Westens“ mit denselben griechisch-romanischen Wurzeln. In seinen Arbeiten der 1950er- und 60er-Jahren schloss er nicht aus, dass Russland trotz des „Kalten Krieges“ langfristig erkennen würde, dass seine strategischen Interessen eher in einer Allianz mit dem „Westen“ gegen die demografische und wirtschaftliche Übermacht Chinas und Indiens liegen.
Wenn die USA und Sowjetrussland sich nicht kooperativ verhielten, warnte Toynbee, dann würde China bis zum Jahr 2000 zur dominierenden Macht aufsteigen, was sowohl Russland als auch den „Westen“ in eine prekäre Lage bringen würde. Und so sah er Russland in einem Zangengriff zwischen dem „Westen“ und einer möglichen chinesischen Expansion.
Toynbees Voraussage erwies sich ebenfalls als unzutreffend. Die zitierten Prophezeiungen zweier prominenter Gestalter der Zeitgeschichte zeigen: Man soll gar nicht versuchen, im Rückspiegel der Geschichte und im Lärm der Gegenwart die Vorzeichen der Zukunft entdecken zu wollen. „Denn Prognosen über die Zukunft könnte es nur geben, wenn es keine Zukunft mehr gäbe“7, sondern einzig und allein eine immerwährende Gegenwart.
2. Gefangen zwischen Tragödie und Farce
Dass Russlands strategische Interessen eher in einer Allianz mit dem „Westen“ liegen, dachte nicht nur Toynbee in den 1950er- und 60er-Jahren, sondern auch das postsowjetische Russland der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre nach dem Untergang des Sowjetreiches. Russland hat alles unternommen, um sich dem „Westen“ in jeder nur denkbaren und undenkbaren Hinsicht anzuschließen, wenn nicht gar anzubiedern.
„Der anfängliche Versuch, sich in die westlichen Strukturen zu integrieren und sogar eine Art >Dritter Westen< (третьий Запад) neben den USA und der EU im Rahmen der euroatlantischen Welt werden zu wollen“, ist aber „kläglich gescheitert“, stellte Dmitrij Trenin (ehem. Direktor des Carnegie Moscow Center) viele Jahre später ernüchternd fest8.
Der Grund für das Scheitern lag nicht allein an Russland, sondern auch und insbesondere daran, dass der sog. „Westen“ zu keiner Zeit bereit war, den im „Kalten Krieg“ „besiegten“ systemideologischen Rivalen als einen gleichberechtigten und gleichwertigen Partner zu akzeptieren.
Erst der seit der zweiten Hälfte der 2000er-Jahre einsetzende Wandel in der russischen Wahrnehmung des „Westens“ führte dazu, dass der bedeutende Teil der russischen Elite und Gesellschaft aufhörte, perspektivisch die Zukunft des Landes als Teil des „Westens“ zu begreifen.
Was ist passiert? Mit dieser Frage setzten sich der Historiker, Aleksej Miller, und der Chefredakteur der Zeitschrift Russia in Global Affairs, Fjodor Lukjanov, in ihrer gemeinsamen Schrift9 bereits vor zehn Jahren auseinander, woraus eine ausgesprochen bemerkenswerte und denkwürdige Analyse hervorgegangen ist.
Die EU war, so die Autoren, jahrelang der Auffassung, dass sie berechtigt sei, die rechtlichen Rahmen der ökonomischen Beziehungen zwischen Russland und Europa zu diktieren, wohingegen die politischen Beziehungen sich nach dem Grundsatz gestalteten, wonach Russland jedes Entgegenkommen seitens der EU erst einmal „verdienen“ sollte. Zur Zeit der sog. „strategischen Partnerschaft“ zwischen Russland und der EU entstand dadurch eine paradoxe Situation.
Die EU orientierte sich in ihrer Beziehung zu Russland an einem Modell, das für Länder vorgesehen war, die als Kandidaten in die EU aufgenommen werden sollten, obwohl Russland selbst zu keiner Zeit die Absicht hatte, in die EU aufgenommen zu werden und deswegen gar nicht verstand, warum es einseitig und freiwillig die Normen und die Regeln der EU übernehmen sollte.
Die EU sah ihrerseits die Möglichkeit einer anderen Zusammenarbeit gar nicht vor. Das Großzügigste, was sie Russland angeboten hat, war – so der süffisante Kommentar unserer Autoren – das von Romano Prodi im Jahre 2000 verbreitete Angebot, mit Russland alles „mit Ausnahme der Institutionen“ zu teilen.
Das sollte wohl darauf hinauslaufen, dass Moskau die Rechtsnormen der EU übernehmen sollte, ohne selber auf sie irgendeinen Einfluss ausüben zu können. Das hätte wiederum zur Folge, dass die sog. „östliche Partnerschaft“ zum Spielball des geopolitischen Kampfes zwischen Russland und dem „Westen“ geworden wäre. „Die Konfrontation des Jahres 2014 wurde sodann zu einer logischen Vollendung dieses Prozesses“, resümierten die Autoren (ebd., 21).
Die EU strebte, anderes gesagt, zu keiner Zeit mit Russland eine gleichwertige und gleichberechtigte Partnerschaft an. Die EU-Machtelite wollte sich von Anfang an Russland in Kolonialherren-Manier untertan machen. Das war derart abwegig, dass die Russen das zunächst gar nicht verstanden haben. Und als sie es endlich reflektiert haben, mit wem sie zu tun haben, war es bereits zu spät, da die Beziehungen derart zerrüttet und vergiftet waren, dass Dmitrij Trenin sie auf eine Formel brachte, die die verfahrene Lage bis heute prägnant widerspiegelt: „Der Westen ist zu keinem Kompromiss, Russland ist zu keiner Kapitulation bereit“ (Запад не пойдет на компромисс, Россия – на капитуляцию)10.
Bis heute verhalten sich die EU-Europäer wie die moralisch und zivilisatorisch überlegenen Herrenmenschen und weigern sich beharrlich, sich mit den russischen „Barbaren“ im Falle des Ukrainekonflikts an einen Verhandlungstisch zu setzen und über einen Frieden in der Ukraine zu verhandeln.
Denn „wir erleben im Augenblick dieses Land in einem Zustand der tiefsten Barbarei“, sagte der prominenteste Deutsche der Republik, Friedrich Merz, der die „Gnade der späten Geburt“ (Helmut Kohl) hatte und nicht in die Schuld der Nazi-Barbarei verstrickt war, am 19. Februar 2026; zugleich fügte er hochmütig hinzu: „Wenn ich mir dieses Regime anschaue und diesen blindwütigen Terror, habe ich wenig Hoffnung.“
Die „tiefste Barbarei“ der Deutschen hält er offenbar für längst überwunden und fühlt sich darum dazu befugt, die Russen, die die Welt von der deutschen Barbarei befreit haben, zu verunglimpfen. Will er damit die eigene deutsche Geschichte reinwaschen und die deutschen Verbrechen vergessen machen?
Es bestätigt sich von Neuem die Erkenntnis, dass die eigenen Verbrechen, Gräueltaten und Aggressionen mit dem Hinweis auf die Verbrechen und Aggressivität der Anderen verdrängt, relativiert, verharmlost und abgetan werden.
„Komisch“ ist nur, dass Merz sich zu gleicher Zeit über den „blindwütigen Terror“ des US-amerikanischen „Regimes“ im Irankrieg nicht nur totschweigt, sondern auch die US-Bomber von der Ramstein Air Base starten lässt, um das barbarische Bombardement im Iran zu ermöglichen.
Was im Falle Russland die „tiefste Barbarei“ heißt, bedeutet für Merz eine wertvolle und ehrenhafte „Drecksarbeit“, die Israel und die USA im Iran „für uns alle“ machen.
Wie dem auch sei, mit „diesen blindwütigen“ Terroristen, die „in einem Zustand der tiefsten Barbarei“ leben, verhandelt man nicht, will Merz mit seiner EU-Entourage uns forsch und kompromisslos sagen. Da kann man dem Deutschen und seinen EU-Mitstreitern mit George Santayana (1863-1952) nur zurufen: „Those who cannot remember the past are condemned to repeat it“ (Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen).
„Hegel bemerkt irgendwo“, schrieb Marx 1852, „dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Was wir heute in der EU-Außen- und insbesondere Russlandpolitik erleben, sind Tragödie und Farce in einem.
Die seit Jahren praktizierte EU-Russlandpolitik, deren Apologeten ihre eigene koloniale, imperialistische und faschistische Vergangenheit längst verdrängten, sich heute als moralische Instanz aufspielen und „lieber Krieg als Frieden“ befürworten11, ist wahrlich eine europäische Tragödie. Dass das verzwergte Europa darüber hinaus glaubt, der nuklearen Supermacht Russland militärisch Parole bieten zu können, kann man nur noch als Farce bezeichnen.
Selbst die sog. „strategischen Partnerschaft“ zwischen Russland und der EU in den friedlichen und unbeschwerten Jahren 2003 bis 2014 war nichts weiter als eine Farce, da selbst zu dieser Zeit keine normalen politischen und ökonomischen Beziehungen zwischen den beiden „strategischen Partnern“ bestanden.
Die Handelsbeziehungen, die an sich rein wirtschaftlicher Natur sein sollten, waren in die ideologischen Rahmen mit dem Ziel der Ausbildung gegenseitiger Abhängigkeiten eingebettet, allerdings ohne eine rechtsförmige Integration, sodass am Schluss sowohl die Politik als auch die Wirtschaft gelitten haben.
Indem die EU die Frage der offenen Märkte und des Warenverkehrs ideologisierte und an Rechtsstaat und Menschenrechten koppelte, provozierte sie das Gegenteil von dem, was sie eigentlich vermeiden wollte: die Abwendung Russlands von den sog. „westlichen Werten“. Moskaus gereizte Reaktion führte die EU schließlich in eine konzeptionelle Sackgasse.
Die Sackgasse war von vornherein vorprogrammiert, da die EU-Europäer zu keiner Zeit eine mit Russland gleichberechtigte und gleichwertige Partnerschaft anstrebten, sondern eine nie ausgesprochene Erwartung einer „naturgegeben“ axiologischen und politischen Anpassung Russlands an die rechtlichen und ökonomischen Vorgaben (die sog. „Standards“) der vom „Westen“ dominierten Weltordnung hegten.
Was so viel wie: Der „Westen“ gibt die Richtung vor, und Russland „singt und marschiert im gleichen Schritt und Tritt“ bedeuten soll. Dass diese EU-europäische Selbstüberhöhung und Anmaßung schlussendlich in der Tragödie des Ukrainekrieges enden sollte, glaubten die Eurokraten bis zuletzt nicht.
Nach gut vier Kriegsjahren erleben wir neuerdings eine Farce der sog. „Friedensverhandlungen“, die die EU mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft, gleichzeitig aber so tut, als würde sie eher gestern als morgen einen Friedensvertrag abschließen wollen.
Und so bewegt sich die EU-Russlandpolitik die ganze Zeit zwischen Tragödie und Farce und weiß nicht, wie sie aus diesem Teufelskreis herauskommen kann. Diese EU-Russlandpolitik hat keine Zukunft. Sie wird tragisch enden.
3. Hat die „Menschheit“ noch eine Zukunft?
Der „Westen“ hat inzwischen für Russlands breite Bevölkerungsschichten an Attraktivität verloren. Infolge des Ukrainekrieges durchläuft es erneut einen Transformationsprozess, der sich im Gegensatz zu den 1990er-Jahren in eine ganz andere Richtung bewegt.
In einem Interview mit BUSINESS Online charakterisiert Dmitrij Trenin am 15. März 2026 diese „Transformation“, wie folgt: Das Selbstverständnis der russischen Gesellschaft hat sich radikal verändert: von einem Streben, Teil des Westens zu werden, zum Bedürfnis, eine „eigenständige Zivilisation“ zu sein; von der Geisteshaltung: „Wir fördern Öl und Gas, den Rest kaufen wir zu“ zum „Bedürfnis nach wirtschaftlicher, technologischer und intellektueller Souveränität“; vom Individualismus hin zur Betonung des sozialen Zusammenhalts usw.
Russland stehe am Anfang dieser Entwicklung und die Abwendung vom „Westen“ sei noch nicht unumkehrbar, betont Trenin. Nichtsdestotrotz hat die Anziehungskraft des „Westens“ erheblich nachgelassen. Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts 1989/1991 haben sich Russland und der „Westen“, der inzwischen zur transatlantischen Gemeinschaft unter Führung des US-Hegemonen geworden ist, stark verändert, auseinandergelebt und sich peu à peu gegeneinander in Stellung gebracht.
Diese Konfrontation ist nicht vom Himmel gefallen. Die Beziehungen erlebten in den vergangenen 35 Jahren Höhen und Tiefen. Angefangen mit der Nato-Osterweiterungspolitik (ab 1994 ff.), die auf einen entschiedenen, aber ohnmächtigen Widerstand der russischen Führung stieß, erlebten sie vorübergehend eine enge Zusammenarbeit als Folge von 9/11, um dann umso mehr in eine Krise – die Ukraine-Krise 2014 ff. – zu stürzen, an deren Ende der Krieg in der Ukraine steht, der bis heute fortdauert.
Diese Konfrontation wäre undenkbar, hätte der „Westen“ sich nach dem Ende des Ost-West-Konflikts statt einer „Verteidigung vor Russland“ für die „Sicherheit mit Russland“12 entschieden. Die getroffene Entscheidung war zwar nicht unausweichlich, aber – machtpolitisch gesehen – nachvollziehbar, hat doch der Untergang des Sowjetsystems zum Machtungleichgewicht als Ordnungsprinzip der europäischen Friedens- und Sicherheitsordnung13 geführt, in dessen Folge die USA für dreißig lange Jahre (1992-2022) zur unangefochtenen Ordnungsmacht in Europa aufgestiegen sind.
Allein vor diesem Hintergrund wird Trenins Feststellung verständlich, dass nämlich „die Amerikaner mit niemandem auf Augenhöhe verhandeln, weil sie niemanden als gleichwertig betrachten“. Freilich verkennt er die Gründe für diese US-Machtarroganz, wenn er sie mit dem US-Exzeptionalismus in Verbindung bringt, dem das altehrwürdige römische Prinzip zugrunde liegt: „Quod licet Iovi, non licet bovi“ (Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht gestattet).
Trenin weist aber gleichzeitig darauf hin, dass die USA mit der Sowjetunion zurzeit des „Kalten Krieges“ auf Augenhöhe verhandelt haben, und widerspricht damit sich selbst. Denn es ist nicht der US-Exzeptionalismus, wie von Trenin postuliert wird, der die US-Amerikaner dazu verleitet, „mit niemandem auf Augenhöhe (zu) verhandeln“, sondern das fehlende „Gleichgewicht des Schreckens“ des „Kalten Krieges“ in Europa, das mit dem Untergang der Sowjetunion gleichermaßen untergegangen ist.
Zwar war das „Gleichgewicht des Schreckens“ eine „grobe Umschreibung einer Machtrealität, deren Verständnis sich den von einer niedrigen Kulturstufe nuklearer Machterkenntnis aus Urteilenden entzog“14. Es diente aber als ein probates Mittel der Kriegsverhütung zwischen den zwei verfeindeten Supermächten und hat sich im „Kalten Krieg“ bewährt.
Heute ist ein solches vergleichbares Machtgleichgewicht (noch) nicht in Sicht, solange Russland und China in Deckung bleiben und sich gegenüber den USA (zu) defensiv verhalten. Es bedarf indes keiner großen Prophetie zu behaupten, dass erst eine wie auch immer geartete Wiederherstellung des Machtgleichgewichts in Europa und in der Welt zur Einhegung der scheinbar nie enden wollenden Kriege führen wird und führen muss, sollte die Menschheit überhaupt noch eine Zukunft haben.
Zwar ist es „die einfache Tatsache“, meinte Hannah Arendt einst, „dass die Zukunft der Menschheit dem Einzelnen, dessen einzig gewisse Zukunft der Tod ist, kaum etwas zu bieten hat, es sei denn die Hoffnung, dass seine Kinder und Kindeskinder besser dran sein werden als er selbst.“15
Zwar fand Kant es „befremdend“, dass „die älteren Generationen nur scheinen um der späteren willen ihr mühseliges Geschäft zu treiben … und dass doch nur die spätesten das Glück haben sollen, in dem (vollendeten) Gebäude zu wohnen.“16
Aber warum soll die „Menschheit“ überhaupt noch an „die Zukunft der Menschheit“ denken, falls die „Menschheit“ noch eine Zukunft haben will? Will die „Menschheit“ eine Zukunft haben?
In seinem 1957 erschienenen Roman Das letzte Ufer beschrieb der Engländer Nevil Shute das dramatische Schicksal einer Handvoll Überlebender eines Atomkrieges. „Auf einer Feier wurde Winston Churchill gefragt, ob er sich vorstellen könne, ein Exemplar von Das letzte Ufer an Eisenhower zu schicken. >Das wäre<, erwiderte der nun im Ruhestand befindliche und einstmals so wilde Kalte Krieger resigniert, >reine Geldverschwendung. Eisenhower ist so konfus geworden … Ich glaube, dass die Erde bald zerstört wird … Und wenn ich der Allmächtige wäre, würde ich sie nicht wieder neu erschaffen, sonst würde man sie doch nur ein weiteres Mal zerstören<.“17
Hat die Menschheit nun eine Zukunft und die Zukunft eine Geschichte? Die Frage kann nur die Zukunft beantworten!
Anmerkungen
1. Arendt, H., Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München Zürich 1986, 216.
2. Urban, G., Gespräche mit Zeitgenossen. Acht Dispute über Geschichte und Politik. Weinheim und Basel
1982, 15-42.
3. Zitiert nach Urban (wie Anm. 2), 16.
4. Arendt, H., Macht und Gewalt. München Zürich 1987, 21.
5. Spender, S., Das Jahr der jungen Rebellen. München 1969, 235. Zitiert nach Arendt (wie Anm. 4), 21.
6. Zitiert nach Urban (wie Anm. 2), 25.
7. Junker, D., Power und Mission. Was Amerika antreibt. Freiburg im Breisgau 2003, 174.
8. Тренин, Д., Новый Баланс Сил. Россия в поисках внешнеполитического равновесия. Альпина
паблишер. Москва 2021; näheres dazu Silnizki, M., Neue Machtbalance. Stellungnahme zu einem
Desiderat, 7. September 2021, www.ontopraxiologie.de.
9. Миллер, А./Лукьянов, Ф., Отстраненность вместо конфронтации: постевропейская Россия в
поисках в самодостаточности. 2016. Näheres dazu Silnizki, M., Außenpolitisches Denken in Russland.
Im Strudel von Geopolitik und Identitätsdiskurs. Berlin 2018, 52 ff.
10. Тренин (wie Anm. 8), 9.
11. Silnizki, M., Russland und Europa. Lieber Krieg als Frieden? 9. März 2025, www.ontopraxiologie.de.
12. Silnizki, M., Verteidigung vor Russland“ statt „Sicherheit mit Russland“? Im Zangengriff zwischen
„Sendungsideologie“ und Machtpolitik. 14. April 2024, www.ontopraxiologie.de.
13. Silnizki, M., Machtungleichgewicht als Ordnungsprinzip? Zur Sicherheitskonstellation von heute und morgen, 11. Mai 2022, www.ontopraxiologie.de.
14. Ruehl, I., Machtpolitik und Friedensstrategie. Hamburg 1974, 258.
15. Arendt (wie Anm. 4). 31.
16. Zitiert nach Arendt (wie Anm. 4), 31.
17. Zitiert nach Stone, O/Kuznick, P., Amerikas ungeschriebene Geschichte. Die Schattenseiten der Weltmacht. Berlin 2015, 187.