Im Lichte der EU-Außenpolitik und nuklearer Abschreckung
Übersicht
1. Die EU-Außenpolitik im Kampf gegen den „Dschungel“
2. Die EU-Russlandpolitik
3. Nukleare Phantasien
Anmerkungen
„During the Cold War, we escaped nuclear holocaust only through a mix of expertise, luck, and divine intervention, and I’m afraid the latter played the biggest part“ (Wir sind im Kalten Krieg dem atomaren Holocaust nur durch eine Mischung von Sachverstand, Glück und göttlicher Fügung entgangen, und ich befürchte, die letztere hatte den größten Anteil daran.)
(General Lee Butler, 1999)
1. Die EU-Außenpolitik im Kampf gegen den „Dschungel“
„Das Ende einer Welt“, die 1914 zu Ende ging, analysierend, stellte der Schweizer Historiker, Herbert Lüthy (1918-2002), „das Reich der Vernunft, das der geregelte Gang der Weltwirtschaft verwirklichte“ und „das ernste Geschäft ernster Männer“ war, der „Politik“ gegenüber, die er als „eine Schießbude der Dilettanten“ bezeichnete, weil diese von „der gewohnten Unvernunft der politischen Leidenschaften“ getrieben wurden.1
Die Geschichte wiederholt sich nicht, sagt man. Vielleicht doch? Dass auch heute Dilettanten uns regieren, zeigt die EU-Außenpolitik, die sich von ideologisch fixierten Denkvoraussetzungen und realitätsentrückten Wahnvorstellungen leiten lässt, wodurch „die Welt da draußen“ missverstanden wird und die Zeichen der Zeit verkannt werden.
Dass der Kriegsausbruch in der Ukraine am 24. Februar 2022 „das Ende einer Welt“ markiert, die seit dem Zerfall der Sowjetunion dreißig Jahre lang andauerte; dass die Friedens- und Sicherheitsordnung der Vorkriegszeit nicht mehr restaurierbar ist; dass Europa nicht auf die Zeit nach dem Krieg vorbereitet ist, weil es kein Konzept für den Frieden hat und allein in den apolitischen und hasserfüllten Kategorien von Strafe und Vergeltung denkt, ohne dazu Macht zu haben, dieses Ansinnen auch nur annährend zu verwirklichen – all das spricht dafür, dass die EU-europäischen Machteliten eine dilettantische Außenpolitik betreiben, die sich von „der gewohnten Unvernunft der politischen Leidenschaften“ leiten lässt und nicht begreifen will, dass die Welt der Vorkriegszeit aus den Fugen geraten ist und nie mehr so sein wird, wie sie mal war.
Das Unvermögen, das zu verstehen, ist durch eine anmaßende und selbstüberschätzende Geisteshaltung bedingt, die „die Welt da draußen“ als minderwertig, aggressiv und barbarisch ansieht. Am besten verkörpert diese Geisteshaltung der ehem. EU-Chefdiplomat, Josep Borrell (2019-2024), der am 13. Oktober 2022 bei der Eröffnung der Europäischen Diplomatischen Akademie im belgischen Brügge von Europa als einem „Garten“ und dem Rest der Welt als einem „Dschungel“ sprach.
„Europa ist ein Garten“ und es sei „die beste Kombination aus politischer Freiheit, wirtschaftlichem Wohlstand und sozialem Zusammenhalt“. „Der größte Teil der restlichen Welt ist (hingegen) ein Dschungel und der Dschungel könnte in den Garten eindringen“, erklärte Borrell.
Seinen Ansichten nach müssten die EU-Europäer in den Dschungel hinein und sich mit dem Rest der Welt stärker auseinandersetzen. „Andernfalls wird der Rest der Welt auf andere Weise und mit anderen Mitteln in uns eindringen.“
Diese Geisteshaltung hat einen maßgeblichen Einfluss insbesondere auf die EU-Russlandpolitik, die in Russland einen gefährlichen „Dschungel“ erblickt, der in den europäischen Garten, Gan Eden (גַּן־עֵדֶן), unbedingt eindringen und es zerstören will.
Ja, der russische „Dschungel“ lässt die „armen“ Europäer schon seit Jahrhunderten nicht in Ruhe, seitdem das „Gespenst“ der russischen Gefahr vor gut 200 Jahre im imperialen Frankreich des Napoleon Bonaparte entdeckt wurde.
„Das Gespenst der russischen Gefahr liegt seit Napoleon I. über Europa (>in hundert Jahren wird Europa kosakisch sein<).“ „Derartige Stimmungen“ – schrieb der Schwede Rudolf Kjellén (der Erfinder des Begriffs Geopolitik) im Jahr 1914 – „begleiteten das Gerücht von einem organischen Plan und einer geheimen Tradition im Zarenhause, die 1812 (>buchstäblich< 1836) in Frankreich veröffentlicht und als >das Testament Peters des Großen< besprochen wurde. Hier finden wir ein vollständiges politisches Schema zur Unterwerfung des >abgelebten Europas< unter das Joch des >jungen und gesunden< Russlands. Die wissenschaftliche Kritik (Breslau 1879) hat jetzt dieses Aktenstück als eine reine Fälschung nachgewiesen, angefertigt zugunsten des russischen Feldzugs Napoleons I.“2
Auch Fälschungen können Geschichte machen. Heute würde man lieber statt von Fälschungen von Kriegspropaganda oder euphemistisch vom „Informationskrieg“ sprechen.
Und selbst Karl Marx hat darüber berichtet, wie er das Gespenst „entdeckte“, als er sich mit Bezug auf „die türkische Frage“ über eine Äußerung der Londoner Tageszeitung „The Times“ am 31. Mai 1853 empörte: „Wie kam die arme >Times< dazu, an die >guten Absichten< Russlands gegenüber der Türkei und an seine >Antipathie< gegen jede Expansion zu glauben? Russlands gute Absichten gegenüber der Türkei! Schon Peter I. wollte auf den Trümmern der Türkei emporkommen.“
Auch der „große“ Karl Marx war offenbar nicht ganz frei von Ressentiments und Vorurteilen. Menschlich allzu menschlich! Zu Kriegs- und Krisenzeiten wird das „Gespenst der russischen Gefahr“ immer und immer wieder aus der Mottenkiste der Geschichte geholt und zwecks Kriegspropaganda missbraucht.
Selbst Kinder werden davon nicht verschont und von diesem gefährlichen Ungeheuer aufgesucht. So berichteten die schwedischen Medien im Januar 2022, also noch vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine:
„Schwedische Kinder haben Angst vor einem Krieg mit Russland …, weil sie Videos darüber auf TikTok gesehen haben. Kinder und Jugendliche fürchten sich vor Atombombenangriffen und sogar vor russischem Rap. … Dieses TikTok-Video dauert elf Sekunden. Der Song im Video heißt >Please Don’t Cry<. Es enthält zwei Bilder. Das erste ist ein Screenshot aus einem Artikel der schwedischen Zeitung Aftonbladet mit dem Titel >Putins Drohung gegen Schweden könnte eine Antwort nach sich ziehen<. Der schwedische Wolfgang Hansson schreibt, dass der russische Präsident Wladimir Putin versucht, eine Parallelwelt zu erschaffen, indem er die Nato als Aggressor und Russland als Opfer darstellt. Doch solche Einschüchterungstaktiken könnten laut Hansson unangenehme Folgen haben, wenn Schweden und Finnland kurz vor einem Nato-Beitritt stehen. >Putin riskiert, sich mit seinen Drohungen selbst zu schaden<, so Hansson. Auf der Brust des Videos schrieb der Urheber zusammen mit weinenden Emojis: „Schweden stirbt<.
Das zweite Bild ist eine Collage aus zwei Fotos. Links ist ein Ausschnitt einer Europakarte zu sehen, auf der die Namen der Länder Schweden und Finnland erkennbar sind. Ein gelb-schwarzes Strahlensymbol wurde innerhalb zweier roter Kreise auf der Karte platziert. Rechts ist ein Foto von Wladimir Putin abgebildet. Es scheint, als wolle der Autor andeuten, dass Putin Schweden mit einem Atomangriff droht. Zu den Bildern wurde geschrieben: >Russland wird Schweden bombardieren< und >Warum Russland? Ich will nicht sterben<.
Als Reaktion darauf schrieb ein Nutzer, sein 12-jähriges Kind habe solche Videos gesehen und sei nicht erschrocken, sondern nachdenklich geworden. Ein anderer berichtete, er habe das Thema mit Schülern besprochen: Einige von ihnen seien dank TikTok überzeugt, Russland plane eine Invasion Schwedens. Ein weiterer Nutzer schrieb, seine jüngste Tochter habe nach dem Fasten Albträume gehabt.“
Die antirussische Hysterie macht, wie man sieht, selbst vor Kinderbetten nicht halt. Diese Kriegshysterie: „Putin werde uns nach der Ukraine angreifen“ breitet sich unaufhaltsam aus. Putins „Dschungel“ ist längst in unseren wohlgeordneten europäischen „Garten“ eingedrungen und zerstört unsere schönsten Blumen mit seinen giftigen Unkräutern.
„Hybride Kriegsführung“ nennen unsere Gärtner dieses seltsame Phänomen. Die anderen nennen das eine Wahnvorstellung, die zur Obsession wird und die Entscheidung über Krieg und Frieden stark beeinflussen kann. Wir werden nun mal von außenpolitischen Dilettanten und Amateuren regiert, die sich mangels Urteilskraft ihre Entscheidungen von Wahnvorstellungen und imaginären Bildern leiten lassen und deren blinder Hass ihren Geist verwirrt und vernebelt.
Wie leben im Zeitalter des europäischen Provinzialismus, der lauter außenpolitische Dilettanten produziert, die nicht über den eigenen Tellerrand hinausschauen (können), die allein Selbstgespräche unter Gleichgesinnten führen und sich darum beharrlich weigern, im außenpolitischen Geschäft die „normative Kraft des Faktischen“ (Georg Jellinek) zu akzeptieren.
2. Die EU-Russlandpolitik
Die Zeit zwischen dem Ende des „Ost-West-Konflikts“ und dem Kriegsausbruch in der Ukraine (1989/91-2022) war ein einziger hoffnungsloser Versuch auf der schmalen Basis der noch halbwegs intakten Beziehungen zwischen Russland und dem „Westen“ einen Modus Vivendi zu finden und eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsordnung aufzubauen. Diese Chance wurde verpasst und jetzt stehen wir vor einem Scherbenhaufen der EU-Russlandpolitik.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: In den vergangenen dreißig Jahren büßte die EU sukzessive an weltpolitischer Bedeutung ein und verliert inzwischen, indem sie sich durch solch außenpolitisches Personal wie von der Leyen und Kaja Kallas repräsentieren lässt, den letzten Respekt auf der internationalen Bühne und wird auch von Russland immer weniger ernstgenommen. Und je weniger sie ernstgenommen wird, umso skurriler wird ihre Russlandpolitik, die nicht mehr zwischen Wahrheit und Dichtung, Realität und Fiktion, Realpolitik und Prinzipienreiterei, Posieren und Regieren usw. unterscheiden kann.
Eine derartige außenpolitische Grundeinstellung will nicht gestalten, sondern lamentieren, nicht verhandeln, sondern diktieren, nicht urteilen, sondern emotionalisieren und letztlich dämonisieren.
„Eine solche Haltung ist keine Politik, sondern eine Obsession. So grotesk und übervereinfacht sie ist, so unzeitgemäß ist sie auch“, urteilte George W, Ball (US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, 1968) 1981 bereits zu Zeiten des „Kalten Krieges“3.
2014 meinte Kissinger genau dasselbe über die westliche Russlandpolitik, als er sagte: „Die Dämonisierung von Wladimir Putin ist keine Politik. Sie ist ein Alibi für die Abwesenheit von Politik. Zugleich sollte Putin ungeachtet seiner Sorgen realisieren, dass eine Politik des militärischen Zwangs einen neuen Kalten Krieg zur Folge hätte.“4
Nur in einem Punkt irrte sich Kissinger: „Einen neuen Kalten Krieg“ brauchte er nicht zu befürchten, weil der „alte“ nie aufgehört hat, zu existieren und darum „neu“ geblieben ist. Aufgehört hat allein die systemideologische Konfrontation zwischen Ost und West, wobei die geopolitische bis heute unvermindert fortgesetzt wird.
Und „so zittern wir“ nach wie vor „in den eisigen Winden des Kalten Krieges“5 und wissen nicht, wie wir daraus herauskommen. Jahrzehnte vergehen, neue Epochen der Weltgeschichte entstehen, neue Staaten und Staatsverfassungen, die wie Pilze aus dem Boden schießen, allein die europäische, pathologisch anmutende Einstellung zu Russland bleibt unverändert bestehen.
Spätestens seitdem Churchill zum Spiritus Rector der westlichen Russlandpolitik geworden ist6, wurde Russland bzw. die Sowjetunion zum „absoluten Feind“ (Carl Schmitt)7 und diese Feindschaft zu Russland bleibt unbeschadet der epochalen Veränderungen in den Jahren 1989/91 voll intakt. Erst vor diesem Hintergrund wird die EU-Russlandpolitik nachvollzierbar.
Hinzu kommt die Generation jener EU-Politiker, die den Untergang der Sowjetunion noch bewusst miterlebt haben und heute an den Schalthebeln der Macht sitzen. Sie können und wollen offenbar nicht akzeptieren und sind fassungslos darüber, dass Putin ihnen mit seinem Feldzug gegen die Ukraine den „Sieg“ im „Kalten Krieg“ zu „stehlen“ versucht, indem er sich „anmaßt“, die Nato herauszufordern und die USA als Ordnungsmacht in Europa in Frage zu stellen.
Es ist diese Mischung aus Feindschaft und Fassungslosigkeit, die die EU-Russlandpolitik so feinselig, verbissen, skurril und zugleich so selbstzerstörerisch macht. Die EU-Europäer wollen die Zeit zurückdrehen, träumen immer noch von den „glorreichen“ Zeiten der 1990er-Jahre und möchten nicht wahrhaben, dass die Welt aus den Fugen geraten ist und es nie mehr so sein wird, wie es mal gewesen war. Umso verbissener und feindseliger werden sie in ihrer anachronistischen Russlandpolitik, die nach Strafe und Vergeltung ruft.
Allein: Die Nato des „Kalten Krieges“ und der 1990er-Jahre und die Nato-Allianz der 2020er-Jahre sind nicht ein und dasselbe. Hinzu kommt, dass Trumps Amerika bei weitem nicht die militärische Stärke der USA der 1990er-Jahre besitzt, wohingegen das Russland der Gegenwart die USA samt ihrer Nato-Verbündeten militärtechnologisch und militärstrategisch eingeholt und überholt hat.
Der sog. „Westen“, der sich längst in eine transatlantische Gemeinschaft unter der unangefochtenen Führung der USA gewandelt hat, lebt immer noch in den triumphalen 1990er-Jahren des 20. Jahrhunderts und merkt nicht, dass Russland und die Welt ihm mit Riesenschritten davongelaufen sind.
Wer blendet, wirkt verblendet! Und wer die neuentstandene militärische Realität, in der die USA ihre Vormachtstellung verloren hat, ausblendet, bleibt auf der Strecke und kann zwar wütend blind um sich herumschlagen, wie Trump es im Irankrieg tut, ohne allerdings nennenswerte Erfolge vorzuweisen. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.
3. Nukleare Phantasien
Was an den EU-Machteliten heute so erstaunt, ist nicht nur der Verlust am jeglichen machtpolitischen Realitätssinn, sondern auch und insbesondere der Umgang mit ihrer eigenen unreflektierten militärischen Machtlosigkeit.
Je mehr die EU-Politmatadoren mit Macron und Merz an der Spitze von der „nuklearen Abschreckung“ als „Eckpfeiler der europäischen Sicherheit“, die „sich auf die erweiterte Abschreckung der USA, einschließlich der in Europa stationierten US-Atomwaffen (stützt)“8, sinnieren, umso mehr bekommt man das Gefühl, wie wenig sie sich über die Tragweite ihres Geredes darüber im Klaren sind.
Um mit Russland nuklear gleichzuziehen, braucht Europa hunderte und aberhunderte Milliarden Euro, entsprechende Trägertechnologie und viel, sehr viel Zeit, die es nicht hat. Atomwaffen gewährleisten keine absolute Sicherheit und die sog. „Abschreckung“ garantiert keinen „ewigen Frieden“.
„Ich habe leider noch immer den Eindruck“, schreibt Helmut Schmidt 1967, „dass in weiten Kreisen der führenden Politiker und Militärs der Bundesrepublik die recht primitive Auffassung vertreten wird, die Abschreckung müsse unter allen Umständen funktionieren.“9
„Abschreckung ist ein … defensives strategisches Prinzip“ und „nicht identisch mit Vergeltung“, schreibt Schmidt an einer ganz anderen Stelle. „Das Prinzip der Abschreckung kann (auch) versagen, wenn der Aggressor das ihm angedrohte Risiko irrtümlich oder gerechterweise für erträglich hält, wenn der Aggressor nicht von dem Willen oder der Fähigkeit des Abschreckenden zur Ausführung seiner Drohung überzeugt ist, wenn dem Aggressor keine alternative Handlungsmöglichkeit offenbleibt, oder wenn er seine Aggressionsentscheidung nicht aus rationaler Bewertung der Lage trifft.“10
Merz gehört offenbar immer noch zu jenen „führenden Politiker … der Bundesrepublik“, die „die recht primitive Auffassung“ vom Atomwaffenbesitz vertreten und die von Helmut Schmidt angesprochenen Probleme der Abschreckung nicht mitbedenken, zieht er doch mit seiner aggressiven Rhetorik „keine alternative Handlungsmöglichkeit“ in Betracht.
Wie gut kennen Macron und Merz aber ihren „Feind“, den sie mit Atomwaffen abschrecken wollen? Eine ähnliche Frage stellte Der Spiegel drei Jahrzehnte nach Schmidts Äußerung am 2. August 1998 in einem Interview mit dem bezeichnenden Titel „Wir handelten wie Betrunkene“ an den ehemaligen Oberbefehlshaber der US-Atomstreitmacht, Air-Force-General Lee Butler (1991-1994).
„Wie gut kannten Amerikas Politiker und Militärs den Feind, den sie mit Atomwaffen bedrohten?“, fragte der Spiegel-Redakteur, Rainer Paul, General Lee Butler.
„Die Theorie der nuklearen Abschreckung“, meinte Butler, „geht davon aus, den jeweiligen Feind genau zu kennen und somit seine eigenen Handlungen auf die vermeintlichen Absichten und Motive dieses Feindes auszurichten. … Bei einer Krise, einem Zeitpunkt höchster emotionaler und intellektueller Anspannung, glauben diese Nationen aber, die unentbehrliche Ruhe und Objektivität bewahren zu können, die einen nuklearen Schlagabtausch verhindert. Das ist pure Selbsttäuschung, die einhergeht mit der Verteufelung des Gegners.“
Gefragt danach, ob er geglaubt hat, „die Strategie vom >Gleichgewicht des Schreckens< könne fehlschlagen“, sagte Butler: „Ich war fest davon überzeugt. Wir handelten wie ein Betrunkener beim russischen Roulette, der zehnmal die Pistole abdrückt und dann erklärt: Guck mal, es ist überhaupt nicht gefährlich. In Wahrheit war das Nuklear-Roulette überaus gefährlich …. Es ist ein Wunder, dass wir es geschafft haben, uns irgendwie durchzuwursteln. Nukleare Abschreckung ist ein Hasardspiel, das irgendwann verlorengeht.“
Ein halbes Jahr später hielt Butler eine Rede „Are Nuclear Weapons Necessary?“ (Sind Kernwaffen notwendig?) bei einem Runden-Tisch-Gespräch für das Canadian Network to Abolish Nuclear Weapons am 11. März 1999, in der er zugab, welchem Wahnsinn er als oberster Einsatzplaner der atomaren Abschreckungsmaschinerie aufgesessen war, wo er bei der Einsatzbereitschaft von 10.000 Kernwaffen auf 12.500 Ziele in den Ländern des Warschauer Pakts zuständig war:
„In den 36 Monaten als oberster Kernwaffenberater des Präsidenten nahm ich jeden Monat an einer Übung teil, die unter dem Namen >Raketenbedrohungskonferenz< bekannt wurde. Buchstäblich ohne Ausnahme begann die Bedrohungskonferenz mit einem Szenario, das von einem Angriff auf die Vereinigten Staaten mit einem, mehreren, Dutzenden, dann Hunderten und schließlich Tausenden von Thermonuklearsprengköpfen ausging. War der Angriff ausgewertet und bewertet und standen angesichts der Situation genügend Informationen für eine Entscheidung zur Verfügung, blieben dem Präsidenten maximal zwölf Minuten, um eine Entscheidung zu treffen. Zwölf Minuten für eine Entscheidung, die – zusammen mit der Entscheidung eines Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel, der vielleicht einen solchen Angriff angeordnet hatte – nicht nur das Überleben der Kriegsgegner aufs Spiel setzte, sondern das Schicksal der gesamten Menschheit mit der Aussicht, dass innerhalb weniger Stunden etwa 20.000 Thermonuklearwaffen explodierten. … Am Ende einer drei Jahrzehnte dauernden Reise verstand ich endlich die Wahrheit, die mich jetzt als Außenseiter, als Spielverderber erscheinen lässt. Sie lautet, wir sind im Kalten Krieg dem atomaren Holocaust nur durch eine Mischung von Sachverstand, Glück und göttlicher Fügung entgangen, und ich befürchte, die letztere hatte den größten Anteil daran.“
Vor diesem Hintergrund fragt man sich, ob unsere Amateure – Macron und Merz -, die die „nukleare Abschreckung“ zum „Eckpfeiler der europäischen Sicherheit“ stilisieren, wissen überhaupt, was sie tun.
Sieht man von dem Atomwaffensperrvertrag bzw. dem Nichtverbreitungsvertrag (NVV) ab, der u. a. das Verbot der Verbreitung und die Verpflichtung zur Abrüstung von Kernwaffen regelt, so fragt man sich: Wie soll die EU eine nukleare Infrastruktur auf- und ausbauen, um die nukleare Supermacht Russland abschrecken zu können? Und wer soll all dieses nukleare Abenteuer überhaupt finanzieren? Etwa die CDU aus ihrer Portokasse?
Selbst wenn Nuklearwaffen in welcher Form auch immer eingesetzt wären, hätte das biblische Armageddon, die endzeitliche Schlacht, nicht stattgefunden und die Welt wäre nicht untergegangen. Zu geringes Nuklearpotenzial besitzen die kleinen europäischen Nuklearmächte: Frankreich und England.
Nach aktuellen Schätzungen des SIPRI-Instituts verfügt Frankreich über insgesamt rund 370 (davon etwa 290 einsatzbereit) und das Vereinigte Königreich über rund 225 nukleare Sprengköpfe, wohingegen Russland über rund 5.420 und die USA über ca. 5.042 nukleare Sprengköpfe verfügen.
Ganz anders sah es zurzeit des „Kalten Krieges“ aus. Die Zahl der amerikanischen Nuklearwaffen lag 1990 schätzungsweise bei 21.211, wohingegen die Sowjetunion ihr Arsenal auf 33.417 Stück aufgerüstet hatte. Das waren ganz andere Dimensionen eines nicht zustande gekommenen Nuklearkrieges, der das Potenzial gehabt hätte, die ganze Welt in die Luft zu sprengen.
Deswegen vertrat der US-Politikwissenschaftler, Robert Jervis (1940-2021) stellvertretend für viele in seinem 1984 erschienenen Werk „The Logic of American Nuclear Strategy: Why Strategic Superiority Matters“ die Auffassung, dass „die Furcht vor einem Atomkrieg die andere Seite von viel mehr als einem nuklearen Angriff abschreckt, weil ein Atomkrieg nicht leicht kontrolliert oder isoliert werden kann. So irrational es auch klingen mag, die Möglichkeit der Verwüstung hat unsere Welt ungewöhnlich sicher gemacht.“
Nach Einschätzung eines russischen Militärexperten, Konstantin Sivkov (geb. 1954), hätte Russland im Falle eines unbegrenzten Nuklearkrieges zwischen Russland und Europa ca. 65 bis 85 Millionen Opfer, während Europa ganz ausgelöscht wäre. Ende der Durchsage!
Anmerkungen
1. Lüthy, H., Das Ende einer Welt: 1914, in: des., In Gegenwart der Geschichte. Historische Essays.
Köln Berlin 1967, 271-310 (277).
2. Kjellén, R., Die Großmächte der Gegenwart. 5. Aufl. Berlin 1915, 174 f.
3. Ball, G. W., Kalte Kriegsmanie im Weißen Haus, in: Wilhelm Bittorf (Hg.), Nachrüstung. Der Atomkrieg
Rückt näher, Hamburg 1981, 167-170 (168).
4. Kissinger, H., „For the West, the demonization of Vladimir Putin is not a policy; it is an alibi for the absence
of one“, Washington Post, 5. März 2014.
5. Ball (wie Anm. 3), 167.
6. Silnizki. M., Churchill als der Spiritus Rector der Russlandpolitik, in: des., „Potentieller Freund im Rücken
potentieller Feinde“. Jahrhundert westliche Russlandpolitik. 8. Dezember 2022, www.ontopraxiologie-de.
7. Vgl. Silnizki, M., Carl Schmitt und „der Begriff des Politischen“. Im Spiegel der geopolitischen Gegenwart,
3. November 2024, www.ontopraxiologie.de.
8. Zitiert nach der Pressemitteilung der Bundesregierung 41 vom 2. März 2026: „Gemeinsame Erklärung von
Präsident Macron und Bundeskanzler Merz“.
9. Schmidt, H., Einleitung, in: Kahn, H., Eskalation. Die Politik mit der Vernichtungsspirale. Berlin
1967, 24.
10. Schmidt, H., Verteidigung oder Vergeltung. Ein deutscher Beitrag zum strategischen Problem der Nato.
Stuttgart. 4. Aufl. 1965, 241f.