Verlag OntoPrax Berlin

Narrative in Zeiten des Krieges

Berichte, Vorurteile und Kriegspropaganda

Übersicht

1. Peripetien des Lebens
2. Zwischen Fiktion und Realität
3. Konfrontation auf allen Ebenen

Anmerkungen

„Tis the times’ plague, when madmen lead the blind“ (Es ist die Plage
der Zeit, wenn Wahnsinnige die Blinden führen).
(William Shakespeares)

1. Peripetien des Lebens

Im Akt IV, Szene 1 von William Shakespeares Tragödie König Lear begegnet der vom Schicksal schwer gezeichnete, geblendete Graf von Gloucester, dem gerade wegen seiner Treue zum König die Augen ausgestochen wurden, auf freiem Feld seinem verbannten Sohn Edgar, ohne ihn erkannt zu haben. Edgar tarnt sich seinerseits als ein wahnsinniger „Poor Tom“ und übernimmt die Führung seines Vaters, um ihn nach Dover zu geleiten.

Gloucester, der seine Macht verloren und durch Intrigen sein Augenlicht eingebüßt hat, sinniert über Grausamkeiten des Lebens und bedauert es, seinen treuen Sohn Edgar verstoßen zu haben, wohingegen dieser, sich als Wahnsinniger getarnt, um sein eigenes Leben bangt.

Gloucester bittet den vermeintlich irren „Tom“, ihn zur Klippe von Dover zu führen, da er sich dort in den Tod stürzen will, um seinem Leid ein Ende zu setzen, und entrüstet sich im Gespräch mit seinem unerkannten Sohn, „Poor Tom“, über „die Plage der Zeit“. Wie konnte es dazu kommen, dass diejenigen, die geistig verwirrt und realitätsentrückt sind („Madmen“), die Schwachen und Hilflosen („Blinden“) führen. „Tis the times’ plague, when madmen lead the blind.“

Edgar ist freilich alles andere als „verrückt“; er spielt nur seine Tollheit vor, ist aber beim vollen Verstande und führt darum seinen Vater heimlich an einen ganz anderen Ort, um ihn vom Suizid abzuhalten.

Das Ende der Geschichte: Der Blinde wird zwar vor dem Suizid gerettet, stirbt aber am Herzversagen unter einer emotionalen Wucht aus Mischung von Freude, Schmerz und Ergriffenheit, nachdem er erfahren hat, dass Edgar die ganze Zeit über loyal war.

Und Edgar? Er steigt zu einer der wichtigsten Führungspersönlichkeiten des Reiches auf und wandelt sich von einem „Verrückten“ zu einer unangefochtenen moralischen Instanz. Die Geschichte ist zu schön, um wahr zu sein!

Eingespannt in die Zwänge und Nöte eines konkreten, ihn prägenden Machtsystems, in welches er ungefragt geboren wird und dem er ungewollt lebenslang ausgeliefert ist, stellt der moderne Mensch im Laufe der Zeit fest, falls überhaupt, wie sehr er davon geblendet wird und wie wenig er sich dagegen wehren kann.

Vergeblich hofft er dem Machtdiktat entkommen zu können, ohne dabei zu begreifen, wie sehr er sich längst jenem Diktat unterworfen hat, dem er doch vergeblich zu entkommen erhofft. Er wird entweder irre bzw. toll, ohne sich dessen bewusst zu sein, oder leidet an Irritationen, in die er stürzt, um bloß

nicht irre zu werden.

„Der tolle Mensch“ (Nietzsche) verwandelt sich aber nie in eine moralische Instanz, weil er mit seiner Verrücktheit in einer Traumwelt lebt, ohne zu wissen, wie er daraus herauskommt. Tollheit wird hier zu einer Geisteshaltung, zu einem besonders ausgetüftelten Korsett aus Selbst- und Fremdwahrnehmung, Realität und Irrealität, das dem Leben Halt(ung) gibt und das bestehende Machtsystem stabilisiert, es mit Sinn erfüllt, es begreiflich und damit als gerechtfertigt erscheinen lässt.

Diese Tollheit oder Tollkühnheit, wie man´s nimmt, macht blind vor den Gefahren unserer Zeit und versetzen die geblendeten in eine Lage, die unbegreiflich macht, was mit ihnen geschieht, weil sie nicht „sehen“ können, dass sie von „tollen Menschen“ und einem tollen Machtsystem geführt und regiert werden.

Am Ende des Weges werden die beiden schuld an dem, was kommt, sein: die Tollen, die ihre Verrücktheit nicht loswerden können und wollen, und die Blinden, die es „sehen“ bzw. wissen könnten, aber weder „sehen“ noch wissen wollten. Sie werden aber nicht mehr, wie ihre Vorfahren, mit der Floskel bluffen können: „Davon haben wir nichts gewusst“.

Am folgenden Beispiel wird deutlich, dass wir wissen können, was und falls wir wissen wollen, sobald die Tollen des Machtsystems ihre wahre Geisteshaltung uns gelegentlich unreflektiert, unbeabsichtigt oder ungewollt verraten.

„Die Nato-Verbündeten haben die US-amerikanischen Truppen während des bewaffneten Konflikts mit dem Iran aktiv logistisch unterstützt“, sagte der Nato-Generalsekretär, Mark Rutte, selbstentlarvend am 24. Juni 2026 bei seinem Treffen mit Trump im Weißen Haus: „Wenn man die Situation als Ganzes betrachtet, haben die Verbündeten geholfen“.

Zwar räumte Rutte ein, dass es „einzelne Vorfälle“ gegeben habe, bei denen einige Länder sich geweigert hätten, den USA Militärflugplätze zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig betonte er aber, dass der Flughafen Bukarest Anfang dieses Jahres die zivilen Flüge vorübergehend eingestellt habe, um sich auf die Wartung amerikanischer Militärflugzeuge zu konzentrieren.

Und nicht nur das! Während seines Besuchs versuchte Rutte Trump mit Lob und eindrucksvollen Bildern für sich zu gewinnen. Konkret verwendete er beim Treffen im Oval Office eigens angefertigte Poster mit goldener Schrift und leuchtend roten Diagrammen. Sie trugen die Titel „Die Trump-Billion“ und „Der Trump-47-Effekt“ und veranschaulichten, wie die Verteidigungsausgaben der Nato-Staaten seit Trumps Amtsantritt im Jahr 2017 gestiegen waren.

Trumps Behauptungen, die europäischen Nato-Staaten hätten den USA im Krieg gegen den Iran die Unterstützung verweigert, versuchte Rutte damit zu entkräften, dass die USA ohne die Beteiligung der Europäer die Operation im Nahen Osten nicht durchführen konnten.

Mehr noch: Die Europäer hätten sogar einen „wesentlichen Beitrag“ geleistet, indem sie ihre Luftwaffenstützpunkte für US-Flugzeuge zur Verfügung stellten. Ohne diese Unterstützung hätten die US-Flugzeuge in anderen Regionen stationiert werden müssten.

„Ich verstehe die Enttäuschung vollkommen, aber nehmen wir zum Beispiel Italien: Dort flogen 500 amerikanische Flugzeuge von amerikanischen Stützpunkten in Italien, um die Operation zu unterstützen. Das ist ein enormer Beitrag“, sagte Rutte in seinem in Trumps Anwesenheit gehaltenen Vortrag.

Laut Rutte flogen amerikanische Flugzeuge während der US-Militäroperation im Nahen Osten allein von europäischen Luftwaffenstützpunkten aus zwischen 4.000 und 5.000 Einsätze. „Ich möchte ganz klarstellen, wie wichtig Ihr Vorgehen gegenüber dem Iran ist“, bemerkte er anbiedernd und widersprach zugleich Einschätzungen, Europa lehnte den von den USA geführten Krieg gegen den Iran ab.

Mit seiner Anbiederung, seinem Untertanengeist sowie Unterwürfigkeit und Ehrerbietung merkte Rutte gar nicht, wie verräterisch und selbstentblößend seine Einstellung zu dem vom „Westen“ angeblich immer so hoch gehaltenen Völkerrecht war, das er gerade in seiner unerträglichen Einfältigkeit bei seinem Treffen im Weißen Haus mit Füssen getreten hat – nach dem Motto: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.

Entscheidend war für ihn allein den Eindruck zu erwecken, wie wichtig es für ganz Europa ist, „seiner Majestät“, dem König Donald I., in Treue und Ergebenheit bedingungslos zu dienen und zu folgen. Dass die europäischen Nato-Länder unmittelbar am Angriffskrieg gegen den Iran beteiligt waren und damit Komplizen der US-amerikanischen Aggression geworden sind, hat Rutte nicht nur eingestanden, sondern öffentlich auch voller Stolz verkündet.

Wenn man sich selbst wie Rutte eines Völkerrechtsbruchs bezichtigt und dabei noch stolz darauf ist, dann fragt man sich, wieso stellen die EU-Europäer Russland als Aggressor und Völkerrechtsbrecher an den Pranger, wo sie doch selber keine Probleme damit haben, das Völkerecht zu brechen?

„Do as I say, not as I do“ (Tu, was ich sage, nicht, was ich tue) heißt wohl die Devise der von Rutte angeführten stolzen Völkerrechtsbrecher, die sich ihres Völkerrechtsbruchs gar nicht bewusst sind. „Quod licet Iovi, non licet bovi“ (Was Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt).

Hier führen nicht die „Wahnsinnigen die Blinden“; hier sind die Verirrten unterwegs, die alles ausblenden, was ihren geopolitischen und geoökonomischen Interessen zuwiderläuft. „Geopolitik priorisiert das Völkerrecht“1.

Freilich stieß Ruttes Darstellung, dass im Krieg gegen den Iran 500 US-Militärflugzeuge von Stützpunkten in Italien gestartet seien, auf Widerspruch. Das Verteidigungsministerium in Rom betonte sofort, dass es nicht um Kampfeinsätze ging, und Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni legte nach.

In seiner „sehr enthusiastischen Darstellung“ habe Rutte „verschiedene Sachverhalte miteinander vermischt und die Art der genehmigten Flüge verwechselt“, sagte Meloni am 26. Juni nach dem italienisch-französischen Regierungsgipfel in Antibes.

Eine Nato-Sprecherin stellte daraufhin klar, dass Rutte sich allein auf die logistische oder technische Unterstützung von Verbündeten wie Italien bezogen habe. Dieses unwürdige Verwirrspiel kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die europäischen Nato-Länder so oder so in das Kriegsgeschehen involviert waren, zumal es von ihnen auch keine eindeutige und unmissverständliche Verurteilung des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges der USA gekommen ist. Wer mit den Wölfen heult, muss auch mit ihnen jagen.

2. Zwischen Fiktion und Realität

Dass die antirussische Kriegshysterie einen wahnsinnig machen kann, kennen wir aus den Zeiten des „Kalten Krieges“. Der erste US-Verteidigungsminister, James Forrestal (1892-1949), stürzte am 22. Mai 1949 aus dem 16. Stock des Bethesda Naval Hospitals in Maryland in den Tod. Gerüchten zufolge soll Forrestal zuvor auf die Straße gerannt und gerufen haben: „Die Russen greifen an“.

Dieser Wahnsinn setzt sich bis heute fort und zeigt sich in seiner noch groteskeren Form. So hat der ehem. stellvertretende Nato-Oberbefehlshaber, General Richard Shirreff (geb. 1955), in einem fiktiven Horrorszenario im Sept. 2025 den möglichen Start, Ablauf und Ausgang eines Konflikts zwischen der Nato-Allianz einerseits sowie China und Russland andererseits vorausgesagt, der noch im November 2025 Realität werden sollte, aber eben nicht geworden ist.

Das Szenario sah wie folgt aus: Während Trump die Nato schwächt, greift Putin die Ukraine weiter an und zündelt mit Kampfjet-Überflügen und Drohnen über dem Nato-Gebiet. Gleichzeitig steht er mit China im Austausch. Xi Jinping will seinerseits Taiwan einnehmen, das von den USA nach eigenen Angaben geschützt wird.

In der britischen Daily Mail hat Shirreff nun im Sept. 2025 ein detailliertes Szenario entworfen, wie China mithilfe von Russland den „Dritten Weltkrieg“ starten könnte. Startpunkt: Anfang November 2025. Denn der Zeitpunkt soll angeblich günstig gewesen sein: Europa will aufrüsten, ist aber noch nicht so weit. Trump zögert, ist aber nur bis 2028 im Amt. Dieses Zeitfenster könnten China und Russland demnach nutzen.

Wie wir heute wissen, erwies sich dieses Wahnsinnsszenario als das Phantasiegebäude eines verblendeten Weltuntergangspropheten. „Der Wahnsinn in der westeuropäischen Außenpolitik bricht immer wieder hervor und lässt sich schlichtweg nicht vollständig heilen“, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, am 1. Juni 2026 in einem Interview.

Welcher Teufel hat aber Shirreff geritten, um ein derartiges Horrorszenario zu entwerfen? Vermutlich schürte er einfach die Angst vor der russischen Bedrohung in Anbetracht der vermeintlich zu erwartenden russischen Invasion. Die Mainstream-Medien griffen Shirreffs Phantastereien jedenfalls dankbar auf und versuchten in gewohnter Manier Realität durch Fiktion zu substituieren.

Ein solches Horrorszenario sollte offenbar auch die Militarisierung der westlichen Gesellschaften vorantreiben. Als Nebeneffekt sollten dadurch die europäischen Volkswirtschaften, die weltwirtschaftlich immer mehr marginalisiert werden, mittels des sog. „Militär-Keynesianismus“ angekurbelt werden.

Seit dem Untergang der Sowjetunion und mit der Entstehung der unipolaren Weltordnung hat der „Westen“ zwar in den 1990er-Jahren und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts einen erheblichen Wohlstandzuwachs bei einer ständigen Ausweitung seiner Weltdominanz, zugleich aber auch eine massive Konkurrenz erfahren.

1989 entfielen 22,2 % des globalen BIP auf die USA, wohingegen Chinas Anteil lediglich 3,6 % betrug. Bis 2024 stieg Chinas Anteil auf 19,5 %, während der der USA auf 14,9 % sank. Von 1989 bis 2024 wuchsen Chinas Exporte von 1,7 % auf 14,6 % des globalen Gesamtvolumens, wohingegen die US-Exporte von 11,7 % auf 8,5 % zurückgingen.

Negative Industrieproduktionszahlen, sinkende Reallöhne und Kaufkraft, Stagnation und zunehmende Deindustrialisierung, Nullwachstum des BIP und anhaltende Rezessionen sind das Ergebnis, das Europa in den letzten achtzehn Jahren seit der Weltfinanzkrise 2007/08 erzielt hat.

Die Zahlen belegen eindeutig den Verlust der wirtschaftlichen und technologischen Führungsrolle des „Westens“, die Nivellierung der weltwirtschaftlichen Vormachtstellung und die daraus resultierende Unzufriedenheit mit sich und der Welt.

Alle Versuche deutscher, französischer und anderer EU-europäischer Regierungen, ihre Wirtschaft wiederzubeleben, sind nichts weiter als ein Versuch, die Zeit zu überlisten und ein allmähliches, aber unaufhaltsamen Abdriften in eine weltwirtschaftliche Bedeutungslosigkeit auszublenden.

Die EU-Europäer werden blind für die realen geopolitischen und geoökonomischen Entwicklungen des Zeitalters und die Blinden machen für ihre Erblindung die anderen verantwortlich und sind stets auf der Suche nach Sündenböcken für die selbstgeschaffene Misere.

Und wer sucht, der findet. China heißt heutzutage dieser neue Sündenbock und muss für die Probleme der deutschen Industrie herhalten. Der „China-Schock“ nennt das Handelsblatt es in seinem jüngsten Beitrag vom 1. Juli 2026, S. 7. „Industrielle Basis erodiert“ überschreibt das Blatt seinen Beitrag mit Verweis auf ein ungenanntes Regierungsmitglied, das gesagt haben soll: „Ohne eine andere Chinapolitik bringen uns die anderen Reformen nicht viel“.

Und ein anderer zitierter anonymer Spitzenbeamten bläst ins gleiche Horn, indem er beteuert: „Die Streichung eines Feiertags wird den Wirtschaftsstandort nicht retten, wenn gleichzeitig die industrielle Basis des Landes erodiert“. Dass für diese „Erosion“ China angeblich verantwortlich sei, versteht sich wohl von selbst.

Die Gründe, die dafür herhalten müssen, scheinen nur auf den ersten Blick einleuchtend zu sein: Chinesische Hersteller drängen „mit staatlich flankierten Überkapazitäten und einer aggressiven Preisgestaltung auf den Weltmarkt“. Laut einer Analyse des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sollen „in der deutschen Industrie zwischen 2019 und 2025 rund 400.000 Jobs allein wegen China verloren gegangen“ sein. Auch „die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft“ hat sich im gleichen Zeitraum „verschlechtert“, schreibt IW.

Kurzum: Für „die deutsche Konjunkturschwäche (wird) vor allem die unfaire Wirtschaftspolitik Pekings identifiziert“. Dass womöglich ganz andere Gründe viel ausschlaggebender sein könnten, als der sog. „China-Schock“, wird vom Handelsblatt ausgeklammert, was auf einen manipulativen Charakter des Beitrags hindeutet.

Wie eine andere IW-Studie vom 7. Februar 2026 unter Leitung von Michael Grömling zeigt, hat die deutsche Wirtschaft ab dem Jahr 2020 einen Wertschöpfungsverlust von rund 940 Milliarden Euro erlitten. Demzufolge haben die Corona-Pandemie, die Energiekrise infolge des Ukraine-Krieges und Trumps Handelspolitik über die Jahre zu einem wirtschaftlichen Ausfall von über 20.000 Euro pro Erwerbstätigen geführt. Dies entspricht etwa einem Fünftel der durchschnittlichen wirtschaftlichen Leistung, die eine erwerbstätige Person pro Jahr erwirtschaftet.

„Auf den Corona-Einbruch folgt der Kriegsschock“, konstatierte Grömling im Februar 2026. Vom „China-Schock“ war damals gar keine Rede. Deutsche Außenpolitik, worunter zuallererst Russland- und Kriegspolitik verstanden werden muss, ist viel ausschlaggebender für die Misere der deutschen Wirtschaft als der ominöse „China-Schock“.

„Ab 2022 überlagerten die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Krieges die Nachwirkungen der Pandemie. Der Energiepreisschock und die anhaltend hohe geopolitische Unsicherheit bremsten die Konjunktur spürbar. Die Verluste summieren sich 2022 auf rund 85 Milliarden Euro. In den beiden Folgejahren hat Deutschland ca. 140 bzw. 200 Milliarden Euro weniger erwirtschaftet“, berichtete Grömling und stellt schlussendlich fest: „Krisen kosten insgesamt fast eine Billion Euro.“

Und was Russland betrifft, so zählt es laut UBS Global Wealth Report 2026 zu den Ländern mit dem schnellsten Vermögenszuwachs weltweit. Von 2020 bis 2025 stieg das inflationsbereinigte Pro-Kopf-Vermögen um 37 Prozent, womit das Land weltweit den zweiten Platz belegt.

Nur Südkorea (+55 %) verzeichnete ein schnelleres Wachstum, gefolgt von Kroatien (+29 %). Gleichzeitig sank das Wohlbefinden in einigen europäischen Ländern. Am schlechtesten schnitten Großbritannien (-23,2 %), die Niederlande (-14,4 %) und Frankreich (-4,5 %) ab. Einzig in Italien blieb die Situation nahezu unverändert.

3. Konfrontation auf allen Ebenen

“Here speaks Russian warship 531, stay away”: Russian Navy corvette drives observers away from “shadow fleet” tanker in the Baltic Sea“ (Hier spricht das russische Kriegsschiff 531, bleiben Sie fern“: Eine russische Marinekorvette drängt Beobachter von einem Tanker der „Schattenflotte“ in der Ostsee weg). Mit dieser Schlagzeile berichtete The Insider am 1. Juli 2026 einen Zusammenstoß zwischen einem russischen Kriegsschiff und dem deutschen Küstenwachschiff „Bayreuth“.

Am Morgen des 30. Juni störte ein russisches Kriegsschiff die Beobachtung des sanktionierten Tankers Kira K (IMO 9346720), der mehr als 100.000 Tonnen russisches Rohöl durch die Ostsee transportierte,  berichtete Maik Marahrens, Leiter der Ermittlungen von Greenpeace Nordic, im sozialen Netzwerk Bluesky.

Marahrens berichtete, dass sich während der Dokumentation der Durchfahrt des Tankers durch den Fehmarnbelt das deutsche Küstenwachschiff „Bayreuth“ näherte. Kurz darauf traf die russische Korvette „Soobrazitelny “ (Rumpfnummer 531) aus östlicher Richtung mit hoher Geschwindigkeit ein.

„Ich hatte heute die Gelegenheit, die Spannungen, die die Schattenflotte in der Ostsee erzeugt, hautnah mitzuerleben“, schrieb Marahrens. „Die RF-531 eskortierte die Kira K nicht, sondern eilte ihr mit hoher Geschwindigkeit aus dem Osten zu Hilfe. Wir wussten, dass sich russische Marineschiffe aus diesem Grund in der Region aufhalten. Als wir über Funk hörten: >Hier spricht das russische Kriegsschiff 531, halten Sie sich von der Kira K fern<, wurde uns die Situation sehr deutlich vor Augen geführt.“

Laut Daten der Schiffsüberwachungsplattform  Starboard Maritime Intelligence verließ der Tanker Kira K am 28. Juni den russischen Ölhafen Primorsk. Nach dem von Marahrens beschriebenen Vorfall setzte er seine Fahrt über die Ostsee in Richtung der dänischen Meerengen fort.

Laut dem britischen Schifffahrtsanalyseunternehmen Lloyd’s List wird die Kira K regelmäßig für Öltransfers zwischen Schiffen eingesetzt. Der Tanker unterliegt Sanktionen Großbritanniens, Kanadas, Australiens, der EU, der Schweiz, Neuseelands und der Ukraine.

Die Konfrontation zwischen Russland und dem sog. „Westen“ findet, wie der Vorfall zeigt, nicht nur am Boden und in der Luft, sondern auch auf der hohen See statt und es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zu einer direkten Konfrontation zwischen den beiden Kriegsparteien kommt, sollte die EU weiterhin auf Eskalation setzen.

Dass der „Westen“ eine Kriegspartei ist und längst zum Komplizen der ukrainischen Kriegspropaganda wurde, ist genauso evident wie das Amen in der Kirche. Man muss nur das am 2. Juli 2026, S. 4 f. erschienene Handelsblatt-Interview mit Mark Rutte lesen, um zu sehen, mit welcher Freude er sich die ukrainische Kriegspropaganda zu eigen macht und wie genüsslich er über die russischen Verluste erzählt, woran nichts dran ist, woran Rutte aber fest glaubt, weil er wie ein fanatisches Sektenmitglied daran glauben will.

Gefragt nach der Lagebeurteilung an der ukrainischen Front, sagte Rutte: „Wir sehen, dass die Ukraine Ziele und Einrichtungen – sei es die Energieinfrastruktur oder die Verteidigungsinfrastruktur – effektiv trifft, manchmal sogar tief im Inneren Russlands. Aber es liegt auch an der Tatsache, dass jeden Monat bis zu 35.000 Russen getötet oder schwer verwundet werden. Das ist schrecklich für die Betroffenen und ihre Familien, aber aus militärischer Sicht wichtig. Denn es entspricht in drei Wochen dem, was die Sowjets in zehn Jahren in Afghanistan verloren haben. Oder anders gewendet: In fünf Wochen verliert Russland so viele Männer und Frauen in Uniform wie die USA in Vietnam in 15 Jahren.“

Man spürt, wie sehr Rutte die Zahlen genießt, die er angibt: „35.000 Russen werden jeden Monat getötet“. Wahnsinn! Was für eine Freude! Nur in drei Wochen verliert der „Aggressor“ Putin so viel, wie „die Sowjets in zehn Jahren in Afghanistan verloren haben“.

Mehr noch: „In fünf Wochen verliert Russland so viele Männer und Frauen in Uniform wie die USA in Vietnam in 15 Jahren.“ Unsere ukrainischen Freunde machen doch eine wahnsinnig gute, fantastische und wunderbare Arbeit! Weiter so, Jungs, freut sich der begeisterte Niederländer.

Und diese Tötung der Russen, fügte der niederländische „Militärexperte“ hinzu, ist zwar „schrecklich …, aber aus militärischer Sicht wichtig“. Allein: Die Zahl ist aus der Luft gegriffen. Rutte muss zu seinem Bedauern enttäuscht werden. Die von ihm angegebene Zahl von 35.000 getöteten Russen ist erfunden und allein ein Fantasieprodukt der ukrainischen Kriegspropaganda.

Die Zahl, die bereits seit Monaten im Umlauf ist, hat Rutte entweder vom ukrainischen Verteidigungsminister, Mychajlo Fjodorow, oder einfach aus den Mainstream-Medien erfahren.

Wenn es nach Fjodorow ginge, dann sind 35.000 viel zu wenig. Nach der am 14. Januar 2026 durch die Werchowna Rada erfolgte Bestätigung der Ernennung Fjodorows zum Verteidigungsminister verkündete dieser eine Woche später am 20. Januar: „Eines der strategischen Ziele der Ukraine in diesem Krieg“ sei es, „monatlich bis zu 50.000 Russen zu töten“ und so den Krieg für Russland unerträglich zu machen.

Da hat Fjodorow noch viel zu tun, um sein Endziel zu erreichen. Nur eines ist weder von Fjodorow noch von Rutte zu vernehmen: die ukrainische Opferzahl in diesem Krieg! Und diese Opferzahl geht, wenn man manchen Berichten Glauben schenken will, in Millionen2.

Rechnet man aber die monatlichen Verluste von 35.000 auf vier Jahre hoch, dann kommt man auf – sage und schreibe – 1.680.000 getöteten Russen. Die Zahl würde selbst den Angaben der BBC widersprechen, die nicht gerade im Ruf steht, russische Kriegspropaganda zu betreiben. Die BBC hat nämlich gemeinsam mit Mediazona die Namen von 226.055 russischen Soldaten identifiziert, die während des Ukrainekrieges getötet wurden (Stand: 12. Juni 2026)3.

Rutte ist zum Opfer der ukrainischen Kriegspropaganda geworden. Da ist er nicht der Einzige, der von Mychajlo Fjodorow in die Irre geführt wurde4. Irritierender ist freilich etwas ganz anderes: Woher hat Niederländer Rutte so viel Russenhass, dass er sich über die Tötung so vieler Russen regelrecht freut? Es ist nicht überliefert, dass Russland jemals einen Krieg gegen die Niederlande geführt hat.

Neuerdings hört man erstaunliches aus den Niederlanden. Am 15. Juni 2026 berichtete The Moscow Times: „Die Niederlande testen ein Lager für 2.000 Kriegsgefangene für den Fall eines Krieges mit Russland.“ Zum ersten Mal seit über 30 Jahren übt die niederländische Armee den Aufbau eines Kriegsgefangenenlagers.

Diese Woche testet sie auf dem Truppenübungsplatz Marnehuizen in der Provinz Groningen den Entwurf eines Lagers, das im Kriegsfall bis zu 2.000 Soldaten aufnehmen könnte. Die Übungen sind Teil der Vorbereitungen auf einen möglichen Konflikt mit Russland.

Die Reaktion aus Russland ließ sich nicht lange auf sich warten. Nach Berichten über den Bau eines Gefangenenlagers in den Niederlanden erklärte der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, am 20. Juni 2026, dass Russland seinerseits keine „Konzentrationslager für Europäer“ errichten werde, da diese „unnötig“ seien. „Radioaktive Knochen und Asche werden üblicherweise tief in der Erde vergraben“, schrieb er in Max.

Und Finnlands Entscheidung, das Verbot der Stationierung von Atomwaffen auf ihrem Territorium aufzuheben, kommentierte Medwedew am 2. Juli 2026 mit den Worten: „Finnland hat sein Verbot der Stationierung von Atomwaffen aufgehoben. Was ändert das für die Finnen? Nur eine Kleinigkeit: Ihr Land steht nun auf Russlands Liste potenzieller Ziele für Atomangriffe. Freut euch, Finnland, ihr habt den Gipfel eurer Sicherheit erreicht.“

Sind das wirklich „Wahnsinnige“, die „die Blinden führen“ oder vielmehr die verirrten Zeitgenossen, die vergeblich eine schwarze Katze in einem dunklen Raum suchen, die gar nicht da ist, und behaupten, sie hätten sie gesehen? Wie dem auch sei, auf uns kommen heitere Zeiten zu und ein verirrter Zeitgenosse sagte unlängst verzweifelt: „Das Leben ist so schön, dass man darauf verzichten kann“.

Anmerkungen

1. Vgl. Silnizki, M., Geopolitisierung des Völkerrechts, in: des., Außenpolitisches Denken in Russland. Im
Strudel von Geopolitik und Identitätsdiskurs. Berlin 2018, 102 ff.
2. Vgl. Silnizki, M., Märchen über den „Sieg“ der Ukraine. Propaganda und Wirklichkeit, 30. Juni
2026, www.ontopraxiologie.de.
3. Vgl. Silnizki (wie Anm. 2).
4. Vgl. Silnizki, M., Pistorius an der „Ostfront“ in Saporischschja. Fronterlebnis und Showveranstaltung.
27. Mai 2026, www.ontopraxiologie.de

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