Auf dem Wege zum postmodernen Imperialismus?
Übersicht
1. Trumps „informal empire“
2. Trumps Expansionspolitik
3. Trumps außenpolitisches Credo
Anmerkungen
„speak softly and carry a big stick; you will go far.“
(Sprich leise und trage einen dicken Knüppel;
du wirst weit kommen)
(Theodore Roosevelt, 1858–1919)
1. Trumps „informal empire“
Wer historische Prozesse verstehen will, muss die Vergangenheit im jeweiligen zeitgeschichtlichen Zusammenhang sehen. Es ist darum nicht unbedenklich, einzelne Erscheinungen eines zeitgeschichtlichen Ganzen aus ihrem Zusammenhang herauszulösen und mit den scheinbar entsprechenden anderen Zeiten zu einem neuen Ganzen zu verbinden, das dann fast unweigerlich zu einer Mischung von Wahrheit und Dichtung, Fakten und Spekulationen wird.
Gleichwohl dürfen vergleichbare Entwicklungen in der Gegenwart, die zu anderen Zeiten und Epochen stattgefunden haben, nicht gänzlich ausgeklammert und ignoriert werden. Wer unsere vom historischen Kontext losgelösten Tageswertungen und unsere tagtäglich glorifizierten Wertvorstellungen allein zur Beurteilung der gegenwärtigen Prozesse zugrunde legt, wird sowohl der Gegenwart nicht gerecht als auch die sie prägende Vergangenheit verkennen.
Mit Trumps Wiederwahl zum 47. US-Präsidenten kommt eben diese längst als überwunden geglaubte Vergangenheit sichtbar und mit ganzer Wucht der Gewalt zurück und meldet ihren Geltungsanspruch, ohne dass wir diese vor unseren Augen stattfindende Entwicklung wahrnehmen, weil wir verlernt haben, in historischen Dimensionen zu denken und zu analysieren.
Und so versuchen wir verirrt Trumps Außenpolitik mit allen möglichen Etiketten zu versehen, ohne genauer begriffen zu haben, worum es ihm eigentlich geht. Trump werde als Realist, Nationalist, altmodischer Merkantilist, Imperialist oder Isolationist bezeichnet (Trump has been called a realist, a nationalist, an old-fashioned mercantilist, an imperialist, and an isolationist), schreibt der US-Politikwissenschaftler, Stephen M. Walt, am 3. Februar 2026 in seiner umfangreichen Studie „The Predatory Hegemon“ (Der räuberische Hegemon) in Foreign Affairs.
Walt charakterisiert seinerseits Trumps zweite Amtszeit, wie der Titel der Studie bereits verrät, als „räuberische Hegemonie“ (predatory hegemony). Diese sog. „räuberische Hegemonie“ ist laut Walts Definition „eine dominante Großmacht“ (a dominant great power), deren Handeln rein auf ein Nullsummenspiel hinausläuft, sodass sich die Vorteile stets zu ihren Gunsten ergeben.
Es gehe mit anderen Worten nicht darum, stabile und für beide Seiten vorteilhafte Beziehungen aufzubauen, die alle Parteien besser- und zufriedenstellen, sondern allein darum, dass der Hegemon und nur er mehr profitiert als die anderen. „Ein räuberischer Hegemon will immer den Löwenanteil“ (A predatory hegemon always wants the lion’s share).
„Diese Strategie ist keine kohärente und gut durchdachte Antwort auf die Rückkehr der Multipolarität“ (This strategy is not a coherent, well-thought-out response to the return of multipolarity). Es ist genau der falsche Weg in einer Welt mit mehreren Großmächten zu handeln“, kritisiert Walt Trumps rücksichtslose Außenpolitik.
Diese kurz skizzierte Analyse von Stephen Walt zeigt, dass selbst ein solch angesehener Wissenschaftler den historischen Hintergrund der Trumpschen Außenpolitik verkennt, weil er ahistorisch und allein gegenwartsbezogen denkt. Was Walt hier als „räuberische Hegemonie“ bezeichnet, ist nichts anderes als die Rückkehr des US-amerikanischen Imperialismus um die Jahrhundertwende auf der Weltbühne der Geschichte.
Sie ist ein verzweifelter Versuch der Trump-Administration von der US-Hegemonie zu retten, was noch zu retten ist.1 Im Gegensatz zum Expansionsdrang des US-Imperialismus um die Jahrhundertwende wirkt Trumps Außenpolitik ungeachtet ihrer aggressiven Rhetorik, ihrer zur Schau gestellten Militanz und Bereitschaft, jederzeit leichtfüßig das Militär einzusetzen, wie die letzten Zuckungen des im Sterbebett liegenden Hegemonen.
Seit dem Beginn des Jahres 2026 – Trumps Drohung, Grönland gewaltsam zu annektieren, der Entführung des venezolanischen Staatspräsidenten und erst recht seit dem Kriegsausbruch im Iran – wird immer deutlicher, welche „Grand Strategy“ Trump verfolgt: eine Strategie zur Errichtung des sog. „informal“ bzw. „economic empire“, wofür das British Empire des 19. Jahrhunderts Pate steht.
Großbritannien besaß bereits vor dem „Zeitalter des Imperialismus“ (1884-1914) ein „economic empire“, das „weit über die Grenzen seines >formal empire< hinausging. Ein nicht geringer Teil der wirtschaftlich interessantesten Gebiete gehörte zum >informal empire<, das vom Standpunkt ökonomischer Vernunft immer die erstrebenswerteste Form imperialistischer Herrschaft gewesen ist.“2
Diese Entwicklung, die „aus dem Kolonialismus hervorging“ und „mit seiner Politik der Expansion um der Expansion willen nicht vor 1848“ einsetzte3, kehrt nach mehr als einem Jahrhundert mit Trumps Amerika zurück und zeigt zur Überraschung von Freund wie Feind seine hässliche Fratze.
Diese überaus bemerkenswerte Entwicklung kann nur mit dem Ende der unipolaren Weltordnung (1992-2022)4 erklärt werden und ist eigentlich keine Überraschung. Denn Trump hat längst und unüberhörbar seine imperialistischen Allüren klar und deutlich artikuliert. Ihm ging es von Anfang an um zweierlei: die Aufrechterhaltung der US-Hegemonie und Reindustrialisierung Amerikas.
Die beiden Ziele glaubt Trump mit der Errichtung eines „informal empire“ erreichen zu können. Dieses „informal empire“ liegt dann vor, wenn die imperiale Macht „auch ohne territoriale Herrschaft die Chance hat, >für einen Befehl bestimmten Inhalts< … >Gehorsam zu finden<, gleichgültig, worauf diese Chance beruht, mit welchen Mitteln sie wahrgenommen wird und welche Ziele dabei verfolgt werden“5.
Dass Trump dem US-amerikanischen Imperialismus um die Jahrhundertwende nachtrauert, zeigte bereits seine Inaugurationsrede am 20. Januar 2025, als er seine „Idole“ – die US-Präsidenten, William McKinley (1897-1901) und Theodore Roosevelt (1901-1909) erwähnte und zum Vorbild für seine zukünftige US-Außenpolitik machte:
„Präsident McKinley machte unser Land durch Zölle und durch Talente sehr reich; er war ein geborener Geschäftsmann und gab Teddy Roosevelt das Geld für viele seiner großen Projekte, darunter den Panamakanal“ (President McKinley made our country very rich through tariffs and through talent — he was a natural businessman — and gave Teddy Roosevelt the money for many of the great things he did, including the Panama Canal).6
Was Trump uns damit sagen will, hat sein Amtsvorgänger, Theodore (Teddy) Roosevelt, zu Beginn des 20. Jahrhunderts klar und deutlich formuliert: „Every expansion of civilization makes for peace. In other words, every expansion of a great civilized power means a victory for law, order, and righteousness. …It is only the warlike power of a civilized people that can give peace to the world“ (Jede Ausbreitung der Zivilisation bringt Frieden. Anders ausgedrückt: Jede Expansion einer zivilisierten Großmacht bedeutet einen Sieg für Recht, Ordnung und Gerechtigkeit. … Nur die kriegerische Macht eines zivilisierten Volkes kann der Welt Frieden bringen).
Das war die ideologische Rechtfertigung des US-Imperialismus und Kolonialismus. Erst vor diesem historischen Hintergrund wird im Übrigen auch klar, warum Trump das ganze Jahr 2025 hindurch stets vom Frieden, Frieden und nochmal Frieden geredet hat.
In Roosevelts Verständnis war Frieden kein Zustand des Nicht-Krieges zwischen gleichberechtigten Nationen, sondern das Ergebnis stabiler Verhältnisse, die durch eine imperialistische Macht – eben die USA – garantiert werden. Der Begriff „Frieden“ wurde hier als das Ergebnis einer erfolgreichen Unterwerfung verstanden. Es handelt sich hier mit anderen Worten um einen „Frieden“, bei dem jeder Widerstand gebrochen wird.
Diese Vorstellung vom „Frieden“ beruhte auf der Unterscheidung zwischen der „Herrenrasse“ und „Untertanenrasse“ bzw. zwischen „zivilisierten“, „halbzivilisierten“ und „unzivilisierten“ Völkern, die den europäischen Kolonialmächten erlaubte, ihre „Herrschaft über Untertanenrassen“ (Lord Cromer) zu legitimieren.
Roosevelt verband den US-Imperialismus ideologisch mit einer „zivilisatorischen Mission“ und sah die „zivilisierten Nationen“ (wie die USA) in der Pflicht, in „unzivilisierten“ Ländern Ordnung im Zweifel mit Gewalt zu schaffen. Seine Außenpolitik ist darum in die Geschichte als „Big Stick“-Diplomatie (Großer-Knüppel-Diplomatie) eingegangen.
Wenn man Trumps Außenpolitik seit Beginn seiner zweiten Amtszeit betrachtet, so erscheint er als Roosevelts Wiedergänger. Mit seiner „Grand Strategy“7 schließt sich Trump einerseits nahtlos Roosevelts „Big Stick“-Diplomatie an, folgt aber andererseits dem Herrschaftsprinzip des British Empire, das John Gallagher und Ronald Robinson, indem sie die traditionelle Interpretation des „trade, not rule“ (Handel statt Herrschaft) beiseiteschoben, auf die Formel brachten: „trade with informal control if possible; trade with rule if neccessary“8.
Soll heißen: Die imperialistische Machtausübung lässt sich „am besten als die der jeweiligen Situation angepassten Methoden einer an der ökonomischen Rationalität orientierten Politik begreifen, hinter der primär die ökonomischen Bedürfnisse und Interessen einer expandierenden Industriegesellschaft stehen“9.
Auf Trumps Amerika übertragen, dürfte es wohl heißen: Mit dem Bestreben, die USA zwecks Aufrechterhaltung der US-Hegemonie zu reindustrialisieren, betreibt Trump eine knüppelharte ökonomische Expansionspolitik ohne Rücksicht auf Verluste. Trumps Irankrieg reiht sich, so gesehen, in diese skrupel- und rücksichtslose „Big Stick“-Diplomatie ein.
Das Ziel ist vor allem den globalen Energiemarkt der US-Kontrolle zu unterwerfen bzw. in monetärer Abhängigkeit von der US-Hegemonie zu bringen, ohne die Kosten eines „formal empire“ tragen zu müssen. Im Iran führt Trump, anders formuliert, einen blutigen Feldzug zur Errichtung einer globalen US-amerikanischen Energiedominanz und, damit eng verbunden, zur Festigung des Petrodollars.
Denn der längst nicht mehr unumstrittene Petrodollar ist die allerletzte, (noch) übriggebliebene Trumpfkarte in der Hand eines alternden, ökonomisch und militärisch schwächelnden Leviathans. Soll aber auch dieser Anachronismus der Nachkriegszeit wegfallen, wird die US-Hegemonie dann endgültig das Weite suchen.
2. Trumps Expansionspolitik
Die Rückkehr Russlands 2022 als militärische Macht auf die weltpolitische Bühne, der Aufstieg Chinas zu einer ökonomischen Supermacht und die Emanzipation des sog. „Globalen Südens“ führen tendenziell und potenziell zur Infragestellung der globalen militärischen und ökonomischen Vormachtstellung der USA.
Gleichzeitig melden die geopolitischen Rivalen immer mehr ihre Machtansprüche an: militärisch, ökonomisch und monetär. All das fällt zusammen mit einem immer deutlich werdenden industriellen Abstieg der USA, ihrem militärischen Rückstand insbesondere auf dem kriegsentscheidenden Gebieten der Raketen- und Hyperschalltechnologie sowie der strategischen Waffen.
Hinzu kommt eine allmähliche monetäre Zurückdrängung der Leitwährungsfunktion des US-Dollars als Zahlungs- und Vermögensaufbewahrungsmittel.
Ausgerechnet der unprovozierte amerikanisch-israelische Angriffskrieg gegen den Iran kann dem US-Dollar das Genick brechen. Die Sperrung der Straße von Hormus rüttelt ernsthaft am unverzichtbaren monetären Fundament der US-Hegemonie. Iran fordert neuerdings, dass künftig nur noch Tanker passieren dürfen, deren Öl in chinesischem Yuan bezahlt wird.
Dieser monetäre Schachzug der Iraner könnte in dem parallel zum Luftkrieg gleichzeitig stattfindenden Wirtschafts- und Energiekrieg zwischen den USA und der Islamischen Republik für die US-Hegemonie langfristig viel dramatischere Folgen als die militärische Konfrontation haben, sollte sich der Iran mit seinem anbahnenden Währungskrieg durchsetzen.
Der Petrodollar, der seit mehr als fünf Jahrzehnten das Fundament des globalen Finanzsystems bildet, ist akut bedroht. Öl wird weltweit überwiegend in US-Dollar gehandelt, wodurch eine konstante Nachfrage nach der amerikanischen Währung als Zahlungsmittel entsteht. Der Irankrieg könnte den monetären Niedergang der US-Hegemonie dramatisch beschleunigen.
Alles in Allem stellt der Krieg im Iran eine Zäsur dar, die weitreichende geopolitische und geoökonomische Folgen für die USA haben wird und worauf sie zu reagieren hat, ohne darauf mental und ideologisch vorbereitet zu sein, von den zu erwartenden Spannungen zwischen den Großmächten ganz zu schweigen.
Trumps Amerika hat ökonomische und militärische Gewalt ohne jeden Skrupel zum Vehikel seiner Außenpolitik eingesetzt und will nicht wahrhaben, dass Gewalt nur als Ultima Ratio und nicht als ein dauerhaftes und permanentes Instrument des außenpolitischen Handelns gebraucht werden kann.
Mit dem Irankrieg wird jedermann sichtbar, dass auch die US-Militärmacht an ihre Grenzen stößt, sobald die Gegenmacht genügend Kampfmittel hat, sich nicht nur erfolgreich zur Wehr zu setzen, sondern auch offensiv Parole zu bieten.
Trumps „Big Stick“-Diplomatie erweist sich damit nur bedingt als probates Mittel zur Durchsetzung seines „economic empire“. Trumps Bestreben, allein mittels der ökonomischen und militärischen Gewalt ein Wirtschaftsimperium aufzubauen, konfrontiert mit geopolitischen und geoökonomischen Machtfaktoren, die dem im Wege stehen und einem abenteuerlichen Unternehmen gleichkommen.
Der generelle Eindruck, den man gewinnt, ist zudem der, dass Trumps Expansionspolitik sich nicht hinreichend von den rein wirtschaftlichen Intentionen her erklären lässt. Es ist nicht einfach die Reaktion auf eine fortschreitende Deindustrialisierung der USA und einem fulminanten Aufstieg Chinas zu einem mächtigen geoökonomischen Wettbewerber, sondern in ganz erheblichem Maße auch die Besorgnis über einen drohenden monetären Machtverlust und die damit verbundene Reaktion auf die zu entgleiten drohende Kontrolle über die geopolitischen und geoökonomischen Prozesse im globalen Raum.
Die Beseitigung dieses drohenden Kontrollverlustes sieht Trump als seine vorrangige Aufgabe, die er in einer aggressiven Expansionspolitik zur Beherrschung des globalen Energiemarktes zu realisieren glaubt. In Europa haben die USA bereits seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine 2022 erfolgreich einen marktbeherrschenden Konkurrenten Russland aus dem EU-Energiemarkt ausgeschaltet und sind zum dominierenden Energielieferanten aufgestiegen.
Auf dem Kontinent Südamerika ist es Trump mit Venezuela gelungen, die größten Ölreserven der Welt unter die US-Kontrolle zu stellen und gleichzeitig Chinas den Zugang zu venezolanischen Ölressourcen zu versperren bzw. die Ölgeschäfte nur unter der Aufsicht der USA abwickeln zu lassen.
Nun schickt sich Trump an, dasselbe Kunststück wie in der Venezuela mit brachialer Gewalt im Iran zu vollbringen und stößt, wie man sieht, auf einen unerwartet heftigen und entschiedenen Widerstand seitens der lädierten, nichtsdestotrotz aber handlungsfähigen iranischen Führung.
Gleichzeitig geht es den US-Geostrategen nicht einfach um die Beherrschung der Energieressourcen, sondern auch um Infragestellung der gesamten geopolitischen Architektur Eurasiens, die direkt und unmittelbar die geo- und sicherheitspolitischen sowie ökonomischen Interessen der geopolitischen Rivalen Russland und China tangieren.
Ob dieses Husarenstück von Donald Trump erfolgsversprechend ist, ist fraglich. Zu sehr steht seine forsche Vorgehensweise im eklatanten Widerspruch zu den machtpolitischen Interessen Russlands und Chinas, die im Irankrieg an einem Strang ziehen, zumal auch der Krieg selbst für Trumps Amerika nicht so läuft, wie die US-Kriegsplaner es sich ursprünglich ausgedacht haben.
3. Trumps außenpolitisches Credo
Spätestens seit dem Machtspielfestival10 zeigt Trump mit seiner aggressiven Expansionspolitik die eigentlichen außenpolitischen Intentionen seiner zweiten Amtszeit, wobei sein Expansionsdrang nicht allein geoökonomisch und monetär, sondern auch ideologisch fundiert ist.
Ideologisch tritt Trump als entschiedener Gegner des „liberalen Internationalismus“ auf, der die unipolare Weltordnung prägte und stets mittels der sog. „humanitären Interventionen“ das Regime Chance rechtfertigte.
Bei seiner ersten Auslandsreise im Nahen Osten (Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate) von 13. bis 16. Mai 2025 hielt er am 13. Mai in Riad eine Rede, in der er nicht nur die neokonservative Praxis des sog. „Nation Building“ in der Region aufs Schärfste verurteilte, sondern auch schwor, nie wieder den Weg jener Abenteurer zu beschreiten, die in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren zum sinnlosen Vergießen amerikanischen Blutes und zur Verschwendung nationaler Ressourcen geführt haben, um dem Nahen Osten die „westlichen Werte“ und „liberale Demokratie“ zu oktroyieren.
„Letztendlich haben die sogenannten >Nation Builder< weit mehr Staaten zerstört, als sie je aufgebaut haben. Sie haben sich in komplexe Gesellschaften eingemischt, die sie nicht einmal gekannt haben. Die glitzernden Bauten von Riad und Abu Dhabi wurden nicht von >Architekten der Demokratie< geschaffen, nicht von den Neocons oder den liberalen NGOs, die Billionen von Dollar ausgaben, aber weder Kabul noch Bagdad Wohlstand brachten,“ sagte Trump dem verblüfften Publikum. Niemand hat vermutlich von ihm eine solche Rede erwartet11.
Und heute? Heute stürzt Trump den gesamten Nahen Osten in einen zerstörerischen Krieg, dem er doch vor einem knappen Jahr abgeschworen hat. Freilich führt er diesen Krieg vor dem Hintergrund ganz anderer geopolitischen Bedingungen und unter ganz anderen ideologischen Prämissen.
Im Gegensatz zur untergegangenen unipolaren Weltordnung (1992-2022)12 spiegelt Trumps Außenpolitik die Rolle der USA als einer Großmacht, aber eben nicht mehr als einer alle dominierenden Supermacht, wider. Trumps Amerika ist nicht mehr die „Weltmacht ohne Gegner“13, aber auch keine Kolonialmacht, die wie zu Zeiten von William McKinley und Teddy Roosevelt im Wettstreit mit europäischen Kolonialmächten um Einflusssphären und Kolonien steht.
Im Gegensatz zum US-Imperialismus um die Jahrhundertwende will Trump keineswegs jene Geister rufen, die er nicht mehr loswird. Man sollte nur die Äußerung einer der prominentesten Imperialisten jener Zeit, Senator Albert J. Beveridge (1862–1927), in Erinnerung rufen, um sich die von den kolonialen Eroberungen ausgelösten Euphorie zu vergegenwärtigen.
In seiner berühmten, am 16. September 1898 während des Wahlkampfs kurz nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg gehaltenen Rede „The March of the Flag“ (Der Marsch der Flagge) sagte Beveridge: „Hawaii is ours; Porto Rico is to be ours; at the prayer of the people, Cuba will finally be ours …“ (Hawaii gehört uns; Puerto Rico wird uns gehören; auf Bitten seines Volkes wird Kuba letztendlich uns gehören; auf den Inseln des Ostens, bis hin zu den Toren Asiens, werden wir Kohlestützpunkte errichten; die Flagge einer liberalen Regierung wird schließlich über den Philippinen wehen, und es werden unsere glorreichen ‚Stars and Stripes‘ sein).
Im Gegensatz zu Beveridge ist Trump nicht darauf aus, neue Territorien zu erobern, auch wenn er immer wieder über die Einverleibung von Kanada und Grönland phantasiert. Nichtsdestotrotz ist er ein geradezu besessener Expansionist und in diesem Sinne vom Zeitgeist des Imperialismus ergriffen, dessen Credo der prominenteste Repräsentant des britischen Imperialismus, Cecil Rhodes (1853-1902), wie folgt, auf den Punkt brachte: „I would annex the planets if I could; I often think of that. It makes me sad to see them so clear and yet so far“ (Ich würde die Planeten annektieren, wenn ich könnte; ich denke oft daran. Es macht mich traurig, sie so klar und doch so fern zu sehen).
Folgt man Hannah Arendts Urteil, so war Rhodes „der erste, der in Erdteilen dachte und nach den Sternen greifen wollte, um sie zu annektieren.“14
Trump, der anscheinend ebenfalls „in Erdteilen“ denkt und „nach den Sternen“ greift, zielt mit seinem Expansionismus im Wesentlichen darauf ab, die wirtschaftliche Entwicklung der aufstrebenden und/oder die US-Vormachtstellung gefährdenden Groß- und Mittelmächte zum einen mittels ökonomischer und militärischer Pression zu verlangsamen, zu schwächen oder ganz zu zerstören, wie man momentan im Falle des Irans sieht, um ihnen von vornherein die Chance zu nehmen, ökonomisch und politisch stärker als die USA werden zu können.
Statt Energie in eigene Stärke zu stecken, richtet sich eine solche Strategie darauf, den Rivalen maximale Schäden zuzufügen, ihn zu blockieren und seine potentiellen Entwicklungschancen zu untergraben. Diese Strategie, die darauf abzielt, Rivalen zu schwächen statt sich selbst zu stärken, ist weder nachhaltig noch zielführend, da die globale Machtstellung auf dem Ausbau der eigenen Stärken beruht und nicht auf die Schwächen der Rivalen setzt.
Zum anderen ist Trump bestrebt, den globalen Energiemarkt unter seine Kontrolle zu bringen und die Bedingungen bzw. die Spielregeln des Energierohstoffhandels (zuallererst Erdöl und Erdgas) zu diktieren. Das ist das wichtigste geopolitische Ziel, das Trump im Krieg gegen den Iran verfolgt, sieht man von anderen Nebenschauplätzen ab.
Bis jetzt läuft Trumps militärisches Abenteuer im Iran ins Leere. Keines seiner geopolitischen Ziele hat er erreicht, was nicht überraschend ist.
Vor dem Hintergrund der neuentstandenen Großmächtekonstellation, in der die USA nicht mehr primus inter pares sind, befindet sich Washington nach dem Ende der Unipolarität im Übergang von einer Supermacht zu einer Großmacht, ohne dass Trumps Amerika dies zu akzeptieren gewillt ist. Es wird ihm aber wohl oder übel nichts anderes übrigbleiben.
Die militärische und ökonomische Vormachtstellung der USA ist im rasanten Abwärtstrend begriffen und wird inzwischen selbst vom Iran herausgefordert, von Russland und China ganz zu schweigen. Unter diesen Umständen spiegelt Trumps postmodernes imperialistisches Gehabe eher Schwäche als Stärke der USA wider.
Anmerkungen
1. Silnizki, M., Rette sich, wer kann? Stimmen und Stimmungen jenseits des Mainstream-Denkens.
28. Januar 2024, www.ontopraxiologie.de.
2. Rohe, K., Ursachen und Bedingungen des modernen britischen Imperialismus vor 1914, in: Der moderne
Imperialismus, hrsg. v. Wolfgang J. Mommsen, Stuttgart u. a. 1971, 60-84 (61).
3. Arendt, H., Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München Zürich 1986, 209.
4. Näheres dazu Silnizki, M., Im Wandel der Nachkriegsordnungen. Auf dem Wege zu einem zivilisatorischen
Pluriversums? 28. September 2025, www.ontopraxiologie.de.
5. Rohe (wie Anm. 2), 60 f.
6. Näheres dazu Silnizki, M., „Das neue imperiale Zeitalter“. Trumps Expansionspolitik und die Folgen.
19. Januar 2026, www.ontopraxiologie.de.
7. Silnizki, M., Trumps „Grand Strategy“. Im Kriegsschatten der Großmächte. 25 Oktober 2025,
www.ontopraxiologie.de.
8. Gallagher, J./Robinson, R., The Imperialism of Free Trade, The Economic History Review, 1953, 13.
9. Rohe (wie Anm. 2), 61 f.
10. Silnizki, M., Machtspielfestival im Januar 2026. Trump versus Putin, 10. Januar 2026,
www.ontopraxiologie.de (erschienen auch im Overton-Magazin am 11. Januar 2026).
11. Näheres dazu Silnizki, M., Trump versus Europa. Amerikas neue Sicherheitsdoktrin. 14. Dezember 2025,
www.ontopraxiologie.de; des., Trumps außenpolitische Revolution? Vom „liberalen Interventionismus“ zum „aggressiven Unilateralismus“. 29 Oktober 2025, www.ontopraxiologie.de.
12. Silnizki (wie Anm. 4).
13. Rudolf, P./Wilzewski, R. (Hrsg.), Weltmacht ohne Gegner. Amerikanische Außenpolitik zu Beginn des 21.
Jahrhunderts. Baden-Baden 2000.
14. Arendt, H., Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München Zürich 1986, 218.