Verlag OntoPrax Berlin

Der Ukrainekrieg in seinem Endstadium

Gefangen zwischen Wahrheit und Dichtung

Übersicht

1. Die „nackten Zahlen“ des Krieges
2. Eine realistische Kriegsanalyse

Anmerkungen

„Propaganda ist nicht darauf ausgelegt aus Menschen Idioten zu machen.
Sie ist von Anfang an auf Idioten ausgelegt.“

(George Bernard Shaw)

1. Die „nackten Zahlen“ des Krieges

Endlich hat einer aus dem US-Establishment ein einigermaßen objektives Kriegsbild gezeichnet. Michael C. Desch (Prof. für intern. Beziehungen an der University of Notre Dame) veröffentlichte am 26. Februar 2026 in Foreign Affairs eine solide Studie mit dem Titel „Ukraine Is Losing the War“ (Die Ukraine verliert den Krieg). Dass die Zeitschrift, die das Sprachrohr des außenpolitischen US-Establishments ist, diese Studie veröffentlichen ließ, zeigt eine Bereitschaft die Ukraine nicht nur ohne Wenn und Aber bedingungslos propagandistisch zu unterstützen, sondern auch einen kritischeren und realistischen Blick auf das Kriegsgeschehen in der Ukraine zuzulassen.

Anlässlich des Ablebens eines langjährigen Chefredakteurs von Foreign Affairs, Hamilton Fish Armstrong (1893-1973) schrieb Georg F. Kennan über die Zeitung im Jahr 1973: „Ein Forum für die Meinungen anderer, ohne eigene zu äußern. Ein Ort für Fakten, Gedanken und sachliche Argumentation, ohne Platz für Polemik, Wut oder persönliche Angriffe. Ein literarischer Ton, der ruhig und seriös, aber niemals prätentiös sein sollte. Die Bedeutung der Beiträge sollte das Hauptkriterium für die Auswahl des Materials sein – sei es die Relevanz und Originalität des Themas oder die Autorität des Autors. Doch keine Zugeständnisse an potenzielle Autoren, ob bescheiden oder bedeutend, wenn es um Klarheit der Gedanken, inhaltliche Relevanz und einen angemessenen Sprachgebrauch ginge.“1

Das ist lange her! In den letzten Jahren zeichnete sich Foreign Affairs dadurch aus, dass es sich oft zwecks Kriegspropaganda missbrauchen ließ und viel Platz für eine verzerrte Kriegsberichterstattung einräumte. Umso bemerkenswerter ist die erwähnte Veröffentlichung von Michael C. Desch.

Die Ukraine leistet einen tapferen Widerstand, doch ihre Entschlossenheit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie den Krieg verliert. … Die gegenwärtigen Umstände drängen Kiew daher zu einem Kompromissfrieden (a compromise peace) – einem Frieden, der zwangsläufig die Abtretung des ukrainischen Territoriums beinhalten wird“, stellt Desch apodiktisch fest.

Und er versucht seine Feststellung mit folgenden Zahlen zu untermauern:

„Bis Ende 2025 ermittelten die Analysten von Mediazona 156.151 im Krieg gefallene Russen. Da nicht jeder Todesfall öffentlich gemeldet wird, schätzten sie die Gesamtzahl der Toten anhand von Bevölkerungsdaten auf 219.000. Die ukrainische Nichtregierungsorganisation UA ​​Losses, die eine ähnliche Methodik anwendet, berichtet von 87.045 gefallenen und 85.906 vermissten Ukrainern – eine Zahl, die wahrscheinlich auch die nicht erfassten Todesfälle und Deserteure beinhaltet. Obwohl die Ukraine, absolut gesehen, weniger Verluste erleidet, dezimiert der Krieg einen größeren Teil ihrer Arbeitskräfte.

Die ukrainische Bevölkerung beträgt heute knapp 36 Millionen, was etwa 26 Prozent der russischen Bevölkerung von 140 Millionen entspricht. In der Ukraine leben knapp 9,5 Millionen Männer im Alter zwischen 25 und 54 Jahren, von denen ein bis zwei Prozent gefallen sind. In Russland , wo etwas mehr als 30,2 Millionen Männer derselben Altersgruppe leben, machen die etwas höheren Verluste lediglich 0,5 bis 0,7 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.“

Soweit Desch. Die Zahlenangaben sind freilich nur bedingt zustimmungsfähig. Man schätzt heute die Bevölkerungszahl in der Ukraine weit unter 30 Millionen und die Russlands auf knapp 150 Millionen.

Zwar sind die Zahlen der gefallen Russen (156.151 bzw. 219.000) einigermaßen realistisch, auch wenn aus Berechnungen der BBC in Zusammenarbeit mit Mediazona „nur“ die Opferzahl von 200.186 ermittelt wurde.

Die Behauptung, die Ukraine erleide, absolut gesehen, weniger Verluste, die laut „der ukrainischen Nichtregierungsorganisation UA ​​Losses“ „lediglich“ „87.045 gefallenen und 85.906 vermissten Ukrainer“ ausmachen, können aber so unmöglich stimmen.

Der Generaloberst, Sergei Rudskoj (Chef der Hauptoperationsdirektion des russischen Generalstabes), hat am 20. Februar 2026 in einem Interview mit der Zeitung des russischen Verteidigungsministeriums Krasnaja Swesda folgendes berichtet: „Seit Anfang des Jahres 2026 sind weitere 900 Quadratkilometer und 42 besiedelte Gebiete unter unsere Kontrolle gekommen.“

Seinen Angaben zufolge übernahm die russische Armee im Jahr 2025 „die Kontrolle über mehr als 300 Siedlungen und über 6.700 Quadratkilometer Gebiet in der SVO-Zone.“ Die ukrainischen „Verluste beliefen sich 2025 auf etwa 6.700 Panzer und gepanzerte Kampffahrzeuge, mehr als 12.000 Geschütze und Mörser sowie auf über 520.000 Soldaten“, erklärte Rudskoj und fügte hinzu: „Seit Beginn der SVO haben die ukrainischen Streitkräfte über 1,5 Millionen Opfer zu beklagen.“

Selbst wenn man davon ausgeht, dass der russische Generalstab eine Kriegspropaganda betreibt und die Zahlen gefälscht wären, so kann man ebenso wenig Selenskyjs Angaben Glauben schenken. In einem Interview mit französischen Journalisten gab Selenskyj am 24. Februar 2026 bekannt, dass die Ukraine seit Kriegsbeginn „55.000 Soldaten“ verloren habe.

Selbst in der Ukraine glaubt kein Mensch diesen Zahlen. Und die können auch unmöglich stimmen! Bereits am 30. November 2022 bezifferte die deutsche EU-Kommissionspräsidentin, Ursula von der Leyen, die ukrainischen Verluste auf über 100.000 Soldaten. Diese auf Twitter veröffentlichte und dann nach der Empörung der ukrainischen Seite gelöschte Angabe von der Leyens zeigt das wahre Ausmaß der Verluste der ukrainischen Seite. Von der Leyen war im Jahr 2022 noch ziemlich unerfahren im Umgang mit solch brisanten Informationen aus dem Kriegsschauplatz. Sie hat allerdings schnell gelernt und solche „dummen Fehler“ nie mehr wiederholt.

Artur Dobroserdov (ukrainischer Beauftragter für vermisste Personen) hat auf eine Anfrage der Ukrainska Pravda am 26. Februar 2026 mitgeteilt, dass mehr als 90.000 Menschen im Einheitlichen Vermisstenregister der Ukraine als vermisst verzeichnet sind. Die sog. „Vermissten“ sind alles anderes als „vermisst“!

Warum meldet man oft die Militärangehörigen in der Ukraine als vermisst, die womöglich schon längst gefallen sind? Um keine Entschädigung an die Hinterbliebenen in Höhe von 15 Millionen Hrywnja zu zahlen? Die Zahlen können im Übrigen auch geschönt sein.

Laut der ukrainischen Online-Zeitung „Kyiv Independent“, die sich auf die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine beruft, wurden mehr als 250.000 Fälle von Deserteuren und unerlaubter Entlassung aus dem Militärdienst registriert. Inoffiziell spricht man in der Ukraine sogar von bis zu 400.000 Deserteuren. Aber wer sagt denn, dass die Registrierten tatsächlich Deserteure und nicht schon längst gefallen Soldaten sind?

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn man all diese Zahlen zusammenrechnet, dann kommt man auf beinahe knapp 600.000 Kriegsopfer. Dass die Rechnung alles andere als aus der Luft gegriffen ist, zeigt indirekt einen Leichenaustausch zwischen den ukrainischen und russischen Streitkräften:

Am 11. Juni 2025 übergab Moskau Kiew die Leichen von 1.212 ukrainischen Soldaten und Kiew gab im Gegenzug die Leichen von 27 russischen Soldaten zurück.
Am 23. Oktober 2025 tauschten Russland und die Ukraine auch Leichen aus. Die Ukraine erhielt die sterblichen Überreste von 1.000 gefallenen Soldaten, die russische Seite 31.
Am 20. November 2025 meldete die Ukraine den Empfang von 1.000 Leichen gefallener Soldaten aus Russland. Russland gab seinerseits den Empfang von 30 Leichen bekannt.
Am 19. Dezember 2025 erhielt Kiew 1.003 Leichen, Moskau 26.
Am 29. Januar 2026 erhielt die ukrainische Seite ebenfalls 1000 Leichen, Russland hingegen 38.
Am 26. Februar 2026 wurden schließlich 1.000 gefallenen ukrainischen Soldaten an die Ukraine gegen 35 gefallenen russischen Soldaten an Russland übergeben.

Wenn man diesen gesamten Leichentausch zwischen Russland und der Ukraine sieht, wird ersichtlich, dass das Verhältnis 1 zu 33 beträgt, d. h. auf einen gefallenen russischen Soldaten kommen 33 ukrainische gefallene Militärangehörige. Wie Desch und die meisten anderen transatlantischen „Experten“ bei einem solchen zugegebenermaßen nicht repräsentativen Zahlenvergleich darauf kommen, zu behaupten, dass „die Ukraine, absolut gesehen, weniger Verluste erleidet“, bleibt ihr Geheimnis.

Dass den „219.000“ gefallenen Russen „nur“ die 172.951 Ukrainer (87.045 gefallenen + 85.906 vermissten) gegenüberstehen, bedeutet, dass auf einen gefallenen Ukrainer 1,3 gefallenen Russen kommen. Das ist unglaubwürdig, da es eine völlige Umkehrung des Kriegsopferverhältnisses wäre, das anhand des Leichenaustausches berechnet wurde.

Deschs Behauptung steht zudem im krassen Widerspruch zu dem, was er selbst zutreffend anmerkte:

„Russland setzt im Krieg hauptsächlich auf Zeitsoldaten – Freiwillige – und hält Wehrpflichtige von der Front fern“, wohingegen „die Ukraine stark auf die Wehrpflicht angewiesen ist. Jüngste Rekrutierungsengpässe und Desertionen haben zu immer drastischeren Maßnahmen geführt, um das Ziel von 30.000 Wehrpflichtigen pro Monat zu erreichen. Dazu gehört die sog. >Busifizierung< (busification), bei der die Männer gewaltsam von der Straße weggeholt und in Kleinbussen zum örtlichen Rekrutierungsbüro gebracht werden.“

„Diese harten Methoden“, fügt Desch ergänzend hinzu, sind „nicht nur unpopulär, sondern führen auch dazu, dass hauptsächlich ältere, gesundheitlich angeschlagene und offensichtlich unwillige Soldaten rekrutiert werden, von denen viele bei der ersten Gelegenheit desertieren.“

Die sog. „busification“ (ukrainisch: бусифікація) ist ein Neologismus und bedeutet eine gewaltsame Zwangsrekrutierung der wehrdienstfähigen ukrainischen Männer, die wahllos mit Gewalt, wie Hunde von mehreren maskierten Männern gejagt, geschlagen, verprügelt, von der Straße weg in Kleinbussen (deswegen heißt auch „Busifizierung“) verschleppt, zunächst an die Rekrutierungsstelle gebracht und nach wenigen Tagen an die Front geschickt werden.

Man könnte diese sog. „busification“ als ein moderner, zutiefst menschenverachtender und alle nur denkbaren Menschenrechte verletzender Sklavenhandel bezeichnen, der dazu dienen soll, im Namen des Vaterlandes und der nicht mehr existierenden ukrainischen „Souveränität“, die das Kiewer Regime längst an den „Westen“ verkauft hat, einen verlustreichen und nicht mehr zu gewinnenden Krieg „bis zum letzten Ukrainer“ (Boris Johnson) führen zu können.

Schlimmer noch: Im Kriegseinsatz werden diese „busifizierten“ Männer schnell getötet, da sie als Soldaten kaum ausgebildet und geschult werden und deswegen nicht in der Lage sind, weder sich selbst zu verteidigen noch zu kämpfen. Diese „Busifizierung“ ist ein Kriegsverbrechen am eigenen Volk.

Das verbrecherische Kiewer Regime unter seinem Anführer Selenskyj schickt die ukrainischen Männer zum Abschlachten in einen Krieg, den sie nicht wollen und der nicht zu gewinnen ist, sozusagen als Gegenleistung für die Kriegsfinanzierung durch den Westen. Hinter dem Schlachtruf „Verteidigung des Vaterlandes“ verbirgt sich mit anderen Worten ein obszönes Tauschgeschäft Geld gegen Menschenleben, um die westlichen Kriegsfinanziers und Waffenlieferanten zufriedenzustellen und zugleich zu zeigen, dass das Kiewer Regime (nicht die Ukraine) im nie enden wollenden Kampf des Westens gegen Russland gebraucht wird.

Was für ein makabres Spiel wird hier gespielt! Es zeigt auch mit aller Deutlichkeit, dass die geschönten Zahlen von angeblich nur „87.045 gefallenen und 85.906 vermissten Ukrainer“ gar nicht stimmen können. Wenn das so wäre, hätte das Kiewer Regime die grausame Rekrutierungsmethode gar nicht nötig.

2. Eine realistische Kriegsanalyse

Deschs an und für sich realistische Analyse des Kriegsgeschehens hat einen großen methodischen Mangel. Er reduziert den Krieg allein auf einen russisch-ukrainischen Konflikt. Dem ist aber nicht so. Nach dem vierjährigen Kriegsgeschehen entwickelt sich der regionale, innerslawische Krieg immer mehr zum gesamteuropäischen Konflikt mit der Gefahr ganz Europa in Brand zu setzen.

Desch gibt ja selbst freimutig zu, dass er die die Ukraine unterstützenden beträchtlichen finanziellen und materiellen Ressourcen Westeuropas nicht berücksichtigt. Er verbleibt darum seiner einseitigen methodischen Vorgehensweise verhaftet.

„Wirtschaftliche Macht ist die Grundlage militärischer Macht“ (Economic power is foundational to military power), schreibt Desch und fährt fort: „Russlands BIP (gemessen an der Kaufkraftparität) betrug 2024 fast 7 Billionen US-Dollar. Das BIP der Ukraine lag hingegen bei knapp 657 Milliarden US-Dollar und damit weniger als zehn Prozent des russischen. Auch nominale Messungen zeigen eine erhebliche Diskrepanz. Mit Ausgaben von rund sieben Prozent des BIP kann Russland 484 Milliarden US-Dollar für Verteidigung aufbringen. Selbst wenn die Ukraine 30 Prozent ihres BIP investiert, wird sie nur ein Verteidigungsbudget von 197 Milliarden US-Dollar aufbringen können, weniger als die Hälfte des russischen.“

Diese Zahlen sagen aber nichts über die tatsächliche militärische und ökonomische Stärke Russlands. Und wenn man solche Schlagzeilen liest: „Russische Wirtschaft massiv unter Druck. Laut dem BND verschleiert Moskau ein Milliardenloch im Haushalt“ (Handelsblatt, 5.03.26, S. 13), so muss man sie mit Vorsicht genießen.

Gemessen an der Kaufkraftparität 2024 zählt Russland BIP mit 6,9 Billionen US-Dollar zu den vier größten Volkswirtschaften weltweit und ist größer als Deutschland mit ca. sechs Billionen US-Dollar. Wie dem auch sei, die Wirtschaft ist wichtig, ohne eine technologisch entwickelte, moderne militärische Infrastruktur ist auch die wirtschaftliche Kraft für einen Kriegsverlauf vom geringeren Wert.

Wirtschaftskraft an und für sich ist zudem nicht kriegsentscheidend. Entscheidend ist allein die zur Verfügung stehende militärische Machtmittel. Und diese Machtmittel hat Russland von der Sowjetunion übernommen.

Als eine der Supermächte war die Sowjetunion ein übermilitarisiertes Land. Sie bereitete sich stets auf einen Krieg gegen die Nato-Allianz vor, die bis heute prahlt, das mächtigste Bündnis aller Zeiten zu sein. Deswegen zentrierte sich die Sowjetwirtschaft schon immer um den militärisch-industriellen Komplex, den bereits Lenin als „ideales Modell“ betrachtete und als permanente Kriegswirtschaft konzipierte, wofür im Übrigen die Kriegswirtschaft des Deutschen Kaiserreiches Pate stand.2

Das führte dazu, dass die Sowjetwirtschaft insbesondere nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gigantische Überkapazitäten im Bereich der Rüstungsindustrie aufgebaut hat, die nach dem Untergang des Sowjetreiches nur teilweise vernichtet bzw. abgebaut, vieles aber stillgelegt wurden.

Russland konnte auf die stillgelegte militärische Infrastruktur zurückgreifen, aufbauen und mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine reaktivieren und modernisieren. Im Gegensatz dazu hat Europa einen solchen militärisch-industriellen Komplex nie gehabt. Um mit Russland gleichzuziehen, braucht es heute, wenn überhaupt, Jahrzehnte. Wozu? Um gegen Russland in den Krieg ziehen zu können?

Europa hat zwar die Wirtschaftskraft, um Machtmittel zu erwerben und/oder sie selbst zu erzeugen. Aber diese Wirtschaftskraft ist noch lange keine Macht, sondern bestenfalls nur ein ökonomisches Machtpotential. Jahrzehntelang übte Europa einen strategischen Machtverzicht insbesondere im Bereich der modernsten militärischen Machtmittel und jetzt will es im Handumdrehen alles nachholen, was es versäumt hat.

Im Zeitalter der militärtechnologischen Giganten wie die USA, Russland und China ist das womöglich schon viel zu spät. Kurzum: Die Behauptung, dass die Wirtschaftskraft und materieller Reichtum zwangsläufig Macht präjudizieren, hat „nur dann Geltung, wenn die Wirtschaftskraft entweder strategische Autonomie oder fremde Schutzmacht ohne Vorbehalt, ohne Einschränkung, ohne Frist kaufen kann“, schrieb Lothar Ruehl 1974 und fügte gleich hinzu: „Weder das eine noch das andere kann das europäische Geld im Verhältnis zu Amerika und der Sowjetunion. Deshalb ist Westeuropa reich geworden …, aber es ist machtlos und unselbständig geblieben.“3

Und diese Machtlosigkeit macht Europa bis heute geo- und sicherheitspolitisch handlungsunfähig. Und weil es ist, wie es ist, sind es auch die Machtverhältnisse zwischen Russland und der Nato im Ukrainekrieg klar definiert. Nicht nur „die Ukraine wurde ausmanövriert“ (Ukraine autmaneuvered), wie Desch zutreffend feststellt, sondern auch die europäischen Nato-Länder.

Die Ukraine ist weitgehend entmilitarisiert, was eines der Ziele Moskaus war. Die ukrainischen Streitkräfte sind entlang der mehr als tausend Kilometer langen Frontlinie so stark ausgedünnt, dass sie diese nicht effektiv verteidigen können. Die Ukraine verfügt nach Deschs Angaben „nur über etwa 300.000 Soldaten an der Front, das entspricht 483 Soldaten pro Kilometer.“

Zurzeit des „Kalten Krieges“ gingen die westlichen Planer davon aus, dass eine erfolgreiche Verteidigung der Grenze zwischen der Nato und dem Warschauer Pakt etwa eine Division (25.000 Soldaten) pro 25 Kilometer, also etwa tausend Soldaten pro Kilometer, erfordern würde.

Nach dieser Faustregel verfügt die Ukraine zwar über weniger als die Hälfte der benötigten Soldaten, um die Frontlinie erfolgreich zu verteidigen. Wir befinden uns aber nicht im 20. Jahrhundert und der Krieg des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich wesentlich von dem des 20. Jahrhunderts nicht nur durch die neuartigen Kampmittel, sondern auch durch neue Taktiken der Kriegsführung4.

Indem Desch darauf hinweist, dass die russischen Streitkräfte im Gegensatz zu den ukrainischen „mittlerweile über 700.000 Soldaten, was einer Truppendichte von mindestens 1.129 Soldaten pro Meile entspricht“, verfügt, ignoriert er die Feuerkraft der russischen Armee, die acht- bis zehnmal stärker als die ukrainische und von kriegsentscheidender Bedeutung ist.

Auch militärtechnologisch hat die Ukraine das Nachsehen. Zwar hat sie seit dem Staatsstreich 2014 ihr Militär nach dem Nato-Standard modernisiert und setzt seit dem Kriegsausbruch 2022 auch hochentwickelte Waffensysteme aus den Nato-Ländern ein, die der Ukraine beinahe alles von Panzerabwehrraketen über Mehrfachraketenwerfer bis hin zu Marschflugkörpern mit großer Reichweite, Patriot-Flugabwehrraketen und Kampfflugzeugen lieferten.

Keines dieser hochgepriesenen Militärtechnologien erwies sich aber als kriegsentscheidend. Was größere Waffensysteme angeht, ist die Ukraine Russland ebenfalls auf der ganzen Linie unterlegen. Die westlichen Militär- und Sicherheitsexperten haben – sei es aus einer maßlosen Selbstüberschätzung oder aus der Geringschätzung des russischen Militärpotentials – die Anpassungsfähigkeit der russischen Streitkräfte immer wieder unterschätzt.

Jetzt ernten sie die Folgen dieser arroganten Fehleinschätzung. Die Ukraine gerät immer mehr ins Hintertreffen, wohingegen Russland über deutlich größere Kapazitäten zur Skalierung der Drohnentechnologie verfügt, was zu einem geschätzten zehnfachen Vorteil bei der Anzahl der produzierten und auf dem Schlachtfeld eingesetzten Drohnen führt.

Hinzu kommt die überlegenen taktischen Innovationen Russlands. Kampf- und Aufklärungsdrohnen verstärken Russlands traditionellen Vorteil in der Artillerie (und anderen indirekten Feuersystemen wie Lenkbomben), indem sie eine wesentlich effektivere Feuerkorrektur – also eine präzisere Zielführung – ermöglichen, als es Beobachter am Boden leisten können.

Diese Fähigkeit versetzt die russischen Streitkräfte in die Lage, ukrainische Verteidigungsstellungen erheblich zu schwächen und die ukrainischen Truppen weit hinter der Frontlinie abzufangen. Es bestehe kein Zweifel daran, dass Russland auch mit Waffengewalt seine territorialen Kriegsziele erreichen kann. Rund 7.470 Quadratkilometer von Donezk stehen noch unter der Kontrolle Kiews.

Es ist nicht auszuschließen, dass Russland neben den Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja weitere Gebiete von Charkow, Sumy und Odessa erobern wird, falls Selenskyj zu keinen territorialen Zugeständnissen bereit sein wird.

„Die Ukrainer und ihre Verbündeten müssen sich nun fragen, was ein weiteres Kriegsjahr bringen wird und zu welchem ​​Preis es geschieht“, schreibt Desch und empfiehlt der Ukraine die Niederlage hinzunehmen und ein „Friedensabkommen“ zu unterschreiben. Selbst die „Annahme eines schlechten Friedensabkommens würde Kiew zumindest die Chance auf eine bessere Zukunft eröffnen. Eine Ablehnung würde hingegen einen kostspieligen und verlustreichen Krieg nur verlängern“, resümiert Desch am Schluss seiner Veröffentlichung.

Das Problem ist nur, dass das Kiewer Regime nicht der Herr des Verfahrens ist und sein Anführer Selenskyj nicht im Wohle der Ukraine, sondern im Auftrag seiner transatlantischen Finanziers und Waffenlieferanten agiert, die nicht an einer Beendigung, sondern ganz im Gegenteil an einer Fortsetzung des Krieges bis zum „letzten Ukrainer“ interessiert sind. Der Krieg wird darum auf dem Schlachtfeld und nicht am Verhandlungstisch entschieden.

Anmerkungen

1. William L. LangerGeorge F. Kennan and Arthur Schlesinger: Hamilton Fish Armstrong 1893-1973, Foreign Affairs, July 1, 1973.
2. Vgl. Silnizki, M., Geoökonomie der Transformation in Russland. Gajdar und die Folgen. Berlin 2020, 38 f.
3. Ruehl, L., Machtpolitik und Friedensstrategie. Einführung General Steinhoff. Hamburg 1974, 177 f.
4. Vgl. Silnizki, M., Die militärische Revolution. Der Ukrainekrieg aus Sicht eines russischen Militärexperten,
18. Februar 2024, www.ontopraxiologie.de; des., Vom Stellungskrieg zum Zermürbungskrieg. Walerij Saluznyjs Kriegsanalyse. 5. Oktober 2025, www.ontopraxiologie.de.

Nach oben scrollen