Verlag OntoPrax Berlin

Der Antirebell

Joschka Fischer und der Irankrieg

Übersicht

1. „Vom dezidierten Nato-Verächter zum überzeugten Transatlantiker“
2. Ein Gespenst geht um im Nahen Osten – das Gespenst der nuklearen Bedrohung

Anmerkungen

„Счастье всего мира не стоит одной слезы на щеке невинного ребёнка.“
(Das Glück der ganzen Welt ist nicht eine einzige Träne auf der Wange eines
unschuldigen Kindes wert.)
(Dostojewski, Die Brüder Karamasow)

1. „Vom dezidierten Nato-Verächter zum überzeugten Transatlantiker“

„Donald Trump ist ein Symbol für den Niedergang Amerikas“. Mit dieser Schlagzeile kündigte das Handelsblatt auf der Titelseite seiner Wochenendausgabe vom 6./8. März 2026 das „Interview mit Ex-Außenminister Fischer über die Risiken des Iran-Krieges, den Zustand Amerikas und die Einsamkeit Europas“ an. Auf der ganzen Titelseite wird der greise Joschka Fischer (geb. 1948) mit nachdenklichem Gesicht, geschlossenen Augen und mit der linken Hand über das Brillengestell abgebildet.

Das ganze Bild sollte wohl einen weisen Mann suggerieren, der etwas Bedeutendes und Zukunftweisendes zu sagen hat. Man hätte ihn beinahe mit Helmut Schmidt verwechseln können.

Dem „Rebell“ (Handelsblatts Diktum) wurden vier große Interview-Seiten eingeräumt. Viel Ehre wurde einem pensionierten Ex-Sponti zuteil. Mit Bewunderung und Ehrerbietung berichteten die Handelsblatt-Interviewer, Sebastian Matthes und Jens Münchrath, über den unbelehrbaren Opportunisten, der sich „vom kompromisslosen Revoluzzer zum geachteten Vertreter des Establishments, vom radikalen Systemgegner zum angefeindeten Realo, schließlich vom kapitalismuskritischen Überzeugungstäter und dezidierten Nato-Verächter zum überzeugten Transatlantiker“ verwandelte.

Kurzum: An die Macht gelangt, verwandelte Fischer sich rasch vom „Rebell“ zu einem Antirebellen. Solange man vor den bewachten Pforten der Macht steht, ist man machtlos; überschreitet man die Schwelle zur Macht, wird man schnell von ihr ergriffen und will sie nicht mehr loswerden. „Power tends to corrupt, and absolute power corrupts absolutely“ (Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut), merkte der britische Historiker, Lord Acton (1834–1902), einst an.

Fischer hatte zwar keine „absolute Macht“, falls er als Außenminister überhaupt jemals (reale) Macht hatte. Ihm reichte aber schon in der Nähe der Macht zu sein, um von deren Rausch infiziert zu werden.

Gefragt nach dem „Phänomen Trump“, dem manche „mit Begriffen wie Faschismus beizukommen (versuchen)“ und Fischer „Oligarchie“ nannte, wies der „überzeugte Transatlantiker“ voller Stolz auf „meine allzu früh verstorbene Freundin Madeleine Albright“ hin, die „darüber ein ganzes Buch geschrieben (hat)“.

Sag mir, wer deine Freundin ist, und ich sage dir, wer du bist! Die berühmt-berüchtigte Madeleine Albright (1937-2022) war „ein Gründungsmitglied des Washingtoner Establishments“, unterstützte Clintons Nato-Expansionspolitik und trieb eine Militarisierung der US-Außenpolitik höchstpersönlich voran.

So verkündete sie in einem Interview in der NBC-Sendung „The Today Show“ im Februar 1998 unumwunden und mit der Hingabe einer zur einzig wahren Gewaltreligion Bekehrten: „Wenn wir Gewalt anwenden müssen, dann weil wir Amerika sind; wir sind die unverzichtbare Nation. Wir stehen aufrecht und blicken weiter in die Zukunft als andere Nationen.“1

Am 12. Mai 1996 gab Albright, die damals als US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen (UN) tätig war, der CBS-Korrespondentin, Lesley Stahl, ein berühmtes Interview in der CBS-Sendung „60 Minutes“. Stahl sprach die verheerenden Folgen der UN-Sanktionen gegen den Irak nach dem Golfkrieg an und fügte hinzu: „Wir haben gehört, dass eine halbe Million Kinder gestorben sind. Ich meine, das sind mehr Kinder, als in Hiroshima starben. … Ist es den Preis wert?“.

Albrights Antwort war verstörend: „Ich glaube, das ist eine sehr schwere Entscheidung, aber der Preis, denken wir, der Preis ist es wert“ (I think this is a very hard choice, but the price—we think the price is worth). Was für einen Kontrast zu dem oben zitierten Spruch von Dostojewski. Sag mir, wer deine Freundin ist, und ich sage dir, wes Geistes Kind du bist!

„Nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen. Deswegen bin ich in die Grüne Partei gegangen“ (Auszug aus der Joschka Fischer-Rede auf dem Parteitag am 13.05.1999). Damit rechtfertigte der vom „dezidierten Nato-Verächter zum überzeugten Transatlantiker“ mutierte Antirebell, der als Außenminister (Amtsantritt: 27. Oktober 1998) gerademal begann, das süße Gift der Macht zu genießen, die Entscheidung der Bundesregierung, die unter einem gewaltigen Druck der Clinton-Administration und allen voran der US-Außenministerin, Madeline Albright, stand, in den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg (Beginn des Nato-Luftkrieges: 24. März 1999) zu ziehen.

Bereits kurz nach dem Beginn des Kosovo-Krieges behauptete der Bundeskanzler Gerhard Schröder: „Wir haben eine Entscheidung getroffen, die nach unserer Auffassung ohne Alternative war“ (Der Spiegel 15 (1999), S. 32). Und Fischer pflichtete dem Kanzler nach dem Kriegsende bei: „Es gab nie wirklich eine Alternative, selbst für die nicht, die diesen Krieg heftig kritisiert haben“ (Der Spiegel 25 (1999), S. 34).

Aus dem „Nato-Verächter“ wurde der Nato-Krieger, der bis heute seiner „allzu früh verstorbenen Freundin Madeleine Albright“ nachtrauert. Und nun „rebelliert“ der Transatlantiker Fischer nicht etwa gegen den Krieg im Iran, sondern gegen den von der ganzen transatlantischen Welt verhassten Donald Trump.

„Donald Trump ist ein Symbol für den Niedergang Amerikas“, beklagt sich der Antirebell Fischer. Gefragt danach, ob es „richtig (war), den Krieg zu beginnen“, antwortet er mit Jain und will sich nicht festlegen.

Einerseits äußert er indirekt Verständnis für den Angriffskrieg der USA und Israels. Denn solange „dieses Regime an der Macht bleibt, ist weder die nukleare Bedrohung noch die existenzielle Bedrohung für Israel weg. Im Gegenteil: Wenn das Regime die Militärintervention überlebt, wird es seine nuklearen Anstrengungen intensivieren. … ein Regime, das die eigene Bevölkerung zu Zehntausenden massakriert und auf der Straße exekutiert, hat sein Existenzrecht verwirkt.“

Andererseits distanziert er sich auf das Nachhaken eines der Interviewer, ob es „richtig (war), diesen Krieg zu beginnen“, mit einer nichtssagenden Äußerung: „Es war vor allem deswegen nicht richtig, weil die USA keinen Plan für danach haben.“ Das war´s! Völkerrecht? Welches Völkerrecht? Aggression? Welche Aggression? Die Völkerrechtsbrecher und Aggressoren sind immer die anderen: Russen, Chinesen, Iraner, Nordkoreaner usw.

Es geht dem Antirebell nicht um irgendein Völkerrecht, sondern allein um die Planlosigkeit des Angriffskrieges. Hätte dieser „Chaot“ Trump „nur“ einen „Plan für danach“, hätte der „vom dezidierten Nato-Verächter zum überzeugten Transatlantiker“ mutierte Antirebell, zu dem er seit dem Kosovo-Krieg 1999 wurde, kein Problem mit Trumps und Netanjahus Angriffskrieg gegen den Iran. Warum auch?

2. Ein Gespenst geht um im Nahen Osten – das Gespenst der nuklearen Bedrohung

Ein Gespenst geht um im Nahen Osten – das Gespenst der nuklearen Bedrohung. Im Schatten des Krieges in der Ukraine breitet es sich gerüchteweise unaufhaltsam aus. Zuletzt hat unser Antirebell es im Iran gesichtet, der bereits den ganzen Nahen Osten in Brand gesteckt haben soll.

Fischer ist ein Überzeugungstäter. Nichts hat er seit dem Kosovo-Krieg gelernt. Er wiederholt die gleichen Denk- und Rechtfertigungsmuster, die er bereits zurzeit des Kosovo-Krieges 1999 praktizierte: Eine Verharmlosung und Umetikettierung eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges zu einer „humanitären Intervention“ (1999) oder – wie er es im Interview 2026 nennt – „Militärintervention“.

Man hat noch nicht vergessen, wie das Fischer/Trittin-Gespann 1999 die Beteiligung der Grünen am Angriffskrieg gegen die Volksrepublik Jugoslawien mit der Verhinderung des „Völkermords“ rechtfertigte.

Dass der Kosovo-Krieg zur Bekämpfung „schwerster Menschenrechtsverletzungen“ oder gar zur Vermeidung des „Völkermords“ diente, war Kriegspropaganda der rot-grünen Bundesregierung, die eine Zustimmung der bundesdeutschen Bevölkerung zum ersten Kriegseinsatz der Bundeswehr seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges herbeiführen sollte. Die umfangreichen Forschungsergebnisse haben diese Strategie der Volksverdummung längst widerlegt2.

Schlimmer noch: Statt Sicherheit und Verteidigung der Menschenrechte erzeugte der Kosovo-Krieg Tod und Vernichtung, Verelendung der einheimischen Bevölkerung und Zerstörung der elementaren Lebensgrundlagen des Landes. Nichts hat sich seitdem geändert. Heute wiederholt der Antirebell die gleichen propagandistischen Denkmuster wie zurzeit des Kosovo-Krieges, die zu einer verhängnisvollen Entmenschlichung des Feindes führt.

Fischer bedient sich – bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt – den verfälschten Behauptungen und der allerorts tobenden antiiranischen Kriegspropaganda, um seine nur scheinbare „Nichtpositionierung“ zum Irankrieg zu rechtfertigen. Letztendlich missbraucht der Antirebell die Angst vor einer „nuklearen“ und „existenziellen Bedrohung für Israel“, um auf subtile Weise Trumps und Netanjahus Aggression gutzuheißen.

Die nukleare Bedrohung Israels durch den Iran ist ein Gespenst, das allein in den Köpfen derer existiert, die stets nach Feindbildern Ausschau halten, um die eigene Aggression zu rechtfertigen. Und nun wird es missbraucht, um den Angriffskrieg Israels und der USA zu legitimieren. „Dass Israel niemals eine iranische Atombombe zulassen wird, ist völlig legitim. Und das sieht auch die US-Regierung so“, behauptet Fischer. Und weil das „völlig legitim“ sei, dürfe man den Iran bombardieren, suggeriert der Antirebell.

Folgt man dieser Kriegslogik, dann wäre es für den Iran ebenfalls „völlig legitim“, Israel jede Legitimation des Besitzes der Nuklearwaffen abzustreiten. Aber selbst wenn man von dieser unergiebigen Legitimationsdiskussion absieht, ist die Behauptung abwegig, dass Israel vom Iran nuklear bedroht werde.

Bereits am 21. April 1984 schrieb die israelische Zeitung Maariv: Der Iran befinde sich in den „letzten Phasen“ der Entwicklung von Atomwaffen. Und Netanjahu warnte schon 1992 vor der Knesset öffentlich davor, dass der Iran nur noch wenige Jahre von der Entwicklung einer Atombombe entfernt sei, wohingegen Teheran seit den 1980er-Jahren stets bestritten hat, dass es militärische Zwecke bei seinem Atomprogramm verfolgt, und immer behauptete, dass das Atomprogramm ausschließlich friedlichen Zwecken diene.

Es sind mittlerweile mehr als vierzig Jahre seit Maarivs Warnung vor einer atomaren Bedrohung Israels durch den Iran vergangen und solche „glaubwürdigen Zeugen“ wie Joschka Fischer können mit ihrer Nuklearpropaganda immer noch nicht sein lassen, die Weltöffentlichkeit in die Irre zu führen.

Und will man einem ehem. britischen Diplomaten, Alastair Crooke, Glauben schenken, dann soll Netanjahu selbst eingeräumt haben, dass es bei seinem „Präventivschlag“ in erster Linie nicht um die nukleare Bedrohung des Irans geht. Das hat Crooke in einem Interview mit Chris Hedges vom 10. März 2026 behauptet (siehe „Hedges Report: Imperial Overreach“).

Beim Gipfeltreffen zwischen Netanjahu und Trump in Mar-a-Lago am 28./29. Dezember 2025 sagte Netanjahu laut Crookes Bericht: „Hören Sie, die Atomfrage ist nicht das Problem. Ich werde Ihnen nicht erzählen, dass sie in einem Monat eine Atomwaffe haben werden. Nein, was ich Ihnen sagen werde, ist, dass Sie die Prioritäten ändern müssen. Die oberste Priorität ist das iranische Raketensystem. Wir müssen es zerstören, denn das System wird immer ausgefeilter.“

Es gehe nicht nur darum, dass sie es nach dem Junikrieg 2025 ersetzt haben. Sie haben in der Zwischenzeit auch ein völlig neues Verteidigungsparadigma geschaffen, das mehrere Ebenen umfasst. „Und ich sage Ihnen: Wenn wir das Raketensystem nicht zerstören, selbst wenn der Iran Atomwaffen besäße oder wir wüssten, dass er Atomwaffen entwickeln würde, könnten wir nichts darüber erfahren, weil wir nicht in der Lage wären, diesen Schutzschirm zu durchdringen“.

„Also, das müssen Sie tun.“ Trump soll daraufhin zugestimmt und grünes Licht für einen Angriff auf den Iran gegeben haben, berichtete Crooke. Sollte die Story stimmen, dann erweist sich die Nuklearpropaganda als nichts weiter als ein Ablenkungsmanöver zwecks Erreichung ganz anderer Ziele3.

Die Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet dieser israelisch-amerikanische Angriffskrieg den Iran tatsächlich dazu verleiten kann, Nuklearwaffen anschaffen zu wollen. Quos Deus perdere vult, prius dementat (Wen Gott bestraffen will, dem raubt er zuvor den Verstand).

Anmerkungen

1. Zitiert nach Silnizki, M., „The Washington Blob“ und der Ukrainekonflikt. Zwischen Euphorie und
Ernüchterung, 19. September 2023, www.ontopraxiologie.de.
2. Näheres dazu Silnizki, M., Ist „das Zeitalter des humanitären Interventionismus“ zu Ende?
Stellungnahme zu Jürgen Trittins These. 13. September 2021, www.ontopraxiologie.de.
3. Näheres dazu Silnizki, M., Geopolitische Machtspiele. Im Spannungsfeld zwischen dem Iran- und
Ukrainekrieg. 9. März 2026, www.ontopraxiologie.de (erschienen auch im Overton Magazin am 10. März 2026).

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