Verlag OntoPrax Berlin

Geopolitische Machtspiele

Im Spannungsfeld zwischen dem Iran- und Ukrainekrieg

Übersicht

1. Trumps „Grand Strategy“ versus Chinas Wirtschaftsinteressen
2. Strategische Partnerschaft zwischen Russland und Iran
3. Die inszenierten Verhandlungen und die Folgen

Anmerkungen

Ein chinesischer Gelehrter hat einmal gesagt: „Es ist leicht für China, die Zivilisation des
Westens zu übernehmen, aber es ist sehr schwer, ihre Barbarei zu meistern“, worunter er
„die militärische Seite der europäischen Kultur, ihren kriegerischen Geist“ verstand1.

1. Trumps „Grand Strategy“ versus Chinas Wirtschaftsinteressen

In seinem 2008 erschienenen Film „W. – Ein missverstandenes Leben“, der das Leben von George W. Bush porträtierte, drehte Oliver Stone die „Why Iraq?“-Szene (Kriegsplanung). Eine zentrale Szene des Filmes dramatisierte eine Besprechung im Weißen Haus, in der Bush mit seinem Kabinett (Cheney, Rumsfeld, Powell und Rice) den Einmarsch im Irak diskutierte. Während Powell skeptisch war, trieben Cheney, Rumsfeld und Rice die Agenda voran.

In der Szene wird angedeutet, dass Cheney den Iran als den eigentlichen „ultimativen Preis“ betrachtete und den Irak lediglich als notwendigen Zwischenschritt sah, um die Region umzugestalten.

Achtzehn Jahre später will Donald Trump nun in die „glorreiche“ US-Kriegsgeschichte eingehen, der diesen „ultimativen Preis“ für die „unentbehrliche Nation“ (indispensable nation) ein für alle Mal gewinnen will. Mit Trumps Entscheidung für den Angriffskrieg gegen den Iran hat die seit Jahren schwelende Großmächterivalität neben dem seit dem 24. Februar 2022 tobenden Ukrainekrieg ihren zweiten Krisenherd.

Die von den USA und Israel am 28. Februar 2026 überfallene Islamische Republik ist massivem Bombenhagel ausgesetzt und erlebt schon jetzt schwerste Verheerungen und Zerstörungen des Landes. Der stattfindende Angriffskrieg gegen den Iran hat geoökonomisch und geopolitisch viel weitergehende Folgen als der Krieg in der Ukraine.

Im Gegensatz zum Ukrainekrieg, in dem Russland begrenzte Machtmittel einsetzt und begrenzte Kriegsziele verfolgt, zeigt der Irankrieg, wenn man das gewaltige Ausmaß des eingesetzten Kriegsmaterials, die Intensität des Bombardements und die wahllosen Bombardierungen ansieht, bereits nach wenigen Tagen die Züge eines totalen Vernichtungsfeldzuges.

Der Iran erleidet mittlerweile immense Schäden. In der ersten Angriffswelle trafen die Angreifer die Führungsriege und eine Mädchengrundschule in Minab, in der 168 kleine Mädchen getötet wurden2, und bombardieren weiter das Land ohne Rücksicht auf Verluste3.

Wie der australische Journalist, Peter Cronau, schreibt: „Zuerst eine Mädchenschule, dann das Gebäude des Roten Halbmonds, dann zwei Krankenhäuser – jetzt eine Turnhalle, in der Teenager-Mädchen Basketball spielten. Es sieht immer weniger nach Kriegsunfällen aus, sondern eher nach einer gezielten Politik“4 der verbrannten Erde.

Trump und Netanjahu wollen offenbar den Sieg so schnell wie möglich davontragen und einen langandauernden Erschöpfungskrieg um jeden Preis vermeiden. Der Iran tut ihnen diesen Gefallen nicht und wehrt sich hartnäckig und nicht ohne Erfolg gegen diese Aggression.

Bei alledem darf der ausgebrochene Irankrieg nicht allein als ein regionaler Konflikt angesehen werden. Die Schließung der Straße von Hormus zeigt bereits die weltwirtschaftlichen Folgen des Konflikts. Und im Hintergrund tobt ein Krieg zwischen den Großmächten, der sich direkt und unmittelbar gegen die geoökonomischen und geopolitischen Interessen Russlands und Chinas richtet und das Zeug hat, den Ukrainekrieg in ihrer geostrategischen Dimension zu übertreffen.

Es wird immer deutlicher, dass der Irankrieg ein Teil von Trumps „Grand Strategy“ ist und sich in erster Linie gegen China richtet5. Der Spiritus Rector dieser „Grand Strategy“ ist Elbridge Colby, der bereits von 2017 bis 2018 in der ersten Trump-Administration als US-Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik (U.S. Under Secretary of Defense for Policy) tätig war. Unter seiner Leitung wurde 2018 die National Defense Strategy (NDS) entworfen, in deren Mittelpunkt Chinas Aufstieg und die damit verbundenen „Gefahren für die nationalen Sicherheit der USA“ stand.

Seit Trumps Rückkehr an die Macht im Januar 2025 hat Colby seinen alten Job zurückbekommen. In seiner am 20. September 2020 erschienenen Schrift über die Rolle der Verbündeten in der US-Militärstrategie mit dem Titel „Hearing on the Role of Allies and Partners in U.S. Military Strategy and Operations“ schreibt Colby: Verbündete seien für die Grand Strategy in Anbetracht einer immer schärfer werdenden Konfrontation mit China von zentraler Bedeutung. Die USA können nicht mehr allein agieren, da sie mittlerweile nicht so mächtig sind wie früher. China hat bereits eine größere Wirtschaftskraft nach Kaufkraftparität und könnte in den kommenden Jahrzehnten ökonomisch über die USA hinauswachsen.

Diese 2020 niedergeschriebenen Überlegungen sind bereits heute geoökonomische Realität. Die USA stehen vor einer Vielzahl von Bedrohungen, insbesondere durch China und Russland, die eine strategische Antwort erfordern, beteuert Colby. China strebe nach einer regionalen Hegemonie in Asien, wohingegen Russland eine Bedrohung für die Nato darstelle, insbesondere in Osteuropa.

Die US-Verteidigungsstrategie müsse sich an den veränderten globalen Machtverhältnissen orientieren und Prioritäten setzen. Die NDS 2018 priorisiere darum China als Hauptkonkurrenten und lege den Fokus auf Asien. Die USA sollten zwar Partnerschaften in Südostasien, Südasien und im Indopazifik ausbauen und Länder wie Indien, Vietnam und Indonesien dazu motivieren, gegen die chinesische Hegemonie vorzugehen.

Und nun setzt Colby heute diese geoökonomisch fundierte Strategie gegen China konsequent um. Da die Trump-Administration aber die nukleare Großmacht China militärisch nicht direkt angreifen kann, versucht sie den geopolitischen Rivalen auf den Nebenkriegsschauplätzen zu bekämpfen.

Der erste Kriegsschauplatz konnten wir im Januar d. J. in Venezuela erleben. Trumps Venezuela-Abenteuer war, wie wir heute seit der Iran-Invasion feststellen können, nicht einfach ein Krisenherd neben vielen anderen, sondern die Probe aufs Exempel, die dazu dienen sollte, den globalen Raum geoökonomisch bzw. energiepolitisch nicht zuletzt zu Lasten Chinas neu zu ordnen.

„Die USA handeln aus einem ganz klaren geoökonomischen Kalkül. Vor dem Hintergrund der immer enger werdenden militärischen, ökonomischen und politischen Beziehungen zwischen Russland, China und Venezuela fühlten sich die USA in ihren eigenen Hinterhof an den Rand gedrängt und sahen ihren Einfluss schwinden.“6

Im Vordergrund ging es um die größten Ölvorräte der Welt, die bekannt sind, im Hintergrund aber um mehr als das, nämlich um eine energiestrategische Neuordnung des globalen Raumes und, damit eng verbunden, um die Aufrechterhaltung und Sicherung der dollarbasierten Weltwirtschaftsordnung.7

Venezuela verkaufte sein Öl an China mit Abschlag von 15 % und der Ölhandel lief, was noch wichtiger war, nicht auf Dollar-, sondern auf Juan-Basis. Das Petrodollar-System wurde im Handel zwischen Venezuela, China und Russland kurzerhand außer Kraft gesetzt, was natürlich nicht im geopolitischen Interesse der USA liegt.

„Wie sehr die Trump-Administration den chinesischen Wirtschaftsinteressen in Venezuela geschadet haben sollten, ist allerdings noch nicht ganz klar. Folgt man aber der „Donroe“-Doktrin, die die rivalisierenden Großmächte Russland und China aus Venezuela ganz raushaben will, dann muss mit weiteren Spannungen gerechnet werden, die sich auch weit weg von der Karibik entladen könnten“, prognostizierte ich am 8. Januar 20268.

Mit dem Kriegsausbruch im Iran ist diese Prognose leider schneller eingetreten, als ich es erwartet habe. China bezieht rund 13,4 % seines per Schiff transportierten Öls aus dem Iran und rund 57 % des gesamten per Tanker gelieferten Öls aus den Golfstaaten, was bedeutet, dass anhaltende Unterbrechungen auch chinesische Unternehmen treffen könnten.

Mehr noch: Ende März 2021 unterzeichneten China und Iran ein Abkommen über Investitionen im Austausch für Öllieferungen im Wert von 400 Milliarden Dollar. Laut dem Abkommen verpflichtete sich Peking, über 25 Jahre 400 Milliarden US-Dollar in die iranische Wirtschaft zu investieren. Die Summe entspricht in etwa dem iranischen BIP. Im Gegenzug garantiert Teheran seinen chinesischen Partnern stabile Öllieferungen, vermutlich zu deutlich reduzierten Preisen.

China hat mit anderen Worten massivste Wirtschaftsinteressen im Iran, die von Trumps Irankrieg gefährdet sind. Um sich gegen Versorgungsunterbrechungen abzusichern, hat China zwar strategische Ölreserven für schätzungsweise 115 Tage angelegt. Trumps Amerika wird aber alles unternehmen, um Chinas Wirtschaft von der gesamten per Tanker gelieferten Ölversorgung abzuschneiden und seine Wirtschaftskraft zu schwächen.

Nach dem Motto: „Teile und herrsche“ versucht Trump zudem einen Zwist unter den BRICS-Mitgliedern zu schüren und die BRICS-Strukturen zu zerschlagen, in denen China eine führende Rolle hat. Sollten die BRICS zerschlagen werden, wird auch die US-Währung als die Weltleitwährung gestärkt, weil sich dann das Aufkommen einer konkurrierenden BRICS-Währung erübrigen wird.

Wir wissen nicht genau, ob China den Iran zusammen mit Russland im Hintergrund auch militärisch unterstützt, auch wenn vieles dafürspricht. Dies verleitet deswegen manche Zeitungskommentatoren wie den China-Korrespondenten des Handelsblatts, Martin Benninghoff, daran zu glauben, dass der „US-Angriff auf Iran … schonungslos offen(legt), wo Chinas Einfluss an seine Grenzen stößt“.

Benninghoff geht gar soweit seinen Kommentar mit dem marktschreierischen Titel „Xis Götterdämmerung“ zu versehen. Sobald „ein Partner wie der Iran oder Venezuela – im wahrsten Sinne des Wortes – unter US-Beschuss gerät, wirkt China blank und handlungsunfähig“, glaubt Benninghoff zu wissen9. Diese Diagnose ist, gelinde gesagt, noch verfrüht. Erst der Kriegsausgang wird uns zeigen, wer handlungsfähig oder -unfähig war.

Alles in Allem sind weitere Nebenkriegsschauplätze nicht auszuschließen, um im geoökonomischen Druck auf China nicht nachzulassen. Die energie- und währungspolitische Konfrontation zwischen China und Trumps Amerika wird an Intensität eher zu- als abnehmen und Trump wird alles tun, um Chinas geoökonomischen Aufstieg auszubremsen. Die Thukydides-Falle (Thucydides Trap) lässt grüßen!

2. Strategische Partnerschaft zwischen Russland und Iran

In einem NBC-Interview lehnte der iranische Außenminister Abbas Araqchi am 5. März 2026 alle weiteren Verhandlungen mit den USA kategorisch ab. Gefragt danach, ob Russland den Iran im Krieg aktiv unterstützt, sagte Arakichi: „Sie haben uns immer geholfen.“

„Heißt das ja?“, fragte der Interviewer nach, worauf Araqchi antwortete: „Ich werde mitten im Krieg keine Details preisgeben.“ Diese Antwort lässt nur einen Schluss zu: Russland ist kein bloßer Zuschauer, sondern im Konflikt mit von der Partie und reagiert im Verborgenen mit einer Retourkutsche auf die vier Jahre andauernde US-Unterstützung der Ukraine.

Man kann die Kriege in der Ukraine und im Iran kaum mehr voneinander trennen. Nur die Rollen haben sich vertauscht. Jetzt unterstützen Russland und China im Verborgenen das angegriffene Land. Der iranische Botschafter in Russland, Kazem Jalali, betonte am 6. März 2026, dass Teheran auf die Unterstützung seiner Partner im Konflikt zählen kann.

Auf die Frage nach der russischen Hilfe erklärte der Botschafter, Moskau verfolge eine ausgewogene und konstruktive Position im Nahen Osten. Die russischen und iranischen Staatschefs pflegen regelmäßige Kontakte auf höchster Ebene, telefonieren miteinander und tauschen Botschaften über ihre Botschafter aus.

Laut Georgy Asatryan (stellvertretender Direktor des Instituts für Weltmilitärökonomie und -strategie an der Moskauer Higher School of Economics) verpflichtet das zwischen Russland und dem Iran geschlossene umfassende strategische Partnerschaftsabkommen Russland nicht zu einer Intervention in dem Konflikt.

„Im Falle eines Angriffs auf eine der Parteien verpflichtet sich der andere Staat, sich nicht an dieser Aggression zu beteiligen. Das heißt, wenn jemand Russland angreift oder, wie es derzeit mit dem Iran geschieht, verpflichten sich die Vertragsparteien, sich nicht auf Seiten des Feindes an dem Konflikt zu beteiligen“, sagte Asatryan in einem Interview.

Für Russland bestehen mit anderen Worten keine direkten militärischen Verpflichtungen gegenüber dem Iran. Im Falle eines Konflikts zwischen dem Staat und einem Drittstaat sieht das Abkommen allein den Austausch von Geheimdienstinformationen, diplomatische Unterstützung auf internationaler Ebene und die Entwicklung militärtechnischer Zusammenarbeit vor, was offenbar auch geschieht.

Im Januar 2025 unterzeichneten Putin und Pezeshkian im Kreml den Vertrag über eine umfassende strategische Partnerschaft zwischen den beiden Ländern. Ziel des Dokuments war es, die russisch-iranischen Beziehungen auf eine qualitativ neue Ebene zu heben und Moskaus und Teherans Status als strategische Partner zu festigen. Der Vertrag enthielt zudem einen rechtlichen Rahmen für den weiteren Ausbau und die Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen den Parteien auf lange Sicht.

Und wenn manche Zeitungsjournalisten wie C. Volkery und M. Benninghoff ihren gemeinsamen Artikel mit dem werbeträchtigen Titel „Der ohnmächtige Präsident“ versehen, weil die „US-Angriffe auf Teheran“ angeblich „zeigen, dass der Kreml seine Verbündeten nicht schützen kann“10, dann sprechen solche unqualifizierten Äußerungen nicht gerade für Qualitätsjournalismus.

Moskau ist laut dem Vertrag über eine strategische Partnerschaft nicht verpflichtet, Truppen in das iranische Kriegsgebiet zu entsenden. Das bedeutet aber nicht, dass Russland dem Iran keine anderweitige militärische Hilfe leisten will. Russland werde nach den Worten des Duma-Abgeordneten, Andrei Kolesnik, Teheran weiterhin unterstützen, da die russische Sicherheit auf dem Spiel stehe. Und er betonte, dass Russland die Zerstörung Teherans nicht zulassen könne und nicht zulassen werde.

Kolesnik erinnerte zudem daran, dass russische S-300-Flugabwehrraketensysteme bereits auf iranischem Territorium stationiert sind, und schloss dabei nicht aus, dass künftig modernere Waffensysteme in den Iran verlegt werden könnten.

Im Iran steht für Russland geopolitisch viel auf dem Spiel und es will alles tun, damit der Iran diesen Krieg nicht verliert. Wie die Europäer alles tun, damit die Ukraine den Krieg nicht verliert, wird auch Russland alles in seiner Macht Stehende tun, um den Iran allein schon aus geostrategischen Eigeninteressen zu unterstützen. Denn wenn der Iran zusammenbricht, verliert es einen wichtigen Verbündeten im Nahen Osten.

Der Iran muss seinerseits, um diesen Krieg zu bestehen, „nur“ eines tun: militärisch überleben! Sollte er sein politisches System sowie die Einheit und Ganzheit des Landes aufrechterhalten können, hat er den Krieg gewonnen und wird auch die Friedensbedingungen diktieren können.

Der Irankrieg kann sich indes auch auf Russlands Intervention in der Ukraine positiv auswirken. Er lenkt die USA von der Ukraine ab und entzieht dieser zugleich das erforderliche Kriegsmaterial, das die Trump-Administration selbst benötige. Je mehr die Patriot-Flugabwehrraketen im Iran verbraucht werden, desto weniger gehen sie in die Ukraine.

3. Die inszenierten Verhandlungen und die Folgen

Russland wusste, dass der Irankrieg vor der Tür steht. Es hat aber nichts unternommen, um Trump Kriegsabenteuer zu verhindern und die Lage zu deeskalieren. Warum? Um die USA in einen mit dem Vietnamkrieg vergleichbaren Kriegsschlamassel hineinziehen zu lassen?

Am 27. Februar 2026, also ein Tag vor dem Kriegsausbruch, fand eine Sitzung des russischen Sicherheitsrates (Russlands höchstes sicherheitspolitisches Gremium) statt und es ging, wie berichtet wurde, um die Fragen der inneren Sicherheit. Tatsächlich aber ging es um einen bevorstehenden Kriegsausbruch im Iran.

Nach dem Kriegsausbruch hat Lawrow sofort die USA und Israel wegen dem „unprovozierten Krieg“ scharf verurteilt. Man erinnert sich an den Hauptvorwurf der USA und EU an Moskaus Adresse: Der Krieg in der Ukraine sei „unprovoziert“. Das war sicherlich eine Retourkutsche! Der russische Sicherheitsrat hat sich nach dem Kriegsbeginn erneut versammelt; die Sitzung wurde per Videokonferenz abgehalten, wonach kein Kommuniqué veröffentlicht, sondern lediglich mitgeteilt wurde, dass es um den Krieg im Iran ging.

Es fand vermutlich auch eine Neubewertung der Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine vor dem Hintergrund des Kriegsausbruchs im Iran statt. Und der Grund dafür waren die US-Unterhändler bei den Friedensverhandlungen – Steve Witkoff und Jared Kushner. Sie sind für die russische Seite seit dem Kriegsausbruch im Iran unglaubwürdig geworden. Der Kreml glaubt Washington kein Wort mehr.

Die Verhandlungen zwischen dem Iran und Witkoff/Kushner haben gezeigt, dass die US-Verhandler auf Zeit gespielt, die ganze Zeit eine Hinhaltetaktik betrieben und den Eindruck der Ernsthaftigkeit der Verhandlungen erweckt haben, um den Iran zu desinformieren und in die Irre zu führen. Und die inszenierte Verhandlung hat sich am 28. Februar 2026 mit einem Überraschungsangriff und der anschließenden Tötung des geistlichen Führers der Islamischen Republik „bezahlt“ gemacht.

Und was im Falle des Irans passierte, könnte genauso gut auch im Falle der Friedensverhandlungen mit der Ukraine passieren. Jetzt erweisen sich diese Verhandlungen als eine reine Inszenierung, glaubt der Kreml, um auf Zeit zu spielen, Russland zu beschwichtigen und dessen scharfe Reaktion beim Kriegsausbruch im Iran aufzufangen.

Dies erklärt auch, warum Trump kaum einen Druck auf Selenskyj ausübt, um die Verhandlungen zu beschleunigen, auch wenn er stets den Eindruck erweckt, dies zu tun. Die US-Unterhändler, Witkoff und Kushner, führen Verhandlungen zur Beilegung des Ukrainekonflikts, um auch Moskaus Reaktion beim Kriegsausbruch im Iran abzumildern bzw. einzudämmen, so der Verdacht der russischen Führung.

Die Verhandlungen um die Ukraine wurden mit anderen Worten inszeniert und die ganze Inszenierung war Trumps Täuschungsmanöver zwecks Eindämmung Russlands und Abfederung seiner scharfen Gegenreaktion.

Der „beste Dealmaker aller Zeiten“, wie Trumps Anhänger ihn nennen, hat in den Augen Putins seine Glaubwürdigkeit verspielt! Trumps Täuschungsmanöver zeigt aber gleichzeitig, dass die geopolitische Rivalität zwischen Russland und den USA voll intakt ist und dass Trump nicht im Traum daran denkt, sich mit Russland auszusöhnen.

Der sog. „Geist von Anchorage“ ist tot und in Kremls Machtzirkel findet momentan ein radikales Umdenken statt, das zur Neubewertung der Beziehungen zwischen Russland und Trumps Amerika führen wird. Diese Entwicklung hat aber auch unmittelbare Auswirkungen auf den Iran- und Ukrainekonflikt, die voneinander nicht mehr zu trennen sind. Es geht hinter den Kremlmauern nunmehr darum, wie die beiden Konflikte zu handhaben sind.

Und es gibt im Kreml vermutlich zwei Fraktionen, die gegensätzlicher nicht sein können. Die eine ist auf der Seite Irans, die andere auf der der Golfstaaten, denen der Krieg immense Schaden zufügt; die einen sind für die Fortsetzung der Verhandlungen mit den USA, die anderen sind strickt dagegen und sehen darin eine Zeitverschwendung.

Auch die BRICS-Strukturen bleiben vom Irankrieg nicht verschont, da der Iran neuerdings auch ein BRICS-Mitglied ist, wobei die BRICS-Staaten unterschiedlich davon betroffen werden. Russland profitiert nicht zuletzt wegen des steigenden Ölpreises vom Irankrieg, wohingegen Indien, das sich auf die Seite Israels geschlagen hat, genau umgekehrt zum Kriegsverlierer geworden ist.

Als erster indischer Premierminister hielt Narendra Modi am 25. Februar 2026, also drei Tage vor dem Kriegsbeginn im Iran, eine historische Rede vor der israelischen Knesset, in der er die enge Freundschaft, strategische Partnerschaft und gemeinsame Werte zwischen beiden Demokratien betonte. „Indien steht fest an der Seite Israels“, verkündete Modi.

Und nun muss Modi seinen Worten Taten folgen lassen. Oder nicht? Indien muss jedenfalls für das russische Öl, das es zuvor mit Preisabschlag bekam, viel höhere Preise bezahlen. Netanjahu sei Dank!

Diese Veränderung der geoökonomischen Großwetterlage hat eine direkte Auswirkung auf den Ukrainekrieg, dessen Weiterführung vor allem für Europa unerschwinglich wird. Es wird zudem kolportiert, dass die Einschränkungen der Kriegsführung, die Putin seinen Streitkräften in der Ukraine auferlegt hat, als Reaktion auf den US-Angriffskrieg im Iran aufgehoben wurden.

Je brutaler der Irankrieg von der Trump-Administration und Israelis geführt wird, umso mehr ist Putin bereit, den Ukrainekrieg zu eskalieren, was unausweichlich auch Folgen für Europa haben wird. Dass die russische Führung der Trump-Administration kein Wort mehr glaubt, zeigt eine Äußerung von Putins Pressesprecher, Dmitrij Peskow, vom 2. März 2026: „Wir schätzen die US-Vermittlungsbemühungen weiterhin sehr, vertrauen aber in erster Linie nur uns selbst und wir werden selbst unsere eigenen Interessen verteidigen. Und das wird uns auch in Zukunft leiten.“ Wer wie Peskow es nötig hat, sich selbst ein Vertrauen auszusprechen, hat ein Problem.

Der „Geist von Anchorage“ sei tot und unsere Geo- und Sicherheitspolitik werde nicht auf Vertrauen zu Trumps Amerika aufgebaut, will Peskow offenbar nicht nur der Trump-Administration, sondern auch der russischen Gesellschaft mitteilen, in der es rumort.

Vor allen die sog. patriotischen Teile der russischen Gesellschaft und die den russischen Kommunisten nahestehenden Sowjetnostalgiker misstrauen seit Jahren Putins viel zu defensiver Kriegsführung. Sie unterstellen ihm von der „fünften Kolonne“ gesteuert zu sein. Das ist in der Tat ein schwerwiegender Vorwurf, der nicht so einfach aus der Welt zu schaffen ist.

Wie auch immer, der Irankrieg hat vieles durcheinandergewirbelt; die geopolitischen Karten werden darum neu gemischt und in dieser neuen Gemengelage wird sich herausstellen, wer Freund und wer Feind ist, wer Mitläufer und wer Überzeugungstäter ist und wer Gewinner und wer Verlierer des Krieges sein wird.

Wenn der Iran in der Lage sein wird, alle Angriffe der USA und Israels abzuwehren und als Islamische Republik zu überleben, so wird er aus diesem blutigen Konflikt geo- und militärstrategisch gestärkt herausgehen und sein Abschreckungspotential erhöhen.

Sollte Israel das Gefühl haben, den Krieg verloren zu haben, so ist nicht auszuschließen, dass es Nuklearwaffen einsetzt.

Was Trumps Amerika betrifft, so ist es schon jetzt ins schwere Fahrwasser geraten und muss aufpassen, nicht gänzlich sein Gesicht zu verlieren.

Was nun China angeht, so bleibt es, wie immer, im Ungefähren und muss erst noch den Nachweis erbringen, in Krisensituationen ernstgenommen zu werden.

Und Putin? Er bleibt, wie immer, defensiv, abwartend und vorsichtig, muss aber als Kriegsherr den Krieg in der Ukraine zu Ende führen und sehen, dass er nicht in den Strudel des Irankrieges hineingezogen wird.

Die geopolitischen Machtspiele gehen weiter und der Ausgang ist offen!

Anmerkungen

1. Zitiert nach Trautman, O. P., Die Sängerbrücke. Stuttgart 1941, 133.
2. Näheres dazu Silnizki, M., Krieg ohne Regeln. Der Nahe Osten steht im Flammen. 4. März 2026,
www.ontopraxiologie.de (erschienen auch im Overton Magazin am 4. März 2026).
3. Näheres dazu „Iran War March 3rd: Apostates Burning, Hezbollah Returning, Tables Turning“,
https://indi.ca/iran-war-march-3rd/
4. Zitiert nach „Iran War March 3rd“ (wie Anm. 2).
5. Näheres dazu Silnizki, M., Trumps „Grand Strategy“. Im Kriegsschatten der Großmächte, 25. Oktober 2025, www.ontopraxiologie.de.
6. Silnizki, M., Venezuela als Zankapfel der Großmächte. Im Wettstreit der geoökonomischen Machtinteressen
8. Januar 2026 (erschienen auch im Overton Magazin am 8. Januar 2026).
7. Näheres dazu Silnizki (wie Anm. 6).
8. Silnizki (wie Anm. 6).
9. Benninghoff, M., Xis Götterdämmerung. Handelsblatt, 6./8. März 2026, S. 26.
10. Volkery, C./ Benninghoff, M, Der ohnmächtige Präsident, Handelsblatt, 3. März 2026.

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